Alexander Block: Lyrik und Prosa

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Alexander Block: Lyrik und Prosa

Block-Lyrik und Prosa

AN SINAIDA HIPPIUS
(Bei Erhalt der „Letzten Gedichte“)

Stolze Frau, o Wahnwitz der Verrückten!
Ja, ich spüre Ihre Stiche gut,
Heißen Zorn der Zeilen, die Sie zückten,
Diese weiße frühlingshafte Wut!

All die Worte, spitzen Zeilenschlüsse,
All die Reime – mir ins Herz gerannt!
Den in Gift getauchten Dolch, ich küsse,
Küß den Stahl und blick ins Zukunftsland…

In der Ferne seh ich – Meere, Meere,
Nebelhaft die neue Welt, die glost!
Ihre Stimm, sie fehlt in unserm Heere,
Da der Sturm, der Stern aufheult und Tost!

Süßes Grauen, Forderung ohne Gnade,
Ich – in steiler Woge, die mich hebt…
Sie – grünäugig, singende Najade,
Die vorm schwarzen Felsen Irlands schwebt.

Über uns, der Woge, rot erstrahle
Unser Weltenbanner! – Dort der kahle
Felsen, den ein Abendroth belebt…

Übersetzung Adolf Endler

 

 

 

Alexander Block in unseren Tagen

Ja, als ich die erhabene Flamme der Liebe in mir trug, die aus den immer gleichen einfachen Elementen geschaffen war, aber einen neuen Inhalt, neuen Sinn erhalten hatte, weil die Träger dieser Liebe Ljubow Dmitrijewna und ich waren – „ungewöhnliche Menschen“; als ich jene Liebe in mir trug, von der man auch nach meinem Tode in meinen Büchern noch lesen wird, – liebte ich es, im armseligen Dorf elegant zu reiten auf einem schönen Pferd; liebte ich es, einen armen Bauern nach dem Weg zu fragen, welchen ich ohnedies wußte, um „vornehm zu tun“, oder ein hübsches Weiblein, daß wir einander flüchtig anblitzten mit den weißen Zähnen, daß es zuckte in der Brust ohne einen Grund, von nichts, außer etwa der Jugend, dem feuchten Nebel, ihrem sonnverbrannten Blick, meiner gestrafften Taille, – und das störte diese erhabene Liebe nicht im mindesten (war es so? Und wenn die späteren Abstürze und Wurmstiche von dort herrührten?), im Gegenteil – fachte die Jugend an, die pure Jugend, und mit der Jugend in eins loderte jene erhabene „andere“ Flamme auf…
Tagebuch 6. Januar 1919

I
Die europäische Unruhe der Jahrhundertwende gewann in Rußland ihre einzigartige Radikalität durch die Verlagerung des revolutionären Weltzentrums und die Vorboten der Revolution von 1905 bis 1907 und führte in allen Künsten zu neuen Entdeckungen. Der Realismus, den Maxim Gorki, Iwan Bunin und Leonid Andrejew schrieben, begann schon in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts die russische und die Weltliteratur unübersehbar zu beeinflussen. Zur gleichen Zeit traten Schriftsteller auf, die angesichts der veränderten Weltsituation diese Erneuerung des Realismus mit Skepsis beobachteten und andere Wege suchten – die russischen Symbolisten.
Der russische Symbolismus war eine Kunst der Synthesen. Die Veränderung, die er in der russischen Kultur bewirkte, ist auf die eigentliche kunstgeschichtliche Phase von 1895 bis 1910 nicht zu beschränken. Andrej Belys „Petersburg“ und Fjodor Sologubs „Der kleine Dämon“ oder Alexej Remisows ornamentale Geschichten in der Prosa, Alexander Block und Inokenti Annenski in der Lyrik, Wsewolod Meyerhold und Vera Kommissarshewskaja auf dem Theater, das russische Ballett, Michail Wrubel in der Malerei und Alexander Skrjabin in der Musik – sie alle verursachten Umwälzungen, ohne die die sowjetische Kunst undenkbar wäre und deren Tragweite bis heute erkundet wird.
Weit besser als diese Kunst der Synthesen kennen wir die Kunst der Analysen, jene 1910 einsetzende mächtige Leidenschaft des Zerlegens und Zerfällens, die selbst noch die ästhetischen Verfahren und Materialien zum Gegenstand ihres Entzückens machte. Die Unvermeidlichkeit dieses Sturms der Analyse, den die Visionäre der Zergliederung entfesselten – Welemir Chlebnikow, Wladimir Majakowski, Sergej Eisenstein, Sergej Tretjakow, Juri Tynjanow und Juri Olescha: jeder auf seine Art –, begreift man aber nicht, wenn man die Welt-Synthesen nicht kennt, die ihm vorausgingen. Die Analysen reagierten nämlich kraft neuer revolutionärer Erfahrungen und Funktionsideale kritisch auf die Welteinheit in den Synthesen der Symbolisten, und es ist kein Wunder, daß sich bei Block nach 1910 ein deutlicher Wandel im Synthese-Begriff vollzieht.
Die Anstrengungen der russischen Symbolisten richteten sich vor allem gegen ein simples Nacherzählen der Welt, das sich mit der Ausbreitung von echtem Milieu, von tatsächlichen Zuständen und Vorkommnissen begnügte. Diese Sicht entsprach freilich in keiner Weise der tatsächlichen Leistung der neuen Realisten, die den revolutionären Umbruch nicht nur sozialkritisch sichteten, sondern sozialpädagogisch förderten.
Die Symbolisten suchten nach einer Authentizität kosmischer Art: Der Text sollte im Zusammenstoß der Andeutungen, Analogien und Suggestionen den kosmischen Zusammenhang aller Erlebnisse des modernen Menschen herstellen. Ob aber das gewonnene Symbol des Zusammenhangs allein die Vorstellung des einzelnen Bewußtseins sei oder vielmehr Wiedergabe eines Objektiven, darüber ist es im Laufe der fünfzehn Jahre mehrfach zum Streit gekommen, denn von dieser Entscheidung hing sowohl die Kunstauffassung wie der Begriff der Welt-Synthese ab. Als die Dichter 1910 den Zustand des Symbolismus besprachen, prallten die beiden Auffassungen noch einmal scharf aufeinander. Valeri Brjussow verteidigte den Symbolismus als pure Kunst gegen Wjatscheslaw Iwanow und Alexander Block, die mit dem Symbolismus über die Kunst hinaus strebten – „andere Welten schauten“.
Es konnte so aussehen, als vertrete Brjussow hier die Autonomie der Kunst, während seine Gegner, wie er argwöhnte, sie der Religion unterwerfen wollten. Tatsächlich hat gerade Brjussow als Dichter, als Übersetzer, Redakteur und Organisator des Symbolismus für die Emanzipation der Kunst und die Aufnahme der zeitgenössischen westeuropäischen Künste, besonders des französischen Symbolismus, so viel getan, daß ihn Nikolai Gumiljow schon 1910 den Peter den Großen der russischen Kultur nennen durfte. Aber eigentlich ist es doch nicht darum gegangen. Das entscheidende Problem des Streits war das Verhältnis von Kunst und Dichterleben. War die Welt-Synthese Kunst oder Leben? Block 1910:

Ich stehe vor der Schöpfung meiner Kunst und weiß nicht, was ich tun soll. Anders gesagt: was ich mit diesen Welten tun soll, was ich auch mit dem eigenen Leben tun soll, das von nun an Kunst geworden ist, denn seine Schöpfung lebt neben mir – nicht lebendig, nicht tot, eine blaue Vision. Klar sehe ich das „Wetterleuchten zwischen den Brauen der Wolken“ des Bacchus („Eros“ von Wjatscheslaw Iwanow), klar unterscheide ich die Perlmutter der Flügel (Wrubel – „Der Dämon“, „Die Schwanenprinzessin“) oder höre das Rascheln der Seide („Die Unbekannte“). Doch all das ist Vision.
Bei dieser Lage der Dinge erheben sich die Fragen nach dem Fluch der Kunst, nach der „Rückkehr zum Leben“, nach dem „gesellschaftlichen Dienen“, nach der Kirche, nach „Volk und Intelligenz“. Das ist eine ganz und gar natürliche Erscheinung, die freilich dem Symbolismus innewohnt, denn es ist die Suche nach dem verlorenen goldenen Schwert, das das Chaos aufs neue durchbohrt, die tosenden violetten Welten ordnet und besänftigt.
Der Wert dieses Suchens liegt darin, daß es die Objektivität und Realität „jener Welten“ augenfällig macht; hier bestätigt sich, daß all die Welten, die wir besuchten, und all die Geschehnisse, die sich darin abspielten, keineswegs „unsere Vorstellungen“ sind, das heißt, daß die „These“ und die „Antithese“ bei weitem nicht nur von persönlicher Bedeutung sind.

Alexander Blocks Welt-Synthesen gehören hier sicher zu den bemerkenswertesten und gefährdetsten: Sie sind ausschließlich das Werk eines Lyrikers. Während alle anderen Symbolisten immer wieder gelehrte Texte schrieben (manchmal beachtlichen Umfangs wie Brjussows Puschkin-Studien, Iwanows Dionysos-Abhandlung, Belys Gogol-Monographie oder Mereshkowskis Tolstoi- und Dostojewski-Darstellungen), blieb Block Lyriker, was er auch unternahm. Seine Dramen, seine Prosa, seine Briefe, selbst seine Darstellung über die letzten Tage des Zarenreichs sind die eines Lyrikers, und der Versuch, ein erzählendes Poem mit Milieu und Fabel zu schreiben, blieb ein Fragment. In seiner Prosa „Kunst und Zeitung“ ist nachzulesen, wie er vom Dichter fordert, in der Sprache der Poesie auch für die Zeitung zu schreiben. Und Wjatscheslaw Iwanow meinte diese Leistung des Lyrikers, als er im Januar 1921 von Block sagte:

Im Umgang ist seine Rede so einfach, scheinbar bringt er keine zwei Worte zusammen, aber in seinen Gedichten weiß er intuitiv Sachen von dir, so intime Erlebnisse, die kein anderer weiß.

Die Skepsis, die tiefe Abneigung, die Block in immer neuen Anfällen gegen das Lyrische hegte, zeigt, wie bewußt er sich der Gefahren war. Daß Block bis zum Schluß so großen Wert auf die Zyklisierung seines gesamten Werks, von kleinen Einheiten bis zur Trilogie, legte und viele Male Großformen ins Auge faßte, wie „Der Nachtigallengarten“, „Vergeltung“ oder „Rose und Kreuz“, hängt mit der Suche nach bändigenden Strukturen für Taumel und Gewalt des Lyrischen zusammen. Aber diese vollkommene Übertragung der Menschheitskultur in die Sprache des Gedichts verlieh Blocks Poesie die einzigartige Bezauberung. Man könne von Block sagen, schrieb Ossip Mandelstam 1922, er sei der Dichter der „Unbekannten“ und der russischen Kultur. Nicht daß die „Unbekannte“ und die „Schöne Dame“ Symbole der russischen Kultur seien, „aber das gleiche Verlangen nach Kult, das heißt nach einer zweckvollen Entladung poetischer Energie, leitete sein Schaffen im Thematischen und genoß ihren höchsten Augenblick im Dienst an der russischen Kultur und der Revolutions. Block hielt die Last seiner Welt-Synthesen „im Schweben von Bagatellen“, wie es im Juni 1909 in einem seiner italienischen Gedichte steht:

Die Kunst – Last, auszutragen, die die Schultern drückt.
Und doch – wie halten wir, die Dichter, uns im Schweben
Von Bagatellen, die das Leben tauscht, entzückt.
Wie süß, dem freien Nichts der Zeit sich hinzugeben
Mit Nichtstun, spürn im Leib das Blut
Singend wenden,
Sich – hinter einem Federwölkchen – Glut,
Die rote Lieb, erhaschen mit den Händen.

Die Glut erhaschen mit den Händen: Der Dichter befreie die Klänge aus dem Chaos, füge sie zur Harmonie und trage diese Harmonie in die Welt. Blocks ständige Sorge ist das Tagebuch seines Weges, die Trilogie der Menschwerdung, wie er seine drei Bücher Gedichte nennt, deren Abteilungen und Texte er viele Male umstellte und änderte. Die peinlich genaue Datierung und wechselnde Anordnung baut eine ausgedehnte, an Gegenden reiche Welt voll Wahnsinn und Vergessen, voll Heiterkeit und geheimer Freiheit: seine Welt-Synthese: vom Augenblick des überhellten Lichts an – durch den unumgänglichen sumpfigen Wald – zu Verzweiflung, Flüchen, ,Vergeltung‘ und… zur Geburt eines Menschen, der ,gesellschaftlich‘ ist, eines Künstlers, der der Welt mannhaft ins Gesicht blickt.
Entscheidend war die Vorstellung von der Zeit. Die Trilogie der Menschwerdung meint kein Nacheinander, und, die Ansiedlung der Gedichte in der Kalenderzeit bekräftigt nur deren Entmachtung. Die Poesie vertilge die Kalenderzeit, die etwa technische Fortschritte einander ablösen läßt. Poesie folge jener anderen Zeit, die Block die musikalische nennt.
Musikalische Zeit meint – in größeren Zeiträumen empfinden, denken, leben: Die Catilinischen Verschwörungen im 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung sind eine Seite in der Geschichte der Weltrevolution, und der Sieg über die Tataren in der Schlacht auf dem Kulikowo-Feld am 7. und 8. September 1380 ist ein Ereignis in der russischen Volksseele von heute. Musikalische Zeit meint – Tatsachen aus allen Lebensbereichen, die dem Dichter in einem bestimmten Augenblick zugänglich sind, zueinanderordnen: Alle zusammen schaffen immer einen einheitlichen musikalischen Stoß. Musikalische Zeit meint – Leben jenseits des eingetretenen Kalendertags. Nicht in der Vernachlässigung des unansehnlichen Alltags vor dem strahlenden Feiertag der Zukunft. Sondern die Empfindungen ausbildend für jeden kommenden Umbruch in Stimmung, Haltung, Lebensart.
Was hier für ein Jahr oder für Jahrtausende gilt, galt Block ebenso für jeden Tag und für die Welt überhaupt. Es war die Einheit der Welt, die er auf seine Weise beschrieb – wie hier 1921 in der Puschkin-Rede „Über die Bestimmung des Dichters“:

In den bodenlosen Tiefen des Geistes, wo der Mensch aufhört, Mensch zu sein, in Tiefen, die den Geschöpfen der Zivilisation, – dem Staat und der Gesellschaft – unzugänglich sind, schweben Klangwellen, die gleich den das ganze Weltall umfangenden Ätherwellen sind, dort kommt es zu rhythmischen Schwankungen, ähnlich jenen Prozessen, die Gebirge, Winde, Meeresströmungen, Pflanzen und Tiere hervorbringen.

Musik als Urgrund der Welt und Lyrik als unmittelbar abhängig vom Geist der Musik zu sehen war im Rußland des beginnenden 20. Jahrhunderts ohne Friedrich Nietzsches Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik und ohne Richard Wagners Musik nicht denkbar. Block hat das 1900 russisch erschienene Buch des deutschen Philosophen 1906 gelesen und lange Passagen mit Genugtuung herausgeschrieben. In seinem Aufsatz „Die Dichtung der Beschwörungen und Zaubersprüche“ von 1906 zitiert Block als Bekräftigung seines frühen Synthese-Begriffs, der Auffassung von der Ungeschiedenheit von Wort und Tat in der Beschwörungsorgie, aus Nietzsches Fröhlicher Wissenschaft den Satz, der die bannende Macht des Rhythmus in der Mythologie erläutert:

… ohne den Vers war man Nichts, durch den Vers wurde man beinahe ein Gott.

Der Kontext bei Nietzsche ist allerdings eher abfällig. Er fährt fort:

Ein solches Grundgefühl läßt sich nicht mehr völlig ausrotten – und noch jetzt, nach jahrtausendelanger Arbeit in der Bekämpfung solchen Aberglaubens, wird auch der Weiseste von uns gelegentlich zum Narren des Rhythmus…

Blocks Nietzsche- und Wagner-Bild sind genausowenig bekannt wie seine Beziehung zur deutschen Romantik, etwa Novalis – fest steht aber, daß er die beiden Freundfeinde mit Ibsen und Strindberg als Kronzeugen für seine Ansicht anrief, daß der deutsche und der skandinavische Geist neben dem russischen Geist die größten Opfer im Kampf mit den Gegnern der Elementarkräfte gebracht habe.
Die Oktoberrevolution, die Block, seinen Welt-Synthesen entsprechend als Teil eines Jahrtausendereignisses – des Anbruchs einer neuen Menschheitszeit –, nicht mit der Französischen Revolution, sondern mit den Anfängen des Christentums verglich, ermunterte ihn, Ahnungen und Gewißheiten deutlicher auszusprechen, von denen seine Trilogie der Menschwerdung längst getragen gewesen war und die Block in einem neuen Augenblick überhellen Lichts 1918 in die „Zwölf“ geschrieben hat, sein sowohl offenstes wie verschlossenstes Gedicht. Blocks nachrevolutionäre lyrische Prosa befragte die Synthese der „Zwölf“, versuchte eine Rückannäherung, die Wiedergewinnung der nur kurz behaupteten (ertragenen?) Höhe. Sie entwarf mit der musikalischen Zeit in der Geschichte, mit dem Vergeltungsgedanken, mit dem Zusammenbruch des Humanismus und seiner Ablösung durch die Welt des Künstler-Menschen die Aussicht einer artistischen Sensibilisierung für die wirklichen Vorgänge in der Welt, die der neuen Menschheitszeit entsprechen sollte.

2
Blocks unmittelbar anschauendes Weltverhältnis meidet alle vereinzelnden Zugänge zur Welt, um mit einemmal den Blick auf das Ganze, die Empfindung des Ganzen, das Symbol des Ganzen zu gewinnen – den Geist der Musik, die rhythmischen Schwankungen in der Tiefe. So sind seine Gewißheiten zu verstehen: „In unseren Herzen hat der Seismographenzeiger bereits ausgeschlagen“ (1908). „Mit jeder Faser des Körpers und des Herzens, mit dem ganzen Bewußtsein hört die Revolution.“ (1918) Das Gleichgewicht von Geistigkeit und Körperlichkeit hielt Block für die Grundvoraussetzung des Lebens in der neuen Zeit. Die Kräftigung des Leibs sah er in einem Wechselverhältnis zur Kräftigung der poetischen Strukturen. 1910 und 1911, als er an dem Poem „Vergeltung“ arbeitete, waren „musikalisches und Muskelbewußtsein“ eins. Wie bei ständiger Handarbeit eine rhythmische Ausbildung der Muskeln an den Armen, dann auf der Brust und auf dem Rücken erfolge, so sollte der Rhythmus des Poems entstehen. Der Verlust des physischen und geistigen Gleichgewichts beraube einen unweigerlich des musikalischen Gehörs, der Fähigkeit, aus der Kalenderzeit, dem über die Welt nichts aussagenden Gang der historischen Tage und Jahre auszubrechen und in jene andere, nicht meßbare Zeit vorzudringen.
Der Ausbruch aus der Kalenderzeit erscheint in Blocks Dichtung als das Wagnis und die Aufgabe der angebrochenen Menschheitszeit. Kalenderzeit war für Block die chronologisch vereinzelnde Folge der Ereignisse, das Genügen am Tage, die Welt ohne ihren kosmischen Zusammenhang. Kalenderzeit war für Block ein positivistisches Aufhäufen von Details, aus dem er in die musikalische Zeit der Geschichtlichkeit ausbrechen mußte. Der Dichter dringe in die musikalische Zeit vor, indem er das Gefühl für seinen Weg ausbilde. Im Februar 1909, wenige Monate bevor in Italien das Gedicht „Die Kunst – Last, auszutragen“ entstand, beschrieb Block in seiner Prosa „Die Seele des Schriftstellers“ den Zusammenhang von Weg und Zeit in seiner Kunst:

Nur wenn solch ein Weg erkennbar ist, läßt sich der ,Takt‘ des Schriftstellers, sein Rhythmus bestimmen. Nichts ist gefährlicher als der Verlust dieses Rhythmus. Die fortwährende Anspannung des inneren Gehörs, das Lauschen auf eine wie aus der Ferne vorüberklingende Musik ist eine unerläßliche Voraussetzung für das Dasein des Schriftstellers. Nur wer die Musik des fernen ,Orchesters‘ (und das ist eben das ,Weltorchester‘ der Volksseele) vernimmt, kann sich ein leichtes ,Spiel‘ erlauben.

Block meinte damit besonders die Sensibilität für Beschleunigung und Verkürzung in der Geschichte. 1910 betonte er, daß die Russen in den vergangenen zehn Jahren mehr durchgemacht hätten als andere in hundert Jahren.
Was Block hier aussprach, war schon die Erfahrung aus seiner Trilogie der Menschwerdung. Wer sich dem „,Weltorchester‘ der Volksseele“ stellt, kennt weder Zuflucht noch Geborgenheit. Das „leichte ,Spiel‘“ (war von der Art, die Block im Gedicht „O dies Spiel“ vom 18. Dezember 1913 vortrug: Der Dichter als der ewig Erblickte, der nicht weiß, wessen Blick ihn trifft. Dies die vierte und die sechste der neun Strophen:

Nichts quält schlimmer als dies Ungefähr!
O das Graun des Blicks, den man nicht fängt,
Der uns schamlos einkreist und bedrängt:
Doch wer ists, der uns belauert, wer?

Dieser Blick, ob bös, ob gut gesinnt –
Besser wärs, er nähm uns nie zum Ziel!
Zuviel fremde Kraft, die in uns spinnt,
Unerforschter Energien Spiel…

Blocks Ausbruch aus der Kalenderzeit befestigte in der russischen Literatur einen Begriff von Zeitgenossenschaft, der die Stunde des Dichters immer als die Stunde Rußlands und die Stunde der Menschheit nahm. Block liebte es, sich mit etwas so Unfaßbarem wie der Atmosphäre der Epochen – „Unerforschter Energien Spiel…“ zu befassen, weil er selber die Atmosphäre seiner Epoche so stark empfand. Denn was waren ihm seine Dichtungen anderes als das Ausschlagen des Seismographenzeigers in einer Epoche der Stürme und Katastrophen. Je sensibler ein Dichter sei, hieß es in der Catilina-Prosa, um so unzertrennter empfinde er Eigenes und Nicht-Eigenes. Daher seien die zartesten und intimsten Sehnsüchte der Seele des Dichters in Zeiten der Stürme und Katastrophen übervoll von Sturm und Katastrophe.
Das Vordringen in die musikalische Zeit befreit den Dichter aus dem Wust des aktuell Tatsächlichen, das die wirklichen Vorgänge verdeckt. Gegenstand bleiben die Sehnsüchte und Erschütterungen der Seele oder, wie Block in seiner Wagner-Prosa schrieb, „das rettende Gift der schöpferischen Widersprüche“. Die bedeutendste Äußerung über die Catilinischen Verschwörungen als ein Zeichen für den Zusammenbruch einer Epoche fand Block daher auch in dem Gedicht Catulls „Attis“, dessen Gelegenheit in nichts an die aktuellen geschichtlichen Vorkommnisse erinnert, das aber in den Galliamben, dem Versmaß der rasenden Orgientänze, den ungleichmäßigen, hastigen Schritt des Verdammten, den Schritt des Revolutionärs, des römischen „Bolschewiken“, in dem der Sturm des Zorns klingt, überdeutlich zu erkennen gebe.
Die Betonung liegt nicht auf der Parallele von Catilina und Catull, sondern auf der Ankündigung des Sturms in Tat und Gedicht. Nur so auch sind Blocks Dichtungen zu verstehen. Übervoll von Sturm und Katastrophe, sind sie nicht einfach Zeugnisse eingetretener Revolutionen, sondern Zeugnisse der ungeheuren schöpferischen Widersprüche einer neuen Zeit, welche sie in ihren Anfängen noch kaum zu benennen weiß.
Mit dieser unerschrockenen Annahme und dem offenen Austrag des Kampfs der Gegensätze in seiner Dichtung wurde Block auch für sowjetische Dichter bestimmend, die seiner Poetik nicht folgten. Für Ossip Mandelstam, der ihn einen Mann des 19. Jahrhunderts nannte, aber seine Sensibilität für die unterirdische Musik der russischen Geschichte als einzigartig pries. Für Anna Achmatowa, die seine symbolistische „Sternenarmatur“ nicht mochte, aber ihn als „Tschelowek-Epocha“ bezeichnete. Für Boris Pasternak, der die romantische Vorstellung vom Dichterleben verwarf, in dessen Rückschau auf die Revolution nach vierzig Jahren aber unüberhörbar Blocksche Töne klingen:

In diesem bedeutsamen Sommer 1917, zwischen den beiden Daten der Revolution, schien es, als versammelten sich und redeten auf den Meetings auch Bäume, Wege und Sterne. Die Luft schien kilometerweit erfüllt von flammender Inspiration, sie schien Persönlichkeit geworden, beim Namen zu nennen, beseelt und sehend.

Aber ebenso für die Prosa. Für Isaak Babel, Michail Bulgakow, Andrej Platonow und Maxim Gorki, dessen nachrevolutionäre Prosa ohne die Auseinandersetzung mit Block, Bely und Sologub nicht denkbar ist.
Was sie mit Block verbindet, sind ihre Vorstellungen von Zeit und Kunst, ihre neuen Welt-Synthesen, deren Voraussetzungen Ossip Mandelstam in der Woronesher Zeit mit einer Gefahrenwarnung benennt:

Wenn ein Schriftsteller es für seine Pflicht hält, koste es, was es wolle, ,das Leben tragisch zu sagen‘, aber auf seiner Palette keine tiefen kontrastierenden Farben besitzt und vor allem das Gefühl für das Gesetz nicht hat, nach dem das Tragische, auf welch kleinem Abschnitt es immer entstehe, sich unweigerlich in ein allgemeines Bild der Welt einfügt – bringt er nur ,Halbfabrikate‘ von Schrecken und Borniertheit hervor, Rohmaterial, das Ekel erregt und bei der wohlmeinenden Kritik den zärtlichen Namen ,Milieu‘ trägt.

