Alexander Xaver Gwerder: Blauer Eisenhut

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Alexander Xaver Gwerder: Blauer Eisenhut

Gwerder-Blauer Eisenhut

VALSE TRISTE

Die Sonne, hochgelobt in Wolkenwürfen,
sie ruft den Schatten auch –: Melancholie;
die Einzige, mit der wir schlafen dürfen,
wenn uns der Tag entfloh, der nicht verzieh –

Uns schlägt der Stern dann und die Fabel
vom längst Verlornen, das uns jäh verließ –
So schlägt der späten Stunde Adlerschnabel:
Nur Ethik, Leere –, selbst das Paradies!

Wir wandern weiter, wandern aus in Öden,
in denen alles Frage wird zuletzt –
Als Maskenträger, Spieler, nur, Tragöden
umgibt der letzte Schatten uns schon jetzt.

 

 

 

Ein junger Schweizer Lyriker

Alexander Xaver Gwerder, in Zürich lebend, fiel vor allem durch seine Veröffentlichungen in der TAT, als eine Begabung, ein Talent, von überraschender Eigenart auf. Nun hat er zur Jahreswende 1951/52 mit einem schmalen Band Gedichte debütiert, der, sorgfältig ausgewählt, einen sehr präzisen Eindruck von Gwerders Lyrik vermittelt. Mit dieser Auswahl hat sich der in rascher, ja, stürmischer Entwicklung befindliche junge Dichter zu der kleinen Zahl jener gesellt, die die Fähigkeit haben, Aufmerksamkeit und Zustimmung zu erregen, deren künstlerische Redlichkeit, wie sie sich von Gedicht zu Gedicht zeigt, den Freund des Gedichts gewinnt. – Aber Gwerder erreicht mit seinen Gedichten mehr als das Geneigtsein der Liebhaber moderner Lyrik: die Konsequenz, mit der von ihm – Schritt für Schritt – ein ganz bestimmtes poetisches Gelände sich erobert wird, die echte, die reine Leidenschaft, die ihn je und je um die Wortsubstanz bemüht sieht, um das vom literarischen Jargon gereinigte, in seinen überraschenden Möglichkeiten und Tiefen aufgesuchte Wort, schaffen hier schöne Nachhaltigkeit der dichterischen Aussage.
Natürlich ist zu erkennen, einen wie starken Eindruck auf Gwerder Gottfried Benn gemacht hat. Sein rauschhaftes Assoziieren, überhaupt das „Gefälle“ seiner Sprache, die Fügung von Reim und Rhythmik etwa, ist wieder zu erkennen. Wesentlicher scheint mir indessen, daß hier eine bemerkenswert sichere Begabung ein literarisches Erlebnis umsetzt in Verse, die sich vom Vorbild nicht haben verschlingen lassen, sondern ihr eigenes Leben behaupten, die von zugleich stürmischer Aussagemächtigkeit und zarter Spiritualität sind, die die Fähigkeit haben, Traum, Erfahrung und Widerfahrung des Traumes, Laut werden zu lassen, und zwar ganz direkt, ohne Umweg. Es entstehen Gebilde, die keineswegs wie Schnittmuster gewisser surrealistischer Praktiken vielmehr wie Geschöpfe purer Poesie wirken, wie Figuren und Zeichen des poetischen Sinns schlechthin, die zu Kristallen, zu luftigen Körpern zusammenschießen. Ich denke an eine ganze Reihe von Stücken des kleinen Bandes wie etwa „Tag“, „Antike Vase“, „Verdämmern“, „Nachtbalkone“, „Mondwolke“.
Der Reim, der von Gwerder sicher und wie überlegen gehandhabt wird, wird bei ihm nie zufällig aufgelesenes Mittel, ist kein Ingrediens der Stimmung, der Impression, sondern hat eine zuweilen schneidend fühlbare Notwendigkeit, angenommen, ist ganz „eingepaßt“ dem Ablauf des einzelnen Gedichts, aus dem er an keiner Stelle herauszubrechen ist. Das Gedicht ist bei Gwerder alles in einem: gepreßte Alge, Fabelwesen, Chimäre, Unikum und selbstverständlicher Vorgang dichterischer Aeußerung. Man darf gespannt sein auf die weitere Entwicklung eines Mannes, dem ganz offenbar eine wirkliche Begabung anvertraut ist.

Karl Krolow, Die Tat, 29.12.1951

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Wolfgang Bächler: Blätter für Graphik und Dichtung. Alexander Xaver Gwerder und Rudolf Scharpf: Die Begegnung
Neue Literarische Welt, 10.2.1952

Karl Schwedhelm: Steigendes Interesse an der Lyrik
Deutsche Zeitung, 10.5.1952

K.F. Ertel: Junge Lyrik
Neue Literarische Welt, 25.5.1952

 

Der Individualanarchist Alexander Xaver Gwerder

Der aus der Innerschweiz stammende Alexander Xaver Gwerder ist nach seinem Freitod (1952 in Arles) zum Inbegriff des tragischen jungen Schweizer Autors geworden, zum „tragischen Held der jungen Dichtergeneration“ (Heinz Weder). Nach der Publikation der Nachlaß-Bücher Maschenriß (1957) und Land über Dächer (1959) galt Gwerder auch als die Personifikation des „zornigen jungen Mannes“ in der Schweizer Literatur nach 1945. Heute repräsentiert er die junge, die moderne schweizerische Lyrik der frühen fünfziger Jahre. Die Mutmaßungen über seine Identität und seinen frühen Tod verliehen ihm nach und nach ein fast legendäres Ansehen.
Über seine Existenz teilte er im Sommer 1951 seiner Basler Brieffreundin Erica Maria Dürrenberger mit:

