Abbas Kiarostami: In Begleitung des Windes

Kiarostami-In Begleitung des Windes

Wenn ich es recht bedenke
Verstehe ich nicht
Warum die Hände derer mit leeren Händen
Verhornt sind

 

 

 

EIDOLA / Kleine Bildchen

*

„Es schneit / Aus einer schwarzen Wolke / Schneeweiß.“ – – „Die Tagesküken / Machten sich bekannt / Mit dem ersten Frühlingsregen.“ – – „Hundert gehorsame Soldaten / Begeben sich in den Schlafsaal / Zu Beginn einer mondhellen Nacht // Ungehorsame Träume.“ – – „Das Weiß der Taube / Verliert sich in den weißen Wolken. // Verschneiter Tag.“ – – „Im Spiel des Kindes mit der Großmutter / Ist wer verliert / Immer die Großmutter.“ – –

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Undefinierbares Land, das alle diese in drei, höchstens vier Zeilen aufblitzenden kurzen Gedichtbilder sehen lassen. Und doch lassen sie, wie nur je Augenblicksgedichte, ein Land sehen – etwas wie das Land „Land“–, ein gerade in der gleich wieder verschwundenen Kleinheit der Bilder sich auftuendes, ein grenzenloses. Und ebenso ist es eine undefinierbare Zeit, in der diese kleinen Bilder spielen – und gerade solch unbestimmbare Zeit ist es auch, die die Bildchen überhaupt zum Spielen, in den flüchtigen Drei- und Vierschritt der Verse, des Rhythmus bringt. (Bestimmbar sind höchstens die Jahreszeiten; doch auch da ergibt sich kein eindeutiger Verlauf, und der scheinbare Frühling-Sommer-Herbst-Winter-Kreis trügt, der Kreis schließt sich mitnichten.) Nicht ganz abwegig freilich, wenn einem bei dem Land, an Hand der Gedichtformen – obwohl die dem Haiku eigenen Siebzehnsilben da und dort dem Abbas Kiarostami sicher ohne Absicht „unterlaufen“ sind –, Japan einfällt, und bei der Zeit das Jahrhundert des heimat- und ortlosen Wanderpoeten Bashō, „unser“ sechzehntes. In der Tat könnten Kiarostamis Gedichte als ein Mitreden, eine Art Sekundieren zu Bashōs einstiger poetischer Reisechronik in das „Hinterland“ gelesen werden, und das nicht nur wegen der immer wiederkehrenden Schnee- und Schneiensbilder. Auch Kiarostami evoziert eine einsame Reise. Nur ist, anders als bei Bashō, die Strecke, die dabei zurückgelegt wird, keine mit gleichwelchem gebräuchlichen Raum- und Zeitmaß auslotbare; es fehlen auch alle bei dem alten Japaner die Gedichte vorbereitenden und weiterführenden Ortsbeschreibungen, Datumsangaben, Zwischenerzählungen und Chroniken in Prosa. Und trotzdem erscheinen der Wanderer nordwärts durch Nippon und der eher auf der Stelle und im Kreis sich bewegende Kiarostamische dann als ein und derselbe, mit dem Augenblick in dem sehr lange ohne Person, ohne ein Ich, ohne persönliches Auge dahinziehenden Bilderreigen, da unversehens doch ein klares „Ich“ mittut oder mitleidet, das von diesem Augenblick an während der ganzen Bild-für-Bild-Reise, selbst wenn es immer wieder unsichtbar-subjektlos wird, Subjekt, Auge, Autor bleibt. Solches Dazutreten des „Ich“ geschieht zwar spät, fast schon im letzten Drittel der Reise, wirkt dann aber um so nachdrücklicher – verstärkt auch das Vertrauen des Lesers in die Reise. „Wenn ich es recht bedenke / Verstehe ich nicht / Warum die Hände derer mit leeren Händen / Verhornt sind.“ – – „Wenn der Vollmond aufgeht / Im Osten / Steigt mein Liebesgefühl / Ein wenig.“ – – „Meine Schuhe werden naß / Im Durchwandern / Des Kleefelds.“ Und so treffen der japanische Wanderer aus dem 16. Jahrhundert und der so ganz anders aufgebrochene iranische Wanderer aus dem 20./21. – „seinem“, gerechnet von des Propheten Flucht nach Medina, ungefähr auch 16. Jahrhundert – gegen Ende ihrer beider Wanderschaften doch zusammen, in dem abgewandelten Sinne jenes Bashō-Zweizeilers: „Hauslos zwischen Himmel und Erde: / Zwei Wanderer.“