3
Blocks Revolutionsverständnis war an sein Vergeltungsdenken gebunden. Weder seine bedingungslose Annahme des Oktober noch seine spätere Klage über das Verstummen der Musik der Revolution sind außerhalb dieses Zusammenhangs zu begreifen. Soziales Verhalten, geistige Produktivität, schöpferische Widersprüche leiteten sich für ihn nie aus ökonomischen Besitzverhältnissen und politischen Entscheidungen her. Block verstand die Revolution als verdiente Vergeltung für die sozialen Sünden der Vergangenheit und verteidigte sie gegen die sklavischen Ängste, gegen den Krämerstil der russischen Intelligenz. Er schloß aber, Alexander Herzen folgend, die Bourgeoisie aus dieser historischen Kette aus. Weder durch liberalen Humanismus noch Sentiments, noch politische Ökonomie dürfe das hohe, kalte und zornige Wissen um die soziale Ungleichheit erniedrigt werden. Der Bourgeois wird als unschöpferisch verteufelt. Die realgeschichtlichen Beziehungen zwischen Bourgeoisie und Proletariat spielen für Block keine Rolle. Die Bolschewiki waren für ihn eine Zeitlang etwas viel Größeres als eine politische Partei, und Lenin akzeptierte er nicht als Marxisten, sondern als einen russischen Revolutionär, der das Vermächtnis Bakunins und der russischen Bauernaufstände vollstreckte. In einem Brief vom Februar 1909 hat Block die Kräfte benannt, die seiner Meinung nach mit Elementargewalt zur Revolution drängen:

Der gegenwärtige russische Staatsapparat ist natürlich mieses, geiferndes, stinkendes Alter, ein siebzigjähriger Syphilitiker, der mit einem Händedruck die gesunde Jünglingshand infiziert. Die russische Revolution ist in ihren besten Vertretern – Jugend mit einem Nimbus rings um das Gesicht. Auch wenn sie noch nicht ausgereift ist, auch wenn sie oft knabenhaft unweise ist – morgen ist sie erwachsen. Das ist doch klar wie der helle Tag.
In den Fragmenten russischer Literatur von Puschkin und Gogol bis Tolstoi, in den Seufzern der gemarterten russischen Demokraten des 19. Jahrhunderts, in den hellen und unbestechlichen, den
nur vorübergehend getrübten Blicken der russischen Bauern ist uns eine gewaltige (nur noch nicht in den eisernen Ring des Gedankens gefaßte) Konzeption eines lebendigen, mächtigen und jungen Rußlands vermacht. Wenn irgendwo diese Vermächtnisse bewahrt werden, dann natürlich nicht in den Herzen der ,Realpolitiker‘ (selbst nicht der realsten und lebendigsten von ihnen – der Kadetten), nicht im stolypinschen, nicht im romanowschen – sondern in jenen Herzen nur, die beunruhigt und geöffnet sind, in den Gedanken, die diese Konzeption in sich aufnehmen wie frische Luft.
Wenn etwas lebenswert ist, dann das. Und wenn wo ein solches Rußland ,heranreift‘, dann natürlich – nur im Herzen der russischen Revolution im weitesten Sinn, einschließend die russische Literatur, Wissenschaft und Philosophie, den jungen Bauern, der sich zurückhaltend Gedanken macht ,immer über das gleiche‘, und den jungen Revolutionär mit dem vor Wahrheit strahlenden Gesicht, und überhaupt alles Unangepaßte, Zurückgehaltene, Gewittrige, mit Elektrizität übersättigte. Diesem Gewitter hält kein Blitzableiter stand.

Nicht daß die beschleunigten Kapitalisierungsprozesse in Rußland Block verborgen geblieben oder von ihm geringgeschätzt worden wären. Es gibt Versuche, sich diesen Vorstößen zu einem „Neuen Amerika“, wie ein Gedicht aus dem Jahr 1913 heißt, zu stellen. So gewiß er aber den reinigenden Sturm die Welt des Schreckens und der Totentänze hinwegfegen sah, so ungewiß blieb ihm alles Kommende. Im Prolog zum Poem „Vergeltung“, an dem er seit dem Tod des Vaters 1910 bis zu seinem Tod 1921 mit langen Unterbrechungen arbeitete, stehen die Verse:

Über Europa reißt ein Vieh
Von Gier gequält auf seinen Rachen.
Wer wird ihn töten, diesen Drachen?
Wir wissens nicht. Wie eh und nie
Hülln unsre Grenzen sich in Dunst.
Was jenseits liegt – wir sehn es nicht,
Wir spürn nur, daß es brandig riecht –
Dort wütet eine Feuersbrunst.

Daß dieser Drachen der Erstarrung und des Widergeists auch durch die „Wiedergeburt Rußlands durch die Fabrik“ besiegt werden könnte, hat Block in einem Drama zu fassen versucht, über das er zwischen 1913 und 1916 nachdachte. Fertig geworden ist es nicht, und es werde, meinte Block schließlich, einem anderen zur Vollendung aufgetragen – „keinem Liberalen und keinem Konservativen, sondern einem Ruhelosen wie ich“. Es seien dafür noch mehrere, auch historische Anläufe nötig. Geschrieben haben es vielleicht Wladimir Majakowski in „Wladimir Iljitsch Lenin“ und Andrej Platonow in seinen großen Geschichten und Romanen von den prometheischen Meistern, von den Künstlern auf den Lokomotiven und in den Wüsten der dreißiger Jahre. War es doch Block bei dieser Wiedergeburt um die Erneuerung der Art gegangen, die sowohl die Dämonisierung des Subjekts als auch seine Verflüchtigung in der Funktionalität hinter sich läßt.
Mit der Überwindung des Dämonismus hat sich Block sein Leben lang herumgeschlagen. Am quälendsten in seinem Poem „Vergeltung“:

In Katastrophen und Stürzen befreien sich meine ,Rougon-Macquarts‘ allmählich aus der russisch-adligen Education sentimentale, ,Aus Kohle wurde Diamant‘, Rußland zu einem neuen Amerika; zu einem neuen, nicht zu dem alten Amerika.

Ein aufbegehrendes und jäh hinstürzendes russisches Geschlecht sollte von den siebziger Jahren des alten Jahrhunderts bis in die ersten Jahre des neuen Jahrhunderts verfolgt werden. Block wollte zeigen, wie der Aufruhr in der ersten Generation entkräftet ist durch den letzten Abglanz von Skepsis und Weltschmerz eines epigonalen Byronismus, aber ebenso durch die ersten Anzeichen der Ermüdung des nahenden Fin de siècle. In der zweiten Generation wird der Aufruhr gedämpft durch die Empfindungsstumpfheit des Sohnes des neuen Jahrhunderts. Und erst in der dritten Generation, die aus der Verbindung des Sohns des „Dämons“ mit der Tochter eines fremden Volkes, des polnischen, hervorgeht, werde das Neue sichtbar auf seine Umgebung einwirken können. So beginne das Geschlecht, das die Vergeltung der Geschichte, des Milieus, der Epoche an sich erfuhr, seinerseits Vergeltung zu üben. Der neue Sproß schaffe es vielleicht, in das Rad der Menschheitsgeschichte zu greifen. Leitmotiv der Vergeltung sollte die Masurka sein, der Tanz, der für Block die alten Kämpfe zwischen Rußland und Polen begleitete. Im Poem sollte die Masurka anfangs leicht aus einem Petersburger Fenster erklingen, dann auf einem Ball sich mit dem Sporengeklirr der Offiziere mischen und endlich hinausdringen auf die polnischen Felder, über das nächtliche Warschau, in den Schneesturm.
Die Erneuerung der Art – „Aus Kohle wurde Diamant“ – sah Block nicht als ein allmähliches Fortschreiten. Gerade dem Zorn gegen die naiven Fortschrittstheorien verdankte das seinem Material nach autobiographische Poem die weitergreifende poetische Idee. In einem Vorwort von 1919 deutete Block die Situation an, in der der Plan für die Dichtung entstanden war. Es handelt sich um die Jahre 1910 und 1911. 1910 starben russische Künstler, die für Block Entscheidendes bedeutet hatten. Mit Vera Komissarshewskaja starb für Block der lyrische Ton auf dem Theater. Mit Wrubel die Unersättlichkeit des Suchens bis zum Wahnsinn. Mit Tolstoi die menschliche Zärtlichkeit, die weise Menschlichkeit. 1910: Krise des Symbolismus, Aufkommen der neuen Richtungen – Ego-Futurismus, Akmeismus, Kubo-Futurismus. 1911: die großen Eisenbahnerstreiks in London, „Panthersprung“ nach Agadir, heißer Sommer, der das Gras bis in die Wurzeln verdorren ließ, Interesse für Ringkampf, tödliche Flüge, schließlich im Herbst die Ermordung des Innenministers und Ministerpräsidenten Pjotr Stolypin, die das Land, das sich bislang noch halb in den Händen des Adels und der Beamten befunden hatte, endgültig unter die Herrschaft der Polizei brachte.
Alle diese Tatsachen aus unterschiedlichen Bereichen der Wirklichkeit hätten, so Block, jenen einheitlichen musikalischen Sinn, den er immer wieder aufzufinden suchte. Allerdings bezeichnet die Arbeit an dem nie vollendeten Poem auch einen wichtigen Einschnitt in Blocks Vorstellungen von der Einheit der Welt. Wenn er in den Jahren vor und nach der Revolution von 1905 bis 1907 seinen Welt-Synthesen das mystische Ineinsgehen aller Erscheinungen zugrunde legte, so datiert ab 1910 ein verstärktes „Bewußtsein der Ungeteiltheit und Unvereintheit von Kunst, Leben und Politik“. Der Unterschied ist gravierend. Wort und Tat fallen nicht mehr ununterscheidbar zusammen. Die 1906 durch die Nietzsche-Lektüre gestützte Vorstellung von der Dichtung als Beschwörungsorgie wird distanzierter betrachtet. Eigengesetzlichkeit der einzelnen Bereiche und Unendlichkeit der Übergänge bedingen einander. Synthese so begriffen heißt: Der unendliche Prozeß der Vereinigung und inneren Durchdringung vernichtet nicht die Gegensätzlichkeiten.
Wenn Revolution Vergeltung war, dann offenbarte sich das Schöpfertum der Massen in der Zerstörung. So sah es Block. Niemand aus seinem Kreis hat mit dieser Unerschrockenheit die Vernichtung der alten Welt selbst in den Grimassen der Revolution angenommen wie Block. Die Musik der Revolution erklang für ihn im Krachen des Zusammenbruchs. Die Masurka der „Vergeltung“ schlug um in die Lieder der proletarischen Kämpfe, die im Poem „Die Zwölf“ abgerissen durch den Schneesturm klingen. Natürlich entging ihm auch die Arbeitsseite der Revolution nicht. Aber dies seiner Dichtung zugrunde zu legen erwies sich als unmöglich.
Im Februar 1920 bezeichnete er noch einmal den Augenblick. In jeder Bewegung komme es zu einer Minute der Verzögerung, einer Minute der Besinnung, der Ermüdung, des Verlassenseins vom Geist der Musik. In der Revolution, wo nichtmenschliche Kräfte wirken, sei das eine besondere Minute. Die Zerstörung ist noch nicht abgeschlossen, geht aber schon zurück. Der Aufbau hat noch nicht begonnen. Die alte Musik ist schon nicht mehr, die neue – noch nicht.

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Die Fähigkeit, „begierig zu leben und zu handeln in der angebrochenen Epoche der Wirbel und Stürme“, habe nur jene neue Menschenart, die Block den Künstler-Menschen nannte. Diesen Künstler-Menschen begriff Block nicht als das Ergebnis der europäischen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts, sondern als ihren Widerpart. Es sei eben gerade nicht der gespaltene ethische oder politische oder humane Mensch, sondern der Mensch der Elementarkräfte, deren er sich auf artistisch-meisterliche Weise in ihrer Ganzheit bewußt sei.
In Westeuropa sei er zu Beginn des Humanismus aufgetreten, dann aber seit dem Ende des 18. Jahrhunderts an der Zersplitterung der künstlerischen und wissenschaftlichen Interessen verkümmert. In diesem Zusammenbruch des Humanismus hätten nur wenige unter furchtbaren Verfolgungen den synthetischen Geist, die innere Einheit der Kultur hüten können. Block nennt Heine, Wagner, Strindberg, in Rußland Gogol, Tolstoi, Dostojewski. Kunst als Stimme des Elementaren und selber Elementarkraft sei für diese Künstler nie getrennt gewesen von den barbarischen Massen, den unbewußten Hütern der Kultur. Sie seien auch nicht dem Irrtum einer allmählichen Bildung der Massen durch populistische Senkung des Niveaus verfallen, sondern hätten im Gegenteil die Massen als die Träger eines anderen Gesetzes erkannt, das zur Herrschaft dränge.
Die neue Menschenart, der Künstler-Mensch, hat Block von früh an beunruhigt. Die Trilogie der Vermenschlichung meint sie, „Vergeltung“ und „Die Zwölf“ haben sie zum Gegenstand. Seine Sicht auf Wladimir Solowjow, auf die „Musik der alten Familien“ im Leben Michail Bakunins, auf den „Genossen“ August Strindberg und auf Maxim Gorki, den Mittler zwischen Volk und Intellektuellen, ist davon erfüllt.
Wie immer aber der Künstler-Mensch gegen das 19. Jahrhundert entworfen war, so ist er ohne es undenkbar. Das Skythische, das Zigeunerische, das Christus-Modell, Faszination und Beängstigung durch das Petrinische Erbe, die neue „Geschlechterauslese“ wie das „Neue Amerika“ – alles ist durch das europäische 19. Jahrhundert gegangen. Durch Gogol und Solowjow das Skythische, durch Apollon Grigorjew das Zigeunerische, Christus durch Dostojewski, Peter durch Puschkin, die Geschlechterauslese durch die europäische Mystik, die deutsche Romantik und Strindberg und das „Neue Amerika“ durch Nikolai Nekrassow.
Block war sich der tödlichen Gefahren beim Übergang zum Künstler-Menschen bewußt. Er selber sah sich mit in den Abgrund gerissen. Keine andere als die tragische Weltauffassung hielt er für ausreichend, um das ganze Ausmaß der Vorgänge zu erfassen, Die kosmischen Entsprechungen waren sein Alltag. Vom 29.Dezember 1912 ist das Gedicht „An die Muse“, das mit diesen Strophen beginnt:

Dein geheimes Gedicht sagt die Schwere
Des Geschicks, dem der Untergang droht.
Es verhöhnt jedes Glück, schmäht die Ehre,
Lästert Sitte, Gesetz und Gebot…

Es reißt mit, und mitreißend zerreißt es.
Ja, ich hab deine Krallen gespürt.
Die gefallenen Engel, so heißt es,
Hat der Reiz deiner Schönheit verführt…

Und verlachst du den Glauben, dann schimmert
über dir plötzlich purpurn und grau
Jener Strahlenkreis, der mich erinnert,
Doch an was, weiß ich nicht mehr genau.

Lust und Marter der Lästerung nach dem Fall gehen zusammen. Blocks Dichtung entsteht, indem ständig Kult und Lästerung gegeneinandergetrieben werden. Der Künstler-Mensch müsse diese Bedingtheiten der Welt in sich aushalten, ohne sie auszugleichen. Schon im Herbst 1902 hatte Block gegen Milde und Demut des Kults der Schönen Dame die grausame Harlekinade gesetzt, die dann in seinem lyrischen Drama Die Schaubude (1906) eine äußerste Zuspitzung erfuhr. Die Jungfrau aus dem fernen Land, die blasse Freundin erweist sich als Columbine, Pierrots Geliebte. Das Mysterium wird zur Posse. Das letzte Abendmahl findet in der Schaubude statt.
„Die Zwölf“ bringen den neuen Gipfel. Am 29. Januar 1918, als Block das Gedicht abschloß, heißt es im Notizbuch:

Ich verstehe Faust. „Knurre nicht, Pudel!“

Bei Goethe folgt:

Zu den heiligen Tönen, Die jetzt meine ganze Seel umfassen, Will der tierische Laut nicht passen.

Mephistopheles ist schon im Zimmer.
Block zweifelte nicht im mindesten daran, daß es bei diesen „Zwölf“ nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Er berichtete später mehrfach von einem großen anhaltenden Krachen – „wahrscheinlich das Krachen vom Zusammenbruch der alten Welt“ – und von einem furchtbaren Kräfteverfall. Er berichtete von der Hingabe an die Elemente wie bei den Ausbrüchen im Januar 1907 und im März 1914, die mit der Leidenschaft für die Schauspielerin Natalja Wolochowa und die Sängerin Ljubow Delmas die Gedichte der Bücher Schneemaske und Carmen hervorbrachten. Das gleiche hatte sich am Anfang des Jahrhunderts bei der Begegnung mit Ljubow Mendelejewa, seiner späteren Frau, ereignet, jenem „Augenblick überhellen Lichts“, als die „Verse von der Schönen Dame“ begannen.
Das erotische Verhältnis zur Welt (Rußland als Geliebte, Frau, Mutter) zeigt die tödlichen Leidenschaften der „Zwölf“ nicht als Episode der ersten Revolutionstage, sondern als Problem des von Block erwarteten und begrüßten Lebens des Künstler-Menschen in der neuen Zeit. Den Konflikt von Leidenschaft und Macht wertet Block durch die Bauart seines Gedichts entschieden als geschichtliche Legitimation der Zwölf: Aufbegehren, Zorn gegen die „Welt des Schreckens“, schöpferisch noch in der Verkehrung. In Blocks Sicht nimmt Christus dem Mörder Petrucha die Schuld nicht ab, sondern ist eins mit den Zwölf, deren einer der Mörder ist.
Block schließt hier strukturell wie ideengeschichtlich an Puschkins „Ehernen Reiter“ an: Der Imperator Peter jagt im Bunde mit den Elementen, den über die Ufer der Newa getretenen Wassern, den kleinen Beamten Jewgeni, der seine Frau verloren hat durch die Elemente und Peter fast zu drohen wagt, in den Wahnsinn. Die Stadt, den Sümpfen abgetrotzt, wird ihren Bewohnern zum Verhängnis. Was Puschkin zu leisten aufgab, war nicht weniger als die Vereinigung von Peter und Jewgeni, Macht und Menschlichkeit. Block wußte, daß dieses Peter und Jewgeni in eins den Konflikt bis ins Ungeheure kompliziert: Petrucha, unser neuer Jewgeni, tötet seine Geliebte Katjka selber und darf – noch lauert der Feind – sich seinem Schmerz nicht überlassen. Den „Weltbrand im Blut“, ziehen die Zwölf, wie einst der gespensternde Peter, weiter, Petrucha ist einer von ihnen.
Diese übergreifende Geschichtlichkeit der Dichtung entwickelte Block aus der Materialität des Augenblicks. Die „Zwölf“ sind immer: die Zwölfer-Patrouille der Rotgardisten und die Jünger und (laut Randnotiz Blocks zum zehnten der zwölf Gesänge) auch die zwölf Räuber nach Nikolai Nekrassows Moritat „Von den beiden großen Sündern“ in „Wer lebt glücklich in Rußland“. Die robusten Eindeutigkeiten – Soldatentschastuschka, Abschiedsklagelied, Romanze, Marschzitat, Losungsformel, Hurengeplänkel – schaffen das vieldeutige Spiel der Poesie.
Daß der Christus des Gedichts zu weiblich geraten sei, wie Block einmal notierte, ist danach eine höchst verständliche Befürchtung. Der andere, der Gewaltige, den Block sich lieber mit den Zwölf wünschte, kann nur der Künstler-Mensch gewesen sein, in dem sich Blocks Nachdenken über ein Leben in der neuen Zeit konzentrierte. Tatsächlich taucht einen Tag vor der ersten Notiz zu den „Zwölf“ im Tagebuch eine Eintragung auf, die unter dem Eindruck der Roman-Lektüre Jesus für ein geplantes Jesus-Drama so sieht:

Nicht Mann, nicht Frau. – Künstler.

In dieser Charakterisierung seines Jesus nahm Block ein altes Bild auf, welches er in dem Aufsatz zu August Strindbergs Tod 1912 entworfen hatte, Es sei Zeit für eine neue „Geschlechterauslese“, in der das „männliche Prinzip“ und das „weibliche Prinzip“ harmonischer als bisher verteilt seien. Strindberg sei eine der gelungensten „Proben“ dieser neuen Zusammensetzung gewesen und habe für die Überwindung eines Zustands gearbeitet, den Block so beschrieb:

Wenn das Männliche zum Männchenhaften wird, entartet Zorn zu Bosheit; wenn das Weibliche zum Weibchenhaften wird, verwandelt sich Güte in Gefühlsseligkeit.

Die neue Geschlechterauslese gehörte für Block zur Vorgeschichte des Künstler-Menschen, Den Wechsel der Masken, das schillernde Verhalten der Menschen, die seelenzerrüttenden Kämpfe um die neue Art hat er, die „Zwölf“ befragend, in all seiner nachrevolutionären Prosa erzählt. Am eindringlichsten in einer Vision aus dem „Zusammenbruch des Humanismus“, die die Radikalität seines Erneuerungsbewußtseins bezeugt:

Der Mensch – ein Tier; der Mensch – eine Pflanze, eine Blume. In ihm treten Züge äußerster Grausamkeit zutage, einer scheinbar nicht menschlichen, sondern tierischen Grausamkeit; daneben Züge einer naturhaften Sanftheit, die gleichfalls nicht menschlich, sondern pflanzenhaft zu sein scheint. All das sind zeitweilige Larven, Masken, das Wechseln unendlich vieler Larven. Dieses Wechseln zeigt eine Veränderung der Art an: der ganze Mensch ist in Bewegung geraten; er ist aus dem jahrhundertelangen Schlaf der Zivilisation erwacht, Geist, Seele und Körper sind vom Wirbel der Bewegung erfaßt: in dem Wirbel der geistigen, politischen und sozialen Revolutionen, die ihre kosmischen Entsprechungen haben, vollzieht sich eine neue Auslese, formt sich ein neuer Mensch; der Mensch, das humane Tier, das gesellschaftliche Tier, das sittliche Tier wird zum Künstler, um mit Wagner zu sprechen.

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Gegner und Verbündete des Künstler-Menschen hat Block genau benannt. Ameisen-Mensch und Dandy-Mensch stünden in diesem Kampf gegen die „Menschen der Elemente“ und die aktiven Revolutionäre, deren „stürmische, physische, äußere Offenbarung“ der Konzentration aller Kräfte auf inneres Wirken bei den Künstlern entspreche.
Rachsucht gegen die Elementarkräfte sei die Triebfeder der Ameisen-Menschen. Fällt der erste hinunter bei der ewigen Suche nach den Nadeln, kriecht der zweite nach, stürzt der ab, kriecht der dritte hinauf. Und der Ameisenhaufen wächst. Voll geheimen Grimms, bemüht, das Toben der irdischen und unterirdischen Elementarkräfte zu vergessen und nicht zu hören, bauen sie wutschnaubend Maschinen und bringen die Wissenschaft voran. Block knüpfte dieses vernichtende Bild eines Produzierens um des Produzierens willen an die Erschütterung, die das Erdbeben von Messina in den fortschrittsgläubigen Geistern ausgelöst hatte.

Plötzlich, in dem historischen Augenblick, da Tolstoi Krieg und Frieden schreibt, Mendelejew das Periodensystem der Elemente entdeckt, da im Schoß der Erde das Erz sich der Picke des Menschen singend unterwirft, da Eisenbahnzüge den Raum in allen Richtungen verschlingen, da der deutsche Kaiser hochmütig den ,wundertätigen Erbauer‘, den Wohltäter der Menschheit und Eroberer der Lüfte umarmt – in ebendiesem Moment schlägt in einem Observatorium der Zeiger des Seismographen aus.

Die Wissenschaftler sagten lediglich, daß Süditalien auch künftig Erdbeben drohten; daß dort die Erdkruste noch nicht fest geworden sei. Sind wir aber sicher, daß die ,Kruste‘ über einer anderen, ebenso furchtbaren, nicht unterirdischen, sondern irdischen Elementarkraft, der des Volkes, fest genug geworden ist?

Sei der Ameisen-Mensch unempfindlich für das Ausschlagen des Seismographenzeigers, so fege der Dandy-Mensch den Seismographen einfach hinweg. Die Vernichtung, die der eine nicht begreift, macht der andere sich zum Gaudium, Entstanden aus dem antibürgerlichen Aufruhr, der „manches auf dem Ödland der ,Philanthropie‘, der ,Progressivität‘, der ,Humanität‘ und der ,Utilität‘ versengte, münde die Verneinung in die Selbstzerstörung. Die unerlaubte Grenze überschreitend, lasse das Feuer die Wurzeln dieser Jugend verdorren. Historisch-autobiographisch hatte Block das Problem im Poem „Vergeltung“ zu fassen versucht, doch nach der Revolution schließt er seine Prosa „Die russischen Dandys“ mit der besorgten Feststellung:

Aber auch im Arbeiter- und Bauernmilieu sind schon junge Dandys anzutreffen.

Ameisen-Mensch und Dandy-Mensch hielt Block für nicht leicht überwindbar. Sie seien durchaus in der Lage, sich rasch anzupassen, ja als Gönner und bürokratische Mäzene des Künstler-Menschen aufzutreten. Aber es sei das „rettende Gift der schöpferischen Widersprüche“, die „geheime Freiheit“, die die Umarmung des Künstler-Menschen durch den Spießer-Pöbel oft jäh beendet. Das Gift der Haßliebe, das der Künstler-Mensch auf alles ausdehne, sei auf die Dauer für einen auf Ruhe und Endgültigkeit Erpichten unerträglich.
Die „Erprobung der Herzen durch die Harmonie“, welche Block in der Puschkin-Rede als Auftrag der Poesie sieht, müsse Ameisen- wie Dandy-Mensch verdächtig sein: niemand weiß, ob sie die Probe bestünden. Um es nicht so weit kommen zu lassen, erschalle von jeher der Ruf nach Mäßigung:

Vergiß, Poet! ruft man mir zu.
Laß Wohnlichkeit dich inspirieren!
In Frösten lieber dann erfrieren!
Nein, nicht Beschaulichkeit. Nicht Ruh.

Um so willkommener ist die Unruhe und Erregung des Künstler-Menschen dem russischen Revolutionär, der weder die Selbstgefälligkeit des Aufhäufens noch die der Selbstzerstörung hat und Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten beständig kritisiert. Hier treibt das rettende Gift der schöpferischen Widersprüche die Sensibilisierung.
In unseren Tagen, kurz vor dem hundertsten Geburtstag des Dichters im Jahr 1980, gewinnt die Herausforderung von Blocks Welt-Synthesen an Deutlichkeit. Sie übergreift den Sturm der Analysen in den Jahren zwischen 1910 und 1930, als sich die Material- und Operationsästhetiken an ihr übten und ihre Zusammensetzung im Laboratorium der Spracharbeit und in der Praxis der Gesellschaft erprobten. Ihre Kühnheit ist nicht übertroffen. Die neue Lektüre hat eben erst begonnen.

