Alexander Block: Schneegesicht

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Alexander Block: Schneegesicht

Block/Masjutin-Schneegesicht

DIE ZWÖLF

I

Schwarzer Abend.
Weißer Schnee.
Wind! Wind!
Seht doch, wie er Menschen fällt!
Wind, Wind
Überall auf Gottes Welt.

Wirbelwehn
Weißen Schnees.
Glatteis unterm Weiß.
Erbarmen! −
Alle, die da gehn,
Gleiten aus, die Armen.

Zwischen zwei Häusern ein Draht.
An dem Draht ein Plakat:
Alle Macht dem Verfassungsrat!

Das Mütterchen kann und kann nicht begreifen,
Warum so viel Stoff,
Solch ein mächtiger Streifen
Über der Straße hängt.
Sie schüttelt den Kopf und denkt:
„Viele Fußlappen wärens für unsere Kleinen,
Die vor Kälte weinen…“

Wie ein Huhn trippelt sie
Den Schneedamm hinab.
„Muttergottes, diese Bolschewiki
Bringen uns noch ins Grab!…“

Der Wind peitscht den Frost
Vor sich hin.
Der Bürger dort drüben versteckt erbost
In dem Kragen Nase und Kinn.

Und wer ist denn der da? Mähneschüttelnd steht er
Und murmelt:
„Verräter,
Ihr habt Rußland zugrunde gerichtet…“
Sicher einer, der Reden schwingt – oder dichtet.

Und jener in der Kutte,
Um Schneewehn schleichend, schlaff −
Wie ist dir heut zumute,
Genosse Pfaff?

Sag, denkst du noch daran,
Wie fett du warst? Und auch
Ans Kreuz, das jedermann
Sah schmücken deinen Bauch?

Und die da, karakulkraus,
Sagt zu der da leis:
„Damals weinte das ganze Haus!…“
Und – bauz! −
Fällt aufs Eis.

Ach, och,
Helft ihr doch!

Wie lustig, wie dreist
Ist der Wind,
Der an Röcken reißt
Und Passanten mäht
Und das Riesenplakat
Alle Macht dem Verfassungsrat!
Bald knittert, bald bläht
Und ins Ohr Redefetzen weht:
„Auch bei uns gabs genau
So ’nen Rat, dort im Bau:
Erst Diskussion,
Dann Resolution −
Die Nacht fünfundzwanzig, die Stunde zehn.
Wie wärs nun mit Schlafengehn?“

Spät ist die Stunde,
Die Straße leer.
Ein Vagabund
Schleicht krumm umher.
Der pfeifende Wind geht rund.

Komm doch ran,
Armer Hund,
Küssen wir uns zum Gruß…
Hast du Brot?
Ahnst du, was kommt?
Geh weiter, schon gut.

Himmel, schwarz wie Ruß.
In der Brust aber loht
Eine traurige Wut,
Eine schwarze, heilige Wut.
Genosse,
Sei auf der Hut!

Übersetzt von Alfred Edgar Thoss

 

 

 

Nachwort

I
„Das Werk Alexander Blocks“, schrieb Majakowski nach dem Tod des Dichters im Jahre 1921, „ist eine ganze poetische Epoche, eine Epoche der jüngsten Vergangenheit.“ Während viele Dichter sich noch immer nicht von der Romantik seiner Frühzeit gelöst hätten, sei ihr von anderen längst der Krieg erklärt worden. Sie reinigten die Seele von den Resten des Symbolismus, legen die „Fundamente neuer Rhythmen, türmen die Steine neuer Bilder, fügen die Zeilen mit neuen Reimen“. Sie schaffen die „Poesie der Zukunft“. Alle aber gedächten des Dichters mit Liebe. Block stand an der Schwelle zu dieser „Poesie der Zukunft“. Sein Poem „Die Zwölf“ (1918) war Höhepunkt einer vierzigjährigen Periode der russischen Dichtkunst und Auftakt einer Poesie des realen, geschichtsmächtigen Menschen. Verbindung einer in zwei Jahrzehnten zur Vollendung gebrachten Wort- und Verskunst mit dem Rhythmus, der Sprache, der „Musik“ der Revolution. Das Poem gab in der aktuellen Atmosphäre der ersten Revolutionsmonate eine Philosophie der russischen Geschichte von der visionären Kraft und Epochenbedeutung wie Puschkins „Eherner Reiter“ oder Nekrassows „Wer lebt glücklich in Rußland?“. Block betonte in einer Bemerkung von 1920 ausdrücklich den Zusammenhang der „Zwölf“ mit früheren Dichtungen:

Im Jahre 1918 ergab ich mich ein letztes Mal den Elementen nicht weniger bedingungslos als im Januar 1907 oder im März 1914… Während ich „Die Zwölf“ schrieb, vernahm ich körperlich, mit dem Gehör, mehrere Tage hindurch ein großes Rauschen, ein strömendes Rauschen (wahrscheinlich vom Zusammenbruch der alten Welt).

Unüberhörbar die Erinnerung an das Dionysische, auf dem 1907 das Buch Schneemaske und Faina, 1914 Carmen und 1918 Die Zwölf fußten. Unüberhörbar aber auch die Genugtuung über die sinnliche Konkretheit seines Revolutionserlebnisses. Die Zwölf beschlossen sein Werk, das er als eine „Trilogie der Vermenschlichung“ verstand. Die drei Bände seines gesammelten Werks (1911–12, zweite Redaktion 1916, endgültige 1921) bezeugen den Weg „von einem Augenblick überhellen Lichts durch den unumgänglichen Sumpfwald zu Verzweiflung, Verdammnis, zur ,Vergeltung‘… und zur Geburt eines ,gesellschaftlichen‘ Menschen, eines Künstlers, der der Welt mutig ins Auge sieht…“.
Blocks Poem entwirft mit seinen zwölf stilistisch heterogenen Gesängen eine neue Form der epischen Poesie, wie sie dann in Majakowskis, Jessenins, Pasternaks, Bagrizkis oder Selwinskis Poemen weitergeführt und modifiziert wurde. Die souveräne Kreuzung von Umgangsdialog, Losungsforrneln, Soldatentschastuschka, Abschiedsklagelied, Marsch und Romanze in einem Zeit- und Weltanschauungsgedicht revolutionierte aber darüber hinaus die alten Vorstellungen von den Möglichkeiten der Poesie überhaupt und wirkte auch auf Prosa und Dramatik.
An einer Dichtung der Epoche hatte Block schon lange gearbeitet: Zwischen 1909 und 1921 beschäftigte ihn das Poem „Vergeltung“. Zunächst als großes lyrisches Gedicht über den Vater konzipiert, gewann es allmählich eine Weite, die Block mit „die ,Rougon-Macquart‘ im kleinen“ umschrieb. Block wollte seine Zeit fassen. Das verlangte, so schien ihm, eine Disziplinierung des lyrischen Stroms. Das Poem „mit Milieu und Fabel“ versprach die Lösung. Große Teile wurden fertig. Als Ganzes aber blieb das Werk unvollendet. 1915 bekannte Block, die Lyrik habe gesiegt. Die erhoffte poetische Leistung brachten aber andere Werke, besonders die Bücher Jamben und Heimat, zuletzt Die Zwölf und Skythen. Der vorher durch minutiöse, zolasche Rekonstruktion aller Wechselwirkungen zwischen intellektueller Persönlichkeit und Geschichte mühevoll beschworene Kontakt von privatem und nationalem Schicksal wurde nun historisch akut geschlossen. Um endgültig realisiert zu werden, bedurfte die neue Sehweise, an der Block seit 1909 arbeitete, der historischen Erneuerung des Oktobers 1917. Blocks Problem war allgemein: dem lyrischen Subjekt die Körperlichkeit, die Materialität des Tages und der Geschichte zu geben. Ein Problem, an dem von verschiedenen Seiten her Demjan Bedny, Majakowski und Chlebnikow, Pasternak und Jessenin, Anna Achmatowa und Ossip Mandelstam arbeiteten. Und es war gerade die während der Bemühungen um das Poem „Vergeltung“ formulierte Arbeitsweise, die einen bestimmenden Einfluß auf die revolutionäre russische Dichtung haben sollte: „Ich bin es gewohnt“, schrieb Block, „Tatsachen aus allen Lebensbereichen, die mir zu einer Zeit zugänglich sind, zueinanderzuordnen, und ich bin überzeugt, daß sie alle zusammen immer einen einheitlichen musikalischen Impetus schaffen.“ Der Tod Tolstois, der Schauspielerin Komissarshewskaja, des Malers Wrubel, die Krise des Symbolismus, die Londoner Streiks, der „Panthersprung“, Stolypins Ermordung, aber auch der ungewöhnliche Sommer, die ersten Flüge und die Begeisterung für den Ringkampf – Ereignisse des Jahres 1910, sie zusammen hatten für Block einen einheitlichen „musikalischen“ Sinn.
„Musik“ repräsentierte für Block das Schöpferische in der Geschichte, dessen Träger die geschichtsbewußten gebildeten Schichten der alten Gesellschaft und die Volksmassen seien. Die tragische Entzweiung dieser beiden schöpferischen Kräfte des russischen Volkes hatte Block seit 1905 ganz intensiv beschäftigt. Im Gedicht wie in seiner publizistischen Prosa hatte Block dem elementar Schöpferischen des Volkes keinen Weg zu geschichtlichem Wirken gesehen. Die sozialistische Revolution, deren schöpferischen „Arbeitscharakter“ er sofort groß begriff, zerschlug die Knoten. Blocks Geschichtsbegriff hatte zweifellos etwas sozial Metaphysisches. Block verstand die Revolution als verdiente Vergeltung für die sozialen Sünden der Vergangenheit und verteidigte sie gegen die kleinen Ängste der russischen Intelligenz („Lasten auf uns etwa nicht die Vergehen der Väter?“), schloß aber, Alexander Herzen folgend, die Bourgeoisie aus dieser historischen Kette aus. „Politische Ökonomie“ entwürdige den heiligen Zorn gegen die „soziale Ungerechtigkeit“. Der Bourgeois wird als unschöpferisch verteufelt. Die realgeschichtlichen Beziehungen zwischen Bourgeoisie und Proletariat spielen keine Rolle. Um so stärker tritt das Schöpferische der Gegenkräfte hervor, die Block in den „Zwölf“ zum erstenmal episch direkt und in ihrem Verhältnis zur Geschichte darstellen kann.
1909 und 1915 schrieb Block seine hier folgende Autobiographie. Sie bezeugt die Weite des Wegs, eines Wegs durch die Revolutionen, auf dem Block wesentliche Elemente in die russische Poesie und die russische Kultur des 20. Jahrhunderts einbrachte. Er näherte sich einem realen Humanismus, wie er besonders das Werk Maxim Gorkis bestimmte, den er 1907 als die Verkörperung des anderen Rußlands und 1919 als den „Mittler zwischen Volk und Intelligenz“ anerkannte.

II
Alexander Block, Autobiographie
Die Familie meiner Mutter ist der Literatur und Wissenschaft eng verbunden.
Mein Großvater, Andrej Nikolajewitsch Beketow, Botaniker von Fach, war in seinen besten Jahren Rektor der Petersburger Universität (ich wurde auch im „Rektorhaus“ geboren). Die Petersburger Hochschullehrgänge für Frauen, die „Bestushewschen Kurse“ (benannt nach K.N. Bestushew-Rjumin), verdankten ihr Dasein hauptsächlich meinem Großvater.
Er gehörte zu jenen Idealisten reinsten Geblüts, die unsere Zeit kaum mehr kennt. Im Grunde begreifen wir sie gar nicht mehr recht, die eigentümlichen und oft anekdotenhaften Erzählungen von den fortschrittlichen Adligen der sechziger Jahre wie Saltykow-Stschedrin oder meinem Großvater, von ihrem Verhältnis zum Zaren Alexander II., von den Zusammenkünften des Literarischen Fonds und der Borelewschen Mittagsrunde, von der schönen französischen und russischen Sprache und der studierenden Jugend Ende der siebziger Jahre. Diese ganze Epoche russischer Geschichte gehört unwiederbringlich der Vergangenheit an, ihr Pathos ist entschwunden, und ihr Rhythmus mag uns heute allzu gemächlich erscheinen.
In seinem Dörfchen (Schachmatowo, Kreis Klin, Moskauer Gouvernement) pflegte mein Großvater, sein Taschentuch schüttelnd, auf die Vortreppe hinaus zu den Bauern zu treten, ganz wie I.S. Turgenjew, der, verlegen die Farbe am Geländer abpolkend, mit seinen Leibeigenen redete und Bittstellungen jeglicher Art – um des lieben Friedens willen – zu gewähren versprach.
Begegnete mein Großvater einem bekannten Bauern, so klopfte er ihm freundlich auf die Schulter und begann mit den Worten: „Eh bien, mon petit…“ Womit sich die Plauderei meistens erschöpfte. Seine liebsten Gesprächspartner waren dann zwei mir noch gut erinnerliche eingefleischte Spitzbuben: der alte Jacob Fidele, der uns die halbe Hausgerätschaft stahl, und der Gauner Fjodor Kuranow (mit Spitznamen Kuran), der, wie es hieß, einen Mord auf dem Gewissen hatte; sein Gesicht war immer blaurot – von Wodka und, gelegentlich, von Blutergüssen; er kam bei einem „Faustkampf“ ums Leben. Beide waren wirklich klug und sympathisch; ich – wie auch mein Großvater – mochte sie gern, und beide hegten für mich bis zu ihrem Tode große Sympathie.
Einmal sprach mein Großvater einen Bauern an, der einen Birkenstamm aus dem Wald schleppte: „Das ist zu schwer, komm, ich helfe dir.“ Wobei ihm der offenkundige Umstand entging, daß die Birke in unserem Wald gefällt worden war.
Ich selbst habe die besten Erinnerungen an meinen Großvater. Stundenlang konnten wir zusammen durch Wiesen, Sümpfe und Dickichte streifen; manchmal legten wir Dutzende Werst zurück, wenn wir uns im Wald verirrt hatten; wir gruben für die botanische Sammlung Gräser und Kräuter mit den Wurzeln aus; er benannte sie mir und lehrte mich mit dieser Pflanzenbestimmung die Grundlagen der Botanik, so daß mir bis heute zahllose Pflanzennamen geläufig sind. Ich weiß noch unsere Freude über eine außergewöhnliche Blüte des frühen Birnenapfels, die wir fanden, einer Art, die in der Moskauer Flora nicht vorkommt, und über einen kleinblättrigen niedrigen Farn; diesen Farn habe ich seither jedes Jahr auf dem Hügel gesucht, doch nie wieder gefunden; wahrscheinlich war er zufällig, durch Windsaat, dorthin gekommen und ist dann ausgestorben.
Das alles bezieht sich auf die dunklen Zeiten, die nach den Ereignissen vom 1. März 1881 angebrochen waren. Mein Großvater setzte seine Botanikvorlesungen an der Petersburger Universität bis zu seiner Erkrankung fort. Im Sommer 1897 warf ihn ein Schlaganfall nieder. Die letzten fünf Lebensjahre verbrachte er, der Sprache nicht mehr mächtig, im Rollstuhl. Er starb am 1. Juli 1902 in Schachmatowo. Zur Beisetzung wurde er nach Petersburg übergeführt. Zu denen, die seiner sterblichen Hülle vom Bahnhof aus das letzte Geleit gaben, gehörte Dmitri Iwanowitsch Mendelejew.
Dmitri Iwanowitsch spielte eine große Rolle in der Familie Beketow. Meine Großeltern waren eng mit ihm befreundet. Kurz nach der Bauernbefreiung waren er und mein Großvater ins Moskauer Gouvernement gefahren und hatten im Kreis Klin zwei benachbarte Güter gekauft; das Mendelejewsche Boblowo lag sieben Werst von Schachmatowo entfernt, und in meiner Kindheit, besonders aber in meinen Jugendjahren war ich oft dort. Die älteste Tochter Mendelejews aus zweiter Ehe, Ljubow Dmitrijewna, wurde meine Braut. 1903 fand in der Kirche des zwischen Schachmatowo und Boblowo gelegenen Dorfs Tarakanowo unsere Trauung statt.
Die Frau meines Großvaters, meine Großmutter Jelisaweta Grigorjewna, ist die Tochter des bekannten Naturkundlers und Mittelasienforschers Grigori Silytsch Korelin. Während ihres ganzen Lebens war sie mit Kompilationen und Übersetzungen wissenschaftlicher und literarischer Werke beschäftigt. Die Zahl ihrer Arbeiten ist groß; in ihren letzten Lebensjahren bewältigte sie bis zu 200 Druckbogen im Jahr; sie war sehr belesen und beherrschte mehrere Sprachen; sie hatte eine erstaunlich lebendige und eigenständige Weltsicht, einen bildhaften Stil und eine treffsichere, kühne Sprache, die die kosakische Herkunft verriet. Einige ihrer vielen Übersetzungen sind bis heute die unbestritten besten…
Abstraktes und „Verfeinertes“ lagen meiner Großmutter weniger; ihr Stil war allzu lapidar und hatte viel Umgangssprachliches. Ihr äußerst geradliniger Charakter vereinigte sich mit klarem Denken, klar wie die Sommermorgen auf dem Lande, an denen sie sich vor Tagesanbruch an die Arbeit zu setzen pflegte. Dunkel – wie an alles aus der Kindheit – erinnere ich mich an ihre Stimme, an den Stickrahmen, auf dem mit ungewöhnlicher Geschwindigkeit helle Wollblumen wuchsen, an die bunten Flickendecken, die sie aus alten, sorgsam aufbewahrten Stoffresten und Lumpen zusammennähte, und bei alldem an ihre unverwüstliche Vitalität und Lebensfreude, die mit ihr aus unserer Familie geschieden sind. Sie konnte sich einfach der Sonne erfreuen, des schönen Wetters, selbst in ihren letzten Lebensjahren noch, wo sie kränkelte und die Ärzte, bekannte und unbekannte, an ihr zermürbende und sinnlose Experimente übten. All das verminderte nicht ihren unbändigen Lebensdrang.
Ihre Vitalität und Lebensnähe äußerte sich auch in ihrem literarischen Geschmack; bei aller Feinheit des künstlerischen Verständnisses fand sie, daß „Geheimrat Goethe seinen Faust II nur geschrieben hat, um die tiefsinnigen Deutschen zu verblüffen“. Ebenso waren ihr die moralischen Predigten Tolstois zuwider. All das verflocht sich mit einer leidenschaftlichen Romantik, die mitunter in altväterliche Sentimentalität überging. Sie liebte Musik und Poesie und schrieb für mich kleine heitere Verse, in denen jedoch manchmal auch Trauer mitschwang.
Meisterhaft las sie Szenen aus Slepzow und Ostrowski oder verschiedenerlei Tschechow-Erzählungen. Als eine ihrer letzten Arbeiten übertrug sie zwei Tschechow-Erzählungen ins Französische (für die
Revue des deux Mondes), wofür Tschechow ihr liebenswürdig dankte.
Leider blieben ihre Erinnerungen ungeschrieben. Ich besitze nur einen Entwurf; sie war mit vielen russischen Schriftstellern ihrer Zeit persönlich bekannt, verkehrte mit Gogol, den Brüdern Dostojewski, A. Grigorjew, Tolstoi, Polonski und Maikow. Ich habe auch noch jenes englische Romanexemplar in Verwahrung, das F.M. Dostojewski ihr seinerzeit persönlich zum Übersetzen gab. Die Übersetzung ist dann in der Zeitschrift
Wremja erschienen. Meine Großmutter starb genau drei Monate nach dem Tode meines Großvaters – am 1. Oktober 1902.
In den Töchtern meiner Großeltern, meiner Mutter und ihren beiden Schwestern, lebten die Liebe zur Literatur und das echte Verständnis für deren hohe Bedeutung fort. Sie übersetzten alle drei…
In der Familie meines Vaters spielte die Literatur eine geringere Rolle. Mein Großvater väterlicherseits, Lutheraner, Nachfahre des Leibarztes Zar Alexej Michailowitschs, stammte aus Mecklenburg (ein Vorfahre, der Leibchirurg Iwan Block, hatte unter Paul I. den russischen Adelstitel erhalten). Verehelicht war mein Großvater mit der Tochter des Gouverneurs von Nowgorod – Ariadna Alexandrowna Tscherkassowa.
Mein Vater, Alexander Lwowitsch Block, hatte an der Warschauer Universität als Professor für Staatsrecht einen Lehrstuhl inne. Er starb am 1. Dezember 1909. Mit seinem Fachgebiet waren seine Tätigkeit und auch seine wohl weniger wissenschaftlichen als künstlerischen Ambitionen keineswegs ausgeschöpft. Sein Lebensweg ist dunkel, merkwürdig und erfüllt von komplizierten Widersprüchen. Er veröffentlichte lediglich zwei kleinere Bücher (die lithographierten Vorlesungen nicht gerechnet) und arbeitete in den letzten zwanzig Jahren an einem Werk über die Klassifikation der Wissenschaften. Hervorragender Musiker, Kenner der schönen Literatur und feiner Stilist, rechnete er sich zu den Schülern Flauberts. Das mag auch der wesentliche Grund dafür gewesen sein, daß er so wenig geschrieben und das Hauptwerk seines Lebens nicht zu Ende geführt hat; es gelang ihm nicht, seine unaufhörlich sich verzweigenden Ideen in die prägnante Form zu bringen, die er suchte. Diese Suche nach der dichtesten Form hatte etwas Verbissenes, Erschreckendes, wie auch seine gesamte seelische und physische Gestalt. Ich habe ihn wenig gesehen, doch ist mir sein Bild unauslöschlich in Erinnerung.
Die Kindheit verbrachte ich in der Familie meiner Mutter. Hier liebte und erfaßte man das
Wort; hier walteten die althergebrachten Vorstellungen von literarischen Werten und Idealen. Vulgär – à la Verlaine – gesagt, behauptete hier die „éloquence“ das Feld; nur meine Mutter neigte zu beständiger Auflehnung und ruhelosem Interesse für das Neue; und besonders sie förderte meine Liebe zur musique. Im übrigen gab es niemanden in der Familie, der mich in irgendeiner Weise drangsaliert hätte; alle liebten und verhätschelten mich. Und der guten alten „éloquence“ schulde ich ewigen Dank, weil durch sie die Literatur für mich nicht erst mit Verlaine und der Dekadenz anfing.
Quelle meiner ersten Inspiration war Shukowski. Seit frühester Kindheit erinnere ich mich der immer wieder auf mich zurollenden lyrischen Wogen, die kaum noch mit greifbaren Namen verbunden waren. Es sei denn mit dem Namen Polonski und dem ersten Eindruck von seiner Dichtung.
Die „Lebenserfahrungen“ währten nicht lange. Dunkel erinnere ich mich an die riesigen Petersburger Wohnungen mit einem Haufen Leute, mit einer Amme, mit Spielzeug und Weihnachtsbäumen – und an die duftverströmenden Walddickichte unseres kleinen Gutes. Mit fünfzehn erlebte ich die erste bewußte Liebessehnsucht und mit ihr die erste Anwandlung von Bitterkeit und Ironie, die Jahre später in meinem ersten dramatischen Versuch („Der fahrende Komödiant“, lyrische Szenen) ihren Niederschlag fand. Zu „dichten“ begann ich wohl schon mit fünf Jahren. Weit später erst gründete ich gemeinsam mit Cousins und weitläufigen jüngeren Verwandten das Journal
Westnik, das wir handschriftlich in einem Exemplar „herausgaben“ und bei dem ich drei Jahre als Redakteur und fleißiger Autor figurierte.
Ernsthaft ans Schreiben machte ich mich mit etwa achtzehn Jahren. Drei oder vier Jahre lang ließ ich das Geschriebene nur meine Mutter und meine Tante sehen. Es waren lyrische Verse, und bis zum Erscheinen meines ersten Bandes (
Verse von der Schönen Dame) hatten sich an die 800 Gedichte angesammelt (ohne die frühen Jugendgedichte), von denen ungefähr 100 in die Ausgabe aufgenommen wurden. Manches von dem Alten veröffentliche ich bis heute gelegentlich in Zeitungen und Zeitschriften.
Unsere Familientradition und mein abgekapseltes Dasein bewirkten, daß ich bis zu den ersten Semestern an der Universität keine einzige Zeile von der sogenannten „neuen Poesie“ gelesen hatte. Hier ergriff, im Zusammenhang mit starken mystischen Liebeserlebnissen, die Poesie Wladimir Solowjows ganz von mir Besitz. Bis dahin war mir die Mystik, die die letzten Jahre des alten und die ersten Jahre des neuen Jahrhunderts beherrschte, unverständlich; mich beunruhigten wohl Zeichen, die ich in der Natur sah, doch hielt ich das alles für „subjektiv“ und hütete mich, anderen davon zu erzählen. Nach außen hin befleißigte ich mich damals der Schauspielerei, deklamierte hingebungsvoll Maikow, Feth, Polonski, Apuchtin und spielte in Laienaufführungen im Hause meiner künftigen Braut den Hamlet, den Tschazki, den Geizigen Ritter und… Vaudevilles. Die klardenkenden und nüchternen Leute meiner Umgebung bewahrten mich wohl vor den Umtrieben der mystischen Scharlatanerie, die einige Jahre später in bestimmten literarischen Kreisen in Mode kam. Zum Glück und Unglück kam die „Mode“ – wie gewöhnlich – erst auf, als sich innerlich alles wieder geglättet hatte. Als die Elemente, die unter dem Erdboden tobten, an die Oberfläche schlugen, sammelte sich eine große Schar von Liebhabern leichter mystischer Kost. Auch ich entrichtete in der Folgezeit meinen Tribut an diesen neuen schimpflichen „Trend“, doch geht das bereits über den Rahmen der Autobiographie hinaus. Wer sich dafür interessiert, sei auf meine Gedichte und auf den Artikel „Über den gegenwärtigen Stand des russischen Symbolismus“ (Zeitschrift
Apollon, 1910) verwiesen. Doch zurück zum Thema.
Infolge meiner völligen Ignoranz und meines Unvermögens, mit der Welt in Kontakt zu treten, unterlief mir einmal eine peinliche Sache, an die ich heute mit Lächeln und Dankbarkeit zurückdenke: An einem regnerischen Herbsttag (des Jahres 1900, wenn ich nicht irre) ging ich zu einem (heute bereits verstorbenen) alten Bekannten unserer Familie, Viktor Petrowitsch Ostrogorski. Er war Redakteur der Zeitschrift
Mir boshi (Gotteswelt). Ohne zu sagen, wer mich schickte, überreichte ich ihm klopfenden Herzens zwei kleinere Gedichte, die unter dem Eindruck der Wasnezowschen Fabelwesen Sirin, Alkonost und Gamajun entstanden waren; Er überflog die Gedichte, sagte: „Daß Sie sich nicht schämen, junger Mann! So was zu treiben, während in der Universität Gott weiß was im Gange ist!“ – und geleitete mich mit grimmigem Wohlwollen hinaus. Damals war ich beleidigt, doch heute erinnere ich mich daran lieber als an die späteren Lobpreisungen.
Danach unterließ ich es lange, mich irgendwo anzubieten, bis man mich 1902 an B. Nikolski empfahl, der damals gemeinsam mit Repin eine Studentenanthologie vorbereitete. Ein Jahr später begann ich bereits „ernsthaft“ zu publizieren. Die ersten Leser, die unvoreingenommen auf meine Gedichte aufmerksam wurden, waren Michail Sergejewitsch Solowjow und Olga Michailowna Solowjowa (eine Cousine meiner Mutter). Meine ersten Veröffentlichungen erschienen 1903 in der Zeitschrift
Nowy putj und – etwa zur gleichen Zeit – im Almanach Sewernyje zwety.
Siebzehn Jahre meines Lebens wohnte ich in der Kaserne des Leibgardegrenadierregiments (als ich neun war, hatte meine Mutter ein zweites Mal geheiratet; mein Stiefvater, F.F. Kublizki-Piottuch, diente in diesem Regiment). Nach Abschluß des Petersburger
Wwedenski-Gymnasiums (heute nach Zar Peter dem Großen benannt) nahm ich das Studium an der Juristischen Fakultät einer Petersburger Universität auf; dies reichlich unbedacht, denn nach dem dritten Semester wurde mir klar, daß ich zur Jurisprudenz gar keine Beziehung hatte. Im Jahre 1901, das sehr wichtig und für mein weiteres Schicksal entscheidend war, wechselte ich auf die Philologische Fakultät über, die ich im Frühjahr 1906 mit dem Staatsexamen in der slawisch-russischen Fachrichtung abschloß.
Die Universität spielte in meinem Leben eine unwesentliche Rolle, doch vermittelte mir die Hochschulausbildung eine gewisse geistige Disziplin und die üblichen Fertigkeiten, die mir bei historisch-literarischen Studien und eigenen kritischen Abhandlungen wie auch bei der künstlerischen Tätigkeit (Material für das Drama „Die Rose und das Kreuz“) sehr zugute kommen… Gelänge mir die Zusammenstellung eines Bandes mit meinen Aufsätzen und Artikeln, die in einer Vielzahl verschiedener Ausgaben verstreut sind und noch einer gründlichen Umarbeitung bedürfen, so würde ich für ihren wissenschaftlichen Gehalt in erster Linie der Universität zu danken haben.
Mein „selbständiges“ Leben begann eigentlich erst nach Abschluß der Universität. Ich schrieb weiterhin Gedichte, die seit 1897 alle als Tagebuch betrachtet werden können, verfaßte im Jahr meines Universitätsabschlusses die ersten Stücke in dramatischer Form; Hauptthemen meiner Aufsätze (außer den rein literarischen) waren „die Intelligenz und das Volk“, das Theater und der russische Symbolismus (nicht nur als literarische Schule gefaßt).
Jedes Jahr meines bewußten Lebens trägt für mich eine bestimmte Farbe. Von den Ereignissen, Erscheinungen und Tendenzen, die in dieser oder jener Weise besonderen Einfluß auf mich hatten, sind folgende zu nennen: die Begegnung mit W. Solowjow (den ich eigentlich nur von weitem zu Gesicht bekam), die Bekanntschaft mit M.S. und O.M. Solowjow, mit S.N. und D.S. Mereshkowski und A. Bely; die Ereignisse der Jahre 1904 und 1905; das Bekanntwerden mit dem Theatermilieu, das im Schauspielhaus der verstorbenen W.F. Kommissarshewskaja begann; der rigorose Niedergang überkommener literarischer Gepflogenheiten und der Beginn der „Fabrik“-Literatur parallel zu den Ereignissen des Jahres 1905; die Beschäftigung mit dem Werk von August Strindberg (zunächst über den Dichter W. Pjast); drei Reisen ins Ausland: Italien – Nord- (Venedig, Ravenna, Mailand) und Mittelitalien (Florenz, Pisa, Perugia und viele andere Städte und Orte von Umbrien); Frankreich (Norden der Bretagne, Pyrenäen – Umgebung von Biarritz, einige Male Paris), Belgien und Holland; außerdem fuhr ich eigentümlicherweise alle sechs Jahre nach Bad Nauheim (Hessen-Nassau), an das mich besondere Erinnerungen binden.
In diesem Frühjahr (1915) hätte ich Zum viertenmal dorthin reisen sollen; doch in die persönliche und niedere Mystik meiner Reisen nach Bad Nauheim mischte sich die allgemeine und höhere Mystik des Krieges.

Juni 1915

III

Unsere Auswahl folgt der komplizierten Bauweise der „Trilogie der Vermenschlichung“, Die Vorgriffe und Rückläufe dieses dramatischen Prozesses müssen freilich in der Beschränkung weniger heftig erscheinen. Tatsächlich ist Blocks Werk nur zu begreifen, wenn man das schroffe Nebeneinander der Stile akzeptiert. In Blocks System der lyrischen Stile, das nicht logisch auflösbar ist, wurde die russische Poesie gesammelt und neu gewonnen. Ossip Mandelstam formulierte den Zusammenhang dieses stilstrengen Sammelns alles „Einheimischen“ und des Geschichtssinns:

… Block hatte eine geschichtliche Liebe, eine geschichtliche Objektivität zur einheimischen Periode der russischen Entwicklung, die im Zeichen der Intelligenz und der Volkstümler stand. Die schweren dreisilbigen Takte Nekrassows waren für ihn erhaben wie Hesiods Werke und Tage. Die siebensaitige Gitarre, die Freundin Apollon Grigorjews, war für ihn nicht weniger heilig als die klassische Lyra. Er nahm die Zigeunerromanze auf und machte sie zur Sprache der Volksleidenschaft. Es scheint, als wehe von der hohen mathematischen Stirn der Sofia Perowskaja im gleißenden Licht Blockscher Erkenntnis der russischen Realität schon die Marmorkühle wirklicher Unsterblichkeit.
Man wundert sich nicht über Blocks Gefühl für Geschichte. Schon lange bevor er uns beschwor, die Musik der Revolution zu hören, hörte er die unterirdische Musik der russischen Geschichte – dort, wo selbst das angestrengteste Ohr nur eine synkopische Pause vernahm.

