Alfred Kittner: Gedichte

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Alfred Kittner: Gedichte

Kittner-Gedichte

STUMME ANTWORT

Ich frage mich, ich frage dich,
doch die Antwort kommt von wo anders her,
und ich verstehe die Rede so schwer,
ich kann so schwer dieses Wort verstehn
vom Heimwärtsgehn :
es rauscht wie das Meer
zu nächtiger Stunde,
es raunt wie die Erde
mit schwarzem Munde,
es ängstet so schwer, es lockt so sehr,
es ist die alte vergessene Mär,
die alte vergessene Kunde,
die alte verhehlte vergessene Wunde.

Vergessene Väter stehn um mich her,
sie stehn um mich her mit Rätselgesicht,
sie sprechen gewiss ein stummes Gericht,
ich frage sie, ich frage dich,
ich frage mich, ich frag in die Runde.
Die Antwort bleibt aus,
ich gehe nach Haus,
ich tret aus den Schuhn,
will ruhen, ruhn ;
die Stummen stehn alle im Bunde.

Die Stimme wächst wie ein Schweigen dicht,
wie ein aus der Erde spriessendes Licht :
sie sagt mir, dass ich gesunde.

 

 

 

Geleitwort

Das Staunen, von jeher als Ursprung philosophischen Denkens betrachtet, ist zweifellos auch der Urquell poetischen Erlebens. Was besagt letzten Endes: mit den Augen des Dichters sehen, anderes als das staunende Verweilen vor den Dingen; diese nicht in ein besonderes, ein anders getöntes Licht getaucht zu erblicken, dank dessen sie die Beschaffenheit, „wunderbar“ zu sein, erlangen sollen, sondern in ihrer geheimnisvollen, unaussprechlichen, ewig neuen Existenz? Wie immer die Stimme auch klingen mag, in der sich das poetische Erleben ausdrückt, wenn jene Stimme nur die überzeugenden Töne findet, um es auf andere zu übertragen, ist Dichtung entstanden.
Als ein Dichter, der das Wunder der Existenz voll erlebt, ein Dichter, für den die lyrische Aussage Gesang geblieben ist, aus intimem Fühlen gespeist, selbst dann, wenn er über andere spricht oder über Dinge; als ein Dichter, der nicht das um jeden Preis Neue Erstmalige sucht, der das Experiment von sich weist, dem es hingegen gelingt, alte und ewig neue Motive in hergebrachte Rhythmen und Akkorde zu setzen, als ein solcher Dichter tritt uns Alfred Kittner entgegen. Mit anderen Worten: als ein authentischer Dichter. Authentisch dank der Echtheit des Gefühls sowie der Beherrschung des künstlerischen Handwerks, dem er sich gewissenhaft und hingebungsvoll widmed. Mit leichter, nahezu scheuer Feder lässt er seine Worte in zarte Klänge aufgehen, Klänge, denen es gegeben ist, aufs getreueste, aufrichtigste und mit rigoroser Genauigkeit die schwebenden Umrisse seiner Gemütsbewegungen nachzuzeichnen, und überträgt durch die Schwingungen seines Gesangs und durch die in Silben eingefangenen Modulationen seiner Stimme das melodische Auf und Ab einer inneren Musik ins Wort.
Die hervorstechendsten Vorzüge des Dichters Alfred Kittner scheinen uns Aufrichtigkeit, Verhaltenheit und Bescheidenheit. „Ein reiner und verhaltener Dichter“: so nennt ihn Alfred Margul-Sperber. „Jedes Abgleiten in die Phrase ist ihm fremd.“ Und aus eben diesem Grunde trifft auch Sperbers Behauptung zu: „Er sagt immer mehr, als er ausspricht.“ Dank dieser Schlichtheit und Unmittelbarkeit gewinnen seine Verse zuweilen einer pathetischen Einschlag, und diese Art Pathos ist die einzige, die er sich gestattet, da man bei ihm auch nicht die geringste Spur von hochtrabendem Wortschwall zu entdecken vermag. Die Klarheit und der leichte Fluss seiner Verse bezeugen die Richtigkeit der vom Dichter Wolf Aichelburg hervorgehobenen „unbedingten Gefühlsechtheit, die sich dennoch der Prüfung eines strengen künstlerischen Gewissens und einer unvergleichlichen künstlerischen Bildung unterwirft“. Auf die gleiche Verquickung von persönlichem Geständnischarakter mit der Verlegung von Bewusstseinsinhalten in überindividuelle Bereiche, in die vergegenständlichten Zonen des künstlerischen Ausdrucks, weist auch Oscar Walter Cisek hin (und es erscheint uns nicht ohne Bedeutung, dass die treffendsten Urteile und die wärmsten Würdigungen von Kittners Schaffen gerade von Dichtern herrühren): „Über allen Begebenheiten des Alltags und des Elends“, schreibt Oscar Walter Cisek, „prangt da eine masslose Himmelstiefe, die das Geständnishafte, die Konfession seiner Kunst überwölbt und ihr das Gepräge einer lauteren Unabhängigkeit verleiht.“
Diese allgemeinen Betrachtungen scheinen uns, mögen sie auch aus früherer Zeit stammen (nur jene Aichelburgs ist jüngeren Datums), auch für den vorliegenden Band berechtigt, der uns eine umfassende Auslese aus Kittners poetischem Gesamtschaffen bietet. Obgleich der Band auch eine Anzahl in letzter Zeit entstandener Gedichte enthält – die übrigens nur eine noch gesteigerte Reife in der Beherrschung der künstlerischen Mittel und eine Vertiefung der früheren Thematik, jedoch keineswegs einen Wechsel, sondern nur eine Steigerung der für den Dichter charakteristischen Eigenschaften zeigen – kann der vorliegende Auswahlband nichts an dem oben angeführten, bereits früher ausgesprochenen Urteil ändern. Zum ersten, weil der Dichter sich selber treu geblieben ist, und zum zweiten, weil auch die früheren Auswahlbände das