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Block lesend, wird man es freilich immer dringlicher mit diesen bezeichnenden Unschärfen zu tun bekommen, die die Empfindungen ins nicht Geheure locken. Wer sich dieser Lockung entzieht, verfehlt den Dichter. Denn Blocks Unschärfen im Historischen, Philosophischen, Politischen sind kein Mangel, sondern seine Art, die Empfindungen für das mit unserem Vorrat an Begriffen schwer oder gar nicht Sagbare zu schärfen. Blocks Geschichtsraffungen, Prozesse riesigen Ausmaßes zusammenziehend, schaffen die Schärfe im Lyrischen, poetische Genauigkeit.
Blocks geistiger Maximalismus scheute vor den äußersten Schlußfolgerungen aus den ihm zugänglichen Informationen nie zurück. Da aber sein synthetisches Denken weder Weltentwürfe hervorbrachte noch ein Laborieren mit Varianten, ein Spiel der Konzepte war, gibt es bei Block keine Verlängerungen in die Utopie oder Prophetie. Das Artistische am Künstler-Menschen war für Block nie die Fertigkeit, etwas experimentell herauszubekommen, sondern immer die Fähigkeit zur geschärften Empfindung des neuen Augenblicks.
Diese Sammlung der Welt im Augenblick zeigte auch in Blocks letztem großem Gedicht, den „Skythen“ aus dem Jahr 1918, die Leistung der Unschärfe. Da Block mit dem Vergeltungssieg der Elementarkräfte in der Oktoberrevolution die gesamteuropäische Erstarrung durchbrochen glaubte, baute er auf den Anschluß aller solidarischen Kräfte des Westens, auf die Unterstützung der russischen Revolution. Das Gedicht entstand in dem Augenblick, als die Bedrohung des revolutionären Rußlands durch das deutsche Kaiserreich noch bestand, vor dem Friedensschluß von Brest-Litowsk. Es ist als eine Anrede der Skythen an Europa gebaut, ein Warngedicht.
Block ging von der Möglichkeit eines neuen Hunnensturms oder Tatareneinfalls aus, wie er im 4. und im 12. Jahrhundert Europa beunruhigt hat und der nun, im 20. Jahrhundert, wieder drohe. Die Skythen hätten immer den Schild zwischen Europa und Asien gehalten und die Hauptlast getragen. Wenn sie jetzt im Stich gelassen würden, könnten sie den Schild vielleicht wegziehen und dem Todeskampf der beiden Gegner tatenlos zusehen.
Die historische Doppelgestalt Rußlands zwischen Europa und Asien hatte schon frühere Jahrhunderte ständig bewegt. Block betont die Aufnahmefähigkeit für den scharfen gallischen Verstand wie für den düstern deutschen Genius, aber auch die Empfindlichkeit für die Musik des Panmongolismus. Block knüpft hier an Wladimir Solowjows Interpretation des Panmongolismus an, die der Mystiker außer in einem Gedicht, aus dem Block das Epigraph zu den „Skythen“ nahm, in einem seiner letzten Prosatexte 1899 gegeben hatte. Eine eingeschobene Erzählung enthält die Prophezeiung einer fünfzigjährigen Herrschaft der Mongolen im Europa des 20. Jahrhunderts. Beendet werden sollte sie durch die Arbeit zahlreicher Geheimgesellschaften und das Auftreten eines Volksführers, der sich als Messias fühlt, zum Herrscher Europas aufsteigt, aber, als er in Jerusalem auch zum geistlichen Oberhaupt ausgerufen werden will, als der Antichrist erkannt wird.
Man wird bemerken, daß Majakowskis Weltklassenkampf-Hyperbeln in „Mysterium buffo“ und „150 Millionen“ der Beginn der analytischen Erkundung dieser ungeheuren Zusammenschau Blocks sind, die einem Kalenderzeitrechnen natürlich niemals standhielte. Für Blocks Skythen-Synthese gilt aber, was er in der Catilina-Prosa von seinem Vorgehen sagte:

1. Ich mache mich nicht an eine akademische Untersuchung der ersten besten historischen Epoche, sondern suche jene Epoche aus, die meiner Zeit im historischen Prozeß am meisten entspricht. Durch das Prisma meiner Zeit sehe und verstehe ich klarer jene Einzelheiten, die dem Forscher, der den Gegenstand akademisch betrachtet, entgehen müssen; 2. ich bediene mich des Vergleichs von Erscheinungen, die aus den Lebensbereichen stammen und scheinbar nichts miteinander zu tun haben; im vorliegenden Fall stelle ich zum Beispiel die römische Revolution und Verse Catulls gegenüber. Ich bin überzeugt, daß man nur mit Hilfe solcher und ähnlicher Vergleiche den Schlüssel zur Epoche finden, ihr Beben spüren, sich ihren Sinn erklären kann.

Die Skythen als Nomadenvölker, die in der zweiten Hälfte des vorchristlichen Jahrtausends die osteuropäischen Steppen beherrschten, hatten geschichtlich für Block genau die Unschärfe, die nötig war, um sie zu Sprechern für das welthistorische Problem zu machen, das er in der Konfrontation von revolutionär verjüngtem Rußland und vergreistem Westeuropa sah. Unbehaust und ungeborgen, befindet sich der Skythe ewig im Aufruhr, doch Europa ist ihm lieb. Die entscheidenden Verse des Gedichts sind dann:

Ja, so lieben, wie dies Blut hier liebt,
aaaKönnt ihr schon längst nicht mehr. Und nicht erkennen,
Daß es auf Erden eine Liebe gibt,
aaaDie euch zerbrechen kann und auch verbrennen.

Wir lieben alles: gallischen Esprit,
aaaDer Zahlen kalte Glut, das Ahnen
Des Unbekannten, doch auch das Genie
aaaDes finster brütenden Germanen.

Und wir erinnern uns der Hölle auch,
aaaDer Straßen von Paris. Venedigs Feste
Sind uns so nah wie jener graue Rauch,
aaaDer sich auf Kölns Gemäuer niederpreßte.

Diese Sicht des „Skythen“ Alexander Block umgreift und vertilgt sowohl den Rußland-Messianismus, die Idee von der besonderen Rolle Rußlands in der Welt, als auch den Panmongolismus, die Idee von der permanenten Bedrohung der europäischen Welt. Sie gelangt zu einem synthetischen Rußland-Bild, das die phantastische Produktivität dieses Landes wie deren Gefährdungen in den Widersprüchen seiner universalgeschichtlichen Stellung begreift.

Fritz Mierau, Januar 1977/November 1980,  Vorwort

 

„Block, der Dostojewski

in seiner prophetischen Gabe wohl am nächsten stand“, schrieb Lunatscharski 1921, „sagte: ,Der Strom der Revolution zerstört deine Hoffnung, deine Träume. Er führt viel Schlamm und Schmutz mit sich. Doch höre, was er spricht! Sein Dröhnen besagt Großes.‘ Rußland schreitet auf dornenvollem, heroischem Wege vorwärts, und hinter ihm stehn seine großen Propheten, die es auf seinem Wege segnen.“ Als solch ein Prophet der Revolution ist Block in die Weltdichtung eingegangen. Doch sein zutiefst zeitgenössisches Werk weist, indem es die Frage nach einer würdigen Menschheitsexistenz neu stellt, weit über seine Zeit hinaus. Wie jeder bedeutende Künstler fand er zu seinem zentralen Thema, „Rußland zwischen den Revolutionen“, nicht auf geradem Weg. Bereits im ersten Jahrzehnt seines Wirkens zeichnet sich eine grundsätzliche Wende ab. Der Versuch, mit dem Bild der Geliebten, des „Ewigweiblichen“, der „Schönen Dame“ die ersehnte Gestalt des neuen, harmonischen Menschen, die Vision eines nahen „Goldenen Zeitalters“ zu wecken, gerät ins Zwielicht; die Welt des Städters, die seine, erscheint im Widerstreit von Schönheit und Trivialität, entlarvt sich schließlich als „Welt des Schreckens und der Totentänze“. Einschneidend auch das Erlebnis der scheiternden Revolution von 1905, es führt zu neuer poetischer Erkenntnis: dem schuldhaften Bewußtsein von der Kluft zwischen Volk und Intelligenz und von der kommenden „Vergeltung“. Mit dem Beginn der großen Rußlanddichtung, die in den Poemen „Die Zwölf“ und „Skythen“ ausklingt, beherrscht den Vers eine apokalyptische und doch weitbejahende Unrast – Voraussage und Begrüßung des „reinigenden Sturms“.
Die Blockauswahl in einem Band beruht auf unserer dreibändigen Werkausgabe aus dem Jahre 1978.

Verlag Volk & Welt, Klappentext, 1982

 

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„Du bist in die Felder entschwunden“

Die Schaubude

Im Februar war ich wieder in Petersburg; einen Tag vor meiner Abreise versammelten sich die Argonauten bei mir; man feierte meinen Abschied von Moskau, als wäre es ein Abschied für immer: Ellis, Petrovskij, beide Brüder Sizov, Vladimirov (der nach München ging), Sergej Solovjov, Polivanov, N.M. Malafejev, M. Ertel, P. Batjuschkov und andere. Wir waren bedrückt wie bei einem endgültigen Abschied; ich kann mich nicht erinnern, daß wir uns später noch einmal alle trafen: Wir trennten uns und sahen uns in verschiedenen Lagern wieder; der junge Übermut von einst war verschwunden; bei jedem zeichnete sich ein Drama ab; auch der Kreis um Astrov bröckelte auseinander, Solovjov und Polivanov wandten sich von Astrov ab. Ja, das war ein endgültiger Abschied.
In Petersburg mietete ich eine möblierte Wohnung auf der Karavannaja; ich ignorierte Mereshkovskijs, die mir meinen angriffslustigen Artikel in der Vesy nicht verzeihen konnten. Alle meine Petersburger Pläne waren auf Bloks abgestimmt; gleich am Ankunftstag entdeckte ich im Schaufenster eines Blumengeschäfts eine prächtige, üppige, blasse Hortensie – von einem zarten Blau; ich ließ den Topf Bloks schicken; es war mir nicht geheuer: diese Gabe konnte mir einen Verweis einbringen; der Verweis blieb aus, Ljubov Dmitrijevna sagte nur:
„Ich habe noch nie eine solche Hortensie gesehen!“
Aleksandra Andrejevna schmunzelte:
„Das paßt zu Ihnen, Sie mußten uns diese Blume schicken.“
„Alles, wie es sich gehört…“
„Selbstverständlich: wie kann man das übelnehmen?“ Der Salon mit seinen grünen Sesseln wirkte kühl; Aleksandra Andrejevna zog fröstelnd ihre rote Pelerine um die Schultern; das Herz machte ihr zu schaffen; sie sagte:
„Wissen Sie, vor einem Herzanfall ist alles nicht das Richtige, verstehen Sie?“
„Ich verstehe.“
„Ja, Sie müssen wissen: das ist das Herz…“
Später, bei meinen Neurosen, begriff ich, was Aleksandra Andrejevna damals empfunden hatte:

Alles ist wie immer und doch – nicht das Richtige…

Ich habe diese Worte behalten, weil sie irgendeinen unbestimmten Gedanken ausdrückten; diese weißen Wände, zwischen denen wir erst vor kurzem uns so behaglich gefühlt hatten, waren nicht mehr die alten; sie waren kalt: Und auch die Zimmer waren kalt; Blok schien derselbe und war dennoch nicht mehr wie damals im Dezember. Die Geschichte mit der Hortensie wirkte nach: was ist daran Besonderes – mir gefiel diese Hortensie, und ich habe sie Bloks schicken lassen; aber etwas Schiefes ist dabei herausgekommen; wenn Aleksandra Andrejevna die Hortensie vor mir lobte, so kam es mir vor, als wolle sie mich rechtfertigen; mehr als einmal hatte Ljubov Dmitrijevna behauptet, ich neige zu Geschmacklosigkeit; die häufige Aufzählung von Edelsteinen in meinen Gedichten mißfiel ihr:

Sascha passieren solche Fauxpas nicht.

Und einmal sagte sie:

Ich würde Ihnen raten, eine andere Krawatte zu tragen; die Farbe, die Sie bevorzugen, ist irgendwie geschmacklos…

Und jetzt spürte ich, daß diese Hortensie allen mißfiel; sie schonten mich nur; aber meine Eitelkeit war verletzt; Ich wurde verstockt („Das ist doch kein Empfang; dafür bin ich doch nicht aus Moskau gekommen…“).
„Nein, das ist nicht das Richtige!“
Und ich erlaubte mir eine zweite Arhythmie: Ich las ihnen meinen Artikel über die Trilogie von Mereshkovskij für Zolotoje runo vor; den ich – als Anhänger des Autors – im Auftrag der Redaktion geschrieben hatte; dieser Artikel war im archaisch-rhetorischen Stil gehalten und verquickte Gogol und Karamzin mit der Sprache des Bischofs Hilarion; das Ganze war eine einzige Geschmacklosigkeit; ich merkte das beim Vorlesen; Blok amüsierte sich:

Nun, ich denke Dmitrij Sergejevitsch wird die Stilübung nicht verstehen; und den Artikel als eine Parodie auffassen… Du kennst sie, du weißt doch selbst, wie sie sind…

Die Stimmung wurde kühl; ich begann meine Gedanken zu erläutern und sie als Farben darzustellen; ich entwickelte eine Skala des Trüben, plötzlich stand Ljubov Dmitrijevna auf und ging; ich wußte nicht warum, aber sie war offensichtlich gekränkt; und im Hinausgehen sagte sie:

Werden Sie bald aufhören zu schimpfen?

Und tatsächlich, in der Skala des Trüben drückte sich etwas aus, was einer Verstimmung gleichkam, ohne daß es mir selbst bewußt wurde; Ljubov Dmitrijevna hatte verstanden: ich schimpfte in Farben. Beim Abschied blickte ich in das glühende Orange des Abendhimmels.
Bald darauf statteten Bloks mir einen Gegenbesuch ab; und wieder – war es „nicht das Richtige“; wir waren befangen und erstarrten mitten in der Geschmacklosigkeit des möblierten Zimmers an einem kleinen Tischchen; der Tee wurde gebracht; Blok tat so, als ob es behaglich wäre – er lächelte immer liebenswürdiger; ich wurde immer gesprächiger, und Ljubov Dmitrijevna blieb gemessen; die starren Wände schienen uns zu umstellen und zu sagen:

Das ist nicht das Richtige!

Der Abend zerbröckelte; Blok blies Zigarettenringe und lächelte: Ja, ja, ich würde noch was zu hören bekommen; von Zina und Dima im Beisein von Tata und Nata – und das alles wegen meines Artikels.
„Du solltest lieber dich verstecken; einfach nicht hingehen! Du wirst es noch lernen, dir wird man’s zeigen“ – so ähnlich redete er, stand gelegentlich auf, machte einige Schritte, setzte sich wieder – und das Fünkchen Humor erlosch; sein Blick richtete sich in die Ferne; und alles wurde trüb; die Atmosphäre wurde grauviolett, graugrün; ich bot Kuchen an, Blok lächelte:

Nein, das sollst du lieber lassen… das kannst du nicht…

So war es an jenem Abend; ich hatte mich aufgemacht, ich war gekommen – vielleicht für immer; Ljubov Dmitrijevna und Blok hatten mich gerufen; und jetzt, als ich kam, erkannte ich: es bestand überhaupt keine Notwendigkeit für mich hierher zu kommen; hier in Petersburg leben sie ihr Leben; ich blieb mit Moskau verbunden; hier lief es darauf hinaus, daß ich die Rolle eines Adjutanten spielte; und Bloks, die mich gerufen hatten, wußten mit mir nichts mehr anzufangen, weil sie einsahen, daß sie mich nicht brauchten, und waren unzufrieden mit sich selbst (und auch mit mir); als sei mein Schicksal ihnen überantwortet wie eine Last, die man zu tragen hat, weil man sich früher dazu bereit erklärt hatte. Als sie mich nach Petersburg riefen, riefen sie mich zu sich; und nun litten sie selbst: die Differenzen zwischen ihnen hatten sich vertieft, ihr Zusammenleben erschwerte sich; die Verflechtung mit einem fremden Schicksal vergrößerte die Schwierigkeiten; irgend etwas in meinem Wesen erschreckte sie; Blok war bedrückt, und sein Zustand teilte sich den anderen mit; er hatte Sorgen, er stand vor seinem Staatsexamen; auch ohne mich hatte er alle Hände voll zu tun, aber ich kam und schien ihm eine Forderung entgegenzuhalten.
Das Eigentliche war nicht das Examen, sondern das Bedürfnis, alle abzuschütteln; Blok hatte Zeiten, in denen er einfach hypochondrisch war; in den folgenden Jahren nahm die Hypochondrie zu; für mich machte sie sich gerade damals bemerkbar; in diesem Zustand wich er allen Menschen aus; später fragte ich oft:
„Was macht Blok?“
„Blok hat eine finstere Laune: er läßt sich nicht sehen…“
Und manchmal fügte man hinzu:
„Er trinkt…“

Blok fühlte, daß die Wende nahte: Dunkelheit, Hoffnungslosigkeit; das Dunkelviolett, das ihn im November lockte, führte ihn in die Nacht; es wurde zu Schwarz, umhüllte ihn; den Prunk der Farben sah er nur noch als Maskerade; bis jetzt war er im Alltag liebenswürdig, weltmännisch und charmant – und alles das mit Überwindung; nur einmal erlebte ich ihn erschrocken und zerzaust: in Schachmatovo. Jetzt verlieh ihm die Krise den ständigen Ausdruck von Schmerz und Strenge, zuweilen glaubte man, er sei taub; oft saß er, eingehüllt in tiefe Schatten, nur die spitz gewordene Nase und die geschwungenen Lippen waren zu sehen; das abgemagerte Gesicht, gelb und welk, die Säcke, die Ränder unter den Augen – das alles sprach eine eindeutige Sprache:
„Ich verstehe nichts!“
„Das ist nicht das Richtige…“
Man stieß sich wund an diesem verständnislosen Blick; und man pochte gegen die Pforten der Seele:
„Begreife doch!“
Er reizte mich durch seinen Gesichtsausdruck, durch die Hartnäckigkeit und die taubstumme Trägheit; er, der früher so freudig mitschwingen konnte, war jetzt wie hinter einer Mauer; ich wußte: Blok ist ein kluger Kopf; der idiotische Gesichtsausdruck ist eine Marotte und ein Protest: gegen das Reden; hätten ein Mereshkovskij, ein Berdjaev, ein Bulgakov vor ihm gestanden – ich hätte ihn verstehen können; aber es ging um mich; ich geriet in Zorn, als ich merkte, daß Blok innerlich taub wurde: ich konnte mich nicht damit zufriedengeben, daß Blok sich mir gegenüber genau so verhielt wie zu den anderen. Ich empörte mich über die Verse:

Und so sitzen wir, ein Narrenvölkchen,
Wasserschaum und Wassergeist.
Die grünen Narrenkappen
Verkehrt aufgesetzt.

Was hatte das zu bedeuten? War das Spott? Ich sah in Blok einen launischen Menschen, der Selbstverständliches nicht einzusehen vermochte, und dachte:

Er spielt selbst den Narren…

Und ich erinnerte mich, daß Sergej Solovjov einmal ausrief:

Es gibt bei Blok Zeilen, die man für besonders tief hält: dabei ist es reiner Unsinn…

Solovjov empörte sich über die Zeile:

Die Fahnen verwehten…

Er ereiferte sich:

Was soll das? Diese Fahne ist völlig überflüssig! Man läßt sich das gefallen; und Blok hält uns alle zum Narren…

Aufgebracht sagte ich zu mir:

Mich wird er nicht zum Narren halten können!

An jenem denkwürdigen Abend trat dieser Aspekt in der Physiognomie Bloks deutlich hervor; wir fühlten uns nicht wohl zu dritt; Ljubov Dmitrijevna war blaß, sie trug ein schwarzes enganliegendes Kleid, dasselbe Kleid, in dem sie mir im Traum erschienen war (ein Jahr zuvor). Und nun war es, als wäre ich in den Traum eingetreten; oder als sei dieser Traum Wirklichkeit geworden; sie schien die Schicksalsmelodie zu hören, die uns so bald ergreifen sollte; Blok tat nichts, um das Gespräch in Gang zu halten (ich kam allein dafür auf). Man sprach über Rjabuschinskij, den Herausgeber der Zolotoje runo, über ein Diner im Hotel Metropol, nur über komische Begebenheiten; Ljubov Dmitrijevna sagte:

Das ist eben Moskau…

Was in ihrer Sprache bedeutete:

Provinz…

Und zu mir:

Ein Moskovit!

Das bedeutete:

Ihre Krawatte ist nicht passend…

Und zwischen uns wuchs eine Mauer: die „Moskauer Lebensart“ und der „gute Ton“, den Ljuba Dmitrijevna verkörperte; Blok wirkte ausgleichend; aber ich wußte, er steht auf der Seite von Ljubov Dmitrijevna.
Er sagte oft:

Bei euch ist das so – und bei uns in Petersburg ist das anders.

Er imitierte auf eine sehr komische Weise den Moskoviten Rjabuschinskij mit der Rose im Knopfloch und erzählte: Mereshkovskij sei auf ein Angebot von Zolotoje runo eingegangen und ein schlechtes Gedicht losgeworden; dann ließ er Rjabuschinskij wieder fallen; und die Redaktion stöhnte, weil sie mit dem schlechten Gedicht ein schlechtes Geschäft gemacht hatte; Ljubov Dmitrijevna gähnte:

Es ist Zeit: ich bin müde!

Wir beschlossen, uns bald zu treffen: Blok wollte die Schaubude vorlesen. Bloks gingen; ich aber lief noch lange zwischen den Wänden auf und ab, und die Wände sagten:

Das ist nicht das Richtige!

Am liebsten wäre ich nach Moskau zurückgefahren: das wäre das beste gewesen; aber ich fuhr nicht zurück…

Dann kam die Lesung der Schaubude – ein Schlag mit einem schweren Hammer: mitten ins Herz; ich kam sehr früh in freudiger Erwartung: „Ein geniales Stück ist entstanden“, hatte Ljubov Dmitrijevna geschrieben; „Die Schaubude ist ein gutes Stück“, ,gut‘ bedeutete damals, daß das Drama ein „Mysterium“ sei: für eine künftige Aufführung im Intimen Theater, das Blok, Ivanov und ich herbeisehnten; ich sah dort die Möglichkeit für ein bedeutungsvolles, gemeinsam vollzogenes Spiel, eine Verwirklichung der Liebe im kollektiven Sein, dessen wahres Leben nach Vladimir Solovjov die Syzygie ist.
Man versammelte sich im grünen Salon; es kamen Gorodjeckij, Pjast und noch ein Jüngling in einem engen Rock – feierlich wie zu einem Fest; es kam auch E.P. Ivanov, der von Bloks sehr geschätzt und von Mereshkovskij der „Rotschopf“ genannt wurde; seine rote Mähne leuchtete, wenn er sich mit tiefem Brummen linkisch zwischen den Sesseln bewegte; noch jemand war dabei; Ljubov Dmitrijevna empfing die Gäste sehr lebhaft, mit gespannter Affektation (ich beobachtete sie und wunderte mich über ihre expansive Stimmung, die ganz neu an ihr war); Blok wirkte eckig und wie versteinert, trat von einem Fuß auf den anderen und hielt den Gästen die offene Zigarettendose entgegen; an diesem Abend fiel auf, daß sein Rock etwas abgetragen war.
Man nahm Platz in den weichen Sesseln; Blok las monoton und ein wenig näselnd:

Ich verblute mit Moosbeerensaft!

Die albernen Mystiker, die auf die Offenbarung warten, ein junges Mädchen, deren Lockenzopf für die Sense des Todes gehalten wird und die man zu einer „Pappmachébraut“ macht, ein Pierrot, ein Harlekin, der den Himmel zerreißt – das alles wirkte auf mich als Spott und Herausforderung: Ich nahm den Handschuh auf! Ich konnte die „Schaubude“ nicht ein gutes Stück nennen – hatte tatsächlich Blok dieses Stück geschrieben?
Selbstverständlich, aber als ein aus dem Tempel des Johannes Vertriebener – so dachte ich an dem Abend; ich erlebte etwas, was nur mit dem Tode vergleichbar ist; ich hatte den Schmerz, der diese Zeilen diktierte, nicht verstanden; aber ich verstand, daß selbst die unbeschwerte Improvisation, von der oben die Rede gewesen war, dem Untergang geweiht ist; und statt der Seele in Block sah ich nur ein „Loch“; nein, das war nicht mehr Blok; in meiner Vorstellung war er tot; die anderen bewunderten ein großartiges Kunstwerk – und ich dachte: das Stück ist in der Tat kraftvoll, das sehe ich auch; welches ist der Preis für diese Kraft?

Das Restaurant ist hell wie eine Kirche,
Und die Kirche ist offen – wie ein Restaurant.

Die Jugend war begeistert; Pjast schien es die Sprache verschlagen zu haben; man fragte mich:

Und was sagen Sie?

Ich antwortete:

Ja, wissen Sie, es ist wunderbar…

Den ganzen Abend gab ich mir Mühe, mich so zu verhalten, als wäre alles – „das Richtige“. 

Blok und ich haben nie über die Schaubude gesprochen; einmal nahm er mich zu einer Aufführung mit: ich sah sie mir an. Wir schwiegen während des ganzen Abends.

Warum bin ich nicht nach Moskau zurückgefahren? Ich setzte meine Besuche bei Bloks fort; ich ging nicht mehr zu Blok, sondern zu Ljubov Dmitrijevna; nachdem ich in Blok den Bruder verloren hatte, galt meine Anhänglichkeit an das „Kollektiv“ ihr allein; die Distanz zwischen mir und Blok, die zuweilen in gegenseitiges Mißtrauen ausartete, fand ihre äußere Erklärung darin, daß Blok unmittelbar vor dem Examen stand: ich wollte ihn nicht „stören“; darüber ist des öfteren zwischen mir und Ljubov Dmitrijevna, zwischen mir und Aleksandra Andrejevna gesprochen worden.
Ganze Abende verbrachte ich mit Ljubov Dmitrijevna; und erst nach ihren Erzählungen konnte ich mir von dem Ausmaß der Verheerungen in der Seele Bloks ein Bild machen – auch von den Details seines persönlichen Lebens, die mir fremd waren: das war ein anderer Blok! Aber Ljubov Dmitrijevna sagte, daß man ihn schonen müsse, daß er viel Krankes und Kindliches in sich trage, daß andere Menschen auch kindlich seien; seine Vorliebe für Bilder zeuge von Kindlichkeit: er, ein Erwachsener, sammelte Bilder, schnitt sie aus und klebte sie in ein Heft; und weiter erzählte Ljubov Dmitrijevna: zuweilen fiele ihr das Leben mit Blok schwer; die Rolle einer Amme ermüde sie.
Blok war bei solchen Gesprächen nicht anwesend, er saß im Nebenzimmer über einem Buch; wenn er mit einem erstaunten und gezwungenen Lächeln, das seine Düsterkeit verbergen sollte, hereinkam, suchte er nach einem Vorwand, um uns wieder allein zu lassen: er wollte sich von der Arbeit erholen; es entstand der Eindruck, als habe Blok etwas gegen Unterhaltungen, als fürchte er eine Einmischung in seine persönliche Sphäre; aber er schwieg; und seine Unaufrichtigkeit reizte mich; er war es ja, der sich zurückzog und das Schweigen zwischen uns verdichtete; das Zusammensein wurde unerträglich – ob zu dritt oder zu viert; und sobald wir zusammen waren, fühlte ich, Blok denkt: ich denke, was er denkt; und jeder von uns dachte das gleiche; die Unbefangenheit der früheren Jahre wich einer drückenden Belastung; nur ganz selten überwand ich mich zu der früheren Offenherzigkeit, um gemeinsam das Geschehene zu begreifen, einzusehen, aber schon durch seine Miene gab er zu verstehen:
„Das ist nicht echt…“
„Nein, das geht nicht…“
„Laß uns lieber schweigen…“
„Du kannst ja mit Mama und Ljuba sprechen…“
Und plötzlich schien das „Kollektiv“ nicht mehr zu existieren, sondern verschiedene in sich geschlossene Kreise nebeneinander, die auch in sich nicht harmonisch waren; die Spannung zwischen allen nahm zu; neue Beziehungen bahnten sich an; klar war nur dies: von dem Früheren, dem Gemeinsamen, kann heute nicht einmal mehr gesprochen werden.