Geboren 1923 in Thalwil. Volksschule in Wädenswil und Rüschlikon. Berufslehre wider Willen in Zürich (Offsetkopist). R.S. in Kloten (der große Schock meines Lebens), dann wohnhaft in Riehen b. Basel, verheiratet mit der Sekr. eines Rechtsanwaltes, 1945 nach Zürich. Zwei Kinder. Der Herr Sohn geht seit Frühjahr zur Schule.
Auslandreisen: Süddeutschland. Erste schauerliche Verse 1935–1940 kitschige Liebesgedichte – ab 1943 bewußt gearbeitet. Erste Veröffentlichung Juli 1949 (
Tat). Vor kurzem in Landau (Rheinpfalz) erschien ein Heft signaturen, blätter für grafik und dichtung, das ich zusammen mit dem süddeutschen Maler Rudolf Scharpf belegte. Vermutlich noch in diesem Jahr sollen etwa 30 Gedichte im Magnus Verlag herauskommen. Oktober oder November wird die Neue Schweizer Rundschau zwei, drei abdrucken.

Zu seinen Lebzeiten riß sich kein Verleger und kein Feuilletonredaktor um seine Arbeiten. Das ist nicht verwunderlich. Denn Gwerder tat herzlich wenig für sein gesellschaftliches und künstlerisches Prestige. Er haßte die Schweiz, das „Land der Vetteln und Vettern“. Er lieferte zahllose Abrechnungen mit den Repräsentanten des Staates, des Militärs, des Literaturbetriebs:

Wollen wir indessen klar und ohne Umschweife mit ,Pflicht‘ und ,Notwendigkeit‘ und dem ganzen Bramarbas der Pfahlbürger hören, wie es wirklich mit und um uns steht – ich meine mit und um uns als Menschen, nicht als Nation –, so finden wir hierzulande mehr Steine als Brot, will sagen: mehr Schrebergartengeflüster, garniert mit Vergißmeinnicht, als Mut zum eigenen und somit ehrlichen Ausdruck.

In unseren Tagen mögen Gwerders Tiraden gegen die helvetische „Feierabendflöterei“ recht harmlos anmuten. Zu Beginn der fünfziger Jahre war seine Kritik an Staat und Gesellschaft aber von einzigartiger Intensität und Konsequenz. Gwerder ist die Verkörperung des von Karl Schmid beschriebenen „Unbehagens im Kleinstaat“ und des an der von Paul Nizon beschworenen schweizerischen „Enge“ verzweifelten Künstlers. Diese Enge hatte sich in den Kriegsjahren, unmittelbar nach 1945 und schließlich in der Zeit des Kalten Krieges verdichtet. Ein eigenbrötlerischer und stachliger Autor wie Gwerder lebte gerade in diesen Jahren in einer heillosen Absorption.
Die Voraussetzungen, unter denen er existierte und arbeitete erinnern an die Lebens- und Arbeitsbedingungen, denen sein verehrter Zürcher Landsmann Albin Zollinger (1895–1941) unterstand. Zollinger hatte das Gefühl, „in Watte zu sprechen“. Auch Gwerder kannte diese Situation. Die Hektik, mit der er sich darum bemühte, zur Kenntnis genommen und akzeptiert zu werden, verhinderte jede sprachliche Vollendung, jede formale Rundheit. Diese Tatsache vollends verbindet ihn mit Albin Zollinger, dessen Prosabücher man nachgerade als Meisterwerke „unvollkommener“ Literatur bezeichnen könnte. Man mag sich bei der Lektüre von Zollingers und Gwerders Arbeiten bisweilen bei der müssigen Frage ertappen, was aus diesen genialischen Typen geworden wäre, wenn sie unter „ruhigeren“ Vorzeichen hätten arbeiten können…
In diesem Zusammenhang präzisiert Max Frisch, daß „Albin Zollinger, der Schweizer, durch eine geschichtliche Situation um seine schöpferische Entfaltung, die Voraussetzung eines frühen oder späten Ruhmes, beraubt worden“ sei. In seinem „Nachruf auf Albin Zollinger, den Dichter und Landsmann, nach zwanzig Jahren“ schreibt Frisch:

Albin Zollinger erscheint uns als ein Opfer. Sein Talent und sein Temperament, versetzt meine andere Zeit, würden andere Werke hervorbringen, ich glaube, ruhmfähige. Das ist eine schmerzliche Einsicht und es wäre verkehrt, die Schweiz dafür anzuklagen; wie es anderseits verkehrt wäre, den Mangel nur bei Zollinger zu sehen. Vielleicht lieben wir ihn nicht zuletzt darum, weil wir seinen Mangel als familiär empfinden. Die schweizerische Literatur (ich meine den Beitrag zur Literatur, der von schweizerischen Staatsbürgern stammt) aus dem Provinzialismus herauszuführen, war Albin Zollinger nicht vergönnt. Das ist die Tatsache, mit der wir uns abzufinden haben. Die Schweiz befand sich im Zustand der sogenannten ,geistigen Landesverteidigung‘. Gefragt war nicht der Dichter, sondern der Schweizerdichter (so geschrieben) und somit etwas, was es nicht geben kann. Zollinger wehrte sich dagegen; aber die geschichtliche Situation, gegen die er sich zu wehren hatte, prägte auch ihn. Vielleicht muß man selber geschrieben haben, um an Hand damaliger Texte zu erkennen, wie unfrei uns der notwendige Kampf um die Freiheit machte. Das ist erschreckend. Angewiesen auf eine Leserschaft, die nur auf Dichtung erpicht war, soweit sie der geistigen Landesverteidigung diente, ein freundlicher Verleger mit beschränkter Wirkungsmöglichkeit, zwei oder drei treue Freunde, die in die gleichen Verhältnisse verstrickt waren wie er, ein paar junge Verehrer, die zwar die Kraft seiner Begabung sahen, aber auch keine Welt heranbrachten, und dazu die bürgerliche Presse, die ihn auf die Würde der ,reinen‘ Dichtung verwies… Ich spreche nicht gegen die geistige Landesverteidigung jener Jahre; sie war unumgänglich. Aber wir müssen uns an die Wirklichkeit erinnern, nicht nur um Albin Zollinger gerecht zu werden, sollte er uns heute enttäuschen, sondern um den Wert zu erkennen, den sein Werk, wenigstens für uns, hat; es ist ein Schweizerspiegel… Albin Zollinger war in der Lage eines Emigranten, ohne aber einer zu sein; die Emigranten hatten ein andres Hinterland, wenn auch zur Zeit ein verlorenes, Berlin oder Wien oder Prag, die Schweiz war für sie nur eine Station, nicht ein Maßstab. Albin Zollinger hatte kein anderes Hinterland als das Land, wo er lebte, und dieses erwies sich als zu klein, um ein produktiver Raum zu sein in sich selbst, zu lange schon geschichtslos, um ein wirkliches Abbild der Welt zu liefern. Albin Zollinger lesend nach zwanzig Jahren, von heute aus, wo auch die Schweiz durch die offenen Grenzen wieder etwas anderes ist, können wir uns des schmerzlichen Eindrucks nicht erwehren: Er hat sich kleiner gemacht, um eine Umwelt zu haben, die Umwelt, die damals als einzige zur Verfügung stand. Seine schöne Wildheit, da sie nicht auf Welthaltiges stößt; sondern auf eine Aussparung der Geschichte, wird skurril; seine Leidenschaft deformiert sich auf Lokales, und er versucht, um durch Vision zu entkommen, aus dem Bachtel einen Vesuv zu machen. Ein Dörflein namens Pfyn (ad fines) muß ihm das römische Weltreich einbringen.

Ich habe diesen Abschnitt aus Max Frischs Nachruf zitiert, weil er wesentliche Hinweise auch auf den Standort Alexander Xaver Gwerders enthält. Ein Nachruf auf Alexander Xaver Gwerder „nach zwanzig Jahren“ könnte einen ähnlichen Wortlaut haben wie Frischs Nachruf auf Zollinger. Zollingers Situation im Zürich des Jahres 1940 unterscheidet sich kaum von Gwerders Situation im Zürich des Jahres 1950. Auch Gwerder wurde aus politischen, aus geschichtlichen Gründen um seine schöpferische Entfaltung gebracht. Auch die Mängel in Gwerders Gedichten und Prosastücken empfinden wir beinahe als „familiär“, als exemplarisch. Die Spekulationen darüber, ob Gwerder, „versetzt in eine andere Zeit“, andere Werke hervorgebracht hätte, scheinen mir müssig zu sein. Ob er „in einer anderen Zeit“ überhaupt geschrieben hätte? Ist ein so überschäumendes politisches Temperament wie Gwerder als gesitteter Verfasser „ruhmfähiger“ Bücher denkbar?
Auch Gwerder ist es nicht gelungen, die schweizerische Literatur aus dem Provinzialismus herauszuführen. Seine Versuche, aus der helvetischen Enge auszubrechen, scheiterten an seiner menschlichen und poetischen Unkonzilianz, an seiner fast krankhaften Subjektivität. Seine verbissenen Ausbruchsversuche bewirkten letztlich, daß er sich immer tiefer im Provinzialismus verstrickte. Seine Fluchtpläne nahmen immer radikalere Konturen an. Wie Albin Zollinger war auch Alexander Xaver Gwerder „in der Lage eines Emigranten, ohne aber einer zu sein“. Er suchte nach einem anderen „Hinterland“, wollte nach Südamerika oder in die van Goghsche Provence auswandern. Das Verantwortungsgefühl seiner Familie gegenüber aber behielt stets die Oberhand. (Seine einzige größere Reise war die Reise nach Arles, die er einen Tag vor seinem Tod antrat.) Er lebte mit Post- und Ansichtskarten aus fernen Ländern zusammen. Seine Isolation erwähnt er in einem Brief vom Oktober 1951:

Ich bin so arm daran, daß mir nichts anderes übrigbleibt, als im Michelin-Führer… bei Worten zu verweilen, die mit jener Gegend [Provence] geladen sind.

Er faßte Besuche bei seinen deutschen Brieffreunden ins Auge – bei Karl Krolow, bei Heinz-Winfried Sabais, Oda Schaefer, Rudolf Scharpf und K.F. Ertel. Seine finanzielle Not vereitelte alle seine Pläne. Gwerder freilich schob die Schuld am Scheitern seiner Vorhaben immer der „Fallenstellerin Helvetia“ zu. Im Grunde versuchte er aber auch allen Begegnungen, die „selten oder imaginär“ waren, aus dem Weg zu gehen. Die meisten Konfrontationen mit verehrten Menschen und Idealen waren für ihn enttäuschend, ernüchternd. Eigentlich bin ich nur ein verhinderter Durchbrenner, ein Rimbaud dritter Güte“, klagt er im November 1951.

Da schneien einem die Götter Gelegenheiten ins Haar –, und man setzt sich säuberlich in die Ofenecke, bis alle zu ungesalzenen Tränen schmelzen. Meine Sehnsucht galt immer der Abwesenheit eines Ideals, in Entfernungen, die ich nicht kannte und daher meistens überschätzte.