Gesamtschaffen des Dichters bis zum Erscheinungsdatum des jeweiligen Bandes berücksichtigten. Ein Blick auf die von Band zu Band übernommenen Gedichte zeigt uns, dass es sich im Falle Kittners nicht so sehr um eine überquellende dichterische Ader handelt, als vielmehr um eine in strengem selbstkritischen Geist sich selbst auferlegte Zügelung, die übrigens auf die Bescheidenheit des Dichters und auf seine bereits erwähnte ungewöhnliche literarische Bildung zurückzuführen ist, die ihn dazu bestimmt, die höchsten Anforderungen an sich selber zu stellen, während man andererseits auch nicht vergessen darf, dass die Missgunst der Lebensumstände seines sich in das allgemeine Leid der Generation eingliedernden tragischen Schicksals den Verlust eines beträchtlichen Teils seiner Gedichthandschriften mit sich brachte. Aber wie dem auch sei, der Sinnspruch non multa sed multum bleibt für den gesamten Bereich schöpferischer Leistung, für die ganze Schaffensskala menschlichen Geistes gültig, umsomehr für eine so empfindliche und erlesene Materie wie die Poesie.
Um begreiflich zu machen, inwieweit die stürmischen Wogen der Zeit den Dichter erfassten und zu Boden warfen, ihm umso tiefere Wunden schlugen, je weniger ihm jene Schilde Schirm boten, die robusteren Naturen zu Gebote stehen – ihn hingegen mit anderen, subtileren Waffen und ganz andersgearteten Kräften bedachten, die es ihm ermöglichten, sich über das persönliche Leid zu erheben, es zu überwinden und in eine fruchbare Erfahrung zu verwandeln – ist es vonnöten, näher auf die Einzelheiten seiner Biographie einzugehen. Die Zugehörigkeit zu jenem Volk, das die Härten einer auf Unmenschlichkeit und Hass gegründeten Weltanschung, die Verfolgungen und Schrecken einer durch eine finstere Woge der Geschichte an die Macht gelangten Terrorherrschaft am meisten zu erdulden hatte; seine Geburt im Jahre 1906, was besagt, dass er jener Generation angehört, die in ganz besonderem Masse vom Zusammensturz der humanistischen Werte, von der Willkür und Grausamheit betroffen wurde, die gerade zu der Zeit auf den Thron gehoben wurden, als jene Generation zur Reife gelangt war – all dies sind Tatsachen, die nicht übersehen werden dürfen: sie haben sich unter dem greifbaren Einfluss der Wechselfälle seines Lebens und mit der Herausbildung und Entfaltung seiner Persönlichkeit entscheidend auf sein Geschick ausgewirkt, haben auf natürliche Weise seinem Schaffen ihren unauslöschlichen Stempel aufgeprägt und zu nicht geringem Teil seine poetische Entwicklung bestimmt.
Dank der vorliegenden Gedichtauswahl, in welcher uns der Dichter die Lese eines Lebens erstmalig chronologisch darbietet, während er in den bisherigen Bänden bestrebt war, die Gedichte innerhalb thematischer Zyklen anzuordnen, sind wir nunmehr in der Lage, diese Entwicklung zu verfolgen. Die Übereinstimmung von gelebtem Leben und lyrischer Eingebung ist in solchem Masse vorhanden, dass sich die chronologische Anordnung grosso modo mit der zyklischen Anordnung nach Themen deckt: die erste und die letzte der drei Gruppen könnte man mit „vorher“ und „nachher“ bezeichnen, während die mittlere mit den Ausdrucksmitteln eines lyrischen Chronisten den grossen Hiatus, den tiefen Einschnitt gestaltet, den sein zweijähriger Zwanngsaufenthalt in den Todeslagern Transnistriens, wohin er deportiert worden war, in das Leben des Dichters gerissen hat. Dass er es vermochte, diese leidvolle Lebenserfahrung in Verse umzugiessen, von denen die meisten das Niveau der dichterisch gestalteten Reportage weit überschreiten, bietet den schlüssigen Beweis einer unbestreitbaren dichterischen Berufung, die ganz gewiss nicht erst durch die von jener Grenzsituation im strengsten Sinne des Wortes – geht es doch um die schmale Grenzscheide zwischen Leben und Tod – hervorgerufene Erschütterung geweckt wurde, sondern seit langem ihre Bestätigung gefunden hatte, wobei auch die Ausdrucksmittel schon seit langem vollendet und konsolidiert waren, Kittners erster 1938 unter dem Titel Der Wolkenreiter erschienener Gedichtband trug ihm die Wertschätzung der Liebhaber deutscher Poesie sowohl in unserem Lande wie auch jenseits seiner Grenzen ein, wofür zahlreiche lobende Buchbesprechungen, unter anderen in Schweizer und Prager Zeitschriften, zeugen – die Presse des Dritten Reiches blieb Kittner natürlich verschlossen. Dank dem Ansehen, dessen er sich als Dichter erfreute, wie auch wegen seiner politischen Haltung, die sich in seiner journalistischen Tätigkeit eindeutig erwies – hatte er doch in den Zwischenkriegsjahren Reportagen veröffentlicht, in denen er mutig über die gegen rumänische Kommunisten angestrengten Schauprozesse berichtete und damit die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit des Auslands auf diese gelenkt – wurde Kittner als einziger deutschsprachiger Dichter Rumäniens Mitarbeiter der unter Johannes R. Bechers Leitung stehenden bekannten Moskauer Emigrantenzeitschrift Internationale Literatur. Deutsche Blätter.