Ja, diese Wochen zeichneten sich aus durch die ständige Abwesenheit Bloks; er hielt sich meistens im Nebenzimmer auf, und kam nur heraus, um zu gehen. Von da an blieb Blok oft und lange von zu Hause weg. Der Bummler in ihm gewann die Oberhand.
Alles, was ich so leidenschaftlich und so persönlich mit Blok erlebte, bestimmte später meine Rezension seines zweiten Gedichtbandes. Heute halte ich mein damaliges Urteil über dieses außergewöhnliche Buch für ungerecht; ich lasse sie an dieser Stelle folgen als ein nicht zu übergehendes, allerdings bedauerliches Dokument meiner Beziehungen zu seiner poetischen Welt.

 

„Unverhoffte Freude“

Blok ist einer der bedeutendsten russischen Dichter. Seine Anhänger mögen ihn loben. Seine Feinde – schmähen. Eines ist sicher: er ist nicht zu übersehen. Neben solchen Namen wie Mereshkovskij, Balmont, Brjusov, Hippius und Sologub müssen wir, wenn es um die Dichtkunst geht, den Namen Aleksandr Blok nennen. Seine erste Gedichtsammlung erschien erst 1905, und dennoch spricht man bereits von seiner „Schule“…
Selbst ein flüchtiger Blick auf seine Dichtung zeigt uns den Einfluß von Lermontov, Fet, Solovjov, Hippius und Sologub. Von den fremdsprachigen Dichtern kommt am ehesten Maeterlinck in Betracht. Wenn wir die Scheu vor literarhistorischen Bestimmungen überwinden könnten, so würden wir ihn den russischen Maeterlinck nennen, ohne jenen Snobismus, der diesem Dichter eigen ist, mit einer innigen Bindung an die Quellen der Volksseele. Im übrigen möchten wir nicht auf diesem Vergleich bestehen.
Was läßt sich zu der Ideenwelt des hochverehrten Dichters sagen? An diesem Punkt gilt es zu verweilen, denn der zweite Gedichtband von Aleksandr Blok bringt einige für ihn völlig neue Motive. Die Gedichte von der Schönen Dame tragen ein bestimmtes und überaus bedeutendes Gepräge. In kaum zu fixierenden, zarten Versen besingt der Dichter das Nahen des ewig-weiblichen Prinzips des Lebens. Damit tritt er die Nachfolge einer ganzen Reihe von großen Namen an. In den duftenden Kranz seiner Dichtung sind Meditationen Platons, Platins, Schellings und Solovjovs eingeflochten, ebenso wie die Hymnen von Dante, Lermontov und Fet. Die alten Gnostiker wie auch die griechischen Philosophen haben den Grundstein der Lehre von der Weltseele und dem ewig-weiblichen Prinzip des Göttlichen gelegt. In seiner „Weltseele“ versuchte Schelling dieser Lehre ein naturwissenschaftliches Fundament zu geben. Goethe, Dante, Petrarca vermochten die Geliebte zum Symbol des Ewig-Weiblichen zu erheben, indem sie die Universalität gnostischer Anschauungen und das individuelle Erlebnis zu verschmelzen verstanden. Fet und Lermontov tasteten unbewußt nach dem gleichen Geheimnis. Vladimir Solovjov fiel es zu, die Anschauung der Gnostiker und die hymnische Dichtung zu vereinen und ein Neues Wort von der baldigen Offenbarung des Ewig-Weiblichen zu sagen. Hier ist der Ursprung der Poesie Bloks. Sein Thema ist sehr tief. Sein Ziel sehr bedeutend.
Plötzlich riß er alles mutwillig ein…
Das Drama Die Schaubude ist bitterer Spott über die eigene Vergangenheit. In der letzten Zeit nahm der Mißbrauch unverdauter gnostischer Anschauungen überhand – das muß zugegeben werden. Aber gleichermaßen muß zugegeben werden, daß man durch Spott weder Platin noch Plato, noch Goethe oder Dante zu widerlegen vermag. Mögen die Erwartungen übertrieben gewesen sein. Aber das Problem bleibt. Und dieses Problem verträgt keinen Spott.
Und nun erfahren wir im zweiten Band, daß die „Schöne Dame“ keine Schiffsreisen unternimmt. Statt des „Leuchtens der roten Lampaden“ sehen wir plötzlich Sumpfgelichter mit „verkehrt aufgesetzten Kappen“. Statt eines Tempels sehen wir Sumpf, von Grasbüscheln bedeckt, und eine kleine Hütte, in der ein Alter und eine Alte und noch „irgend jemand“ seit Jahrhunderten Bier schlürfen – so vor sich hin. Es wird uns bange um den Autor. Das ist keine „unverhoffte Freude“ – das ist eine hoffnungslose Trauer. Die wundervollen Verse sind Zärtlichkeiten, die der Autor an das Gelichter verschwendet. Gefährliche Zärtlichkeiten! Denn jedes Teufelchen kann sich im Handumdrehen in einen ausgewachsenen Teufel verwandeln (die Nebel wachsen, wie man weiß). Ein Ritter der Dame ist immer im Kampf mit dem Drachen. Hier aber hatte der Drache sich niedlich gezeigt und das Mitleid des Dichters erschlichen: der Dichter hat Mitleid mit ihm und ist zärtlich zu ihm. Weiß er aber auch, daß mit dem Bösen nicht zu spaßen ist?
Befreit vom Ballast der Idee prangt die Poesie Aleksandr Bloks in voller, üppiger Blüte! Die Stimmungen finden einen präzisen Ausdruck, der Vers ist virtuos, noch schmiegsamer, reicher. Wir hatten einmal Gelegenheit, mit einem bekannten Dichter zu diskutieren, der die Meinung vertrat, die Gedichte von der Schönen Dame wären nicht der eigentliche Ausdruck der künstlerischen Persönlichkeit Bloks. Es erwies sich, daß dieser Dichter recht hatte. Die „Unverhoffte Freude“ ist ein aufschlußreicher Ausdruck der künstlerischen Persönlichkeit Aleksandr Bloks. In unseren Augen hat Blok als Dichter genauso viel gewonnen, wie er als Künstler des Künftigen verloren hat, weil wir lieber vor den Rätseln, die den Weisen aufgegeben wurden (mögen sie auch unlösbar sein, verlangen sie dennoch das ganze Leben für ihre Lösung), stehenbleiben möchten als sie verspotten (selbst auf eine poetische und ästhetisch vollkommene Weise).
Der zweite Gedichtband Bloks ist interessanter und üppiger als der erste. Auf bewundernswerte Weise verschmilzt hier ein verfeinerter Dämonismus mit der bescheidenen Schwermut der kargen russischen Natur, der immer gleichen, regenschluchzend und durch Tränen mit ihren gebleckten Schluchten grinsend – diese Verschmelzung vollzieht sich in der türkisfarbenen Zärtlichkeit der Lichtspiegelungen über dem Sumpf, in der ewigen Ruhe moosüberwucherter Buckel. Wir fürchten diese Ruhe: Wozu diese Zärtlichkeit, die Lockung der Sümpfe: 

Und sie ging fort in die blaue Ferne,
In den Dunst der Schneeschmelze,
In den Reigen, den die Trauer über dem Wald tanzt.

Sie ging zu dem Zauberer; und der Zauberer –

Er rief und hüpfte auf dem Baumstamm:
Du willst, meine Schöne, gewiß zu mir!

Wir empfinden es als schmerzlich, wenn das Abendrot nicht nur „über dem Frühling“, sondern über allem schwebt, was sich auf der frisch aufgetauten Erde zeigt. Und dort zeigt sich… ein Sumpfpfäfflein.

Die fadenscheinige Kutte
Taucht über dem Moosbuckel auf
Als ein kaum erkennbarer dunkler Punkt.

Seit uralten Zeiten foppt hier der Waldschrat die Pilgerleute, die sich zur „Neuen Stadt“ auf den Weg gemacht haben; seit uralten Zeiten springt er dem Bäuerlein auf die Schultern und treibt den Armen mit einer Rute an; wie viele sind durch ihn zugrunde gegangen: Gogol schrie auf, Dostojevskij verirrte sich; Nekrasov schluchzte hier auf einem Stein, Tolstoj versank in die Stummheit wie in ein Sumpfloch, und Gljeb Uspenskij wurde wahnsinnig; mancher Recke ließ hier sein Leben – „hier weht russischer Geist, hier riecht es nach Rußland“. Hier wird Blok zum Dichter des Volkes.
Der Waldschrat geht hier um – Blok aber sah seinen „Christus der Felder“. Einen „Christus der Felder“ brauchen wir nicht. Möge Christus der Herr uns vor solchen Erscheinungen bewahren!
Wo ist denn Jene, die der Dichter erst kürzlich angerufen hat? Sobald er nicht lästert, entringt sich ihm der Schrei:

O nimm mir die rostige Seele!
Und gib mir Frieden bei Deinen Heiligen.

Herrlich besingt er unsere armseligen Felder, so herrlich, daß wir, verzaubert von dieser „Schöne“, glauben möchten, daß hier alles gut sei. Hier ist alles „ewig schön – doch das Herz ist freudlos“. Was läßt unseren Sänger der Felder aufstöhnen?

So werden wir – vom Wunderbaren verzaubert –
Unserem Schicksal nicht entrinnen.
Und wir werden, in neue Ketten geschmiedet,
Uns weiterschleppen als traurige Sklaven.

Die Ketten der „Schönen Dame“ – Rosengirlanden – hat der Dichter abgeschüttelt. Woher kommen diese neuen Ketten? Von dem Sumpfgelichter? Furchtbar, es ist furchtbar: Wohin sollen wir uns in unserer Verzweiflung wenden, wenn in der „Unverhofften Freude“ sogar aus einem Gemüsegarten der Werwolf uns entgegenkommt – als der „Einzige, Lichte, ein wenig Traurige“, wenn der Dichter uns seine „unverhoffte Freude“ in solchen Versen zeigt:

Und so sitzen wir, ein Narrenvölkchen,
Wasserschaum und Wassergeist.
Die grünen Narrenkappen
Verkehrt aufgesetzt. 

Das ist wirklich ein Frohlocken, wie man es nicht erhoffen möchte! Wirklich – unverhofft! 

In einer neuen Freude entbrennen die Herzen der Völker, wenn hinter der schmalen Landzunge die großen Schiffe erscheinen werden (Statt einer Vorrede)

Die Völker stehen vor gewichtigen Aufgaben; sie fordern ein definitives Urteil, ein definitives und tagklares Wort; es ist kein Grund, nur darüber sich zu freuen, daß hinter der schmalen Landzunge Schiffe erscheinen: große Schiffe bringen zuweilen große Epidemien.
Durch die „Unverhoffte Freude“ tönt vernehmlich das Wehgeschrei des Bettlers:

Wer lockte mich auf den bekannten Pfad…
Ein Bettler, der einen Psalm singt?

Ist das ein Bettelpilger oder ist es die Verführung zur Verzweiflung? Jedenfalls singt der Bettler nicht Psalmen, sondern eine Totenmesse:

Und gib mir Frieden bei Deinen Heiligen!

Hinter der teuflischen Verführung, hinter den Zärtlichkeiten, die an das Gelichter verschwendet werden, hinter einem Surrogat der Kindlichkeit, sogar einer Debilität, tritt plötzlich der Nadryv einer Seele zutage, die tief und rein ist, und es erklingt die staunende und demütige Frage an das Schicksal: „Wozu? Wofür?“ Indem wir das erleben dürfen, empfinden wir nicht nur Bewunderung für dieses bedeutende Talent, nicht nur Begeisterung angesichts der Neuartigkeit und Perfektion seiner Dichtung – sondern heiße Liebe zu der entblößten Seele des Dichters. Mit Spannung erwarten wir von ihr nicht nur vollkommene Literatur, sondern auch eine Wegweisung zum vollkommenen Leben.

 

Der Dritte – der neue Mond oben
Verzieht seinen Mund zu einem Grinsen

Ich verstand mich mit Ljubov Dmitrijevna immer besser; seltsam: Bis zu dieser Zeit hatten wir fast keinen persönlichen Kontakt: Ljubov Dmitrijevna bewegte sich wie auf einer Bühne, und sie „leuchtete“ uns durch ihre Gegenwart; sie bestimmte den Tonus der Gespräche – durch ein Lächeln, durch einen Blick; wir betrachteten sie überpersönlich, als den Hintergrund, als Ort wichtiger seelischer Ereignisse; sie wurde zum „Symbol“; Sergej Solovjov, einst despotischer Steuermann auf dem „Schiff unserer Beziehungen“, führte diesen Zustand ein, und in diesem „status quo“ rückte Ljubov Dmitrijevna von uns ab, sie verwandelte sich in ein Symbol, in die Frau eines Weltdichters, in ein inspirierendes Prinzip: in das Zeichen der Morgenröten; von einem Menschen aus Fleisch und Blut haben wir nichts gewußt; wir schufen uns eine Ljubov Dmitrijevna nach unserem Bild; und sie paßte sich unseren Vorstellungen an.
Nach der brüsken Entfremdung von Solovjov schaltete sich Ljubov Dmitrijevna in meine Beziehungen zu Blok ein; sie war nicht mehr der Hintergrund, „Liebe-Demeter“, Tochter des „Chaos“ (des alten Mendelejev). Aus einem Begriff der Philosophie „Lapans“ wurde die „Schwester“; sie schlug einen eigenen Ton in unserem Trio an; aber dieser Ton erklang nur „im Dreiklang“; mit Blok sprach ich nur en deux, und mit Ljubov Dmitrijevna führte ich überhaupt keine Gespräche (in der Art wie mit Hippius, mit „Tata“, mit Aleksandra Andrejevna); der Schritt Solovjovs aus unserer „Kommune“ war der erste Schritt zu einer Begegnung zwischen mir und Ljubov Dmitrijevna, die vom Leben selbst gefordert wurde; im Dezember widmete Blok mir ein Gedicht mit der Überschrift „An Borja“ (später in den Jahren der Entfremdung tilgte er diese Widmung):

Lieber Bruder, es wird Abend.
Die Abendglocken sind kaum vernehmbar.
Auf die Ebene fällt heller Schein.
Die Träumende ist vorbeigezogen.
Sie zog vorbei – und blieb,
Unsichtbar nah.
Und von neuem, wie früher
Nehmen wir die schwere Bürde willig auf…

Dieses Gedicht ist eine Erinnerung an unsere Spaziergänge:

Aus der Ferne hört man
Das schwere Stampfen der Lokomotive…
Bald öffnet sich vor uns
Die Weite des Finnischen Meeres.
Und Du wirst sehen, wie über diesem Wasser
Die Seele ihre Last abwirft,
Und wie die Abendröte verglimmt
Hinter dem Streifen Schilfrohr.

Und schließlich – Ljubov Dmitrijevna; das Leben zu dritt:

Wir kehren zurück und lassen uns behaglich nieder
Auf dem Teppich vor dem Feuer
Und erzählen gemächlich unserer Schwester
Von allem, was wir gesehen…
Wir verstummen; leise erhebt sie sich vom Sessel,
Streng und schweigend.
Und sagt jedem: Sei fröhlich.
Hinter dem Fenster liegt Schnee.

Während ich mich von Blok löste, begegnete ich konkret Ljubov Dmitrijevna: ich sah den Menschen in ihr; und ich verstand: sie war in einer unaufhaltsamen Bewegung begriffen, die sie von den „Morgenröten“, von dem Interesse für Wissenschaft und für Kant (sie hatte zuerst Mathematik und später Logik getrieben) zum Skeptizismus und zur Sehnsucht nach Konkretem führte; nicht ohne Nadryv strebte sie die Schauspielerkarriere an; der Übergang fiel ihr nicht leicht; sie litt darunter; sie sagte, daß die „Morgenröten“ ihr zu Kopf gestiegen wären; sie hätte geglaubt, eine „Inspiratorin“ zu sein und sich in ihre Rolle eingelebt. Die „Morgenröten“ waren erloschen; die Rolle blieb: die „Inspiratorin“, die „lichte Tochter des Chaos“, wollte Schauspielerin werden; und sie behauptete, daß wir sie durch jene „Rolle“ verdorben hätten. Jetzt sprach aus ihr Protest und der Wille, sich selbst restlos auszuleben; und sie analysierte uns kritisch; vieles in ihren Vorwürfen war bittere Wahrheit: Sie war ein Mensch und nicht eine Puppe, nicht ein Symbol; ich begann ihr zuzuhören, unsere Beziehungen zu analysieren und ging ebenfalls zu einem Angriff über: auf Bloks gesamte Haltung; aber Ljubov Dmitrijevna nahm ihn in Schutz; dadurch bekam ich einen neuen Blok zu sehen; und das war ein neuer Schlag für mich; Ljubov Dmitrijevna hatte schon immer die Spaltung in ihm gesehen, aber sie behauptete:
Blok ist besser als wir, er hat auf seine Weise recht.
Ich stritt das ab.
In den Diskussionen über das Leben fanden wir uns, als Sucher nach der Wahrheit, die wir in der Wortlosigkeit vergangener „Mysterien“ verloren hatten; wir belauschten die Kunst und verlegten unsere Spaziergänge in die Eremitage; an Cranach erlebten wir das Wesen der Farbe, bei Rembrandt den Schatten; wir begeisterten uns für die Tanagrafiguren, vor denen wir lange stehen blieben; wir kehrten über den Kai heim – in die Kaserne, zum Mittagessen; dort erschien der stumme Blok; gewahrte ich eine Verstimmung zwischen Ljubov Dmitrijevna und Blok, ergriff ich stets Partei für Ljubov Dmitrijevna und überließ mich der wachsenden Entfremdung von Blok; Ljubov Dmitrijevna gab unbeabsichtigt den Anstoß zur Kritik auch am „Dichter Blok“, als sie mir gestand, wie schwer sie es mit ihm habe.
Wir besuchten viele Ausstellungen; einmal zeigte uns S.P. Remizova in einer Ausstellung den von der Polizei gesuchten Savinkov, der sich illegal in Petersburg aufhielt; er tauchte unbehelligt überall auf (er war häufiger Gast bei Remizov): Ich wurde beauftragt, ein Gedicht Savinkovs an Zolotoje runo weiterzuleiten: das Gedicht wurde von Sokolov abgewiesen (ich durfte den Namen des Autors nicht verraten).
Ich traf mich mit Mereshkovskijs; wir sprachen uns aus; sie ließen mich einen Eid ablegen, rechneten mit mir ab, redeten mir ins Gewissen – und vergaben mir; wir fielen uns in die Arme; und ich zog wieder in das Haus Muruzi; alles war wie früher: Gespräche mit der Hippius vor dem Kamin, Analyse sozialreligiöser Beziehungen mit Mereshkovskij und Filosofov, Freundschaft mit Tata und Nata, Besuche von Kartaschov; Zinaida Hippius freundete sich damals mit S.P. Remizova-Dovgello an; Aleksej Michajlovitsch Remizov kam sehr oft: zwinkerte uns zu, verbreitete allgemeines Wohlwollen, redete weise Ungereimtheiten – und verschwand.
Mit Zinaida Hippius fand ich einen neuen Berührungspunkt in dem entschiedenen Zorn auf die Verantwortungslosigkeit der neuen Zirkel; darunter auch auf die „Mittwoche“ Ivanovs, die mich mit Argwohn erfüllten gegenüber dem „Allverstehen“, das zu einer „Allumarmung“ und „Allverschmelzung“ durch verfeinerte dialektische Sophismen ausartete; sie waren mir suspekt durch die „Doppelsinnigkeit“ und das Gleichheitszeichen, das dort zwischen „Allseitigkeit“ und Verallgemeinerung gesetzt wurde. Zinaida Hippius beklagte sich über das fürchterliche Ideenchaos, das bei diesen „Mittwochen“ aufgewirbelt wurde; sie empörte sich über die alberne „Weihehandlung“, die irgendwo begangen worden sein sollte: Literaten, von dem Wunsch nach dem „Mysterium“ und der „Orchestra“ besessen, sollten einen Reigen getanzt haben; dann stachen sie mit einer Nadel einen sich literarisch betätigenden Advokaten, ließen das Blut in den Wein tropfen und tranken diesen Wein, wobei sie diesen Unfug „dionysisches Mysterium“ nannten; man raunte sich damals die Namen der beteiligten Schriftsteller und Philosophen zu; und wie nicht anders zu erwarten, lieferte Ivanov eine Formel, die diese Plattitüde rechtfertigte; ich war empört und besuchte die „Mittwoche“ nicht mehr; Zinaida Hippius hielt einem sehr angesehenen Philosophen idealistischer Richtung vor: 

Haben Sie sich denn nicht geschämt, das mit anzusehen? Als die gefeierte Schriftstellerin im tiefen Baß das „Lied an die Freude“ anstimmte und den Reigen anführte – wie konnten Sie nur bleiben? 

Der Philosoph blickte verlegen zu Boden: Er hatte nicht mitgetanzt – er war nur dabeigewesen…
„Stimmt es“, höhnte die Hippius, „daß Vjatscheslav Ivanov dabei übermütig wurde und eine reizende Dichterin im Schutze der Dunkelheit an der Spitze ihres Schuhes packte?“
Ich dachte: Hier – das „Mysterium“, dort – die Schaubude… Vjatscheslav Ivanov scheint nur ein abstrakter Professor zu sein, der sich als „bocksfüßiger“ Vortänzer gebärdet.
Ich war sehr befreundet mit Tatjana Hippius („Tara“), die bei Bloks verkehrte und mich gut verstand; ihr und Zinaida Hippius erzählte ich oft von der Mauer, die sich zwischen mir und Blok aufgerichtet hatte; Zinaida Hippius nahm daran sehr regen Anteil und sagte:

Aha!… Jetzt können Sie es sehen, wohin Ihr kontemplatives Schweigen mit Bloks Sie gebracht hat! Habe ich es nicht gesagt: „Irgendwo“ und „irgend etwas“ – dabei kann nichts Gutes herauskommen!

Ich begann ihr aufmerksam zuzuhören: die Entfremdung von Blok artete nach und nach in Aggressivität aus.
Sowohl Zinaida als auch Tatjana Hippius beobachteten meine wachsende Freundschaft mit Ljubov Dmitrijevna und fragten mich darüber aus, weil sie sehr lebhaft auf alles reagierten, was mich bewegte; in Zinaida Hippius schlug die Ader eines „Vollblutagitators“; es lag ihr viel daran, Ljubov Dmitrijevna für den eigenen Kreis zu gewinnen; Blok schien unerreichbar; Ljubov Dmitrijevna dagegen gab zu einigen Hoffnungen Anlaß; und umgekehrt: Ljubov Dmitrijevna, die vorher gegen die Hippius’sche Ideologie stark opponiert hatte, begann mich nach Hippius auszufragen; nachdem ich mich der Zustimmung von Hippius vergewissert hatte, schlug ich Ljubov Dmitrijevna einen Besuch bei Mereshkovskijs vor; Ljubov Dmitrijevna willigte ein und nannte dabei Hippius – „Zina“; Blok schien verstimmt zu sein; er beherrschte sich und hörte uns ruhig zu; aber auf seinem Gesicht lag der Ausdruck, den ich so wenig liebte: sein unterdrückter Widerwille reizte mich. Ich hatte mir zum Ziel gesetzt, den Lebenskreis von Ljubov Dmitrijevna, die sehr zurückgezogen, nur für „Sascha“ lebte, zu erweitern, denn hier, in solchem Leben, tummelten sich fragwürdige Geisterchen: solches Leben schien mir die krankhafte Welt der Sümpfe zu sein, der „Nachtviole“, die Blok vergiftet hatte.
Das alles war die Wirkung der Schaubude: in meiner Seelenwelt gab es „Blok“; und auf einmal – nichts mehr!

Schon schimmerte das tropfende Blau der ersten Frühlingstage; überall funkelten Tränen der Schneeschmelze; und Petersburg lächelte; es lächelte sein weiches Vorfrühlingslächeln; zur Musik der Tropfen zeigte mir Mereshkovskij (ich traf ihn auf dem Nevskij – zierlich, mit einer Wintermütze aus Biberpelz) die Ketten feinster Silberwölkchen:

Das ist schon Frühling.

Er und seine Frau rüsteten sich zur Reise nach Paris, nachdem die „Trilogie“ an Piroshkov verkauft war (ich hörte in diesen Tagen immer wieder: „Piroshkov, Piroshkov… ich muß zu Piroshkov… Jetzt hat es mit Piroshkov geklappt“); Mereshkovskij war sehr gut gelaunt; pfeifend ging er durch die Zimmer; und spazierte immer wieder schnell auf den Litejnyj, auf den Nevskij, um sich den Frühling anzuschauen; zu Hause wirkte er fast übermütig: Einmal empfing er Evgenij Ivanov mit wahrem Löwengebrüll:

Aha, das ist ja der Rotschopf!

Er schubste ihn zum Sofa und neckte:

Der Rotschopf, wie er leibt und lebt…

Ich begleitete Zinaida Hippius auf den Nevskij (sie schwärmte plötzlich für Spaziergänge). Sie betrachtete die vorübergehenden Menschen durch ihr Lorgnon und kaufte die ersten tiefblauen Veilchen.
Und die Tage zerstoben in Funken und verspritzten in tauenden Tropfen; Pfützen lagen überall auf der Lauer, und die ehemals weiße Straße wurde plötzlich braungelb.
An einem solchen Tage holte ich Bloks ab (als wären sie nicht imstande, den Weg selbst zu finden); ich hielt das für meine Pflicht! Und eigentlich gar nicht „ihretwegen“, sondern nur wegen Ljubov Dmitrijevna (Blok war häufiger Gast bei der Hippius); es sollte eine Reise aus einer Atmosphäre in die andere sein – in Begleitung des verdutzten Blok, der sich hinter seinem „Examen“ verschanzt hatte.
Man hatte es ordentlich über:

Sascha… Examina… Saschas Examen…

Ich dachte voll Verachtung

Als hätte die Welt so etwas noch nie gesehen: „Saschas Examen“… Als sei das ein Weltereignis… Wir alle haben einmal ein Examen gemacht; und wir alle haben uns dabei nicht so angestellt.

Jede Erwähnung von „Saschas Examen“ rief in mir die Reaktion hervor:

 Ach, er läßt sich alles gefallen, wie ein Mehlsack.

Und ich muß gestehen, ich nannte ihn im stillen:

Mehlsack…

Ich dachte: 

Man sollte diesen Mehlsack ordenlich durchschütteln!

Ich hatte es damals nicht gesehen Bloks Passivität hatte einen anderen Grund: er verlor den Glauben an das Leben; später erwies sich, daß seine Zerstreutheit, Düsterkeit, Geistesabwesenheit ein Anästhetikum waren; er zog sich zurück zu den „Krüppeln“ und den „Gecken“ der „Unbekannten“. Ja, seine Seele verblutete; wenn in jenen Tagen jemand ihm hätte Mut machen können, wären seine letzten Jahre anders verlaufen; die Enttäuschungen der zwanziger Jahre hätten ihn nicht hinweggerafft! Ich stand ihm nahe – ich hatte ihn nicht verstanden; und ich tat alles, um seinen Schmerz noch zu vergrößern; und ich streute Salz auf seine Wunden; wie unmißverständlich sind jetzt die Verse: 

Was gibt es Angenehmeres auf Erden
Als den Verlust der besten Freunde?

