Alfred Kolleritsch: Einübung in das Vermeidbare

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Alfred Kolleritsch: Einübung in das Vermeidbare

Kolleritsch-Einübung in das Vermeidbare

MEINEN EINFÄLLEN vertraue ich nicht.
Früher einmal saß man
mit eingebrochenem Brustkorb da,
es fing zu bellen an: ein heißer Zorn,
eine Wehleidigkeit
mit großen, abstehenden Ohren.

Jetzt
suche ich Spuren,
zertretenes Laub,
einen Menschen, der Fehler hat,
der mich quält,
der, wenn ich komme,
den zerbrochenen Deckel einer Dose klebt
und nicht aufsieht.

Freilich,
ich gewöhne mich nicht daran,
ich merke,
daß ich keine Gewohnheiten habe.
Das Innere von früher war geborgt,
draußen sind die Dinge verteilt,
irgendwer schüttet Poesie aus,
eine verschenkte Gelegenheit.

Ich sage zu mir:
die schweren Augendeckel waren dir lieber,
das Finden reizvoller
als das Suchen,
das gefundene Fressen
angenehmer als der Hunger.

 

 

 

Dreimal Selbsterfahrung im Gedicht

(…)

Aus der krassen Gegenposition kommen die Gedichte, die Alfred Kolleritsch seinem ersten Gedichtband Einübung, in das Vermeidbare (Residenz Verlag, Salzburg u. Wien 1978) mitgibt. Schon die erste Zeile,Meinen Einfallen vertraue ich nicht“, signalisiert eine Selbstanzeige, deren radikale und heillose Skepsis in den Gedichten konsequent durchgehalten wird.

Was geblieben ist,
sind Gedanken,
die keinen Körper trafen,
Anknüpfungswunden
für unzählbare Einstiche.

Alfred Kolleritsch, der 1931 geborene Steiermärker und in Graz lebende Gymnasialprofessor, debütierte nicht als literarischer Neuling. Er schrieb zwei Romane, Der Pfirsichtöter (1972) und Die grüne Seite (1974), und ist bekannt geworden als Herausgeber der beachtenswerten Grazer Literaturzeitschrift manuskripte. Das mag dazu beigetragen haben, daß Kolleritsch für seine Erstlingsgedichte in diesem Jahr in Siena der Petrarca-Preis verliehen wurde.
Der Laudator Peter Handke sprach in seiner Preisrede auf Alfred Kolleritsch von der „so kindlichen wie erwachsenen Philosophie“ dieser „mit Feuerzungen redenden Liebesgedichte“. Aber ich vermag in den Gedichten keine „kindliche Philosophie“ zu entdecken. Sie ist vielleicht ansatzweise oder als Erinnerung vorhanden, wird jedoch sogleich mundtot gemacht durch eine quälende Reflexion, erstickt an der „schweren Krankheit des Denkens“. Ansätze zur Spontaneität wie zu sinnlicher Konkretheit geraten sogleich in den Würgegriff eines intellektuellen Räsonierens. Kolleritsch weiß es: „dann schreibt man ins Leere“. Oder er schreibt in seiner immer etwas gehemmten, sperrigen Diktion:

Ich warte.
Im ausgetrockneten Teich
ist der Schlamm gefroren,
ich denke an diesen Teich,
der Teich ist eine riesige Spinne.

Ich warte,
wer weiß, daß ich warte?
Ich spüre die Gefäße im Hirn.

Es sind merkwürdige Gedichte, eigentlich ohne Atemraum, ohne das kommunikative Element, das Beziehung herstellt oder möglich macht. Auch die Liebesgedichte provozieren eher Liebefremdes, zur Liebe Unfähiges, das Stummwerden, „ein beendetes Spiel“. Übrig bleibt ein „an Sätzen würgen, / tonlos im Schrei, / der die Stimme / unserer Geschichte erstickt“. Alfred Kolleritsch zeichnet in seinen Gedichten das Psychogramm eines Mannes auf, der sein Isoliertsein geradezu zwanghaft beobachtet, der sein Un-Glück durch Wissen vorwegnimmt oder allenfalls fragt:

Wozu der Pferdesprung
ins Andere, Bessere,
in die Erdbeerfelder, von denen
ich träumte als Kind?

Vielleicht ist dies die eindringlichste Stelle seiner Gedichte, die nun doch etwas deutlich macht, das aufhorchen läßt. In der radikalen, ja quälenden Skepsis schlägt sich ein hohes Maß an Leidensfähigkeit nieder, das Leiden des sich selbst entfremdeten und dessen bewußt gewordenen Menschen, der unablässig reflektierend auf Spurensuche ist, um das Verlorene zurückzugewinnen. Die in der gebrochenen lyrischen Sprache Kolleritschs sichtbar werdende Leidensfähigkeit und eine noch aus der Verleugnung sprechende Sehnsucht legitimieren diese so unnaiven, so unkindlichen Gedichte, die auch dies sagen: „Hingesetzt auf diese Sandbänke / träumen wir von Steinen“ und „käme die Sonne, / ich würde nicht umschauen, / ich ginge dir nach“.