Wenn wir heute diese erste Gedichtsammlung Kittners lesen, die wir im wesentlichen im ersten Teil unserer vorliegenden Auswahl wiederfinden, diesmal unter dem Titel: „Nur ein heiseres Lied im Rausch“, tritt uns deutlich genug das Bild einer scharf umrissenen dichterischen Persönlichkeit entgegen, die sich später, ohne indes ihr Wesen zu verleugnen, wohl noch klarer runden und kristallisieren sollte. Unleugbar ist diese dichterische Persönlichkeit, wie manche seiner Rezensenten mit Recht betonen, keineswegs autark, sondern in nicht unbeträchtlichem Masse Vorgängern verpflichtet. Kittners dichterische Aussage war traditionsgebunden, worauf von seinen Kommentatoren gleichfalls wiederholt hingewiesen wird, sei es, dass ihnen sein unumstössliches Festhalten an der grossen dichterischen Überlieferung und den erprobten Ausdrucksmitteln Bewunderung abtrotzt, sei es, dass die Beharrlichkeit, mit welcher der Dichter nicht nur Formen, sondern auch Stoffe, poetische Auffassungen, Aussageweisen bewahrt, ohne der Versuchung zu unterliegen – oder ihr auch nur anheimzufallen –, eine neue Sprache zu erfinden, ihren Unmut und ihre Unduldsamkeit hervorruft. Doch bedeutet dieses Wandeln auf ausgetretenen Pfaden nicht etwa ausweichendes Umgehen anderer, gleichfalls vielbeschrittener Pfade, jener verworrenerer, unsicherer eines fieberhaften Tastens, die dem Dichter noch geringere Aussicht bieten, zu einem Ziel zu gelangen? Wenn die Gabe, den treffenden Ton für die Übertragung des poetischen Erlebens auf den Leser zu finden, die wesentliche Voraussetzung für den Dichter gemäss seiner alten Bezeichnung als Troubadour oder Trovère (trovatore, d.h. Erfinder) ist, so kommt der Art und Weise, wie er diesen Ton trifft, sekundäre Bedeutung zu, soferne er in der Tat jene künstlerische Erschütterung zu übertragen vermag. Und diese Eignung, die in der überwiegenden Zahl von Kittners Versen zutage tritt, ist nicht von den an die eine oder andere Epoche gebundenen Stilmitteln abhängig; denn wahrhaftig, wäre es nicht so, wie vermöchten wir heute noch die künstlerischen Formulierungen aus näherer oder fernerer Vergangenheit zu geniessen? Aus dem Blickwinkel des Literarhistorikers – und jedwede retrospektive Darstellung fordert letztlich diesen Standpunkt, und erst recht im vorliegenden Fall, wo die Wurzeln so tief in den Nährboden der dichterischen Überlieferung hinabreichen – liesse sich höchstens behaupten, dass ein Künstler, sobald er hergebrachte Stilmittel übernimmt, sich von vornherein ausserhalb jener Entwicklungsreihe stellt, die sich auf den Wechsel der Ausdrucksformen stützt, von denen sich eine aus der anderen ergibt; denn wie individuell die Erfindung auch sein mag, letzten Endes führt sie dennoch die von den vorangehenden Erfindungen gegebenen Anregungen in sich selbst weiter, und dies nicht unbedingt in aufsteigender Linie, mitunter drängt sie sie zum Äussersten in Richtung auf die Dekadenz hin. Ein solcher Künstler ist demnach ein Aussenseiter, und dies in höherem Masse als ein Avantgardist, dessen Suchen sich späterhin als Fortführung dessen erweisen wird, was vor ihm neu war.
Als ein solcher Aussenseiter kann unser Dichter in mancher Hinsicht angesprochen werden. Indem er als Motto für seinen Gedichtband Flaschenpost (1970 mit dem Preis des Schriftstellerverbandes der Rumänischen Sozialistischen Republik ausgezeichnet) Grillparzers Verse: „Mag unsre Zeit mich bestreiten / Ich lass’ es ruhig geschehn / Ich komme aus andern Zeiten / Und hoffe, in andre zu gehen“ wählt, drückt, er, natürlich ohne jede provozierende Absicht, ein gelassenes Vertrauen in das Zeitüberdauernde seines Werkes aus und bekundet – zugleich mit der Annahme des Vorwurfs, „unzeitgemäss“ zu sein – dadurch, dass er sich an das Ufer des steten Flusses wechselnder Stile stellt, eine eindeutige Distanzierung vom Standpunkt, mit der Zeit zu gehen, sei unerlässliches Gebot. Kittners Vorliebe richtet sich eingestandenermassen auf die Dichtung der Romantik, auf das übrigens auch von den Romantikern gepflegte Volkslied. Die ihm gemässe Art, die Sprache geradezu zu zelebrieren, verrät indessen eine in die Tiefe gehende Kenntnis der gesamten deutschen Dichtung, und nicht nur der deutschen. Seine lange Vertrautheit mit der poetischen Überlieferung – Kittner ist offenbar vollgetränkt mit Dichtungslektüre – lässt sich unschwer anhand der Verwandtschaft des Tones mancher seiner Gedichte mit den von ihm geliebten grossen Vorbildern nachweisen, was so weit gehen kann, dass wir uns bei ihrer Lektüre zuweilen des Eindrucks nicht erwehren können, ihnen, wie einer seiner Rezensenten bemerkt, schon irgendeinmal begegnet zu sein. So glauben wir zuweilen, hier eine für den romantischen Heine charakteristische Klangfarbe wiederzuentdecken (zum Beispiel in den Versen: „Ein gütiger Stern hat nach Haus mich geführt, / Meine alte Heimat zu grüssen“), dort seines Lieblings unter den romantischen Lyrikern, Brentano, ja, selbst an die goethesche Lyrik gemahnende Töne tauchen da und dort auf (so wenn er etwa Lust auf Brust reimt), und häufig finden wir in seiner frühesten Lyrikproduktion für die neuromantische, besonders die rilkesche Lyrik, oder noch eher für die frühexpressionistische Lyrik Werfels spezifische Züge, vornehmlich in der Thematik, in „Kindheit“ zum Beispiel, („Gärten die wir achtlos streifen, / Hüllen uns in Knabenträume, / Zaghaft hinter Ball und Reifen / Laufen wir durch helle Räume“ usf.) oder in Versen wie den folgenden: „Oh, und dann im Buschwerk reglos liegen… Und so müd dem Herbst zu lauschen“ („Herbstmanöver“), oder „Oh, wie hast du meine Hand geweiht!