Obwohl Block seine Grundsymbolik der „Morgenröten“, „Sonnenuntergänge“, „Nebel“, „Winde“ und „Schneestürme“ ständig variierte und in neuen Zusammenhängen aufsuchte, hielt er sein System ziemlich konstant: Es repräsentierte ihm die Einheit des menschlichen Schicksals. Die Stilstationen seines Werks, die die Auswahl belegt, lassen sich etwa wie folgt beschreiben:
Blocks lyrische Anfänge standen unter dem Einfluß russischer Dichter der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Tjutschews, Apuchtins und Feths, und des Mystikers Wladimir Solowjow. Im Bild der „Ewig-Jungen“, der „Schönen Dame“, der „Herrscherin des Weltalls“, der „Geheimnisvollen Jungfrau“, das mit dem Prinzip zugleich die Geliebte meinte – Ljubow Dmitrijewna Mendelejewa, Blocks spätere Frau, versuchte der Dichter, die ersehnte Gestalt des neuen harmonischen Menschen, das Bild eines „goldenen Zeitalters“ aufzurufen.
Schon im Herbst 1902 setzte Block gegen Milde und Demut des Kults der „Schönen Dame“ eine „grausame Harlekinade“, die dann in seinem ersten lyrischen Drama „Die Schaubude“ (1906) ihre äußerste Zuspitzung erfährt. Die „Jungfrau aus dem fernen Land“, die „blasse Freundin“ erweist sich als Colombine, Pierrots Geliebte, Das Mysterium wird zur Posse, das „letzte Abendmahl“ findet in der Schaubude statt. Die Revolution von 1905 entdeckte dem Dichter das „wahre Gesicht des erwachten Lebens“, Hier begann seine Lösung vom Symbolismus, die er 1910 endgültig formulierte. Im Sommer 1905 entstand das Gedicht „Herbstliches Befreitsein“, das Blocks Rußlanddichtung einleitete. „… Träume und Nebel, mit denen die Seele ringt, um ein Recht auf das Leben zu gewinnen, Einsamkeit, Finsternis, Stille“ charakterisieren seinen ersten Band Verse von der Schönen Dame. Sein zweiter Band Unverhoffte Freude (1904-06) wurde das Buch des Übergangs. Die „grausame Harlekinade“, im Herbst 1902 als ironische Umdeutung der Mystik Solowjows begonnen, führte unter dem Eindruck Nekrassows und Apollon Grigorjews zu einer Natur- und Stadtmystik, einer „Mystik des Alltags“. Die Stadt erscheint im Widerstreit von Schönheit und Trivialität. Trivialität wird geheimnisvoll erhöht. Bekanntestes Beispiel das Gedicht „Die Unbekannte“. „Welttrunkenheit“, „Boheme der Seele“ nennt Block das Lebensgefühl dieser Zeit, die von den Büchern Schneemaske, Faina und Freie Gedanken beschlossen wird. Der Versuch, auf dem Weg des lyrischen Dramas die gesuchte Objektivierung der inneren Kämpfe zu erreichen, war nicht erfolgreich. Sie glückt erst in der intimen Anstrengung des Historischen in den Büchern Heimat und Jamben. 1908 entsteht der Zyklus „Auf dem Kulikowo-Felde“. 14. und 20. Jahrhundert werden konfrontiert. Diese Schlacht vom 7. zum 8. September 1380 gehöre, meinte Block, zu den symbolischen Ereignissen der russischen Geschichte, deren Enträtselung noch bevorstehe. Block hielt die Spannungen zwischen Volk und Intelligenz, die ihn in dieser Zeit beschäftigten, für bedeutend genug, um gerade ihnen jenes Ereignis zu assoziieren; das das russische Volk vor 500 Jahren vom tatarischen Joch befreite und eine selbständige nationale Entwicklung ermöglichte. „O mein Weib, meine Ruß! Wie schmerzhaft / Lang ist der Weg! / Der Weg, der geht durch die Brust / Wie ein Pfeil der freien Tataren.“ Der lange Weg und die ewige Unrast, die an Gogols dramatisches Rußlandbild erinnern, würden von nun an die gesamte Bildstruktur der Rußlanddichtung bis hin zu den „Zwölf“ bestimmen, die den dritten, abschließenden Band der „Trilogie der Vermenschlichung“ bildet.
Block weiß, daß das neue Rußland wächst „im Herzen der russischen Revolution“, mit deren Gewitter kein Blitzableiter fertig werden würde. Der reinigende Sturm, der die „schreckliche Welt“, die Welt der „Totentänze“, wie der Zyklus der Jahre 1912–14 heißt, hinwegfegen werde, mache aber den Menschen der alten Zeit, als der Block sich verstand, zum Opfer der unerhörten Widersprüche des Übergangs. Mehrere Dichtungen, die die neue Situation des Dichters fassen sollten, blieben unvollendet oder schlugen fehl. Sie wiesen aber, wie besonders das 1909 entworfene Poem „Vergeltung“ in ihrer neuen Konzeption auf die bevorstehenden „unerhörten Veränderungen“. Das Drama über „die Wiedergeburt Rußlands durch die Fabrik“, an dem Block 1913-16 arbeitete, werde einem anderen zur Vollendung aufgetragen, meinte er – „keinem Liberalen und keinem Konservativen, sondern einem Ruhelosen wie mir“. Es seien dafür noch „mehrere (sogar historische) Anläufe nötig“. Geschrieben hat es dann tatsächlich mit einer völlig neuen Sinngebung der Wiedergeburt Rußlands durch die Fabrik Wladimir Majakowski als Poem „Wladimir Iljitsch Lenin“, wobei Vergangenheit nicht länger als „Vergeltung“, sondern als geschichtliche Leistung begriffen wurde.
Block hatte die nahende Revolution vorausgesagt. Als sie vollzogen wurde, stand er auf ihrer Seite. Anfang November 1917 berief das Zentrale Exekutivkomitee die bedeutendsten Vertreter der Petrograder Intellektuellen in den Smolny, um über ihre Mitarbeit zu beraten. Unter den wenigen, die erschienen, waren Wsewolod Meyerhold, Wladimir Majakowski und Alexander Block. „Kann die Intelligenz mit den Bolschewiki zusammenarbeiten?“ fragte eine bürgerliche Zeitung. Block antwortete: „Sie kann und muß.“ Mit dem polyphonen Bau seines Poems „Die Zwölf“, in dem die Konzeption der gesamten Trilogie gipfelte, erreichte Block als erster geschichtliche Repräsentanz für die nachrevolutionäre russische Poesie. Er hob die ekstatische Doppelweltsymbolik der „Schneemaske“ – Kälte-Sturm −, die im zweiten Band bis zum „Schnee-Brand“, „Schnee-Feuer“ getrieben worden war, auf. Das Christussymbol gehörte zum System dieser Aufhebung ebenso wie die Hereinnahme der aktuellen Atmosphäre und der Eifersuchtstragödie, des Vorstadtdramas. „Ich habe nur konstatiert“, schrieb Block in einem Kommentar. „Wenn man auf diesem Weg in die Säulen des Schneesturms blickt, sieht man ,Jesus Christus‘. Aber manchmal hasse ich dieses weibische Gespenst selbst.“
Unmittelbar nach den „Zwölf“ und konzeptionell eng mit dem Poem verbunden, entstand im Januar 1918 die Dichtung „Skythen“. Die neue Persönlichkeit, den Menschen der Massen, in dessen tragische Verkettung Block zweifellos seine eigenen Widersprüche hineinprojizierte, faßte er in den „Skythen“ in philosophisch-historischer Verallgemeinerung: Die neuen „Barbaren“ bieten eine Alternative zur „alten Welt“. Wiedergeburt verspricht nur die Besinnung auf diese schöpferische Ursprünglichkeit.
Der Zusammenbruch der alten Welt war für Block von geschichtlicher Folgerichtigkeit. Er fand ihn in seiner Trilogie, die er 1921 mit den Erfahrungen der Revolutionsjahre zum drittenmal bearbeitete, vorgebildet, Die Bemühungen seiner letzten Jahre kreisten aber vor allem um die inneren Spiegelungen der neuen Zeit, um die Gestalt seines „neuen Menschen“. Es sind nach den bei den Poemen des Januars 1918 vor allem vier Vorträge, in denen Block die Konzeption des „neuen Menschen“ entwickelt und damit zugleich einen umfangreichen Kommentar zu seinem Weg von den Versen von der Schönen Dame zu den Zwölf vortrug: „Intelligenz und Revolution“ (1918), „Catilina“ (1918), „Der Zusammenbruch des Humanismus“ (1919) und die Puschkin-Rede „Über die Bestimmung des Dichters“ (1921). „Intelligenz und Revolution“ und „Der Zusammenbruch des Humanismus“ formulierten die „Wucht der russischen Revolution“, der gegenüber der Krämerstil der liberalen russischen Intelligenz unwürdig sei. Diesen großen Revolutionsbegriff untersuchte Block in dem Vortrag „Catilina. Eine Seite aus der Geschichte der Weltrevolution“ auf seine möglichen poetischen Erscheinungsformen. Block wählte ein scheinbar entlegenes Beispiel: Die Bedeutung der römischen Verschwörungen Catilinas im ersten vorchristlichen Jahrhundert und deren verdeckte Spiegelung in einem Gedicht des Catull. Block entwickelte hier seinen Entwurf jener neuen Geschichtsmächtigkeit, der die russische Lyrik unter dem maßgeblichen Einfluß Blocks zustrebte. Er schrieb: „… in der poetischen Empfindung der Welt gibt es keine Trennung zwischen Persönlichem und Allgemeinem; je sensibler ein Dichter ist, um so unzertrennlicher empfindet er ,Eigenes‘ und ,Nicht-Eigenes‘; daher sind die zartesten und intimsten Sehnsüchte der Seele des Dichters in Zeiten der Stürme und Katastrophen übervoll von Sturm und Katastrophe.“

Fritz Mierau, Nachwort

 

Alexander Block (1880–1921)

gehört zu den größten Dichtern der ersten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts. Er war ein Romantiker, dessen Werk einen Bogen von den letzten Höhen der vorrevolutionären zu den weltbewegenden Anfängen der sowjetischen russischen Poesie schlägt. Bei Block sind das Thema der „schrecklichen Welt“ bürgerlicher Wirklichkeit mit dem romantischen Thema der Zukunft, das Thema der Liebe mit dem Thema Rußlands verbunden. Er selbst schrieb: „In der poetischen Weltsicht gibt es keine Trennung zwischen Persönlichem zum Gesellschaftlichem; je feinfühliger der Dichter ist, um so inniger verflechten sich in seinem Fühlen das Eigene und das Nichteigene, deshalb füllen sich in Epochen der Stürme und Unruhen auch die zartesten und intimsten Bestrebungen seines Herzens mit Sturm und Unruhe.“ Unser zweisprachiger Band enthält Gedichte aus den Jahren 1899 bis 1918.

Verlag Volk und Welt, Begleitzettel, 1970

 

Weltverständnis — gewonnen durch die Revolution

− Der charakteristische Weg des sowjetischen Lyrikers Alexander Block / Notizen zum Gedichtband Schneegesicht. −

Alexander Block – der große Dichter des russischen Symbolismus. 1880 geboren, 1921 gestorben. Ein Dichter zwischen den Zeiten. Am Anfang das Fin de siècle, am Ende die Revolution. Und beides hat in seinen Gedichten vollkommenen Ausdruck gefunden.
Die Verse des Jungen Poeten besingen romantisch empfindsam die „schöne Dame“, die „Unbekannte“, und die Wirklichkeit von St. Petersburg verflüchtigt sich im Dämmerlicht der Jahrhundertwende, wird von der Sensibilität des Dichters umgewandelt in eine Seelenlandschaft unstillbarer Sehnsucht. Das mondäne Parfüm der Dekadenz und der Weihrauch der Mystik wölken darin auf. Irreale Welt aus Rausch und Demut. Melancholie. Ein Zaubergarten des Gefühls in irisierenden Farben. Der Widerstreit zwischen keuscher, scheu verehrender Verherrlichung der Frau und verführerischem Berauschtsein von Wein und erotischem Verlangen wird fast zum raffinierten Selbstgenuß.
Anders klingt Blocks Stimme 1918. Im großangelegten Poem Die Zwölf‘ werden der Marschschritt der Revolution und der die Straßen Petrograds peitschende Schneesturm eins. Alle Hektik der erregten Zeit fängt die hektische Bewegtheit der Sprache ein, die abrupt von Wirklichkeitsfragment zu Wirklichkeitsfragment springt. Bejaht werden das Chaotische, das Zerstörerische, das Gewaltsame. Unerbittlich ist die Verurteilung der alten Welt, scharf und sarkastisch. Und das Einverständnis des Dichters mit der Revolution wird in einer Vision von gewaltiger Kühnheit gegeben: Einer Rotarmistenpatrouille schreitet Jesus Christus voran.

Weit mehr als eine dichterische Metapher
Christus unter der roten Fahne. Die durch die Stadt marschierenden Rotgardisten sind zwölf, wie die Jünger Jesu. Dieses Bild ist mehr als eine grandiose dichterische Metapher. Es reißt, über das Gedicht hinausweisend, geschichtsmächtige Räume von unerhörten geistigen Dimensionen auf. Die Revolution ist begriffen als Weltenwende. Ihrer radikalen Energie kann nur der umfassendste Blick in diese weitesten Räume genügen. Und so sehr, wie auch in dem fast gleichzeitig entstandenen Gedicht „Die Skythen“, in dem Rußland als Sphinx der alten Welt Europas gegenübersteht und zum letztenmal die Besinnung, das Bruderfest und die Friedensfeier fordert, die geschichtsphilosophischen Grundlagen und Aussagen weit eher metaphorisch und mystisch als von objektiver Realität bestimmt sind mit einmaliger Kraft ist jedenfalls darin als Vision, Beschwörung, Symbol das Epochale der Situation formuliert.
Freilich: So scharf kontrastierend, wie es hier erscheinen mag, stehen sich der Dichter der „Verse von der schönen Dame“ und der Dichter der Zwölf nicht gegenüber. Es gibt Verbindungen, Uebergänge. Nicht unvorbereitet hat Block die Revolution getroffen. Schon vorher weitete sich sein Blick. Rußland wurde ihm zum Thema, tragisch und groß. Er beschwor Historie, die Mongolenzeit, die Schlacht auf dem Kulikowo-Felde. Er entwarf den Mythos eines von zielloser Unruhe bewegten Landes, unendlich geliebt in seiner Armut, mit seinen Relikten barbarischer Vergangenheit, und Bilder des Zukünftigen traten hinzu. Und wie sein Weltverständnis wandelte sich sein Selbstverständnis. Als „ein Kind des Lichts“, als „ein Sieg der Freiheit“ wünschte er von den Späteren verstanden zu werden.

Die Stufen der Entwicklung sind verdeutlicht
In der Lyrikreihe des Verlags Volk und Welt ist, herausgegeben von Fritz Mierau, in zweisprachiger Ausgabe eine Auswahl von Gedichten Alexander Blocks unter dem Titel Schneegesicht erschienen. Sie ist so angelegt, daß in ihr der Entwicklungsweg des Dichters verdeutlicht wird. Als einen Mangel kann man lediglich empfinden, daß nicht eben auch „Die Skythen“ aufgenommen sind, denn dieses Gedicht ist nicht weniger als Die Zwölf grundlegend für das Verständnis Blocks und seiner Haltung zur Revolution.
Eine ganze Anzahl Nachdichter wurde bemüht. Die meisten Uebertragungen stammen von Sarah Kirsch und Karl Mickel. Oft hat die faszinierende Schönheit der Blockschen Poesie eine nicht minder faszinierende deutsche Sprachgestalt gefunden.

H. U., Neue Zeit, 16.1.1971

 

8

Fern von Blok

Philosophie

Der Winter 1907/08 war durch äußere Aktivität in Moskau gekennzeichnet: durch sehr engen Kontakt zu Vesy und durch die Arbeit im Vorstand der Freien Ästhetik, wo ich eine Reihe von Vorträgen (über Musik, moderne Literatur, über Sologub) hielt, durch die Tagungen der Moskauer Religionsphilosophischen Gesellschaft, die sich in Moskau großer Sympathie erfreute. Ihr haben sich viele angeschlossen: Professor Bulgakov, nachdem er aus Petersburg nach Moskau übersiedelte, N.A. Berdjaev, Professor E.N. Trubeckoj, der aus Kiev auf den Lehrstuhl für Philosophie (anstelle seines verstorbenen Bruders S.N. Trubeckoj) berufen wurde; dort wirkten V.F. Ern, G.A. Ratschinskij und V.P. Sventickij, der damals aus der Gesellschaft noch nicht ausgeschlossen war; einige Geistliche: Dobronravov, Arsenjev, Vostokov, Fudel; man sah dort Novoselov, Kozevnikov, Gromoglasov, Florenskij, Pokrovskij, P. Astrov; auf natürliche Weise entstand der Kern einer Gesellschaft, die mehrere Folgen hochinteressanter Tagungen organisierte – im Verlaufe von 10 Jahren.
Eine zeitlang gehörte ich sogar zu den Mitgliedern des Vorstands (mit Ratschinskij, Sventickij, Bulgakov, Ern, Berdjaev, Trubeckoj); damals bedrängte mich Ratschinskij, dem Vorstand beizutreten, um die linke religiöse Richtung zu vertreten; er fürchtete in jenen Jahren den orthodoxen Zug bei S.N. Bulgakov, bei V.F. Ern; Ratschinskij wurde zum Vorsitzenden gewählt; die Sitzungen waren für ihn wirkliche kultische Handlungen, mit hochrotem Kopf, rauchender Zigarette, funkelnder Brille, mit zuckendem grauem Bart ließ er das Schiff der Sitzung unter feierlichem Halleluja von Stapel laufen; und erklärte die Sitzung ebenso feierlich für geschlossen; jedes „Wort“ Ratschinskijs enthielt unbedingt irgend eine laute „Preisung“: „Am Anfang war das Wort“, „die heilige Stadt, das Neue Jerusalem“… Die Sitzungen leitete er hervorragend; aber viele belächelten wohlwollend seinen feierlichen Ton, – und den Kontrast zu seinen raschen, nervösen, hastigen Bewegungen; in den Pausen eilte er im Saal hin und her, um die Opponenten zusammenzusuchen, er hielt Berdjaev am Ärmel fest, oder lief mir nach:
„Verstehst du – Sie verstehen? Ich lasse Bulgakov anfangen; und dann kommst du dran, als Nietzscheaner; darauf – der Beitrag von X. Y.; und als Gegengewicht lasse ich den…“ – und mit einem Satz sprang er von mir auf Berdjaev zu:

Belyj kommt nach Bulgakov: und Sie als Gegengewicht – zum Schluß…

Und so begann er eines Tages mir zu beweisen, daß mein Eintritt in den Vorstand der Gesellschaft unerläßlich sei, in einem Redeschwall, durchzuckt von blitzartigen Bewegungen, ständig vom „Du“ zum „Sie“ überwechselnd. Was bei ihm üblich war: wenn er in Fahrt kam, duzte er jeden: und nach dem Duzen siezte er wieder; er blies mir den Rauch seiner dicken starken selbstgedrehten Zigarette direkt in die Nase, die Gesten wie Blitze um sich schleudernd, am ehesten mit einem Geiger zu vergleichen, der auf einer unsichtbaren Geige eine Phantasie von Paganini spielt (d.h. mit dem ganzen Körper hin- und herschwankend, die Arme und die Schultern bewegt, mit den Füßen den Takt schlagend).
„Verstehst du, pff, pff (dicke Rauchwolken vor meinem Gesicht)… ich hätte dich davongejagt, hol dich der Teufel – pff, pff, pff – aus dem Vorstand – pff, pff – verstehst du? Ich hätte dir höchstpersönlich – pff, pff – einen Tritt gegeben: – pff – (ich bin von dichten Rauchwolken eingehüllt: Ratschinskij, dicht vor meinem Gesicht, steckt sich zerstreut die Zigarette mit dem glimmenden Ende in den Mund) – wenn nicht Sergej Nikolajevitsch… Au!… Sie verstehen, Boris Nikolajewitsch, ich fürchte mich vor dieser gewissen dicken Pfaffenluft… Bulgakov wäre fähig – du verstehst? Er wäre fähig, er wäre fähig, bei einer Sitzung… etwas, – verstehst du, – sich etwas derartiges zu leisten (pff – pff – pff – pff – Rauchwolken!)… bei einer Sitzung, verstehst du, einer nicht bloß religiösen, sondern Religionsphilosophischen – philosophischen – Gesellschaft (dabei brummte er förmlich vor Begeisterung) – sich etwas zu leisten – pff – pff – pff…“ – und plötzlich wirft er den Arm hoch, immer noch die brennende Zigarette in der Hand:

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes!…

Pff – Pff!
(Es war von Ratschinskij ungerecht, Bulgakov solche Dinge vorzuwerfen: denn er selber überraschte uns gerne mit etwas im Stil von: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!“)
„Siehst du: dann kommst du dran – ein bärbeißiger Nietzscheaner – aus Gründen des Gleichgewichts“ – und plötzlich schlägt er mit einem Zeigefinger gegen den anderen, dicht vor meiner Nase, um mir vermutlich das absolute Gleichgewicht anschaulich zu machen.

Treten Sie, treten Sie dem Vorstand der Gesellschaft bei, Boris Nikolajevitsch!

Und so wurde ich völlig überraschend in den Vorstand gewählt und mit den Aufgaben eines bissigen Wolfshundes betraut, der im entscheidenden Augenblick von Ratschinskij auf Bulgakoy, den Fürsten Trubeckoj oder Ern, zu denen sich meine Beziehungen in jenen Jahren besonders festigten, gehetzt wurde. Um die gleiche Zeit beteiligte ich mich an der Gründung des Hauses des Liedes, die von M.A. d’Alheim und Baron d’Alheim inspiriert wurde; E.K. Medtner kehrte nach Moskau zurück, mit dem ich seit Jahren korrespondiert hatte. In der behaglichen Wohnung in der Malyj Gnezdnikovskij-Gasse, direkt gegenüber dem Haus von d’Alheim, verbrachte ich oft mit Medtner wunderbare Abende; häufig war der Bruder von Emilij Karlovitsch dabei anwesend, der Komponist; häufig erschienen die anderen Brüder Medtners mit ihren Frauen; häufig waren hier Ellis, Schpett, Goldenweiser (Pianist), Konjus, Stember (Maler), Petrovskij, die Morozova. So bildete sich auf natürliche Weise der Medtner-Kreis, – der für Ellis die Fortsetzung der „Argo“ wurde; man trug hier gemeinsam seine Ideen aus. Hier kristallisierte sich der Kern des Musaget.
In dem Kreis für Literatur und Kunst, den ich auch häufig besuchte, hielt ich den Vortrag „Theater und modernes Drama“; die Schauspieler des Künstlertheaters waren mit mir unzufrieden. Lenskij aber kam auf mich zu, drückte mir die Hand und bedankte sich für die Idee des Vortrags. (An jenem Abend aßen wir mit Bashenov, Bunin, Veresajev und anderen Schriftstellern: Bunin rügte mich wegen meiner Abstraktheit); hier nahm ich an Gesprächen teil, deren Ton mir unangenehm war, an Diskussionen, die für uns, die Symbolisten, eine Tribüne waren, von der aus wir Publizisten und Zeitungsschreiber, die uns beschimpften, verdammen konnten. (Wenig später trafen wir uns hier friedfertig wieder, Professoren, Schauspieler, Schriftsteller, Rechtsanwälte, Journalisten.)
Die Politik interessierte mich wesentlich mehr als früher; alles versackte in der Reaktion; die Linken – wurden rechts, rechter, am rechtesten; vom Rot wechselten sie zuweilen in ein schmutziges Braun über; die Zeit selbst wurde schmutzig braun; manche versanken in eindeutigem Schwarz; sehr viele flüchteten in den Rausch. Ellis und mir fiel häufig die Aufgabe zu, Vorträge zu Gunsten illegaler Organisationen zu halten und literarische Abende dafür zu organisieren; man lernte dabei Politiker kennen, die von neuem in den Untergrund getrieben wurden, und führte Gespräche mit Arbeitern.
Besonders erinnere ich mich an zwei Arbeiter, die mich und L.L. Kobylinskij oft besuchten: es waren die Sprecher der Metallarbeitergenossenschaft; sie waren sehr arm; es gab Zeiten, wo die beiden nur über ein Paar Stiefel verfügten; und wenn dann der eine ausging, mußte der andere zuhause bleiben, bis der Freund zurück kam.
Der eine war ein Fanatiker; er war schweigsam und hob nur selten seine großen blauen mißtrauischen Augen. Der andere – philosophierte viel; und er brachte immer das Gespräch auf den Symbolismus:

Ich habe, wissen Sie, den Symbolismus verteidigt, – vor den Kameraden; man hat darüber in unserem Arbeiterkreis diskutiert; man meinte: immerhin ist der Symbolismus eine Richtung, die, wissen Sie, bürgerlich ist.

„Ich kann Ihnen beweisen, daß das nicht stimmt“, erwiderte ich.
„Und wie wollen Sie das beweisen?“
„Ich werde es Ihnen wissenschaftlich beweisen!“
„Das bedeutet, daß Sie Ihren Beweis mit den hergebrachten bürgerlichen Mitteln bestreiten wollen…“
„Was soll das heißen?“
„Die Wissenschaft ist durch und durch bürgerlich.“
„Sie nehmen also an: eine soziale Revolution wird auch die Wissenschaft verwandeln?“
„Selbstverständlich…“
„Aber erlauben Sie: es gibt so etwas wie Mathematik.“
„Auch die Mathematik wird sich verwandeln.“
Da rief ich aus: 

Also wird zwei mal zwei in der neuen Welt vielleicht nicht mehr vier, sondern fünf sein?

Mein Philosoph wurde verlegen; und verstummte; sein schweigsamer Genosse wurde rot und platzte mit funkelnden blauen Augen heraus:
„Selbstverständlich: in der künftigen gesellschaftlichen Ordnung braucht zwei mal zwei nicht mehr vier zu sein…“
„Und die Dimensionen werden sich auch verwandeln?“
„Sie werden sich verwandeln!…“
Er war zu allem entschlossen.
Einmal traf ich meine Arbeiter bei Ellis; wir gerieten wie immer aneinander; dann kam Brjusov; er hörte unserer Diskussion zu, und dann zielte er mit einem Paradox auf den jungen Arbeiter (Brjusov liebte es damals, durch Paradoxe zu frappieren, so wie er später zu verwirren liebte, indem er mit gewichtiger Miene flachste Banalitäten verkündete); ich kann mich nicht mehr erinnern, wie wir auf die Prostitution zu sprechen kamen. Brjusov stand sehr gespannt, mit gerunzelter Stirn, die Spitze des schwarzen Bärtchens gegen die Brust gedrückt, umklammerte mit beiden Händen die Lehne des schweren Sessels, seine roten Lippen bildeten eine richtige Schnute: er wirkte wie ein schwarzer und böser Hahn, der verbissen seinen Gegner aufs Korn nimmt. Und – er schwieg; aber ich war gespannt, womit er „herausplatzen“ würde. Und es „platzte“ aus ihm heraus:
„Sie schimpfen ganz umsonst gegen die Prostitution – sein Bärtchen tanzte über dem Arbeiter –, es gab auch geheiligte Formen der Prostitution: Lieder und Tänze!“ (Manchmal fiel auf, daß er einen Sprachfehler hatte).
Der Arbeiter wurde rot und sagte:

Das ist nicht gut, was Sie sagen!

Und wurde verlegen.

