Alfred Kittner: Hungermarsch und Stacheldraht

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Alfred Kittner: Hungermarsch und Stacheldraht

Kittner-Hungermarsch und Stacheldraht

DIE SCHULE DES TODES

Was hier in diesem Buche steht,
Es ist ein klappernd Alphabet.
Wir lernten sterben und verwesen
Und können es drum fließen lesen.

Wenn mich der Tod zur Tafel ruft,
Das A ist Grab, das U ist Gruft.
Muß ich zur letzten Stunde gehn,
Werd ich die Prüfung wohl bestehn.

Es hat der Tod sich nicht gescheut
Und seine Schrift uns eingebleut,
Und daß wir auch die Ziffern kennen,
Ließ er sie auf die Haut uns brennen.

Erlöse uns von allem Übel:
Das buchstabier ich in der Fibel
Des Todes nun schon mühelos,
Steh vor dem Rost ich nackt und bloß.

 

 

 

Vorwort

Die deutsche fortschrittliche Dichtung in der Rumänischen Volksrepublik, die seit der Befreiung des rumänischen Volkes am 23. August 1944 eine sehr beachtliche Entwicklung zu verzeichnen hat, ist nicht traditionslos in Erscheinung getreten. Selbst wenn man von der großen Gestalt eines Vorgängers wie Nikolaus Lenau absieht – die der deutschen Dichtung dieses Landes höchstens durch den Zufall der Geburt angehört –, läßt sich eine zureichende Anzahl von Namen aufzählen, um den Anspruch auf eine solche Tradition zu rechtfertigen: die Beiträger zum Liederbuch der Siebenbürger Deutschen von 1848 und Ludwig Adolf Simiginowicz-Stauffe, den Angehörigen der Wiener akademischen Legion und Übersetzer von rumänischen Haiducken- und ukrainischen Haidamakenliedern; Josef Marlin, den Kämpfer der ungarischen Revolution und Dichter eines unvollendeten Horia-Romans und der Freien Sonette; Friedrich Krasser, den furchtlosen Streiter für Freidenkertum und gegen Obskurantismus und Geistesknechtung; Josef Gabriel den Ältern, den Banater Bauerndichter; Nikolaus Schmidt aus Siegmundhausen bei Arad, den Dichter der revolutionären Dudelsacklieder und kecker satirischer Dorf- und Bauernkomödien; und in unserem Jahrhundert Sylvius Hermann, dessen Nachlaß 1938 im Malik-Verlag, London, erschien, und den unvergeßlichen Kubi Wohl aus Ţibău bei Cîrlibaba, den Sänger des revolutionären Proletariats und hellhörigen Künder der „Schritte“ der siegreichen Armeen der Revolution.
Es hat daneben – und besonders in der Zeit des verhängnisvollen faschistischen Zwischenspiels unserer Zeitgeschichte – noch eine Anzahl von Dichtern gegeben, die, obwohl von durchaus fortschrittlicher und antifaschistischer Gesinnung, in ihren Dichtungen zeitferne und zeitfremde Themen bevorzugten. Diese Flucht vor einer verhaßten Wirklichkeit in die Vergangenheit, das Zeitlose oder Imaginäre, war eine typische Zeiterscheinung und nicht nur auf das Schrifttum unseres Landes beschränkt. Wenn man bedenkt, daß selbst ein so furchtloser und kampferprobter Zeit- und Kulturkritiker wie Karl Kraus einer Auseinandersetzung mit dem Hitlerfaschismus auswich und das Heil beim „kleineren Übel“, der österreichischen Heimwehr, suchte, daß ein so ausgesprochen freiheitlicher und weltoffener Dichter wie Franz Werfel heillos dem Mystizismus verfiel, daß Dichter und Schriftsteller wie Kurt Tucholsky, Ernst Toller, Stefan Zweig, Walter Hasenclever, Ernst Weiß und manche andere im Freitod einen Ausweg aus der Hölle suchten und fanden, so kann es nicht wundernehmen, wenn von so zartbesaiteten Naturen, wie es Lyriker sind, viele den ironisch gemeinten Ratschlag Heines „Aber halte deine Dichtung nur so allgemein wie möglich!“ als Rettungsanker ergriffen. Manche dieser Dichter zogen dann, als der zur Weltpest herangereifte Faschismus sein wahres Gesicht herausgekehrt hatte, die unausbleibliche Konsequenz und verstummten völlig; einige wenige fanden den Weg einer radikalen Umkehr. Von diesen hat einer der begabtesten, Alfred Kittner, in den Jahren des verbrecherischen Hitlerkriegs gegen die Sowjetunion, einen Gedichtband gestaltet, der zu den erschütterndsten und stärksten dichterischen Bekenntnissen über jene Zeit gehört. Um diese Umkehr zu bewirken, dazu bedurfte es eines Anlasses von nicht alltäglicher Furchtbarkeit, und des Erlebnisses, das dieser Anlaß ausgelöst hatte. Und davon soll hier zunächst die Rede sein.