Beschränkt, stumpfsinnig bugsierte ich ihn zu Mereshkovskijs: zwischen goldfunkelnden Tropfen schleppten sich zwei Schlitten, die auf den hier und dort hervortretenden Pfastersteinen polterten: Ich voran, Bloks hinter mir; Ljubov Dmitrijevna angeregt, Blok gelangweilt – was konnten Mereshkovskijs für sein Leben bedeuten? Ich erinnere mich, wie ich mich nach dem ungleichen Paar umdrehte; Ljubov Dmitrijevna winkte mir mit ihrem Muff; Blok saß traurig da: das klare Profil, von der Sonne rosa beschienen, die Nase, das Gesicht, die mich jetzt plötzlich nicht mehr an die Morgenröte, sondern an die leidvoll schwindende Mondsichel erinnerten; die große prächtige Bibermütze war tief in die Stirn gezogen; ich winkte, Blok lächelte gequält. Ein Schneebuckel: der Schlitten wippte; die Nase verschwand hinter dem Kragen wie der abnehmende Mond hinter einer Wolke.
Die Vorstellung „abnehmender Mond“ bestimmt meinen Eindruck von ihm in jenen Tagen; das Mondhafte trat deutlich an ihm hervor; er schien karger und trockener, sparsamer in den Bewegungen und resignierter als sonst; er wirkte nicht mehr elegant; und nicht mehr rosafarben, sondern gelblich; über seinem Gesicht lag die Maske des Schmerzes, das auch seine Verse aus der Zeit der Briefe über Kant und über die Angst bestimmte:

Die Mondscheibe zieht sich hinter das gelbrote Laub zurück… Wie bleich ist der Mond in dem Blau… Dort wankt im Laub eine vergessene bleiche, tote Ähre… 

Er war ebenso bleich, vergessen und tot, als er damals Ljubov Dmitrijevna begleitete.

Dem Mond in der „Unverhofften Freude“ kommt eine große Bedeutung zu: Er ist ein Schnipsel; er ist eine Sichel, krumm und schartig:

Und nun sitzen wir im Moos
Mitten in den Sümpfen.
Der Dritte – der neue Mond oben
Verzieht seinen Mund zu einem Grinsen.

Oder:

Du wirst mich in Silber kleiden,
Und wenn ich sterbe,
Wird der Mond – Pierrot des Himmels – kommen,
Ein roter Bajazzo stellt sich am Kreuzweg auf.

Oder:

Die gehörnte Mondsichel blinzelt oben.

Oder: 

Wer kommt dort mit einem toten Auge
Und silbernem Schwert?

Oder: 

Der Mond rollte den Himmel herab –
Unheilverkündende Laterne.

Oder:

Der bleiche Mond zog über das Himmelsblau
Wie ein gekrümmter Finger.

Überall sehen wir den blinzelnden, gekrümmten, grinsenden und toten Fratzenschneider: so ist dieser Mond; und von gleicher Art ist alles, was zu ihm gehört – die Sinnlichkeit:

Der bleiche Mond zog über das Himmelsblau
Wie ein gekrümmter Finger.
Alle, zu denen ich kam,
Trugen ein blutrotes Kreuz als Mund.
Der Blick der Frauen war trübe und stumpf,
Und furchtbar war ihr Blick:
Ich wußte, das Zucken ihrer Lippen
Verrät ihre Schande…

Das Sofa würgte mich wie eine Schlange,
Ich, neugieriger Gast, wußte schon:
Der samtene Nebel der Zimmer
Vergiftete meine Seele.

Das Leitmotiv des Mondes in den Versen Bloks steht für gnadenlose Skepsis, argwöhniges, fast bissiges Lächeln; der Eindruck, den seine Person damals hinterließ, hatte etwas Mondenhaftes: ein gezwungenes Lächeln, ein grünlicher Schimmer der trüben Augen, den ich immer wieder hinter dem Schleier der Gleichgültigkeit erspähte („Hätte er mich doch lieber verprügelt, hätte er sich doch lieber ausgetobt!“).
So sah ich Blok, während er in seinem Schlitten an dem Haus Muruzi vorfuhr; er hatte mir im voraus die Freude an der Begegnung von Ljubov Dmitrijevna mit Mereshkovskijs verdorben; man kannte sich noch gar nicht, und schon „verzog er seinen Mund zu einem Grinsen“.
Zu meiner Beschämung merkte ich, daß ich diesen Mund beinahe haßte.
Zu dritt betraten wir den Salon; Zinaida Hippius wartete bereits in einem weißen Kleid (eine Art Mönchskutte), eine purpurne Schleife im üppigen hellroten Haar, und hob etwas zeremoniell ihr Lorgnon; aber schon ließ sie es sinken und kam lächelnd auf uns zu; Ljubov Dmitrijevna eilte ihr geradezu ungestüm entgegen, sie faßten sich an den Händen und setzten sich nebeneinander in den roten Schein vor dem Kamin; ich fachte das Feuer an und brachte die Kaminzange zum Glühen; mein gewohnter Platz war vor dem Feuer, ich blickte gern in die züngelnden Flammen. Blok setzte sich abseits: er setzte sich in den Schatten; nicht gewillt, an der Unterhaltung teilzunehmen, saß er einfach die Zeit ab; ich hörte gespannt zu und schwieg; man hörte die trägen Fragen der Hippius
„Ah sagen Sie…“
„Ah wie war das…“
„Ah Borja erzählte…“
Das Gespräch verlief in einer freundschaftlichen Stimmung; ich wunderte mich: die Begegnung war organisch; und ich mußte, wenn ich Blok ansah, denken:
„Was hast du bloß?“
Er zog sich immer tiefer in den Schatten zurück, sein Gesicht wurde wachsfarben, wie das einer Mumie; und ich dachte (mit einem Blick auf Zinaida Hippius):

Nächtliches Krähen der Hähne.
Kühle der Morgendämmerung. Dies alles –
Sind wir.

Wenn ich die Verse gekannt hätte, die Blok bald danach schreiben sollte, hätte ich sie zitieren können – angewandt auf ihn selbst:

Die Nacht ist taub.
Den Hahnenschrei
Hört die Nacht nicht.

Mit einer unwillkürlichen Bewegung (sei es aus Nervosität, sei es aus Ärger), riß ich die Feuerzange aus dem Kamin, drehte mich halb um und holte mit ihr weit aus; als Ljubov Dmitrijevna den gleißend weißen Zickzack sah, den das glühende, rauchende Metall beschrieb, packte sie erschrocken die Hippius an der Hand und rief:
„Sehen Sie…“
„Was macht er da…“
„Verbieten Sie ihm das…“
Warum erschrak sie so? Ich steckte die Zange wieder in die Glut; und ich ging vom Kamin fort; Mereshkovskij erschien, äußerst liebenswürdig und charmant (wie ein Mann von Welt, wie wenn Piroshkov gekommen wäre); gewöhnlich war er zerstreut; und wenn er dann eine der Damen sah, die bei Hippius zu Besuch waren, stutzte er, trat einen Schritt zurück und fragte, mit gläsern kühlem Blick:
„Sie sind das? Was machen Sie hier?“
Und das klang wie:
„Schade!“
An diesem Tage war Mereshkovskij außerordentlich liebenswürdig.
Aber alle sprachen mit Ljubov Dmitrijevna – und nicht mit Blok; offenkundig „gehörte Blok nicht dazu“: niemand braucht ihn, nie wird er „zu uns gehören“ („wir sind Euer – Ihr seid unser“)… Er wußte das selbst und schickte sich in seine traurige Rolle: die Rolle eines abnehmenden Mondes, das Sitzen an der Wand, das Weggehen; er saß seine Zeit ab und ging.
Zinaida Hippius sagte nachher über Ljubov Dmitrijevna:

Sie ist eine erstaunlich weibliche Natur…

Mereshkovskij lief im Zimmer auf und ab und bestätigte:

Ja, sie hat das gewisse Etwas…

Und dann entwickelte er, wie ich mich erinnere, folgenden Gedanken: Ljubov Dmitrijevna braucht das Handeln (bis jetzt ging sie in der Kontemplation auf); unter Handeln verstand er selbstverständlich die neue Religiosität, die im Kreise der „Bewußten“ (das heißt von „Zina“, „Anton“ und „Dima“) gepflegt wurde: „Zina“, „Anton“ und „Dima“ schrieben für die Zeitungen und „schmorten“ bei Sitzungen; auch Ljubov Dmitrijevna sollte so bald als möglich bei den Sitzungen der Religionsphilosophischen Gesellschaft „schmoren“… Fast eine Stunde lang unterhielt man sich über Ljubov Dmitrijevna; dann ging man zu bedeutenden Themen über; Blok wurde mit keinem Wort erwähnt.

Du wirst mich in Silber kleiden,
Und – wenn ich sterbe,
Wird der Mond – Pierrot des Himmels – kommen,
Ein roter Bajazzo stellt sich am Kreuzweg auf.

Erst am nächsten Tag, vor offenen Koffern, die mit anmutig gebundenen Gedichtheften, Parfümflaschen, Manuskriptbündeln und extravaganten Haarschleifen vollgestopft wurden, begann Hippius ein neues Gespräch über „Bloks“: Sie bat mich ihr von Bloks nach Paris zu berichten. 

Wir begleiteten Mereshkovskij und Zinaida Hippius zum Warschauer Bahnhof; obwohl der Frühling seinen Einzug gehalten hatte, trug Mereshkovskij einen warmen Waschbärpelz (er war ängstlich – er fürchtete Erkältung, Ansteckung, Staub, später die Revolution); erst im Wagen zog er einen Tuchmantel an. Mit Mereshkovskij reiste auch Filosofov; ich, Tata, Nata und, wie ich glaube, Kartaschov winkten vom Bahnsteig.
Plötzlich wurde es leer: wir wohnten in den Zimmern von Tata und Nata; der Salon verödete; die alte Kinderfrau Darja Pavlovn, setzte die Brille auf die Nase und inspizierte die leere Wohnung; Kartaschov besuchte uns; Nata pfiff Kirchenlieder, sie schnitzte eine Figur; ein Maler besuchte uns; er stotterte.
Einmal aßen wir auswärts (Kartaschov, Tata, Nata, ich und das Ehepaar Remizov) in einem Nebenzimmer bei Palkin; man brachte den Wein, Kartaschov stand auf, erhob sein Glas und sang mit seinem hohen Tenor, wobei er die Augen schloß wie ein Vogel:

Als Opfer seid Ihr im Kampf gefallen…

Aleksej Remizov forderte zu einem Reigen auf; wir bildeten einen Kreis und tanzten lachend; dann zogen wir alle zu einem Photographen und ließen uns photographieren; zehn Tage später fuhr ich ab: die Photographien von damals sind verlorengegangen.

 

Zu spät!

Das entscheidende Gespräch! Worüber? über die Schaubude? Es ging nicht bloß darum, sondern um die Tatsache, daß wir in Worten nicht einmal angedeutet haben, was als wortlose „Atmosphäre“ um uns webte, aus der gegenseitigen rhythmischen Rücksicht im Namen der gemeinsamen Hauptsache; wir gingen einem Thema nach dem kostbarsten, das auf Erden einmal zu verwirklichen uns beiden beschieden war; so erfüllt die Mannschaft einer Fregatte verschiedene Funktionen, aber schließlich und endlich sind sämtliche Funktionen auf das eine Ziel ausgerichtet: die stolze Fregatte überquert den gefahrvollen Ozean; sie steuert die Neue Welt an; die Matrosen können auf hoher See gut miteinander auskommen, sie können aneinandergeraten – das ist ihre Privatsache; ihre gemeinsame Aufgabe erfordert von jedem einzelnen völlig verschiedene Handgriffe (der eine lotet die Tiefe aus, der andre schaut durch das Fernrohr, der dritte teert die Takelage, der vierte steht am Steuer); das Resultat dieser verschiedenartigen und scheinbar zusammenhanglosen Beschäftigungen verwirklicht das gemeinsame Anliegen: das Schiff bewegt sich vorwärts.
Ja, einst gab es eine „Kommune“: Blok, ich, Ljubov Dmitrijevna und S.M. Solovjov. Solovjov und ich wählten Blok freiwillig zu unserem Kapitän; Ljubov Dmitrijevna erwies sich unserer Meinung nach (später) als eine sehr, sehr fähige Kapitänsfrau; Solovjov sprach ihr die Stellung unserer Anführerin zu; und plötzlich – Entlassung der Mannschaft; Resultat: S.M. Solovjov verläßt das Schiff; erst jetzt bemerke ich einen Kurswechsel, der zur Havarie führt; das Schiff ist leck, das Schiff sinkt; der Kapitän aber nennt das Geschehene „Unverhoffte Freude“; ich bemühe mich immerfort, ihn auf seinen Fehler aufmerksam zu machen; aber er sträubt sich und überläßt uns unserem Schicksal; gegen die Regel der Subordination bekomme ich den Kommandostab in die Hand; und ringe darum, die Rettungsboote klar zu machen; ich rede verzweifelt auf die Passagiere (Ljubov Dmitrijevna) ein, sie möchten sich in Sicherheit bringen, solange es noch möglich ist. Man fragt mich: „Und der Kapitän?“ Ich stürze zur Kajüte, in die sich der pflichtvergessene Kapitän zurückgezogen hat. Ich poltere gegen die Tür; aber die Tür ist wie mit Absicht mit Ballast zugebaut und mit Mehlsäcken verrammelt (die „Mehlsäcke“ sind das Staatsexamen „Saschas“).
So würde ich symbolisch die Lage umschreiben, die zwischen uns dreien entstanden war.
Unter solchen Umständen sind auch die persönlichen Beziehungen ohne Belang: Zwischen dem Kapitän und mir hätten die zärtlichste Freundschaft, der gräßlichste Hader herrschen können: Zärtlichste Freundschaft und gräßlichster Hader waren ein Nichts angesichts des Schicksals unseres Schiffes, angesichts der Pflicht, das Steuer zu bedienen und die Segel zu setzen; eine gemeinsame Aufgabe – die Rettung unseres Schiffes – müßte im Augenblick der Gefahr das Pflichtgefühl der gesamten Mannschaft wecken; ich glaubte, daß mein persönlicher gereizter Angriff gegen Blok, der so mißverständlich schwieg, gerade in dem Augenblick, als unser Schiff, dem wir uns alle anvertraut hatten, unterging, die einzig mögliche Haltung wäre: den Angriff auf Blok hielt ich für Pflicht; erst Jahre später mußte ich einsehen: Bloks Schweigen war eine Taktik eigener Art, sehr viel weiser als das hektische SOS; den Untergang der seelischen Welt Bloks erlebte ich als Leck in unserem Schiff; er aber hatte bei der Katastrophe seiner seelischen Welt die Welt des Geistes nicht vergessen; auf dem geistigen Plan setzte die „Argo“ ihre Fahrt fort; wie ein Fels hielt er dem Schlingern des Schiffes stand; mein Schrei nach den Rettungsbooten war Meuterei; und der Kapitän befahl:
„Schweige.“
Ich ließ mir nichts sagen, ich schrie weiter:
„Wir sinken!“
Aber es war kein Untergang; den Untergang brachte der Schrei nach den Rettungsbooten; dagegen wehrte sich Blok; ich war taub für das Kommando des Geistes, und Blok hat es nicht verstanden, das Kommando vernehmbar zu machen; Blok war ein Kolumbus, der zwar richtig den Kurs zu halten verstand, die Harthörigkeit seiner Mannschaft aber unterschätzte; wir waren beide im Unrecht; und wiederum waren wir beide im Recht; die Schuld lag nicht bei mir und nicht bei ihm; und trotzdem – vielleicht doch bei mir: er klagte mich nicht an: ich war der Meuterer: ich führte die Anklage gegen ihn.
Dort, wo ich nach Schuld suchte, lag keine Schuld vor; die Schuld lag darin, daß die schweren Erlebnisse des Mysteriums menschlicher Beziehungen unerwartet über uns hereingebrochen waren; ohne geistige Arbeit und ohne das Medium syzygischer Gemeinschaft, von der Solovjov geträumt hatte, ließen die Beziehungen sich nicht aufrechterhalten und stülpten sich zu ihrem eigenen Gegenbild um: in das Chaos langer, drückender, brütender Tage, ja sogar Monate. Wo waren damals die weisen, kundigen Lehrer geistiger Erkenntniswege? Sie kamen zu spät: sie erschienen nicht, sie ließen es auf den Nadryv in diesem flammenden Leben ankommen.
Nach den Nachschriften der von Steiner gehaltenen Vortragszyklen fällt es nicht schwer zu zeigen, wann Blok vom Wege zur Einweihung abgeirrt war… Und man hat leicht reden:

Friedrich Nietzsche ist zerbrochen, weil er noch nicht die Schlüssel der Geheimwissenschaft besaß…

Wo waren diese Schlüssel damals? Das Leiden Nietzsches haben sie geschehen lassen, ebenso das Leiden des besten Russen, der für die Russen so nötig war.
Blok ist eine so große Seele, daß sie ganz Rußland mit Licht hätte erfüllen können, wenn sie der Geheimnisse geistiger Erkenntnis teilhaftig geworden wäre… Aber man blieb bei der Feststellung: zu Beginn des Jahrhunderts pochte die Seele des russischen Lebens an der Pforte der Erkenntnis, ohne eine Antwort zu erhalten.
Später erzählte ich Blok: Die Anthroposophie zeige mir gerade das, was uns damals verborgen geblieben sei. Aber da war es schon zu spät: Bloks Flügel waren versengt, weil er früher als andere vor der Pforte der Einweihung gestanden hatte; mögen unzählige Menschen, die  anthroposophische Vortragszyklen stapeln, ihrer Wege gewiß sein – nach dem aufmerksamen Studium dieser mehr als fünfzig Zyklen.
Mögen Sie sagen: Anthroposophie! Ja – aber zu spät!
Ich kann das Schicksal Bloks nicht vergessen!

Er strebte nach der Harmonie menschlicher Beziehungen; von Konzentrationsübungen, Meditationen und sechs Regeln des übersinnlichen Pfades hatte er nie etwas gehört; ich erinnere mich, daß er einmal in dem dürftigen Bändchen von Leadbeater blätterte; und wie er die „Auren“ betrachtete; aber er konnte sich doch nicht an die östlichen Theosophen wenden! In jenen Jahren versuchte er durch Leadbeater hindurch etwas zu erlauschen. Und als Jüngling wußte er: das menschliche Kollektiv ist ein Individuum: ein Organ der Sophia; er suchte nach einer Bindung; er suchte nach „Esoterikern“:

Wir werden die Hände zusammenbinden und in den Azur entschweben…

Und er wußte – um entschweben zu können, mußte man selbst Azur sein…: „Du wirst das blaue Auge nicht begreifen, bis Du nicht selbst ein Pfad geworden bist“; aber auf welche Weise sollte man selbst das „blaue Auge“ werden?
Wo wart Ihr, als Blok an Eure Themen rührte? Und warum gabt Ihr keine Antwort?
Er stand unmittelbar vor dem Johannesbau – der Bau war nicht da.
Faust öffnet sich der Himmel, nachdem sein Weg vollendet war:
Blok zieht sich zurück: für immer!

Das Unbeschreibliche,
Hier ist’s getan…

Blok hat am Anfang seines Weges den „chorus mysticus“ gesehen! Wir schlossen uns zusammen, wir rangen darum, dieser Chor zu werden; aber bald wurde der Weiße Orden, den wir – Kinder noch, geschmückt mit den weißen Glockenblumen Solovjovs – bildeten, von den „Mystikern“ der „Schaubude“ abgelöst.
Keinen trifft die Schuld daran, daß das Geheimnis uns streifte, die Einsicht aber erst dann kam, als wir bereits zu Asche verglüht waren.
Was soll man darüber denken? Daß wir Opfer waren, Opfer jener, die Schicksale und Zeiten bestimmen, oder Opfer… unserer eigenen Unbedachtsamkeit; wir gaben uns dem Lichtstrahl hin, wir griffen nach ihm, wie die Kinder; aber der Lichtstrahl war Feuer; und er verbrannte uns; die Belehrung kam zu spät – etwa zehn Jahre zu spät!
„Blok“ schläft jetzt; und ich schleppe mich jetzt als Krüppel den seligmachenden, zu spät gewiesenen Pfad entlang.
So antwortet doch, Ihr Weisen!
In jenen Wochen lebte ich in der Erwartung: drei Leben, die das Mysterium nicht bestehen konnten, sollten zerbrechen; damals brauchten wir die geistige Eurythmie – nicht jetzt, nein (jetzt ist es zu spät), damals! Wenn wir in jenen Jahren den Jambus und den Amphibrachus hätten tanzen können – Blok wäre heute noch am Leben; und auch ich hätte nicht in einem Pariser Krankenhaus gelegen und Linderung gesucht in den verzagten Versen:

Nein, ich will unter die dumpfen Platten,
O Grab, du meine Mutter,
Du allein wirst nicht müde,
Mit zerrissenem Kranz Deinen Sohn zu beweinen.

Die Leitmotive „Schiff“ und „Weg“ sind in den Versen Bloks aus jener Zeit nicht zu überhören. Wir bestiegen die „Argo“, und wir legten ab, aus eigener Kraft, ohne „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ zu studieren, und selbst die „Dreigliederung“ schwebte uns unbestimmt vor.
Ja, wir versuchten, das Schiff zu besteigen.
Das Leitmotiv „Schiff“ durchzieht auch die „Unverhoffte Freude“; in den Jugendgedichten finden wir es nicht; was bedeutet das „Schiff“? Es ist ein Ganzes, es ist ein Pleroma aus Seelen, es ist ein Tempel; wir betreten den Tempel in kindlichem Vertrauen zueinander: wir legen ab; der Hinweis darauf ist die erste Erwähnung des „Schiffs“:

Dort flackert die letzte Laterne,
Sie beleuchtet die geheimnisvolle Mole.
Dort herrschte das Schiff wie ein König
Und segelte gestern auf den Ozean hinaus.

Und gleich nach dem Ablegen des Schiffes hebt sich aus der nebligen See der Tod ihm entgegen:

Und in der Ferne erscheint mir der Tod
Und stimmt den bannenden Sang an.

Dieser Tod ist die Katastrophe, die die „Arge“ ereilt hatte; auch ich ahnte sie; ich stellte sie in dem phantastischen Bild „Die Argonauten“ dar:

Was bedeutet dieser schmerzliche Laut?
Das sind die Wellen der fernen Meere,
Das sind die Stimmen der Sirenen.

Sirenen aber sind Verlockungen:

Meine Tochter, das singt die Sirene.
Hüte Dich, und laß uns heimgehen

Die Schiffe erscheinen bei Blok sehr oft vor dem Hintergrund des Himmelsrot oder des Frühlings; die Schiffe selbst sind das Himmelsrot:
„In der Abendstunde, als der Himmel sich rötete, in der kristallenen Stunde, erschienen die Schiffe… sie sangen einen Hymnus dem purpurnen Himmelsrot…“; „Aber die Schiffe, die den Sturm überstanden, brachten der Erde die Kunde der Morgenröte…“; „Vor uns im Halbkreis das Abendrot. Bald ist die Sonne verschwunden. Schau, Vater, schau, welch ein Schiff auf uns zukommt…“; „Die Träne hinterließ eine blutrote Spur… Und das Schiff segelte in den Frühling hinaus…“; „Langsam wendete sich der rote Schiffsbord, bunte Häuser liefen vorbei…“; Schiffe verkünden die Freude: „Und ich singe immer noch die gleiche schlanke Weise von dem liebgewordenen Schiff…“; „Und alle glaubten, die Freude sei nahe, die Schiffe lägen alle im stillen Hafen, und müde Menschen fänden in der Fremde ein lichtes Leben…“; „Und das Schiff fuhr in den Frühling hinaus…“; „Hier blüht die Stille, und sie bläht die schweren Segel des Schiffs meiner Seele…“; Leuchttürme weisen den Schiffen den Weg: „O, ihr lichttragenden Stengel der Meere!… Die Strahlen verheißen Rettung, wenn die Matrosen untergehen…“; bald sind jene Schiffe nur Gespenster, Schatten: „Traurig winkten wir den blauen Schiffen…“; „Schau, der Nebel schleicht heran: Das Schiff scheint blau…“. Die Schiffe verblassen und werden ein Traum: „Und der fortziehende Steuermann verschwimmt auf dem rosafarbenen Schiff…“; „Bei Sonnenuntergang segelten die Schatten der Schiffe im sich spiegelnden Abendrot. Aber nicht alle vermochten in dem Buch der Himmelsröten zu lesen, das Himmelsrot erlosch, und dem Mond zugewandt trug der bleiche Planet durch die Finsternis das Wissen von den künftigen hoffnungslosen Tagen“; die Schiffe schwinden:

Der ewige Trug des Ozean.

Die Schiffe scheitern im Nebel und unter dem schaurigen Gesang der Sirenen: „Hört Ihr hinter der Mauer der Nacht, hinter dem Sturm – das Locken der Sirenen…“; „Der Ozean dröhnte, mit Ballen von Schaum warfen die Meere nach den Stämmen der Leuchttürme. Sirenen heulten den langgedehnten Hilferuf: Sturm hatte dort die Boote der Fischer eingeholt…“

 

Das entscheidende Gespräch

Und nun wollte ich aus dem Schiff unserer Fahrten in ein schlingerndes Rettungsboot umsteigen; in einer Rezension reagierte ich sehr gereizt auf den Satz aus der etwas unklaren Vorrede zur „Unverhofften Freude“:

In einer neuen Freude entbrennen die Herzen der Völker, wenn hinter der schmalen Landzunge die großen Schiffe erscheinen werden.

Nicht ohne Bissigkeit fragte ich:

Ist der Umstand, daß Schiffe hinter einer Landzunge erscheinen, ein ausreichender Grund zur Freude?

Ich hatte Bloks Verse im Sinn:

Schau, Vater, schau,
Was für ein Schiff dort auf uns zukommt!
Meine Tochter, das singt die Sirene,
Hüte Dich, laß uns heimgehen.

Mit dem Erscheinen eines „Schiffs“ beginnt der Untergang des Helden in einer der Erzählungen von Maupassant. Die „Schöne Dame“ reist nicht zu Schiff, das Schiff brachte die „Unbekannte“… Der Leser erinnert sich: in dem Drama Bloks Die Unbekannte erscheint das Schiff lediglich als gemalte Dekoration an den Wänden einer Schenke, und seine Fahrt ist nur ein Traum betrunkener Köpfe. Ich wollte Blok bewegen, aus solchen „Schiffen“ in das schlichte Boot des Alltags umzusteigen.
In einem Gespräch sollte das alles offen ausgetragen werden.
Blok wich hartnäckig aus, er kam nur, wenn ich mit Ljubov Dmitrijevna oder mit Aleksandra Andrejevna zusammen war, blickte mit seinen sehr großen kindlichen Augen vor sich hin und bat:
„Nein, Borja, nein!“
„Laß uns lieber schweigen: laß uns abwarten!“
Ich ließ ihn gewähren: aber ich steuerte auf das entscheidende Gespräch zu; und das „Gewährenlassen“ speicherte sich als Qual, als Reizbarkeit auf:
„Ein Mehlsack“, dachte ich, „was für ein Mehlsack!“
„Nein, der ist nicht vom Fleck zu bewegen…“
Und zuweilen konnte ich das Gefühl der Überlegenheit nicht mehr verbergen; ich glaubte damals: ich würde ihn schonen, aber auf Kosten meines eigenen Bewußtseins.
Das Gespräch vollzog sich in Gebärden und im Verhalten; mit Worten redeten wir nicht, und wenn wir sprachen, dann nur Belangloses und Schlichtes; auch Aleksandra Andrejevna schwieg sich aus, sie war auf der Hut, sie spürte einen sich zuspitzenden Konflikt.
Und dennoch – dennoch fand das Gespräch statt: für mich entschied es die Stimmung des Jahres.
Vorsorglich kündigte ich Blok das Gespräch an:

Ach, man sollte das lieber nicht tun…

Ich bestand darauf: ein Gespräch sei nicht zu vermeiden, davon hänge alles ab – alles; er hörte das Ultimatum in diesen Worten und sah mich ganz offen an, nachdem er das Buch zur Seite gelegt hatte; und er sagte, indem er mit einem Lächeln den Schmerz verdeckte:

Dann also – ich freue mich!