Mit Blok korrespondierte ich um diese Zeit fast überhaupt nicht; in der Biographie von Blok, die M.A. Beketova schrieb, begegnen wir oft dem Hinweis, daß er damals, genauso wie ich, ein zunehmendes Interesse gegenüber den Problemen der Gesellschaft zeigte:

Ungeachtet des ständigen Widerwillens der Politik, der Parteiwirtschaft gegenüber… empfand er den zerstörerischen Geist einiger politisch tätiger Persönlichkeiten als wesensverwandt… Neben den echten Politikern begegnete man auch Abenteurern. Blok, völlig arglos und unerfahren, ging ihnen oft auf den Leim. Aber ein ,Genosse Andrej‘ und eine gewisse junge Revolutionärin Zvjereva, die ihn besuchten, erwiesen sich als echt… Blok trat oft bei Veranstaltungen auf, deren Einnahmen insgeheim alle denselben Kreisen zuflossen. Und deshalb, obwohl ihm diese Auftritte sehr lästig waren, wollte er sich nicht erlauben, abzusagen…

Den Winter 1907/08 verbrachte Blok in Petersburg mit Sorgen und Interessen, die den unseren sehr ähnlich waren; nach einem entschiedenen Bruch auf der literarischen Ebene atmeten wir beide dasselbe Element, das ganz natürlich ein Bedürfnis hervorrief, den Illegalen Hilfe zu leisten; ich brach unter meinen Vorträgen fast zusammen; und wurde genauso wie Blok hintergangen: die Vorträge „zugunsten der Bolschewiki“ vermittelte mir die Putjatto, welche bald darauf als Agentin entlarvt wurde – von Burcev; das Defizit bei allen Veranstaltungen und die Konfiskation der Einnahmen durch die Polizei fanden ihre Erklärung; auch die Verhaftungen fanden ihre Erklärung; aus irgend einem Grund wurde ich von der Polizei nicht behelligt.
Ende 1907 habe ich in Moskau fest Wurzeln geschlagen; meine Interessen konzentrierten sich auf die Tätigkeit der Moskauer Zirkel; in dem Interesse für Moskau zeigte sich die Enttäuschung durch die Petersburger; in meinem Inneren kehrte ich Petersburg den Rücken; die Besuche der Petersburger in Moskau ließen mich schmerzlich zusammenzucken. Immer enger schloß ich mich der jungen Moskauer Literatur an; eine besondere Neigung und Sympathie empfand ich für V.F. Chodasevitsch und für den verstorbenen S.W. Kissen (Muni); oft besuchte mich ein sehr lebhafter Student (noch ganz Jüngling), – A.M. Efros; ich traf mich mit B.A. Sadovskij; mit Solovjov verband mich unveränderliche Freundschaft; wir sahen uns an seinen Abenden; bei ihm lernte ich begabte Studenten kennen: A.K. Vinogradov und seinen Freund, den bald darauf verstorbenen Dichter J. Sidorov; von den weiteren Besuchern Solovjovs erinnere ich mich an L.P. Bartenev, E.P. Bezobrazova (eine Cousine von S. Solovjov), V.O. Nilender, Arsenjev, B.A. Sadovskij, A.A. Olenin, S.V. Giacintova (die künftige Schauspielerin), Ellis, N.P. Kiseljov, G.A. Ratschinskij, Sventickij, A.K. Kovalenskaja; eine Verbindung bahnte sich zwischen mir und Nilender an, der tief in philosophische Probleme versunken war und gewichtigen, ihm selbst noch unklaren Gedanken über die Gnostiker, über orphische Hymnen, den Hekate-Kult und die Probleme der Mysterien nachspürte. Unter dem Einfluß von Nilender wandte ich mich der entsprechenden Literatur zu, die diese Gegenstände behandelt; ich las die Untersuchung Novosadskijs „Über Orphische Hymnen“; und Lobeck, Fukar, Rohde, Bruckmann begannen jetzt in mir zu sprechen; es reifte der Wille zur formalen Methode beim Studium der Dichtung, der in den Untersuchungen über den Rhythmus Gestalt annahm (etwas später); der Umgang mit Nilender, mit Solovjov, mit B.A. Sadovskij bereicherte das kritische Vermögen.
Eine andere Richtung nahm mein philosophischer Werdegang; die Anwesenheit von Bulgakov, S. Trubeckoj, Berdjaev, führte dem Moskauer Leben eine völlig neue Strömung zu: durch die Universität wehte ein frischer Wind. Der akademische Konservatismus brach nun zusammen; der vor jedem Hauch eines neuen Gedankens sich hütende Professor Lopatin, der begabte Fürst S.N. Trubeckoj, auf die ein Philosoph, der ein Referat über Nietzsche zu halten auch nur beabsichtigte, schockierend wirkte, hatten jetzt keinen Einfluß mehr. Die akademische Philosophie der Moskauer Universität hatte bis dahin einen eigenen Anstandskodex: Neokantianismus, auch andeutungsweise, war verfehmt; Philosophen, die sich für Cohen und Rickert interessierten, liefen Gefahr, von Trubeckoj und Lopatin als untragbar angesehen zu werden; der aphoristische Stil bei Vorträgen wurde strengstens verurteilt als philosophisches Dekadententum; vor den Dekadenten, vor den Symbolisten hatte man Angst; man hatte Angst vor dem dionysischen Strom, vor dem Erscheinen einer neuen Menschenrasse: der für die Probleme der Philosophie sich interessierenden Symbolisten, man hatte Angst vor Philosophen, die nach den Symbolisten schielten. Nach einem „aphoristischen“ Vortrag von A.K. Toporkov, den Lopatm an der Universität behalten wollte, war für den Vortragenden die Universitätskarriere zu Ende; dem sich für Philosophie interessierenden Belyj ließ man vertraulich eine Warnung zukommen, die von dem philosophischen Areopag der Universität stammte: sich unter allen Umständen von der Philosophischen Fakultät fernzuhalten; die Philosophie sei nicht sein Metier; aber der „Symbolist“ machte von dem wohlmeinenden Rat keinen Gebrauch; er besuchte das Seminar von Lopatin; darauf versuchte Professor Lopatin die Teilnahme des Studenten Bugajev am Kolloquium zu verhindern durch die wiederholte Behauptung, er, Lopatin, könne ihm nicht folgen; und so sah sich Bugajev einmal zur Erklärung gezwungen: nicht er sei es, dem man nicht folgen können, sondern der Philosoph Arthur Schopenhauer, den er zitiere.
Auf diese Weise bekämpfte die Moskauer Universität die Cohenianer, Nietzscheaner, Dekadenten; erlaubt war die Beschäftigung mit Leibniz, Vladimir Solovjov und Lotze; verboten war die Beschäftigung mit Cohen, Rickert, Natorp, Nietzsche und Stirner; als suspekt wurde die zunehmende religiöse Tendenz angesehen; Mereshkovskij war selbstverständlich odios; Berdjaev, Bulgakov – äußerst verdächtig; auch vor den „Kirchentreuen“ hatte man in der Universität Angst; der Eintritt des begabten Mathematikers P.A. Florenskij in die Geistliche Akademie kränkte zutiefst einen sehr, sehr angesehenen Professor der ihm eine Stelle an der Universität angeboten hatte. Man entsetzte sich vor der unerhörten Tatsache: dem überlaufen von Gelehrten in das Lager der „Wilden“ – zu Zeitschriften, die von Dekadenten geprägt waren, zur Sektion der „Geschichte der Religion“, oder zum Podium des Kreises für Literatur und Kunst. Man fürchtete den Dekadenten, den „Pfaffen“, den „Cohenianer“ in den Mauern der Universität, während die Begabten unter dem philosophischen Nachwuchs (Pogt, Ern, Kubickij, Toporkov, Gordon, S.L. Kobylinskij) sich entweder in Zirkeln zusammenfanden, um Kant zu studieren, oder mit den Dekadenten sich einließen, oder „mit aphoristischer Ananas um sich warfen“ (Toporkov), oder gar von Erzbischof zu Erzbischof zogen (Ern); der Nationalökonom Kobylinskij wurde „Ellis“, und sein Lehrer, I.Ch. Ozerov, ließ ein Buch erscheinen, in der Art von Also sprach Zarathustra, unter dem Pseudonym „Ichorov“; der Physiker Batschinskij verfaßte plötzlich ein Bändchen Wolken (in Anlehnung an die Symphonie von Belyj) unter dem Pseudonym „Shagadis“; ja, ja: auch der Sohn von Bugajev wurde „Belyj“, der Enkel des Historikers Solovjov Mitarbeiter der Vesy. Und sogar der Rädelsführer, der Haeretiker Brjusov, auch er war einst – horribile dictu – von dem gestrengen Gerier für die Universitätskarriere vorgesehen. Es galt die Universität zu retten; und so rettete man, was zu retten war.
Die „Rettungsaktion“ lief bis zu dem Jahr 1906–07; dann gab man die Position der Intoleranz auf; und Vertreter des philosophischen Areopag zeigten sich unter den Dekadenten im Kreise der jungen Cohenianer, bei den Sitzungen der Religionsphilosophischen Gesellschaft; mein Vortrag in dem philosophischen Zirkel bei der Morozova mit den Entgegnungen von Lopatin, E.N. Trubeckoj, Berdjaev, Prof. Severcev und anderen wirkte durchaus nicht mehr als Skandal. Der Salon der Morozova spielte eine bedeutende Rolle bei diesem Verwischen der Grenzen zwischen den unlängst hermetisch abgeschlossenen Kreisen; die freundschaftlichen Beziehungen der Morozova zu mir, zu Medtner, zu Fürst E.N. Trubeckoj, zu W.M. Chvostov, Ratschinskij, Lopatin, zu den Sprechern des Neokantianismus Kubickij und Vogt, ihre Einfühlungsgabe, Aufnahmebereitschaft und das Talent, die scharfen Kanten zwischen den Lagern auszugleichen, machten sie zu einer unvergeßlichen Gestalt, die eine Spur in der Geschichte der geistigen Kultur Moskaus in den beiden verflossenen Jahrzehnten hinterließ; auf der anderen Seite: die in ihrer Reinheit und Ehrlichkeit, in der Fähigkeit zur Selbstkritik und dem ständigen Suchen nach neuen Wegen bewundernswürdige Persönlichkeit des Fürsten Evgenij Trubeckoj wirkte mit bei der Veränderung der Haltung der Universitätskreise uns gegenüber. Ich sehe Evgenij Nikolajevitsch vor mir: staunend, beobachtend, ohne unser Treiben verstehen zu können, aber auch ohne jenes alberne Lächeln, mit dem uns alle entgegenkamen; später sehe ich ihn, wie er uns ein bißchen versteht; dann versteht er uns mit Mühe, fast halb; und schließlich: ich erinnere mich an das erstaunliche Gespräch zwischen uns anläßlich seines Vortrags „Vom Sinn des Lebens“; in meiner Antwort an ihn, in seiner Antwort an mich zeigt sich die nahezu völlige Identität auf ethischer Ebene. Und niemals werde ich seine vornehme Haltung vergessen, mit der er mich gegen die Verleumdungen wegen meines Buches Rudolf Steiner und Goethe in der Weltanschauung der Gegenwart verteidigte. Ich erinnere mich an den Verstorbenen: in seinem unermüdlichen Bestreben, etwas ehrlich zu verstehen, zu den entgegengesetzten und weit auseinanderliegenden Anschauungen Zugang zu finden, sie zu durchdringen, ihren Sinn einzusehen; er mokierte sich nie; ich sehe ihn immer um die Erweiterung seines Horizontes bemüht, um das Konkrete und um das Erschließen des Details der Kultur, wie der Ikonographie, deren Kenner er am Ende seines Lebens wurde. Evgenij Trubeckoj war in dieser Beziehung ein entschiedenes Gegenbild zu seinem erfolgreichen Bruder Sergej, der im höheren Maße ein Philosoph par excellence war, aber… aber auch gehemmter, engherziger in seinen Beziehungen zu den Menschen.
Vor die schweren Enttäuschungen durch Petersburg stellte sich die prächtige Gestalt der Morozova; man bekam einen schweren blauvioletten Briefumschlag, man riß ihn auf: auf dem dicken Papier, in großen schönen Buchstaben stehen die so deutlich, deutlich gemalten Worte:

Lieber Boris Nikolajevitsch, kommen Sie dann und dann: lassen Sie uns den Abend zusammensitzen. M. Morozova.

Man geht mit Freude – bis zur Ecke Smolenskij Boulevard und Glasovskij-Gasse; man klingelt: man wird vom Diener durch das wuchtige ungemütliche ägyptische Vorzimmer, durch den schönen ungemütlichen Saal in ein behagliches weißes, mit grauem weichem Teppich ausgeschlagenes Zimmer geleitet, wo die große, so herrlich in ruhigem Licht strahlende Margarita Kirillovna aus ihrem Schlafzimmer heraustritt; sie setzt sich; der Diener bringt ein kleines Tischchen (für den Tee), und es beginnt ein vielstündiges Gespräch: über die Wege, die Lebensschicksale, die moralische Pflicht, nicht zu verzagen. Margarita Kirillovna bedeutete durch ihr weiches episches Pathos für mich in meinen schweren Jahren einen Halt. Sie spürte die tiefe innere Verzweiflung in mir – sie forderte mich zur Offenheit auf, die meinen Schmerz lindern sollte; es kam vor, daß sie liebevoll lächelte; aber die Augen (wunderbare funkelnde Augen) zeigten gleiches Verständnis für vertraute und fremde Anschauungen, den Wunsch, sich darin zurechzufinden, ihnen einen Sinn zu geben, von den religiösen oder moralischen Erwägungen anläßlich eines aktuellen Vorfalls den Übergang zu den allerkonkretesten Erlebnissen meines persönlichen Schicksals zu finden; ja – ich gestehe es offen, wir suchten bei der Morozova moralischen Halt; man lud da alles ab: alles über sich, über seine Beziehungen zu den Mitmenschen; ich erzählte ihr von meinen Beziehungen zu Blok und Ljubov Blok; Margarita Kirillovna hörte schweigend zu, ich weiß es noch, in den weichen gemütlichen Überwurf eingehüllt; nur im funkelnden Glanz ihrer brillantenen Augen spiegelten sich die Geschehnisse meines persönlichen Lebens.
Zuweilen begegnete ich bei ihr dem nun verstorbenen Lev Michailovitsch Lopatin, der neben der stattlichen Margarita Kirillovna besonders klein wirkte und im Sessel verschwand, unentwegt die schwachen kleinen Hände reibend; das graumelierte Bocksbärtchen vorgestreckt, blitzte er mit seiner bis zum Springen funkelnden Brille; und man hörte das kurze charakteristische Lachen („chochocho“), das aus seinem schiefen Mund kam. Der Verfasser der „Positiven Aufgaben der Philosophie“ hatte zwei Eigenheiten: sich vor allem auf der Welt zu fürchten – und alle Menschen erschrecken zu wollen. Er erzählte schreckliche Geschichten von Gespenstern und Nachtmaren; und er schauderte selbst bei den eigenen Erzählungen; dann starrte er mit seinen grünlichen kleinen Augen vor sich hin und aus seinem Schafsmaul kam ein Meckern; er konnte glänzend erzählen; er hatte Angst vor Hunden; er besuchte oft und heimlich die Redaktion der spiritistischen Zeitschrift Rebus – ihren Redakteur Tschistjakov. Margarita Kirillovna erzählte mir lachend, daß Lopatin kaum auch nur ein einziges Buch aus der Cohen-Schule selbst gelesen hatte; aber er kannte den Inhalt von vielen dieser Bücher – aus den Nacherzählungen von Professor V.M. Chvostov; beide verbrachten einen Sommer am selben Ort; und sie gingen oft spazieren, zu zweit; und auf den Spaziergängen erzählte Chvostov Lopatin begeistert den Inhalt der Bücher von Natorp, Cohen, Rickert, systematisch, Kapitel um Kapitel; und Lopatin hörte zu, merkte sich alles; dann kehrte er nach Moskau zurück, ausgerüstet mit den Erkenntnissen von Chvostov; und er setzte sich das Ziel: das alles aus den Mauern der Universität zu verbannen (bei dem Besuch Cohens in der Universität Moskau glänzten die Professoren bei den Ehrungen Cohens durch Abwesenheit: der Initiator der Ehrungen war der unermüdliche Bajan aller Ehrungen – Ratschinskij). In den letzten Jahren las Lopatin überhaupt nicht mehr über sein Fachgebiet, Philosophie; darüber las Venjamin Michailovitsch Chvostov, kein Fachphilosoph (Jurist); eine zeitlang widmete sich Chvostov dem Studium Rickerts; zum Refereat von Rubinstein über Rickert brachte er einmal einen ganzen Schwarm von Zuhörerinnen (von den Frauenkursen) mit; er war ein eingeschworener Frauenrechtler; mehr als seine Lehrtätigkeit interessierten ihn die Belange des Mädchengymnasiums der Chvostova, seiner Frau; viele Jahre fürchtete er, das Gymnasium könnte geschlossen werden; diese Angst machte ihn sehr zaghaft im Umgang mit der Behörde; aber schließlich und endlich: auch er zeigte sich von der heroischen Seite, indem er sich den Professoren anschloß, die um ihre Demission baten (in der Zeit unter Kasso).
Chvostov traf ich bei Morozova; und zwischen uns bahnten sich gute Beziehungen an: er hat stets mit Sympathie über mich gesprochen.
Unvergeßlich waren für mich die Zusammenkünfte „en trois“, wenn wir uns bei Morozova mit Medtner trafen oder wenn Morozova zu Medtner kam; wir zogen uns in das sehr behagliche Zimmer Medtners zurück; worüber haben wir nicht alles gestritten? Das Gespräch sprühte sehr bald Funken; Medtner hatte viel Glanz; Morozova – musikalisches Gehör für die feinsten Schattierungen des Gedankens; oft scherzten wir, chargierten, indem wir Bekannte nachmachten: Lopatin, Ellis, Ratschinskij: Morozova schüttelte sich vor ansteckendem Lachen; und ich setzte mich aus lauter Gemütlichkeit auf den weichen Teppich ihr zu Füßen, oder vor Anna Michailovna Medtner, oder ich verkroch mich unter den Schreibtisch; und so predigte ich irgend etwas; ich und Medtner attackierten zuweilen den Fürsten E.N. Trubeckoj und nahmen sein mangelndes Verständnis für uns aufs Korn. Margarita Kirillovna geriet in Feuer, indem sie Trubeckoj verteidigte.

Ja, im Denken von Evgenij Nikolajevitsch liegt eine gewisse Schwerfälligkeit. Die Dekadenten dagegen sind feiner, aber was fein ist – reißt auch leicht; auf die Dekadenten würde ich mich um nichts auf der Welt verlassen. Und auf Evgenij Nikolajevitsch verlasse ich mich uneingeschränkt.

In ihren Worten wuchs Trubeckoj zu einem Wächter Rußlands empor.
Wir hatten gemeinsame Probleme für unsere Gespräche: der Rhythmus der Kultur, die Kultur der Musik, Nietzsche – Wagner, Rußland – Deutschland; vieles, was meinen heutigen Standpunkt gegenüber der Genesis der Kultur bestimmt, trug ich während der Gespräche „en trois“ aus; auf diese Themen „en deux“ (mit M.K. Morozova allein) zurückgreifend, sagte ich in meiner Zerstreutheit zu Margarita Kirillovna:

Nein, erlauben Sie, aber erlauben Sie, Emilij Karlovitsch!

Morozova amüsierte sich über die Namenverwechslung. Sie hatte sehr viel Behagliches, kindlich Einfaches; aber gleichzeitig hatte sie Format; und sie hatte zuweilen viel Majestät, Haltung – in einer anderen Umgebung; im großen Hut mit Federbusch, im prächtigen Kleid, mit funkelnden Brillanten erinnerte sie an eine der Großfürstinnen; ich machte Spaß und nannte sie die „Dame mit dem Federbusch“.
So fand ich in unserem Trio (E.K. Medtner, M.K. Morozova, ich) einen Halt; ein anderes Trio ergab sich für mich in der Kombination von Ellis, Medtner und mir. Seit dem Erscheinen Medtners, seit dem Wiederbeginn unserer Zusammenkünfte, die natürlicherweise durch seinen Aufenthalt in Nishnij Novgorod unterbrochen waren, brachte ich ihn selbstverständlich mit Ellis zusammen, der mir in jenen schweren Tagen meines Lebens so viel bedeutete; und Medtner unterlag dem Aufflackern des „Genius“ in Ellis, seiner Improvisationsgabe, selbst seiner glühenden Intoleranz. Unser Bund bestand im Namen einer gemeinsamen Kulturarbeit in einer fernen Zukunft; Medtner leitete in diesen Monaten die Musikabteilung von Zolotoje runo, eines für alle entbehrlichen Blattes; es war nur zu verständlich, daß diese Arbeit ihn nicht befriedigte; Ellis und ich empfanden die Mitarbeit an Vesy immer deutlicher als eine Last; in diesen Monaten brütete unsere Trojka die Entstehung des Verlages Musaget aus, dessen Redakteure wir wurden.
1908 tauchte am Moskauer Horizont S.V. Lourier auf, voll von Plänen und Projekten zur Reform der eingehenden „Russkaja Mysl“, in der er auch uns, die Symbolisten, auffangen wollte. Aus diesem Grund beabsichtigte er, die Vesy zu liquidieren, die für uns das einzige Organ der Symbolisten geblieben war (wir fühlten uns als „Partei“ der Symbolisten: besonders Ellis schürte den Parteigeist); S.V. Lourier beabsichtigte ferner, auch den Moskovskij Jeshenedjelnik (Moskauer Wochenblatt) von E.N. Trubeckoj, dessen Herausgeberin Margarita Kirillovna war, eingehen zu lassen. Wir waren bestürzt über die alarmierenden Gerüchte, Brjusov hätte hinter unserem Rücken mit Lourier verhandelt, wie man das Dasein von Vesy schmerzlos beenden könne. Brjusov, den wir auf den Schild gehoben, den wir als Standarte vor uns hatten, – lief zu den „Fremden“ über und ließ das eigene Blatt im Stich; und uns auch; über diese Handlungsweise waren wir bis zum Äußersten erbost; wir sahen darin deutlich einen Verrat der „Offenbarungen“; ich erinnere mich: empört erzählte ich das alles der Morozova; das Wochenblatt von Evgenij Trubeckoj interessierte mich nicht. In Trubeckoj achteten wir einen „reinen“ Menschen; sein Wochenblatt war sauber, aber langweilig: Vesy war bissig und äußerst nötig: es empörte uns, daß Lourier beabsichtigte, eine durch den Modernismus zurechtgeschminkte Zeitschrift auf den Trümmern anderer, die ruiniert werden sollten, aufzubauen; auch Morozova war empört. Wir beschlossen, uns mit ihr gegen Lourier zur Wehr zu setzen: und für Jeshenedjelnik und Vesy zu streiten; daraus ergab sich ganz natürlich ein Dialog zwischen der Gruppe von E.N. Trubeckoj und den Argonauten, d.h. uns; dieser Dialog gestaltete sich in der Folge zur freundschaftlichen Beziehung zweier Verlage Putj und Musaget; in Putj, deren Herausgeberin Morozova wurde, traf sich eine Gruppe von Mitgliedern der Religionsphilosophischen Gesellschaft; und im Musaget trafen sich die Argonauten. Als Folge der Handlungsweise von Brjusov wuchs das Mißtrauen gegen ihn; und – die Opposition; die Gruppe um Vesy bröckelte auseinander. Die Jahre 1908/09 sind eine regelrechte Agonie von Vesy. So ließ S.A. Poljakov, der offizielle Herausgeber und Redakteur, der gerade im Ausland war, Ende 1908 Brjusov wissen, daß er nicht beabsichtigte, Vesy fortzusetzen. Brjusov hatte uns schon damals die Vesy angeboten; wir brauchten einen Geldgeber; und ich wurde damals bevollmächtigt, mich hilfesuchend an S.I. Stschukin zu wenden, der der Vesy sehr wohlgesonnen war; ich wandte mich an Stschukin durch Anna Michajlovna Medtner und Stschukin antwortete: er persönlich würde der Vesy keinen Pfennig geben; aber wenn ich die Vesy brauche, und ihre Existenz für notwendig halte, so sei er bereit, mich zu unterstützen, nicht aber die Zeitschrift Vesy. Ich habe es abgelehnt.
S.A. Poljakov beschloß auf unser Drängen hin, Vesy noch ein Jahr länger erscheinen zu lassen; man gründete einen Vorstand, bestehend aus Poljakov, Brjusov, Baltruschajtis, Likiardopulo, Solovjov, Ellis und mir. Während der letzten Tage von Vesy leitete ich die publizistische Abteilung; eigentlich – den gesamten ideologischen Teil; in dem Vorstand von Vesy bildeten sich zwei Parteien; die Partei Brjusov, zu der, wie seltsam das auch klingen mag, meine Freunde gehörten: Ellis und Solovjov; und dann – meine Partei: Baltruschajtis, Likiardopulo, Poljakov; die letzten Monate von Vesy waren durch die Auseinandersetzungen zwischen Brjusov, Likiardopulo, Poljakov bestimmt; die alten Gefährten Brjusovs, die echten Skorpione (Poljakov und Baltruschajtis) waren von ihm restlos enttäuscht.

 

Die Moskauer Kulturträger

Meine philosophischen Anschauungen mußten von neuem revidiert werden; die abgewandelte Rickertsche Philosophie legte ich jetzt dem Symbolismus zugrunde; Ivanov meinte, daß diese Position ein Idealismus sei, der mit dem Symbolismus sehr wenig gemeinsam habe; in seinem Vortrag über den Symbolismus nannte er uns „Symbolisten – Idealisten“ und entwickelte bei einem Besuch in Moskau in einem Vortrag (vor der Religionsphilosophischen Gesellschaft) seine eigene realistische Konzeption; ich opponierte; und veröffentlichte in Vesy einen Frontalangriff auf die gesamte Begründung des Symbolismus durch Ivanov; er erwiderte mir; daraus entstand ein Briefwechsel, in dem wir uns gegenseitig gehörig rupften.
Berdjaev, Bulgakov, Ratschinskij konnten meine „rickertianisierende“ Position nicht teilen; aber am meisten hatte ich in den privaten Gesprächen mit Schpett (dem jetzigen Professor für Philosophie) auszustehen, mit dem ich häufig zusammen kam, mit dem ich befreundet war. G. Schpett war in jenen Jahren eine außerordentliche Erscheinung: ein Anhänger von Hume und Skeptiker, versessen auf die philosophischen Experimente von L.I. Schestov, hatte er dennoch ein feines inneres Gehör für die mystischen Stimmungen unseres Argonautismus; und so tauchte er unter uns auf; uns brachte weniger die Philosophie zusammen, als vielmehr die Schärfe seines Empfindungsvermögens, seine Neigung zum Aphorismus, sein feiner Humor und die Sensibilität der Kultur, der Kunst gegenüber; jawohl, unter den „Symbolisten“ war er einer ihresgleichen; unter den Philosophen einer der „ihren“; er konnte sich zuweilen listenreich spalten. Er sagte mir, ich würde in den Gesprächen „en deux“ durchaus interessante, brauchbare philosophische Ansichten entwickeln. Im Kreise von Fachphilosophen aber würde ich den feierlichen Frack der Rickertschen Philosophie überziehen.
„Nun sag doch mal, wozu brauchst du einen Frack“, – pflegte Schpett zu mir zu sagen; und er drohte: sollte ich mich noch einmal bei einer öffentlichen Veranstaltung in diesen Frack verkleiden, würde er mit dem Degen der Dialektik diesen Frack zerfetzen; einmal machte er das wahr, in dem er mich bei der Morozova grausam zurichtete; er sagte:

Es bleibt einem nichts anderes übrig, als Boris Nikolajevitsch den Frack in einem philosophischen Duell zu zerfetzen; das schadet aber nichts: er geht nach Hause und flickt ihn gewissenhaft aus; und dann erscheint er wieder, als wäre nichts vorgefallen, – im geflickten Frack.

Mehr als einmal hatte ich unter dem fliegenden, blitzenden Degen der Sophistik von Schpett zu leiden, der es verstand, seine philosophischen Ansichten unter der Hülle der Humeschen Skepsis zu kaschieren. Die Kantianer traten feierlich zum Kampf an, mit schwerster Rüstung, unter dem Donner Kruppscher Kanonen; und doch: ihre Geschosse, an sich todbringend, verfehlten ihr Ziel; ich entwandt mich den Kantianern; der Degen von Schpett dagegen durchbohrte meinen „Frack“; und ich liebte den eleganten geschliffenen Intellekt von Schpett; ich fühlte mich angezogen durch sein Verständnis für Dichtung; er gewann mich lieb als den Autor von Gedichten, – nicht als den Philosophen; er pflegte zu sagen, daß mein Schicksal – die Dichtung sei; ich verbrachte bei ihm ganze Abende: er las mir auf polnisch Slovacki und Mickiewicz vor. Er galt als der beliebteste unter den Dozenten, hatte großen Erfolg in den Kursen. Studierende Mädchen trugen winzige Medaillons mit einem Bild von Schpett; und man erzählte: in seinen Vorlesungen schüttele er die Systeme aus dem Handgelenk.
Es wurde behauptet (von Ratschinskij, von Berdjaev), daß ich Rickert auf meine Weise umgestülpt habe: daß von ihm überhaupt nichts mehr übrig geblieben sei; dagegen gewann ich einen Verteidiger in dem (seither verstorbenen) Professor B.A. Kistjakovskij, mit dem ich nur kurz bekannt war; er sagte mir einmal: 

Sie haben den Geist eines Rickertschen Seminars erfaßt: sagen Sie, sind Sie erst kürzlich aus Freiburg zurückgekehrt?

Und als er erfuhr, daß ich Rickert nie gesehen und nie in Freiburg gewesen war, war er aufrichtig erstaunt:

Das ist ja kaum zu glauben: denn das, was Sie gerade entwickelt haben, ist der Grundgedanke eines Seminars von Rickert.

Ich habe diese Meinung wohl zu schätzen gewußt, denn Kistjakovskij war Rickertianer; und ich glaube, mein „Rickertscher Frack“, über den Schpett witzelte, saß viel besser als er glaubte.
Ungefähr um dieselbe Zeit nehme ich N.A. Berdjaev in die Welt meiner Gedanken auf; die Persönlichkeit Berdjaevs, empfänglich für das Beben seiner Epoche, und verständnisvoll gegenüber der Psychologie der Symbolisten, bedeutete für mich sehr viel. Der originelle Denker, der sowohl die Schule der soziologischen Ideen als auch die Kants hinter sich hatte, imponierte mir ebenso wie der bedeutende, von ritterlichem Geist erfüllte Mensch; mir imponierte der unabhängige Mann, der sich weder auf der Orthodoxie noch auf Mereshkovskij festlegte; und außerdem: man war beeindruckt von seiner lebendigen Menschlichkeit; ich kann mich nicht mehr erinnern, wann die Stipvisiten bei N.A. Berdjaev, der irgendwo in der Nähe der Mjasnickaja-Straße wohnte, angefangen haben, – aber ich erinnere mich, der Drang dorthin wurde immer stärker; die Atmosphäre in seiner Wohnung trug zu dem Sprudeln der Gedanken bei bestimmte die behagliche Stimmung der Gespräche, ungezwungen und sprühend; am Teetisch wurde Berdjaev mir ganz vertraut; mir gefiel seine Offenheit, die Aufrichtigkeit der geistigen Grundhaltung; in den Details war ich mit ihm uneinig; mir gefiel das gütige Lächeln zwischen dem „Dogmatismus“ seiner Sentenzen, und der stets traurige Blick der glänzenden Augen, der assyrische Kopf; die Sympathie für N.A. Berdjaev wuchs mit den Jahren organisch zu Liebe, Achtung, Freundschaft.
Mereshkovskij, Rickert, Berdjaev, d’Alheim, die Neokantianer, Schpett, Medtner, – die Einflüsse kreuzten sich auf komplizierte Weise, erschwerten die Arbeit des Sich-Selbst-Bewußtwerdens; Berdjaev war mir auf ähnlicher Ebene nahe, wie früher die beiden Mereshkovskijs; die geistige Entfremdung zwischen uns führte mich zu Berdjaev; andererseits: im Umgang mit Medtner und Schpett speicherte sich zuweilen harte Kritik in Bezug auf das Credo Berdjaevs; Schpett, ein Anhänger von Schestov, richtete in jenen Jahren die Spitze seines Degens auf die Mischung von Metaphysik und Mystik bei Berdjaev; er pflegte mir zu sagen:

Die Mystik sollte sich nicht im Gedanken rationalisieren; ein Gedicht – das ist Mystik; ein erkenntnistheoretisches Traktat – das ist Philosophie. Beides zu vermischen ist unzulässig.

Am konkretesten war die Wirkung von E.K. Medtner; ich muß einiges über ihn sagen.
Seine Bedeutung war entscheidend; im Jahre 1908 tauchte er von neuem an meinem Horizont auf, nachdem der Kontakt zu Blok bereits abgerissen war; Medtner füllte die leere Stelle in meiner Seele aus; die Stelle, die erst vor kurzem Blok innehatte.
Ich wurde mit Medtner durch Petrovskij bekannt (im Jahre 1901); man grüßte sich; ich hatte viel über Medtner gehört; ich hatte gehört, daß er eine einsam suchende Persönlichkeit sei, die selbständig vieles von dem erreicht habe, was für uns den Pulsschlag der neuen Kultur bedeutete; Medtner, der Abstammung nach Deutscher, war in seiner Jugend Slavophile, begeisterte sich für Leontjev, schätzte Strachov und Grigorjev; später kam er zu Goethe; und Goethe wurde für ihn zum hellen Leitstern; er hatte kein fachphilosophisches Wissen (seine begeisterte Anerkennung Kants zählt dabei nicht); die Philosophie war für ihn eine unentbehrliche Note in dem Grundakkord der Kenntnisse, die wir Kultur nennen; Kulturforscher überraschen immer durch die Launen der Analogien, der Zusammenhänge, Verflechtungen verschiedener geistiger Sphären; dem spezifischen Glanz der Details im Denken Spenglers nachzugehen, – das war das Betätigungsfeld Medtners: seine philosophischen Neigungen waren eingebettet in musikalisches Pathos; die Musik war für ihn transparent; der Kandidat der Rechte, der Jurist, war untröstlich, daß er nicht am Konservatorium studieren konnte; sein Bruder, der bedeutende Komponist (N. Medter), war für ihn die ewige Quelle von Überlegungen, Hoffnungen, Sorgen und Pflege; er begeisterte sich für ihn; auf ihn übertrug er alle seine Hoffnungen; der Geist der Musik war der mütterliche Nährboden sämtlicher Medtners: der Vater von Emilij Karlovitsch, Karl Petrovitsch, sein Bruder und seine Schwester (ohne Nikolaj Medtner und Aleksandra Medtner zu erwähnen), waren vorzügliche Kenner der symphonischen Musik; Emilij Medtner vereinte in sich Geschmack, Gehör und gründliche Sachkenntnisse mit der Tendenz, Musik und Philosophie zu vermählen; in meiner Anwesenheit setzte er den Bruder, einen Pianisten, ans Klavier, um einen Satz aus Schumann, Wagner, Bach oder Beethoven zu demonstrieren. Er sprang von seinem Platz auf und, seinen Bruder unterbrechend, improvisierte einen Vortrag, der auf zwei, drei Akkorde von Beethoven oder Wagner sich bezog; den Kulturfragen begegnete er mit einer in ihrer Eleganz nicht zu beschreibenden seelischen Geste; ich erinnere mich an Medtner im Jahre 1902: elegant, glanzvoll, funkelnd, die eingehendsten Charakteristiken versprühend, erinnerte er an einen Albatros, der im Himmel des Gedankens über dem Tosen des musikalischen Meeres segelt; alles, was er geschrieben hat (unter dem Pseudonym Wolfing) ist interessant, ohne dennoch jenen Medtner zu spiegeln, der Symphonien von Einfällen über die Musik im Kreise intimer Freunde zum Erklingen brachte; alles von ihm Geschriebene ist das Pochen von Albatros-Schwingen gegen die Erde: schwerer Flügelschlag, immerfort gegen die nackte Erde stoßend…
Mehrfach gestand Emilij Karlovitsch: ein bedeutender Dirigent in der Art von Nikisch sei an ihm verloren gegangen; ich nehme es ihm ab; denn er war tatsächlich ein bedeutender Dirigent, nur in einem ganz anderen Sinne, indem er die kulturellen Interessen, die in den Seelen seiner Freunde lebten, dirigierte, und Duette, Quartette, Quintette zusammenstellte. Unter seiner Stabführung entstanden Trios: ich, Medtner, Ellis; oder: ich, die Morozova, Medtner; oder: ich, Medtner, Petrovskij; Quartette: Ellis, ich, Medtner, Schpett; oder: ich, Nikolaj Medtner, Emilij Karlovitsch, Ellis; ich bin nie in einem engen Kreis einem derart sprühenden Gesprächspartner begegnet; und solcher Anziehungskraft; er wußte in meiner Seele die feinsten Saiten anzurühren; wenn er die Rede auf die Erfahrungen des Bewußtseins brachte, wußte er diese Erfahrungen mit den großen Persönlichkeiten der Kultur zu verflechten, für die er sich so begeistern konnte; seine Gottheiten: Goethe, Kant und Beethoven; es war ihm in einer Reihe von Jahren gelungen, mich mit seinem Pathos anzustecken; vor der Begegnung mit Emilij Karlovitsch fühlte ich mich von den Romantikern angesprochen; er öffnete mir die Welt Goethes; bis zur Begegnung mit ihm begeisterte ich mich für Chopin und Grieg; er zeigte mir die Tiefen Beethovens und Schumanns; das meiste hatte mir Schopenhauer gesagt; und Medtner stieß mich Jahre hindurch auf Kant; ich kann nicht einmal behaupten, daß er ein Kant-Kenner war; er interpretierte nicht die Gedanken des Philosophen, sondern die Gebärde seiner Gedanken; wahrhaftig: Kant, Beethoven und Goethe waren die „Symphonien“ des Komponisten Medtner. Und ich denke, daß er den Charakter der Werke des Komponisten N. Medtner in manchem geistig geprägt hat.
Einmal sagte er über Goethe:

Ich weiß nicht, was eigentlich hinter Ihrem Helden steht; aber von Goethe weiß ich: er ist die Verkörperung des Geistes.