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Ungleich größer noch zeigt sich dem ersten Lese-Augenschein der Abstand oder Unterschied dieser zyklischen, eher noch spiralisierenden Gedichtgespinste zu jenen der Vorwanderer-Vorgänger im eigenen Land, dem Iran, oder Persien. Und trotzdem ist die Erbschaft Gebilde für Gebilde zu spüren, und dieser Spur zu folgen kann das Lesen noch fruchtbarer machen. Solch ein Ahnherr muß ja nicht der alte (für uns Deutschsprachige) Goethesche Hafis sein – obwohl er genauso in Betracht kommt wie die hier, als zwei unter herzerfrischend vielen, so kurz wie ehrerbietig zum Vergleich gestreiften beiden anderen: Omar Khayyam, etwa kurz nach der ersten Jahrtausendwende, und, vielleicht ein gutes Jahrhundert später, Dschalal Ud-Din Rumi. Nichts, gar nichts von dem Philosophieren, in der Nachfolge der alten Griechen, vor allem Platons, in den Vierzeilern Omar Khayyams scheint zunächst auf die Poesie Kiarostamis übergegangen zu sein, weder die Auflehnung gegen den Himmel über uns Eintagsgeschöpfen noch die Sehnsucht nach der Konstruktion einer neuen Welt („Hätte ich, wie die Vorsehung, die Gewalt über den Himmel, / Ich hätte diesen vernichtet. / Und ich hätte eine neue Welt erbaut / In welcher der freie Mensch seine Sehnsüchte verwirklichte nach seinem Belieben“). – Und auch nichts mehr übrig scheint bei Abbas Kiarostami von des Meisters (Mawlana) Dschalal Ud-Din (= etwa „Groß-im-Glauben“) Rumi religiöser Inbrunst, welche, im 235 Gedicht, der Gazele (dem „Umspinnen“, „Werben“), als einer aus dem begeistert-ergriffenen (zugleich auch erheiterten) Atemrhythmus aufsteigenden Anbetung, in jedem noch so kleinen Anblick ein göttliches Anwesendsein und Wirken feiert und hochleben läßt, in dem Sinne des „… Er war nicht auf dem Kreuz … / Er war nicht auf den Gipfeln, und nicht im Tal / … Ich suchte weiter bis hin zur Kaaba. / Er war nicht an dem Ort … / Ich reiste bis zur Stelle der Zwei Bogenschußlängen … / Erfand sich dort nicht. / Ich vertiefte den Blick in mein eigenes Herz: / Und da, da sah ich Ihn …“ – Und doch, und doch: Vertieft der Leser den Blick ins Herz der Gedichte Kiarostamis und zugleich ins eigene Herz, so kann ihm nicht verborgen bleiben, wie, und daß auch der ewigkeitsungläubige Omar Khayyam und der heutige Augenblicksfesthalter, daß auch der erste aller tanzenden Derwische, der Mawlana Rumi, und der jeweils nach dem ersten, spätestens vierten Schritt wieder von der Tanzfläche Abtretende der Gedichte hier paarweise Wanderer sind. Was bei Khayyam und, versteht sich, bei Hafis, der „Wein“ (in der Regel ganz irdisch, ohne Hintersinn) ist, das ist bei Abbas Kiarostami zum Beispiel der „Wind“, das ist zum Beispiel „das Mondlicht“, das ist zum Beispiel der „Regen“, und in gleicher Weise der „Tau“, ein „Apfel“, ein „angespitzter Bleistift“, ein „verwaistes Gleis“. Und was bei Rumi jener verstorbene Freund ist, in dem er das Göttliche als das Allernächste erfuhr, das wird bei Kiarostami, allerdings als fern-fernes Echo, angestreift etwa in dem „Der Mond / Leuchtet auf nassem Buchsbaum / Einen Augenblick nach dem Regen“, in dem „Der Fata Morgana auf der Spur / Erreichte ich Wasser / Ohne Durst“, in dem „Weinen überfällt mich unerbittlich / Wenn für Weinen / Nicht Raum ist“, in dem „Nicht Ost / Nicht West / Nicht Nord / Nicht Süd / Hier wo ich stehe“ (da ist die Parallelspur zu Rumi fast deutlich?), in dem „Die Kleeblätter halten / Versteckt in sich / Den Tau der Morgenfrühe“, in dem „Mitten in der schwarzgewandeten Trauergemeinde / Starrt das Kind / Auf die Kakipflaume“, in dem „Am Grab des Heiligen / Dachte ich an tausend Dinge. / Als ich heraustrat / Lag Schnee“, und zuletzt in dem „Vergebt mir meine Sünden / Und vergeßt sie / Aber nicht so / Daß ich sie restlos vergesse“ … Fernes, gar leises Echo? Umso ferner und leiser so ein Echo, umso vernehmlicher? Umso mehr aufhorchen lassend? Umso mehr magnetisierend? Und so wie Kiarostamis Gazelenbruchstücke als ein fast erstarrtes – insofern zeitgenössisches, heutiges? – Wiederholen der weit ausschwingenden Gazelen Rumis gelesen-erlebt werden können, als ein zeitgemäßes, nicht bloß iranisches, Umspinnen und Werben, so zeigen sie sich auch andererseits klar als die Nachbilder, nebelhafte, im Erscheinen schon verblassende, zu den noch philosophisch auftrumpfenden seinerzeitigen Welt-Bildern des Omar Khayyam? Was bei diesem „der Sarg des Nichts“, in den „wir fallen“, ist bei unserem Zeitgenossen der „Schlüssel“ geworden, der „Lautlos / Vom Hals einer Bäuerin im Reisfeld (fällt)“? Und Khayyam wie Kiarostami aber gleichermaßen Erben der antiken Griechen, was deren so bescheidenen wie grundlegenden Glauben – in dem Philosophie und Religion zusammentreffen – an die Bilder angeht, an die zwischen dem Herzen der Dinge und dem des sie Erblickenden hin– und herfunkenden Augenblicks-Bildchen, die von unseren hellenischen Vorfahren mit zärtlichem Staunen eidola genannten, die Verkleinerungs- oder eben Zärtlichkeitsform von eidon, Bild. Glaube? Glaube und Wissen in einem.