“ („Liebesstrophen“), das so sehr an das rilkesche: „Wie wunderbar sind dir / Die Hände benedeit“ anklingt, ganz zu schweigen von der Verwandtschaft, die zwischen den Inspirationsquellen in Kittners Gedichten, die das Mitleid mit dem Leiden der Welt ausdrücken, z.B. im „Abend der Aussätzigen“ etwa, und jenen aus Rilkes Malte Laurids Brigge besteht. Gewiss hat auch der Expressionismus Spuren in Kittners Poetik hinterlassen – sie finden sich in manchem seiner Grossstadtgedichte, in „Feuchte Heimkehr“, in „Dirnengasse“, auch in der mythischen Schau seines „Gekreuzigten Löwen“ – wie die bewusst nüchterne objektive Wiedergabe, die Sachlichkeit der Schilderung des Schmerzes und der Hässlichkeit an Gottfried Benn gemahnt. Andererseits wieder wurzelt die symbolische Inspiration, erkennbar etwa in „Sapphisches Notturno“ oder manchem seiner Kaschemmen- oder Verfallsgedichte, im grossen Vorbild Baudelaires.
Es unterliegt demnach keinem Zweifel, dass für unseren Dichter nicht jene Einheitlichkeit des Tons kennzeichnend ist, die einem Lyriker vom ersten gelesenen Vers an jenes Gepräge des Unverwechselbaren verleiht, welches das Vorrecht der grossen schöpferischen Persönlichkeiten ist. Doch ist die Ursache hierfür nicht sosehr in einer besonderen Zugänglichkeit für äussere Einflüsse zu suchen, als vielmehr in ganz gewisser Wesensverwandschaft. Wenn sein Talent demnach auch nicht in höherem Masse eigenwüchsig ist, so muss ein „poeta doctus“ ipso facto noch lange nicht der Persönlichkeit ermangeln und reine Buchgelehrsamkeit verarbeiten; besonders, wenn die Reminiszenzen lediglich auf einer verwandten Struktur beruhen und die eigene Innenwelt so offenkundig, so unbezweifelbar authentisch zutage tritt, wie es hier der Fall ist. Und eben weil es sich um eine strukturelle Verwandtschaft handelt, äussert sich diese nicht blass in den genannten mehr oder weniger äusserlichen Zügen, sondern in der engen Gemeinschaft mit allen Traumwandlern, Einsamen, den „poéts maudits“, mit einem Wort: mit allen jenen, deren Struktur wir aufgrund ihres Empfindens, anders als ihre Mitmenschen geartet zu sein, verwundbarer, weniger den Härten des Lebens gewachsen, eben als romantisch ansehen. In den Gedichten seiner ersten Schaffensphase stellt sich uns der Dichter der Reihe nach als Fremdling auf Erden, als verlorener Sohn, als unsteter, allerwegen ausgestossener, auf kalten Strassen umherirrender Wanderer dar, gepeinigt vom Heimweh nach der Wärme des heimischen Herds und vom Verlangen, Wurzel zu fassen im Dasein, leidend an der Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies der Kindheit, verzehrt vom Durst nach dem demütig-kindlichen Glauben, ein schützendes Obdach zu finden vor den Stürmen der Welt. Wie alle Seelen, die die Rauheit des Lebens fürchten, wird er Frieden, Trost und Zuflucht in der Natur suchen („Der Fluren Flüstersang im Abendwind… / Erlöst die Unrast und umrannt mich lind…“), vorzüglich in der nächtlichen Natur. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich das Naturgefühl infolge der herkömmlichen, ja mitunter konventionellen poetischen Thematik zuweilen veräusserlicht. Nacht, Traum Sterne, Mond; diese in Überflusss strapazierten gefühlsseligen Wortklischees, die Häufigkeit, mit welcher Nacht und Mond, sogar in den Gedichtüberschriften, wiederkehren („Mond der Städte“, „Vollmond im Frühling“, „Mondnacht im Gebirge,“ „Nachtlied“, „Nachtmusik“, „Nachtwache“, „Nachtbeglückung“, „Nachtwanderung“ usw.) scheinen mitunter dazu angetan, Zweifel am Zwingenden der Aussage aufkommen zu lassen. Dessen ungeachtet sind jedoch gerade viele dieser Pastelle in parnassisch-beschreibender Manier von seltener Schönheit („Morgen am Fluss“, „Herbstgesang“, „Sommertag“) und nicht minder jene sehnsuchtsvollen Weisen, in denen das Nachtgestirn die Landschaft oder das Antlitz des bezeichnenderweise vom Silberweiss, vom bleichen Leuchten berückten Dichters in Silber taucht: geradezu wie unter alpdruckhaftem Zwang kehrt dieser Gedanke in Ausdrücken und Wendungen wie Silberglast, silberweisser Sternenschnee, Silberbahnen, Der Bach… hat Silber aus dem vollen Mond gesogen, usw. stets von neuem wieder. Diese Versatzstücke aus dem Inventar einer verspäteten Romantik verhindern es jedoch nicht, dass sich die von einer märchenhaften Zauberstimmung geweckte poetische Traumschau in künstlerisch höchst anspruchsvollen Gebilden kundtut, deren Reiz und Suggestivkraft paradoxerweise auf ihrem anspruchslosen milden Ton beruhen. Zahlreiche Verse sprechen ein kosmisches Weltgefühl aus, ein Verschmelzen mit dem grossen Ganzen, dem All, zuweilen in der Äusserung eines überströmendenGlücksgefühls, wie z.B. im Gedicht „Maiwiese“, wo es heisst:

Ein leises Glück, das in mir schlief,
Fühl aus dem Grund ich hauchen…
Ich bade in grüner Ewigkeit…

Die erschütterndsten Klänge entreisst dem Dichter indessen das Gefühl, ein Fremdling, ein ewig unsteter Wanderer auf Erden zu sein, ein „Vergessner Gast am Niemandstisch“, der sich in den Traum („Flucht vor dem Tag“) und in die Natur flüchtet, selbst in den Augenblicken trautester Geselligkeit, am Weihnachtsabend zum Beispiel, doch immer ist in ihm das heisse Sehnen nach Wärme und der Gemeinschaft mit den Menschenbrüdern wach:

Ich wank allein mit meinem feuchten Jammer
Hinaus ins winterliche Schnein.
Dann bin ich fern und leicht und ohne Namen,
Dann singen Sterne mir den Weihnachtschor.

Ein „Namenloser“, ein Enterbter des Schicksals, ein Entwurzelter („Mein Wurzelwerk ist wund“) – als einen solchen erkennt sich der Dichter von frühester Jugend an, schon 1928, als er sein „Kaspar-Hauser-Lied“ dichtet, das häufig zitiert wird, da es nicht zu Unrecht von allen Rezensenten einhellig bevorzugt wurde:

Was sollen mir die Tage?
Was soll ich in der Welt?
Ich trage meine Klage,
Zertrümmert und zerschellt.

Indem sich der Dichter mit diesem Niemandskind identifiziert und dessen Los als dem seinen verwandt empfindet, lässt er eine milde Melancholie aufklingen, die besonders durch den sanft gleitenden Fluss der Verse suggeriert wird, wobei aber auch ein Ton treuherziger Zuversicht mitschwingt:

Ich bin ganz Kind und Frage,
Mir schenkt sich jeder Stern,
Wenn ich nach Sonnen jage,
Fühl ich mich nah dem Herrn.

Das aus dem kindlich-poetischen Welterleben quellende Licht führt eine Verschiebung der Akzente herbei, so dass der vorwurfsvolle Ausruf

Was sollen mir die Tage

und der Schlussstrophe durch folgende Verse ergänzt:

Was soll mir da die Welt?
So klein ist alle Klage,
Von jenem Licht erhellt

In einem gewandelten Sinn wiederholt wird.

Es finden sich hier ausgesprochene Gossen- und Kaschemmenlieder wie „Feuchte Heimkehr“ („Noch torkelt ein Köter mit mir übern Platz / Mein Herz schwimmt in saurem Wein, / Ich wollt’, ach, ich läge bei einem Schatz / Und könnt mit ihm selig sein.“), oder solche, die von unerfüllter Sehnsucht singen, wie das schöne, dunkle „Regenrauschlied“, zuweilen im Volkston („Volkslied“, „Nachtlied“ usw.), gesättigt von der Atmosphäre der Abende, an denen der Einsame auf den Strassen umherirrt, indes in den Häusern drinnen die Lichter angezündet werden, oder später, wenn die Lichter verlöschen und er ausgeschlossen bleibt von den vollen Tischen des Lebens. Doch tief im Innersten seiner Seele bewahrt er sich dennoch Quellen, aus denen verborgene Freuden fliessen, ein überschäumendes Glücksgefühl; wie es aus der liedhaften „Maiwiese“ singt, in „Nachtbeglückung“ oder im „Pfingstgesang“, die einen bewundernswerten inneren Reichtum verraten, der ihn von Dunkel und Einsamkeit erlöst.
In dieser Schaffensphase ist jedoch das Gefühl der Fremdheit und Unbehaustheit vorherrschend, wofür Verse wie die folgenden kennzeichnend sind:

… Ich lausch, wie die Fiedel greint
Vom ewigen Wandernmüssen,
Fiedel, wie sind wir vereint!

(„Bettelnde Fiedel“)

Mitten in meine nächtliche Welt
Find ich auf einmal so fremd
Und kalt wie ein Ding mich hingestellt
In meinem frierenden Hemd.

(„Nachtwache“)

In solchem Kälteschauer findet häufig dieser ganze Komplex von Bangnis, Unsicherheit und Einsamkeit konkreten Ausdruck: „So kalt ist’s um mich her“, klagt auch der „Wolkenreiter“. In dem in freie Terzinen aufgeteilten epischen Gewebe des so benannten eindrucksvollen Gedichtes, das vom Dichter mit Bedacht dazu ausersehen wurde, den Titel für seinen ersten Sammelband zu liefern, da es ihm mit Recht als für sein Schaffen repräsentativ dünkte, vollzieht sich ein höchst bemerkenswerter Stimmungsumschwung; ein euphorischer Traum:
Ein Flug durch den lichtdurchfluteten Himmel wandelt sich nach und nach in einen Alpdruck, das Glück sich über die Welt hinauszuschwingen, in das beklemmende Angstgefühl, nicht wieder zurückzufinden:

Ich kann mein Reittier nicht zum Stehen zwingen,
Nun reit ich immerfort auf bösen Schwingen.

Die Symbolik dieser Fabel von den Implikationen des Traums bildet jedoch auch den Übergang zu einer Haltung, die der bis dahin eingenommenen diametral entgegengesetzt ist; die fatalen Folgen des völligen Aufgehens in den Fernen steigern nur noch das Verlangen, sich der Welt einzuverleiben, sich seinesgleichen zu nähern. Denn der gesamte Komplex der erwähnten Empfindungen ist gewiss undenkbar ohne eine gewisse Weltfremdheit, und der Dichter geht schliesslich in der Abkehr von dieser so weit, dass er sie sich selber zum Vorwurf macht, einerseits mit einer aus dem Bewusstsein der Sinnlosigkeit solcher Weltschmerzpoesie fliessenden Selbstironie („Was singst du, Sternen, Narr, dein Lied…“), andererseits, weil er den Ruf zur Gemeinschaft mit den Mitmenschen vernimmt. Er, der „mit allen Namenlosen“ gelitten hat, weiss, dass er, nachdem er „die Augen geschlossen, das Ohr entrückt / den Stimmen des Tages“ gelebt hat, einmal auch das Gefühl vollen Glücks kennenlernen wird:

Einst wird es wieder
Erlöst aus mir singen…
Einst werd ich wieder im Lichte sein.

Das Vorgefühl der Freude, wie es im Gedicht „Einst wird es sein“ zum Ausdruck gelangt, das hier zur Gänze zitiert werden müsste, war auch schon früher in vereinzelten Augenblicken der Naturbegeisterung und in den Phantasiebildern vom Frieden erklungen, in „Geträumte Heimkehr“ z.B. einem Gedicht, das an Gesang gewordenem Gefühl besonders reich ist, in dem des Dichters Heimweh ihm seine Heimkehr vorspiegelt – in Gestalt des Windhauchs, als Traum der schlafenden Lieben, um daheim über den vertrauten Dingen zu schweben –, die das ganze Einst mit seinem rastlosen Irren in der Fremde aufhebt:

Und verzaubert im Raum fühlt’ ich wunderbar
Mich erlöst von verjährtem Kummer.