Eberhard Horst, Neue Rundschau, Heft 4, 1978

Einübung in das Vermeidbare

Dieses poetische Sprechen, Beschreiben, Erzählen, diese Stimme, sind verzweifelt ruhig. Alfred Kolleritschs Gedichte – nie, außer vielleicht in der Lyrik Ernst Meisters habe ich einen solchen Eindruck gehabt – sind ganz bei sich selbst, sind ganz auch das sie hervorbringende Bewußtsein. Sie scheinen immun zu sein gegen jede Übereinkunft, ja gegen die Realität selbst, obwohl sie doch ausschließlich von ihr handeln. Hier gibt es eine ganz selten gewordene Balance zwischen den Gewichten der Außenwelt und der Innenwelt, eine Balance allerdings, bei der man oft kaum zu atmen wagt, denn sie ist labil von Grund auf, ein dialektischer Schwebezustand, in dem alles, jede Behauptung, jede Bewertung rasch in ihr Gegenteil umschlagen kann. Die Sicherheit in diesem Sprechen ist das Ergebnis einer prinzipiellen Unsicherheit. Das Greifbare kann nur für den Moment ergriffen werden; jede Situation verändert es, verändert den Gedanken wie das Gefühl. Mit Disziplin bemüht sich Kolleritsch dennoch, Haltbarkeiten zu gewinnen, Erinnerungen aufzubewahren und ihnen damit die Würde, die Realität zu erhalten. Die Offenheit für kontemplative Ruhezustände und Anfälle macht alle Kategorien, alles schon Gewußte erst einmal ungültig. Kolleritsch hat die Nerven, zuzusehen, was sich da an Wahrheit sammelt in der Sprache, wie zum erstenmal. Er hat es deshalb auch nicht nötig, Verfremdung herzustellen mit Kunstverstand, mit irgendeiner, wie es so oft heißt, Schreibweise, deformierender Sehweise, vielmehr ist hier Verfremdung vorgegeben in der Konfrontation von Innen und Außen. Auch andere Etikettierungen werden an diesen Gedichten falsch: Sinnlichkeit etwa ist keine in die Texte transplantierte Sonderqualität, sie ist da, selbstverständlich, hat die Sprache durchdrungen, und als nichts Besonderes.

Erinnerungen können sich ausbreiten,
sie nehmen die Kälte
von Abbildern ab, ein Landschaftsprofil,
dessen Gesicht beginnt,
wo es aufhört.

So heißt es in einem Gedicht. Und ein anderes beginnt so:

Auf dem Familienbild der einzige sein,
der noch lebt,

Einige Gedichte, lange schürfende Versuche, die Kindheit zu erinnern, beschäftigen sich mit dem Elternhaus, mit den schweren grauen Zonen vergangener Epiphanien. Die schmiedeeisernen Nägel „rissen die Fußsohlen auf“, schreibt Kolleritsch.

Wer hier ging,
wurde verletzt, war gewarnt,
verletzbar zu bleiben.

Wie mit der Erinnerung, so ist es auch mit der Wahrheit eine Mühe und mit dem Verstehen. Verstanden werden die Zitate. Kolleritsch spricht von dem „Eis in den Anführungszeichen“, das die Sinne regiert, von Vorfahren, die tot aus dem Haus getragen wurden, von den Dienern, die starben ohne Aufbegehren, deren Lohn ein zu niedriger war, Fragen zu stellen.
Entscheidend aber: von all solchen Topoi gehen Konfliktmomente aus, wird das Bewußtsein infiziert. Die Ruhe ist nicht Gelassenheit, es ist die Ruhe einer tiefen Verstörung, ein Wahrnehmen wie unter Schockeinwirkung. Der Blick auf die Realität, der sich kaum je auf spektakuläre Vorfälle einläßt, nicht auf sogenanntes Konkret-Gesellschaftliches oder Politisches, hält sich an die winzigen, doch so erschreckenden kleinen Symptome. So entsteht eine poetische Disziplin, die ständig in Gefahr ist, unter dem allgemein für wichtig gehaltenen Kanon von Wirklichkeitsauswüchsen zu ersticken. Und doch ist diese Unterströmung von Realität in uns allen. Es sind unsere Enttäuschungen, unsere Leiden an uns selbst, an der Unzulänglichkeit des Bewußtseins, des Denkens, das, wie es bei Kolleritsch als anthropologische Anspielung steht, „eine schwere Krankheit ist“. Und ebenso ist es das Leiden an der Vernunft, die dem Bewußtsein in der Krise nicht mehr helfen kann, an der Liebe, die zu groß für uns ist, als daß wir uns ganz auf sie einlassen könnten, ohne zu verschwinden. Schließlich auch Trauer über die Abwesenheit des Absoluten, das erlebt wird wie eine ewige Gottesferne. Und wir können, wie die Königskinder im Volkslied, nicht zueinanderkommen. Die Fremdheit ist zwischen uns, die uns quält, die wir aber auch schon – so sind wir konditioniert – nötig haben.
Die Grenzen des Verstehenkönnens sind rasch erreicht; so als ob die Gefühle für sich bleiben, sich nicht vereinnahmen lassen wollten als Widerpart des Verstandes. Alle Grenzen sind rasch erreicht. In einem Gedicht heißt es:

Daß du da bist,
daß ich da bin
und die glühende,
schmelzende Grenze zwischen uns.

Aber später:

Dann, im Autobus,
starrst du wieder die Grenzen an,
die uns trennen.

Es ist schön, diese Gedichte nacheinander zu lesen in einer eigenen Ruhe. Sie brauchen Ruhe und große Bereitschaft des Lesers, seinerseits wahrzunehmen. Wie wichtig dann diese Formulierungen sind, die so gar nichts Ausformuliertes haben. Der Ausdruck der Trauer tröstet dann, und für eine Weile ist das Für-sich-allein-fühlen-müssen besiegt.
So ist dieser große Gedicht-Zyklus ein Weltgefühl aus Schmerz, aus Liebesverlorenheit und Liebesverlust, hinter dem Rücken der Welt. Kolleritschs Sprechen hat die Kälte der Fremdheit, es liegt darin der befremdete Hader gegen das Sosein der Zustände, aber auch eine wohltuende Wärme, die daher rührt, daß er nicht will, daß die Mühe ein Ende hat, die Bemühung und Sorge, daß die Sprache einer solchen Poesie, indem sie die Misere beschreibt, auch etwas verspricht und selbst einen Teil dieses Versprechens bereits einlöst.
Noch etwas: in Kolleritschs Gedichten, so scheint es mir, gibt es keinen Widerspruch mehr zwischen dem willkürlichen Schreiben und jenem unwillkürlichen Anteil an der Stimme, dem Seelenrumoren, das sich doch, stelle ich mir vor, mit dem Ingrimm der Sprache selbst verbündet.
„Das Spiel ist aus“, so lautet ein wiederkehrendes Motiv, das den kritischen Punkt des Denkens, der Existenz und des Bewußtseins davon bezeichnet. Auch der Tod ist enthalten in jedem lebendigen Reflex, wird sozusagen in Erinnerungen antizipiert. Der Tod ist unfaßlich gegenstandslos, aber Kolleritsch findet Chiffren dafür, Wunden wie von Geißelungen, Arrangements von Gegenständen, Schrecksekunden, die wie ein jähes Ende sind.
Meine Verlegenheit, diese Gedichte zu beschreiben, zu charakterisieren, ist groß. Es gelingt nur in dürftigen Annäherungen. Ihre Schönheit ist schwierig. Und es gibt nicht den geringsten Grund, damit in Gedanken fertig zu werden. Obwohl ich dieses Buch vier- oder fünfmal gelesen habe, habe ich noch immer nichts schwarz auf weiß, erkenne ich immer neue Assoziationen darin, andere Bewegungen, das immer andere.

Nicolas Born, aus Nicolas Born: Die Welt der Maschine, Rowohlt Verlag, 1980

Bloßlegungen

Daß einer Verse schreibt, dem die Welt nicht nur mißlingt, überrascht. Günter Eichs berühmte Zeile („unseren Freunden mißlingt die Welt“) erläutern sonst – immer anders wieder – fast alle lyrischen Texte der Gegenwart, nicht ausschließlich aber Alfred Kolleritschs Gedichte in Einübung in das Vermeidbare. Kolleritsch kennt und anerkennt einen Promotor ungespaltener Existenzerfahrung, den er in seinen gelungensten Strophen so in Sprache zu übersetzen weiß, daß Welt und Wort nicht mehr nebeneinander stehenbleiben, sondern mit einem erotischen Elan zusammenfahren. Er schreibt Liebeslieder, und Liebe wird zum Mittel der Erkenntnis und zur Geburtshelferin von Versen, von denen etliche, weit weg vom bloßen Zitat, nah am „heißen Ursprung“ (Elias Canetti) leben.
Da spürt man ein Drängen nach menschlicher Nähe, dem viele sonst nicht nachzugeben wagen in der fast programmatisch mißtrauisch gewordenen, von Themen der Wut und Einsamkeit geleiteten Lyrik der letzten Jahre. Der Anfang einer Leidenschaft reißt die zermürbenden Mauern nach allen Seiten hin ein:

Was ich anging für dich,
meinte ich, müßten sie wissen,
alle:
so ausgebreitet in eine tobende,
glücksverschwollene Ebene
war die Ausfahrt

Rolf Dieter Brinkmann, der verstorbene Lyriker, auch er wie Kolleritsch Träger des Petrarca-Preises, verdammt im letzten Gedicht von Westwärts 1 & 2 das Mit-sich-selber-Tanzen, das Fluchen allein, die Banalität der Abfolge von „es ist Montag, es ist Dienstag, es ist Mittwoch usw.“, und er weiß: was er jetzt brauchte, wäre „der zärtliche Flitter der Leidenschaft“. Von etwas so Zusätzlichem und Überflüssigem wie einem Flitter redet in dieser Beziehung nur ein gegenwärtig Leidenschaftsloser. Hätte Wolf Biermann seinen erschütternden Liebeslieder-Zyklus überhaupt geschrieben, hätte er das Glück so eingehend mitgeteilt, wenn das schmerzhafte Ende das außerordentliche Gefühl nicht korrigiert hätte? Das lyrik-nahe Gewicht der Welt von Peter Handke richtet sich auf ein fast klösterliches Alleinsein ein, macht Alleinsein zur Botschaft, nicht ohne Klage allerdings über zunehmende Unfähigkeit zur Liebe.
Für Kolleritsch ist Alleinsein ein gefährlicher „Kreisgang hinter der eigenen Haut“. Da steckt freilich ein altes Wissen dahinter. Man erinnert sich an Mörike („Ach wie sehnt’ ich mich, mich so zu sehnen“), an Verlaine („Sans amour et sans haine / Mon cœur a tant de peine“) und an Georges sperrige Übersetzung davon („Liebe keinen – haß keinen – / Mein herz hat solche peinen.“)
Die Liebesfähigkeit, die sich beim 47jährigen Grazer Kolleritsch ungewohnt artikuliert, scheint mit einer bewußten und errungenen Lebenshaltung zusammenzuhängen, einem Mut, der auf seine Weise ebenso schmerzhaft sein mag wie der überwundene, der bekannte Zustand, auf den das erste der titellosen Gedichte zurückblickt: der frühere „heiße Zorn“, die einstige „Wehleidigkeit, mit großen, abstehenden Ohren“, das damals geborgte Innere, der Nebel eines universalen Weltleidens:

Jetzt suche ich
… einen Menschen, der Fehler hat, der mich quält,
der, wenn ich komme
… nicht aufsieht.

Und fünfzig Seiten später heißt es:

Was mich trifft,
das Aufzählbare an Schmerz,
Erniedrigung, Krankheit
hält mich nicht ab
(ich bin lieber der Knecht)

Knecht der tatsächlichen Begegnung, die immer wieder anders verwunden kann, nicht herrischer Bewältiger der Verhältnisse in allgemeiner Be- und Verurteilung.
Da will einer sich preisgeben und fordert das Gegenteil des Beharrens auf einem unveränderlichen Glück, weshalb er die seit dem Krieg in deutschem Sprachgebiet bestehende Angst vor bloß festhaltender, umweltblinder Erlebnislyrik nicht teilen muß. Und er kommt mit diesem Verzicht auf Selbstschonung, mit diesem nicht stillbaren Hunger nach Erfahrungen auch so weit, das von Wittgenstein philosophisch gestützte Mißtrauen der Sprache gegenüber zu überwinden, ein Mißtrauen, das er selber ja lange geteilt hat, man denke etwa an seinen zweiten Roman, Die grüne Seite (1974).
Daß er nirgends geschützt sein will und darum sein Leben nicht verkrusten kann, äußert Kolleritsch in jedem Gedicht anders. Eines fängt so an:

Willst du das Hemd?
die hinaus gestülpte Lunge?
Der Panzer verletzt mich,
nimm ihn mit.

Oder:

Ich habe ein Haus und bin eingemauert
… Unnahbar, zu unnahbar bin ich,
Nimm dieses glänzende Stück Eisen
Und schlage die Wände ein.

Als einsamer Waldgänger ist er glücklich darüber, „wenn die Insektenstiche / die Antwort von außen“ bringen. Oder dann wird die aufsprengende und auflösende Wirkung der Liebe ganz direkt gefaßt: „Was du sagst… Es hat mich durchschlagen“ oder „Ja / deine Hand zerschneidet / mein zähes Gesicht“.
Eine jede dieser Bloßlegungen schmilzt an der Sprache des schreibenden Ichs ein Stück Vereisung weg, bricht einen Teil von eingeschliffener Zitathaftigkeit ab. Alle sprachlichen Repetitionen werden dann auf die „Gegenbahn“ verwiesen:

Was verstanden ist,
sind Zitate.
Sie ziehen die Gegenbahn.
Das Eis in den Anführungszeichen
regiert die Sinne.