Und dann teilte ich ihm einen von mir gefaßten radikalen Entschluß mit (ich möchte darauf nicht weiter eingehen), der ihn sehr verletzte; ich werde es nie vergessen: Ein Vorhang schien sich vor seinem Gesicht zu öffnen: er hielt es mir offen entgegen, mit den weit offenen blauen Augen; in diesem blassen Gesicht (er war sehr blaß in jenen Tagen) zuckten die Lippen: die Lippen öffneten sich wie bei einem Kind:
„Ich freue mich…“
„Nun…“
„Also…“
Oh, bittere Freude!
Er war schön mit seinem mattweißen Gesicht, den rötlich-aschfarbenen Haaren, dem stolz zurückgebogenen Hals, männlich und kühn; er stand am Tisch, sein Kittel fiel in weichen Falten, eine vollendete Harmonie von Licht und Dunkel vor dem Hintergrund eines Fensters, vor dem Fenster, das auf die eisige Wasserfläche hinausging, mit den winzig kleinen Häusern auf dem anderen Ufer; Krähen flogen vorüber; und schwarz-blaue, schwarz-graue Wolken, mit Rauchschwaden vermischt, verhängten träge den Himmel; und man spürte den Schritt des Schicksals.

Der Morgen wird sagen: Sieh, Du wirst in der Brandung
Einen von Trübsal ausgemergelten
Entkräfteten Leichnam finden,
Den Deine Sorge nicht retten konnte,
Der Deinen lichtspendenden Strahlen auswich
Und über die letzte Schwelle schritt…
Dem Auge unsichtbar,
Hinter dem Schleier der Nacht,
Zeichnete das versöhnende Fatum auf seine Stirn:
„Niemandes“.

Ich habe später oft an diese Szene gedacht: er über dem Band Vergleichende Philologie (vielleicht über dem Buch des Schicksals) den tödlichen Streich mit einem Lächeln parierend: seine hohe Stirn fiel mir wieder auf; vielleicht, weil das „Zeichen des versöhnenden Fatums“ darauf stand:
„Niemandes.“
„Ich freue mich!“
In der Erinnerung (es ist eine erinnerte Erinnerung) tauchte der erste Besuch der Bloks bei mir in Moskau auf; und die Verlegenheit, die zwischen uns dreien entstand, als hätte uns das Schicksal das künftige Unheil ahnen lassen; dort, in dem sehr kleinen engen Flur, wurde der Augenblick vorweggenommen, der mehr als zwei Jahre später eintreten sollte: Am Schreibtisch, über dem schweren Band Vergleichende Philologie (vielleicht über dem Buch des Schicksals), vor dem Fenster, hinter dem die eisige Wasserfläche und die winzigen Gebäude am anderen Ufer zu sehen waren; darüber hingen verräucherte, träge struppige schwarz-blaue und schwarz-graue Wolken mit den Strichen der Krähenflügel.

Eine Krähe ist mit uns
Aus der Stadt gezogen.

Damals ergab sich die Notwendigkeit einer weiteren Aussprache, die in den ersten Tagen des verweinten März stattfand, in jenen Tagen, wenn die Windstöße, die von der Neva kommen, die Hüte davontragen und die Rockschöße über den Kopf hochwirbeln, wenn das Pflaster im Nebel unter den Schneeschaufeln knirscht, wenn unter den Füßen der schokoladenfarbige Schneematsch schwappt, der zu einer ekelhaften faulenden Masse zusammenschmolz, in der Influenza und Schnupfen brüten.
An diesem Abend drängte mich die besorgte Aleksandra Andrejevna, indem sie mir eine Tasse Tee reichte:
„Trinken Sie doch, trinken Sie schnell: Sie müssen gehen.“
„Es ist schon spät.“
Blok saß schweigend da; Ljubov Dmitrijevna wirkte sehr förmlich. Aleksandra Andrejevna deutete mit den Augen auf „Sascha“ und „Ljuba“ und schien sagen zu wollen:

Seien Sie vorsichtig.

Ich bemerkte ein aufmerksames Auge, dunkelbraun, über einer langen Nase, und ein Bärtchen, das eine schlanke trockene Hand zwirbelte, Franz Feliksovitsch, der immer so leise eintrat und ebenso leise verschwand, hatte wohl begriffen, wie sehr mir das Herz klopfte; ich wandte mich nach ihm um, aber – nein: das dunkelbraune Auge folgte sanft einem Faden in der Tischdecke, die Hände lagen ruhig übereinander; in den Zeiten, in denen meine Beziehung zu Blok gespannt war, rückte ich in eine gewisse Nähe zu Franz Feliksovitsch – weshalb? Vielleicht deshalb, weil Blok für ihn so fremd war (Blok selbst hatte es mir erzählt). Und ich schämte mich, es zu gestehen: Sobald Differenzen mit Blok auftraten, suchte ich Unterstützung bei Franz Feliksovitsch und bot ihm gewissermaßen meinen Beistand an. Irre ich mich?
So war es.
Wir erhoben uns, gingen in das Arbeitszimmer Bloks und machten die Tür fest hinter uns zu; das Licht wurde angeknipst: der rote Lampenschirm, der Tisch mit der hölzernen Zigarettendose, der Bücherschrank mit den Bänden Byrons, des so Verehrten, das dunkelgelb und rot gestreifte Kleid Ljubov Dmitrijevnas, das an das Fell eines Leoparden erinnerte und leise raschelte, wenn sie sich wie eine Katze duckte, um mit einem einzigen Satz aus ihrer Korrektheit in unsere Mitte zu schnellen; den goldschimmernden, leicht ondulierten Kopf in beide Hände gestützt, verfolgte sie mit funkelnden Augen Blok und mich, führte uns zueinander und trennte uns wieder, wie der Sekundant bei diesem einzigartigen Duell der Ideologien; zwei Leben prallten aufeinander, und wie ein Duellant machte ich einen tollkühnen Ausfall gegen Blok (in Sekunden und Primen ohne Quart und Sext) und wähnte mit meiner Offenheit seine „Unaufrichtigkeit“ zu treffen und mit einem Hieb den unauflöslichen Knoten zwischen uns zu durchschlagen.
Ich glaubte offen handeln zu müssen, um Blok zu überzeugen, daß uns ein ritterlicher Kampf weiterbringen würde als stumme Verschlagenheit. Die Zukunft sollte mir zeigen: die „Unaufrichtigkeit“ Bloks war eine Folge seiner Treue zum Geist, aus Mißtrauen jener Seelenhaltung gegenüber, die ich für „Geist“ hielt; ich aber vermißte Herzlichkeit, ich bestand auf einer Trennung; ich diktierte das Ultimatum mit der Pose, die ich einnahm; Blok dagegen wartete darauf, daß die Spannung zwischen uns durch die weise Zeit gelöst würde; für ihn war meine Wahrheit ein Nebelmeer, aus dem kein Weg führte; außer dem einen: in eine Hochdruckzone; ich kämpfte gegen den Nebel, ich warf mich hin und her – und verirrte mich immer tiefer in den Schwaden; in diesen Posen, die zuweilen als Ungezogenheiten wirkten, lag meine Wahrheit: das waren die Posen, mit denen ich mich damals hervorzutun suchte.
Auch über das Thema „Unaufrichtigkeit“ verbreitete ich mich mit großem Pathos; und Blok – dunkel, zerzaust, mit hilflos umherirrenden Augen, saß breitbeinig (ganz unweltmännisch) an der Wand, auf dem Sofa, und zupfte das Roßhaar aus einem Kissen; sein Kopf war gesenkt, ab und zu warf er mir einen „verständnislosen“ Blick zu.

Mehlsack!

Ljubov Dmitrijevna mischte sich ein:

Sascha, ist denn das möglich?

Auch darauf – Schweigen, weder Zustimmung noch Ablehnung – dumpfes Schweigen.

Die Nacht ist taub.
Den Hahnenschrei
Hört die Nacht nicht.

Aber der Sieger war er; indem er meine Primen durch Contraprimen parierte, flog mein Degen zur Seite.
„Greif doch an!“ – sagte ich mit jeder Geste; aber er senkte den Degen; er saß einfach da und zog an einem Roßhaar. Er duellierte auf eine ganz andere Weise: seine Waffen waren Geduld, unauffällige Tapferkeit, völliges Fehlen einer Pose; ich, ein Marquis Posa, stand vor ihm: was sollte er mir antworten? Daß meine Urteile durch und durch falsch wären? Er wußte ja sich selbst nicht zu helfen.
Er schwieg.
Damals deutete ich das Schweigen anders; ich glaubte einen Gegner vor mir zu sehen, der den Degen wegwarf und seine Brust preisgab mit der Berechnung, daß der Andere den Degen senken würde; und der Degen wurde gesenkt – aus Mitleid mit einem Menschen, der auf dem Teppich zusammensackt:

Selbstverständlich – für einen Menschen, der auf dem Boden zusammensackt.

Und ich ließ „Gnade walten“, hielt inne und stürzte davon, ohne mich zu verabschieden.
Ich schäme mich: die Weisheit hat mich damals in die Flucht geschlagen; ich eilte durch die naßkalten Straßen mit jenem Schmerz, den ich in „Petersburg“ beschrieb (Wege, die Nikolenka Ableuchov an den herbstlichen Kanälen zurücklegt), in Richtung der Schpalernaja, wo ich ein Zimmer gemietet hatte (Tata und Nata hatten die Wohnung umgeräumt); ich landete in einem kleinen Restaurant auf der Karavannaja; und in der Seele tönte es ununterbrochen:

Besiegt! Besiegt!

Es war die Zeit des Umbruchs meiner Ideologie: Sie wurde zu einem komplizierten Amalgam aus Rickert, Nietzsche, Bakunin, Stirner und dem Evangelisten Johannes; sie wurde beeinflußt durch die Umwertung aller Werte, durch die Revolution, die in ihrem Verlauf kupiert wurde und langsam erlosch, durch Bombenanschläge und durch die Attentate der Extremisten.
Das gnoseologische Urteil „Die Wahrheit ist der höchste Wert“ verstand ich als ein Unterordnen abstrakter Wahrheitsbegriffe unter das wertschaffende künstlerische Tun, unter individuelle Wege, die überlieferte Formen („Mehlsäcke“) stürzen und sprengen sollten; und meine Philosophie dekretierte:

Mehlsäcke gehören in die Luft gejagt!

Diese Philosophie lief sich heiß an der Frage, die damals von allen gestellt wurde:

Darf man töten?

Mein Held war Kaljaev; ich sah mich als Siegfried; Siegfried tötet den bösen Fafner und verwandelt die Trägheit des biologischen Seins in den Wert – Leben. Blok, so wähnte ich, hätte Gelichter in den Tempelbezirk eindringen lassen. Ich stand vor der brennenden Frage: Was soll ich gegen ihn unternehmen? Wie soll man sich verhalten? Soll man auf Blok losschlagen? Aber er weicht vor einem Kampf aus; und legt sich quer über den Weg wie… wie ein „Mehlsack“.
Ich hatte den Rückzug angetreten, ohne Antwort erhalten zu haben; die Antwort war das kleine Restaurant auf der Karavannaja, wo ich allabendlich die Stimme zu übertönen versuchte, die mir zuraunte:
„Ich soll: sollst du?“
„Was sollst du eigentlich?“
Schweigen…

Geschäfte rufen mich nach Moskau; und ich reise ab; ich reise ab mit der Absicht, bald wiederzukommen; dort, in Moskau, kommt in langen Gesprächen mit S.M. Solovjov und Petrovskij die erbitterte Bestürzung und die innere Zerrissenheit zum Ausdruck; Trost finde ich in den Gesprächen mit M.K. Morozova, die viele helle Saiten zum Erklingen zu bringen versteht; ich korrespondiere mit Ljubov Dmitrijevna; Blok schreibt nie: er schweigt.
Dann erkrankt Ljubov Dmitrijevna. Der Zeitpunkt der Rückkehr nach Petersburg rückt immer näher; ein Brief von Blok: Komm lieber nicht, Ljubov Dmitrijevna ist sehr geschwächt, ich stecke in Examensnöten; ähnliches schreibt Aleksandra Andrejevna; diese Briefe nehme ich nicht unbefangen auf: ich betrachte sie als Vorwand, mir auszuweichen; das beschleunigt meine Abreise aus Moskau; vorsichtig melde ich mich bei Ljubov Dmitrijevna und Aleksandra Andrejevna an; Aleksandra Andrejevna ist gekränkt, Ljubov Dmitrijevna legt mir nahe, nicht zu kommen; ich reise ab.
Die Karwoche!
Ich komme bedrückt, widerwillig in Petersburg an; ich begebe mich zu Bloks, unsicher, ob ich überhaupt empfangen werde; Ljubov Dmitrijevna begrüßt mich befangen und führt mich sofort in den Blok’schen Teil der Wohnung; ich schließe daraus, daß Aleksandra Andrejevna mich nicht empfangen will; bei Bloks treffe ich den Übersetzer Johannes von Günther und einen lettischen Staatsmann, der sich für die Schönheiten Petersburgs und die Attribute der Autokratie begeistert; Blok, zurückhaltend, gleichbleibend liebenswürdig, gibt zu verstehen: Das Schweigen soll nicht durchbrochen werden, keinerlei Aussprachen! Es schellt: S. Gorodeckij kommt herein…
Bedrückt kehre ich in das Bellevue auf dem Nevskij zurück.
Und dann bahnten sich wieder gewisse diplomatische Beziehungen an: Aleksandra Andrejevna empfing mich wieder und reduzierte ihren Zorn auf eine Art „Zurückhaltung“; dabei bewies sie eine erstaunliche Geduld: mit ganzer Seele hing sie an Blok; sie kannte meinen Zorn gegen ihn – und blieb so taktvoll! Ljubov Dmitrijevna ließ sich zu Gesprächen mit mir herab: sie besuchte ich; ich erinnere mich besonders an einen solchen Tag; es war schwül und trübe: Man spürte das aufziehende Gewitter; wir schwiegen; Ljubov Dmitrijevna saß ganz in sich versunken da; Blok habe ich in diesen Tagen überhaupt nicht zu Gesicht bekommen; er blieb in seinem Zimmer oder ging einfach fort.
Einmal, es war Mitternacht – er: Er kommt herein, sein Rock ist verknautscht, das Gesicht aschfahl, er setzt sich und erstarrt, an die Wand gelehnt; Ljubov Dmitrijevna:

Sascha – betrunken?

Blok, bejahend:

Ja, Ljuba: betrunken…

An jenem Tage kam er von den Inseln; in einem Restaurant hatte er das Gedicht „Die Unbekannte“ geschrieben, das später so viel von sich reden machte; damals liebte ich dieses Gedicht nicht, ebensowenig alles andere, was den Nadryv bei Blok anzeigte; bei dem Blok, der mit einem grauen, verlebten Gesicht im Schatten sitzt und mit heiserer Stimme bestätigt:

Ja, Ljuba, betrunken…

Von diesem Gedicht existiert das Autograph: Ich sehe noch den Fetzen Papier mit den flüchtig hingeworfenen Zeilen; ich beuge mich über die Schrift: Ich vergleiche die Züge mit denen der ersten Briefe; doch, doch: die Schrift hat sich verändert; dort ist sie größer, gerader, nachdrücklicher, deutlicher; hier gibt es viel mehr Schwänzchen und Schleifen; die Buchstaben fließen ineinander; man spürt die Eile!
Und mit der Schrift verändert sich seine gesamte Erscheinung; das Gepflegte verschwindet: nun ist er ein „Student“ ohne jede Eleganz; die Uniformmütze ist eingedrückt; und die Stimme ist gröber, rauher; die Lider sind etwas geschwollen; wo ist die rosafarbene Atmosphäre, die er um sich verbreitet hatte? Die Stirnfalte hat sich vertieft, die Nase springt scharf hervor, ist spitzer, und auf die eingesunkenen Wangen legt sich ein Schatten; in diesem Frühjahr hat er sich die Haare kurz schneiden lassen; mein Eindruck von ihm: unschön und dunkel, als würde er, aus dem hellen Sonnenlicht kommend, in Dunkelheit versinken; in seiner Gegenwart fühle ich mich unsicher, unfrei und schwankend; ich meide ihn; und er meidet mich und schweigt sich aus. Ich kritisiere Tschulkov und Ivanov; und er prononciert überdeutlich Unwesentliches.
„Warst du im Examen?“
„Ja…“
„Bestanden?“
„Bestanden.“
Ich dränge nicht mehr auf Klärung, auf „Schlichtung“: alles „nach dem Examen“!
Seinem veränderten Aussehen entsprechend zeigte er jetzt eine deutliche Vorliebe für fließende, verschwimmende Reime und Rhythmen; jetzt herrschen das schwankende Versmaß und die gesuchten, reizvoll unreinen Reime.
Das Gedicht „Die Unbekannte“ lehnte ich ab; später erschien das Gedicht „Cleopatra“; und da wurde mit einem Mal klar, daß die „Unbekannte“ eine Verkörperung der „Cleopatra“ ist, die sich aus einem Museum aufmachte, das Modehaus Wertheim aufsuchte, sich nach dem letzten Schrei der Mode einkleiden ließ und mit dem Schnellzug nach Rußland kam, um Blok zu erscheinen:

Und uralte Sagen wehen
Um ihre schmiegsame Seide.

Das sind die „Sagen“ Ägyptens, das Blok verfluchte, und das ihm die schreckliche Muse sandte, zu der er später sagte:

Wenn Du den Glauben verspottest,
Erglüht über Dir auf einmal
Jener zarte purpurgraue,
Schon einmal von mir geschaute Kreis.

Das Mißtrauen gegenüber dem Petersburger Symbolismus verstärkte sich, besondern gegenüber seinem Einpflanzer, Vjatscheslav Ivanov, der von seinem „Turm“ auf der Tavritscheskaja den Nebel der Verallgemeinerung verbreitete, nachts wahrscheinlich in Begleitung von „Hexenmeisterinnen“ auf einem Besen aus dem Kamin flog und über der sich damals gerade konstituierenden Duma schwebte; die Wohnung lag sehr hoch im Dachgeschoß; man blickte auf die Duma hinab; wir pflegten damals auf das Dach zu klettern – an den „Mittwochen“ gegen sieben Uhr früh (die „Mittwoche“ dauerten von Mitternacht bis acht Uhr früh, das heißt, sie waren im eigentlichen Sinn keine „Mittwoche“, sondern „Donnerstage“; bis Mitternacht blieb es verhältnismäßig leer); Professor Anitschkov erklomm einmal den Dachfirst, hielt sich am Kamin fest und blieb so sechs Stockwerke über der Straße hängen; bei dem nicht unbeträchtlichen Gewicht des verehrten Professors wirkte das wahrhaft schreckenerregend; so etwas machte mir Spaß, das Herumrühren im „mystischen Anarchismus“ dagegen – nicht im geringsten; diese Strömung schien etwas Verderbliches in sich zu tragen (Tschulkov schrieb gerade sein Buch; Vjatscheslav Ivanov unterstützte es; Meyerhold, „eine Nase auf zwei Beinchen“, wie Ellis ihn nannte, kündigte etwas Unerhörtes an – einmal kam er eilig zu Blok gelaufen und erklärte in meiner Gegenwart:

Wir müssen alle in den Abgrund hinab.

Ich könnte mir denken, daß Professor Anitschkov, der über dem sechs Stockwerk tiefen Abgrund hing, durch diese Tat sich als echter Anarchist auswies; einen anderen „Abgrund“ hatte man nicht gesehen; was man sah, war Dekoration).
Die Autorität von Vjatscheslav Ivanov sanktionierte alle Widersprüche; ich glaube, daß Vjatscheslav Ivanov nach der arbeitsreichen Zeit im Ausland in der russischen Bohème-Atmosphäre einfach übermütig wurde: so dachte er sich den „Anarchismus“ aus. Ich dagegen habe vieles, was sich zwischen mir und Blok abspielte, als Ausdruck der literarischen Atmosphäre erlebt; die Revolution rief zu einer heroischen Haltung auf; die Atmosphäre des mystischen Anarchismus lenkte auf Irrwege, die bis zu… Rasputin führten; statt des Lebens – naßkalter Nebel, jeden „Mittwoch“ tummelte man sich darin, nachdem man auf einem Besen durch den Kamin geflogen war; die Entfremdung zwischen mir und Blok hatte seine Annäherung an Vjatscheslav Ivanov zur Folge (der Umgang mit mir strengte ihn damals an, Ivanov dagegen sang ihm Dithyramben!). Ich, der ich anfing, diese Dinge zu registrieren, interessierte mich in zunehmendem Maße für das Laboratorium Brjusovs, das heißt für die Moskauer Vesy; in der Folge vereinigten sich die Petersburger in Ory; ich faßte feste Wurzeln in Vesy; Solovjov und ich planten bereits einen Kreuzzug gegen Petersburg; es fehlte nur der letzte Anstoß, um die Spaltung endgültig zu machen.
Und dennoch wurden die diplomatischen Beziehungen zu Vjatscheslav Ivanov aufrechterhalten; er war freundlich, sentimental und hüllte mich in die Nebelschwaden seiner Ideen ein; auf seinen „Mittwochen“ ging es stets sehr lebhaft zu: Professor Anitschkov, K. Erberg, Tschulkov, Gabrilovitsch, die Maler Bakst, Somov, Bilibin, A.N. Benois, Dobushinskij. B.A. Lemon las dort seine Gedichte; einmal setzte er sich mit mir abseits und erzählte mir lange von irgendwelchen verdächtigen Experimenten; er blieb mir lange suspekt; hier las ich den „Phönix“, den ich dem Geheimnis der „Sphinx“ gegenüberstellte, dem Rätsel, das durch den Schöpfungsakt gelöst wird; in meiner Vorstellung von damals war Blok unter der Bürde der „Sphinx“ zusammengebrochen, während ich die Klarheit im Wort und in der Tat anzustreben glaubte. Unsere Entfremdung zeichnete sich immer deutlicher ab; ich fühlte mich in zunehmendem Maße der revolutionären Strömung verbunden; sowohl der „mystische Anarchismus“ als auch die „Mittwoche“ Ivanovs waren für mich Träger der Reaktion.
Am Tage der Eröffnung der Duma mischte ich mich unter die Menge und schrie den Deputierten aus Leibeskräften ein Hurra entgegen: noch mehr – ich lief hinter dem Wagen Roditschevs her; eine Demonstration gegen das alte Regime war für mich eine Demonstration gegen Blok.
Ja, ich hatte manche idée fixe.
Deshalb bedeutete meine baldige Abreise eine Erleichterung für Blok und Ljubov Dmitrijevna; schon frühstückten wir – zum letzten Mal bei Bloks. Schon spielte ich zum Abschied: „Ihr seid als Opfer gefallen…“ Ich spielte und fuhr zurück, nach Moskau. Blok war in einem Examen. Ich hatte mich von ihm nicht verabschiedet; Ljubov Dmitrijevna, ich erinnere mich, winkte mir durch das Klappfenster mit einem weißen Tuch nach.

 

Fieber

Ende Mai.
Die Tradition der vergangenen Jahre zog mich nach Djedovo: In jenem dumpfen, trüben, gewittrigen Sommer, als durch ganz Rußland Bauernunruhen wie ein Waldbrand wüteten; überall wurden die Blätter der Donskaja rjetsch verteilt; überall rotteten sich bewaffnete Bauern, Landstreicher und Landarbeiter zusammen; überall flogen Gutshäuser in die Luft; der gemäßigte Bauernverband trat in Aktion; in der Duma wurde die Agrarfrage auf die Tagesordnung gesetzt; auf Schritt und Tritt begegnete man Funktionären in schwarzen (Sozialrevolutionäre) und in grellroten Hemden (Sozialdemokraten); ich schrieb eine Reihe von Besprechungen von Bebel, Kautskij, van der Velde – für Vesy – unter den Pseudonymen Alpha und Beta, Gamma und Delta. Wir atmeten die spannungsgeladene Atmosphäre der Meetings, die überall im Landkreis abgehalten wurden, und lasen mit verstärktem Interesse Gogol. Wir haben ihn so liebgewonnen, daß Sergej Solovjov ihn oft mit dem Kosenamen „Gogoljok“ nannte. Überall sahen wir Gogol; Sergej Solovjov sagte:

Erinnerst du dich an das Frühjahr im letzten Jahr, verregnet und still: damals trugen wir immer den Umhang – weißt du, von Onkel Volodja? Wir warteten, daß die Glockenblumen aufblühten. Heute ist es anders… Ja – ganz anders. Ringsumher scheint alles zu grinsen; und überall geht es nicht mit rechten Dingen zu.

„Der Zauberer geht wieder um!“
Und Solovjov fügte hinzu:
„Überall tauch der Rote Rock auf Schau hin: die gesamte Natur hat das Lächeln von Gogol…“
Ich und Solovjov hatten an der Revolution Feuer gefangen; Bauern kamen zu uns; flüsternd erzählten sie von den Vorgängen im Landkreis; sie vertrauten uns; wir trieben überhaupt keine Propaganda; und dennoch: die Bauern hielten uns für ihresgleichen, und die Fuhrleute, die mich nach Djedovo brachten, erzählten mir: N. N. (der Landarzt) betreibe Agitation, die sich sehen lassen kann; man ist ihm seit langem auf der Spur, aber er läßt sich nicht erwischen. Sie schnalzten mit der Zunge und drehten sich nach mir um:
„No, no!“
„Die Erde wird unser!“
„Und mit den Kovalenskijs…“
Sie erzählten weiter: in diesem Wald wird zur Nachtzeit die „Mitinga“ abgehalten, und in Kamenka ist ein echter Gendarmerieoberst aufgetaucht, als Sommerfrischler getarnt; mit einem Körbchen sucht er im Wald „nach Pilzen“: in Wirklichkeit nach der „Mitinga“.
„Warum erzählen Sie mir das alles?“
„Wieso denn, Herr: Ihr gehört doch zu uns, zum Volk…“
„Woher weiß man das?“
„Wieso denn, haben wir denn keine Augen im Kopf? Die Kovalenskijs, das ist ein anderes Kapitel. Ihr aber, und unser Herr Sergej Michajlovitsch, Ihr gehört auf unsere Seite…“
Und der „Politiker“ zog die Nase hoch und wandte sich wieder den Pferden zu:
„No!“
Wir fuhren in Djedovo vor; von weitem, aus dem Dickicht der Kapuzinerkresse, kam uns die inzwischen fünfundsiebzigjährige Aleksandra Grigorjevna Kovalenskaja entgegen; der „Politiker“ zog vor ihr die Mütze und bettelte um ein Trinkgeld, das ihm großzügig gewährt wurde. So erfuhr ich zum ersten Mal, wie unbeliebt W.M. und N.M. Kovalenskij, die Onkel von Solovjov, waren, und welches Mißtrauen man Aleksandra Grigorjevna entgegenbrachte. Sie kannte die Literatur, bewunderte Maeterlinck, van Lerberg, Rodenbach, den ich, um Ellis zu ärgern, „Rodenbacher“ nannte; sie vertrat die gemäßigt-liberale Richtung: lobte Miljukov und schämte sich für Gutschkov; Petrunkevitsch war ihr zu liberal. N.M. Kovalenskij schätzte die „Oktobristen“ sehr, obwohl er sich einen „Kadetten“ nannte; ein wirklicher Staatsrat, überraschte er durch seine Eleganz: er stand auf dem Balkon, in einer weißen Weste, spielte mit seinem Lorgnon, streckte den kurzen grauen Backenbart zum Himmel und seufzte in einem wohltönenden Baß:

Ich habe die Sonne so gern!