In einer begnadetere und grosszügigen Seele schwindet die Hoffnung auch nicht unter den grausamsten Bedingungen, wie es jene sind, die der Thematik des zweiten, „Raststatt des Todes“ betitelten Zyklus zu Grunde liegen. Was uns in dieser Reimchronik eines Deportierten am deutlichsten ins Auge fällt, ist die verhaltene, von strenger Gegenständlichkeit gezügelte Bewegtheit in der Darstellung der erschütternden Geschehnisse, die den Alltag der Lagerhölle ausmachen. Und dadurch wirkt sie überzeugender, als jede pathetische Aussage es vermöchte. Ein gewisses unbeteiligt scheinendes Beiseitestehen, eine bewusst nüchterne Darstellungsweise gemahnen an eine Wesensseite des Expressionismus: sie erzeugen mit einem Mindestmass an Mitteln, durch die Hervorkehrung weniger wesentlicher Einzelzüge, dennoch Pathos. Das grausame Erlebnis der brutalen Misshandlungen, des Massenmordes, nicht anders als das alltägliche der Abstumpfung und Vertierung infolge von Erniedrigungen, Entbehrungen, Krankheiten, Ungeziefer und Entkräftung ist in eindringlichen Bildern und Szenen festgehalten, die mit malerischen Mitteln, wie Goyas Radierungen, kommentarlos für sich selber sprechen, z.B. „Die Irren“, „Friedhof Obodowka“; dann wieder sind die Geschehnisse im Balladenstil wiedergegeben, wie in „Abschied vom Steinbruch“, „Podoliens Erde“ oder in der „Ballade vom Kossoutzer Wald“. Überall bricht das Leiden indirekt durch, wird Vers, das Einzelne prägt dem Ganzen den Stempel der Echtheit auf, nicht ohne dass die einzelnen Momente als typische Beispiele für Unmenschlichkeit und Barbarei Allgemeingültigkeit erlangen. Es will uns besonders bemerkenswert erscheinen, dass sich viele dieser Verse, jenseits des unbestreitbaren Wertes, der ihnen als historischem Zeugnis zukommt, zu wahrhaft poetischer Größe emporschwingen; eine seltene Erscheinung, wenn man bedenkt, dass eine aus derartigen Erlebnissen hervorgegangene Literatur, mögen die dargestellten Tatsachen auch noch so erschütternd sein, nur allzu oft ausschließlich durch die dargestellte Grausamkeit an sich Schauer erweckt, ohne indessen darüber hinaus den Schauer des Poetischen zu vermitteln. Wie auch Alfred Margul-Sperber in den von innerer Anteilnahme erfüllten Seiten erklärt, die er Kittners Gedichtband Hungermarsch und Stacheldraht von 1956, in dem diese Gedichte zum erstenmal erschienen sind, als Vorwort voranstellte, ist es erstaunlich, wie wenige wirklich dichterisch gestaltete oder literarisch maßgebende Darstellungen diesem Erlebniskomplex aus dem Grenzbereich zwischen Leben und Tod zu danken sind. Und dies nicht allein deshalb, weil nur wenige dieses Grauen überlebten. Um einer solchen Grenzsituation Stimme zu leihen, ohne sich auf die Beschreibung von Tatsachen oder auf die Äusserung der Klage zu beschränken, bedarf es ausser der angeborenen Begabung auch einer seltenen ethischen Überlegenheit. Im vorliegenden Fall sei zunächst festgestellt, dass es dem Dichter bei der poetischen Gestaltung der Fakten seines eigenen Erlebens gelungen ist, durch die Veranschaulichung typischer Aspekte die Ebene der Allgemeinheit zu gewinnen und so zum Wortführer einer Generation zu werden, die, unmittelbar oder mittelbar durch ein teilnehmendes Mitgefühl mit den anderen, die Schrecken, die das ganze unterjochte Europa aufwühlten, miterlebte; und damit fand er auch den Weg zu jener von ihm so lange erstrebten Gemeinschaft mit den Menschen. Dank der Solidarität mit den anderen, dank der Teilnahme am allgemeinen Leid, erlangte der Dichter eine neue moralische Dimension, und wir müssen an diesen Versen von Trotz und Zuversicht, wie er sie früher in einem Untertitel benannt hatte, bewundern, dass sie den Nachlebenden nicht nur ein Dokument der Anklage, sondern auch ein Beispiel von Mut und Seelenadel hinterlassen. Das berechtigte Aufbegehren macht sich nur sporadisch auf äusserliche Weise in Schmähungen Luft. Ein natürliches, schlichtes, aller Grosssprecherei abholdes Heldentum, das in der erstaunlichen Fähigkeit, mit Wehmut, zugleich aber auch mit der Freude am Wiedererleben, Augenblicke der Vergangenheit erstehen zu lassen, aber auch in der inmitten jener Hölle bewahrten Empfänglichkeit für den Zauber und die Schönheit der Welt zum Ausdruck kommt, verleiht dem Dichter die Kraft, den schlichten Stoff, wie in „Lied im Klee“ oder ,in „Erinnerung“, wahrhaftig Gesang werden zu lassen. Das denkwürdigste Zeugnis für die unversehrt gebliebene Sensibilität des Dichters ist jedoch jenes „Danklied des Verbannten“, in dem die vertrautere kleinen Dinge seines Deportiertenalltags mit zärtlicher Liebe und sogar mit einer Spur von schalkhaftem Humor beschworen sind; sie, die demütigen, bescheidenen Gegenstände seines täglichen Bedarfs (ein Krug, eine Flasche, ein Kochtopf usw.) schenken dem Dichter durch ihre tröstliche Gegenwart glückliche Augenblicke der Selbsteinkehr, und die Dankbarkeit, die ihn beseelt, ist wahrhaftig als das Vorrecht grosser Seelen anzusprechen.

Ihr kleinen Erdendinge, habet Dank,
Solang ihr um mich seid, wird mir nicht bang,
Ihr seid, so ist’s im Sinn der Welt beschlossen,
Des armen Daseins schlichte Spielgenossen.