Die Kultur ist nach Medtner Offenbarung des Geistes und die eigentliche Kirche; in unserer romantischen Periode, als Sergej Solovjov und ich die Wahrnehmung des Lebens als eines musikalischen Prinzips zu einer Art Theologie erhoben hatten, war es selbstverständlich Medtner, der mir sowohl die Theologie als auch die Mystik zur Musik werden ließ; später begeisterte er sich für die Ideen Chamberlains und verfiel in Fanatismus; seine Improvisationen mündeten in der Psychoanalyse; in seiner Verkündigung der Psychoanalyse erschien er mir weniger als Hellseher, – vielmehr als „Spion“; ich werde Emilij Karlovitsch die Begeisterung für Freud niemals verzeihen.
Die eigentliche Begegnung mit Medtner bleibt mir unvergeßlich, als wir uns bald nach dem flüchtigen Bekanntwerden bei einer Probe von Nikisch unerwartet trafen; Nikisch, die Bewunderung für Nikisch, brachte uns zusammen; ich erinnere mich: es war die Introduktion der C-Dur-Symphonie von Schubert. Medtner saß neben mir und kommentierte die einzelnen Themen der Symphonie, er kommentierte den Kommentar von Nikisch; wir kamen auf Nikisch zu sprechen; ich meinte, daß Nikisch eine außergewöhnliche Erscheinung sei; wir kamen auf außergewöhnliche Persönlichkeiten zu sprechen. Unmerklich ging unser Gespräch auf Nietzsche über; dann kamen wir von Nietzsche ab und sprachen über das, was ich in meinem Artikel „Masken“ geschrieben habe:

Es gibt Wesen, die rätselhaft und seltsam sind. Ihr eigentliches Sein bleibt verborgen… Sie wissen alles. Sie sehen alles. Aber sie sprechen nicht…

Und weiter:

Worte sind Schatten von Erfahrungen. Je tiefer die Erfahrung, desto schwieriger ihre Wiedergabe. In der Seele bleibt ein Rest von nicht mitteilbaren Freuden und Leiden… Die Kunst vermag nicht zu erlösen… Der Künstler… vermag nicht der Lehrer des Lebens zu sein. Man sucht nach einem anderen Lehrer, der stumm über die Abgründe geschritten ist und das andere Ufer erreicht hat. Hinter seinem tragischen Antlitz, das zerrissen wird, tritt das neue Antlitz hervor, das ewig bleibt – das Antlitz eines Kindes…, das uns mit stiller Trauer entgegenlächelt.

Und weiter:

Arthur Nikisch hat ein seltsames Gesicht.

Das war das Leitmotiv des Gesprächs mit Emilij Medtner. Ich wußte sofort, er ist ein Freund aller unserer Bestrebungen. Er ist Esoteriker im Verhältnis zur Banalität „unserer Zeit“; und ein Suchender; unser Gespräch im Konzertsaal des Adelsklub wurde die Voraussetzung für eine Reihe weiterer Gespräche. Nachdem ich mich von Medtner verabschiedet hatte, machte ich mich auf den Weg zu einem entsetzlich langweiligen Vortrag von D.N. Anutschin; aber ich kehrte um, ohne hineinzugehen.
Im Frühjahr dieses Jahres erschien die zweite Symphonie; kurz nach dem Erscheinen des Buches klingelte es an der Wohnungstür: es war Petrovskij und Emilij Karlovitsch, der nach der Lektüre des Buches überzeugt war, daß ich der Autor sein müsse; er begriff die Gebärde, aus der heraus dieses Buch geschrieben wurde, das um jene Zeit völlig unerhört war; wir gingen spazieren: wir unterhielten uns über die Themen der Symphonie, über Musik und über vieles andere, sehr, sehr Intimes; ich kann den kleinen grünen Garten an der Erlöser-Kathedrale, in dem wir uns plötzlich fanden, nicht vergessen. Medtner, angeregt, sprühend, mit langen Haaren, mit grünfunkelnden Blicken und Spitzbärtchen, den Spazierstock schwingend, sagte Erstaunliches, sehr Tiefes: über Literatur, über das Leben, über unsere Zeit, über uns selbst, über die Zukunft. Seit jenem Abend waren wir vertraute Freunde. Und bald darauf gelang es Medtner, zwei Feuilletons in den Provinzzeitungen unterzubringen, die meine für die meisten so verrückte Symphonie zum Gegenstand hatten; er ist mein erster wohlwollender Kritiker; in der Symphonie sah er ein echtes Suchen nach dem musikalischen Leitmotiv der Epoche.
Im Frühjahr trennten wir uns; und trafen uns von neuem im Herbst 1902 wieder; seitdem lebten wir in nicht abreißenden, erstaunlichen, den Horizont weitenden Gesprächen: begleitet von dem hinter der Wand donnernden Flügel; Nikolaj Medtner, der Komponist, schrieb damals seine „Stimmungsbilder“, und die Sonate in e-Moll; die Erinnerung an diese Gespräche, die nur mit Festgelagen zu vergleichen sind, spiegelt sich in einem Gedicht, das ich Medtner widmete.

… An unsere Zusammenkünfte denke ich
An klare rote Abende,
Und an die unendlichen Gespräche
Über unsagbar Teure.
Die Kirche schimmert golden
Hinter dem Fenster über dem alten Moskau,
Und auf die Scheibe legt sich der erste
Über der frierenden Straße kreisende
Schwarm von Schneeflocken, wie Spitze,
Das stille Arbeitszimmer,
Das Bild von Goethe an der Wand…
Wo bist du, goldene Jugendzeit?

Im Herbst 1903 siedelte Emilij Karlovitsch mit seiner Frau nach Nishnij Novgorod über; bis 1906 führten wir eine lebhafte Korrespondenz, ein nicht abreißendes Gespräch; im Frühjahr 1904 war ich in Nishnij; 1906 und einen Teil des Jahres 1907 verbrachte Medtner im Ausland; seit Ende 1907 war er wieder in Moskau; unser „immerwährendes“ Gespräch dauerte an; er war mir, der ich eine Reihe seelischer Schicksalsschläge hinter mir hatte, unentbehrlich; weder mit Ellis noch mit S.M. Solovjov konnte ich unbefangen über Blok sprechen: Solovjov hatte die sehr schwierige Zeit in Schachmatovo miterlebt; er konnte zu der Form meiner Beziehungen zu Blok nichts Neues beitragen; Ellis mißbrauchte meine Verwirrung oft für polemische Ziele.
Medtner war der Mensch, welcher meine sich umgestaltende Beziehung zu Blok zu dem von mir ersehnten Akkord stimmen konnte; mit großer Liebe begann er die Welt des Bewußtseins zu harmonisieren – mit Hilfe der Musik, Philosophie und Kultur.
Indem er mir zuhörte, erkannte er in meiner Beziehung zu Blok das Problem des qualvollen Übergangs von der Romantik zur klassischen Klarheit; und sagte mir:

Dasselbe war einmal auch mit Goethe; aber Goethe hat es bewältigt; und – erstrahlte.

Er hatte uns schon früher vor Mystik und Theurgie gewarnt, die das schöpferische Vermögen entmannen und die Kunst zu einer schalen Anekdote machen müßten. Die Schaubude war nach Medtner ein Zeugnis der Maßlosigkeit Bloks; und ich hätte ebenfalls meine Schaubude hinter mir; Emilij Karlovitsch hörte mir zu: er bemühte sich, das Bild Bloks in mir aufzurichten; und er behauptete: Blok ist der einzige zeitgenössische Dichter.
Philosophie und Kultur – das war ein Gerüst, an dem ich mich festgeklammert hatte; und ich habe mich bis zur Maßlosigkeit in die Feinheiten der Logik verloren, ich habe „rickertianisiert“, „cohenisiert“; und dafür erhielt ich Verweise: von Berdjaev, von Medtner; vor allen Dingen von Ratschinskij. Er hatte mich auch schon früher für ein Übermaß an Dekadententum (das er „bilboquet“ nannte) gerügt, wozu er mich in sein verräuchertes, kleines Arbeitszimmer schleppte, die Tür abschloß und mich unter Beschuß nahm, mit den Armen fuchtelnd und mit der Spitze, des rechten Fußes wippend.

Pff – pff – pff.

Rauchwolken!
„Ich habe dir schon immer gesagt – Lassen Sie doch – pff – pff – pff – Ihr Bilboquet: Mit Reimen kann man jonglieren – pff – pff –“, und er warf wiederholt den Arm mit der Zigarette hoch, um das Bilboquet zu demonstrieren (Spiel mit den Reimen)… „Du mußt nur immer wissen – was hat Kant gesagt? Bist du in der Lage, auf der Stelle die ersten Kapitel der Kritik nachzuerzählen? Kannst du das – so darfst du weiter mit Reimen jonglieren…“ Und so ging es stundenlang. Ich war eingesperrt; die Gattin von Ratschinskij klopfte an die Tür, sie wollte mir zu Hilfe kommen: aber nein – die Tür war abgeschlossen; und dahinter wurde man von dem guten verehrten Ratschinskij gezüchtigt. Einmal während einer solchen Exekution begann Ratschinskij sich umzuziehen; er zog alles aus; und im Bann der eigenen Worte über Goethe, Dante, über Kant – stand er im Adamskostüm vor mir, mit der brennenden Zigarette fuchtelnd; Tatjana Anatoljevna, die Ärmste, klopfte laut gegen die Tür.
„Grischa! Bist Du bald fertig?“
„Warte, Tanja: laß das.“
Auch im Adamskostüm ließ sich Ratschinskij bei der Exekution nicht stören. (Ratschinskij liebte mich von ganzem Herzen; in meiner Abwesenheit verteidigte er mich gegen die autoritären professoralen Attacken. In meiner Anwesenheit schimpfte er: wenn er mit dem Schimpfen fertig war, begann er unvermittelt zu loben.)
In diesem Fall mußte der gute Ratschinskij mich für etwas tadeln, wozu er selbst seit je die eigentliche Ursache war:

Bist du in der Lage, den Inhalt der Kritik nachzuerzählen? Kannst du das, – so darfst du mit Reimen jonglieren…

Jetzt hörte man ganz andere Töne:

Kant, immer wieder Kant: Kant und noch einmal Kant!… Das ist trocken… Sie, Boris Nikolajevitsch, sind doch ein wirklicher Künstler; wissen Sie, wie Sie einst schrieben: „Und Thor schlug mit dem Hammer gegen die kupferne Rüstung, und auf den gefiederten Helm fiel luftigblasses Gold…“ Trubeckoj, Evgenij Nikolajevitsch, – der konnte das nicht verstehen… Ich hatte es ihm vorgelesen…

Nun sah es anders aus: Ratschinskij forderte zum „Bilboquet“ auf: er empfahl, mit Reimen zu jonglieren; das war immer so: er schimpfte und er lobte; er schimpfte auf die Gedichte – um mich aus der Verworrenheit zu befreien; und er lobte, um mich vor der trockenen Erkenntnistheorie zu bewahren. Ja, er verstand, daß mein Untertauchen in Philosophie ein Zeichen meiner Krankheit war: früher gingen Menschen, die einen Schicksalsschlag überlebten, ins Kloster – aus Widerwillen vor dem Leben; mich zog es zum Grab, wie es mich damals auch zum Alkohol zog:

Ich höre Reden, versunken ins Dunkel
Philosophierender Versammlungen,
Unbefriedigt und stumm
Im tödlich grauen Frühlingsnebel.
Der unermüdlichen Stirnen Reihe
Neigt sich über den grünen Tisch;
Den knirschenden Sand der Worte
Siebt durch Stunden der Gelehrte.

Oder

Ein ganzes Jahr folgt
Mir auf der Spur der Philosoph aus Marburg,
Ertränkt mein Gehirn im nächtlichen Dunkel
Metaphysischer Fragen.
Auf zaghafte Schicksalsfrage
Sagt dieser Philosoph,
Die blasse Nase kratzend,
Was Wahrheit sei… Beweis… Methode…
„Das Leben“ – flüstert er und hält inne
Zwischen den kleinen grünen Gräbern…
„Ist die metaphysische Synthese
Transzendentaler Voraussetzungen.“

Die Begeisterung für die Philosophie war Ausdruck innerer Vereinsamung; ich habe manche Teilnahme erfahren von Solovjov, der Morozova, Medtner, Ellis und Petrovskij; ich sah, daß meine Gedanken mir die Jugend zuführten; es kamen Studenten, Arbeiter, studierende Mädchen, angehende Schriftsteller, mit der Bitte um Rat, um ein literarisches Urteil, und sogar mit Fragen, auf die man keine Antwort wußte („Was sollen wir tun?“, „Wie soll man leben?“). In alldem glaubte ich einen organischen Ausdruck des Aufmerkens zu erkennen; aber dieses Aufmerken wurde begleitet von dem Rasseln des Telefons, von lärmenden Gesprächen, von Ermüdung; oft, nach den lebhaftesten Diskussionen, allein in meinem kleinen Arbeitszimmer mit olivfarbenen Tapeten und olivfarbenem Vorhang, legte ich mich völlig erschöpft auf das Sofa. Der grünliche Spiegel vor mir zeigte mir ein immer schmaler werdendes Gesicht; war ich allein – blieb ich mit meinem Doppelgänger; und der Gram umarmte mich; meine stillen Stunden waren entsetzlich; in den Momenten tiefster Einsamkeit hörte ich das Requiem von Mozart: meine Mutter spielte häufig einige Passagen aus dem Requiem. Die Trauermusik versenkte mich ins Grab; das Grab aber verwandelte sich in einen endlos tiefen Brunnen, in den ich immer tiefer hinabsank, bis zu mir selbst: in einem solchen Augenblick entstand das Gedicht:

Dein Weg ist weit: weit, hart.
Die Sichel steigt, scharf wie ein Messer.
Du siehst, – ich bin. Du hörst – den Ruf.
Ich werde kommen: ich werde sprechen. Und Du – wirst wissen.

Mit Dir – die Deine. Doch ihr seid einsam.
Weder Leben, noch Tod: weder Schatten, noch Licht,
Nur der ewige Lauf durch die Tage.
Die Tage fliegen, fliegen hin: sie – sind nicht.

Du wirst gehn – Du wirst schlafen. Nicht hier, nein – dort.
Die Welt wirst Du vergessen. Doch sie wird sein.
Auch dort, wie hier, gib Dich den Träumen hin:
In Wiederholungen entsteht Dein Spiegelbild.

Derselbe Tag, dieselbe Nacht;
Und der Vergangenheit lästiger Schwarm…
Man wird nicht Herr, man wird nicht Herr!…
Umhülle mich, Nacht, mit dem Ring Deiner Schatten…

Blok schrieb ungefähr um dieselbe Zeit:

Auch ich habe geliebt. Auch ich habe erfahren
Den Rausch der Liebesqualen,
Und Niederlagen und Siege,
Und das Wort: Feind; und das Wort: Freund.
Es gab ihrer viele… Was blieb mir noch?
Erinnerungen, des Traumes Schatten.
Ich kann nur befremdet wiederholen
Die goldenen Namen.

Und weiter: 

Dasselbe Kosen, dieselben Reden,
Gieriger Lippen nicht mehr begehrtes Beben,
Und Schultern, allzu oft gesehen…
Nein! Die Welt ist ohne Schrecken, rein und leer!

Dieses Gedicht ist zu Beginn des Jahres 1908 geschrieben worden; es ist erfüllt von Müdigkeit.
Mein Bruch mit Ljubov Blok wurde langsam ein eindeutiges Verstummen; wir haben uns zwischen 1908 und 1916 nicht mehr gesehen. Und die Beziehungen zu Blok – reduzierten sich, ohne in Freundschaft oder Feindschaft aufzuflackern; aber die Dinge, die man allgemein über die beiden Bloks in Moskau zu hören bekam, waren Gerüchte: über die Lebensweise von Aleksandr Aleksandrovitsch. Ich wollte sie nicht wahrhaben: ich hielt mir die Ohren zu. Über diese Zeit schreibt Marija Andrejevna Beketova:

Im Leben der Bloks gab es keine Geheimnisse. Sie lebten offen und haben nicht nur nichts verborgen, sondern sich frei dazu bekannt, was man üblicherweise vertuscht. Damals kursierten ungeheuerliche Gerüchte über das Leben der Literaten- und Künstlerkreise Petersburgs. Die unglaublichen Legenden über das Leben der beiden Bloks übertreffen bei weitem die Wirklichkeit. Aber beide haben es verstanden, während ihres ganzen Lebens sämtliche Gerüchte zu ignorieren.

Ich erinnere mich: den letzten Brief von Blok erhielt ich im März; der Brief war traurig; Blok lebte völlig allein, weil seine Frau mit Meyerhold in die Provinz gefahren war – mit dessen Truppe; Blok schrieb mir: er sei allein und arbeite an dem „Lied des Schicksals“. Es ging mir durch den Sinn: das Thema „Schicksal“ ist das, womit er jetzt konfrontiert wird.
Jede Periode hat ihre eigene Stimmung; wenn die Stimmung der Jahre 1901 und 1902 die Erwartung der neuen Zeit war, so ist das Thema von 1908 die Enttäuschung; in der Symphonie steht der Satz:

Man erwartete den Tröster, es kam der Rächer.

Die Empfindung im Jahr 1908: „Ja, der Rächer ist gekommen“; Blok erlebte ihn als drohendes „Schicksal“; ich – als den „Feind“: es galt auf der Hut zu sein; zu dem Geist der Jahre 1901 und 1902 gehörte meine Verbindung mit Blok; das Jahr 1908 war geprägt durch unsere Trennung.
Wir schickten uns; und wir verstummten: über dem Schweigen stieg die Trauer; ich suchte die Trauer zu vergessen: in der Aktivität unserer Zirkel, in philosophischer Betätigung, in Diskussionen mit Schpett, mit der Morozova, mit Medtner.

 

Tragödie der Nüchternheit

Um jene Zeit (1908) prägten sich dem Bewußtsein von Blok die starren Konturen seiner „Schrecklichen Welt“ ein; die „schreckliche Welt“ ist das Leitmotiv, das seinen dritten Gedichtband bestimmt. Dort gibt es auch noch andere Leitmotive (z.B. das Leitmotiv „Rußland“, und das Leitmotiv „russische Frau“); aber diese Leitmotive sind ihm erst später bewußt geworden; der Ton des „Kulikovo Polje“ war noch nicht erklungen. Die Tragödie der Nüchternheit und der Verantwortung war noch nicht angebrochen; aber der Realismus des Schicksalsliedes klang schon in Blok. Gerade um diese Zeit gestalteten sich die Themen jener schicksalhaften Hoffnungslosigkeit, die uns so erschütternd in seinem dritten Gedichtband begegnen; wir wollen seine Leitmotive verfolgen und betrachten: wie zeigte sich Blok die Welt; im Jahre 1908 festigten sich die Farben, in denen Blok die Welt und das Leben sah; er betrat eine schwierige Strecke seines Lebens; Rausch und Leidenschaft füllten die Zeilen seiner Verse; seine Leidenschaft, verhängnisvoll und glühend, erklang aus Wind und Schneegestöber.
Das Schneegestöber, der Wind, wehten aus der „Schneemaske“ herüber; aber der Wind in der Dichtung von Blok erhob sich schon früher; es ist der Schneesturm; im dritten Band dauert er an: „Der Wind weht“, „der Wind kommt“, „wilder Wind will meine Seele verbrennen“, „der Wind singt mir ins Fenster“, „der Wind heult“, „der Wind über dir… stöhnt auf“, „der Wind hinter dem Fenster: das ist die Posaune des nahenden Todes“, „durch den Samt des schwarzen Lebens singt der Wind von einer Zukunft“ usw.
Der Wind ist toll; er ist wild, dreist und schwarz; er reißt, schüttelt am Tor, dringt ins Haus ein; der Wind ist schrecklich; er ist der Wind des Schicksals.
Das Thema der Leidenschaft bemächtigt sich Bloks; nach dem Schneesturm wendet sich das Bewußtsein des Dichters seinem Ursprungsland zu:

Hinter dem Schneesturm liegt das von der Sonne versengte Land.

Der Gegenstand der Leidenschaft ist nicht Beatrice:

O, wo bist du, Beatrice?

Zu jener anderen, die jetzt bei ihm ist, sagt er: „Zerbrich das Leben wie meinen Kelch“, in der Leidenschaft oder vielmehr in den Leidenschaften verliert das Subjekt der Dichtung Bloks den rechten Weg: „Ich geh’ allein, ich hab’ den rechten Weg verloren“, weil – „nein, es ist nicht die erste, zu der ich zärtlich bin“.
Sie ist nicht die erste: ist sie eine unter vielen? Wie wird sie denn von dem Subjekt der Dichtung Bloks geliebt, diese „eine unter vielen“? Vielmehr – welcher Art Zärtlichkeit empfindet er?
So: „Bis auf dem Lager der langen Nacht die leidenschaftlichen Kräfte versiegen“, „mir entrang sich zum ersten Mal der leidenschaftliche Aufschrei“. Bis zu dieser Zeit entrang sich der leidenschaftliche Aufschrei ihm nicht; die Liebe war mystisch, nebelhaft, vielleicht – keusch, krankhaft; das Blut entzündete sie nicht; und jetzt – leidenschaftlicher Aufschrei mit einer unter vielen; vielmehr – mit jeder der vielen?

Soll man etwa schwören, altertümliche Treue für das ganze Leben?

Und die Liebe dieser „einen unter vielen“ zum Dichter ist von der gleichen Art:

Kürzer als die Zigeunerliebe sind deine schrecklichen Liebkosungen.

Er selbst staunt über diese schrecklichen Liebkosungen, denen er „entgegenhält… die müden Lippen und… die schlaffen, oft gerungenen Arme…“, – „haben wir etwa das Liebe genannt?“ Das Thema der Liebe (der mystischen und der persönlichen Liebe) wird um diese Zeit von etwas überschattet, was den Dichter staunen läßt: Haben wir (die mystisch gesinnten Jünglinge) etwa das Liebe genannt?
Das Weib – „der gestrige Engel“ – ist für ihn der heutige Satan, „das Atmen wird schwer in der Umarmung“; das Glück, das sie geben kann sind „düstere, lasterhafte Wonnen“; das Leben mit ihr vergeht „in Wonne“, „Sturm“, „Hölle“; ihre Leidenschaft ist „wild“; er fleht sie an: „durchbohre mich mit Schwertern“, er ruft nach „reifer Leidenschaft, Glut“, das Weib durchdringt ihn als „leidenschaftlicher Schmerz“; „der verkohlte blutende Mund stammelt nach neuen Qualen der Liebe“, er schaudert vor „dem Blick in diesen schrecklichen Abgrund“.
In dem Thema der Leidenschaft klingt das Thema des Blutes mit. Ein neues bei Blok. Viel Blut: „der Amethyst im Blut“, „ich trank das Blut aus den duftenden Schultern“, „damit das Blut nicht aus den schwarzen Adern strömt“, „ströme, Blut und mache purpurn den Schnee“, „der Abendhimmel voll Blut“, „durch Blut und Staub“, „von den blutigen Feldern“ usw.
Leidenschaft und Blut beherrschen die Welt. Der Anblick dieser Welt macht schaudern; das ist die „schreckliche Welt“; und alles darin ist ungeheuer – und alles darin ist Untergang: „der Untergang… steht bevor“; „wie schrecklich ist alles! Wie ungeheuer“. „Schrecklich ist der unsichtbare Blick“, „es ist schrecklich, morgens die Zeitung aufzuschlagen“; „wie schrecklich ist das Leben“, „schreckliche Welt“, „schreckliche Stunde“, „bis zum Schrecken bekannt“, „wir sind die Kinder der schrecklichen Jahre Rußlands“.
Schrecken verbreitet sich vor der Ankunft des „Rächers“. Das Herz des Dichters erwartet den Untergang. Dieser Schrecken wird von Blok nicht als persönliche Furcht empfunden, sondern als die Angst vor der Weltkatastrophe; am 7. Juni 1908 entstand das erste Gedicht aus dem Zyklus „Kulikovo Polje“, wo diese Angst entschlüsselt wird, wo der Feind, der „Tatar“, bereits objektiv ganz Rußland bedroht.

Im Steppendunst blinkt die heilige Fahne
Und des Tatarensäbels Stahl…

Auch später in dem Poem „Vergeltung“ wird auf den Ursprung der Angst hingewiesen:

Das schreckliche Bewußtsein des Betrugs
Durch alle früheren kleinen Gedanken und H
offnungen,
Und der erste Start des Aeroplans
In die Wüste unbekannter Sphären…
Und Widerwille vor dem Leben,
Und rasende Liebe zu ihm,
Und Leidenschaft fürs Vaterland und Haß…
Und das schwarze, irdische Blut
Verheißt uns, unsere Adern schwellend
Und alle Grenzen niederreißend,
Unerhörten Umbruch,
Niegesehenen Aufstand.

In diesen Zeilen spiegelte sich auf klassische Weise das Leitmotiv der Erwartung von „Aufständen und Umbrüchen“ das 1908 unser Bewußtsein bestürmte, uns voneinander trennend, jeden auf sich selbst zurückweisend, und uns zwingend, im eigenen Innern dem Furchtbaren zu lauschen, das heranschlich wie der Feind, wie der Rächer der nichtbegriffenen, nicht verkörperten Morgenröten, der erst unlängst gewesenen und dennoch so fern scheinenden Periode unseres Lebens. Die Morgenröten zeigten sich jetzt bei Blok als Blut; die Morgenröten erschienen ihm jetzt als bis zum Himmel aufgewirbelte Erde.
Blok und ich erlebten auf verschiedene Weise die Verwandlung der Morgenröte in Blut; und das Erleben der Verwandlung entfremdete uns. Jeder von uns meinte, verwandelt sei – der andere; dabei wurde verwandelt die Musik der Zeit selbst.

Und wir beide erlebten damals:

… den Widerwillen vor dem Leben,
Und die rasende Liebe zu ihm.

Und wir beide hatten ungefähr die gleiche Beziehung zu Rußland:

… Leidenschaft fürs Vaterland und Haß…

Bald schrieb ich (im Sommer 1908) die Zeilen:

Vergehe im Raume, vergehe –
Rußland, mein Rußland.

Den innersten Sinn der Änderung der Zeit begriffen wir erst später; und wir beide begriffen es in derselben Weise; darin war unsere neue und endgültige Begegnung im Jahr 1910 begründet.
Bis dahin machten wir beide auf verschiedene Weisen die Verwandlung des Lebens in uns durch: Blok suchte Vergessen im Wein und in der Leidenschaft; ich vereiste in trockenen philosophischen Schemata; aber unsere Enttäuschung hatte denselben Grund, es ging sogar… um dieselben Menschen, – wobei Blok mir, vielleicht, die Schuld gab, daß diese Menschen sich änderten; und ich erhob denselben Vorwurf gegen ihn, aber wir haben begriffen, daß man über diese Themen am besten nicht mehr spricht; über andere konnten wir nicht sprechen. Wir verstummten, ohne uns zu verständigen.
Die Verwandlung des Lebens war geschehen: wir zerschellten am Leben auf verschiedene Weise.
Hier die Vorstellung Bloks vom Leben, aus Zitaten des dritten Bandes zusammengestellt; ich führe diese Zitate gerade deshalb an, weil bei Blok die neue, hoffnungslose Vorstellung vom Leben meiner festen Überzeugung nach gerade um diese Zeit sich bildete:
Das Leben ist „öde“, „heimatlos“, „ohne Boden“, „wie schwer ist es, unter Menschen zu sein und so zu tun, als sei man nicht verloren“, „ich friste mein Leben“, „mein sinnloses, dumpfes“, „und würde man noch ein Vierteljahrhundert leben – alles bleibt unverändert“, „kein Ausweg“, „man stirbt – und du beginnst von vorne, es wiederholt sich, was schon da gewesen: Nacht, Eisschollen im Kanal, Apotheke, Straße, Laterne“, „Sinnlosigkeit alles Treibens, Freudlosigkeit des Behagens“, „was soll’s? Gewissen? Wahrheit? Leben? Nur eine Nichtigkeit! Ist das nicht alles komisch?“, „Ich wache auf: Dreißig Jahre, ich fahre auf – das Herz ist fort. Das Herz – ein geschminkte Leiche“. „ Und als das Ende kam, empfand er den Tod seiner traurigen Seele – banal.“ „Der Tag verläuft wie immer: in stillem Wahn“, „nur eines, eines – schlafen, schlafen“, „es drückt des Lebens schwerer Traum“, „des Lebens fette Schminke“, „ist denn das wahr: das Leben ist vorbeigerauscht, vorbeigerauscht wie dein Kleid?“
Vielleicht rauschte es deshalb vorbei, weil… irgendein… Kleid vorbeigerauscht ist?
Genug: das ist eine schreckliche Vorstellung vom Leben; sie bildete sich bei Blok in endgültiger Nüchternheit im Jahr 1908, als im Winter das „Lied des Schicksals“ entstand, als „Meyerhold eine unabhängige Truppe aus jungen Schauspielern zusammenstellte, zu denen auch Ljubov Blok gehörte“, als „diese Truppe bald darauf Petersburg verließ und durch die westlichen und südlichen Städte Rußlands reiste“; bis August kehrte Blok nicht nach Schachmatovo zurück; er lebte allein in Petersburg.
Diese Monate der Einsamkeit waren meiner Meinung nach der Wendepunkt in seiner Bewegung zur „Tragödie der Nüchternheit“, zu den Tönen des Leitmotivs seines dritten Gedichtbandes.
Finsternis, Dunkelheit und schwarze Farbe (schwarzer Samt) färben von nun an seine Zeilen;

das Schwarz:

„Im schwarzen Himmel“, „am schwarzen Himmel“, „aus schwarzen Adern“, „schwarzes Wasser“, „auf dem Grund der schwarzen Seele“, „schwarzes Blut“, „durch die schwarze Stadt“, „schwarzer Diamant“, „schwarzer Blick“, „in den schwarzen Himmeln Italiens starrt meine schwarze Seele“, of t- „schwarzer Samt“, „schwarzer Wind“, „himmlische Schwärze“ usw.
Alles ist schwarz; das Schwarze des dritten Bandes löst die graugrünen Töne des zweiten Bandes ab. Und es häufen sich die Worte: dunkel, Dunkelheit, Finsternis, finster, Düsternis, Trübe, usw.
Es dominiert die Nacht: „der Weg der Nacht“, „aus nächtlichen Abgründen“, „ich trete zurück in das Land der Nacht“, „der Gang der Nacht“, „ins leere Gehirn dringt nun die Nacht“, „es schweigt die Nacht“, „der heisere Schlag der nächtlichen Uhr“, (auch hier viel Samt: nächtlicher, schwarzer Samt), „durch die Nächte“, „der langen Jahre nicht endenwollende Nächte“, „die letzte Nacht“ usw.
Nacht, Nacht und Nacht!…
Diese Nacht ist die Leere selbst; aus dem Nichts entstehen die Bilder der Welt; und sie zergehen im Nichts:
„Ich gehe fort, mit müßiger Seele, ins Schneegestöber, ins Dunkel und in die Leere“, „in die leeren Augen“, „das Leben ist öde“, „leer, still und dunkel“, „das leere Weltall schaut uns an“, „die leeren Augen starren in die Nacht“, „die Wüste des Himmels“, „die Sehnsucht des Nichtseins“, „ein Feld leer wie ein Traum“, „die Welt ist leidenschaftslos, rein und leer“, usw.
Die Nacht: die Nacht ist leer. Das Nichtsein ist der Tod: und es erklingt der Ton des Todes; mein Gott, alles ist vom Tod durchdrungen, der Tod steht über allem:

Entbunden aller Schmähungen,
Aller Schmähungen und allen Lobes,
Alles sich schlängelnden Lächelns,
Aller flehenden Gesten –
Zerbrich das Leben, wie meinen Kelch!
Bis auf dem Lager der langen Nacht
Die leidenschaftlichen Kräfte versiegen,
Bis bei dem öden Schrei der Geigen
Die erschrockenen Augen
Des Todes Dunkel löscht.