*

Die Frage jetzt: Wie dieses Gedichtbuch, mit nichts als eidola, nichts als „Bilderlein“, lesen? Es in einem durchlesen? Nach einem jeden eidolon mit dem Lesen aufhören, innehalten, um sich und/oder in sich schauen? Oder jeweils nach ein paar, nach mehreren dieser Erd- wie Luftaufnahmen? Erst am nächsten Tag weiterlesen, am übernächsten? Nach Sommeranfang? Nach Herbstende? Und nun kommt auch hier ein Ich ins Spiel: Ich, ich weiß es nicht. Ich habe nicht herausbekommen, in welchem Rhythmus, mit welchen Pausen die Haiku-Gazelen Kiarostamis zu lesen wären. Oder vielleicht doch, einmal: als ich an einem sonnigen windigen Frühlingstag mit der ganzen Sammlung, noch nicht dem fertigen (übersetzten) Buch, sondern dem Packen der losen einzelnen Blätter im Garten saß und über eine Leseordnung nachsann. Unversehens kam da ein heftiger Windstoß, und obwohl der Gedichte-Stapel mit einem Stein beschwert war, stoben im Nu sämtliche Blätter weg vom Tisch, in den hintersten Winkel des Gartens. Beim Zusammensuchen der Seiten waren diese dann im heillosen Durcheinander – das aber, als ich dabei unwillkürlich wieder ins Lesen kam, gar nicht so heillos war. Das windverwehte Durcheinander bescherte eine Lesemöglichkeit, nicht die einzige gewiß, jedoch eine diesem Buch jedenfalls nicht widersprechende. (Was nicht etwa heißen soll, daß ein anderer Leser es in einzelne Blätter zerschneidet und dem Wind aussetzt. Oder doch?)

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Im letzten Frühjahr oder Winter sah ich einen Kurzfilm von Abbas Kiarostami, gedreht in einer einzigen Einstellung – so kommt es mir jetzt vor –, die vielleicht zwanzig Minuten dauerte, am Ufer des Kaspischen Meers, hoch im Norden Irans. Zu sehen waren allein die ziemlich sanft anrollenden Wellen, in diesen dann ein Holzstück, vom Meer einmal angeschwemmt an den Ufersand, dann wieder weggetragen ins Wasser, undsoweiter, und sofort. Nach einer so langen wie kurzen Zeit brach das Stück Holz – „unversehens“ – auseinander, und nun waren es zwei Hölzchen, die miteinander schaukelten. Und am Ende trieb eins davon weg, auf die Hohe See hinaus. Und das war der ganze Film.

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„Der schwarze Rabe / Beäugt sich verwundert / In der verschneiten Steppe.“ – – „Prasseln des Hagels / Auf das winzige Spatzenei …“ – – „Der kleine Apfel / Kreiselt / Im Gewirbel des kleinen Wasserfalls.“ – – „Der Blinde / Fragt das Schulkind / Nach der Uhrzeit.“ – – „Die zerbrochene Trinkflasche / Randvoll / Mit Frühlingsregen.“ – – „Seit Jahren / Irre ich umher / Wie ein Strohhalm / Zwischen den Jahreszeiten.“ (Du auch?) – – „Stets unvollendet / Bleiben meine Gespräche mit mir selbst.“ (Deine auch?) – – „Meine Schuhe werden naß / Im Durchwandern / des Kleefelds.“ (Meine auch.) – – „Eine schwangere Frau / Weint lautlos / Im Bett eines schlafenden Mannes“ …

*

Das kurze – aber nicht kleine – Gedicht Nicolas Borns „Im Zug Patras-Athen“ endet mit der Zeile: „Kleine Liedchen, summt.“ – – Kleine Bildchen, fliegt …

Peter Handke, Frühling 2004/1382, Nachwort

 

In Begleitung des Windes
Bin ich gekommen
Am ersten Sommertag
Der Wind wird mich mit sich tragen
Am letzten Herbsttag

Der iranische Filmregisseur Abbas Kiarostami fotografiert auch und malt – und schreibt Gedichte, was ihm selbst am allerwichtigsten ist. Diese erste Sammlung, Hamrah ba bad, erschien 1999 in Teheran und wurde bislang ins Englische, Französische und Italienische übersetzt. Sie besteht aus 221 kurzen, schwebend leichten und lakonisch kräftigen Gedichten.
„Undefinierbares Land, das alle diese in drei, höchstens vier Zeilen aufblitzenden kurzen Gedichtbilder sehen lassen. Und doch lassen sie, wie nur je Augenblicksgedichte, ein Land sehen – etwas wie das Land ›Land‹ –, ein gerade in der gleich wieder verschwundenen Kleinheit der Bilder sich auftuendes, ein grenzenloses“, schreibt Peter Handke in seinem Nachwort „EIDOLA / Kleine Bildchen“.