Vielleicht verleiht gerade die Gnade, die Welt tiefer mit Geist und Sinnen erfassen zu können, die Gnade, dichterisch zu empfinden, jene paradoxerweise gerade den Schwachen eigene Kraft, der physischen Zerstörung und dem moralischen Verfall zu widerstehen, sich über den quälenden Druck von Schmerz und Tod zu erheben, sich unversehrt zu bewahren mit liebendem Herzen. Dieser innere Reichtum spricht zu uns aus den Versen:

Ich werde, wenn der Tod mich hier befällt,
Als Liebender verlassen diese Welt.

Sie sprechen zu uns vom Triumph der Liebe über den Hass, vom Sieg des menschlichen Geistes, der Würde und Haltung zu bewahren vermochte, trotzend den Mächten, die dazu geschaffen wurden, sie zu vernichten. Wie Oscar Walter Cisek (in seiner 1957 im Neuen Weg veröffentlichten Buchbesprechung des Bandes Hungermarsch und Stacheldraht) schreibt:

Die geistige Überwindung dieser Realität hat an Kittner Ansprüche gestellt, die er nicht durch laute Anklagen, Mahnrufe und Flüche hätte bewältigen können… Und so war Kittner doch auch ein innerlich Gepanzerter, der aller Grausamkeit die überlegene Haltung seiner zutiefst menschlichen Gesinnung entgegenzustellen vermochte.

Diese „geistige Überwindung“ bezeugen auch die noch in Obodowka geschriebenen Verse „Im Volkston“, denn welcher andere, sicherere Beweis für die Fähigkeit, die rohe Wirklichkeit zu transzendieren, könnte beredter sein als die Beschwingtheit und die beinahe heitere Ausgeglichenheit dieser Verse, für deren mit Geduld und Hingabe geleistete Meisterung eine schier unwahrscheinliche Kraft erforderlich war, sich von der unmittelbaren Realität abzusondern, um eine Stätte zu finden in den von der Schönheit beherrschten Bereichen? Sie beweisen uns, wenn es dessen noch bedurfte, durch ihre bestrickende Einfachheit wieder einmal die Unvergänglichkeit der gebrauchtesten und selbst abgebrauchtesten Rhythmen und Reime. Den Zyklus aus den Jahren der Finsternis beschliesst das Gedicht „Heimkehr“, in dem das Staunen darüber, das altgewohnte Leben, oder einfach das Leben an sich, wie durch ein Wunder wiederzufinden, Gedanken über die durch das Leiden hervorgerufene Wandlung und Reifung weckt. Ein richtiges Stirb und Werde spricht aus der Strophe:

Du, einst Sanfter, nun so Harter,
Sag, wie mochte es dir glücken,
Dich nach solchem Mass von Marter
Wieder in den Tag zu schicken?

Doch die Feststellung des jetzigen, gleichsam übernatürlichen Zustandes:

Und doch bleibt als ewiges Wunder
Nach dem Tod uns noch die Liebe

mündet ins Fazit dieser Überlegungen und zugleich der gewonnenen Lebenserfahrung:

Nur am Grössten kannst du reifen,
Nur das Tiefste kann dich spiegeln.

Die letzte Schaffensphase beschert uns, nach einer Reihe von Zeitgedichten, die vom blutigen Ausgang der erlittenen Epopöe inspiriert sind und in denen sich schmerzliche Rückschau mit dem Triumphgesang der Freiheit vereint, dichterische Zeugnisse des aus der Asche wiedererstandenen Lebens. Ganz im Geiste der oben zitierten Verse, im vollsten Einklang und in der wahrhaftigsten Nachfolge des goetheschen Stirb und werde!, da hier das Werden, die Erhebung auf eine neue Daseinsstufe, durch den Einbruch in das Reich des Todes erkauft wurde, lobpreisen die neuen Gedichte, zuweilen mit wahrhaft frommer Andacht, wie in jener vollkommenen Umsetzung der inneren Bewegtheit in den sanften Fluss der Verse des Gedichtes „Das Gras“, die rätselhaft dunkle Kraft des Opfers wie auch die erfüllte Hoffnung. Mit der uns an dem Dichter vertrauten Schlichtheit und mit dem souveränen Mut, zugleich mit den traditionellen Formen auch die zu allen Zeiten gültigen poetischen Metaphern zu übernehmen, wird für Kittner der frisch aus dem Erdreich spriessende, mit dem ganzen Geheimnis des Todes und der Geburt befrachtete Grashalm zum Sinnbild wiedererstandenen Lebens.
In seinem Bestreben, dem Vers ein Höchstmass an Verständlichkeit, die Transparenz des Liedes zu verleihen, schlägt Kittner mitunter auch bescheidenere Töne an, wie zum Beispiel in den Liedern, in denen er dem Gefühl ungestillten Liebesverlangens Ausdruck gibt, fällt jedoch niemals in einen süsslichen Ton. Die grösste Sangbarkeit erzielt er in seinen Versen dann, wenn er völlig dem inneren Rhythmus, dem spontanen Pulsschlag nachzugeben scheint, was sich in einem Stocken innerhalb des unterbrochenen und wiederaufgegriffenen Satzes, in bewusst angewandten Akzentverschiebungen im Rhythmus kundtut. Wie sich in seiner ersten Schaffensphase das Staunen, die Ratlosigkeit auf äusserst suggestive Weise in der Frage: „Wo fängt der Weg, / Wo fängt mein Weg nur an?“ äusserte, so wird in der späteren Schaffenszeit die Wiederholung zu einem Mittel, den einfachsten Worten erhöhten Sinngehalt aufzubürden, durch unausgesprochene Bezüge Fenster gegen unbegrenzte Horizonte aufzustossen:

Schritte im Gras, Stimme im Baum,
Ich habe geträumt einen schweren Traum,
Stimme im Baum, Schritte im Gras,
Was werden meine Augen nass?