Die Barbarei und unsagbare Schmach des Faschismus, die von einem Auswurf der Menschheit über diese Menschheit heraufbeschworen worden war, hatte auf ihrem Körper unauslöschliche Spuren der Zerstörung hinterlassen. Allgemeine Verrohung und Verwilderung, ein künstlich hochgezüchtetes Untermenschentum hatten breite Massen der Völker erfaßt und eine Atmosphäre geschaffen, in welcher der Menschenschlächter, der Folterknecht, der Schinder und Schänder als ehrenwerte Berufe galten und die Tatsache der „Liquidierung“ von Millionen Menschen in Gaskammern und Verbrennungsöfen als eine Selbstverständlichkeit hingenommen wurde. Das Unvorstellbarste an diesem höllischen Grauen aber ist, daß es durchaus nicht für alle Zeiten von uns gebannt wurde: es wirkt fort. Gleichzeitig aber wird von gewisser Seite nichts unterlassen, um die vergangenen Greueltaten vergessen zu machen, und diesem Bestreben kommt eine Schwäche der menschlichen Natur entgegen, die gerne sieht, daß über unangenehme Erinnerungen der Schleier der Vergessenheit gebreitet und darüber zur Tagesordnung übergegangen werde.
Demgegenüber muß es der Wunsch jedes fortschrittlich gesinnten Menschen sein, daß die Erinnerung an die Greuel des Faschismus noch lange im Gedächtnis der Nachwelt, und vor allem der Jugend, wachgehalten werde, zur Abschreckung und Warnung, damit sich solche Dinge niemals wiederholen können und damit das Andenken der Millionen Gemordeten, Gefolterten Geschändeten von der Menschheit für immer bewahrt werde. Und was könnte diesem Anliegen vollkommener und vorbildlicher dienen als Bücher, welche die furchtbare Wirklichkeit im Spiegel des eigenen Erlebens wahrhaftig und künstlerisch gestalten? Man komme uns nicht mit dem Einwande, daß es angesichts des stürmischen Rhythmus, in dem sich der Aufbau des Sozialismus in unserem Lande vollzieht, und des vollen Einsatzes aller unserer Kräfte und Fähigkeiten, die er von uns fordert, genug brennende Probleme der Gegenwart gibt, als daß wir uns mit der Vergangenheit befassen dürften. Wir werden niemals mit unserer Gegenwart fertig werden, wenn wir jene Vergangenheit nicht völlig abgetan haben. Denn faschistische Greuel sind leider keine abgetane Angelegenheit der Vergangenheit, sondern eine akute Bedrohung der Gegenwart und unserer Zukunft. Sie vergessen wollen, heißt, ihre Gefahr unterschätzen!
Nun ist es auf den ersten Blick geradezu überraschend, festzustellen, wie wenige dichterisch gestaltete Erinnerungsbücher die Jahre der faschistischen Vernichtungslager gezeitigt haben. Die Erklärung ist sehr einfach. Nur eine Minderzahl von Menschen hat diese Hölle überlebt. Und die Materie des Erlebnisses ist von solcher Art, daß die Wirklichkeit alle Möglichkeiten der Darstellung an Gewalt und Furchtbarkeit weit überbietet. Hier wird eine Phrase, eine Blume des Zeitungsstils, zur entsetzlichen Wahrheit: die Feder sträubt sich, solche Erlebnisse in Worte zu fassen.
Um so größere Wichtigkeit muß einem Werke beigemessen werden, das nicht nur den Versuch unternimmt, das Unsägliche Wort werden zu lassen, sondern dies auch noch in der erlesenen Form des Gedichtes tut. Ein in deutscher Sprache dichtender Häftling eines Vernichtungslagers hat die unglaubliche Kaltblütigkeit, seelische Kraft und Selbstentäußerung besessen, inmitten des ihn stündlich bedrohenden Todes sein Erlebnis des Vernichtungslagers in die Form vollendeter Verse zu bannen, als ein leuchtendes Beispiel menschlichen Willens zur Selbstbehauptung, und der Weigerung, vor den Mächten der Vernichtung zu kapitulieren. Diese Gedichte zeigen erschütternd und unumstößlich, in welchem Abgrund, in welchen Niederungen menschlicher Verlorenheit und Verlassenheit noch die gläubige Zuversicht an den Sieg des Lebens, ja sogar noch ein Restchen, ein Schimmer Lebensfreude gedeihen können. Dieses Buch ist deshalb einzig in seiner Art: aber bevor wir uns eingehend mit ihm befassen, müssen wir zunächst die Umstände und Voraussetzungen näher betrachten, unter welchen es geschaffen wurde.