Suhrkamp Verlag, Klappentext 2004

 

Ein Unvollendeter

Bin ich gekommen
Am ersten Sommertag
Der Wind wird mich mit sich tragen
Am letzten Herbsttag

Dieses Gedicht ist dem Gedichtband In Begleitung des Windes von Abbas Kiarostami entnommen, dem weltweit bekannten und geschätzten iranischen Filmemacher, der mit Filmen wie Der Wind wird uns tragen überzeugende Alternativen zum Hollywoodfilm entwickelt und Bilder schafft, die sich dem Bewusstsein und Gedächtnis der Zuschauer einschreiben. Obwohl er sich zuallererst mit Lyrik beschäftigte und Zeit seines Lebens Gedichte schrieb, hat er sich mit deren Veröffentlichung Jahrzehnte Zeit gelassen und davor unermüdlich einen Film nach dem anderen gedreht, kontinuierlich fotografiert und gleichsam zur Erholung gemalt. Erst um die Jahrtausendwende ließ sich der 1940 in Teheran geborene Abbas Kiarostami in Tokio zu einer Veröffentlichung seiner Gedichte breit schlagen.

Ich war irgendwann an einer Universität in Tokio zu Gast und sollte mich ins Gästebuch eintragen, und da schrieb ich eins meiner Gedichte hinein. Als ich gefragt wurde, von wem dieses Gedicht wäre, entgegnete ich von Basho. Mein Begleiter meinte daraufhin, von Basho könnte das Gedicht unmöglich sein, da er all seine Gedichte kennen würde. Als ich gestand, dass ich es geschrieben hätte, meinte er, falls ich noch mehr Gedichte hätte, sollte ich sie doch veröffentlichen. Ich habe in Gedichten verstreute, vereinzelte Bilder in Worte gefasst, ehe ich Filme gedreht, Fotos gemacht habe. Erst später habe ich zur Form, zu dieser äußersten sprachlichen Reduktion gefunden.

Dass die Anregung zur Veröffentlichung seiner Gedichte gerade in Japan erfolgte, ist kein Zufall und ist Kiarostamis ästhetischen Vorlieben für poetische Kurzformen wie das Haiku zuzuschreiben; ganz bestimmt jedoch seiner Wahrnehmung des Augenblicks, dessen Flüchtigkeit und Rätselhaftigkeit er so konzis und konzentriert zu evozieren vermag, dass die Lektüre seiner Gedichte unversehens zu einer Schule der Wahrnehmung wird. Das rückt ihn in die Nähe des Zen-Buddhismus; seine Dichtung steht allerdings auch, wie Peter Handke im Nachwort konstatiert, in der Tradition der klassischen persischen Dichtung eines Hafis, Omar Chajjam und Rumis Vierzeilern.
Abbas Kiarostami selbst sieht sich als Teil einer Strömung zeitgenössischer Dichter, die nach neuen lyrischen Ausdrucksformen sucht; die – und dies machte er in einer langen Tirade gegen den Roman deutlich – das langatmige Erzählen à la Tausendundeine Nacht längst der Vergangenheit zurechnen und mit minimalistischen Ausdrucksformen spielen und experimentieren. Insgesamt 221 Drei – und Vierzeiler hat Abbas Kiarostami in dem Gedichtband In Begleitung des Windes ohne ein klar erkennbares Ordnungsprinzip aneinandergereiht. Gleich zu Anfang versetzt er uns in Erstaunen mit folgendem Vierzeiler:

Ein weißes Fohlen
tritt aus dem Nebel
Und entschwindet
im Nebel

Im Lauf der Lektüre lernen wir, Kiarostamis Kunst, Konträres konzis auf den Punkt zu bringen zu bewundern, sein raffiniertes Spiel mit Licht und Schatten zu schätzen – als Beispiel führe ich die folgenden Dreizeiler an:

Mein Schatten
begleitet mich
in mondheller Nacht.

Oder:

Der Glühwurm
spendet der mondlosen Nacht
freigiebig Licht.

Wieder andere Verse bestechen durch ihre Schönheit und Lebensweisheit.

Hundert stämmige Bäume
Brachen im Wind
Einer kleinen Pflanze gingen
Zwei Blätter nur
Verloren im Wind

Und immer wieder der Wind, der wie kein anderes Element das Symbol seiner kreativen Unruhe ist und seiner Suche nach adäquaten Ausdrucksmöglichkeiten, das heißt einer aussagekräftigen Bildsprache.