Fast jede Seite enthält eine Mahnung an das Sterben, den Tod und die Vernichtung. Das Schrecklichste liegt darin, daß es nicht einfach der Tod ist, sondern der Tod bei lebendigem Leib; der zweite Tod sozusagen; der Tote legt sich nicht ins Grab, sondern wandelt mitten unter den Lebendigen. „Wie schrecklich ist es für den Toten, unter den Menschen lebend und schrecklich zu erscheinen“, „der Tote eilt: er trägt den elenden Frack“ usw. Die meisten der Gedichte, aus denen ich hier zitiere, waren im Februar – März – April 1908 noch nicht niedergeschrieben; aber ich ahnte sie voraus; und ich erschrak; ich weiß, daß auch ich das Leitmotiv der Nacht und des Todes in den Tiefen des Bewußtseins durchlebe:

Blende, –
Blinde Nacht!
Betäube
Tauber Tod…

(A. Belyj) 

Diese Zeilen schwebten schon über meiner Seele; abends lag ich völlig erschöpft auf meinem grünen Sofa und horchte hellhörig in die Töne mozartscher Trauermelodien hinein, die meine Mutter hinter der Wand spielte; und in mir stand das Bild von Blok, der in die Nacht zurücktrat!; vielleicht erlebte er um dieselbe Zeit zu Hause, über dem „Lied des Schicksals“, genauso wie ich, die Einsamkeit seiner verödeten Wohnung; ich glaubte damals ausdrücklich an die Möglichkeit, in der Seele zu lesen, – auch auf Entfernung, an die Telepathie (bei mir haben sich häufig telepathische Phänomene gezeigt); ich bemühte mich, in seiner Seele zu lesen; und da schwebte mir jenes Bild von Bloks Bewußtsein entgegen, wie ich es in den Zitaten aus dem dritten Band vorgestellt habe; ich fuhr von meinem grünen Lager auf, der Trauermusik lauschend: es war so! Unsere Morgenröten waren verglüht; und die Asche fiel auf uns (ich trug gerade den Band Asche aus); aber in dem Verhalten zu der Asche der Morgenröte in uns waren wir, so schien es mir, verschieden; ich verschloß die Asche in die „Urne“ (auch die „Urne“ war damals im Entstehen); ich war voller Andacht der Vergangenheit gegenüber, ich dachte:

Ja, nicht uns war es beschieden, die Tat des Einsenkens des Lichtes in das Leben zu vollbringen; wir sterben nun; aber das Licht – es ist; und das Leben – es ist!

Das Verhalten Bloks zum eigenen Untergang empörte mich; seine hellsichtige Skepsis erschien mir als Zynismus; und die Gerüchte, welche über sein Leben in Umlauf waren (er würde trinken und sich treiben lassen); die ich zwar von mir wies, die aber dennoch ihre Spur in mir hinterließen, diese Gerüchte gipfelten in zynischen Bildern: in dem Milieu der Petersburger literarischen Welt schien mir dieser Untergang einer Seele die Gelegenheit für den Dichter Blok zu sein, sich mit Lorbeer kränzen zu lassen.
Später schrieb Blok: 

Schweigt, verfluchte Bücher, –
Ich habe euch nie geschrieben!

Aber solange diese Zeilen noch nicht geschrieben waren, bedeutete für mich die Geste Bloks:

Macht mich berühmt, ihr Bücher, die von meinem persönlichen Untergang zeugen: ihr werdet mich dennoch verewigen!

Und ich konnte den Aufschrei kaum unterdrücken:

Um welchen Preis!

Und so zerfiel ich mit Blok in den Tiefen meines Bewußtseins über die Entfernung hinweg. Wahrscheinlich führte auch er in seinem Inneren ähnliche Gespräche mit mir; aus seiner leeren kalten Wohnung auf der Galernaja blickte er mich vielleicht mit Vorwurf an, wegen des Gassenhauers:

Tilli – tilli – tilli don –
Einmal waren ich und er…

Um diese Zeit erschien meine Symphonie „Der Kelch der Schneestürme“, in der das Heilige zu Wind und Schnee wird. Ich weiß, daß Blok den „Kelch der Schneestürme“ als geziert und dunkel empfand, als maniriert und frevelhaft; aber ich hatte damals das Frevelhafte des „Kelches“ noch nicht erkannt.

Kinder des Lichts, –
Hier sind zwei Ritzen:
Geburt und Tod –
Ritzen im Fels.

Ist denn der gewollte Moritatenton an manchen Stellen dieses Bandes kein Frevel?
Mit einem Wort, ich habe die Überzeugung, daß für Blok mein Bild sich genauso verändert hat, wie sein Bild in mir sich veränderte; das alles geschah in den trübsinnigen Monaten dunkelster Reaktion, als die Jugend sich in Klubs („Ogarki“) zusammentat; überall herrschte die Psychologie Sanin’s; Azef verbreitete bereits üblen Geruch über ganz Rußland; man bekam Angst; und wir beide (Blok und ich), das Verderbliche der Atmosphäre fühlend, betrachteten einander bereits als Infektionsherde einer schrecklichen Krankheit: der drückenden Skepsis und des Zynismus. In mir regte sich die instinktive Geste: Blok zu widerlegen; ohne die klare Melodie Mozarts zu Ende zu hören, stürzte ich in die Nacht hinaus, in den Schneesturm, in die Nässe, in den Wind; und es formten sich die Zeilen:

Die Schneegewänder mögen in der Nacht
Wallen, wirbeln, wenn ich mich in die Nacht stürze,
Und des Windes scharfe Schwerter
Mich mit kaltem Pfeifen zerstückeln.

Dann kehrte ich zurück, löschte das Licht; und starrte nächtelang aus dem Fenster. Und in schlafloser Nacht entstanden in mir Gedichte:

Und vor den Fenstern brandet die Schneewelle
Wie Wogen aus Atlas über dem Dorf;
Und des Grabes Tiefe
Gähnt ewig im uralten Leid…
Sie reißt des Tages Hülle auf
Gähnt nächtliche Schlaflosigkeit,
Ohne Worte, ohne Zeit, ohne Grund,
Ohne versöhnenden Sinn.

Mir schien: das Zimmer fülle sich mit meinem Leid; mein Leid löse sich von mir, und neige sich als mein schwarzer Doppelgänger über mich.
Ellis, der aus allem alpdruckartige Mythen machte, versuchte mich einmal davon zu überzeugen, daß ich einen Doppelgänger habe – ein schwarzes Profil, das er gesehen zu haben glaubte; einmal, als ich in einem Anfall von Schmerz abends aus dem Haus rannte und irgendwo durch die Straßen irrte, war Ellis zu mir gekommen (er kam zu allen Stunden des Tages und der Nacht); Mama wunderte sich nicht über sein spätes Kommen und führte ihn in mein Zimmer; er nahm ein Buch und wollte auf mich warten; plötzlich schien ihm, daß eine schwarze Silhouette (meine schwarze Silhouette) durch die angelehnte Tür ins Zimmer glitt; der erschrockene Ellis floh (alle im Hause schliefen bereits) und ließ die Türen offen. Seit jenem Vorfall wollte mir Ellis häufig einreden, daß ich eine schwarze Silhouette habe, daß mein Schatten mir entlaufen sei und irgendwo ohne meine Kontrolle lebe, und daß ich ihn wieder in die Gewalt bekommen müsse; allerdings: ich war seltsamen Bewußtseinsspaltungen unterworfen; das Leben der anderen Bewußtseinshälfte diktierte zuweilen unvorhergesehene seelische Gesten; zu solchen gehörten – die Anfälle von Verzweiflung und polemischer Bosheit. Gerade um diese Zeit erschien ein Bändchen mit Dramen von Blok mit einem Einband von Somov; das Bändchen, aus dem mich wieder die Skepsis und der Tod anblickten, erfüllte mich mit unbändiger polemischer Bosheit; und ich schrieb für mich selbst unerwartet eine sehr kränkende Rezension über die Dramen (wie oft hätte ich mir gern die Haare gerauft, weil sie tatsächlich gedruckt wurde); zur Strafe bringe ich sie hier, als Beispiel der mediumistischen Hysterie, die mich zuweilen überkam (die schwarze Silhouette bestimmte mein Handeln: der Schatten wurde zum Herrn des Schattens).
Hier die Rezension, mit der Überschrift „Weltentrümmer“.

Weltentrümmer

„Der Dichter hat nicht seine Bücher, sondern sein Leben zu dichten“, sagt V. Brjusov. „Wir bringen auf dem Altar unserer Gottheit uns selber dar.“
„Der Dichter hat seine Zeilen, und nicht sein Leben zu dichten“, scheint Blok ihm zu widersprechen …

Wir bringen auf dem Altar des Nichts unsere Gottheit und uns selber dar.

Symbol ist Zusammenfügung; der Symbolismus ist Zusammenfügung von Bildern, die der schöpferische Wille hervorbringt – wozu? Ganz gleich. Für das diesseitige oder künftige, für das alte oder das neue Leben, aber für das Leben. Je tiefer der innere Weg führt, desto neuer, rätselhafter die Gestalten, desto größere Anstrengungen müssen wir, die Zeitgenossen, für das Erkennen und Nachleben des geschaffenen Wertes aufbringen: so wirkte auf die Zeitgenossen das Erscheinen des „Zarathustra“.
Aber es gibt noch einen Symbolismus anderer Art: Zusammenfügung von Trümmern einer ehemals ungebrochenen Wirklichkeit (jener oder dieser), Zusammenfügung elementarer Assoziationen einer Seele, die willenlos ihre Waffen vor dem Schicksal gestreckt hat.
Hinter dem Symbolismus der ersten Art steht die trächtige Wirklichkeit der Zukunft, die geahnt wird, wie ein Traum. Hinter dem Symbolismus der zweiten Art das Nichtsein, die große Finsternis, die Leere.
Blok ist ein talentierter Bildner der Leere: für ihn scheint die Leere die Wirklichkeit (jene und diese) verschlungen zu haben. Die Schönheit seines Liedes ist die Schönheit einer verlorenen Seele, die Schönheit des „panischen Schreckens“, und nicht die wertschaffende Schönheit.
Vor uns liegt das elegante kleine Buch im Pappeinband; der Umschlag von Somov bekränzt das Buch mit einem Kranz von Rosen; schlägt man den Buchdeckel auf, so liest man im Vorwort:

Die Lyrik gehört nicht… in die Bereiche… jenes schöpferischen Prozesses, der uns das Leben lehrt…

Und weiter erfahren wir, daß die Erlebnisse der Lyrik chaotisch sind; um sich darin orientieren zu können, müßte man selber „ein wenig von dieser Art sein“; unter dem Buchdeckel begegnet man im Vorwort Gedankenleere. Weiter erwartet uns der duftende Kranz des schöpferischen Prozesses selbst: Symbole, wie Rosen, hängen als Girlande vor dem Sinn und der Geschlossenheit der uns vorgelegten Dramen; heben wir diese Girlande, so gähnt uns eine Höhle entgegen, die in die Leere führt; graziös, zart, rührend, flattern die Bilder von Blok hinab, wie ein Strom aus Rosenblättern.
Wie Atlasrosen entfalten sich die Gedichte von Blok; durch sie schimmerte „das Nicht-zu-begreifende Geschaute“ für seine wenigen Bewunderer hindurch, für uns, die einst seine glühenden Anhänger waren und ihn als den Schöpf er neuer Werte betrachteten. Aber als der Schleier seiner Muse gelüftet wurde – die Rosen öffneten sich –, saß in jeder Blüte eine Raupe – eine schöne Raupe zwar (es gibt schöne Insekten, goldene, smaragdene Käfer), aber dennoch eine Raupe; aus den Raupen krochen allerlei Pfäffchen und Teufelchen heraus, die sich von den Blütenblättern der (für uns) himmlischen Morgenröte des Dichters genährt hatten; von diesem Augenblick an ist der Vers des Dichters kräftiger geworden. Blok, der ein wirklicher Mystiker zu sein schien, der uns durch die Poesie zu sich empor hob, verwandelte sich in den großen wunderbaren Dichter der Raupen; dabei stellte sich heraus, daß er ein nur vermeintlicher Mystiker war. Als die giftigste Raupe entpuppte sich die schöne Dame ( die in der folgenden Zeit in eine Dirne und eine abstrakte Größe, etwa in der Art von „– 1“ zerfiel), der Lockruf zum Leben (jenem oder diesem – einem neuen Leben überhaupt) erwies sich als der Lockruf zum Tode.
Doch weiter: Blok wurde ein noch vollendeterer Techniker, und die Unbekannte, der Tod, das Leben, die Dirnen, Ritter und Schenken – alles, was Blok nur berührte, verwandelte sich in einen Schleier, elegant, wie die Vignette, einen Schleier… wovor? Und hier in den „Dramen“ zeigt sich, daß dieses „Etwas“ das große… Nichts ist. Zuerst zerstäubte er die Welt der Erscheinungen, und dann zerstäubte er die Welt des Wesens. Die Dramen Bloks sind Trümmer eingestürzter Welten (jener und dieser), die aufs Geratewohl bei ihrem Sturz in die Leere zusammengekittet wurden; hier setzte man einer realen Gestalt den Kopf einer himmlischen Erscheinung auf; dort – der Gestalt einer Erscheinung den Kopf einer Panoptikums-Kleopatra oder… sogar einen Kopf aus „Brie“ – es ist ganz gleich; denn der eigenartige Reiz der schluchzenden Dramen von Blok (die auf alle Weise schluchzen: mit Beethoven, in einem Tanzlied usw.) besteht darin, daß sie nichts enthalten, daß der Autor sich niemals zeigt; „ein Reigen vorbeiziehender Doppelgänger – ein Zug mondbeschienener Wolken“. Die Lyrik von Blok – ein zerstückeltes Drama – ist in sein Drama nicht eingegangen; das Drama setzt Kampf um etwas oder Untergang voraus: in den Dramen von Blok ist der Untergang – mir nichts, dir nichts: einfach so, der Untergang um des Untergangs willen. Die Lyrik zerfiel; damit genug: alles zerstob ins Leere. Wir lesen und lassen es uns gefallen, dabei ist hier eine Seele verloren gegangen, nicht einmal im Namen von…, sondern einfach so:

… schrecklich, schrecklich, schrecklich!

Ohne Zusammenhang, ohne Ziel, ohne dramatisches Prinzip gießt die verlorene Seele die Flut ihrer Bilder über uns aus; der Symbolismus als eine Reihe kinematographischer Assoziationen, Zerrissenheit – das ist der Inhalt der Dramen von Blok. Der Leser möge meine Worte nicht als Verurteilung dieser „Dramen“ auffassen: in ihnen liegt die besondere Schönheit des „panischen Schreckens“, die Schönheit des Toten. Man versuche, die Dramen von Blok vom Gesichtspunkt eines Zieles, eines Sinnes, eines Wertes zu betrachten: „Brie!“ – das ist alles! Willenlos folgt ein wunderbares Bild seiner Beschwörung, aber die Leere feuert eine Salve: „Brie!“. Und die getroffene, tödlich getroffene Seele fließt an uns wie ein Film vorbei. Und wenn wir von den Dramen Bloks gepackt werden, und wenn wir mit dem Dichter weinen, so weinen wir nicht über seinen Helden (seine Helden sind Pappmachéfiguren), sondern wir weinen über das Drama Blok selbst. Mit dem zärtlichen Lächeln eines Verlorenen schneidet er seine Pappfiguren aus; hier: die Mystiker erwarten den Tod, Pierrot seine Braut die Braut kommt mit dem Zopf über der Schulter, – die Mystiker aber meinen, es sei nicht der Zopf über der Schulter, sondern die Sense des Todes; Colombine bleibt Pierrot treu; Harlekin, nachdem er seinen Vierzeiler zum Besten gegeben hat, entführt Colombine, der Autor platzt in die Pappmachéwelt hinein; Harlekin stürzt in einen Abgrund aus Papier; zwischen den Papierfetzen erscheint die Braut mit dem Zopf und mit der Sense. Zum Schluß bläst Pierrot auf der Flöte.
Mit einem Wort- „Brie“.
Man sagt, die Dramen Bloks sind nicht zu verstehen.
Aber da gibt es auch nichts zu verstehen: ihr Himmel ist leer. Sie sind die Trümmer von Werten, die der Dichter möglicherweise anbetet. Das Packende dieser Dramen ist nur ein sinnloser Leichenschmaus des Dichters über der eigenen Seele, die sich und ihre Gottheiten auf dem Altar der Leere darbringt. Diesen Leichenschmaus erlebte ich; mit schmerzlicher Liebe, mit Liebe und Mitleid erlebte ich die Klage der kranken Seele über sich selbst und das Lachen der kranken Seele über sich selbst: Klage und Spott in aller Ehrlichkeit.
„Brie!“ – und alles ist leer!
Dieses elegante Bändchen ist ein außerordentliches Ereignis in unserem künstlerischen Leben. Blok ist ein unvergeßlicher Schilderer der „leeren“ Schrecken: er demonstriert den lautlosen Sturz von allem, was überhaupt nur stürzen kann. Die Radikalität des Sturzes, der Pleite, des Bankrotts, bewirkt die Expressivität und den Zusammenhang dieser „Sinnlosigkeit“: aber was ist das für ein Preis?
„Der Dichter hat nicht seine Bücher, sondern sein Leben zu dichten“, sagt Brjusov… „Wir bringen auf dem Altar unserer Gottheit uns selbst dar.“
„Der Dichter hat seine Zeilen zu dichten: der Dichter ist überhaupt eine Zeile, die an einen Schreibmechanismus in Form der sogenannten menschlichen ,Persönlichkeit‘ angeschlossen ist“, antwortet Blok.

Besessenheit

Diese ungerechte Besprechung erschien in der Mainummer von Vesy 1908. Blok war darüber sehr gekränkt, denn er sah, daß die Vereinbarung, unsere persönlichen Beziehungen und die literarische Polemik auseinander zu halten – eindeutig verletzt war; bis zum Erscheinen der Rezension hatten wir nicht daran gedacht, daß zwischen uns ein Zerwürfnis besteht; nach der Rezension fand der Streit einen äußeren Ausdruck: bei Begegnungen reichten wir uns nur kühl die Hand; und gingen sofort auseinander. Am 22. Mai, d.h. nach dem Erscheinen der betreff enden Nummer von Vesy schrieb Blok an Pantjuchov:

Bin ich denn etwa nicht aufrichtig Ihnen gegenüber, Michail Ivanovitsch, – nein, ich verheimliche nichts, und ich halte nichts zurück, aber ich empfinde immer deutlicher das Müßige des Redens mit Menschen, mit denen man die meisten Gespräche (insbesondere mystische Gespräche) geführt hat, so wie mit A. Belyj, S. Solovjov und anderen. Ich habe mich zurückgezogen, unsere Beziehungen sind endgültig gestört und ich habe den starken Verdacht, daß das durch die systematische Lügenhaftigkeit der ausgesprochenen Gedanken geschah…

Blok hatte selbstverständlich recht. Ich war es ja gerade, der von ihm eindeutige Worte, eindeutige Formeln für die seelischen Zustände zwischen uns verlangte; er war objektiver als ich – im „subjektiven“ Schweigen; und ich war subjektiv im Schnüffeln nach den „objektiven“ Gründen unseres Zerwürfnisses; meine Erklärungen seines Verhaltens klangen wie eine Anklage gegen seine moralische Welt; er warf mir durch sein „Nein“ ein „Ja“ zu, das mich bestätigte; in die Sphäre reiner Seelenwirkung sich zurückziehend, streckte er mir im Geiste die Hand entgegen, über alle Zerwürfnisse hinweg; aber diese seine Sphäre sah ich als „Nichts“, als „Leere“.
Das war die Sphäre des ewigen Himmels; ja, der Abgrund des Geistes, den jeder von uns für sich erlebte, wie ein Schicksal, durchstrahlte die inneren Gebärden von Blok, der die Treue zum Letzten, Ewigen, Unaussprechlichen bewahrte. Mit den seelischen Gebärden versuchte er später die Sphäre des strengen Dunkels, der Schwelle vor den Offenbarungen der geistigen Welt zu erschließen, was durch die Randbemerkungen im Dobrotoljubije (während seiner Lektüre der Werke des Antonius) bewiesen wird: die „Randbemerkungen“ von Blok sind bemerkenswert; Signale in der Sprache der geistigen Bildlosigkeit. Antonius der Große verkündet: „Die Freiheit und die Seligkeit des Geistes bestehen in wahrhafter Reinheit und Gleichmut in der Zeitlichkeit“ (von Blok unterstrichen); oder: „Wisset, daß der Geist durch nichts so getrübt wird, wie durch müßiges Reden“ (wieder unterstrichen).
Er wollte mit mir in einer Klause leben, die von den eitlen Gedanken des einen über den anderen nicht angetastet wird: aber ich war „eitel“ und habe es nicht vermocht, mich über die seelische Wirrnis zu erheben; die Hand, die mir aus dem Geist heraus und im Geist entgegengestreckt wurde, sah ich als leeren Schatten an; und mein Schmerz, durch das polemische Pathos von Ellis und Sergej Solovjov geschürt, diktierte mir die Rezension „Weltentrümmer“, die zum Schlag gegen die geistige Welt des Dichters ausholte.
Während ich gegen Blok Anklage erhob, habe ich mir selbst vieles von dem zuschulden kommen lassen, was ich ihm vorwarf. Die Selbsterkenntnis fehlte mir; die Selbsterkenntnis fehlte allen; jene, die einst als „Argonauten“ sich vereinigt hatten – waren jetzt verändert; manche gingen eigene Wege, wie Vladimirov; andere – Batjuschkov, Ertel – wurden uns fremd. Der Kern der Argonauten blieb: Medtner, Nilender kamen dazu; Sergej Solovjov entzweite sich mit A.S. Petrovskij; M.I. Sizov lebte in Petersburg; die übriggebliebenen träumten nicht mehr vom Lichten, wie früher; es zeigten sich auch die Drachen, die das Vlies bewachten. Wir waren vom Leben verwundet; stürzten aus dem Sattel; und dennoch empfanden wir unseren Kreis als ein Ganzes von Seelen, die innig verbunden waren: die Tendenz des „Argonautismus“ wurde für uns zu einem Orden; Petrovskij, ich, Ellis, S.M. Solovjov, E.K. Medtner, Nilender, N.M. Kisiljov, M. Sizov und Ratschinskij gehörten zu dieser organisch entstandenen Bruderschaft.
Wir träumten nicht mehr von den Morgenröten; man dachte: „Gebe Gott, daß wir überhaupt durchkommen“; unser Weg zeigte sich mir in einem Bild: einst standen wir auf einem Berg; und erblickten den Horizont der Morgenröte; und wähnten sie nahe (die Aberration der Perspektive); wir waren von Wäldern umgeben; im Wald verloren wir uns aus den Augen; wir riefen uns zu aus der Feme; es war ein Zauberwald, und jeden foppte auf seinem Pfad der Waldschrat.
Ich prophezeite: es wird Jahre dauern, aber trotz allem werden wir durch den Wald an das Meeresgestade gelangen und die Morgenröte erblicken; und uns dann wieder vereinen; und es wird uns eine kurze Rast gewährt werden; und die Schrecken werden weichen; und über das Meer kommt ein Schiff, die „Arge“, um uns zu holen; die Fahrt über die See bringt neue Gefahren; aber anderer Art: dort werden wir den Schrecken des „Wassers“ begegnen: nach denen des „Waldes“.
Die Zukunft Rußlands erschien mir in zwei Bildern: Jemand erscheint in Rußland, wie Peter; er sprengt auf einem donnernden Hengst von den geheimnisvollen Bergen herab, die ich „Karpaten“ nannte, wie die Erscheinung aus der „Schrecklichen Rache“; ich nannte ihn aus irgend einem Grund den „Grafen aus Österreich“ (die Karpaten liegen ja in Osterreich). Oder – ein Aufstand: Zaporoger Kosaken; in diesem Fall drohte ein neuer „roter Rock“ (wie bei Gogol); und ich sah mich gespalten zwischen dem „Aufstand“ und dem „Grafen“; unter dem „Aufstand“ verstand ich wohl einen Aufruhr von unten; unter dem „Grafen“ wahrscheinlich das Auftauchen eines Ritterordens, der sich der Umgestaltung Rußlands geweiht hatte. Ich spürte Gefahren: der „Graf aus Osterreich“ konnte ein Cagliostro sein; und mit dem „Aufstand“ (Oktoberrevolution) konnte der „rote Rock“ auftauchen; und der „Schweinerüssel“ (war das nicht – NEP?). Ich weiß nicht, wie ich diese beiden Bilder, die in meinem Bewußtsein auftauchten, deuten sollte. Zwei Wege (zwei Revolutionen) zeigten sich hier.
Um jene Zeit nahm ich mediumistische Fähigkeiten bei mir wahr. Alle „Argonauten“ neigten zum Mediumismus, sie wahrsagten oft, wenn sie sich dem Fluß der inneren Bilder hingaben, die für den Verstand undeutbar scheinen. Ich beobachtete an mir einen seltsamen Zug: bei unseren Zusammenkünften packte mich der Wunsch, mich im Kreise zu drehen, wie beim Tanzen; ich ergriff die Gelegenheit bei kleinen Festen, die in einen ziemlichen Radau ausarteten, und begann, zu „kreisen“; und nach dem „Kreisen“ erlaubte ich mir den Spaß, wahrzusagen, indem ich den einen oder den anderen bei der Hand nahm und dem Fluß der inneren Bilder lauschte; dann begann ich die Bilder laut zu beschreiben; und es kam vor, daß Menschen, denen ich diese Bilder mitteilte, offensichtlich erschraken; sie wirkten hellsichtig; ich habe manchen Wahres gesagt. Bei solchen Wahrsagereien versteckte sich N.K. Medtner; er wollte vermeiden, daß ich ihm „wahrsagte“.
Ellis war vom Mediumismus ganz überwältigt; eine Theosophin sprach sich einmal folgendermaßen über ihn aus: „Ein Durchgang für die Dunklen, wo die Hellen durch die Dunkelheit abgeschreckt werden“; in der Tat, um Ellis wehte es ständig, das Eine oder das Andere; wenn jemand sich charakterlos verhielt, nahm sich Ellis das Recht, einzugreifen; ein niederträchtiger Artikel, der zu beantworten war, erfüllte ihn vollständig; er geriet ständig in die schwersten Konflikte; Freunde mußten ihn retten, einmal, im Süden, als er sah, wie ein Jude belästigt wurde, verprügelte er einen Schwarzhundertschafter mit dem Stock; man hatte ihn dafür gefeiert; aber er mußte die Stadt sofort verlassen, um der Polizei zu entgehen.
Eines Tages trat in der Gesellschaft „Ästhetik“ ein gebildet aussehender Offizier auf ihn zu und wollte ihn ansprechen. Ellis verwechselte ihn mit dem Adjutanten von Dshunkovskij und weigerte sich, ihm die Hand zu geben, wobei er ausrief, daß er dem Adjutanten eines Gouverneurs die Hand zu geben nicht gewillt sei; der Offiziersklub verlangte ein Duell; Dshunkovskij, der Ellis wahrscheinlich kannte, schaltete sich ein (ehe er den Posten des Gouverneurs bekam, war er oft Gast bei Balmont, er kannte auch uns); er erklärte mit Entschiedenheit, daß er selbst, Dshunkovskij, sich beleidigt fühle; er beabsichtige, Ellis ausweisen zu lassen: das Duell habe zu unterbleiben; aber er ließ Ellis in Frieden: er wurde nicht ausgewiesen.
Bei unseren Zusammenkünften überkam Ellis oft eine unbändige mediumistische Fröhlichkeit; er führte pantomimisch vor, was man wünschte; Mama begleitete Ellis wie im Kino, und er zeigte, wie man Walzer tanzt: der Student – Bolschewik oder Menschewik –, der Sozialrevolutionär, Kadett, Junker, Page, Jurist, Jude, Armenier, Brjusov (der nie tanzte), Batjuschkov oder Professor sowieso. Er imitierte die kompliziertesten Szenen aus Filmen, wobei er das Zittern und die Eile auf der Leinwand wiedergab; er spielte Situationen, die angeblich dem einen oder anderen hätten zustoßen können; die Glanznummer von Ellis war ein Vortrag von Professor Chvostov, den er vor der Gesellschaft für Psychologie gehalten haben soll: er ließ sich schwer auf den Stuhl fallen, runzelte die Stirn, schmatzte laut mit den Lippen à la Chvostov, verwandelte sich wirklich in V.M. Chvostov und brummte:

Sehr verehrte Damen und Herren! Manche wohllöblichen Denker behaupten, es gebe keine Willensfreiheit, andere nicht weniger Geachtete behaupten das Gegenteil; es gibt eine Gruppe nicht minder geachteter Denker, die zuerst behauptet hat, daß es keine Freiheit des Willens gebe, um dann in einen deutlichen und schreienden Widerspruch zu verfallen und zu dem Schluß zu kommen, daß es eine Freiheit des Willens gebe; ferner gibt es eine Gruppe von geachteten und nicht minder bemerkenswerten Denkern, die zunächst behauptet hat, daß es eine Freiheit des Willens gebe, um dann in einen nicht minder eindeutigen und nicht minder schreienden Widerspruch zu verfallen und zu dem Schluß zu kommen, daß es keine Freiheit des Willens gebe. Sehr verehrte Damen und Herren: wenn es eine Freiheit des Willens gibt, so gibt es sie; und wenn es sie nicht gibt, so gibt es sie nicht. Lassen sie uns diese Gruppen und Untergruppen in ihrer Beziehung zum Problem der Freiheit des Willens untersuchen…

usw.
Alle lachen; und Ellis, nun völlig Chvostov, hält eine einstündige Vorlesung über die Freiheit des Willens, die von Anfang bis Ende nur eine Aneinanderreihung von Wörtern ist.
Später erzählte man: als Ellis und ich bereits verreist waren (wir waren bei Steiner), hielt V.N. Chvostov in der Gesellschaft für Psychologie einen Vortrag über die Willensfreiheit, der eine frappierende Wiederholung der Parodie von Ellis war. Man sagte, daß viele, die früher Ellis gehört haben, sich innerlich vor Lachen schüttelten.
Parodien, Improvisationen, Tanz brachte Ellis so hinreißend, daß ausnahmslos alle davon angesteckt wurden; ich erinnere mich: einmal trafen sich bei mir Schpett, J.K. Baltruschajtis, Feofilaktov und eine Reihe anderer Personen; man rückte den Tisch zur Seite: jemand setzte sich an den Flügel und Ellis begann sofort, sich schnell und alle mitreißend zu drehen. Es vergingen keine drei Minuten und alles tanzte: sowohl Schpett, als auch J.K. Baltruschajtis, „streng wie die Felsen“, mit seinem düsteren Gesicht. In diesem Sturm von Ausgelassenheit, den Ellis verbreitete (ein düsterer und fanatischer Mensch) war sogar etwas Unheimliches. Seine „Nummern“ machten oft die Runde durch alle Moskauer Zirkel; bald darauf präsentierten die Brüder Astrov Ellis allen ihren Bekannten; oder man lud „zu Ellis“ ein. Zum Beispiel: Einmal fand eine Tagung von Naturwissenschaftlern statt; eine Gruppe der Gelehrten wurde direkt aus der wissenschaftlichen Sitzung privat eingeladen, um die Parodien von Ellis zu bewundern; es waren grauhaarige Professoren, die eben noch getagt hatten; und es verging keine halbe Stunde, bis alle sich in wildem Tanz drehten; die grauhaarigen Professoren drehten sich mit im Kreis.
Eines Tages besuchte eine Gruppe von Freunden mit Ellis einen Vergnügungspark; man saß direkt unter der Bühne; Musik erklang, und auf der Bühne erschien ein tanzender Neger; Ellis, den man nicht mehr zurückhalten konnte, sprang plötzlich mit einem Satz auf die Bühne, schob rasch den Neger zur Seite und begann zu den Orchesterklängen zu tanzen. Zuerst staunte das Publikum; aber dann geriet es in Ekstase; in diesen Tagen bekam Ellis viele Zuschriften; alle begannen ungefähr so: „Lieber Lev Lvovitsch, – ich habe gehört: Sie, ein Schriftsteller, tanzen in einem Café-Chantant… Oder: „Levuschka, – stimmt das,…“.
Ich beschreibe das paradoxe Verhalten von Ellis, weil ich glaube: er war in jener Zeit besessen: sowohl bei seinen „Streichen“ als auch in seiner Polemik in Vesy; die Theosophin hatte recht, daß er ein Durchgangshof für die Dunklen war, wo die Hellen zurückgehalten wurden: von den Dunklen. Die Dunklen strömten von Ellis aus und vergifteten mich manchmal wie betäubendes Gas; Besessenheit – das war es, womit er ansteckte; Besessenheit ballte sich in mir. Einige Gedichte aus „Asche“ und der Angriff auf Blok sind Symptome meiner damaligen Besessenheit. Besessenheit breitete sich über ganz Rußland aus. „Orgarki“, „Sanin“, Hasard-Spiele, wilder Tanz, Alkoholismus, eine Serie von Morden, – das alles charakterisiert die dunkle Zeit. Die Stimmung dieser Zeit ist sehr genau in dem Gedicht von Blok wiedergegeben, das er bald darauf schrieb: 

Wieder in uraltem Schmerz
Neigt sich zur Erde das Steppengras,
Wieder hinter dem nebligen Fluß
Rufst du mich in der Ferne…
Fort sind, für immer verschwunden,
Die Herden der Steppenstuten,
Entfesselt sind die wilden Leidenschaften
Unter dem Joch des schartigen Mondes
Und ich mit meinem uralten Schmerz,
Wie ein Wolf unter schartigem Mond,
Weiß nicht, wohin ich mich wenden soll…

Die Leidenschaften waren entfesselt; „wohin sich wenden“ – das wußten wir nicht.
Dieses Gedicht Bloks enthält schon das Bewußtsein der allgemeinen Besessenheit, einen Vorboten des schrecklichen Krieges: 

Ich höre das Grollen der Schlacht
Und den kehligen Ruf der Tataren,
Ich sehe in der Ferne über Rußland
Weite und stille Feuersbrunst.