Er ist sich bewußt, daß er „eigentlich nie ganz in der Realität lebte“; und stets wieder überfällt ihn die Vermutung, „diese unsere Wirklichkeit sei gar nicht wirklich“. Im September 1951 schrieb er an Erica Maria Dürrenberger:

Kurz: hinter allen Dingen, Ereignissen steht ständig ein Spiegel, der aber nicht ihre Kehrseite, sondern ein gleichwertiges, ganz anderes Ding oder Ereignis enthält – und mir zuwirft…

Er kommt sich „etwa vor wie ein Verbannter – in was für aschgraue Gefilde – ohne indessen am Ursprungsland Zweifel zu hegen“.
In diesen Geständnissen spiegelt sich sein heilloses Mißverhältnis zum normierten Alltag, zur „dunklen Grube blinder Tagwerkerei“, zur eigenen Identität wider. Um das Zerwürfnis mit seiner Umgebung ertragen zu können, flüchtete sich Gwerder immer wieder ins „Vorland des Jenseits“, nach „Kimmerien oder Lemurien, wo Larven, Nebel, still wehender Schnee die einzige Wirklichkeit sind“ (R.J. Humm). Wie Albin Zollinger versucht er „durch Vision zu entkommen“. Der Gaurisankar, die Beteigeuze oder das „versunkene, ertrunkene, betrunkene, ja besoffene“ Atlantis waren für ihn Inbegriffe jenseitiger Wirklichkeit. In seinen „hellsten Stunden“ ist er gewiß, ein „Bruchstück eines reineren Einst“ zu sein. Er ist „froh, hin und wieder zu fliegen“. So berichtet er im Prosastück „Tag und Traum“:

Aber die Kräfte, die ich über den Weg meiner Gefühle zu Hilfe rief, um den Blick vorzutreiben ins Unendliche, waren stärker als jene des Verstandes. Und so geschah es, daß ich, von den Wellen meiner Sehnsucht getragen, Gesicht zu Gesicht vor den Orion zu schweben kam und mich in seine liebliche Sonne, den Schulterstern, verliebte. Worüber – ich erinnere mich genau – der neckische Schwarm der Plejaden kicherte und lachte; auch ein Kentaur wieherte irgendwo in blauen Nebelwäldern, und hinter der nahen Insel brummte vergnügt der Große Bär. Mein Schicksal wollte es jedoch, daß ich mich damit nicht zufrieden geben konnte: Es wehte plötzlich kühl von Sonnenaufgang her – der Seespiegel zog sich in tausend krause Fältchen, die Sterne flogen alle auf – und den Blick erhebend, gewahrte ich sie wieder an den Enden ihrer Strahlen stehend, unbeweglich fern und fremd. Die Enttäuschung war groß, und deutlich spürte ich die gewaltsame Wirklichkeit der Materie…

Die Spannung zwischen einem wachen politischen Selbstverständnis und dem unablässigen Versuch, der „gewaltsamen Wirklichkeit der Materie“ zu entgehen, kennzeichnet das Schaffen Alexander Xaver Gwerders. Gwerder ist der neben Max Frisch resoluteste Identitätssucher in der schweizerischen Literatur nach 1945. Die Suche nach der eigenen Identität ist in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts beinahe zu einem Kennzeichen „schweizerischer“ Prosawerke geworden. Die Identitätsfrage bestimmt auch die Bücher jüngster Schweizer Autoren, die Erzählungen und Romane von Beat Brechbühl (Kneuß, 1970) oder Jürg Acklin (Alias, 1971).
„Was treiben wir eigentlich?“ Der simple Satz liegt allen Arbeiten Gwerders zugrunde. Nie zuvor wurde in der schweizerischen Literatur diese Urfrage mit einer so elementaren Naivität „verfolgt“ und ausgelotet wie in Gwerders Prosatexten und in seinem Kaffeehaustisch-Gespräch Maschenriß, in dem der Existenzzweifel in Selbstverleugnung mündet:

Er strich sich selber durch wie einen mißratenen Satz – gab sich eine Hieroglyphe – und lebte von nun an: nicht mehr zu entziffern!

Vor dieser Absage an die Außenwelt unternahm er zahllose Versuche, sich über die Grenzen seiner physischen, psychischen und geistigen Kräfte klar zu werden. Er manövrierte sich mit gewagter Folgerichtigkeit in furchterregende Grenzsituationen:

… es schnürt sich der ganze Körper zusammen wie ein hartes dumpfes Paket. Die verbleibende Wahrnehmungsfähigkeit muß mit einem scheinbar riesigen Willen erzwungen werden. Dann setzt ein alles erfüllendes Rauschen ein. An diesem Punkt, wo ich vermeine überspült und ausgelöscht zu werden, zwinge ich mich zu Bewegungen des Kopfes und des Kehlkopfes –, ich glaube aber, daß sich weder der Kopf noch die Stimme rührt – und konstatiere, gänzlich unbewußt(?), daß von einem Punkt aus, vermutlich dem Schwergewichtspunkt, blitzartig Funken nach jeder Stelle der Außenhaut zucken, um im darauffolgenden Intervall nach der Gegend des Halsansatzes zurückzublitzen (wie mit der Nachricht, es sei dort nichts mehr zu holen), worauf die Atemluft bedenklich gedrosselt wird. Gleichzeitig setzen anschwellende Sirenen in den Ohren ein. Das ist dann meistens das Äußerste dieses Schabernacks, denn dann ringt mir der vegetative Lebenswille, der sich bedroht fühlt, wer weiß?, mit ungeahnter Mächtigkeit jene Bewegungen des Kopfes und des Kehlkopfes ab, und ich erwache, spüre, wie alles nachläßt – mit seltsam aufgequollenem Hirn.