Zu jedem Wort, das in diesen Gedichten vorkommt, fällt mir eine Erinnerung ein, das gilt auch für den Wind. Er kommt nicht nur oft in meinen Gedichten und Filmen vor, sondern eben so oft in der persischen Lyrik. Mit dem Wind verbindet man in der persischen Lyrik ganz besondere Umstände wie Verunsicherung oder gar Umsturz und eine qualitative und quantitative Veränderung. Dafür steht der Wind. In diesem Gedichtband sowie in meinen Filmen steht er als Symbol für unsere innere Aufruhr. Wenn wir Zweifel haben, wenn wir Unruhe verspüren, können wir in unseren Ohren den Wind vernehmen. Meines Erachtens ist der Wind eine der spezifischen Ausdrucksformen für Unordnung und Unruhe und steht für die Unwägbarkeiten des Lebens, denen man schutzlos ausgeliefert ist.

Abbas Kiarostami hat diese Unruhe in seinen Filmen und Gedichten zu Bildern verdichtet, dabei radikal alles Überflüssige eliminiert und so den Blick auf das ihm Wesentliche freigegeben, ohne Bevormundung oder Belehrung. Er lässt uns teilnehmen an seiner unermüdlichen Suche, seinen Zweifeln und seiner Selbsterkenntnis: „Stets unvollendet/ bleiben meine Gespräche/ mit mir selbst“ heißt es in einem seiner Gedichte. Über seine Filmarbeiten bemerkt er:

Wir suchen nach der Wahrheit des Lebens. Das Leben ist eine Reise in die Tiefe des Weltalls. Es gibt kein festes Ziel; es liegt immer hinter den Bergen.

Und ist man bei Abbas Kiarostami versucht zu sagen, in der kompromisslosen Konzentration auf eine Bildwelt voller Rätsel und Geheimnisse.

Wenn der Vollmond aufgeht
Im Osten
Steigt
Mein Liebesgefühl
Ein wenig

Über Five, Abbas Kiarostamis, letzten Film, schreibt Peter Handke im Nachwort zu In Begleitung des Windes:

Im letzten Frühjahr oder Winter sah ich einen Kurzfilm von Abbas Kiarostami, gedreht in einer einzigen Einstellung – so kommt es mir jetzt vor –, die vielleicht zwanzig Minuten dauerte, am Ufer des Kaspischen Meeres, hoch im Norden Irans. Zu sehen waren allein die ziemlich sanft anrollenden Wellen, in diesen dann ein Holzstück, vom Meer einmal angeschwemmt an den Ufersand, dann wieder weggetragen ins Wasser, und so weiter, und sofort. Nach einer so langen wie kurzen Zeit brach das Stück Holz – „unversehens“ – auseinander, und nun waren es zwei Hölzchen, die miteinander Schaukelten. Und am Ende trieb eins davon weg, auf die Hohe See hinaus. Und das war der ganze Film.