Er kam jedes Jahr aus Vilno: für den ganzen Sommer.
W.M. Kovalenskij war kleingewachsen und stämmig; immerfort murmelte er vor sich hin:

Nein, meiner Meinung nach ist das Recht bei Schmakov.

Er drückte sich immer verspielt aus – das war sein Stil: und dennoch empfanden die Bauern ihm gegenüber ein größeres Vertrauen als zu dem distinguierten „Kadetten“; und sie sagten:

Kovalenskijs sind Sklavenhalter!

Sergej Solovjov brachten die Bauern des ganzen Landkreises demonstrativ Sympathie entgegen:

Der selige Michail Sergejevitsch – der war immer für das Volk: tagtäglich hat er uns vor den Kovalenskijs in Schutz genommen.

So wurde der Streit zwischen Solovjov und N.M. Kovalenskij um das Recht der Bauern auf Grund und Boden zu einem „Mythos“, an dem der ganze Landkreis mitdichtete: wie hätte es auch anders sein können – ein so netter Herr – gegen uns? Unsinn: der war für uns!
Solovjov gegenüber benahmen sich die Bauern fast zärtlich; mehr als einmal murmelte eine alte Bäuerin, wenn sie ihn sah: 

Geh nur, geh: kannst ruhig hier spazierengehen… Keiner wird dich auch nur mit dem Finger anrühren, mein Täubchen…

Daraus konnte man schließen, daß man über kurz oder lang doch „mit dem Finger angerührt“ werden sollte; in den Landkreisen Samara, Simbirsk und Saratov hatte man bereits damit begonnen, und zwar ziemlich unsanft.
Ich, als der Freund Solovjovs, galt ebenfalls als der Freund des Volkes – und zwar ohne jede Bemühung meinerseits; Solovjov traf sich mit den Mädchen und den jungen Bauern, er tanzte mit ihnen Reigen und verbrachte lange Abende in Bauernhäusern; ich tat das alles nicht: Aber man glaubte, gerade ich sei „jenes Häkchen, an dem alles hängen würde“; mit gutem Grund würde ich die „Mitinga“ nicht besuchen, aus „Politik“; und ich bin überzeugt: und wenn ich angefangen hätte, für den bestehenden Zustand zu predigen – auch dann hätte man mir keinen Glauben geschenkt, auch das hätte man für „Politik“ gehalten – für ein Täuschungsmanöver: ich mußte eben unbedingt jenes „Häkchen“ sein, „das… welches… nun eben – die ,Mitinga‘“; und von den revolutionierenden Stjopkas und Egorkas strömte eine Welle der Sympathie mir entgegen; es war eigenartig: die liberale Kritik bezichtigte mich einstimmig der Fremdheit dem Volk gegenüber; das Volk aber, das mich nie gelesen hatte, verkündete durch diese Egorkas, Ivaschkas und Stjopkas: ich sei eben unbedingt jenes „Häkchen“.
Diesen Eindruck hatte ich immer, sobald ich mit der Landbevölkerung in Berührung kam, sogar während meines Krankenhausaufenthaltes im Jahre 1921, als nahezu sechzig Menschen mit mir zusammenkamen (alle Arbeiter und Bauern); als ich endlich entlassen wurde, verabschiedete sich der Krankensaal von mir mit tiefer Herzlichkeit: man drückte mir beide Hände:

Sie müssen unbedingt uns im Frühjahr besuchen; in Rubljovo: Sie brauchen nur nach dem Klempner zu fragen!

Im engen Zusammensein mit der Familie Kovalenskij, bei den täglichen Zusammenkünften am Familientisch erlebten wir das gegenwärtige Zeitgeschehen auf eine sehr verschiedene Weise (die Duma, ihre Auflösung, den Appell von Wyborg, die Demonstrationen): Kovalenskijs verhielten sich herausfordernd (einmal flog zufällig ein Stein gegen ihre Fensterscheiben); sie schwankten zwischen Ängstlichkeit und galliger Gereiztheit; wir dagegen fühlten uns wie Fische im Wasser; natürlich konnten temperamentvolle Gefechte nicht ausbleiben: Anna Grigorjevna erblaßte und zog sich zu einem zitternden Knäuel zusammen (von Jahr zu Jahr wurde sie unter ihrem schwarzen Kleidchen und dem schwarzen Spitzentuch immer kleiner, runzliger, feingliedriger); dann lehnte sie sich mit einem ironischen Lächeln in den Sessel zurück. Abends gingen wir in das Dorf Nadovrashino, besuchten die Schwestern Ljubimov (sie hielten auch zum Volk) und sangen dort Lieder, die ans Herz griffen:

Brenne nieder, mein Kienspan,
Mit dir werde auch ich erlöschen.

In dem gleichen Dorf Nadovrashino lag eine Hexe im Sterben – und die revolutionär gestimmten Burschen schlugen ein Kreuzzeichen, weil sie das „Waldecho“ gesehen hatten. Der Umgang mit N.M. Kovalenskij fiel mir immer schwerer; er kam zu der Überzeugung, ich sei ein „ausgekochter Sozialist“; und ich wurde nervös.
Meine Nervosität entsprang noch einer anderen Ursache: der stürmischen Korrespondenz mit Bloks, die direkt auf einen Bruch zielte; ich bombardierte Bloks mit Briefen, wobei ich sämtliche Vorstellungen von Wert und Beständigkeit mobilisierte und ihre Taktik durch schwerfällige Angriffe zunichte machte: ich zitierte Kant, Cohen, den Evangelisten Johannes, den Freiburger Professor Rickert, um das ideologische Duell mit Hilfe von Rickert, Kant und Cohen in einer extravaganten Auslegung der Biographien gipfeln zu lassen und Bloks zu beweisen, daß sie Heuchler seien, Konterrevolutionäre, Kleinbürger, die sich in ihrer spießigen Welt verfangen hätten (später gestand mir Ljubov Dmitrijevna, daß sie einen riesigen Packen meiner Briefe in den Ofen gesteckt hätte); Ljubov Dmitrijevna parierte temperamentvoll, nannte mich vermessen, abstrakt und beschuldigte mich der „mania grandiosa“; aus meinen Hinweisen auf den Apostel Paulus glaubte sie entnehmen zu können, daß ich mich für einen Christus hielt (so wurde es mir später berichtet. Meine Wut läßt sich unschwer vorstellen: die Interpretation von Rickerts „Der Gegenstand der Erkenntnis“ sollte plötzlich dazu geführt haben – dabei nannte sie sich eine Philosophin und war von Vedenskij über Kant geprüft worden). Blok schrieb selten und sehr unbestimmt.
Mit jedem Brief schnitt ich mir selbst den Weg zu einer Verständigung ab; eine Verständigung schien mir ein Kompromiß zu sein; ich aber hatte mir geschworen: Keinen Kompromiß mehr: Alles sollte neu werden! Ich wanderte über die staubigen ausgetrockneten Straßen und sang:

Wir sagen uns los von der alten Welt:
Ihren Staub schütteln wir von unseren Füßen!

Jene Beziehungen, die nicht auf „Werten“ gründen, sollten alle gesprengt werden. Und Menschen? Die haben nichts zu bedeuten; Werte sind übermenschlich: Der gnoseologische Träger des Bewußtseins steht erhaben über dem Untergang empirischer Hüllen; mag der Tod kommen: Alles ist gleich; an diesem Punkt drang ich bis zur Psychologie des Terroristen vor; die Frage, der ich nicht ausweichen konnte, betraf den Mord; einen gewissen Akt, der ausgeführt werden mußte… Es mußte eben so sein… Ganz Rußland lebte darin: Expropriationen, Attentate, Morde! Und ich rechtfertige das alles; immer öfter stand ich vor der Frage:
„Könntest du töten?“
Meine Antwort war:
„Ich kann es nicht…“
Eine Antwort war:
„Dann – weg mit dir!“
Der Selbstmordgedanke, diese krankhafte Phantasie, bemächtigte sich meiner für Monate; und ich wanderte über die staubigen ausgetrockneten Straßen und sang:

Ihr seid gefallen im schicksalhaften Kampf…

„Der Zauberer hat sich wieder gezeigt…“
„Noch lebt Danilo…“
„Ist das nicht ein roter Rock zwischen dem Laub?“
„Das ist der Rote Rock.“
Solovjov hob das braungebrannte Gesicht und sprach, mit einem dämonischen Lächeln durch die Zähne: „Ja, ja, ja, die Tage haben etwas von Gogoljok!“
„Lebt die Hexe immer noch?“
„Immer noch.“

Ich fand weder Rast noch Ruh; ich floh nach Moskau und kehrte gleich darauf zurück; einmal geriet ich zufällig auf mein Gut und blieb dort etwa zwanzig Tage hängen, während deren ich die letzte Hand an die Symphonie „Der Kelch der Schneestürme“ legte; Proben hatte ich im Winter Blok vorgelesen; dieses Werk ist durch und durch exaltiert; erst später hatte Blok gesagt: „Das ist ein schreckliches Stück; und ein götterlästerliches!“ Ich schrieb düstere Gedichte, etwa in dieser Art:

Vor mir: Hunger und Kälte – furchtbar;
Gefängnis und Bettelstab warten auf mich.
Grimmiger starker Schnaps,
Versenge wie Feuer meine Brust!

Oder: 

Komm herein – in meine Hütte:
Ich will Dich trunken machen,
Bis Du die grünen Drachen sehen wirst…

Damals schrieb ich das Poem „Totenmesse“:

Die Starre – endgültig!
Auf meinem gelben Gesicht treten
Flecken hervor.
Mit Blumen
Überschüttet man mich;
Mit Kerzen
Umstellt man mich.
Mit den Lippen
Rühmt man mich.

Ich erinnere mich sehr gut an die Bierschenken in Moskau, wo ich mit Briefträgern, Droschkenkutschern, Landstreichern lange Unterhaltungen führte über das Thema: es sei für uns alle besser zu sterben als so weiterzuleben; die gleichen Schenken erschienen auch bei Blok: in den Gedichten und auch in der Perle seiner dramatischen Kunst, in der „Unbekannten“. Eines von diesen Gesprächen beschrieb ich später in „Petersburg“.
Meine Mutter war in diesen Monaten in Marienbad und in München; ich lebte auf dem Gut allein; zuweilen ritt ich mit dem Gutsverwalter über die gelben Haferfelder und predigte:

Dieser Hafer ist ein Raub an den Bauern…

Der Verwalter, ein bärtiger Kulak, widersprach mir nicht. Einmal war ich bei dem Popen zum Tee eingeladen; dort predigte ich:

Zeit und Raum sind Formen der Anschauung.

Väterchen verhielt sich ganz still, aber bald darauf erzählten sich die Leute im ganzen Landkreis, der Herr sei übergeschnappt; der Herr sei nicht bei Trost.
„Wieso denn das?“
„Aber freilich: er hat doch dem Popen gesagt, es gäbe überhaupt keinen Raum.“
Die Einwohner des Gouvernements Tula empörten sich über meinen Nihilismus (ich bin zwei Jahre lang nicht wiedergekommen, und da wurde behauptet, ich sei in der „Klapsmühle“). Das habe ich dem Popen zu verdanken!
Ja, die Bauern suchten mich heimlich auf (heimlich vor dem Gutsverwalter), und ich unterbreitete ihnen meine Anschauungen:

Haltet durch: das Land wird Eures werden: brennt keine Gutshöfe nieder; tretet lieber in den Bauernbund ein.

Sie hörten mir schweigend zu und ächzten; einmal ging bei Nikolaj Petrovitsch, dem Landespolizeichef, der früher oft meine Mutter besucht hatte, eine anonyme Anzeige ein: „Über die aufwieglerische Tätigkeit des Gutsbesitzers B.N. Bugajev betreffs Plünderungen von Privateigentum“, die er wohlmeinend in der Schublade verschwinden ließ (diese Anzeige erfolgte wahrscheinlich von unserem Gutsverwalter); Nikolaj Petrovitsch hatte vor, mich einzuladen und mir den Rat zu geben, das Gouvernement Tula zu verlassen (vorübergehend selbstverständlich, solange meine Nerven nicht in Ordnung seien!); aber ich war bereits fort. Ich wollte zu Solovjov. Später erzählte man sich, daß die Polizeibehörde Wind von der Angelegenheit bekommen hatte, aber Nikolaj Petrovitsch wäre es gelungen, die Sache beizulegen; damit hatte es sein Bewenden.
Solovjov war sehr düster, genau wie ich, und brütete über einem Programm zur organischen Verschmelzung mit dem Volk: er suggerierte sich den Gedanken, daß er ein einfaches Mädchen, eine Bäuerin, die als Köchin in Nadovrashino diente, heiraten wolle; er konnte sich nicht entschließen, den Heiratsantrag zu machen – aus Unsicherheit über die Gefühle der Bäuerin und auch seiner eigenen: ganz sicher war er nur der Gefühle von A.G. Kovalenskaja bei dieser Nachricht.
Oh, diese gewittrigen glühenden Tage und Abende, an denen der Himmel uns blutrot vorkam und wir verbittert, mit dem festen Vorsatz, uns das neue Leben zu erkämpfen, einander zur totalen Rebellion anfeuerten: sei es Hochzeit; sei es Bombe, sei es Ausfall gegen die Bloks oder N.M. Kovalenskij – komme was da wolle! Dazu mobilisierten wir: ich – Nietzsche und Rickert, Solovjov – die Kirchenväter, Sozialrevolutionäre, das Idyll Theokrits und Nekrasovs; der Eindruck, den er in jenem Sommer auf mich machte, verdichtete sich später zu der Gestalt meines Darjalskij, und Nadovrashino spiegelte sich später in mir als das Dorf Celebejevo. Nachdem ich mir selbst die Notwendigkeit eines ausdrücklichen revolutionären Verhaltens bewiesen hatte, begab ich mich auf mein Zimmer, um wiederum Bloks aufs energischste dasselbe zu beweisen (in wievieltem Brief?); und Solovjov zwängte sich in Schaftstiefel, zog ein grellrotes Hemd über, stülpte statt der Mütze einen buschigen Kranz aus Tannenreisig auf den Kopf und zog hinaus (zuweilen marschierte er fünfzehn, wenn nicht gar zwanzig Werst an einem Tag).
Ich erinnere mich: Abend. Solovjov ist in den Feldern; ich sitze im Schaukelstuhl auf der Terrasse: In den Händen ein Bändchen Gogol (Furchtbare Rache oder Vij). Schon malträtiert N.M. Kovalenskij im Nebengebäude den Flügel, seine Finger stolpern „Verstummt, ihr Leidenschaften“, mit Mühe und Not erreicht er die Stelle:

Die Seele verschmachtet in der Trennu-u-u-u-ng!

Bei dem „u-u“ scheitert er endgültig, um wieder von vorne anzufangen.
Wieder ein Abend; wieder die Terrasse; die Familie Kovalenskij beweist mir die Unhaltbarkeit meiner politischen Anschauung; ich trete den Gegenbeweis an: die Enteignung ist unaufschiebbar. Das Kinn von Anna Grigorjevna zittert, sie stemmt sich gegen die offensichtliche Leichtfertigkeit dieser Theorie, hinter ihr zittert die Kapuzinerkresse; Nikolaj Michajlovitsch atmet den betäubenden Duft der Levkojen ein und spielt mit dem Lorgnon auf seinem weißbespannten, vorgewölbten Leib; die andere Hand bewegt einen winzigen Fächer; sein auffallend weißer Backenbart ist hochmütig vorgestreckt; die klaren Beweise sind für ihn durchaus unklar:
„Das verstehe ich nicht…“
„Nicht ein Wort!“
Wir stehen geräuschvoll auf, poltern mit den Stühlen (ich und Solovjov); und marschierten nach Nadovrashino, um uns dort mit den Schwestern Ljubimov weiter über die Verständnislosigkeit Kovalenski js zu wundern. Wir singen: 

Ihr fielt als Opfer…

Meine Exaltation nahm immer mehr zu; und nach einem Brief von Ljubov Dmitrijevna beschließe ich, unverzüglich nach Schachmatovo zu fahren (es liegt ja fast in unmittelbarer Nähe: nur eine Bahnstation entfernt); aber ich bin mir dessen bewußt, daß ich unmöglich im Gutshof empfangen werden kann; und ich beschließe, irgendwo bei Bauern abzusteigen, im Dorf, ganz in der Nähe; aber Solovjov überredet mich, den Plan fallen zu lassen.
Dieser Sommer war für Blok, nach seinen Briefen zu urteilen, grenzenlos schwer; in ihm stieg ein Widerwillen auf gegen alle Themen, die ihn vor kurzem angezogen hatten; in einem Gedicht, das im August entstanden war und vermutlich an Ljubov Dmitrijevna gerichtet ist, erklärte er:

Mit Dir schaute ich die Morgenröte,
Mit Dir blicke ich in diesen schwarzen Abgrund.

Und weiter:

Wer ruft? Wer weint? Wohin gehen wir?

Werden wir auferstehen? Untergehen? Sterben?

Zufällig komme ich nach Moskau: von dort aus halte ich Bloks unter Beschuß; und – ich bekomme ein Billet: Ljubov Dmitrijevna und Blok wollen für einen Tag nach Moskau kommen, um sich mit mir auszusprechen; ich erwarte sie; an einem schönen Morgen geht die Klingel: ein Bote: Blok und Ljubov Dmitrijevna warten auf mich im Restaurant Praga und bitten mich zu kommen; ich stürze hin; fliege die Treppe hinauf; und sehe, wie sie dort hinter einem Tischehen sich erheben: der freundlich blickende Blok und die ruhige, vor Gesundheit und Frische strotzende, sehr elegante und sehr feierliche Ljubov Dmitrijevna (sie hatte es offensichtlich leichter als wir andern); sie stellt mich vor das Ultimatum: ich müßte mich mäßigen. Ich war mit völlig anderen Erwartungen gekommen; ich dachte, Bloks würden die Waffen strecken; kaum hatten wir uns gesetzt, da sprang ich schon auf, zum größten Erstaunen der Kellner:

Ich weiß nicht, wozu Ihr gekommen seid; wir haben uns nichts mehr zu sagen – bis bald in Petersburg, auf ein Wiedersehen dort.

„Nein, im Ernst: Sie dürfen nicht kommen…“
„Ich werde kommen.“
„Nein…“
„Doch…“
„Nein…“
„Leben Sie wohl!“
Und ich gehe zum Ausgang, wo ich von einem Kellner mit der Flasche Tokayer in der Hand angehalten werde; ich zahle; Bloks, enganeinandergeschmiegt, steigen die Treppe hinab; ich hole sie ein: Ljubov Dmitrijevna fährt nervös herum; in ihren Augen sehe ich Schrecken (genau wie damals bei dem Auftritt mit der Kaminzange bei Mereshkovskijs); ich denke, daß sie denkt, ich dächte etwas Ungutes; und ich denke an ihre Gedanken über meine Gedanken: Ja, ja – erstaunlich sensibel; aber beruhigen Sie sich: das ist es nicht, was Ihnen droht, sondern etwas anderes, wovon Sie nichts wissen. Ich glaubte, Ljubov Dmitrijevna habe geglaubt, ich trüge eine Waffe bei mir.
Zu dritt treten wir auf die Straße; und wir trennen uns vor dem Praga; Bloks gehen in die Richtung der Povarskaja, und ich gehe zum Smolenskij Markt.
Wir haben uns nicht verabschiedet.
Zwei Stunden später bin ich bereits unterwegs nach Krjukovo und komme bei Solovjov völlig derangiert an; Solovjov pflegt mich; dabei überkommt mich ein unsinniger Gedanke: mich zu Tode zu hungern; ich fange unverzüglich damit an (und esse nur zum Schein); aber bald bin ich ertappt: von Solovjov.
Daraus ist also nichts geworden.
Und einige Tage später kommt es zu einem fürchterlichen Streit mit N.M. Kovalenskij (Politik!): es ist mir nicht möglich, weiter mit der „Reaktion“ zusammenzuleben; Solovjov geht es ebenso; wir ziehen nach Moskau, das um diese Zeit stickig und gewittrig ist; ich schließe mich in der leeren, durchdringend nach Naphtalin riechenden Wohnung ein; und plötzlich der Bombenanschlag auf dem Sommersitz von Stolypin; diese Explosion erlebe ich wie im Traum.
„Aha, seht ihr, seht ihr: schon fliegt alles in die Luft.“
„Ihr sollt das Schicksal nicht versuchen!“
Meine revolutionäre Stimmung ist auf dem Siedepunkt; einmal schleppt man mich zu Ratschinskij; wir sitzen dort: Solovjov, ich, Ellis; Ratschinskij wettert gegen die Dreistigkeit der Expropriatoren, gegen die Morde; ich entgegne ihm: 

Ihrer Meinung nach scheint Gutschkov das Antlitz Christi zu verkörpern?

Ratschinskij bläst Rauchwolken in die Luft und bejaht herausfordernd: eher als die anderen; daraufhin springe ich wie rasend auf und erkläre: 

Wenn dem so ist, dann sage ich mich von einem solchen Christus los, vom Vater und auch von dem Geiste!

Und ich stürze davon; in einer Bierschenke verschanze ich mich hinter einer Flasche Bier, in Gesellschaft eines angeheiterten Briefträgers; wir sind uns einig: So kann das nicht weitergehen. Wieder schließe ich mich in meine Wohnung ein; meine Meditation ist das Nacherleben des Mordes an einem Menschen, das Nacherleben eines Terroraktes bis in das kleinste Detail (ja, ja – sollte man nicht seine Dienste den Terroristen anbieten?); ich erlebe mich selbst als einen Mörder: mich selbst (die Geste von Ljubov Dmitrijevna, die sich entsetzt nach mir umdrehte – dort auf der Treppe im Praga, war eine Instinkthandlung: was für eine Aura muß ich damals gehabt haben!). Ja, ich war in jenen Tagen unzurechnungsfähig: unter dem Gerümpel fand ich eine schwarze Maske, die von einer Maskerade übriggeblieben war; ich zog diese Maske an und ging eine Woche lang von morgens bis spät maskiert: Mein Gesicht konnte den Tag nicht ertragen; am liebsten hätte ich einen blutroten Domino angezogen und wäre damit über die Straßen gelaufen; die Erlebnisse jener Tage spiegelten sich später in meinen Gedichten als das Thema „Maske“ und „Domino

Ich bin in einer schwarzen Maske, in einer roten Toga…

Oder:

Mit einem Hammer wurde die Halbmaske
Auf den Sargdeckel genagelt.

Oder:

Da huscht durch hallende Säle,
Dort, wo es leer ist und dunkel –
Den blutigen Dolch in den Händen,
Ein Domino vorbei…

Das Thema des roten Domino in „Petersburg“ hat seinen Ursprung ebenfalls hier: Jahrelang verfolgte es mich nach diesen durch eine Maske verhangenen Tagen.
Meine Besucher damals waren: Solovjov und der ständig an der Grenze des Wahnsinns sich bewegende Ellis, der um jene Zeit eine äußerst gefährliche Bekanntschaft mit den extremistisch gesinnten Expropriatoren geschlossen hatte; und der, wie wir alle, vor dem gleichen furchtbaren Problem stand: vor der unausweichlichen Forderung einer Tat; ganz konkret – wie er mir sagte – überlegte er, ob er nicht eine reale „Aufgabe“ bei den Expropriatoren übernehmen müsse: ich habe ihm abgeraten; A.S. Petrovskij, den ich damals nur wenig zu Gesicht bekam, war in ein schweres persönliches Drama verwickelt; und so wurden wir, die Argonauten, die einst die Morgenräten erlebten, in unserem moralischen Bewußtsein beinahe Verbrecher; jedem fiel es zu, auf seine Weise über den Mord als Pflicht nachzudenken.
An dieser Stelle möchte ich bemerken, daß der Mord und das Attentat das Leitmotiv jener Übergangszeit waren; möglicherweise waren es die Besten, die vor dem Mord standen (die einen real, die anderen – in der Vorstellung); beim Gros setzte der Zerfallsprozeß ein als Anzüglichkeit, Schlaffheit, Pornographie; diese Stimmung zeigte sich in den „Ogarki“, an Kamjenskij und im „Sanin“ von Arcybaschev.
Der rastlose Ellis besucht mich, ohne sich im geringsten über die Maske zu wundern; er ist selbst exaltiert; und steigert meine Stimmung; während meiner Besuche brüte ich den Entschluß aus: mich mit Blok zu duellieren; ich weiß mit Sicherheit: Töten – nein; folglich – Selbstmord; ich verschweige vor Ellis meine eigentliche Absicht und schicke ihn als Sekundanten zu Blok; er setzt seine Melone auf und begibt sich sofort bei Regen und Sturm zu Blok; ich erwarte ihn den ganzen Tag sehnsüchtig zurück. Schließlich klingelt es an der Haustür: meine Mutter kehrt heim und findet mich – maskiert.
Ellis erscheint erst am nächsten Tag wieder; er erzählt: nachdem er in der Pferdekutsche bei Regen auf den schlechten Straßen sich hatte durchrütteln lassen, traf er vor Schachmatovo Aleksandra Andrejevna, die nach Petersburg zurückreiste, und Blok und Ljubov Dmitrijevna in ihrem trief enden Gärtchen, wo er gleich beim Spazierengehen Blok zur Seite nahm und mit ihm ein langes Gespräch begann. Während Ellis mir das erzählte, versicherte er nachdrücklich: in all diesen Monaten hätte ich eine falsche Vorstellung von Blok genährt; er, Ellis, sähe keinen Anlaß zu einem Duell; Blok ebenfalls nicht, dieser habe es ihm immer wieder versichert:

Aber was soll ein Duell, Lev Lvovitsch? Was gibt es da für Gründe? Es gibt keine Gründe… Borja ist einfach übermüdet…

Und Blok habe so liebevoll nach allen Details gefragt, die mein Leben ausmachen: selbstverständlich müßte ich ihn besuchen, in Petersburg; wer könnte es mir verbieten?… Das sind alles Mißverständnisse…!
Indem Ellis diese Worte Bloks wiederholte, redete er schnell, zwirbelte sein Bärtchen und zuckte mit der linken Schulter (er hatte eine Art Tick):
„Aleksandr Aleksandrovitsch ist gut, gut…!“
„Nur eines: mü-üde ist er, mü-ü-de!“
Und plötzlich: die „Chimäre“ verblaßte, vor mir erschien das Antlitz des geliebten Bruders, und ich kam zu mir…
Ellis erzählte mir weiter, daß Ljubov Dmitrijevna und Blok den ganzen Tag von mir gesprochen hätten; man habe beschlossen: Blok erwartet mich im Herbst in Petersburg.
„Folglich verhält sich alles ganz anders?“
„Ganz anders“, versicherte Ellis: Und er erzählte ausführlich, wie sie langsam durch die gelben, herbstlich grellen Wälder gewandert waren, wie Blok ihn über Nacht dabehalten, ihn nachts in seinem Zimmer aufgesucht, sich auf den Bettrand gesetzt und lange mit ihm gesprochen hatte; mit ihm – über sich selbst, über mich und über das Leben; und später hatte Ellis natürlich seine Übersetzungen aus Baudelaire vorgelesen; und von der Überschneidung der Ebenen („Dort“, „Hier“) im Symbolismus gesprochen – es sei eben doch unmöglich, bei der bloßen correspandence stehenzubleiben!
„Correspandence! Sie verstehen?“
Ich stellte mir unterdessen vor, wie er wahrscheinlich Blok beim Ellbogen gefaßt und ihn geschüttelt hatte, während seine roten Lippen sich ganz nahe vor Bloks Gesicht bewegt und ihn mit Speichel besprüht hatten.
Also, es war beschlossen: ich werde nach Petersburg fahren, das Duell wird nicht stattfinden; und ich gab mir selbst das Wort: Zu einem Duell mit Blok soll es nie kommen! Ellis erzählte mir, daß Blok und Ljubov Dmitrijevna die Wohnung wechseln würden; seltsam: auch wir standen vor einem Umzug; ich sollte das Haus verlassen, in dem ich geboren wurde; Blok sollte das Haus verlassen, wo er als Jüngling gelebt hatte: Glück auf den Weg!