*

Am 11. März 1942 unterzeichnete in Berlin der damalige Beauftragte des Reichsministers für die besetzten Ostgebiete und heutige Ministerialdirigent der deutschen Bundesrepublik Dr. Bräutigam einen Akt, der wie folgt aussah:

Der Reichsminister für die besetzten Ostgebiete Nr. 1/602/41 geh.
D III 238
An das Auswärtige Amt Berlin W 8 Wilhelmstr. 72–76
Berlin W 35, den 11. März 42 Rauchstrasse 17/18
Geheim:
Stempel: Auswärtiges Amt D III 260 g
eing. 13. März 1942

Betr. Abschiebung von rumänischen Juden am Bug.

Unter Bezugnahme auf die Besprechung mit Legationsrat Rademacher und Obersturmbannführer Eichmann mit meinem Sachbearbeiter Amtsgerichtsrat Dr. Wetzel, übersende ich Ihnen in der Anlage Abschrift der Vereinbarungen von Tighina vom 30. August 1941 mit der Bitte um getl. Kenntnisnahme. Ich verweise insbesondere auf Ziffer 7 der Vereinbarungen. In meinem Schreiben vom 5. März 1942 habe ich hierzu bereits Stellung genommen.
Im Auftrag

gez. Dr. Bräutigam Siegel – Beglaubigt gez. Unterschritt Regierungsinspektor

In diesem Aktenstück fällt zunächst das ausgesprochen erbärmliche Deutsch auf, in dem sich diese Nazigewaltigen auszudrücken pflegten, die bekanntlich alles beherrschten, außer ihrer Muttersprache. Aber diese Erbärmlichkeit reicht nicht an die Gesinnung heran, die sich hinter der Sprache verbirgt. Denn in dem Aktenstück handelt es sich um den Evakuierungsbefehl für Zehntausende von Menschen zur „Liquidierung“ in den Wäldern am Bug. – Also eine Bluthochzeit, wie das bei einem Dr. Bräutigam nur natürlich ist. Diese Aktion sollte auf Grund eines „Freundschaftsvertrags“ zwischen der Hitlerregierung und der faschistischen Antonescu-Regierung durchgeführt werden. Und sie wurde auch großenteils durchgeführt: mit rücksichtsloser Brutalität erfolgte die Aushebung und Evakuierung dieser Unglücklichen. Männer und Frauen, Greise und Kinder, Schwerkranke aus Spitälern und Insassen der Irrenhäuser wurden über Nacht „stellig gemacht“ und, auf den Bahnhöfen in Viehwaggons gepfercht, in die Richtung des berüchtigten („Transnistriens“) – des von Rumänien während des verbrecherischen Krieges besetzten Gebietes zwischen Dnjestr und Bug – abgeschoben. Nach Übersetzung des Dnjestr aber mußten die Deportierten den Rest des Weges bis zu ihrem Bestimmungsort im Fußmarsch zurücklegen, wobei es zu unerhörten Greuelszenen kam: es wurde ein Gemetzel angerichtet, dem Tausende der Unglücklichen zum Opfer fielen. Und am Endziel ihres Leidensweges erwartete die Deportierten der sichere Tod.