Das Grollen der Schlacht: das Jahr 1914. Und die Feuersbrunst: die Jahre 1917–1920. Die Erwartung von etwas Großem und Unbekanntem überkam mich; durch meinen Schmerz hörte ich den Schritt der Zukunft. In einem Gedicht, das Sergej Solovjov gewidmet ist, stehen die Zeilen:

Weißt Du noch? Dein verstorbener Onkel,
Aus zeitloser Ferne blickend,
Trat aus dem Schneegestöber
Mit der riesigen Pelzmütze,
Und sagte den Untergang der Welt voraus…
Dann kam der Krieg mit Japan,
Und nun das Gefängnis von Port Arthur
Und nun der Aufruhr im Volk,
Cholera, Tod, Erdbeben –
Und
schicksalsträchtige Stille…

Und weiter:

Die Stunden schwerer Prüfungen –
Gott hilf uns, sie zu überstehen…

1908 – die Last der Erwartung: von Prüfungen. 

Aus der mediumistischen Atmosphäre, die im Kreise der Argonauten herrschte, kam ich zu der Morozova, zu Medtner; und in das Haus des Liedes der beiden d’Alheims.
Bei den d’Alheims war ich damals oft; in dem behaglichen Eßzimmer versammelte sich zum Tee, der von Marija Aleksejevna Olenina eingeschenkt wurde, fast jeden Abend eine große Gesellschaft; meistens waren anwesend: Petrovskij (der mit den d’Alheims eng befreundet war), die Malerin V.A. Olenina, V.S. Rukavischnikova, S.K. Murat, A.M. Pozzo, N.A. Turgenjeva, Ratschinskij, Graf S.A. Tolstoj, Prof. Tarasevitsch und seine verstorbene Gattin, eine Schülerin von M.A. Olenina; hier verkehrten: Brjusov, Schpett, Medtner, der Musiker Bogoslovskij, die Kritiker Engel, Kaschkin und andere. Baron Pjotr Ivanovitsch d’Alheim war ein wirklich außergewöhnlicher Mensch, der die Kultur der Kunst mit eingehender Kenntnis der Mystik und der Kabbala vereinte; Verfasser des Buches Les passions de Maître Villon, einiger hervorragenden Übersetzungen, Bekannter von Villiers de l’Isle-Adam, der die Beziehungen zu den jüngeren Symbolisten abbrach und den Traditionen der heroischen Aera der Kunst treu blieb, war hier in Moskau der Träger der französischen Tradition, ähnlich wie das Haus Medtner die Pflegestätte für den Kult Goethes und Beethovens war. Oft traf ich P.I. d’Alheim mit Petrovskij über dem Schachbrett an, dann wurde das Schachbrett zur Seite geschoben – und Pjotr Ivanovitsch hielt einen seiner improvisierten Vorträge, während ich, Tarasevitsch oder andere, zuhörten. In Pjotr Ivanovitsch steckte immer viel Laune und Intoleranz; er forderte bedingungslos Zustimmung zu seinen sehr nebelhaften, sehr glänzenden Improvisationen, die er in prächtig geschliffener Form vorbrachte; es war schwer, ihm zu widersprechen (ich beherrschte das Französisch nicht virtuos, und Pjotr Ivanovitsch nahm in der Diskussion auf seinen Gegner keine Rücksicht). Abends plante man bei den d’Alheims die Programme für M.A. Olenina im Haus des Liedes; und – unsere gemeinsamen auch; von den letzteren erinnere ich mich an meinen Vortrag „über das Lied“ mit vokalen Illustrationen von M.A. Olenina, an ein „Gespräch über den Symbolismus“ (Teilnehmer: Ratschinskij, ich, Brjusov, S.V. Lourier), ein Gluck-Abend (Referent: Maximilian Schick) usw.; man stellte die Konzertprogramme für die Olenina zusammen; einmal wurde ich beauftragt, ein „Manifest“ zu formulieren, das Pjotr Ivanovitsch entworfen hatte. Ich sollte es ins Russische übersetzen; ich erinnere mich, man plagte mich eine ganze Nacht hindurch; trotzdem blieb Pjotr Ivanovitsch unzufrieden; bei d’Alheims entstand die Idee eines Wettbewerbs einer musikgerechten Übersetzung des Zyklus „Die schöne Müllerin“.
Es kam auch vor, daß ich mit den d’Alheims mich zerstritt; dann zog ich aus dem Haus des Liedes in das „Haus Medtner“ um, das genau gegenüber lag; zwischen den beiden „Häusern“ gab es einen ewigen Streit, der in einem Bruch gipfelte; bei diesem Bruch schlossen sich Ratschinskij und ich endgültig den Medtners an; und besuchten P.I. d’Alheim nicht mehr.
Im Jahre 1908 suchte ich das Haus des Liedes etwa zweimal in der Woche auf und blieb dort bis in die späte Nacht; manchmal sang die Olenina; manchmal wurde dort Klavier gespielt (Graf S.A. Tolstoj, Bogoslovskij).
Das Frühjahr 1908 war für mich bis zum Äußersten anstrengend; ich machte mich auf den Weg zu unserem Gut, das meine Mutter verkauft hatte. Emilij Karlovitsch Medtner begleitete mich, um eine Weile bei uns zu bleiben; wir verbrachten einige unvergeßliche Tage; unerwartet tauchte Sergej Solovjov auf, beide reisten bald ab.

 

Auf dem Gipfel

Der Leser ist wahrscheinlich empört: sind denn das Erinnerungen an Blok? Wo ist denn Blok? Es ziehen vorbei – Zirkel, Gesellschaften, Menschen. über Blok – Schweigen: Blok erscheint in der Ferne als schweigende Gestalt, über die der Autor dieses oder jenes äußert. Und nachdem er das getan, verliert er sich wieder in Charakteristiken von Personen, die keine direkte Beziehung zu Blok haben.
Hier muß der Verfasser eine Bemerkung machen: seine Bekanntschaft mit Blok erstreckte sich über Jahre: dazwischen liegen Jahre, in denen wir uns nicht gesehen haben und ich die zu mir gelangenden Tatsachen seiner äußeren Biographie verdrängte, bis… bis zu einer persönlichen Begegnung; aber – es gab keinen einzigen Tag, an dem ich mich nicht irgendwann an ihn erinnerte, zu den zwischen uns gewechselten Worten zurückkehrte, zu den Gedichten zurückkehrte, in dem Bemühen, durch sie Blok zu begreifen, der verschleiert war vom Dunst der Tage, vom Dunst der Gesichter; die Erinnerungen an Blok sind verschmolzen mit meinen persönlichen Gedanken, mit den – zugegeben – Mißdeutungen, die bei mir entstanden; Blok war für mich wahrscheinlich die markanteste Gestalt unserer Zeit; meine Begeisterungen, die Tendenz in meiner Beziehung zu Menschen, die Blok oft nicht einmal kannte, war dennoch durch die jeweilige Phase meiner Beziehung zu Blok bedingt; und endlich: unsere Begegnungen waren immer in solchem Maße von den ideologischen Tendenzen bestimmt, daß ich nicht darauf verzichten kann, mich über einige ideologische Einflüsse zu verbreiten, die meine Physiognomie verändert und meine neue Wendung zu Blok bestimmt haben.
Im Umgang mit der Morozova, Medtner, Bulgakov, Berdjaev, Trubeckoj, reifte für mich das Thema: „Rußland“. Unter diesem Zeichen stand auch die neue Begegnung mit Blok. Der Weg, den ich ohne ihn zurückgelegt hatte, dessen Ertrag die Romane Die silberne Taube und Petersburg waren, leitete die Möglichkeit einer neuen Begegnung mit Blok ein (dem Autor der Gedichte über Rußland und des „Kulikovo Polje“). Die Gedichte von der Schönen Dame hatten Blok und mich einst zusammengeführt; und das „Kulikovo Polje“ und die Silberne Taube führte uns zum zweiten Mal zusammen. Im Zeichen Gogols vereinten wir uns wieder; wir beide sahen bei Gogol die Wehen, in denen die neue Zukunft Rußlands geboren wurde. über Gogol schrieb ich begeistert; über Gogol schrieb Blok: „Vor dem Unausweichlichen der Niederkunft, vor dem Erscheinen eines neuen Lebens zitterte Gogol…“ „Dasselbe Rußland, das von den Slavophilen wie von Korybanten gepriesen und besungen wurde, um die Schreie der Mutter des Gottes zu übertönen, das erstrahlte Gogol, wie eine blendende Erscheinung, in einem kurzen Traum…“, „dieses Rußland erschien in Schönheit, wie in einem Märchen, vom geistigen Auge geschaut…“, „im Fluge zum Einssein mit Allem, in der Musik des Weltenorchesters, im Klang der Saiten und der Schellen, im Pfeifen des Windes, im Aufschrei der Geigen wurde das Kind Gogols geboren. Dieses Kind nannte er Rußland. Es schaut uns aus… der Zukunft an und ruft uns.“
Diese Worte sind die Leitmotive meines Buches Grüne Wiese, das Rußland gewidmet ist, die wichtigsten Artikel aus diesem Buch („Gegenwart und Zukunft der russischen Literatur“, „Gogol“) sind in der Zeit unseres Schweigens geschrieben; und auch Die silberne Taube, über die Blok schrieb:

Es liegt etwas Rührendes darin, daß der ,verkannte‘ P. Karpov für sein Anliegen, das überhaupt kein Echo findet, einen Halt sucht in der Musik des am meisten verkannten Schriftstellers, auf dessen für unser Ohr so ungewohnte Reden in Rußland noch niemand wirklich gehört hat, auf die man aber früher oder später hören wird.

Dieser Schriftsteller bin ich.
Die Themen: Gogol, Rußland, Beziehung der Intelligencia zum Volk, „Kulikovo Polje“, Die silberne Taube bereiteten die Möglichkeit einer neuen Begegnung vor; diese Themen wurden in erster Linie von den Religionsphilosophischen Gesellschaften in Moskau und Petersburg aufgegriffen. Gerade in der Zeit unseres Schweigens finde ich mich als Besucher der Moskauer Religionsphilosophischen Gesellschaft, wo meine Aktivität mich bis zur Mitgliedschaft im Vorstand der Gesellschaft führte; über den Blok dieser Zeit schreibt M.A. Beketova: „Die erste Hälfte dieses Winters (d.h. des Winters 1908) verging… in ununterbrochener Arbeit und im Umgang mit Menschen verschiedenster Kreise. Er war häufiger Gast der Religionsphilosophischen Gesellschaft, wo die beiden Mereshkovskijs, Rozanov, Kartaschov, Stolpner die führende Rolle spielten…“ „So entstand der Vortrag ,Die Intelligencia und das Volk‘, der so viel Staub aufgewirbelt hat. Er wurde zum ersten Mal am 13. November 1908 in der Religionsphilosophischen Gesellschaft vor einem großen Publikum gehalten.“
Das Interesse von Blok und mir für die Religionsphilosophischen Gesellschaften war nicht zufällig.
Die geschlossenen Sitzungen der Moskauer Religionsphilosophischen Gesellschaft fanden in dem Haus der Morozova statt (auf dem Smolenskij-Boulevard); nach der Beendigung der Diskussion zogen manche Mitglieder oft für den Rest der Nacht in die Teestube auf der Sennaja, direkt gegenüber den Chambres Garnies „Don“, wo Ellis wohnte; der Arbeitskreis für Philosophie versammelte sich ebenfalls hier; ich werde diese Teestube nie vergessen: auf den schmutzigen, fleckigen Tischtüchern, den Kopf auf die Arme gelegt, schnarchten die Droschkenkutscher. An manchen Tischen trank man Schnaps aus Teekannen (ebenfalls Kutscher); wir suchten uns einen Platz, und um den kleinen Tisch erhob sich ein heißer Streit über Rußland und über die Schicksale der Welt; die Kutscher hatten sich an uns gewöhnt; sie wunderten sich nicht über unser Kommen; ich traf mich hier mit Ellis und Nilender zu den intimsten Gesprächen; hier trafen sich Berdjaev, Ratschinskij, Voloschin, Schpett u.a.
Einen Teil des Sommers 1908 verbrachte ich auf dem Gut Serebrjanyj Kolodez, wo ich viele Gedichte schrieb (den Schlußteil von „Asche“, und einen Teil der „Urne“); die verzweifelten Rußlandgedichte entstanden hier; im Juli zog ich nach Djedovo, zu S.M. Solovjov. Wir wohnten in einem neuen, soeben fertiggestellten Häuschen, das außerhalb des Gutshofes lag, mit einer Terrasse über der Wiese; unsere Gespräche verliefen jetzt ruhig. Solovjov begeisterte sich für Philologie; seine revolutionäre Stimmung hatte sich ein wenig gelegt; er schrieb hier sein Buch Crucifragium; wir unterhielten uns viel über Dichtung; ich begeisterte mich für Gedichte von Baratynskij, Tjutschev; und ich wendete zum ersten Mal meine Methode der formalen Untersuchung des Rhythmus an; ich sammelte Material für den „Symbolismus“; in den Gedichten aus jener Zeit spiegelte sich meine Begeisterung für Tjutschev „Leben“, „Nacht und Morgen“, „Nacht“, „Das Vaterland“, „Der Abend“, „Vor dem Gewitter“, „Das Schicksal“, „Das Feld“, u.a.m.). Mit Kovalenskijs söhnten wir uns aus: die Ruhe in Djedovo wurde durch keine politischen Auseinandersetzungen gestört.
Die beiden Mereshkovskijs, die aus Paris zurückgekehrt waren und den Sommer in der Nähe von Petersburg verbrachten, luden mich ein: ich besuchte sie, in Sujda, im August.
Wir waren hier etwa zehn Tage zusammen. Aber unsere Beziehungen waren ohne das frühere Pathos. Vieles an den Mereshkovskijs wurde mir jetzt klar. Und dennoch: unter ihrem Einfluß schrieb ich dort den Artikel „Steinerne Beichte“ (gegen Berdjaev, dem ich bereits freundschaftlich verbunden war): der Artikel gefiel Mereshkovskij, er nahm ihn für seine Zeitschrift. Am selben Ort, in Sujda, lebten: D.V. Filosofov, T.N. Hippius und A.V. Kartaschov; mir fiel auf: in Kartaschov wuchs der Protest gegen das Abstrakte in Mereskovskij; einmal, als die beiden Mereshkovskijs in Petersburg waren, fuhren wir drei (ich, T.N. Hippius, A.V. Kartaschov) in einem kleinen Boot auf dem Fluß spazieren und ich klagte über die Abstraktheit der beiden Mereshkovskijs; A.V. Kartaschov stimmte bereitwillig in meine Klagen ein; ich werde den Gesang von Kartaschov nicht vergessen – bei einem stillen Sonnenuntergang, mit Begleitung der plätschernden Ruder.
In den ersten Septembertagen machte ich mich auf den Weg; zufällig wurde ich in Petersburg aufgehalten; ich saß in einer Chambre Garnie auf der Karavannaja, wo Bloks mich einmal besucht hatten, und wo ich einst eine ganze Nacht lang mit dem Gedanken gespielt habe, mir das Leben zu nehmen. Dann brach in Petersburg die Choleraepidemie aus. Ich fuhr nach Moskau.
Der Herbst 1908 – wieder Trubel, Trubel, Trubel; wieder das Haus des Liedes, Freie Ästhetik, Vesy, Religionsphilosophische Gesellschaft usw. Die Russkaja mysl wurde reorganisiert, der Redakteur wurde P. Struve; Mereshkovskij leitete kurze Zeit die Literaturabteilung; aber er zerstritt sich mit Struve wegen des Vortrags von Blok „Die Intelligencia und das Volk“; Brjusov bekam die Literaturabteilung. Besonders gut erinnere ich mich an den Wettbewerb für eine Übersetzung der „Schönen Müllerin“, der von dem Haus des Liedes ausgeschrieben war; es wurden 56 Übersetzungen eingestandt; die Jury bestand aus drei Literaten (F.J. Korsch, V.J. Brjusov, ich), drei Musikern (S.N. Tanejev, N.K. Medtner und A. Gretschaninov) und drei Musikkritikern (Engel; Kruglikov, Kaschkin); Korsch und Brjusov nahmen an den Sitzungen der Jury nicht teil (der erste war krank, der zweite verreist); eine Episode prägte sich mir besonders ein; Engel wünschte, daß der Preis der Nr. 46 zugesprochen würde; mir kam die Übersetzung banal vor. Olenina und N.K. Medtner fanden sie ebenfalls indiskutabel und kläglich; von allen Übersetzungen konnte ich nur die eine (Nr. 20) akzeptieren, die den Rhythmus verhältnismäßig gut wiedergab. Aber Engel zog gegen die von mir vorgeschlagene Übersetzung zu Felde, indem er die Unregelmäßigkeiten der Verse anprangerte; die Partei von Engel ergriffen: Kaschkin, Kruglikov, Gretschaninov, – und plötzlich verstand ich , daß der Kampf um die Übersetzungen – der Kampf der neuen Richtung gegen die alte ist. Medtner und ich blieben in der Minderheit; ich versuchte zu beweisen, daß die „Unregelmäßigkeiten“ eines Gedichts Illusion seien: daß in ihnen der rhythmische Reiz läge; damit begannen die prinzipiellen Auseinandersetzungen über den Sinn der Dichtung; endlich schloß sich Professor Tanejev, der bis dahin geschwiegen hatte, uns an: Engel mußte nachgeben.
Im Herbst mußte ich nach Petersburg reisen, auf eine Einladung von V.F. Komissarshevskaja, die sich der Vesy angeschlossen hatte. Ich sollte einen kurzen Vortrag über Przybyszewski halten, vor der Aufführung des „Ewigen Märchens“; ich wohnte bei den Mereshkovskijs, die mit der Korrektur der für Russkaja mysl bestimmten Manuskripte beschäftigt waren. Bald erschienen sie mit D.V. Filosofov in Moskau; Mereshkovskij sprach bei der Morozova, in der Universität (vor Studenten), im Polytechnischen Museum (einen Vortrag über Lermontov), trat als Opponent auf nach einem Vortrag von Filosofov im „Kreis für Literatur und Kunst“ und nach meinem öffentlichen Vortrag „Gegenwart und Zukunft der russischen Literatur“. Der Aufenthalt der Mereshkovskijs war von stürmischen Zwischenfällen begleitet, bei denen ich mich gezwungen sah, für sie eine Lanze zu brechen; ich war mit Mereshkovskij nicht mehr in allen Punkten einverstanden; er war in seinem Auftreten häufig taktlos; ich habe meine Solidarität mit ihm zuweilen forciert; und mein Eingreifen wirkte wenig überzeugend, zu scharf; im „Kreis für Literatur und Kunst“ habe ich Dinge gesagt, die jemanden gekränkt haben; im Polytechnischen Museum fiel ich hysterisch über Professor E.N. Trubeckoj her; ich rief mit gen Himmel erhobenen Armen, beinahe mit dem Zeigefinger auf Trubeckoj deutend:

Wir brauchen weder Kadetten, noch Revisionisten!

Und er – groß, schwer, mit leicht gerötetem Gesicht – saß wie ein Bär, stützte den traurig gesenkten Kopf auf den Arm. Die Morozova gestand mir später, wie sehr sie mich an jenem Abend gehaßt habe; am nächsten Tag sind wir uns bei ihr verlegen begegnet; Professor Trubeckoj streckte mir sofort seine große schwere Rechte entgegen, drückte meine Hand und sagte – er sei nicht böse; auch bei mir fand ein Abend mit Mereshkovskijs statt; es kamen – Mereshkovskij, Hippius, Filosofov, Berdjaev, Ern (wie ich glaube), Ellis, Ratschinskij, Petrovskij, die Morozova; es gab viel Lärm: man rauchte und diskutierte.
Der Besuch der Mereshkovskijs hinterließ einen dunstig-rauschhaften Eindruck; für mich bedeutete er einen Wendepunkt in meinen Beziehungen zu den beiden; man spürte deutlich: alles zwischen uns geht aus dem Leim.
Im gleichen Winter, wenn ich mich recht erinnere, begann die Bekanntschaft mit M.O. Gerschenzon; es klingelte eines Tages; und in den Flur trat ein kleiner dunkelhaariger Mann mit einem dichten schwarzen Bärtchen, dicken, aufgeworfenen Lippen und riesiger Brille. Er stellte sich als der Redakteur des Krititscheskoje obozrjenije, Gerschenzon, vor; und bestellte bei mir eine Besprechung irgendeines Buches; ich kannte Gerschenzon, ich schätzte ihn sehr. Er kam mir überaus gewichtig vor und allzu einseitig in der Bewunderung der bewährten Perlen der Literatur; aber ich war sehr, sehr geschmeichelt und, ich muß gestehen, überrascht, als er seine Zustimmung zu jener Linie der Literaturpolitik, die ich in Vesy vertrat, aussprach; meistens wurde ich für den scharfen Ton meiner Rezensionen gemaßregelt (von Zajcev, von Bunin, von S. Goluschev), er aber bestätigte mich:

Bleiben Sie dabei: Sie haben recht.

Er räumte mir jede Freiheit bei der Mitarbeit im Krititscheskoje obozrjenije ein. Seit dieser Zeit beginnen meine Besuche bei Michail Osipovitsch Gerschenzon (zuerst nur, um die Rezensionen abzuliefern, später – einfach so, um mich mit ihm zu unterhalten); es stellte sich heraus, daß wir Nachbarn waren, in der Nikoljskij-Gasse (ich wohnte im Haus Nr. 21 und er im Haus Nr. 14); wie genau erinnere ich mich an das kleine Arbeitszimmer, vollgestopft mit Büchern; und dazwischen Michail Osipovitsch – aufgeregt, immer überschäumend, erstaunliche Aphorismen über das Leben, das Schaffen, über die Dichtung Puschkins beim Stopfen der Zigaretten hervorsprudelnd: er stopft eine Zigarette für mich und eine für sich – hält mir mit einem freundlichen Lächeln die Zigarette hin und funkelt: mit den Augen, mit der Brille und mit dem Geist – ein großer Mann von kleiner Gestalt: so vornehm, so schön! Michail Osipovitsch wurde für mich ein Verwandter; ich besuchte ihn vormittags, um ihm anzuvertrauen, was mich erregte oder in Erstaunen setzte; ich kam, um ihn bei der Arbeit zu stören – damit wir uns zusammen freuen und ärgern konnten: um einen Hinweis zu erhalten, einen Rat; Michail Osipovitsch war meinen Besuchen und Nöten gegenüber warm und freundschaftlich offen. Es bildete sich eine Beziehung, über die ich sehr glücklich bin; im Verlauf von 14 Jahren blieb sie ungetrübt (nein – einmal hat mir Michail Osipovitsch den Kopf gewaschen: und er hatte recht); ich liebte die mir so vertraute behagliche kleine Wohnung in der Nikoljskij-Gasse; und noch mehr liebte ich die Gastgeber: Michail Osipovitsch, Marija Borisovna (seine Gattin).
Die Begegnung mit Gerschenzon ist das einzige angenehme Ereignis in jener Zeit. Alles andere war trostlos: die sich häufenden Zwischenfälle bei Vorträgen, die sich häufenden Attacken in der Presse; die Verkrampfungen; und der Zwist mit Strashev (der wievielte?) wegen der Notiz „Die Bagage“, die innere Entfremdung von Mereshkovskijs und die Sehnsucht, immer nach demselben, nach dem einzigen.
Diese ganze Zeit ist für mich von Sehnsucht und Dunkel verschleiert. Einmal, in dem faulen und stinkenden Novembernebel, als die elektrischen Lichter wie ein Ausschlag wirkten, schleppte ich mich trübsinnig und einsam über die Tvjerskaja; neben dem Puschkin-Denkmal kam jemand auf mich zu und zupfte mich am Ärmel: ich drehte mich um, ich sehe – ein nasses Mäntelchen, mit hochgestelltem Kragen, einen kleinen vorgestreckten roten Bart und eine zerknüllte unscheinbare Mütze, die Hand ohne Handschuh, klatschnaß, herausgespuckte Worte: kurz – Rozanov!
„Wie kommen Sie hierher, Vasilij Vasiljevitsch?“
„Ich bin auf der Durchreise: ich muß dringend nach Petersburg… Ich warte auf den Redaktionschef… Lassen Sie mich nicht allein, um Christi willen, ich weiß nicht, was ich anfangen soll…“
Er nahm mich an der Hand und führte mich – auf und ab, auf und ab – durch die Gassen, durch die schmutzigen Straßen, die vom Novembernebel verhangen waren; die vorbeirollenden Droschken bespritzten uns mit widerlichem Straßendreck; ringsherum stank es abscheulich; unsere Füße standen jeden Augenblick im Wasser; einmal – absolute Finsternis; ein anderes Mal flutete das fiebrige Licht der Tvjerskaja uns entgegen, die schimmernden Reklamelichter „Omega-Uhren“, Kinos, Dirnen und halbbetrunkene Flaneure. Zynische Rufe, zynische Angebote; und dazwischen Rozanov, der sich bei mir eingehakt hatte und mich immer weiter durch den Schmutz zog, mit Lippen wie ein Ypsilon, furchtbare Gotteslästerungen über das Thema „Geschlecht und Christus“ verschwappend. Jener neblige Abend bleibt mir unvergeßlich; und die genialen „Geschichtchen“ Rozanovs über Asketen und Heilige; die Passanten verlangsamten den Schritt und sahen sich nach uns um. Rozanov bugsierte mich in das Café Filippov auf der Tvjerskaja; dort wurde an einem Tischchen das begonnene Gespräch fortgesetzt; Rozanov zeigte plötzlich ein merkwürdiges Interesse für Blok; er fragte mich nach meinen freundschaftlichen Beziehungen zu Blok, er fragte mich nach seiner Familie aus; aber ich war mit Blok zerfallen; und es fiel mir schwer, Rozanov alles zu beantworten; er aber, Worte versprühend, mit ölig glänzenden Äuglein, blitzte mich scharf mit seiner goldenen Brille an; er zuckte und tastete mit der zitternden Hand nach dem Mantel; er schien immer wieder zu lauern: wie steht es bei Blok mit dem Problem des Geschlechtlichen; und wie sind die Beziehungen der Eheleute Blok zueinander und zu der Mutter von Blok; er fragte, warum ich mich jetzt mit ihnen entzweit hätte und nach den eigentlichen Ursachen dieser Trennung; das Lauern wich plötzlich einer genialen Intuition über das Geschlechtliche, über das Geschlechtliche bei Blok usw. Ich kann mich an die Worte Rozanovs über Blok nicht erinnern (es wäre unmöglich, sie niederzuschreiben: sehr vieles ist nicht druckfähig): aber, wenn diese Worte an das Licht der Welt gekommen wären, so wären die „Abgefallenen Blätter“ um einige geniale Seiten reicher.
Im gleichen Atemzug, zwischen genialen Gedankenspritzern, wandte sich Rozanov, der die ganze Zeit die Nase hochzog, mir zu und lispelte flehentlich:
„Mein Lieber, Sie müssen entschuldigen: ich habe kein Taschentuch eingesteckt und dabei habe ich Schnupfen: es ist nicht zum Aushalten…“
„Aber Vasilij Vasiljevitsch, ich habe kein frisches Taschentuch bei mir…“
„Geben Sie schnell, mein Lieber, egal wie es ist: das macht mir nichts aus.“
Ich gab ihm mein „nicht mehr ganz frisches“ Taschentuch; er nahm die Brille ab und putzte sich genußvoll die Nase. Bild darauf zahlten wir und gingen; ich begleitete ihn bis zur Redaktion der Russkoje slovo (wo er unter dem Pseudonym „Varvarin“ schrieb); und wir verabschiedeten uns; ich schleppte mich auf demselben Weg zurück, durch den Novembernebel, vorbei an trüben gespenstischen Lichtern; und es kam mir vor, als ob der durchnäßte Rozanov (vom Regen durchnäßt), der mir mein Taschentuch abgenommen und dicht neben meinem Ohr die Nase hochgezogen hatte, eine Ausgeburt dieses Herbstabends war; ein solcher Herbst war das ganze Jahr 1908.
Ich fühlte meine Kräfte schwinden; ich habe oft Emilij Medtner wiederholt:

So kann man nicht leben.