Nein, das ist das reinste Abrakadabra!
Meine Ankunft in Petersburg fiel mit dem Umzug von Bloks zusammen; Ljubov Dmitrijevna schrieb mir, daß ich auf eine Einladung warten möge; der Zettel kam mir unfreundlich vor, aber ich biß die Zähne zusammen; so verstrichen zehn Tage!
Jeden Tag erwartete ich die Einladung: Die Einladung kam nicht! Während dieser Zeit besuchte mich Ivanov, Evgenij; es war deutlich, daß seine Besuche nicht ohne Grund waren; es ist nicht von ungefähr, daß er sich über Blok ausschwieg, daß er mich beobachtete, und alles das mit einer gewissen Vorsicht; er führte mich spazieren; an einem goldenen Septembertag saßen wir auf einer Bank im Sommergarten und aßen rotbackige Äpfel.
Während dieses langen qualvollen Wartens verbrachte ich die Abende auf dem Quai unter dem riesigen Abendhimmel: in absoluter Ungewißheit.
Sehr gut erinnere ich mich an ein Frühstück bei E.V. Anitschkov; dort hatten sich versammelt: Gorodeckij, Vjatscheslav Ivanov, P.E. Stschegoljev, A.I. Kuprin; Vjatscheslav Ivanov mißfiel mir außerordentlich; aus den Witzen von Gorodeckij, den kräftigen Anspielungen Kuprins und dem lustigen Poltern Anitschkovs wand er die süßesten und öligsten Girlanden und stimmte bei jeder Gelegenheit das Halleluja an; der reinste Chrysostomus! Goldgelockt, mit rosiger Stirn ohne Augenbrauen, einer außerordentlich stark glänzenden Nase, auf der ein mächtiger Zwicker thronte, führte er, ein Glas Wein in der Hand – ein Gespräch über Christus und quittierte die Anzüglichkeiten Kuprins mit dem gleichen Lächeln wie die Erklärungen von Gorodeckij:

Ich liebe Christus nicht.

Und auf all das sang der „Goldmund“ einen versöhnlichen Dithyrambus; ich sagte, wie ich mich erinnere, etwas sehr Ausfallendes. Er errötete (er errötete auf die gleiche Weise, wie er bei Anfällen von Nesselfieber rot anlief; er litt an einem chronischen Nesselfieber); schielte nach mir und näselte feindlich:

 Nun ja; ach! Immer kommst du mit deiner provinziellen Moskauer Moral!

Und mir ging durch den Sinn:

So: das soll also die vielberühmte Weite, das Allumfassende des mystischen Anarchismus sein…

Nach dem Frühstück bei Anitschkov zogen wir alle zu Kuprin, dessen Wohnung im Nachbarhaus der Redaktion von Mir boshij war; hier gesellten sich zu uns Osip Dymov und Fjodor Batjuschkov; von Kuprin ging es weiter zu Chodotov (immer noch alle zusammen); dort fanden wir eine zahlreiche Gesellschaft vor, unter anderem Kosorotov, Najdenov, vielleicht auch Juschkevitsch; ich wunderte mich, daß die Publizisten aus Novoje vremja hier Seite an Seite mit einem bärtigen Unbekannten saßen, der den Gästen als ein „bedeutender Funktionär der Revolution“ vorgestellt wurde. Und man sah sich vor die Frage gestellt: wie bringen die es fertig, Seite an Seite zu sitzen? Nach einer Weile erschien auch noch ein „Page“ (ein ehemaliger Page, der in jenen Tagen großes Aufsehen erregt hatte, weil er in einem Offenen Brief sein Adelspatent zurückgab und freiwillig aus dem Pagenkorps ausschied). Ich glaube, daß damals jemand mit der sensationellen Nachricht auftauchte: Trepov ist tot.
Nachdem ich die Wochen vorher in einer gesteigerten ideologischen Spannung gelebt hatte, beobachtete ich verständnislos das suspekte Treiben des literarischen Petersburg und kam zu dem Entschluß, diesen Stil in Na perevale an den Pranger zu stellen.
In jenen Tagen unterhielt ich mich oft mit Tschulkov, der sich damit abmühte, mir zu erklären, was der mystische Anarchismus im Eigentlichen sei; seine mündlichen Ausführungen gerieten ihm besser als sein Buch, das ich soeben in einer Besprechung verrissen hatte; Tschulkov sagte: „Wie können Sie nur gegen uns sein, da Sie und Blok doch selbst mystische Anarchisten sind!“ – Bei diesem Gespräch war, wie ich glaube, Volynskij anwesend, der sich so vorteilhaft von der Gesellschaft in Vena durch konservative Strenge des guten Tons unterschied; Volynskij gefiel mir sehr: er lud mich ein, um mir seine philosophische Bibliothek zu zeigen.
An einem Abend war ich bei F.K. Sologub; dort lernte ich Kuzmin kennen, dessen „Alexandrinische Lieder“ vor kurzem in Vesy erschienen waren; er überraschte mich durch seine singende Sprechweise, seine Glatze, die nachgezogenen Augenlider, das Schönheitspflästerchen, den Vollbart und – einen blauen Bauernmantel:
„In der Tat“, dachte ich, „eine Mischung von Nishnij Novgorod und Paris…“
Vjatscheslav Ivanov, golden an Haar, golden an Reden, erging sich in einem Lobgesang des Dichters M.I. Kuzmin. Sologub war besonders übel gelaunt; er schnupperte immer an seinem Flacon. Ich wurde auf gefordert zu lesen. Ich las die „Totenmesse“.
Mein Auftritt in der „großen Welt“ verletzte meine Seele; das war mein letzter Eindruck von Petersburg; ich nahm ihn mit ins Ausland: Er fand seinen Niederschlag in meinen mörderischen Ausfällen in Vesy gegen Schypovnik, gegen Ory – gegen alles, was Petersburg war. Vjatscheslav Ivanov und Blok beschuldigte ich später der Hehlerei und der Förderung von Übergriffen jeder Art (was selbstverständlich unberechtigt war).
Die Tage verbrachte ich einsam; lange stand ich an der Neva, unter dem riesigen Abendhimmel, gekränkt und traurig.
Einmal sah ich Blok an der Ecke der Karavannaja; er ging sehr rasch, einen Spazierstock in der Hand, und überholte alle Passanten mit hocherhobenem Kopf, das Gesicht blaß, den hochmütigen, unbewegten Mund böse verkniffen; ein blendend weißer Panama, keß aufgesetzt, zog rasch vorbei; und, schon weiter entfernt – ein bräunlicher Mantel; ich bildete mir ein, er habe nur so getan, als ob er mich nicht gesehen hätte; auch ich tat so.
Und wieder: ein lichterfüllter Abendhimmel; nur hier in Petersburg gibt es solche Abendstimmungen; alles ist deutlich, alles rein; die Erde wie ein Teller; ein einziger Glanz sind die Fenster; ein grüner Abgrund das Wasser; grellrote Wolkenherden, blaßrosa Schleier am Himmel; und – Schornsteine – Schornsteine – Schornsteine; und der Wind von der See ins Gesicht…
Endlich: ein Billet von Ljubov Dmitrijevna; der Ton war feindselig. Ich begab mich an einem nebligen, feuchtglitschigen Abend zu ihnen (sie wohnten irgendwo in der Nähe der Kamenoostrovskaja in einer winzigen Wohnung unter dem Dach, die sehr spärlich eingerichtet war); die Ungewißheit seiner Lage und Geldnot diktierten Blok damals die tristen Verse:

Trübsinnig gehe ich auf und ab, niedergeschlagen,
Einsam in meiner Höhle.
Dann kommt ein finsterer Leierkastenmann
Und schluchzt auf unserem Hof

Oder:

Ich stoße das Fenster auf. Wie düster
Ist die Hauptstadt im Oktober!
Ein mißhandeltes braunes Pferdchen
Trottet über den Hof.

Ich bin überzeugt: dieser Hof lag unter den Fenstern seiner Wohnung:

Ich bin gefangen von den vier Wänden –
Zu Tode gehetzt von des Alltags Sorge und Not.

Oktoberstimmung lag über der düstern Wohnung von Blok; dieser Eindruck zog an mir wie ein Traum vorbei, denn meine Verzweiflung war groß: In steifen und unaufrichtigen Wendungen ließ mich Ljubov Dmitrijevna wissen, sie hätten mich nur aus dem Grund eingeladen, um mir den Rat zu geben, endgültig nach Moskau zurückzukehren; Blok schwieg mit gesenkten Augen, lächelnd, offensichtlich nicht gewillt sich zu äußern, aber eindeutig der Meinung Ljubov Dmitrijevnas beipflichtend. Es verging keine halbe Stunde, und ich kullerte vom vierten Stockwerk in den Herbst hinunter, in den Nebel, den die rostigen Flecken der trübseligen Laternen nicht zu durchdringen vermochten; und dann fand ich mich an der Brücke; automatisch beugte ich mich über das Geländer, stürzte mich um ein Haar – nein, nicht ins Wasser: auf die Schleppkähne und Flöße, die an der Brücke und an den Ufern angelegt hatten (Wasser war nicht zu sehen: überall nur rostige Dunkelheit); der Anblick der Schleppkähne hielt mich zurück; ich blieb stehen und wiederholte sinnlos vor mich hin:

Fischboot, Fischboot, Fischboot.

Fauliger Dunst.
Ich kehrte zurück – auf die Karavannaja (ich wohnte in den Chambres garnies, denselben, wo mich einst Ljubov Dmitrijevna und Blok besucht hatten, im Februar: damals fing das alles an: sieben qualvolle Monate!).
Ich erinnere mich, daß ich auf meinem Tisch Post liegen hatte: ein Brief an Mereshkovskij, der nicht abgeschickt wurde, die soeben verfaßte Rezension der Erzählungen von Zinaida Hippius, und ein buddhistisches Buch (Sutra-Nipata, wie ich glaube). Ich wollte einen Brief an meine Mutter schreiben, der alles das erklären sollte, und den Morgen abwarten, wenn man wieder Schleppkähne, Fischboote und – das Wasser unterscheiden kann…
In diesem Zustand verharrte ich an die neun Stunden: ohne Schlaf. Diese neun Stunden Meditation zeigten mir: der Selbstmord, wie jeder Mord, ist ein Greuel.
Und am Morgen – ein Briefchen von Bloks, in einem ganz anderen Ton: sehr freundlich; ich solle unbedingt kommen; schon um zehn Uhr vormittags war ich dort; ein versöhnliches Gespräch fand statt; eigentlich wurde überhaupt nichts gesagt: alle waren schrecklich müde; alle waren gleichermaßen davon überzeugt, daß man sich ein Jahr lang nicht sehen sollte; man redete mir zu, mich im Ausland zu erholen; und ich war einverstanden.
Wir gaben uns gegenseitig das Versprechen, uns nicht zu sehen, nicht zu treffen: ein ganzes Jahr lang.
Am selben Tage noch reiste ich nach Moskau ab.
Zweieinhalb Wochen später war ich in München.

 

Im Ausland

Ich war in München: bis Dezember. Ich versuchte meiner Trauer Herr zu werden: ich überarbeitete die erste Hälfte meiner „Vierten Symphonie“ und schrieb melancholische Verse:

Blut, schwarz wie Pech
Gerinnt über der Wunde.
Aber der alte Schmerz –
Läßt er sich je vergessen?

Allabendlich besuchte ich die Künstlerkneipe Simplicissimus, wo ich sehr gut gelitten war, vor allem bei der Wirtin Kathy Kobus, die unter den Künstlern allgemein beliebt ist, weil sie einst den Maler Azbé unterstützt und ihm zu einem Namen verholfen hatte; ich erinnere mich an die Wände, die über und über mit Bildern und Entwürfen (alles Geschenke verschuldeter Maler an die Kathy) bedeckt waren, an die lustigen roten Lämpchen, an einen glatzköpfigen Geiger mit einem glattrasierten Gesicht, das an Beethoven erinnerte, der mir immer zurief:

Sonne in Brust!

Ich erinnere mich an die Rose, die ich allabendlich Kathy Kobus zu überreichen pflegte; sie hatte irgendwoher erfahren, daß ich ein russischer Dichter sei und – ein „Novator“ (diese Informationen hatte sie sicher von Russen bezogen); mit einem Wort: ich war im Simplicissimus akzeptiert; und das bedeutete: ich war aufgenommen in den Stab der jungen Künstler: hier trafen sich Bayern, Polen, Schweizer, Berliner; und – Russen; täglich saß ich bis Mitternacht im Simplicissimus (wo ich einmal Grabar begegnete); zu meinem Kreis gehörten: ein liebenswerter Jüngling, ein polnischer Dichter, Sekretär der Künstlerzeitschrift Chimera, Grabovskij (Pole und, wie ich glaube, Dramaturg), der Student Paulsen, ein Verwandter des Philosophen Paulsen, V. Vladimirov (ein Moskauer Argonaut), die Geschwister Diederichs (Bruder und Schwester); hier, im Simplicissimus, lernte ich auch Schalom Asch kennen, der mich durch sämtliche Cafés mitschleppte und mit Przybyszewski bekannt machte; hier saß ich oft im Kreis sehr liebenswerter Menschen, die allgemeine Hochachtung genossen (lange habe ich ihre Namen nicht gewußt: beim Vorstellen habe ich sie einfach nicht verstanden); den Mittelpunkt dieser Gesellschaft bildete ein düsterer, eleganter Schauspieler; seine Scherze waren von einem hintergründigen Humor; aber meistens saß er stumm da; ich unterhielt mich mit seiner Frau, einer hübschen, zierlichen, sehr lebhaften Dame, die mir mit dem Fächer auf die Schulter klopfte und mich „der gemütliche Russe“ nannte. Später habe ich erfahren: das war die Frau Wedekinds, und der düstere Schauspieler Wedekind selbst. Jeden Abend saß hier der Dichter Ludwig Scharf; zuweilen, vom Publikum dazu genötigt, trug er sehr finstere Verse vor; manchmal erschien der langnasige, struppige Mühsam.
Eine Zeitlang besuchte ich oft S. Przybyszewski, einen freundlichen Gastgeber, in seiner kleinen ärmlichen Wohnung; einmal bat ich ihn, mir etwas vorzuspielen; er setzte sich hin und spielte lange Chopin: unvergeßlich blieb mir eine Polonaise (später wurde mir gesagt, das sei sein bestes Stück).
Um jene Zeit hingen überall Plakate, die Vorträge von Steiner ankündigten. Ich begegnete einer Bekannten, A.R. Minclova; sie überredete mich, sie in der Adalbertstraße zu besuchen; dort fragte sie mich aus, was ich über die Theosophie dächte; ich war schläfrig, unterdrückte das Gähnen und fragte:

Wie verhält sich die Theosophie zur sozialen Frage?

Ich ging bald: ich ahnte nicht, daß ich dieselbe Wohnung (die der Gräfin Kalckreuth) wieder betreten würde – mit einem anderen Gefühl, als… glühender Anhänger Steiners.
Das bunte Treiben des Münchener Lebens konnte die Leere nicht ausfüllen, die durch den Bruch mit Blok entstanden war: es wurde zur Regel: Kaum waren die Mißverständnisse des letzten Briefes entwirrt – schon kam der nächste Brief: und ein neues tauchte auf; die Entfremdung von Blok war in München besonders schwer zu ertragen. Für ein Jahr war die Möglichkeit einer mündlichen Aussprache abgeschnitten.
Der Tag begann mit dem Studium von Bildern alter deutscher Meister (in der Pinakothek): einmal Dürer, einmal Grünewald, einmal die Brüder Cranach, einmal Wohlgemuth, Schongauer oder der unbekannte Meister des Marienlebens; viele Stunden verbrachte ich im Kupferstichkabinett; hier erschloß sich mir die Welt des alten Kupferstichs; auch Klinger gefiel mir in seinen Stichen; begeistert war ich von Schwind; Böcklin dagegen ist bei mir durchgefallen.
Einmal zeigte man mir auf der Straße einen schwerfälligen Dickwanst: Max Stuck.
Aus München schrieb ich für Vesy, wobei ich die Petersburger Schriftsteller immer schärfer angriff.
Plötzlich ein Brief von Mereshkovskij (aus Paris); er zeigte volles Verständnis für meinen Zustand; er lud mich ein; auf der Stelle reiste ich nach Paris.
Dort fand ich die bekannte Gesellschaft vor: N.M. Minskij, K.D. Balmont, A.N. Benois, Filosofov; und andere, mir bislang Unbekannte; an manche kann ich mich noch erinnern: Graf Buxhoevden, der später auf seinen Vater schoß, I.I. Stschukin; ich erinnere mich an eine Dame, bei der wir einmal dinierten und einen geckenhaften Herrn mit schwarzem Schnurrbart kennenlernten; er mißfiel mir; bei Tisch wollte ich irgend etwas über Politik äußern und merkte, wie mich Filosofov unter dem Tisch am Rock zog; ich verlor den Faden; später, als wir auf der Straße waren, sagte Filosofov:

Manasevitsch-Manujlov, ein Spitzel mit dem Auftrag, die ausländische Presse zu kaufen…

Ja, ja, Mereshkovskijs umgaben mich mit herzlicher Wärme; mit ganzer Seele hängte ich mich während dieser Monate an die Hippius; Z.V. Ratjkova-Roshnova empfahl mir eine stille Pension in der rue de Ranelac, die an den Bois du Boulogne grenzte.
Und hier fand die Begegnung mit Jaurès statt; ich wurde zu einem „Fabelwesen“ unter den Russen: man stelle sich vor – täglich das Frühstück mit Jaurès, während man sonst tagelang, wochenlang, monatelang auf ein Gespräch mit ihm warten mußte! Das kam folgendermaßen: meine Nachbarin an der Table d’hôte (eine Baltin) fragte mich:
„Lesen Sie die Humanité?“
Ich antwortete:
„Die Zeitung gefällt mir.“
„Wie stehen Sie zu Jaurès?“
„Ich achte ihn sehr.“
„Wissen Sie, er ist doch unser Nachbar – beim Frühstück. Jetzt ist er verreist; sonst kommt er vor den Sitzungen, denn seine Frau ist nach Tarne umgezogen; er ist allein und kommt lieber hierher, als zu Hause zu essen.“
Der Hotelbesitzer mischte sich ein:
„Monsieur Jaurès kommt morgen.“
Am nächsten Tag zeigte meine Nachbarin aus dem Fenster:
„Das ist Jaurès.“
Ich sah: Hinter dem Fenster ging rasch ein stämmiger Mann vorbei, in einem achtlos umgeworfenen Mantel, mit einer schief sitzenden Mütze; er trug einen riesigen Regenschirm und schlenkerte mit seinen kurzen Armen; in der Manteltasche steckte ein Paket Zeitungen; bald danach betrat er das Zimmer und zog mühsam den Mantel aus; händereibend verbeugte er sich und setzte sich zu uns (neben meine Nachbarin), um hinter den Zeitungen zu verschwinden, bis serviert wurde. So saßen wir – zwei Monate lang (alle anderen Gäste saßen an Einzeltischen: die große Tafel blieb meistens leer).
An diesem Tag lernten wir uns kennen; wir unterhielten uns täglich; wenn ich etwas von Jaurès erfahren wollte, begann ich ein Gespräch mit meiner Nachbarin (auf Französisch); Jaurès saß daneben, hinter seinen Zeitungen, die weiße Serviette vorgebunden, zuweilen lehnte er sich zurück und richtete die blaugrünen Augen auf das Fenster: er knetete Bällchen aus Brot. Ich begann über dieses oder das andere zu sprechen, und er konnte nicht widerstehen: er hob seine Nase von den Zeitungen, knüllte die Serviette zusammen, drehte sich auf eine unnachahmliche Weise schwerfällig nach mir um, fixierte mich, knarrte mit dem Stuhl:

Eh bien, vous croyez…

Und er stellte eine Frage, eine zweite, eine dritte, schon kam er ins Reden; und seine Meinung, die mich interessierte, war eindeutig klar… Ich habe vieles auf diese Weise von ihm erfahren: er glaubte zum Beispiel, daß den Russen der Sinn für praktische Dinge fehle, daß die Emigration keinen Ausweg biete, daß die kirchliche Frage vom religiösen Problem zu trennen sei; dieses Problem werde von ihm akzeptiert, er nehme Rücksicht darauf, er achte religiöse Überzeugungen; etwas anderes seien die kirchlichen Organisationen. Er liebte die Bezeichnung „Sozialdemokraten“ nicht und verbesserte jedesmal:

Socialistes.

Er fragte mich über die geistigen Strömungen in Rußland und über die Schriftsteller aus (er notierte sich die Titel der übersetzten Bücher Mereshkovskijs und sagte mir später, daß er sie gelesen habe); wir unterhielten uns über Maeterlinck, den er für nebulos hielt und dem er die Dramen Hauptmanns vorzog; er liebte die alten Klassiker; und meinte: die Sozialisten sollten die Hüter literarischer Meisterwerke sein; ich war erstaunt, wie gemäßigt seine Vorstellungen von den möglichen Veränderungen in Rußland waren; man bekam den Eindruck: für ihn stehe ich links.

Wenn Ihre Regierung sich für das Programm der Kadetten entscheiden würde – glauben Sie nicht, daß das Leben in Rußland sich radikal verändern würde?

Ich erlebte ihn später als Politiker, voller Vorsicht (in einem Gespräch mit Aladjin, mit Mereshkovskij, mit dem ich ihn bekanntmachte): aber mir gegenüber war er ganz offen in der Annahme, ich sei kein Journalist, sondern einfach ein jeune homme; er brachte mir große Sympathie entgegen, sogar Herzlichkeit (das zeigte sich, als ich krank wurde); er wirkte sehr schlicht und erzählte uns gern von Tieren.
Ich hielt lange Tiraden in meinem gebrochenen Französisch und war überrascht, als der Hotelbesitzer mir erzählte, wie Jaurès einmal beim Weggehen sich lobend über mich geäußert habe mit der Bemerkung: 

Wissen Sie, er ist ein geborener Redner.

Ich weiß nicht, wie er zu diesem Schluß kommen konnte: immerfort verbesserte er mich:

Le parti politique: ,le‘ – nicht ,la‘.

Er bleibt mir unvergeßlich: der mächtige Kopf, der graue Bart, die bräunlichen, sonnenverbrannten Wangen; keiner hätte sagen können, er sei ein leader, ein Politiker (man ging zu den Sitzungen, um das Duell Jaurès-Clemenceau zu goutieren); er wirkte wie ein Professor, der er ja auch tatsächlich war; einmal, als er von meiner Beschäftigung mit Rickert hörte, begann er mich vorsichtig zu examinieren; er war sehr zufrieden mit meiner Charakteristik Renouviers.
Diese Begegnungen hätten Stoff für ein ganzes Kapitel ergeben; hier ist nicht Raum dafür; nur eines möchte ich hinzufügen: die Bekanntschaft mit Jaurès hinterließ eine unaustilgbare Spur; er war eine prachtvolle menschliche Erscheinung, alles an ihm hatte Format.
Einmal brachte er Aladjin mit: ich beobachtete, wie Jaurès ihn studierte.
Am nächsten Tage fragte er mich:
„Wie hat er Ihnen gefallen?“
„Ich muß gestehen, nicht besonders…“
„Ich kann Sie verstehen.“
Und Jaurès wandte sich wieder seinem Teller zu und klapperte mit dem Messer, im stummen Kampf mit dem „lapin“.

Meine Tage begannen mit einem Spaziergang im Bois de Boulogne; Arbeit – bis zum Frühstück; Gespräche mit Jaurès; Arbeit – und nochmal ein Spaziergang; zum Vieruhrtee bei Mereshkovskijs: Dort bis sieben, meistens mit Zinaida Hippius; dann – zurück zum Essen; abends bei Mereshkovskijs, sonst Arbeit oder Theater.

Dann rächten sich die Nerven: dann kam die Krankheit: fast einen Monat lag ich im Krankenhaus (ich wurde operiert); unvergeßlich bleibt mir die Herzlichkeit der Mereshkovskijs; ihre liebevolle Sorge brachte mich ins Leben zurück. Noch als Genesender vertiefte ich mich von neuem in die Bilder der „Unverhofften Freude“, die sich jetzt zu einem großen Panorama entfalteten – o, einem weit größeren, als die oben zitierte Notiz für den „Pereval“ es zum Ausdruck brachte.

(…)

Andrej Belyj: Im Zeichen der Morgenröte. Erinnerungen an Aleksandr Blok, Übersetzung Swetlana Geier, Zbinden Verlag, 1974

 

Werner Helwig: Ein Mystiker der russischen Revolution. Zu Alexander Block, Merkur, Heft 366, November 1978

Oleg Jurjew: Das Lächeln von Alexander Block

 

 

FÜR ALEXANDER BLOCK

Bin dem Dichter Gast geworden.
Es ist Mittag. Es ist Sonntag.
Stille ist im weiten Zimmer.
Vorm Fenster knistert der Frost.

Eine himbeerrote Sonne
Überm zottigen blauen Nebel…
Ach wie nah: aus klaren Augen,
Schweigsam, sieht mich der Hausherr an.

Seine Augen sind beschaffen,
Daß sie die Erinnerung hält.
Vorsichtige, ich: ich sollte
Besser in sie nicht sehn.

Dem Gedächtnis bleibt: ein Sonntag,
Dunstiger Mittag, das Gespräch
In dem grauen hohen Haus
Am Tor der Newa zum Meer.

1914

Anna Achmatowa
Übersetzung: Sarah Kirsch

 

 

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Nachrufe auf Fritz Mierau: Süddeutsche Zeitung ✝ Börsenblatt ✝ FR ✝
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Fritz Mierau: Ein biographisches Interview (Auszüge aus ca. 17 Stunden Videomaterial, 2006/2007) von Dietmar Hochmuth.

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