Eingespurte und abgenützte Begrifflichkeit droht ja vor allem im Bereich des Abstrakten, und um sie hervorzuheben und dem Leser in ihrer Unfruchtbarkeit zu zeigen, streut Kolleritsch da und dort selber Zitathaftes ein und macht es mit Anführungszeichen deutlicher: „Es ist hier ein Grab / um den Sarg dreht sich ,das deutliche Bewußtsein‘, tot zu sein“ Ein Toter mit einer toten Sprache „riecht gut“, „benimmt sich gut“, „stört nicht“, und er ist „gehorsam im Zerfall“. Wenn aber einmal einer die Besinnung verliert, vor Glück beispielsweise, und er dabei weltkritische und weltrichterliche Positionen aufgibt, handelt er lebenbringende Abschiede ein, auch von angetretenen Einrichtungen, wie sie säuberliche, ausgelaugte Wendungen abgeben.
Die Welt ist da so wenig mehr aufgeräumt und überblickbar, daß sie sich auch nicht mehr in sogenannt Geistiges und Sinnliches teilt. Abstrakte Begriffe und konkrete Eindrücke beginnen sich gleichsam synästhetisch zu mischen. Gedanken und Nachrichten können Farben bekommen und sehen sich „weiß“ oder „grau“ an (sie erinnern dann gelegentlich an Eich und über den früheren Eich zurück an Trakl). In der Straße stehen „Häuserzähne… abgewetzt vom Kauen der Unwahrheit… Seelische und körperliche Erfahrungen beginnen sich zu decken. Lazar Bermans Spiel von Liszts „Etudes transcendantes“ ist „eingenäht“ in das verlöschende Bewußtsein, und es sinkt „tief“ unter den Rachen. Eine reale Frau wird in einem unbestimmten „Härtesten, Undurchdringlichsten“ gesucht. Seelisches bekommt feste oder durchscheinende Gestalt:

Das Parzivalherz
schlug aus den Fingerkuppen
Lichtblumen.

Daß solche Durchmischungen geschehen, daß das lyrische Ich ganzheitlicher wird, das ist nicht neu, frisch aber sind bei Kolleritsch viele versinnlichte Begriffe und viele Metaphern.
Sprachliche Annäherung an die eigentlichste und eigenste Erfahrung gelingt aber auch hier – wie bei vielen Lyrikern – nicht in jeder Strophe gleich gut. Wort und Ding fallen nicht immer gleich überzeugend zusammen. Da kann sich ein Detail in einer zu expliziten Erklärung verflachen und seine Aussagekraft in diesem Allgemeinen fast einbüßen, beispielsweise das Bild der im Frost erwarteten Salate unter den Plastic-Hütchen, von denen es heißt:

sie schützen das Bessere,
sie bevölkern den Garten mit Hoffnung.

Oder fängt das Gedicht von der Entfremdung nicht verknorzt und schwerfällig an, wenn da steht: „Unbeschreibbarer als der Mittelpunkt der Erde / ist, daß du nichts sagst“?
Was einem beim Lesen von Gedichten allerdings ganz selten mehr gestattet wird, ist ein musikhaftes Einschwingen auf den Rhythmus der Verse. Kolleritschs Texte klingen nach, und auch dieser melodische Einbezug des Lesers mag von der Bereitschaft dieses Lyrikers zeugen, dem andern die eigenen Tore zu öffnen.

Beatrice von Matt, Neue Zürcher Zeitung vom 30.6.1978

Kolleritsch, Alfred: Einübung in das Vermeidbare

Alfred Kolleritsch ist Steiermärker und zunächst dadurch bekannt geworden, daß er im Grazer Forum Stadtpark die Literaturzeitschrift manuskripte mit außerordentlichem Spürsinn herausgab. Der Grazer Gymnasialprofessor war bisher durch Prosa wie etwa Der Pfirsichtöter oder Die grüne Seite ausgewiesen. Man könnte von Achtungserfolgen reden, denn es waren komplizierte, intellektuell angestrengte Prosabücher, die er schrieb.
Sein erstes Gedichtbuch Einübung in das Vermeidbare hat gleich bei Juroren Erfolg gehabt und den Petrarca-Preis dieses Jahres bewirkt. Aber in den Versen von Kolleritsch wiederholt sich, was man auch in den vorangegangenen Veröffentlichungen sah: das Angestrengte fand sich auch hier ein, stand der „Sinnlichkeit“ der lyrischen Rede bedenklich im Wege.
Schon der Titel hat etwas vorbehaltlich Manieriertes. Das mißtrauische Bewußtsein ist erkennbar, und das Stichwort ist bald gegeben:

Meinen Einfällen vertraue ich nicht.