Bei der Lektüre seiner Briefe und seiner literarischen Arbeiten fällt auf, mit welcher Verbissenheit sich der schwerblütige Gwerder um poetische und persönliche Leichtigkeit bemühte. Seine Sympathie gilt unscheinbaren Natur- und Landschafts-Details. So setzt er sich mit der „Präzision des Möwenfluges“ auseinander, dem er „einen Augenblick Wirklichkeit, ein Stück Jetzt“ zu entnehmen hofft; ja er kann sich „immerhin vorstellen daß auch die Möwe sich als Mittelpunkt, als zentrales Wesen des Weltalls spürte und in diesem Sinne Anteil an vollkommeneren Empfindungen besäße, die sie damit weitergäbe an unbekannte Bewunderer, an uns“. Er konzentriert sich auf den „Rauch einer kurzen Viertelstunde, herrührend au dem so fruchtbaren Brande der Zigarette“.
In solchen „Nebensächlichkeiten“ offenbart sich ihm die „Sekunde des Schönen“ – komprimierte, rauschhafte „Realität“, Leichtigkeit. Doch gerade diese verdichtete „Wirklichkeit“ verunsichert und verängstigt ihn zusehends. In meinem Aufsatz über Jakob Schaffner habe ich schon feststellen können, daß die begabtesten Schweizer Autoren unseres Jahrhunderts fast ausnahmslos Detaillisten sind. Vollends Alexander Xaver Gwerder zählt zur Kategorie der literarischen Kleinmaler. Allein das unter ein Vergrößerungsglas gehaltene Detail, der Ausschnitt scheint ihn zu interessieren. So findet sich in seinem Werk ein Prosastück, die Skizze „Bitterer Ausschnitt“, die man als Ausgangspunkt für die neuere „Detail-Literatur“ in der Schweiz deuten könnte. Dieser Essay enthält vielleicht die wesentlichsten Hinweise auf die Eigenart der engen Gwerderschen Welt und auf den Standort des ausbruchssüchtigen Träumers Gwerder, der sich auf „Beiläufiges“, auf „Alltägliches“ spezialisiert. Dieses „Beiläufige“ und „Alltägliche“ betrachtet er durch ein Fernglas; in der Vergrößerung erhält es faxenhaft-erschreckende Züge:

Ich schaue hinein. Ausschnitt. Klar, es muß ein Ausschnitt sein; wenn ich mehr erwarte, bin ich selber schuld an der Enttäuschung. Also, Ausschnitt: Wiesenweg, ein Obstbaum, kein Haus, zwei Männer mit Spazierstöcken, von links einer, von rechts einer, ziehen einander zu. Noch fehlen zwei Meter, da zieht jeder seinen Hut, hält ihn ausschwingend vor sich hin und zurück auf den Kopf. Zum Glück, einer nickt noch! Scheint der Untergebene zu sein. Es wäre sonst zu symmetrisch und reicht so schon aus, um das Marionette der spazierenden Bürgerlichkeit wie etwas Totes durch das Auge eindringen zu spüren. Weiter!

In Robert Musils Erzählung „Triëdere“ (1936) steht eine Passage, die man als Kommentar zu Gwerders Beobachtungsweise heranziehen könnte:

Man sieht die Dinge immer mitsamt ihrer Umgebung und hält sie gewohnheitsmäßig für das, was sie darin bedeuten. Treten sie aber einmal heraus, so sind sie unverständlich und schrecklich, wie es der erste Tag nach der Weltschöpfung gewesen sein mag, ehe sich die Erscheinungen aneinander und an uns gewöhnt hatten. So wird auch in der glashellen Einsamkeit alles deutlicher und größer, aber vor allem wird es ursprünglicher und dämonischer. Ein Hut, der eine männliche Gestalt nach schöner Sitte krönt, eins mit dem Ganzen des Mannes von Welt und Macht, durchaus ein nervöses Gebilde, ein Körper-, ja sogar ein Seelenteil, entartet augenblicklich zu etwas Wahnsinn-ähnlichem, wenn das Triëder seine romantischen Beziehungen zur Umwelt unterbindet und die richtigen optischen herstellt… Und wie beängstigend wird das Zähnefletschen der Liebenswürdigkeit und wie säuglingshaft komisch der Zorn, wenn sie sich, von ihrer Wirkung getrennt, hinter der Sperre des Glases befinden!

Wie dieses Zeugnis belegt, kann man Gwerders Naturschau gewiß nicht als „typisch schweizerisch“ interpretieren! In allen Literaturen gibt es Autoren, die sich ins Detail flüchten. Trotzdem hat Gwerders Detail-Hörigkeit einen spezifisch helvetischen Ausgangspunkt. Seinem Bekenntnis zum „Nebensächlichen“, ja zum Winzigen liegen zweifellos auch die von Paul Nizon (in „Diskurs in der Enge“, 1970) beklagten „Stoffschwierigkeiten“ in der modernen erzählenden Literatur unseres Landes zugrunde. Der „verknorzte“ Gwerder litt noch bitterer als seine Landsleute aus der ersten Jahrhunderthälfte unter „Stoffmangel“. Seine Arbeiten sind überzeugende Illustrationen zu Nizons Vermutung, daß sich „,Welt‘-Literatur im Sinne von ,zeitgenössischer‘ Literatur… aus schweizerischen Alltagsmaterialien…, aus schweizerischen Schicksalen und Figuren und in schweizerischem Milieu nur sehr schwer verfertigen“ lasse. Wie Zollinger oder Hohl verkrampfte und verkrümelte sich Gwerder mehr und mehr in seinem Detail-Labyrinth. Gwerders Leidenschaft deformierte sich wie Zollingers Leidenschaft „auf Lokales“ (Frisch). Auch Gwerder versucht aus einem harmlosen Hügelchen „einen Vesuv zu machen“. Der Mangel an „welthaltigem“ Stoff bewirkte, daß sich sein Talent nicht austoben konnte.
Sein ganzes Schaffen, ja sein ganzes Leben war darauf ausgerichtet, die durch diesen Stoffmangel verdichtete Isolation zu sprengen. Im September 1951 fragte er sich allen Ernstes, „ob es (in rein expressiver Hinsicht) nicht besser wäre, man konsumierte Spritzen oder rauchte Marihuana-Zigaretten –: Resultat: ein Bündel Gedichte, die sich sehen lassen könnten – und dann: Abmarsch in die Gefilde der Seligen!“ Er fügt unverzüglich hinzu:

Nun, auf so was meldet sich ja immer wieder der Spießer, besorgt um den Bauch, um das Renommee, und zudem ist es üblich, daß man mit einigem Anstand stirbt. Vielleicht auch ein Grund, warum Meisterwerke so selten sind.