Unter den Deportierten, die dieses Schicksal erwartete, befand sich auch ein deutscher Dichter aus der Bukowina. Alfred Kittner, geboren am 24. November 1906, hatte sich schon lange vor dem zweiten Weltkrieg als Dichter und Publizist in Rumänien und im Auslande einen ausgezeichneten Namen geschaffen. Als Mitarbeiter einer linksgerichteten Tageszeitung hatte er sich in den Dreißigerjahren durch seine Berichterstattung über Kommunistenprozesse und Kommunistenmißhandlungen das Mißfallen der offiziellen Kreise im bürgerlich-gutsherrlichen Rumänien zugezogen. Im Jahre 1938 hatte er den Gedichtband Der Wolkenreiter veröffentlicht, der seinen bei Kennern deutscher Dichtung schon längst gesicherten Ruf eines unserer wertvollen deutschen Lyriker im Urteil einer breiteren Lesergemeinde festigte. Schweizer und Prager Zeitungen – denn im Hitlerdeutschland durfte damals ein deutscher Dichter wie Kittner nicht zu Wort kommen – äußerten sich besonders anerkennend über diesen Gedichtband und prophezeiten seinem Verfasser eine glänzende Entwicklung. In der Folge wurde Kittner, als einziger deutscher Dichter Rumäniens, Mitarbeiter an der von Johannes R. Becher In Moskau herausgegebenen Internationalen Literatur, Deutsche Blätter, wo eine Anzahl seiner Freiheitsdichtungen erschien. Becher erbat auch die Mitarbeit Kittners an einer von ihm geplanten Puschkin-Ausgabe: einem Unternehmen, das zunächst der Ausbruch des zweiten Weltkrieges zerschlug.
Was Wunder also, daß sich der Haß und die Rachgier der rumänischen faschistischen Behörden, als es dann zur Deportation kam, gegen diesen Dichter entluden! Für ihn gab es nicht das „Gnadenmittel“ der Ausnehmung von der Deportation, denn Kittner stand schon längst auf der schwarzen Liste der faschistischen „Sigurantza“: er mußte den Leidensweg aller Deportierten in seiner ganzen Unmenschlichkeit und Härte auskosten.
Zwei Jahre lang hat Alfred Kittner dies in seiner phantastischen Furchtbarkeit, seinem zum Alltag, zur Gewöhnlichkeit erstarrten Grauen geradezu unwahrscheinliche Leben eines „Deportierten am Bug“ ertragen müssen, bis ihm durch den Vormarsch der sowjetischen Befreiungsarmeen die Stunde der Erlösung schlug. Der vorliegende Gedichtband ist ein Tagebuch, ein Logbuch dieser Hölle. Hier haben wir es, das kollektive Erlebnis des Leidens und des Sterbens in einem Grenzland zwischen Leben und Tod, das dem Traum verwandter ist als der Wirklichkeit. Der Hunger, die eisige Winterkälte in Räumen, deren Fenster keine Scheiben haben, der starrende Schmutz, die Läusesucht, die Promiskuität, der Verlust jedes natürlichen Schamgefühls; der Hungertyphus und die Abtötung des Gefühls durch das viele Sterben, die sogar den Leichnam des geliebtesten nächsten Angehörigen als einen lästigen Kadaver empfinden läßt, der so rasch als möglich begraben werden muß, und zwischendurch als Leitmotiv die stündlich drohende Abberufung ins Jenseits durch die schlagmäßig einsetzenden Liquidierungsaktionen, welchen man sich rechtzeitig durch die Flucht entziehen muß, um dann an unzugänglichen, lebensgefährlichen Stellen eines Sumpfes tagelang als „Sumpfhuhn“ zu