Schade, daß er es nicht tat. Der kluge Autor komplizierte von vornherein einiges. Später heißt es im Kolleritsch-Band:

Jetzt
suche ich Spuren,
zertretenes Laub,
einen Menschen, der Fehler hat,
der mich quält,
der, wenn ich komme,
den zerbrochenen Deckel einer Dose klebt
und nicht aufsieht.

Das ist, mit Verlaub, umständlich und überreflektiert. Und diese Reflexion wird Kolleritsch nicht los.
Er sucht die Irritation geradezu auf, und dies macht seine Gedichte nicht besser, sondern eher verkrampfter, allzu bewußt und immer von einer Intelligenz überwacht, die dem Gedicht in seinem Ablauf Schaden zufügt, die es hindert. „Unnahbar, zu unnahbar bin ich.“ Ich meine, Kolleritsch ist weniger unnahbar als vielmehr zu gescheit. Er müht sich, vom Reflex loszukommen, und landet in einer Gedanklichkeit, die das eintrocknet, was Poesie sein könnte. Selbst Liebesbeziehungen werden derart heikel vor lauter Vorsicht, intelligibler Vorbehaltlichkeit. Aus einem Gedicht wird auf diese Art und Weise eine lyrisierend philosophische „Abhandlung“.
So leben die Arbeiten Alfred Kolleritschs eigentlich von etwas, das sie um Frische, Klarheit, Sensitivität bringt. „Wie schön / haben wir es einmal gewußt“: dies ist charakteristisch für das Kolleritschsche Liebesgedicht. Nicht vom Fühlen, sondern vom Wissen ist hier die Rede. Stets ist eine intellektuelle Barriere zu nehmen (und sie wird oft nicht genommen), ehe so etwas wie Anschaulichkeit entsteht.

Was geblieben ist,
sind Gedanken,
die keinen Körper trafen,
Anknüpfungswunden
für unzählbare Einstiche.

Solche Formulierungen bekunden eher „des Gedankens Blässe“. Sie bekunden etwas Gewundenes und jenes Umständliche, das aus zuviel Kalkulation und Vorbehalt erwächst. Es steckt auch zuviel hinderliche Selbstbeobachtung in manchen Gedichten, die trotz aller Bewußtmachung – vom Zerquälten, von der intelligenten Hantierung nicht wegkommen:

Ich höre das Selbständigwerden: der Wörter und Sätze:
aber nicht die Sprache spielt mit mir.

Kolleritsch weiß zu gut Bescheid. Dennoch kann er nicht verhindern, daß der Ausdruck gehemmt wird.
Nein, die Sprache spielt nicht mit ihm, und er spielt nicht mit der Sprache. Er hat etwas um sich, das dies verhindert. Die kalkulierten Verse verweigern ihm Spontaneität, Durchlässigkeit, Atmung, Sinnlichkeit. Das vorbehaltliche Denken läßt einen Leerlauf entstehen, aus dem diese Lyrik nicht herauskommt.

Karl Krolow, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.7.1978

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Albert Berger: Die Besinnlichkeit des Intellektuellen
Lothar Jordan, Axel Marquardt, Winfried Woesler (Hrsg.): Lyrik – Erlebnis und Kritik

Verena Auffermann: Lorbeer auf die Locken
Rhein-Neckar-Zeitung, 21.5.1978

Ludwig Harig: Der anmutige Anarchismus des Unangepaßten. Über neue lyrische Texte
Saarbrücker Zeitung, 26./27.5.1979

Volker Hage: Abenteuerlicher Verlauf einer Liebe. Der Österreicher Alfred Kolleritsch erhält den deutschen Petrarca-Preis im Rathaus von Siena
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.6.1978

Hans Haider: Schmelzende Grenze
Die Presse, 14.6.1978

Rolf Michaelis: Die andere Art der Wahrheit. Alfred Kolleritsch: Philosophische Gedichte als Lieder der Liebe
Die Zeit, 16.6.1978

Urs Widmer: Hoffen auf ein Echo von irgendwo. Rede bei der Verleihung des Petrarca-Preises 1978
Die Zeit, 16.6.1978

Jürg Laederach: Wanderer-Fantasie
Neue Zürcher Zeitung, 17.6.1978

Mathias Schreiber: Flügelschläge der Zeit. Die Gedichte von Alfred Kolleritsch: Ruhig wie Steine?
Kölner Stadtanzeiger, 8./9.7.1978