Margrit Klingler-Clavijo, Deutschlandfunk, 27.10.2004

Schläft ein Film in allen Dingen

Zweihunderteinundzwanzig Gedichte von drei oder vier, allenfalls sechs oft ganz kurzen Zeilen, reimlos, in freien Rhythmen. Gelegentlich tritt das lyrische Ich hervor und konstatiert seine Einsamkeit. Das ist dann etwas sentimental. Manchmal gibt es Vergleiche, Reflexionen, Sentenzen. Doch meist werden nur sichtbare, auch hörbare einfache Geschehnisse festgehalten. Schnee fällt, eine Wolke zieht vor den Mond, ein Hund heult in der Ferne, eine Schlange kreuzt die Straße, eine Spinne webt ihr Netz zwischen Kirsch- und Maulbeerbaum. Es kommen durchaus auch Bergarbeiter und Eisenbahnschienen, schwangere Frauen und spielende Kinder vor. Aber im Grunde geht es um den Wechsel des Wetters, der Jahreszeiten, um das Leben und Sterben der Pflanzen und Tiere. Es sind Eindrücke, die ein ganz Auge und Ohr gewordener Beobachter von Ausflügen aufs Land nach Hause bringt.
Anders gesagt: Die Gedichte von Abbas Kiarostami versprachlichen mit zu Zeilen aufgebrochenen Aussagesätzen Tonbilder von Bewegungen. Tatsächlich kommen einige Motive von Kiarostamis Gedichten auch in seinen Photographien vor, die Krähe im Schneefeld etwa. Und sein jüngster Film Five gibt in fünf festen Einstellungen – ein alter Baumstamm bricht im Meer auseinander, Enten watscheln am Strand hin und her, der Mond spiegelt sich in nächtlich stillem Wasser – sozusagen fünf Gedichtverfilmungen. Das kann man als Kritik wenden. Hat eine Lyrik, deren einzige sprachliche Tugend darin besteht, sich als Sprache unsichtbar zu machen, nicht nur einen Drehbuchcharakter? Weder die Klanggestalt noch der Anspielungsreichtum der Worte spielen eine Rolle. Und wo die Beobachtung, wie die persische Tradition es verlangt, allegorisch überhöht wird, gereicht das den Gedichten sofort zum Schaden. Der vom Erdbeben zerstörte Ameisenhaufen – ist das überhaupt möglich? – oder die Forelle, die mit dem Bach schwimmt, ohne zu wissen, wo er hinführt, lassen über der Direktheit des Sinns gleich abwinken.
Offensichtlich sind diese Gedichte von jemandem geschrieben, dessen künstlerische Heimat nicht die Sprache ist. Das ist problematisch, weil der Sinn für das, was nicht geht, in jedem Medium neu entwickelt werden muß. Für den Film erklärt Kiarostami, daß tiefsinnige Sätze nur von ganz einfachen Leuten geäußert werden dürfen. Diese Brechung fehlt, wenn im Gedicht geradezu gefragt wird, warum wir den Tod eigentlich so fürchten. Überhaupt handelt Kiarostami in den Filmen nicht weniger als in den Gedichten recht durchsichtig von seinem eigenen Leben. Aber in den Filmen wird in Rollen objektiviert, mit Gegenentwürfen kontrastiert, was uns als direktes Bekenntnis etwas klebrig und am Ende banal auf den Leib rückt.
Trotzdem ist die Kritik, es handle sich nur um Freizeitspiele eines bedeutenden Regisseurs, ganz ungerecht. Kiarostami stellt sich ja als Regisseur deutlich in die Tradition der persischen  Lyrik. Die Filmtitel Wo ist das Haus meines Freundes? und Der Wind wird uns tragen zitieren Gedichtzeilen von Sohrab Sepehri und Farugh Farrukhzad. Doch was bei den beiden bekanntesten modernen persischen Dichtern bedeutungsüberschwer erscheint, wird bei ihm zur ganz einfachen Geschichte. Kiarostami erneuert die persische Mystik aus dem Geist des Films, und das bringen seine Gedichte, zumindest diejenigen, die elementare Geschehnisse festhalten, in die Lyrik zurück.
Dieser Zusammenhang mag forciert wirken. Während Kiarostamis Gedichte sich dem ewig Wiederkehrenden in der Natur zuwenden, verlassen in Ten die Kamera nicht das Auto und das Auto nicht Teheran. Aber es geht doch darum, wie wir damit umzugehen lernen, daß Menschen, die wir lieben, sich nicht immer unseren Wünschen fügen, daß Glückliches zu Ende geht. Ebendarum geht es in der Mystik – um die Einübung in die richtige Haltung gegenüber dem Doppelcharakter des Augenblicks, Geschenk und vergänglich zu sein. Der Film freilich verändert seinerseits die Mystik. Große Worte machen sich in ihm nicht so gut. Er zwingt dazu, die Begriffe ganz in Bild und Ton zu versenken. So bringen denn auch gerade die filmischen unter Kiarostamis Gedichten eine wirkliche Erneuerung der persischen Lyrik.
Ein Platanenblatt fällt leise und legt sich auf seinen Schatten. Zwei Tageswerke der Spinne hat der Besen der Haushälterin zerstört. Im Schrein dachte ich tausend Gedanken, und als ich herauskam, hatte es geschneit. Das sind ganz alltägliche Beobachtungen. Schläft ein Lied in allen Dingen. Die Aufgabe des Dichters besteht nicht darin, den Phänomenen möglichst viel Sinn zu extrahieren. Er will vielmehr in eine Haltung der Aufmerksamkeit einüben, in der wir selber anfangen, den Phänomenen nachzusinnen. Ist das immer wieder zerstörte Werk der Spinne nicht ein Bild der Eitelkeit alles Schaffens? Oder kann es uns umgekehrt zum Vorbild dienen, nicht auf das Schicksal unserer Werke zu achten? Ist es nicht seltsam, daß es so etwas wie Schnee überhaupt gibt? In einem wesentlichen Punkt sind die Gedichte dann eben doch sprachlich gedacht. Der Zeilensprung hemmt unser begriffsgelenktes Verstehen und lenkt unsere Aufmerksamkeit nach innen. Er ist das technische Äquivalent der langen Einstellungen im Film. Er macht aus den prosaischen Beobachtungen Bewegungsstilleben.
Die deutsche Übersetzung allerdings macht, anders als die französische, anders vor allem als die überaus gelungene amerikanische, den Effekt wieder zunichte. Über Einzelheiten kann man natürlich immer hadern. Daß von hundert Passanten nur einer „vor meinen Habseligkeiten“ stehenbleibt, ist nicht nur unnütz rührselig, sondern auch falsch, weil es um die Auslage, die auf dem Markt dargebotene Ware: die Kunstwerke geht. Das Ich läßt nicht ein ganzes Leben „für“, sondern in einem Augenblick zurück. Wenn „fünf schwangere Frauen in der Stille des Warteraums vor dem Feiertag“ sitzen, entsteht eine adventliche Stimmung, die im Original kaum gemeint war und die schon ein „Wartezimmer“ hilfreich ins Medizinische verschoben hätte. Dabei wurde das Generikum Feiertag vermutlich nur eingesetzt, um keine islamkundliche Erläuterung zum „Donnerstag nachmittag“ geben zu müssen. Aber warum dann nicht Freitag nachmittag? Und warum haben die Übersetzer keine Hemmungen, eine Vogelscheuche am Neujahrstag den Frühlingswinden auszusetzen?
Ärgerlicherweise lesen sich die Übersetzungen aber auch so, als ob da noch einmal ein Lektor mit dem Kunstgenerator rübergegangen wäre. Die Wortwahl wurde etwas von der Normalsprache weggeschoben, der Wortstellung ein Gefälle ins Jambische gegeben. Vor allem ist durch das Weglassen vieler Satzzeichen, vieler Pronomina und Artikel, durch Umstellungen eine Aura von Modernität entstanden. Das mag im einzelnen linguistisch zu rechtfertigen sein, poetisch ist es klar falsch. Während im Original innerhalb kunstloser Sätze der Zeilensprung die Aufmerksamkeit auf die unauffälligen Geschehnisse lenkt, ist er jetzt Teil einer artifiziellen Sprachgestalt, die gerade als Sprache Aufmerksamkeit verlangt. Das kann man freilich auch zum Beleg nehmen, wie unvertraut die Aufmerksamkeit für das einfache Sehen und Hören einfacher Geschehnisse ist – welche Kunst darin liegt.