In diesem Gedicht, in dem das durch die geisterhafte Gegenwart des nicht genug Geliebten geweckte, zu späte Bedauern ergreifenden Ausdruck gefunden hat – die Klage des „mal aimé“ ist ein häufig wiederkehrendes Motiv im poetischen Register des Dichters – verraten die nur andeutungsweise enthüllten Zusammenhänge eine alles Anekdotische weit hinter sich lassende Unruhe, eine Unruhe, die man wohl am treffendsten als metaphysisch ansprechen möchte, und in dieser gefühls- und geistgeladenen Aura liegt wahrhaftigste, liegt echteste Poesie.
Es kann letztlich nicht fehlen, dass sich nicht auch der Wandel der Jahre zu den inspirationsweckenden Motiven des gereiften Dichters gesellt, der sich von neuem als unbehauster Wanderer auf den Strassen des Lebens, als ein wandernder Sänger wie Villon empfindet, der das Los der Schutzlosen, der Vogelfreien teilt und von den Gastmählern jener, die sich an den Früchten der Erde gütlich tun, ausgeschlossen bleibt. Dieses Gefühl erwacht in ihm zugleich mit jenem der vom Bewusstsein der Vergänglichkeit hervorgerufenen beklemmenden Angst, mit dem Empfinden, dass es zu spät ist, und aus dieser Perspektive des Bedauerns erscheinen die Freuden des Lebens in purpurnem Glanz, die Nachbarschaft des mitten in die Fülle des Lebens einbrechenden Todes hat die Lebensgeister dessen, der sich „verbuhlt dem Tode und vernarrt ins Leben“ fühlte, noch gesteigert. Das Wissen um die Vergänglichkeit, die Vorstellung vom Leben als Weg zum unvermeidlichen Versinken ins Nichts – „Aus Dunkel bin ich gekommen“, / Ins Dunkel kehr ich zurück“ – zeitigt eine der schönsten lyrischen Gestaltungen des Abschieds vom Leben, in dem „Seelied“ überschriebenen Gedicht, das hier zur Gänze zitiert zu werden verdiente:

Wenn ich erlösche, wenn ich versinke,
Weisses Segel auf blauer See,
Werden die Wogen nicht dunkeler raunen,
Die Möven nicht schmerzlicher schrei’n in der Höh.

Immer häufiger versucht der Dichter, sich in seiner Vorstellung als abgeschieden zu vergegenwärtigen, dichtet sogar einen „Nachruf“, in dem er das Thema der Lebensuntüchtigkeit von neuem aufgreift, wobei er in den eigenen Augen als ein Kind erscheint, das die Welt der Erwachsenen nicht begreift. Die Fragen nach dem Sinn des Lebens bleiben ohne Antwort – Woher? Wohin? bedrängt es ihn mit wachsender Gewalt im schönen Gedicht „Erkenntnis“. Eine Allegorie der Vergeblichkeit, des unerbittlichen Rufes der Schalten, hat in der faszinierenden Parabel „Blaueule Leid“ ihren dichterischen Niederschlag gefunden. Die Eule wartet –

Und sie weiss, dass du kommst,
gehüpft und gehinkt und gehumpelt,
zum Spiel mit den Schatten,
zum Spiel mit dem Wurm,
im Silber der Nacht,
die hinter der Nacht ist,
in die ihr Schweigen dich zieht.

Es heisst, den grossen Romanschriftsteller erkenne man daran, inwieweit er es vermag, den Tod seiner Gestalten zur Anschauung zu bringen. Weshalb sollte man nicht auch den echten Lyriker an der Art und Weise erkennen, wie er die alten, grossen, die ewigen Themen der Dichtung behandelt, von denen keines schwieriger ist und sich in solchem Masse der Beschönigung widersetzt wie der Tod? In „Blaueule Leid“ hat der Dichter sich diesem Thema vollauf gewachsen erwiesen.
Während er versucht, sich schon jetzt so zu sehen, „tel qu’en lui-même l’éternité le change“, verbindet Kittner Nüchternheit mit Schmerz, Kunst mit Zerrissenheit. Nirgends aber finden wir ihn dermassen in effigie wieder wie in jenen denkwürdigen Versen, in denen er in geraffter Rückschau auf seinen Lebensweg im Einklang mit einer verletzlichen, aber tiefveranlagten Seele steht und ganz und ungeteilt vor uns hintritt:

Ich steige tief in mich hinein,
Ich fliehe weit aus mir hinaus,
Mit Asche trink ich meinen Wein,
Aus Nesseln baue ich mein Haus,

Mit Schatten steh ich im Verkehr,
Mit Galle siegle ich den Bund;
Die Wege führen kreuz und quer;
Ich gehe irr mit stummem Mund.

In einem der letzten Gedichte dieses Bandes aber, in der bisher unveröffentlichten „Stummen Antwort“ – vielleicht einem der stärksten Gedichte Kittners – klingen Abschied und Blick in die Zukunft seltsam und erschütternd zusammen; Abgeklärtheit, mioritische Weisheit dem Tod gegenüber, Erschauern vor seinem Geheimnis – und dieselbe, die immerwährende tiefe Liebe zum Leben:

Ich frage mich, ich frage dich,
doch die Antwort kommt, von wo anders her,
und ich verstehe die Rede so schwer,
ich kann so schwer dieses Wort verstehn
vom Heimwärtsgehn:
es rauscht wie das Meer
zu nächtiger Stunde,
es raunt wie die Erde
mit schwarzem Munde,
es ängstet so schwer, es lockt so sehr,
es ist die alte vergessene Mär,
die alte, vergessene Kunde,
die alte verhehlte vergessene Wunde,

… Die Stimme wächst wie ein Schweigen dicht,
wie ein aus der Erde spriessendes Licht:
sie sagt mir, dass ich gesunde.

Dieses tiefinnerste Gefühl der Lebensverbundenheit prägt auch dem Abschlussgedicht des Bandes (1972 in Wien entstanden), der „Enttrümmerten Zeit“, seinen Stempel auf:

… zelte aus grünendem laub
mauernischen von heilgen entblösst
zillen geruhsamer fahrt
breiten sich dar dem
der die zeit überwand
überwindend sie überdauert
und zum strahl sich erhebt…

Marianne Şora, Vorwort

 

Fakten und Vermutungen zum Autor

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.