Alfred Warnes: Gedichte von Alfred Kolleritsch
Wiener Zeitung, 4.8.1978

Alois Eder: Alfred Kolleritsch: Einübung in das Vermeidbare
Literatur und Kritik, Heft 134, Februar 1979

Franz Schuh: Alfred Kolleritsch: Einübung in das Vermeidbare
NEUE WEGE, März 1979

Heinz F. Schafroth: Menalcas im Steirischen Herbst. Beim Wiederlesen von Alfred Kolleritschs Gedichten
manuskripte. Für Alfred Kolleritsch
, Verlag Droschl, 1981

 

Der Tiefe Atem

– Rede zur Petrarca-Preis-Verleihung, 10.6.1978. –

Es wird schwierig sein, lieber Alfred Kolleritsch, sich Dir, wie Du es verdient hast, zu eröffnen, über die Kundgebung reiner Freude hinaus, darüber, daß Du das Gewaltige geschafft hast, im Verlaufe Deines Unterwegsseins mit den Gedichten, Sätze schreibend Dinge zu sagen. Erst den Atem beraubend, dann ihn ändernd, dann vertiefend, ist in Deinem Buch der Prozeß zu verfolgen von der schamhaft tändelnden Schriftstellerhaltung unseres ausgehenden Jahrhunderts zurück (und voraus) zum schamlosen Ernst des archaischen Zungenredners; „klösterlich“, „mönchisch“ nannte Nicolas Born, in einem einleuchtenden Paradox, Deine mit Feuerzungen redenden Liebespoeme: im Zustand der Liebe als einer Gnade:

Daß du da bist,
daß ich da bin, und die glühende,
schmelzende Grenze zwischen uns.

Die Begeisterung über Deine Gedichte schließt nicht die Analyse aus, macht vielmehr erst die Lust zu derselben. In Deiner so selbstverständlichen, nicht gewollten, sondern sich dringend ergebenden philosophischen Sprache entdeckt man sich selber als Philosophen wieder – seit der Kindheit war man Philosoph. – Das ist Deine sanft-unabsichtliche Lehre.
Zu Beginn seines Abenteuers mit vorliegenden Gedichten gibt Herr Kolleritsch ein Bild von sich als das eines ziemlich zeitgenössischen Schriftstellerbastards; Lehrer, Literaturzeitschriftherausgeber, Verfasser eines Gedichtbandes und zweier Romane, in denen das eingeübte Sprachspiel der studierten Philosophie, wenn man kleinlich sein will, „vielleicht doch an manchen Stellen noch ein wenig …“ usw. Eine ähnliche, nun aber eingestandene Zaghaftigkeit leitet auch die „Einübung in das Vermeidbare“ ein:

Meinen Einfällen vertraue ich nicht…

Die Sprache des Beginns ist noch nicht ganz zum Sprechen befreit, sondern gehorcht teilweise so gefinkelt wie mutlos einem aktuellen Schreibkodex:

Das Finden reizvoller
als das Suchen,
das gefundene Fressen
angenehmer als der Hunger. –
… ich halte mich hin,
aber wie ein Saugnapf.

Wortspiele, die sich, als naheliegend, bloß mechanisch einstellen; der nicht vermiedene Magnetismus der „Gedicht-Sprache“: als starte unser Autor trickreich mit einem Idiom, das er selber gar zu gut versteht. („Ich sage zu mir“, heißt es im ersten Gedicht: „Ein verzagtes Selbstgespräch“.) Es schreibt noch der Sklave eines Vorverständigungssystems, an das die Identität notgedrungen zeitweise verkauft wurde. „Das Innere von früher war geborgt“: so die Anfangs-Einsicht. Auch in der Grammatik wird niemand angeredet in diesem ersten Gebilde: nur das Ich, das mit sich von sich spricht, sattsam bekannt. Die herrschende Stimmung des Beginns (so wie die allzu lang schon herrschende Stimmung dieser Jahrzehnte): ALLES IST BLOSS WIEDERHOLUNG.
Doch dann, schon im zweiten Text, gleich die Wucht eines ungeklärten, mystischen Zeitsprungs:

Seither ist alles anders.
Ich ging einen Schritt über mich hinaus.

Und die jähe Folge: Erstmals, als Erscheinung, das wunderbare Du in den Gedichten, diese für alles Kommende mit der Kraft des Zusammenhangs, dem Stolz einer Geschichte, dem Pathos eines Gesangs befeuernd: das Du erscheint, weil es geliebt wird.

Du hast mir die Todesanzeige gezeigt.
Ich strich dir das Haar ins Gesicht.

Und zugleich der Klang vom ewigen Selbstzweifel des Liebenden:

Unnahbar, zu unnahbar bin ich.
Nimm dieses glänzende Stück Eisen
und schlage die Wände ein.