Wenn wir uns zu dritt trafen (Medtner, Ellis und ich), sprachen wir darüber, daß man sich bemühen müsse, das moralische Niveau der Umwelt zu heben; und in erster Linie: bei sich selbst anzufangen habe. Ich wandte mich den Schriften der Annie Besant zu. In diesen Tagen fuhr Medtner nach Berlin; ich blieb allein: mit Medtner war es mir am erträglichsten gewesen. Ich hatte den Eindruck, daß wir uns alle verirrt hatten, daß uns wirkliche Lebenserfahrung mangelte, daß irgendwelche feindlichen Kräfte uns ganz bewußt zu verderben trachteten; ich lebte ständig in der Empfindung einer näherrückenden okkulten Bedrohung; Asche wurde gedruckt, und die Kritiker beschimpften mich; Teffi schrieb in Retsch: „Ich kann diesen alten Geiferer nicht leiden“ (wörtlich); Izmajlov schrieb in Russkoje slovo einfach Unsinn. Ich brauchte bloß einen Vortrag zu halten, und am nächsten Tag las man in den Zeitungen Gott weiß was alles. Das alles schien mir nicht wie von ungefähr; ich fiel in eine Art von Verfolgungswahn; ich hatte das Bedürfnis, mich den Problemen des okkulten Wissens und der konkreten geistigen Erkenntnis zuzuwenden. So fand ich mich im Element von theosophischen Gedankengängen wieder: K.P. Christoforova schenkte mir die Doctrine secrète von H. Blavatskaja; und ich vertiefte mich in sie, indem ich auch die Stanzen des „Dzyan“ studierte; unmerklich geriet ich in den theosophischen Zirkel der Christoforova (ich war den Theosophen auch schon früher begegnet – und zwar in den Jahren 1901 und 1902, als die verstorbene S. Gontscharova einen sehr starken Einfluß auf mich ausübte); es knüpfte sich eine intensive Verbindung zu Personen, die sich bei der Christoforova trafen; es waren: Ertl, P. Batjuschkov, Sperling, Nedovit, Dr. Bojanus mit Frau, Pscheneckaja, A.R. Minclova, B.T. Grigorov, Fürstin Urusova und andere; Ertl hielt Vorträge, begabte Improvisationen, über Themen, bei denen eine Improvisation unstatthaft ist, und zwei Jünglinge (ein Student der Ingenieurwissenschaften und ein Techniker), Bryzgalov und Asikritov, opponierten ständig; auf diesen Versammlungen kamen bis zu fünfunddreißig Menschen zusammen; einmal erschien auch Boborykin. Mich zogen weniger die Vorträge an, als vielmehr die Atmosphäre der Ruhe, die einige der Theosophen um sich verbreiteten; und immer war ich von A.R. Minclova fasziniert; ich beobachtete sie: ich fühlte mich zu ihr hingezogen; ich wußte, daß sie eine persönliche Schülerin von Rudolf Steiner war, den ich zwar wenig gelesen, aber immer geachtet habe (bei den Schülern und Schülerinnen Steiners spürte ich etwas, das sie von den anderen Theosophen unterschied).
Und dennoch: die Besuche bei den Theosophen milderten die mich verzehrende Unruhe nicht. Am Jahresende war ich psychisch ausgezehrt und physisch – erschöpft; Professor P.S. Usov, der mich untersuchte (er kannte mich seit Kindesbeinen und duzte mich), redete mir ins Gewissen:

Wenn du so weiter machst, geht es nicht mehr lange; das Dekadententum kommt dir teuer zu stehen.

Ich zog mich zurück, empfing fast keinen Besuch mehr und ging selbst nicht mehr aus; in diese Zeit fällt mein Briefwechsel (über philosophische, religiöse und ethische Fragen) mit der M.S. Schaginjan, damals fast noch ein Mädchen; ihre gescheiten, frischen Briefe machten mir Freude.
Plötzlich überkam mich eine seltsame Schläfrigkeit; dieser Zustand dauerte einige Tage. Vor dem Weihnachtsfest schmückte ich zur Entspannung, in Prostration dahindämmernd, einen Tannenbaum mit goldenem Lametta, einen Christbaum, den ich mir selbst aufstellen wollte. Und ich spürte: diese Beschäftigung gab mir unendlich viel; während des Baumschmückens hatte ich ein Gesicht: zwei Greise, die in einem Boot auf mich zukommen; sie schauen mich an und ihre Augen sprechen zu mir ohne Worte: ich lausche in mein Herz; und das Herz spricht ihnen vernehmlich nach – dieses:

Wir stehen an der Schwelle einer riesigen geistigen Umwälzung; schon bildet sich eine Phalanx von Menschen, die an der moralischen Wiedergeburt der Menschen arbeitet; sie ist der neue Ritterorden einer Bewegung, die sich über ganz Europa ausbreiten soll; diese Bewegung ist ein neuer Sproß des alten Rittertums; der eine Zweig verbreitet sich im Westen, der andere bedeckt Rußland; an der Spitze dieser Zweige werden jene stehen, die man symbolisch die Schwäne nennen könnte; und über ihnen Jener, den man nicht mit Namen nennt…

So verkündeten mir durch mein eigenes Herz die beiden geheimnisvollen Greise; das Bild bestürzte mich durch seine Kraft; Ellis habe ich von dieser Vision erzählt; er war erschüttert. Es war uns ein gemeinsames Zeichen; wir versprachen einander, daß wir dem Wehen lauschen werden, das der künftigen Bruderschaft des Geistes vorauseilt.
Aber je klarer das Licht des Geistes aus einem Irgendwo leuchtete, desto hartnäckiger machte sich der Feind in den Empfindungen des Herzens bemerkbar: er trachtete nach Rußland, er trachtete nach uns: das Thema Rußland und das Thema des Kämpfertums, des Rüstens mit Licht für den Kampf mit dem Feind sprachen in mir zu Beginn 1909. Ich wußte nichts – Blok hatte soeben „Kulikovo polje“ beendet; es enthält dieselben Themen: der Kampf des lichten Fürsten mit der tatarischen Finsternis, die Rußland bedroht: am 23. Dezember 1908 schrieb Blok:

Wieder über dem Feld Kulikovo
Ballte sich und zerstob Finsternis,
Und wie eine düstere Wolke
Verschleierte sie den kommenden Tag.
Unter undurchdringlich dumpfer Stille,
Unter zerfließender Finsternis,
Ist des wunderbaren Kampfes Donner nicht zu hören,
Sind des Kampfes Blitze nicht zu sehen.
Aber ich erkenne dich, du Urbeginn
Festlicher und kampfesfroher Tage,
Über des Feindes Lager, wie einst,
Flügelschlag und der Gesang von Schwänen.
Nicht kann das Herz in Ruhe leben,
Die Wolken ballten sich nicht umsonst.
Die Rüstung ist schwer, wie vor der Schlacht.
Deine Stunde ist gekommen. – Bete!

Das Gedicht ist in den Tagen der Gesichte entstanden, die mir von Lautem, von Künftigem kündeten; dieses Gedicht habe ich erst zwei Jahre später gelesen; es hat in mir, der ich auf dem Weg zu neuen Funden war, den Wunsch hervorgebracht, Blok einen Brief zu schreiben, auf den hin wir uns auf eine neue Weise begegneten; in dem Gedicht war ein Etwas, das mich tief berührte, ich wußte nicht, daß es in den für mich so zukunftsträchtigen Tagen entstanden war: und zwar am 23. Dezember 1908.

 

Der Ruck

Anfang 1909 war ich in Petersburg – nur für einige Tage: ich hielt einen Vortrag: „Gegenwart und Zukunft der russischen Literatur“. Ich wohnte bei Mereshkovskijs; ich fühlte mich leicht unwohl; Zinaida Hippius begleitete mich zum Vortrag; im Künstlerzimmer überfiel mich Vjatscheslav Ivanov, mit dem ich das ganze Jahr über in offener Fehde lag; er sagt mir, daß „Asche“, die damals gerade im Schipovnik erschienen war, ein Ereignis sei: darin seien die Grundthemen Rußlands ausgesprochen; er müsse mit mir sprechen; und zwar sofort; er schlug mir vor, gleich nach dem Vortrag zu ihm zu fahren; bei ihm zu übernachten. Ich war unschlüssig; Zinaida Hippius flüsterte mir zu:

Hören Sie, wenn Sie zu Vjatscheslav fahren, werde ich es Ihnen nie verzeihen

Nach dem Vortrag redete mir Ivanov wieder zu, mit ihm zu fahren; Hippius hielt mich zurück; ich fuhr trotzdem; schon stiegen wir die Treppe zu Vjatscheslav hinauf. Wir schellten; A.R. Minclova öffnete uns die Tür; ich wußte nicht, daß sie mit Vjatscheslav Ivanov sehr freundschaftliche Beziehungen unterhält (nach dem Tode der Frau von Ivanov, Zinovjeva-Annibal, war Minclova für den bis ins Innerste erschütterten Dichter eine wirkliche Hilfe; sie war mit dem ganzen Haus Ivanov befreundet und kümmerte sich um seine Angelegenheiten zusammen mit M.M. Zamjatina, einer Freundin der Verstorbenen). Zwischen uns dreien fand ein ungewöhnliches Gespräch statt: man hatte festgestellt, daß in Asche mir völlig unbewußt wichtige Themen aufgeklungen wären; die Bilder von Asche sollten Spiegelungen des Spuks sein, der über Rußland zog – durch den Feind Rußlands geschickt; Minclova hörte uns mit einem solchen Gesichtsausdruck zu, daß klar wurde: die Worte von Vjatscheslav Ivanov sind selbstverständlich ihre Eingebungen; zwischen uns fand ein seltsamer Gedankenaustausch statt; meine Empfindung des Verfolgtseins und des Feindes sollte nach Ivanov zutreffend sein; es gebe „Feinde“, die Rußland durch böse Fluida zu vergiften suchten; das seien östliche Okkultisten, die auf das Unterbewußtsein der Russen einwirken und „wilde Leidenschaften unter dem Joch des schartigen Mondes“ entfesseln; ich, Ivanov, Berdjaev und andere Erbfürsten der Kultur sollten die Fehden vergessen und einander die Hand reichen, eine edle Bruderschaft zum selbstlosen Dienst am Geist und an der Wahrheit gründen; dabei würden die mächtigen lichten Kräfte zur Entfaltung kommen, die Rußland vom drohenden Untergang retten könnten; diese Worte Vjatscheslav Ivanovs und die Kommentare der Minclova standen m Einklang mit den Gedanken von Vladimir Solovjov über den „Pantagonismus“ und entsprachen vollkommen dem von mir soeben erfahrenen Gesicht, den beiden Alten, die von dem neuen Orden kündeten. Seit jenem Abend begann eine schnelle Annäherung an Ivanov; das Bindeglied zwischen uns war Minclova, die häufig nach Moskau kam, im Auftrag Ivanovs.
Dieses Gespräch war sehr charakteristisch für jene Zeit im Dunkel der Reaktion regte sich in mir, in Ivanov; in Ellis der Drang nach der Theosophie; und ein Verlangen nach geistiger Arbeit, die geeignet wäre, gegen die für das Vaterland verderblichen Kräfte zu rüsten; wir, die kulturelle Potenz Rußlands, standen exponiert vor den heimlichen Feinden; auf uns zielten okkulte Pfeile aus der dunklen Welt, die Rußland bewußt zersetzt; es fiel mir auf, daß die Atmosphäre solcher Gespräche einen Teil der Moskauer und Petersburger Gesellschaft jener Zeit bewegte; es erhob sich der Fragenkomplex: Osten oder Westen; Blok hatte soeben sein wunderbares Kulikovo Polje beendet, das weder Ivanov noch Minclova noch – vor allem – ich kennen konnten; in Kulikovo Polje steht die verhängnisvolle Macht des Ostens (der Tataren) dem Thema des lichten „Fürsten“ und des lichten „Wimpels“ gegenüber; und der Aufruf zum Kampf mit dem Gebet:

Die Rüstung ist schwer, wie vor der Schlacht.
Deine Stunde ist jetzt gekommen. – Bete!

Ich, Ivanov und Minclova unterhielten uns die ganze Nacht und den ganzen Tag; wir unterhielten uns am nächsten Tag; Vjatscheslav Ivanov ließ bei Mereshkovskij mein Gepäck holen; Zinaida Hippius war beleidigt und könnte mir den Verrat nicht verzeihen (ich sei zu Vjatscheslav Ivanov übergelaufen). Ich hingegen sah die beiden Mereshkovskijs von bösen Geistern besessen; ich schrieb darüber aus Moskau sehr bald einen Brief an Mereshkovskij; er hat mir auf diesen Brief nicht geantwortet; so haben wir uns getrennt – ohne Streit; seitdem wohnte ich in Petersburg bei Vjatscheslav Ivanov.
Sehr bald tauchte er in Moskau auf; wir sahen uns: bei mir, bei Berdjaev, bei K.P. Christoforova; hier wohnte Minclova, die nach Moskau zurückgekehrt war; der Hintergrund der Gespräche war immer derselbe: Rußland, die Feinde, der Bund der Ritter der Wahrheit, die Erbfürsten; ich schaute zu Minclova auf, wie zu einer Ältesten, die weiß, was keiner weiß.
In jenen Tagen ereignete sich im Kreis für Literatur und Kunst ein mich erschütternder Zwischenfall, gleich nach dem Vortrag von Ivanov: eine ganze Reihe von Opponenten, Publizisten, stürzen sich auf mich und beginnen eine wahre Hetze; ich – versuchte mich zusammenzunehmen; vom Podium betrachtete ich lächelnd diese Hetze; Berdjaev und Gerschenzon, die in der Nähe sitzen, sind empört; plötzlich ergreift ein hysterischer Schriftsteller das Wort und schreit die unmöglichsten Dinge über mich in den Saal hinaus. Und der Vorsitzende (S.A. Sokolov) verbietet ihm nicht das Wort; das Blut steigt mir zu Kopf; ich springe auf und brülle durch den ganzen Saal:

Sie sind ein Schuft!

Es beginnt ein unvorstellbares Durcheinander: Berdjaev packt mich; man bringt mir Wasser; und der von mir beleidigte Schriftsteller wird von allen Seiten umringt und beschwichtigt; man ruft:

Vorhang! Vorhang!

Das Publikum springt von seinen Plätzen auf: irgend jemand im Saal holt mit dem Stuhl aus; dann sehe ich mich wie im Nebel neben der Treppe; Minclova führt mich an der Hand hinaus; der aufgeregte Gerschenzon holt uns ein und besteht darauf, daß ich mich vor dem Schriftsteller entschuldige; der Vorfall würde nicht ohne Folgen bleiben; ich sollte verständnisvoll sein: und – mich entschuldigen; hier erst beginne ich das von mir angerichtete Unheil zu begreifen; natürlich: das mir entschlüpfte Wort „Schuft“ war – nur ein Schmerzensschrei. Natürlich: ich wollte keinen kränken; Gerschenzon zieht mich zurück – in den Lärm und in die Rufe, in die Schwärme aufgeregter Menschen – zu dem von mir gekränkten Schriftsteller, dem ich versichere, das unglückselige Wort sei mir völlig unbeabsichtigt entschlüpft; ich bitte das zu entschuldigen; in allem übrigen sehe ich mich völlig im Recht; in diesem Augenblick werden wir getrennt, und ich werde nach Hause gebracht.
Kurz darauf kam Ivanov; und – beruhigte mich. Nach diesem Zwischenfall brach ich zusammen; im Zustand der Depression lasse ich mich von Petrovskij nach Bobrovka, auf das Gut von Ratschinskij, bringen, im Gouvernement Tver (in der Nähe von Rshev). In Bobrovka treffen wir die soeben angereisten G.A. und T.A. Ratschinskij; wir verbringen mit ihnen eine Woche gemeinsam; hier beginne ich die Silberne Taube; ich schreibe das erste Kapitel. Die beiden Ratschinskijs und A.S. Petrovskij fuhren in der ersten Fastenwoche zurück; ich blieb zurück mit der Schwester Ratschinskijs, Anna Aleksejevna, die fast nie zu Hause war, sondern meistens bei Verwandten wohnte; ich wohnte in einem großen Haus, sehr alt, mit einer Menge von Zimmern, in denen Familienporträts hingen, mit schattigen Galerien und einer ausgezeichneten Bibliothek, Eigentum von G.A. Ratschinskij; ich wurde von einem taubstummen Alten bedient; er tauchte geräuschlos mittags und abends mit dem Essen auf, machte lautlos Feuer in dem riesigen Kamin; wir verständigten uns durch Zeichen; ab und zu kam die Ratschinskaja und verschwand wieder; ich arbeitete fieberhaft, stellte ein umfangreiches Material zu Fragen des Rhythmus zusammen; abends las ich – hauptsächlich Bücher, die die Probleme der Geheimwissenschaften berührten: Alchymie, Kabbala, Astrologie; und stellte mir das Horoskop. Das Gut war von düsteren Wäldern umgeben; ich erinnere mich: abends gleite ich auf Skiern über die harte Schneekruste, über die Felder, in der Ferne ragen die schwarzen traurigen Kiefern; und dann befällt mich die große Traurigkeit: ausweglos; und mit ihr erhebt sich meine Frage „Stehe ich vor dem Untergang oder vor einem Leben?“ Ein kleines Buch fällt mir in die Hände, in dem allerlei okkulte Handlungen beschrieben werden; und unter seinem Einfluß nehme ich ein Experiment vor: mein Schicksal umzulenken, die „Urne“ zu zerschlagen und aus der Asche zum Leben aufzuerstehen; ich schreibe das magische Gedicht, das die Sammlung „Urne“ beschließt:

Es möge die Stürme über mir zerstreuen
Die Tiefe der Jahrhunderte –
An dem von dir regierten Tag, Luna,
Zu der von dir regierten Stunde, Merkur.

Dieses Gedicht ist an einem Montag (dem Tag der Luna) geschrieben, in der Stunde des Merkur (d.h. zwischen 8 und 9 Uhr abends); der Sonnengenius sollte aus der Urne, in der meine Asche gesammelt war, „nicht Asche streuen, sondern Licht“.
Seltsam: Bobrovka ist die Wasserscheide zweier Lebensabschnitte: der eine – von 1901 an, umfaßt sieben Jahre; der andere – dauert von 1909 bis 1916; diese beiden Siebenjahresperioden haben für mich eine völlig andere Farbe; und in Bobrovka lag auf den Tag genau die Wasserscheide des Lebens; und sogar – die Stunde: der Tag und die Stunde der Niederschrift des „magischen Gedichts“. Eine Reihe von Gedichten, die vorher entstanden waren, hatte eine düstere Stimmung.
Das vorhergehende Gedicht – pure Finsternis:

Blinde Kräfte ziehen mich
In die ersehnte Ruhe kühler Länder;
Und ich erkenne durch den Nebel
Das verheißene Ufer.

Dieses Gedicht entstand Ende Februar 1907. Das „Magische Gedicht“ (an den „Py-Rê“) wurde Anfang März geschrieben; das nächste im April; es eröffnet den Reigen der hellen Gedichte:

Wie Wolken ist das Ungemach
Vorbeigezogen.
Über dem Kelch
Öfter und süßer
Schwere, funkelnde Luft;
Und – Atem holen.

S.A. Sokolov schickt die Korrekturen der von ihm gedruckten „Urne“ noch Bobrovka; ich schrieb das Vorwort; dort stehen die Worte:

Was ist Azur, und was ist Gold? Die Antwort darauf werden die Rosenkreuzer geben.

Und weiter:

In der Urne ist meine eigene Asche gesammelt, damit sie meinem lebendigen ,Ich‘ das Licht nicht nimmt. Das tote ,Ich‘ schließe ich in die Urne ein, und das andere, lebendige ,Ich‘ erwacht in mir zur Wahrhaftigkeit.

Ich spürte jetzt die Morgenröte neuer Tage:

Irgendwo dämmert schon die Morgenröte der Versöhnung: die Stimme der Wortlosigkeit
(Vorwort zur „Urne“).

Die Epoche von 1901 bis 1909 ist der Weg vom Pessimismus zu den Problemen Vladimir Solovjovs und zum Symbolismus. Er mündet für mich in den Versuch der Begründung des Symbolismus; die Epoche von 1909 bis 1916 ist der Weg vom Symbolismus als einer Methode der Darstellung eines Erlebnisses in einem Bild zur Symbolik der Geheimwissenschaft; er ist der Weg der Selbsterkenntnis. Die erste Epoche – ist die Epoche der „Symphonien“; die zweite – die der „Romane“; im ersten Jahrsiebt bin ich mit dem Skorpion und dem Grif verbunden; im zweiten – mit Musaget, mit Duchovnoje znanije; das erste Jahrsiebt verbringe ich in Rußland; das zweite auf Reisen; das erste – im Kreise der Freunde; das zweite – mit Asja, die 1909 an meinem Horizont auftaucht. Das erste Jahrsiebt – die Herzensfreundschaft mit den beiden Mereshkovskijs; das zweite – die vielfältigen Begegnungen mit Vjatscheslav Ivanov; sämtliche Details des Lebens erscheinen im Licht dieser Epoche verschiedenartig. Das Leben in Bobrovka ist Übergang, Schwelle, Rubikon.
Von Bobrovka fuhr ich über Moskau nach Kiev: um bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung aufzutreten; nach meiner Rückkehr traf ich bei den d’Alheims die Nichte der Olenina – Asja (Anna Aleksejevna Turgenjeva), die gerade aus Belgien kam, wo sie bei einem Kupferstecher lernte; sie hatte Ferien; zwischen uns knüpfte sich eine Beziehung; sie gipfelte darin, daß Asja meine Lebensgefährtin wurde; der Frühling kam mit dem Lächeln der Morgenröte: Begegnung mit Asja, eine Frühlingsfahrt in das Savva-Kloster – zu viert (Asja und Natascha Turgenjeva, A.M. Pozzo, ich). Stürmische Sitzungen des Redaktionskomitees Vesy; die Ehrungen für Gogol usw. Im Mai fuhr Asja zuerst nach Volynj, zur sterbenden Großmutter; und dann – nach Belgien (für ein Jahr). Und ich begegnete in Moskau erneut der Minclova, die in mir dieselben Themen zum Klingen brachte: moralische Umgestaltung und Bewußtsein; ich fühlte mich erkraftet in dem Gedanken: eine Bruderschaft ritterlich gerüsteter Menschen tut Not, eine moralische Agitation unter der Jugend. Folglich: man braucht eine Bruderschaft, eine Zelle von Menschen, die moralische Impulse aussenden; ich bemühte mich, einige unter den Studenten und Studentinnen, die einen gewissen Einfluß unter der Jugend haben, zu inspirieren; Ellis und Medtner setzten sich für meine Idee ein; und es schlossen sich an: Kiseljov, Kracht, Petrovskij. Ich erinnere mich: meine Reisen in das Dorf Izumrudnyj, wo Medtner im Sommer wohnte, – das waren Feste der lichten Hoffnung auf gemeinsame Kulturarbeit; Emilij Karlovitsch teilte mit, daß er eine Möglichkeit sehe, Mittel für einen Verlag zu bekommen.
In diesem Frühjahr war ich zur Hoffnung auferstanden. Traditionsgemäß verbrachte ich den Sommer bei Sergej Solovjov. Zwischen uns zeichnete sich eine Entfremdung ab. Sergej Solovjov konnte meinen Neigungen zur Theosophie und Geisteswissenschaft kein Verständnis entgegenbringen; er hielt sie für einen Irrweg; feindselig beobachtete er, wie ich mich in die Doctrine secrète der Blavatskaja vertiefte; unsere gegenseitige Entfremdung steigerte sich; im Sommer korrespondierte ich sehr intensiv mit Asja Turgenjeva; ich schrieb die „Silberne Taube“ (für Vesy); ich war oft in Moskau; traf mich häufig mit Schpett.
Im Herbst entlud sich der „Fall Ellis“, und warf mich wieder aus dem Geleise.
Ich halte ihn für charakteristisch; und halte es für nötig, darauf einzugehen; ein Mensch voller Widersprüche, zeichnete sich Ellis immer durch echte Selbstlosigkeit aus; er war bereit, alles den anderen zu überlassen, aufs Mittagessen zu verzichten (Nilender, der zu Ellis in den „Don“ gezogen war, mußte oft darauf achten, daß Ellis das Mittagessen nicht vergaß), – aber Ellis ging furchtbar sorglos, zerstreut und unachtsam mit Büchern um; er war erschreckend zerstreut; wir alle kannten seine Nachlässigkeit im Umgang mit Büchern; hatte man ihm ein Buch geliehen, – mußte man damit rechnen: man bekam es stark beschädigt zurück, mit vollgekritzelten Seiten, die mit einem Regen von Ausrufezeichen bedeckt waren, oder man bekam es überhaupt nicht zurück, nicht, weil er sich das Buch aneignete, sondern weil er es verlor (er gab es an den ersten besten weiter, er ließ es liegen, er vergaß es); ich habe häufig auf meinem Tisch fremde Bücher gefunden, von Bleistifteintragungen übersät, die Ellis liegen gelassen hatte. Einst traf ich bei Ellis Männer, welche Bücher einpackten, die Ellis gehörten, aber von ihm irgendeiner Organisation gestiftet wurden. Er gab alles her, was er besaß; und wenn er selbst in Not geriet, nahm er ohne Hemmungen fremde Hilfe an. Er kam einfach und sagte: „Gib mir zu essen!“; einmal hatte er kein Dach über dem Kopf, kam zu mir und wohnte bei mir fast ganze zwei Wochen. Mit der gleichen zerstreuten Selbstverständlichkeit benahm er sich auch im Museum, als er dort sein Buch über den Symbolismus schrieb; man überließ ihm ein eigenes Zimmer; dort schrieb er sein Buch: er zog dort ein – mit den Büchern des Skorpion, die ihm Poljakov mitgab, damit er sich die Zitate für ein Manuskript ausschneiden und einkleben konnte. Er benutzte auch die Bücher des Museums; vielleicht zweimal hatte er in seiner Zerstreutheit die Exemplare verwechselt und die Stellen zum Einkleben aus dem Museumsexemplar herausgeschnitten; es handelte sich dabei um eine Seite aus der Nördlichen Symphonie und um eine Seite aus dem Kelch der Schneestürme; ein Museumsbediensteter sah, wie Ellis die Seiten zerschnitt; und als er gegangen war, wobei er wie immer seine Mappe im Museum ließ, brachte dieser Bedienstete die Mappe dem Bibliotheksdirektor; Ellis bekam eine Rüge: wegen Schlamperei; man entzog ihm das Recht, weiter im Museum zu arbeiten.
Von diesem Vorfall erfuhr ein gewitzter Journalist, der Vesy feindlich gesonnen war, weil Ellis dort mit der ihm eigenen Schärfe die ganze Presse attackierte. Nun ja: unter den Journalisten gab es, auch schlechte Dichter, die uns ihre Gedichte zuschickten. Diese Gedichte wurden abgelehnt; und nun haben diese „Abgewiesenen“ den Vorfall weidlich ausgeschlachtet; Ellis wurde als Dieb angeprangert – durch ganz Rußland; man hätte denken können, nach der Zeitungslektüre, daß Ellis jahrelang kostbare Handschriften aus dem Museum entwendet hätte. Kasso, der Kultusminister, benutzte den Anlaß, als er von den vorgefallenen „Diebstählen“ erfuhr, um Professor Cvetajev seines Postens als Museumsdirektor zu entheben (die beiden hatten eine persönliche Rechnung zu begleichen); er schickte ein Telegramm mit der Anordnung, ein Verfahren zu eröffnen. Cvetajev seinerseits hatte seine eigenen Gründe, Ellis nicht gewogen zu sein.
Ein Vorfall, der den Namen „Schlamperei“ verdiente, wurde zu einem riesigen Skandal; und Ellis mußte für alles büßen; für die Spannung zwischen dem Minister und dem Museumsdirektor, die Antipathie des Direktors, die giftige Schadenfreude der Journalisten, die ihn haßten. Ellis wurde in ganz Rußland verleumdet; die Richtigstellungen wurden auf der vierten Seite in „Petit“ gedruckt, und die Beschuldigungen, daß er ein Dieb sei, auf der ersten Seite mit sensationellen Überschriften in ellenlangen Lettern.
Die Tatsache, daß der Staatsanwalt das Verfahren gegen Ellis wegen mangelnder Beweise eingestellt hatte, daß ein Ehrengericht (Prof. Muromcev, Prof. Lopatin, Maljantovitsch u.a.) Ellis von dem Vorwurf entlastet hatte, er habe aus den Symphonien (die er von mir, von S.A. Poljakov hätte bekommen können) Seiten „gestohlen“ – erfuhren die Leser der sensationslüsternen Gazetten nicht.
Diese widerliche Geschichte ist uns teuer zu stehen gekommen – uns und Ellis; seit jener Zeit beobachtete man an Ellis eine deutliche Neigung zum Okkultismus. Er wurde sehr bald Anhänger Steiners.
Während dieser Monate beeilten wir uns mit der Gründung des Verlages Musaget, der von Emilij Medtner ins Leben gerufen wurde; der Herbst 1909 war für mich durch die Zusammenkünfte bestimmt, die die Gründung des Musaget mit sich brachte. Dem Musaget schlossen sich an: Ratschinskij, Petrovskij, Sizov, Kisljov, Nilender, Sadovskij; das Redaktionstriumvirat bestand aus mir, Medtner, Ellis. Der Sekretär war A.M. Koshebatkin, den Ellis zu uns gebracht hatte; der stellvertretende Sekretär war Achramovitsch. In jenen Monaten erschienen aus Freiburg F.A. Stepun und S.I. Hessen, die einen Herausgeber für die russische Redaktion der internationalen Zeitschrift für Philosophie „Logos“ suchten; sie nahmen mit uns Kontakt auf; es fanden mit F.A. Stepun und S. I. Hessen Unterhandlungen statt. Musaget nahm „Logos“ auf. Musaget war sehr breit angelegt, in drei Richtungen: der Hauptsektor des Musaget, mit rein literarischen Zielen, der Sektor des „Orfej“, auf dem unsere mystische und ethische Tendenz verwirklicht wurde; und „Logos“, der Versuch einer philosophischen Begründung des Kulturproblems. In der Redaktion des „Logos“ wirkten: F.A. Stepun, S.I. Hessen, B.V. Jakovenko und E.K. Medtner; im Musaget – ich, Ellis, Medtner; im Orfej – Petrovskij, Sizov, Kisljov. Diese drei Richtungen bemühten sich um möglichst großen Einfluß; im Verlag „Musaget“ konnte man stets den Kampf der drei Strömungen ( der mystischen, ästhetischen, philosophischen) beobachten. Dem „Logos“ schloß sich eine Reihe von Fachphilosophen an (u.a. Prof. B.A. Kistjakovskij); Schpett stand beobachtend abseits.
Damals lernte ich den inzwischen verstorbenen Kracht kennen (den Bildhauer); bald fanden im Atelier von Kracht Versammlungen junger Leute statt, die sich um Musaget scharten; unter ihnen wirkten Kracht und Ellis; ich beeilte mich, den „Symbolismus“ und die „Arabesken“ für den Druck fertigzustellen und beschäftigte mich mit den Problemen der Philosophie und des Versrhythmus; ich beendete die Silberne Taube.
Mein Interesse für die Religionsphilosophische Gesellschaft blieb, aber aus der Svobodnaja Estetika zog ich mich zurück; den „Kreis“ suchte ich nicht mehr auf; ich trennte mich von den d’Alheims, indem ich mich mit Medtner, der das „Haus des Liedes“ nicht mehr betrat, solidarisch erklärte; M.K. Morozova förderte den Religionsphilosophischen Verlag Putj, um den sich Ratschinskij, Berdjaev, Bulgakov, Fürst Trubeckoj, Gerschenzon sammelten. Vesy hatte ihr Dasein beendet.
Im November trat Minclova in den Argonautenkreis ein; Minclova inspirierte uns immer mit derselben Idee: mit der Idee eines Ritterordens, einer Bruderschaft des Dienstes am Geist. Von ihr erhielt ich eine Reihe von Auskünften über das Gebiet der esoterischen Theosophie; sie machte uns mit den intimen Zyklen Steiners bekannt, wobei sie darauf hinwies, daß die Zeit ihrer Jüngerschaft vorbei sei; sie habe andere Lehrer. Welche? Das war eine spannende Frage, die die Minclova selbstverständlich über uns hinaushob; daß ihre Erkenntnisse zum Teil Improvisationen waren, daß sie durch den krankhaften Zustand ihres Geistes getrübt war, konnten wir damals noch nicht durchschauen (die Enttäuschung blieb nicht aus); auf das Drängen von Minclova hin, die mich mit den Regeln geistiger Übung vertraut machte, fuhr ich zu Beginn 1910 nach Bobrovka, wo ich mich etwa drei Wochen lang den „Übungen“ hingab.
Ende Januar war ich auf Drängen der Minclova wieder in Petersburg; ich wohnte im „Turm“ bei Vjatscheslav Ivanov.