hocken, während Streifpatrouillen sorgfältig das Gelände absuchen: das sind einige Aspekte dieses Lebens. Kossoutzer Wald, Demidowka, Obodowka und Molotschna heißen ein paar Stationen der Leidenspilgerschaft. Aber diese Namen wären irreführend, wollte man das große und grausige Erlebnis, das die Grundthematik des Gedichtbandes bildet, bloß auf Örtlichkeiten beziehen. Die Namen stehen für Hunderte anderer Namen hier und anderswo, wo Menschen von Menschen gleiche Schmach und Qual erdulden mußten. Dieses Gedichtbuch ist kein Tatsachenbericht über bestimmte Ereignisse an bestimmten Orten, sondern die Aussage eines Menschen über seine Zeit und seine Anklage gegen, sein Gericht über eine gesellschaftliche Ordnung, die sein und unzähliger anderer Menschen furchtbares Schicksal verursacht hat. Man wird daher vergeblich in diesem Gedichtbuch die aktenmäßige Aufzählung sämtlicher Erlebnisse eines Deportierten suchen. Die Wirklichkeit dieses Buches ist nicht so sehr die Wirklichkeit des Konzentrationslagers, als vielmehr die Wirklichkeit eines Menschen, der sich gegen das Konzentrationslager wehrt, der sich in ihm behaupten will gegen alle Mächte der Vernichtung, der das Leben bejaht gegenüber der auf ihn von allen Seiten anstürmenden Drohung des Todes. Und das macht den ganz besonderen Wert dieses Gedichtbuches, seine unverwechselbare Eigenart aus.
Hungermarsch und Stacheldraht: Verse von Trotz und Zuversicht, lautet der sehr bezeichnende Titel des Bandes, der sich in vier, thematisch ziemlich scharf abgegrenzte Zyklen gliedert. Es ist sehr zu beklagen, daß viele wichtige Gedichte Kittners, welche die Thematik dieses Bandes wertvoll ergänzt und erweitert hätten, während der Deportation unwiederbringlich verlorengegangen sind. Doch wir müssen nun zunächst den dichterischen Weg Kittners verfolgen, der ihn bis zu diesem Bande geführt hat.
Wenn wir die Entwicklung des Dichters Alfred Kittner von seinen ersten zeitfremden und wirklichkeitsabgewandten Versen bis zu den wuchtigen Rhythmen des unverhüllten Berichts und der Anklage aus dem Todeslager überblicken, so finden wir bei tieferer Betrachtung, daß auch der Weg dieser Entwicklung ein sinnvoller und organischer gewesen ist. Schon der Umstand, daß von allem Anbeginn das Volksliedhafte, Volkstümliche die Grundform seines Gedichts gebildet hatte, ist eine Ankündigung dieser Entwicklung. Aber darüber hinaus zuckt überall in den Gedichten seines ersten Bandes Der Wolkenreiter die Erkenntnis auf, daß den Dichter andere Stimmen, andere Aufgaben rufen. „Was singst du Sternen, Narr, dein Lied! Vergaßt du, wie der Sommer blüht?“ heißt es in seiner Nachtschwärmerklage“. Und „Hinaus auf die kalten Straßen! Die Welt ist unser Zuhaus“, mahnt es ihn. Oder die Hitlerepoche wird („Ostern 1933“) vom Dichter in einer Strophe wie dieser vorweggenommen:

Nun kläfft der Hungerwolf rauh durch das Land.
Das Blut der Opfer tränkt rauchend den Sand.
Zu Bergen häuft sich Gebein auf Gebein.
Es läuten die Glocken den Lenz nicht ein.

Der Dichter ist sich manchmal dessen bewußt, wo sein eigentlicher Platz ist. So kalt ist’s um mich her, / Ich will die Welt erreichen“, klagt er in seinem „Wolkenreiter“. Und „Nun reit ich immerzu / Auf bösen Schwingen“. Oder „Die Augen geschlossen, / das Ohr entrückt / Den Stimmen des Tages… Einst wird es wieder / Erlöst aus mit singen…“ Und wie ergreifend die Klage:

In endlos schwarze Nacht bin ich getan,
Wo längt der Weg, wo fängt mein Weg nur an?
…………………………………………………………………
Wie eine Mauer starrt das Dunkel schwer:
Mein Weg verlor sich in ein Schattenmeer…

Und:

Hab heut Leiden viel, wenig Freud gesehn,
Wirre Straßen hat mein Fuß durchmessen…

Die Abkehr von der Wirklichkeit führt bis zur Problematik des Existenzbewußtseins:

Und mitten in meine tägliche Welt
Finde ich plötzlich so fremd
Und kalt wie ein Ding mich hingestellt
In meinem frierenden Hemd.

Dann kündet sich, fast schüchtern, dies andere, Entscheidende an:

Und als wir durch schäumende Städte geschritten,
Haben wir mit allen Namenlosen gelitten…

Und es tagt:

O sanftestes Morgen! So leise erstirbt der Nacht
Bedrückende Trauer. Des Tages jauchzende
Kindheit streckt blühend sich hin auf die Flur
…………………………………………………………………
Hebt strahlend zu schreiten an
Der Tag mit melodischem Wandel…

Nun ist der Weg frei in die andere Welt: die Welt der Gemeinschaft mit den Menschen. Dieser Weg führt durch die Todesnacht des Vernichtungslagers zur Wiedergeburt.

*

Der erste Zyklus seines Buches „Vom Steinbruch führt kein Weg zurück“ bringt das, was man den Rohstoff des Deportations- und Lagererlebnisses nennen könnte, Rohstoff natürlich nur im Sinne des unmittelbaren Erlebnisses, denn die dichterische Form Kittners ist auch bei diesen Gedichten ebenso vollendet wie bei allen übrigen. Schon hier spricht uns eine der Haupttugenden seiner Dichtung sehr einprägsam an: das Fehlen aller journalistischen Elemente, die schlichte, am Vorbild des Volksliedes geschulte Lapidarität der Aussage, die der zuchtvollen Form und dem leidenschaftlichen Pathos keinen Abtrag tut, und die kunstvolle Verwendung von Akzentverschiebungen im Rhythmus zur Herausarbeitung gewisser Stimmungen. Kittner ist einer unserer reinsten und verhaltensten Dichter: jedes Abgleiten in die Phrase, ja in tönenden Schwung ist ihm fremd, und er sagt immer mehr, als er ausspricht. Das erweist sich besonders deutlich in diesem ersten Zyklus, wo er sehr oft das gehäufte Grauen und das Ekelerregende schildern muß („Die Irren“, „Friedhof Obodowka“); in der kühlen Sachlichkeit und, möchte man fast sagen, objektiven Gegenständlichkeit der Schilderung der von Deportierten erlittenen Schmach körperlicher Züchtigung („Fünfundzwanzig“).
Aber, das gleiche Gedicht, und manche andere dieses Zyklus (in: „Molotschna“, „Trotz und Zuversicht“), weisen noch einen anderen Zug auf, der dies Gedichtbuch dichterisch und menschlich turmhoch über alle bekannte KZ-Literatur stellt: eine mannhafte Haltung, Trotz, Widerstand und Auflehnung gegen das Ungeheuerliche, einen ungebrochenen Kampfeswillen, der sogar Hitler, den Hauptschuldigen alles Geschehens, anspricht und ihm die längst fällige Abrechnung verheißt.
Man müßte, um allen hier geschilderten Aspekten des Erlebnisses gerecht zu werden, sämtliche Gedichte zitieren, deren jedes, auf seine besondere Art, ein Stück der Deportiertenhölle schildert.
Als Ausklang beschwört eine kleine Gruppe „Lieder im Volkston“ Augenblicksbilder und Erlebnisse, die in den Deportierten besonders stark fortwirken.
Der Zyklus „Tagwerk des Todes“ umfaßt dann den innersten Kreis des Deportiertenerlebnisses, jenen Teil dieses Erlebnisses, der mit der Wirklichkeit des Lagers unmittelbar nichts zu tun hat, sondern diese Wirklichkeit geradezu durch Beschwörung von Bildern einer entrückten glücklicheren Zeit auszulöschen sucht, oder, als ein Mittel zur Selbstbehauptung und um in das Inferno ein Restchen Lebensfreude zu retten, die unscheinbarsten Dinge dieses grausigen Alltags mit einem goldenen Schimmer der Poesie verklärt. („Danklied des Verbannten“). In der Schlichtheit der hier vereinigten Gedichte findet der Dichter die ergreifendsten und erschütterndsten Töne für den dem Menschen eingeborenen Willen zum Leben, zum Glück und zur Freude:

Ihr kleinen Erdendinge, habet Dank,
Solang ihr um mich seid, wird mir nicht bang.
……………………………………………………………………….
Und euer Anblick hat zu diesem Leben
Auch dem Verbannten neue Kraft gegeben…

Ein aus den Feldern herüberwehender Ton einer Mundharmonika, die unschuldige Schönheit schlichter Kressen am Wegrand, die Erinnerung an alte Brunnen und alte Häuser, die man irgendeinmal irgendwo gesehen hat, alles trägt dazu bei, um den Abgrund zu erhellen, in dem das Leben des Lagers verläuft. Oft sind es auch nur Traumerlebnisse des früheren Daseins, eine „Geträumte Heimkehr“, eine Nachtwanderung in alter Zeit, die in ihrer Stimmung seltsam den Hungermarsch des Deportierten vorwegnimmt, und vor allem der sonderbare „Wolkenreiter“, das erschütternde Gleichnis des Unbehaustseins und der endlosen Wanderschaft, bis den in Landschaften und Stimmungen entrückten Dichter eine tiefere Stimme eindringlich mahnt:

Der Zeiten Wirrnis fand dich nicht gerüstet,
Der du mit Mut und Jugend dich gebrüstet;
……………………………………………………………………
Hörtest du nicht, wehklagend aus den Tiefen,
Der Brüder Stimmen, die zur Tat, dich riefen?

„Schauer aus verwehten Tagen“ heißt der dritte, kürzere Zyklus, der eine Anzahl von zarten Erinnerungen und wuchtigen Visionen phantastischer Erlebnisse und Zustände als Spiegelungen des irrsinnigen Geschehens der Gegenwart, vereinigt. Manches dieser Gedichte wie „Kindheit“, „Der gekreuzigte Löwe“, „Die Nebeltränke“ prägen sich dem Leser unverlierbar ein, aber alle tragen sie das Siegel der Meisterschaft in Inhalt und Form. Ein erschütterndes Gleichnis des Deportierten-Daseins ist die Vision vom „Abend der Aussätzigen“.
Der vierte und letzte Zyklus „Und immer leuchtet noch der Stern“ bringt dann die Auflösung der Dissonanz, die den Grundakkord des Buches bildet, in die selige Gewißheit des Lichtes, der Erlösung und der Freiheit. Eine trunkene Schau von Landschaften und Naturhymnen zieht am Auge des Lesers vorüber, aus allen Zeilen atmet stürmischer Jubel, Glück, Freude am Dasein und das ahnungsvolle Bewußtsein von einem schöneren, besseren Leben, einem Leben der Gemeinschaft, des Friedens und der schöpferischen Arbeit, in welchem es keine Todeslager mehr geben wird. Und wenn im Ausklang des Buches Pan, aus tausendjährigem Schlaf erwacht, sich auch dem Rhythmus der Arbeit einer neuen Zeit einordnet, so bildet dies Gedicht bereits den Übergang zur Thematik eines neuen Buches, des Buches der neuen Zeit und des neuen Lebens in unseren Tagen, eines Buches, das uns der Dichter hoffentlich nicht schuldig bleiben wird.
Wir wollen Alfred Kittner dankbar sein dafür, daß er es als erster vermocht hat, ein dunkles Schuldkapitel der vergangenen Epoche als Warnung und Mahnung der Gegenwart und Zukunft so vollkommen im Gedichte zu beschwören. Daß er dies Buch heute veröffentlichen kann, ist eine Gewähr dafür, daß sich solche Dinge niemals wiederholen werden.

Alfred Margus-Sperber, Vorwort, Frühling 1956

 

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