Nun, Alexander Xaver Gwerder hat auch ohne Spritzen- und Marihuana-Konsum „ein Bündel Gedichte“ geschrieben, „die sich sehen lassen“ können! Ich vermerkte schon, daß er heute als der wichtigste Repräsentant schweizerischer Lyrik in den frühen fünfziger Jahren gilt. Gwerder ist in der Tat der erste moderne Schweizer Poet nach 1945. Bei der Lektüre seiner expressiven Verse muß man freilich einräumen, wie unselbständig er sich vom heutigen Standpunkt aus innerhalb der deutschen Nachkriegs-Lyrik auszunehmen scheint. Der Fall „Gwerder“ scheint den Eindruck zu bestätigen, daß die schweizerische Lyrik der ersten Jahrhunderthälfte nur mit Hilfe von importierten schöpferischen Kräften zu existieren vermochte. Es ist ja kein Geheimnis, daß neben der neueren erzählenden Literatur der Schweiz auch die schweizerische Poesie nach C.F. Meyer nicht „ohne Weltanlehnung“ (Nizon) auskommt; sie war stets auf thematische und vor allem auf technische „Weltanleihen“ angewiesen. So scheinen vollends viele Gedichte in Gwerders Sammlung Blauer Eisenhut (1951) nach „unschweizerischen“, nach Gottfried Bennschen Rezepten konstruiert zu sein. Der Text „Herbstzeitlos“ etwa:

Unter Strahlen, unter Stunden
Spuren nur –, Bewältigung –
Beste Blüte, früh erfunden,
herbstzeitlos –: Erinnerung.

Was wir tun, wird nie verstanden,
was gelingt, ist nie erreicht –
Flüchtig dauern, fremdher stranden,
wasserschwer und aufgeweicht…

Kahle Lichtung, Laub im Winde,
jede Höhe Herbstlandschaft –
Segelnd unterm Zufall –, linde
Lösung –, lieblich zweifelhaft.

Atme –, ach, der Spiele Grenze,
solches Ungeahnt im Hirn –,
steige, falle –, deiner Tänze
Trunkenheit und Duft zu wirr’n.

Was wir tun, wird nie verstanden,
was gelingt, ist Traumgefild –
Später dann in Weihern landen,
sinken in ein Spiegelbild.

Nur wenige Literaturkritiker beachteten den in einem Zürcher Außenseiter-Verlag publizierten Erstling des 28jährigen Alexander Xaver Gwerder. (Wenn man von den im selben Jahr erschienenen Heften Begegnung und Monologe absieht, blieb der Blaue Eisenhut das einzige Buch, das zu seinen Lebzeiten erscheinen konnte.) Auf Interesse stieß die Sammlung erst im Zusammenhang mit der Veröffentlichung des ersten Nachlaß-Bandes Dämmerklee (1955). Vor seinem Tod erschien eine einzige nennenswerte Auseinandersetzung mit seinen Versen, eine Rezension Karl Krolows, die Gwerder als „das schönste Geschenk aller Weihnachten“ bezeichnete. Mit gutem Grund hält Krolow in dieser Besprechung („Ein junger Schweizer Lyriker“ in der Tat vom 29. Dezember 1951) fest:

Natürlich ist zu erkennen, einen wie starken Eindruck auf Gwerder Gottfried Benn gemacht hat. Sein rauschhaftes Assoziieren, überhaupt das ,Gefälle‘ seiner Sprache, die Fügung von Reim und Rhythmus etwa, ist wieder zu erkennen.

Aus vielen Briefen der letzten Wochen und Monate seines Lebens geht hervor, mit welcher Inbrunst Gwerder den Verfasser der Statischen Gedichte, der Ausdruckswelt und des Doppellebens verehrte, ja vergötterte. Man darf sich aber bei der Prüfung der Eisenhut-Gedichte nicht um die Tatsache herumdrücken, daß Gwerder das Werk Gottfried Benns erst zu einem Zeitpunkt kennenlernte, als er den Großteil seiner ersten Sammlung schon unter Dach hatte. Das ist vielleicht auf Anhieb kaum zu glauben, da Benns Einfluß gleichsam von Vers zu Vers deutlicher zutage zu treten scheint:

An Inseln spät das Treibgut her:
Tempelsäulenbilder –,
die gelben Schlachten, Mond im Meer,
Totes auf die Schilder!
Und blau ein Reis, ein Opferschwelen
raucht dir Träume zu…
Der Tauben Blut, zerschnitt’ne Kehlen,
Melancholie und du –

Gwerder schrieb solche Verse ohne Benns Schützenhilfe. Am 5. Mai 1951 erst konnte er seiner Brieffreundin Oda Schaefer mitteilen:

Sie schrieben mir einmal von Benn! Nun endlich, vor ca. 14 Tagen, fast durch Zufall, erreichte mich sein Werk! Tatsächlich: Der größte Lebende – man kann ihn gar nicht hoch genug einschätzen.