Gustav Falke, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.1.2005

Der Geschmack der Kürze

Der persische Filmemacher Abbas Kiarostami bietet seine Lyrik in einem Verkaufsstand an. –

Romane sind beleidigend, wirklich menschenunwürdig, sie erklären uns das kleinste beschissene Detail, als ob wir zu dumm wären, es selbst zu begreifen.

Das sagt der bekannteste und erfolgreichste Regisseur aus dem Iran. Abbas Kiarostami, der in den achtziger Jahren die Kritiker im Westen mit seiner „Erdbeben-Trilogie“: Wo ist das Haus meines Freundes? (1988), Und das Leben geht weiter (1992) und Quer durch den Olivenhain (1994) begeistert hat. In letzterem läuft ein machohafter Mittelloser in Gestalt eines Laiendarstellers namens Hossain einem betuchten Mädchen in wunderschönen Landschaften eines abgelegenen Dorfes im Norden Irans auf allen Wegen hinterher und drängt sie, zu seinem Heiratsangebot „ja“ zu sagen. Der Grund, der im Film als „Liebeserklärung“ dargestellt wird, lautet:

Es ist gut für dich. Du hast keinen Beschützer! Du bist alleine. Ich kann für dich sorgen!

Hossain „belästigt“ nicht nur ständig das absolut desinteressierte Mädchen, er philosophiert auch zuweilen und spricht vor der Kamera „kluge Statements“ teilnahmslos aus, die ihm Kiarostami gewissermaßen in den Mund gelegt hat:

Wenn Reiche Reiche heiraten, und Analphabeten Analphabeten …, dann entsteht nichts daraus. Es ist besser, wenn sich die Gebildeten mit den Ungebildeten zusammentun, … damit sie sich gegenseitig unter die Arme greifen können.

Mit dieser naiv geschilderten Einstellung, gepaart mit einem unbedarft propagierten Sozialismus tauchen Hossain und sein Double Kiarostami – oder umgekehrt – wieder im Gedichtband des Regisseurs In Begleitung des Windes auf. Weil Kiarostami die Romane wegen ihrer Länge „unerträglich“ findet, – ein Roman sei wie ein Bollywoodfilm! – fasst er sich ganz kurz, ohne Punkt und Komma, ohne Anfang und Ende:

Das Lastpferd
Verlangsamt
Im Klee
Den Schritt

Der Totengräber
Unterbricht die Arbeit
Für einen Brocken
Brot und Käse

Gelbe Veilchen
Lila Veilchen
Beisammen
Und getrennt voneinander

Eine schwangere Frau
Weint lautlos
Im Bett eines schlafenden Mannes

Ein roter Apfel
Dreht sich in der Luft
Tausendmal
Und fällt
Einem ausgelassenen Kind in die Hände