 

„Der Turm“

Der Lebensstil im „Turm“ war ein unvergeßlicher, einmaliger Stil; der „Turm“ war die Bezeichnung für die Wohnung von Vjatscheslav Ivanov, die in dem Aufbau eines fünfstöckigen Hauses lag, der wie ein Turm aussah. Im Inneren des runden Aufbaus lag die Wohnung – im fünften Stock, wie ich mich erinnere; in dem Maße, in dem sich die Zahl der Bewohner vergrößerte, ließ man die Wände niederreißen, und die Wohnung verschmolz mit den umliegenden; zum Schluß bestand sie, wie mir scheint, aus drei ineinander übergehenden Wohnungen, aus einem Wirrwarr von Zimmern und Zimmerchen, die durch Gänge, Flure, Vorzimmer miteinander verbunden waren; es gab hier quadratische, dreieckige Zimmer, fast ovale Zimmer, mit Sesseln, Stühlen und Sofas vollgestellt, teils mit verspielter Schnitzerei, teils ganz einfach; ich weiß noch: Brücken und Teppiche verschluckten jeden Schritt, überall sah man Regale mit Büchern, kleinen Bändchen, Folianten, im bunten Durcheinander mit allen möglichen Gegenständen; man hatte den Eindruck: kam man in den Turm – so vergaß man gleich, in welchem Land, in welcher Zeit man lebte. Jahrhunderte, Jahre, Wochen, Tage, alles wurde dehnbar; der Tag wurde zur Nacht und die Nacht wurde zum Tag. So lebte man eben im „Turm“: man hatte hier keine genaue Vorstellung von der Uhrzeit; der berühmte „Mittwoch“ bei Ivanov war kein „Mittwoch“, sondern der „Donnerstag“; doch, doch: die Besucher kamen nicht vor Mitternacht; also: man versammelte sich am Donnerstag. Der gastfreundliche Hausherr des „Heerlagers“ (Mereshkovskijs nannten die Wohnung von Ivanov „das Heerlager“) tauchte aus dem Schlafzimmer gegen sieben Uhr abends zum Essen auf. Er blieb, in Decken und Plaids eingewickelt und von Korrekturen umgeben, auf seiner Schlafcouch, wo er seit vier oder fünf Uhr nachmittags arbeitete und den stärksten, den ganzen Körper vergiftenden Tee trank, der ihm gegen drei Uhr nachmittags ans Bett gebracht wurde. Früher war er nicht wach; Ivanov ging niemals vor sechs oder sieben Uhr morgens zu Bett; und seine Gäste zogen sich ebenfalls nicht früher zurück. Oft kam er zum Mittagessen direkt aus dem Bett, es wurde um sieben Uhr zu Mittag gegessen. Emilij Medtner, der mit mir im „Turm“ nur zwei Tage verbracht hat, konnte dieses Leben nicht aushalten; er floh aus dem „Heerlager“, völlig enerviert; dieses Leben hielt ich höchstens fünf Wochen aus; ich kam nach Moskau zurück abgemagert, grün, ausgemergelt; aber angeregt durch die „Idee“, die man mit Ivanov in vielstündigen, nächtlichen und vor allem morgendlichen Gesprächen austrug.
Der „Turm“ schien mir ein Symbol der Zeitlosigkeit zu sein; er ragte über der „Zeit“, über den Zeitgenossen: über der Duma, an der Ecke der Tavritschenskaja und irgend einer anderen Straße (ich kann mich nicht erinnern, wie sie hieß, die in die Kavalergardskaja mündete, wo N.V. Nedobrovo wohnte, ein Gesprächspartner von Ivanov und mir, den Ivanov sehr schätzte: wir beide achteten ihn).
Die Bewohner des „Turms“: zu der Zeit meines Besuchs wohnten hier (in unterschiedlich eingerichteten originellen Winkeln der Wohnungen): Ivanov selbst, Zamjatina (eine Freundin der verstorbenen Zinovjeva-Annibal), V.K. Schvarcalon (die Tochter seiner verstorbenen Frau aus erster Ehe, seine Stieftochter), L.V. Ivanova (die Tochter von Ivanov). Manchmal tauchten der Sohn von Ivanov – der Kadett Serjosha auf (S.K. Schvarcalon – der Sohn seiner Frau aus erster Ehe); hier wohnte auch der Schriftsteller Kuzmin, er hatte sich in zwei Zimmern des Labyrinths eingerichtet und hatte seinen eigenen Bekanntenkreis, eigene Gäste, die oft in dem gastfreundlichen „Heerlager“ übernachteten (Ich erinnere mich: im Jahre 1910 erschien häufig um 1 Uhr nachts N.S. Gumiljov, der nicht in Petersburg, sondern in Carskoje Selo wohnte); ständige Gäste waren: A.N. Tschebotarevskaja, A.R. Minclova; andere logierten hier wochenlang (ich, Stepun, Nilender).
Der Abendtee wurde im „Heerlager“ nicht vor Mitternacht serviert; bis dahin dauerten die separaten Gespräche in den einzelnen Teilen des Labyrinths; bei Ivanov tagte, wie ich mich erinnere, das Komitee der Petersburger Religionsphilosophischen Gesellschaft (Stolpner, D.W. Filosofov, S.P. Kablukov, der in seiner Zerstreutheit glaubte, der Hahn habe vier Beine: das hat er einmal tatsächlich ausgesprochen), oder dort saß der sich auf der Durchreise befindende Schestov oder jemand von den Vertrauten Ivanovs: Borodajevskij, Nedobrovo, oder ein Sektierer, ein Poet, usw.; bei V.K. Schvarcalon, Studentin der Frauenkurse und Zelinskij-Schülerin, konferierte ein zwitschernder Schwarm von Philologinnen. Bei Kuzmin fand eine Sitzung der neu gegründeten Zeitschrift „Apollon“ statt, und bei mir, in dem mir zugewiesenen Zimmer, saß auch immer jemand: bis Mitternacht; um 12 Uhr versammelte sich das ganze Publikum im Eßzimmer: die Religionsphilosophische Gesellschaft, die Schülerinnen von Zelinskij, Kuzmins „Apollon“ und meine Besucher; es begann das gemeinsame Gespräch beim Tee; auf dem Tisch erschien eine riesige Flasche mit leichtem Weißwein, die von den Gästen geleert wurde; gegen zwei Uhr verabschiedete sich ein Teil der Besucher; Vjatscheslav Ivanov, der zu Hause wie ein schnurrender Kater wirkte, rieb sich seine immer kalten Hände, schüttelte das goldene Vlies seiner seidenweichen Haare, die ihm bis auf den gebeugten Rücken fielen, steckte sich eine Zigarette an, musterte mich, Kuzmin oder die Minclova mit einem schelmischen Blick und bat mich, unwiderstehlich gut gelaunt:

Nun, du Gogoljok, – jetzt kommt die Moskauer Chronik.

Er nannte mich „Gogoljok“ wegen meiner angeblichen Ähnlichkeit mit Gogol; und unter „Moskauer Chronik“ verstand er meine humoristischen Erzählungen: von den Ereignissen in Moskau (von Zwischenfällen, von mir, von Ellis, von Ratschinskij, von Brjusov); meistens erzählte ich ihm von vergangenen Zeiten: von meiner Kindheit und von meinem Vater, dem Mathematiker, dessen Leben so reich an rührenden Absonderlichkeiten war; ich erzählte von den alten Herren der Universität, die ich früher gekannt hatte (von S.A. Usov, Troickij, Storoschenko, Kljutschevskij, Buslajev, Grot); ich unterlag der Versuchung, zu karikieren; der Anblick Ivanovs, der auf dem Sofa (in eine Pelerine gehüllt) saß, weckte die Laune zum „Spaßmachen“; ich setzte mich gemütlich auf den Teppich; und ich begann, die Wirklichkeit mit Übertreibungen zu verflechten; Ivanov lachte ansteckend, mit hoher Stimme; die „Moskauer Chronik“ dauerte ein bis zwei Stunden: man trank ein Glas nach dem anderen; M.M. Zamjatina brachte den zweiten Samowar. Oder: wir baten Kuzmin:

Michail Aleksejevitsch, bitte – spielen Sie, singen Sie…

Und Kuzmin setzte sich höchst bereitwillig an den Flügel und sang, sang, sang seine Gedichte, die er selbst sehr gut (meiner Meinung nach) vertonte; seine brüchige rauhe Stimme gab die Stimmung der Gedichte wunderbar wieder; ich liebte ganz besonders das Lied:

Meine lieben Freunde, meine Krücken: vor welches Paradies habt ihr den Krüppel gebracht.

Oder:

Ich klopfe an die Tür. Öffne Deine Arme. Küß mich, immer, immer wieder, schaut nur zu, ihr Schwestern und Brüder, wie licht unsere Liebe ist.

Manchmal blieb er am Flügel und sang bis vier Uhr morgens.
Die Augen Ivanovs funkelten; und gegen fünf ging er mit mir oder mit Minclova oder mit uns beiden in sein orangefarbenes Arbeitszimmerchen; und in diesem orangefarbenen kleinen Raum kam es zu den erstaunlichsten Unterhaltungen mit dem Hausherrn; und die tiefsten Gedanken über Gott, über den Symbolismus, über die Schicksale Rußlands kamen mir hier, in diesem kleinen Arbeitszimmer, besonders wenn Minclova anwesend war, unsere gemeinsame Freundin (während dieser Monate); diese Gespräche dauerten ungefähr bis sieben Uhr morgens; dann weckte Ivanov die im Nebenzimmer eingenickte M.M. Zamjatina, mit komischer gutmütiger Behutsamkeit steckte er seine Nase durch den Türspalt, mit den zusammengekniffenen Augen, dem runden Rücken, irgendwie kraftlos, erinnerte er an einen Kater, der einen Buckel macht.

Könnten wir – ein Spiegelei bekommen: und könnte man etwas heißes Wasser für den Tee bekommen?

Um sieben Uhr erschien das „Spiegelei“. Und gegen acht Uhr ging man auseinander, nachdem man die Spiegeleier verzehrt und Tee getrunken hatte.
Und so ging es einen Tag um den anderen; ich kam in den „Turm“ für drei, höchstens vier Tage – und blieb an die fünf Wochen; und das verrückte, aber so behagliche Leben verwirrte die letzte Vorstellung von Zeit; der gastfreundliche Hausherr nahm jede Gelegenheit wahr, die Anwesenheit des „Gastes“ im „Turm“ auszudehnen; und so verwandelte sich der „Gast“ ganz selbstverständlich in einen Bewohner des „Turmes“; man glaubte: von hier fortzugehen, in die Wirklichkeit zurückzukehren (d.h. in den Raum, in die Zeit, nach Rußland, in das Jahr soundso) – wäre unmöglich.
Und der Morgen im „Turm“? Vielmehr der „Tag“, denn hier bin ich nie vor ein Uhr mittags aufgestanden; ich kam zu dem kochenden Samovar ins Eßzimmer, das an die Zimmer von Kuzmin angrenzte; sehr oft ließ Kuzmin, der mit seinem Manuskript am Samovar saß, dieses Manuskript liegen, um mir Tee einzuschenken. Ganz gelöst, häuslich, in einem weiten Hemd, hörte er mir schweigend zu; und dann beugte er sich wieder über sein Manuskript (am Samovar); im „Turm“ war er völlig ungezwungen, schlicht; und in dem formbewußten Apollon war er ein anderer: feindselig, verständnislos, immer in Opposition uns, den Symbolisten gegenüber; die Haltung des Apollon war uns fremd; Vjatscheslav Ivanov rühmte ihn zu Hause wegen der Devise „Schöne Klarheit“ (der Titel eines Artikels von ihm, der sich mittelbar gegen uns richtete); Ivanov redete Kuzmin ins Gewissen; und der zog die Schultern hoch, streifte die Zigarettenasche ab, wehrte lächelnd mit leichtem Lispeln:

Aber was glauben Sie?… Aber nein!…

Und dann verschwand er stillschweigend: Wo ist Kuzmin? Im Apollon. Und in der Rezension, die er veröffentlichte, teilte er wieder scharfe Seitenhiebe gegen die Symbolisten aus; über Michail Aleksejevitsch ärgerte sich Ivanov zuweilen sehr; in der Tat, er wohnte hier, bei uns, ließ sich den Kopf waschen, ohne zu widersprechen, war immer ehrerbietig – aber die Polemik gegen die Symbolisten hielt an. Vjatscheslav Ivanov meinte: er würde Kuzmin im „Turm“ vor dem heraufziehenden… Akmeismus retten. Kuzmin enttäuschte die Hoffnungen von Vjatscheslav Ivanov. Er ließ sich nicht retten, sondern behauptete sich in seiner leichtsinnigen, koketten und herausfordernden Klarheit; und im Apollon zog er zuweilen recht kräftig über uns, die Veteranen, Verkünder des Symbolismus, her, wegen unserer „dionysischen Nebel“. Manchmal veranstaltete Ivanov einen Zweikampf (nun, wer kriegt wen unter – Apollon den Dionysos oder Dionysos den Apollon?). Er duellierte sich auch mit S.K. Makovskij, V.A. Tschudovskij und ganz besonders mit Gumiljov. Dann: dann sträubten sich seine Haare, er lief rot an, klopfte mit dem Finger auf den Tisch und sprach plötzlich laut und näselnd (es klang unharmonisch, wie quietschende Geigentöne, die an Hahnengeschrei erinnern); er attackierte den förmlichen und reservierten Gumiljov, der gegen ein Uhr nachts erschien, auf dem Heimweg von irgendwoher, im Frack, Zylinder und weißen Handschuhen, und steif und aufrecht im Sessel saß, unbeweglich, wie ein Stock, ungerührt, mit einem hochmütig-leidenschaftslosen, ein wenig ironischen, aber gutmütigen Gesicht; Gumiljov parierte die Ausfälle von Ivanov weniger mit Worten als durch seine ganze Erscheinung; Ivanov versuchte mich in das „Handgemenge“ hereinzuziehen; ich ließ mich hinreißen und griff die „Apollinische“ Leichtfertigkeit an; hinterher tranken wir in voller Eintracht unseren Wein.
Ein Gespräch bleibt mir unvergessen; Ivanov schritt verschmitzt lächelnd vor Gumiljov auf und ab und stichelte, er, Gumiljov, solle, statt gegen die Symbolisten zu Felde zu ziehen, eine eigene Bewegung gründen; jawohl; und er schlug mir augenzwinkernd vor, Gumiljov dafür eine Basis zu entwickeln. Ich ging auf das Spiel ein und kam, wie ich glaube, auf den Ausdruck „Adamismus“; Ivanov fing den Ball auf und war nicht mehr zu halten; plötzlich war das Wort „Akme“ (Spitze) da; und Ivanov machte Gumiljov feierlich den Vorschlag, sich einen „Akmeisten“ zu nennen. Aber wie groß war sein Erstaunen, als Gumiljov, ohne seinen Gleichmut zu verlieren, die Beine übereinander schlug und sagte:

Das ist ja ausgezeichnet: so kann es bleiben – Akmeismus.

Er nahm die Herausforderung an, und bald wurde der „Akmeismus“ Wirklichkeit.
Ivanov empfing Gumiljov immer und hatte, glaube ich, ungeachtet der Attacken, Gumiljov gern. So hatten die Diskussionen mit den feindlichen „Apolloniern“ damals im „Turm“ einen wohlwollenden und friedlichen Charakter.
Von den Besuchern des „Turm“ erinnere ich mich an Professor E.W. Anitschkov, Tamamscheva, die Schwestern Beljajevskij, die ständig von Vortrag zu Vortrag hetzten und in ihren Heftchen Aussprüche „berühmter“ Männer notierten, Stolpner, S.P. Kablukov, V.P. Protejkinskij, V.V. Borodajevskij mit Frau, N.V. Nedobrovo mit Frau, Gumiljov, A.N. Tschebotarevskaja, A.R. Minclova, Pjast, Skaldin, der Geistliche Agejev, S.M. Gorodeckij; immer wieder tauchten auf: Dichterinnen, Dichter, Philosophen, Gottsucher, Korrespondenten, Sektierer, gelegentlich erschien der proletarische Dichter Tschapygin, zuweilen Pimen Karpov; ein ständiger Gast war J.N. Verchovskij, der Ivanov sehr liebte – um aus Anthologien vorzulesen; hier begegnete ich Schestov, Askoldov, Remizov, Prof. Losskij, Ivanov-Razumnik.
Vjatscheslav Ivanov lebt in meinem Gedächtnis: als ein erstaunlicher Mensch unserer Epoche. Sein Äußeres?
Als ich ihn kennenlernte, sah er aus wie ein Professor aus der deutschen Provinz, der in der Tradition der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts lebt; er hatte einen rötlichen Schnurrbart, der sehr borstig wirkte. Später sehe ich ihn mit seinem Bärtchen, dessen Spitze sich kaum merklich teilte; es war flachsfarben und bildete einen seltsamen Kontrast zu den rötlichen, mit roten Streifen sich überziehenden Wangen; der Zwicker wippte auf der gebogenen Nase, einer Adlernase, die bereit war, zu hacken, während die sich kräuselnden Lippen den Gesprächspartner mit honigsüßen Worten des Allverstehens und des Allmitempfindens einlullten, bis zum… „Übermaß“; plötzlich riß dieses Allverstehen auf und darunter zeigte sich ein Rhetoriker, ein Schematiker, der das Allverstehen benutzte, um den Partner zu unterlaufen; Vjatscheslav Ivanov hatte etwas von einem überzeugten Jesuiten: seine Beweglichkeit erschien mir zuweilen als Methode: in die verborgensten Winkel des fremden Bewußtseins einzudringen und dort die „Grundlagen“ einer anderen Weltanschauung „bloßzulegen“, um eine Brücke zum eigenen Ufer zu bauen; um jemanden sich „gefügig zu machen“, begann er zu agitieren und ließ sich aus Überzeugung auf Intrigen ein (um die Apollonier zu unterlaufen, begann er, der alte „Dionysier“, mit ihnen zu „apollonisieren“ und drang so in das feindliche Lager ein; dort wurde ihm „alle Ehre zuteil“; mit mir machte er sich darüber lustig). Ich muß jedoch zugeben, daß die „Intrigen“ von Ivanov immer selbstlos waren und mich an unser „Verkleiden“ erinnerten, als wir uns alle spaßeshalber kostümiert hatten: Ivanov wurde zu einem östlichen Pascha gemacht; und saß da – in einem riesigen Turban; Vjatscheslav Ivanovs List war selbstlos; sein Wunsch zu gefallen, ebenfalls selbstlos; wenn er zum Beispiel erfuhr, daß im selben Zimmer ein ideologischer Feind sich befand, so begann er seine Kreise um ihn zu ziehen, setzte sich zu ihm und stimmte seine Weise an: 

Ich bin, genau genommen, Ihnen durchaus nicht so fremd.

Und er fand unter allen Umständen einen gemeinsamen Punkt; er gab sich nicht eher zufrieden, bis er den anderen eingenommen hatte (viele nannten Ivanov eine „metaphysische Kokette“); einmal, im Zorn, rief ich aus:

Ja, als Vjatscheslav nach Moskau kam, mietete er sich in der Orthodoxie ein; und er hat sich in der neuen Wohnung genau so gut eingerichtet, wie früher im mystischen Anarchismus…

Aber das war nicht richtig; die Wohnung von Ivanov wurde nicht umsonst „Heerlager“ genannt; sie hatte viele Bewohner – alle, alle haben dazugehört. Und nicht er hatte sich in der Orthodoxie eingemietet; im Gegenteil: in dem verworrenen Labyrinth dieser Wohnung hat es viele verschiedene „Untermieter“ gegeben. Zuweilen war es so: im Arbeitszimmer von Ivanov saß der Geistliche Agejev und in den Zimmern von Kuzmin um dieselbe Zeit Gumiljov; ja, Ivanov hatte Raum für viele „Untermieter“. Er nahm den Gesprächspartner aufs Korn, um dessen „Gesichtspunkt“ als Punkt in die „Ivanovsche“ Linie zu integrieren, rieb sich schmeichelnd die scheinbar kraftlosen Hände und preßte sie, wie ich mich erinnere, fest aneinander; auf der Hakennase zitterte der Kneifer an einer verwickelten Schnur; die haarlosen Augenbrauenwülste glänzten; hinter den spiegelnden Gläsern sprühten sehr aufmerksame zusammengekniffene Augen seelische Wachheit und grünliches Funkeln; rasch und unerwartet zog er sich von dem Gesprächspartner zurück, ohne dem Vertrauen Vertrauen zu schenken; und schritt weiter auf und ab: der Zwicker flog herunter; kornblumenblaue, klare, gütige kleine Augen zeigten sich in vollem Glanz: er war überzeugt, daß er überzeugt, daß er – „gesiegt“ habe.
Das Gesicht war flach, sehr breit; das Gesicht glänzte; es glänzte die Stirn; eine riesige Stirn (kein „Stirnchen“ wie bei Mereshkovskij); ein russisches Gesicht, wenn nicht die sich kräuselnden Lippen wären, mit der Andeutung eines Lächelns wie auf Bildern Leonardo da Vincis; als er sich später den Bart abnahm, wurde er eine Mischung von Tjutschev und Mommsen; mit dem Bart… (ich bitte den Vergleich zu verzeihen) ähnelte er einem Christusbild (nach Corregio): sentimental, schmachtend: dieser „Aspekt“ von ihm war immer verdächtig, ebenso… wie der Ring mit dem Pentagramm, den er wie zufällig den Partner im Gespräch sehen ließ, wie auch den goldenen Schopf sehr weicher, lockiger fliegender Haare; Somov hielt das alles fest; beim Anblick seines Porträts von Ivanov muß man unwillkürlich ausrufen:

Ein wunderschöner Mensch!

In Wirklichkeit war er absolut und unmißverständlich unschön; und seine „Unschöne“ paßte so gut zu ihm; „die Schöne“, das „Christushafte“ – das war ein Schein, der sich auf das kluge unschöne Antlitz legte und mir als eine „Aventiure“, eine Verkleidung Ivanovs vorkam.
Das Haar fiel auf den gebeugten altmodischen Rücken; beim ersten Anblick mußte man sagen: eine Erscheinung, die sehr bedeutend ist! Eine seltsame Kombination von Einfachheit und Exklusivität; schmeichelnd, eine Spur Weihrauch verbreitend; und – plötzlich: Schärfe, Unduldsamkeit; manchmal lief er dunkelrot an und begann mit näselnder Stimme zu schreien, unangenehm und böse; man bekam es mit der Angst zu tun; wenn er schrie, immerfort über Teppiche stolpernd, wirkte seine Erscheinung wie eine unheimliche Chimäre; aber das legte sich bald, und schon zog er die Schultern zusammen, lächelte, streute das Vergißmeinnicht der Augen um sich, führte einen aus seinem Arbeitszimmer heraus, nötigte zu Tisch, schenkte Wein ein; man fühlte sich wohl und geborgen: schon wieder war er gütig; schon wieder liebevoll.
Ich fand ihn zu Hause besonders liebenswert, in dem bequemen weichen Hemd aus Wolle, das an das Hemd von Blok erinnerte; ich mochte ihn auch in den riesigen Überschuhen, eingehüllt in einen Fuchspelz, mit der zu kleinen Sealmütze. In diesem Aufzug hatte er etwas Pfäffisches; wenn wir im Schlitten Platz nahmen, um zu einer Sitzung der Religionsphilosophischen Gesellschaft zu fahren, wirkte ich wie ein Mesner, Ivanov – wie ein Pope aus der „guten alten Zeit“ (im Pelz sah er älter aus); und wenn jemand beobachtet hätte, wie sich Ivanov setzte, wie sein Pelz den ganzen Schlitten ausfüllte, wie er die Decke anknöpfte, – dann würde er sagen: „Sieh da, – da macht sich ein Pope auf zur Messe!“ Tatsächlich: die seltenen Ausfahrten von Ivanov (sie waren selten, weil alle zu ihm ins „Heerlager“ kamen, wo er ihnen die Beichte abnahm) – diese seltenen Ausfahrten hatten immer ein eindeutiges Ziel: etwas zu verkünden, eine Sitzung zu „zelebrieren“, ein Bündnis zu schließen, eine Gruppe zu gründen; kurz, – eine „Messe“ zu halten; aber wie gemütlich war es, gemeinsam in den „Turm“ heimzukehren; und dort, in der Freude über das geschlossene Bündnis, alles noch einmal darzustellen: wie Ivanov „zelebrierte“, wie ich vom „Seitenaltar intonierte“ usw.
Er war ein feuriger, erstaunlicher Gesprächspartner; ebenso scharfsichtig wie auch fähig, sich in seinen Gesprächspartner hineinzudenken und sich mit ihm zu identifizieren; jedem vermochte er aus ihm selbst heraus die Sinngehalte zu geben, die gerade ihm nötig waren; die Fähigkeit, sich in jeden vor ihm stehenden Menschen zu verwandeln, machte ihn zu einem Zauberer, beinahe zu einem Lehrer des Lebens; zu einem kompetenten „Mahre“ für einen Dichter; und zu einem „Meister“ für einen Gottsucher. Mit den Dichtern führte er Gespräche über den Päan; mit dem Gottsucher – über die Unbefleckte Empfängnis; beide Gesprächspartner hoben sich im Widerspruch auf: „Ivanov – hieß es – ist in erster Linie ein Lyriker.“ „Aber nein, erlauben Sie: er ist ein Theologe!“ Der Geistliche Agejev, der Ivanov aufsuchte, wußte nicht, was ein Päan war; und vom Gottsucher hatte ein Jurij Verchovskij nicht die geringste Ahnung; aber beide hörten auf Ivanov; und er frohlockte über die „Siege“!
Bei näherer Bekanntschaft wurde er fordernd, prüfend und führte seinen Partner in Versuchung; als „psychologischer Detektiv“ spießte er mich mehr als einmal auf; er machte einem das Leben schwer und weckte das Verantwortungsgefühl; viele haben Ivanov deshalb gehaßt, für diesen quälenden Aspekt; wer ihn aber noch näher kennenlernte, der war bestürzt über seine sachliche, gescheite Leichtigkeit, Anspruchslosigkeit und Ungezwungenheit. Ivanov, der mit der eigenen Weltanschauung die Menschen durchdrang und bis zur Aufdringlichkeit beharrlich war, verwandelte sich in den verträglichsten Menschen: im eigenen Milieu, in seinem „Turm“; erst nachdem ich im „Turm“ gewohnt habe, lernte ich ihn als gütigen, liebenswürdigen „Turmherrn“ kennen.
Wir haben zusammen schwere Zeiten durchgemacht; unsere Wege waren identisch in dem Bestreben, eine religiösmoralische Front zu schaffen und in ihrem Zentrum das Licht des Lebens zu entzünden; Minclova, die damals in Petersburg wohnte, – unterstützte uns leidenschaftlich; aber alles, was sie in meinen Augen zu einer wirklichen Gestalterin unserer Hoffnungen machte, wurde fragwürdig; um diese Zeit war Minclova ein bis zum Äußersten verwirrtes (ein völlig krankes) Wesen; sie hatte Halluzinationen; einmal erging sie sich in feierlichen Prophezeiungen, ein anderes Mal zitterte sie vor Verfolgung (durch dunkle Kräfte, dunkle Persönlichkeiten); die Mythen vermischten sich bei ihr mit der Tageswirklichkeit; zwischen ihr und Ivanov kam es zu schweren Auseinandersetzungen; einmal war ich Zeuge einer solchen Szene, die bedrückende Ratlosigkeit hinterließ; aber in den Gesprächen mit Ivanov wuchs unsere Nähe: in dem gleichen Verständnis religiös-philosophischer Aufgaben; und deshalb – im gleichen Verständnis des Symbolismus; in Skorpion und in Ory trennte man sich (Moskau-Petersburg): im Musaget trafen wir uns wieder. Emilij Medtner besuchte den „Turm“ und nahm an vielen Gesprächen teil, die Ivanov bestimmten, dem Musaget beizutreten; auf der anderen Seite: Ivanov selbst, der sich zu Blok bekannte und in die Details unserer bedauerlichen Entzweiung eingeweiht war, bemühte sich ständig, mich mit Blok auszusöhnen; bei Blok hatte er damit Erfolg gehabt: ein geistiger Bund von uns dreien (Symbolisten) wurde ins Auge gefaßt: ich, Blok, Ivanov; die „Polemik“ wurde eingestellt.
Die Vesy gab es nicht mehr.
Dennoch kam es nicht zu einer Begegnung mit Blok; in einer unangenehmen Sache trat er mutig für mich ein; ich war ihm dankbar. Die friedenstiftende Wirkung Ivanovs auf mich und auf Blok bewährte sich nach meiner Abreise; im April 1910 hielt Blok in der Gesellschaft der Förderer des künstlerischen Wortes einen Vortrag „Über den Symbolismus“; ich freute mich über diesen Vortrag; ich fühlte: es war an der Zeit, den Streit beizulegen.
Damals traf ich Blok nur einmal: bei der Gedächtnisfeier für die Komissarshevskaja, mit der ich mich im Herbst 1909 sehr angefreundet hatte (wie mir schien, für lange; aber ungefähr eineinhalb Monate später war sie tot); wir trafen uns im Künstlerzimmer: ich, Tschulkov und Blok; Tschulkov grüßten wir beide nicht; und wir drei gingen im Zimmer in verschiedenen Richtungen auf und ab, bemüht, einander nicht anzusehen.
In diesen Tagen hielt ich meine Vorträge in der Gesellschaft der Förderer des künstlerischen Wortes; die Vorträge fanden im Redaktionsgebäude des Apollon statt, an der Mojka: unter dem Vorsitz von S.K. Makovskij; nach den Vorträgen fanden Diskussionen statt; die Teilnehmer waren: Prof. E.A. Anitschkov, Prof. S.A. Wengerov, V.I. Ivanov, V.A. Tschudovskij, S.K. KuzminKaravajev, Makovskij und, wie ich glaube, Gumiljov; ich sprach über den Rhythmus. Außerdem hielt ich einen Vortrag über die Dramen von Ibsen in Soljanyj-Gorodok; und einen anderen in der Religionsphilosophischen Gesellschaft (das Thema weiß ich nicht mehr).
Der Frühling kam: es taute…
In den letzten Tagen meines Petersburger Aufenthalts wuchs in Ivanov und mir der Gedanke: zusammen nach Moskau zu fahren und seinen Beitritt zum Musaget zu feiern: im Musaget. An einem regennassen Tag fuhren wir ab – und am nächsten Tag nahm Moskau uns in Besitz. Ivanov wohnte in der Redaktion des Musaget; er empfing Besuche und machte sich mit dem Kreis unseres Musaget näher bekannt. Die Reihe der Pilger zu dem Gast des Musaget riß nicht ab; er hatte gerade sein „Rosarium“ abgeschlossen und übersetzte die Hymnen an die Nacht von Novalis, die bei Musaget erscheinen sollten (leider kam es nicht dazu: Ivanov machte sich nicht die Mühe, die Übersetzungen zu überarbeiten); der Musaget gab einen Empfang. Ivanov las an diesem Abend seine Übersetzungen; man feierte ihn im Praga; bei mir, bei K.P. Christoforova; Ellis söhnte sich damals mit Ivanov aus.
Der Frühling bekam seine Farbe durch den Briefwechsel mit A.A. Turgenjeva, die aus Belgien zu ihrer Mutter, S.K. Kampioni, die mit ihrem Mann bei Luck, im Dorf Bogoljuby wohnte, zurückgekehrt war. Um den Musaget konstituierte sich ein Kreis zum Studium des Rhythmus; dieser Kreis sollte unter meiner Führung arbeiten; er entstand durch die Initiative von drei sich für die Poesie begeisternden Jünglingen, die bei mir im Musaget auftauchten: V. Schenrok, A.A. Sidorov (heute Professor) und S.N. Durylin (heute Geistlicher); diese jungen Männer waren die Hauptstützen in dem Arbeitskreis für Rhythmus. Aus der Zahl der anderen Teilnehmer erinnere ich mich an Sergej Bobrov, Tschebotarevskaja (eine Schwester von A.N. Tschebotarevskaja), Nilender, V.O. Stankjevitsch, P.N. Zajcev und eine Reihe anderer Personen; einmal tauchte der junge Dichter Pasternak auf; der Arbeitskreis bestand aus etwa 15 Personen. Ich verteilte Themen zur Beschreibung des russischen fünffüßigen Jambus. In jenen Tagen erschienen meine Bücher: Symbolismus und Die silberne Taube. Einen Teil des Sommers verbrachte ich in Demjanovo, dem Gut von V.I. Tanejev (bei Klin), über intensiven Rhythmusstudien und über dem Artikel „Die Krisis des Bewußtseins und Ibsen“. Ende Juni reiste ich auf Einladung von A.A. Turgenjeva und S.N. Kampioni nach Luck, vielmehr nach Bogoljuby, von wo der Briefwechsel mit Blok nach zweieinhalb Jahren wieder aufgenommen wurde.
Und das war der Auftakt zur dritten Begegnung. 

(…)

Andrej Belyj: Im Zeichen der Morgenröte. Erinnerungen an Aleksandr Blok, Übersetzung Swetlana Geier, Zbinden Verlag, 1974

 

Werner Helwig: Ein Mystiker der russischen Revolution. Zu Alexander Block, Merkur, Heft 366, November 1978

Oleg Jurjew: Das Lächeln von Alexander Block

 

 

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Fritz Mierau: Ein biographisches Interview (Auszüge aus ca. 17 Stunden Videomaterial, 2006/2007) von Dietmar Hochmuth.

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