In Benns Arbeiten fühlt er sich mit einemmal bestätigt und „gerechtfertigt“. Er ahnte kaum, daß die fast zu enge Verwandtschaft mit dem Ptolemäer seinem Ansehen im Wege stehen könnte. Im Gegenteil. Er jubelte in seinem Brief an Oda Schaefer:

Was verachtet und für verrückt gehalten abseits lag… wird durch ihn legitimiert, und die brachen [sic] Explosionen dürfen sich in offen sichtlichen Bildern zur rücksichtslos eigenen Welt entfalten. Vor allem seine Prosawerke fundieren auf ganz neue Art unser Schwimmbassin – sie entheben uns nicht des Schwimmens, aber sie lassen uns am Grunde ebenso atmen und sein, wie mit dem Rüssel in der Menge… Sehen Sie, ohne Benn hätte ich nie gewagt, diese Verrücktheiten ans Licht zu ziehen.

Es ist begreiflich, daß Gwerders Verse fast automatisch stets an Benns Versen gemessen und von der literarischen Kritik als mehr oder weniger harmlose epigonale Errungenschaften taxiert wurden. Der kolossale poetische Modeschöpfer Benn stahl dem kleinen Schweizer die Schau. Der „abgeschlossen wie in einem Turm“ lebende und arbeitende Gwerder entdeckte aus eigener Kraft literarische Landstriche, die ein anderer Pionier schon vor Jahren entdeckt hatte. Am Beispiel Alexander Xaver Gwerder ließe sich „die für die Schweiz typische Stilverspätung“ (Fritz Schaub) auf bewegende Weise vor Augen führen. Damit ist nichts gegen den Nachzügler gesagt! Es wäre ungerecht, einem durchaus originären Talent wie Gwerder aus seiner Scheinabhängigkeit einen Strick zu drehen – einem so ursprünglichen Autor, der schon in seinen frühen Gedichten ein bemerkenswertes Formbewußtsein unter Beweis stellt:

Gewölbe, Schäfte, gotisch Kronen,
auf Gletschern wehrbar Samenspur –
Ans Meer mit Wurzeldepressionen,
halb und halb wie Kreatur –

Zentaurisch jenseits schon zu wohnen,
ohne Wagnis, Götterschwur…
Blieb da nicht ein tiefres Thronen,
als am Busen der Natur?

Stets von Tierangst rings umgangen,
– violett: Akonitin –,
träumerisch in dir gefangen

Drohung, Gegenwart –: so schien
keine Absicht je zu langen
noch zu brechen, noch zu fliehn.

Diese Formtreue verlor ihren Primat in seinen letzten Monaten und Jahren; sie trat in den Schatten seines politischen Engagements. In diesem Zusammenhang fällt auf, daß sich Benns Einfluß primär in gesellschaftspolitischer Hinsicht auswirkte. Die Begegnung mit dem saloppen Haderer Benn bestärkte Gwerder in seinem Zorn auf die „Fallenstellerin Helvetia“ – auf eine „so dubiose Einrichtung mit so fatalen Folgen wie ein Staat“. Die maßlose Wut entwickelte sich zum unheilvollen Haß gegen alle helvetischen Eigenheiten. So findet er beispielsweise Jodellieder „gräßlich obszön“; sie bringen ihn „bis zum physischen Brechreiz“:

Ich habe etwas gegen Bauerntölpelei und Ländlermusik, sowie Gejodel, Bodenständigkeit und Augustfeuer: Meine Vorfahren waren Bauern.

In seinen Briefen wimmelt es von Ausfällen gegen die Schweiz, die für ihn zum Inbegriff geistiger und moralischer Stagnation wird. Er konstatiert, daß die „sympathische Helvetia… allzu ahnungslos in ihrer Krankheit“ sei; er beobachtet, wie „einerseits mit Veilchen operiert wird und andererseits hinter der Fassade die Miststöcke des Neides den Hof verpesten, durch den die Stinktiere der Anpassung huschen“. Er kommt zum Schluß:

Sicher aber ist, daß bei uns vor allem den Bedürfnissen des Bauches gelebt wird; und um als Dichter leben zu können, müßte man sich zuerst aufhängen – dann ginge es vielleicht, sofern man Erspartes hätte, die Begräbniskosten zu bezahlen.

Und er erregt sich im Essay „Betrifft: Pfahlburg“, der bezeichnenderweise „den Landsleuten gewidmet“ ist:

Da etwas bis jetzt gegangen ist, bleibt nicht einzusehen, weshalb es nun anders werden sollte. Soit ! Die literarische Rechthaberei, das ängstlich und vorsorglich auf ihr eigenes Bohnenbeet bedachte Besserwissen der Arrivierten verursacht dieses Karussell, welches sich wohl immer dreht und zuweilen sogar frischlackierte Figuren erspähen läßt, das aber zur sterilen Tradition wurde, von Gnaden – eigentlich und seltsamerweise – der noch nicht Arrivierten. Denn würden sich die Jungen nicht mehr anpassen, bliebe die Kirchweih ziemlich plötzlich stehen.

Geistige und moralische Stagnation und sterile Tradition offenbaren sich ihm vor allem im Militär, im militärischen Alltag. „Um sich in unserer Zeit wohlzufühlen, muß man Ding oder Soldat sein“, schrieb er im Oktober 1951 aus einem militärischen Wiederholungskurs.

Dieser Krieg, den sie mit Militär aufzuhalten trachten, wird sie noch treffen (eine der wenigen Prophezeiungen, die ich wage).

