Alfred Kolleritsch: In den Tälern der Welt

Kolleritsch-In den Tälern der Welt

DURCHBLICK

Eines jeden Stern
als Sinn auf
gelben Zungen!

Dem Himmelskniefall
fehlt die große Geste,
der leeren Brust
das Glockenläuten.

Die Rippenbögen
finden den Raum nicht,
keine List
läßt die Ritze offen.

So fallen Blätter,
und es ist nichts als Fallen,
unter dunklem Himmel
gleichgeworden.

 

 

 

Alfred Kolleritsch: In den Tälern der Welt

Alfred Kolleritsch, der manuskripte-Herausgeber, Jahrgang 1931, zieht Zwischenbilanz:

Der Abschied belebt, das Reifen glückt,
der Tod beginnt zu erzählen, nie schöner
sind die Farben. Er zieht den Weg.

Was bleibt? „Er“, der im Mittelpunkt steht, ist jedenfalls nicht aufzuhalten. Wer? „Sein Name: der Herbst.“ – Wie in diesem Gedicht, das den Titel „Zum Bleibenden“ trägt, zieht sich das lyrische Ich in den Gedichten von Alfred Kolleritsch häufig aus den Tälern der Welt ganz zurück in die Zeichen der Sprache, in schillernde, oszillierende Wort-Welten, die das Denken über die Welt „Draußen“ (so ein weiterer Gedichttitel) erst in Gang setzen.
Eine Aufforderung zum Mißtrauen, mehr denn je, zum Mißtrauen der Welt, aber auch der Sprache gegenüber:

Wir zerknüllen Klagen,
Liebesworte reichen,
Lügen.

Kann doch ein einziges Enjambement schon Irritationen auslösen, über einen Genitiv oder Dativ beispielsweise, und damit unter einem über die Welt wie über die Sprache:

als hätte die Welt
der Sprache Falsches gesagt

Kolleritsch beobachtet mit Argusaugen auch das Dichterwort, das die Welt ersetzt und nicht die Welt, sondern lediglich sich selbst erhellt.
Schon die Titel dieser Gedichte verweisen permanent auf beide Welten, auf die poetische und auf die reale Welt. „Metapher“, „Flucht“, „Gleichnis“, „Erschöpfung“, „Kein Zeichen“. Immer aufs neue, das kann in Kolleritsch-Texten kaum verwundern, werden dabei Prätexte zitiert oder paraphrasiert und zum Anlaß genommen für Reflexionen über das, was gewesen ist und was bleibt. Wo das lyrische Ich hingegen darüber hinaus auch noch ins Erzählen verfällt, dort verstrickt es sich hin und wieder in einer Geheimschrift, die beinahe alle Zugänge zu den Gedichten resolut absperrt.
So bleibt oft nur, sich über einzelne Wörter, die Verbindungen stiften zwischen einzelnen Texten, mühsam neue Zugänge aufzuschließen; z.B. über Wörter wie: zerbrechen, zerbröckeln, zerfallen, zerfasern, zerreißen, zerschellen, zerschmettern, zerstören. So allerdings wird bald sichtbar, daß zum „Bleibenden“ als weiteres Schlüsselwort dieser Gedichte die .Zerstörung„ hinzukommt. Und so ist schließlich nicht zu übersehen, daß diese Gedichte nie die einmal begonnene Denkbewegung beenden, sondern sie weiter und weiter führen. – Es empfiehlt sich, das letzte und zugleich längste Gedicht der Sammlung, Hinterherlaufende Zukunft, als erstes zu lesen und während der Lektüre der übrigen Gedichte nie vorschnell aufzugeben. Die Gedichte empfehlen, sogar wenn sie das Verlöschen thematisieren, nichts anderes: nie aufzugeben in den Tälern der Welt.

Johann Holzner, Deutsche Bücher, Heft 2, 2001

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Hans-Jürgen Heinrichs: Vom Flug der Wörter ins Weite
Süddeutsche Zeitung, 7. 7. 1999

Maria Renhardt: Einblicke, Durchblicke, Augenblicke, Anblicke
Die Furche, Wien, 22. 7. 1999

Beatrice von Matt: Viel Spreu, wenig Weizen
Neue Zürcher Zeitung, 8. 9. 1999

 

für Alfred Kolleritsch

er wolle mit mir noch bis dahin gehen, wo die Grenze zwischen Schatten und Sonne sei, die eingeschriebenen Garnituren werfen den schrägen Schatten, als wir im Zeitlupenverfahren und bei vergrößerter Nähe vorüberstreifen. Ich könnte ihn später vielleicht noch einmal sehen von der Brücke aus, wo ich vorüberkommen würde auf meinem Weg nachhause, während er in der Bahn darüber hinwegbrausen würde. Wir sprechen von unbedeutenden Dingen, und während wir sprechen, sehen wir einander kaum an, eine große Nähe, als höre jeder nur auf das Selbstgespräch des anderen, manchmal schweigen wir lange. Wir sitzen dann neben einander, lehnen unsere Schultern an einander, lehnen unsere Köpfe an einander, ein weißer gekräuselter Wolkenstrang teilt den Himmel und löst sich auf. Nämlich das ungezierte Sehen.
Das ungezierte Sehen, und bei vergrößerter Nähe die Regungen unseres Gemütes vor unseren Augen ablaufen sehen, von unbekannter Hand an eine riesige Flimmerwand geworfen. Er schreibt mir am 19.8., er habe mich auf einer alten Photographie gesehen, er habe mich angesehen, er habe mich lange angesehen und gerne angesehen. Ich schreibe zurück, ich sehe ihn schon viele Jahre an, die längste Zeit, und ich verstehe am besten sein Schweigen, seinen philosophischen Eros, seine Nachdenklichkeit, seine Melancholie.
Wir haben eine fast jenseitige Freundschaft geschlossen, schreibe ich ihm, ein fast jenseitiges Freundschaftsverhältnis, und es möge ihm lange wohlergehen.

Friederike Mayröcker, September/November 1990, aus Friederike Mayröcker: Magische Blätter IV, Suhrkamp Verlag, 1995

 

Zum 75. Geburtstag des Autors
Zum 80. Geburtstag des Autors
Fakten und Vermutungen zum Autor + KLG
Porträtgalerie

 

Präsentation des Lyrikbandes Es gibt den ungeheuren Anderen von Alfred Kolleritsch im LITERATURHAUS GRAZ am 5.2.2013.
Ausschnitte aus der gemeinsamen Lesung von Alfred Kolleritsch und dem Grazer Schauspieler Daniel Doujenis.

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