Mit schlichten haikuartigen Sätzen, beschreibt Kiarostami Dinge aus dem Alltag, jedes „kleinste beschissene Detail, als ob wir zu dumm wären, es selbst“ wahrnehmen zu können. Er versucht dabei, diesen Bildern, durch „lyrische“ Masken eine übergroße Bedeutung zu verleihen. Leider mangelt es ihm vor allem an Einbildungskraft, Bilderreichtum und schillernder Kreativität. Keines der mehr als 200 Minigedichte in diesem Band, der 1999 in Teheran erschienen ist, entwickelt sich in eine Idee. Sie entsprechen weder der japanischen Form der Dichtung (Haiku), die aus 17 Silben besteht, noch sind sie originell. Das Bild etwa im Minigedicht „Der Wind wird mich/(uns) mit sich tragen“ stammt aus der Feder der berühmtesten iranischen Dichterin Forough Farokhzad, die übrigens in den fünfziger Jahren auch als Dokumentarfilmemacherin viele internationale Auszeichnungen erhielt. Sie integriert jedoch dieses Bild als eine bezaubernde Idee in einem langen Liebesgedicht mit demselben Namen.
Der Wind wird uns mit sich tragen ist auch der Titel des Films, der 1999 den Großen Preis der Jury in Venedig erhielt. 1997 bekam Kiarostami die Goldene Palme für den Film Der Geschmack der Kirsche in Cannes. Die Schlusssequenz dieses Filmes, die von fast allen Kritikern als meisterhaft bezeichnet wurde, drehte nicht der Regisseur Kiarostami, sondern sein Sohn: „Wir hatten das Ende auf 35 mm gedreht, aber es wurde im Labor zerstört. Wir haben das gesamte Material verloren. Wir konnten auch nicht nachdrehen, weil der Frühling vorbei war, die Blüten waren abgefallen, die Gräser waren vergilbt und wir wollten nicht auf den nächsten Frühling warten. Deshalb habe ich ganz einfach das Material von meinem Sohn genommen, der die Dreharbeiten mit einer Videokamera begleitet hatte“, so Kiarostami. Nach dieser „befreienden“ Erfahrung drehte er 2002 die Filme Ten und Five (2004) ebenso mit der Digitalkamera. In fast allen seinen Filmen stellt Kiarostami die Begegnung seiner Protagonisten, die normalerweise aus der Teheraner Mittelschicht stammen und gebildet sind, mit Menschen mit einem anderen sozialen Hintergrund dar und portraitiert die letztere Gruppe; wie etwa die Figuren der Regisseure in Quer durch den Olivenhain, Der Wind wird uns mit sich tragen und Und das Leben geht weiter, und nicht zuletzt die Fotografin in Ten. Sein eigener von außen kommender Blick bleibt aber immer transparent und zuweilen dominant.
Kiarostami beschäftigt sich neben dem Filmemachen und Fotografieren auch mit der Theater-Regie. 2003 inszenierte er zum ersten Mal ein vom Passions- und Märtyrerkult geprägtes Theaterstück, Taziye, in Rom. Taziye ist eine Art inszenierte Trauerfeier, bei der vor allem das „Massaker von Kerbela“ 680 dargestellt wird und die den Kristallisationspunkt der schiitischen Religiosität widerspiegelt. In diesem Jahr begaben sich Hossain, ein Enkel des Propheten Mohammed und Alis jüngerer Sohn, von Medina nach Kufa im heutigen Irak, um sich mit Hilfe der dortigen Anhänger seines Vaters die Nachfolge des Propheten zu erkämpfen. Bei diesem Massaker wird Hossain von Muslimen ermordet.
Von der Religiosität findet sich jedoch im Gedichtband In Begleitung des Windes keine Spur. Er ist eine Sammlung von immerzu wiederkehrenden Motiven, die schnörkellos kraftlose Haltungen oder seltsam verschwommene Momente widerspiegeln. In diesem Gedichtband ist Kiarostami ein „Dichter“ der Konzentration und des Konzentrats, des knappen Bildes und der erschütternden Nüchternheit. Er bleibt jedoch immer aufrichtig und der eher schwachen Nachfrage seiner künstlerischen Angebote ganz bewusst:

Von hundert Passanten einer
Bleibt stehen
Vor meinen Habseligkeiten.

Dieses Minigedicht könnte man als markantes Beispiel für einige andere Gedichte herauspicken, bei denen die Übersetzer dem Dichter Kiarostami „unter die Arme greifen“, in dem sie das persische Wort „Bassaat“ als Habseligkeiten übersetzen. Das Wort bedeutet jedoch schlicht und einfach und immer, besonders in diesem Kontext: Warenauslage, Verkaufsstand.

Fahimeh Farsaie, der Freitag, 16.9.2005

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Jan Wagner: Unter den großen Planeten
lyrikkritik.de

Shirin Kumm: Wie Aprilwetter
faustkultur.de

 

KIAROSTAMI

Die Schildkröte auf ihrem Panzer
geht in der Luft, auf allen vieren,
bis sie wieder im Staube steht,
der Käfer rollt seine Kugel
aus Schafkot, ein Sisyphos,
durch Dornen und Dreck,
der Film, ganz groß am Boden
die Spur, die er hinterlässt

Jan Volker Röhnert

 

Fakten und Vermutungen zum Autor
Nachrufe auf Abbas Kiarostami: FAZ ✝︎ SZ ✝︎ FR ✝︎ Welt ✝︎ Tagesspiegel ✝︎
Rolling Stone ✝︎ Standart

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