Dem Militarismus und der verhaßten „Masse“ gelten letzten Endes denn alle jene Texte, die „verachtet und für verrückt gehalten abseits“ lagen und die er erst durch die Existenz von Gottfried Benns gesellschaftskritischen Artikeln legitimiert sah. Erst nach der Begegnung mit Benns Werk wagte er seine im Buch Land über Dächer (1959) gesammelten „verrückten Prosagedichte“ „ungescheut ans Licht“ zu „zerren“. Er erinnert sich an seinen ersten Kasernentag, an den „großen Schock“ seines Lebens:

Wir standen
im kahlen Vorhof der legitimen Schinderhütte, im Raum
jenseits des Lebens – vor dem ledernen Roulette
der Militärs.
Wer begriff je, daß in der Welt ,ewiger Werte‘,
wo von Kultur gespuckt, von Freiheit gefaselt und
von den süßen Giften des Herzens knien dieselben, die hier,
die höllische Geißel zu schwingen ,ins Auge uns faßten‘ –?
Abgeschätzt, sichere Zweihufer, geschoren auf zéro
millimètre, wie der oberste Wanst sich auszudrücken beliebte,
so
standen wir da, vor der Guillotine des Geistes,
den Koffer links in der Hand, um später
den Zivilisten nach Hause zu schicken – später,
wenn man eingestaucht wäre in beißende
Futterale des Vaterlandes… Oh die Gesetze
des Unsinns
zeigten an jenem Tag sich im vollen Wichs. Aber viele
glaubten, es sei eine Sache des Spiels: so viel Zucker
und Zauber war diesen im Alltag; andre hingegen
bekamen Heimweh nach einem Verbrechen, nach einem
blauen gedunsenen Bauch
ohne Uniform.

Ein rebellischer Geist wie Gwerder ist auf die Auseinandersetzung mit der attackierten Außenwelt angewiesen. Diese Auseinandersetzung aber blieb aus. Er sprach „in Watte“. Sein kritisches Bewußtsein litt unter der Echolosigkeit, die seinen durchaus diskussionswürdigen Kanonaden gegen die „besser ,gestellten‘ Figuren des gesellschaftlichen Schachspiels“ zuteil wurde. Der einzige Schweizer, an dem er sich „reiben“ konnte, war Erwin Jaeckle (vgl. Erwin Jaeckle: „… verurteilt zur Oberfläche des äußersten Außen / Die Wegspur Alexander Xaver Gwerders“ in Die Tat vom 9. März 1963). Gwerder wußte es zu schätzen, sich mit einem so angesehenen Politiker wie Jaeckle über politische und militärische Angelegenheiten herumzanken zu können:

Immerhin, in gewissen anderen Ländern würde man versteckt, hätte man derartige Korrespondenzen mit Regierungsmitgliedern.

Das „Volk der Tellen“ aber nahm sein Trommelfeuer gegen die „ruinöse Betriebsamkeit“ der „geistigen Schrebergärtner“ nicht zur Kenntnis. Sein Haß gegen die „helvetischen Schaum-Schlägern und gegen die „Bänkelsänger auf frommer Tour“ erschöpfte sich in originellen Kalauer-Beschimpfungen und in der Mitteilung:

Ich hoffe, mit all dem langsam zur Einsicht Gewordenen den Markt zu verlassen… Der Drang nach Öffentlichkeit ist nämlich allzubald befriedigt, und dann weiß man höchstens von einem Müllhaufen mehr.

Das Desinteresse, dem sich dieser Autor gegenübersah, erinnert an die Publikumstaubheit, an der Autoren wie Friedrich Glauser, Hans Morgenthaler, Albin Zollinger oder Ludwig Hohl scheiterten. Alexander Xaver Gwerder erscheint heute als der letzte „Ausläufer“ in der besonders von Robert Walser geprägten Linie der tragischen Widergänger in der schweizerischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Zugleich ist Gwerder der erste Vertreter einer neuen literarischen Epoche, in deren Mittelpunkt heute weit „glücklichere“ Altersgenossen wie Friedrich Dürrenmatt, Walter Matthias Diggelmann, Kurt Marti, Rainer Brambach, Otto F. Walter oder Heinrich Wiesner stehen.
Die Mißachtung, auf die Gwerder in der Zeit des Kalten Krieges und der „koreanischen Gaunerei“ stieß, ist in unseren Tagen kaum mehr vorstellbar, kaum mehr nachvollziehbar. Kritische Schweizer Autoren werden freilich auch heute noch bisweilen nach Ludwig Erhards Muster als „Pinscher“, als „literarische Gartenzwerge“ (Walther Hofer), als „geistige Beatles“ (Bund-Chefredaktor Paul Schaffroth) etikettiert und abgetan. Alexander Xaver Gwerder aber war zu seinen Lebzeiten schlechthin nicht existent. Die Ignoranz der schweizerischen Leserschaft und vor allem auch der schweizerischen Literaturkritik erweist sich im Falle Gwerder als gewalttätig, ja (im wahrsten Sinne des Wortes) als mörderisch. Wie seine letzten – von Hans Rudolf Hilty 1955 unter dem Titel Dämmerklee aus dem Nachlaß herausgegebenen – Verse unterstreichen, wurde seine Identität durch die ihn mehr und mehr erdrückende Reserviertheit seiner Umgebung schließlich gleichsam ausgelöscht. In diesen letzten, in sprachlicher und formaler Hinsicht erstaunlich konventionellen Texten kommt er sich „wie schon gestorben“ vor. Dem „unter lauter Schatten“ gehenden Dichter „fehlen endlich die Worte“. Er spürt, „wie mich die Welt vergißt“. Seine bis zur letzten Konsequenz getriebene Absage an den Staat, an die „Bürgerlichkeit“ mündet in die Verse:

Aber wie sehr ich den Blick auch treibe,
ich komme mir selbst nicht mehr nach –

Dieter Fringeli: Dichter im Abseits. Schweizer Autoren von Glauser bis Hohl, Artemis Verlag, 1974

 

Fakten und Vermutungen zum Autor

Nachrufe auf Alexander Xaver Gwerder:

Wolfgang Bächler: Wir haben einen Freund verloren
Die Literatur, 15.10.1952

K.F. Ertel: Wer kümmert sich um den Nachlass?
Neue Literarische Welt, 25.11.1952

 

Alexander Xaver Gwerder 4 Movie1 Full.

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