Das ist Deine Wucht, Alfred Kolleritsch: das zeitgenössische Bewußtsein der Schwächlichkeit, der bloßen Wiederholung der Geschichten erfaßt zu haben – und zugleich ergriffen sein von der unerhörten Begebenheit Du, welches Dir eine Sprache gibt, in der Du es neu erfindest, dabei doch auf der dauernden, nicht nur aktuellen Zwiegespaltenheit der Wesen bestehend.
Zu solcher Gespaltenheit paßt, daß der Autor im heiligen Zustand der Liebe überall Feinde sehen muß; es ist ein Buch, in dem es von Feind-Vokabeln wimmelt: „Die Nominalistenhorde rät mir / zu schreiben. / Du bleibst das Besondere.“ – „Das unbewegliche Widerspruchsgesindel / braucht eine andere Bühne…“ – „Abköche, / die nicht lieben, / daß wir Speisen genießen.“ Und selbst die Bilder personifiziert zu Feindlichem: „Sie fielen auf mich, / eine Rotte, / sie trug dich fort.“ – Bis schließlich in der Sehnsucht nach der abwesenden Geliebten alles nur noch als „feindlich im Kreis“ stehend erscheint.
Hektisch beschwört der Liebende andrerseits in seiner Isolation die Freundschaften: „Der Freund, / dem ich mein Leben als Atemschaum zeigte.“ – „Diese Gedichte waren Vorwegnahmen / von Taten, schrieb ein Freund.“ – Und doch treiben endlich „Freund und Feind… / auf dem Scherbenberg, wo die Straßen enden“; stehen „draußen“ und halten „die Welt auf Distanz“.
Das Ich der Gedichte ist jedoch nicht distanzlos, sondern, für eine Zeitlang, die Welt geworden: das macht allein zuerst seine Größe aus – und dann auch, daß es seine Rückfälle in seine Meinung von sich als etwas von der Geschichte zu Ende Definiertes (die Wiederholungsvorstellung) nicht wegdichtet: immer wieder redest Du von einem bloßen „Spiel“, von „Bühne“, von „Vorhängen“, von der „beweglichen Tragödie“. – „Diesem Schmerz sehe ich wie einem Tänzer zu, / der ungelenken Marionette. / Der Bühnenstaub fliegt auf, altes, zerbröseltes Theater.“
Im Fortgang Deiner Gedicht-Geschichte allerdings (ja, die Gedichte sind auch als eine Entwicklung zu lesen) sagst Du immer öfter: „Das Spiel ist aus“, „das Spiel war aus“. – „Du bist stumm, / ein beendetes Spiel.“ – „Wenn ich zu dir auf die Bühne komme, / ist das Spiel aus. / Wir gehen hinaus. / Wo das Meer ist, / könnte ich schwimmen, / wären wir eins geblieben.“

Die Einübung in das Vermeidbare ist eine Erzählung – vom abenteuerlichen Verlauf einer Liebe: es wird also auch erzählt von der Angst dabei: vom Zeichensehen in der Angst, und wie, wenn die Liebe nicht mehr beantwortet wird, erst recht das Leiden an der Abwesenheit der Zeichen einsetzt:

Der Zeichenfresser sprach die Mauerschau.
Und die Bäume sind kahl geworden,
eine nutzlose Wahrnehmung:
noch dein Name im Ohr.

Und in der endgültigen Verlassenheit:

Niemand löschte das Zeichen von ihr.
Auch das Zeichen hatte sie mitgenommen.

Dieser Angst im Ausnahmezustand der Liebe entspricht weiter die Reiselust, ein Wegfahrzwang: als vertrügen sich das Ereignis Liebe und der angestammte Wohnort nicht:

… im Fluchtkleid,
ein Sandkorn,
ein Körnchen für Rom, für Venedig, Paris.

In seiner idealen Liebeserzählung (ideal, weil ohne den Erdenrest einer Individual-Story) gelangt Kolleritsch danach an jenen mythologischen Ort, wo der Sprechende sich und die Geliebte als Personen einer ewigen Handlung, als „ewige Dritte“ sieht, als „er und sie“, und es wird deutlich, daß dies keine Distanznahme im Schreiben erst ist, sondern eine natürliche Station im Verlauf einer solchen Weltfahrt: was zuvor, episodisch, schon „wir beide“ hieß, wenn auch „mit Schlinggewächsen ins Fremde“, zerfällt zwischenzeitlich in zwei ganz fremde Personen:

Sie nahm ihn als abgetrocknete Haut von den Lippen
und soll gesagt haben,
,das ist die Erinnerung‘.

Eine Station weiter zeigen die Gedichte wohl wieder die Ansprache-Gebärde – aber die geschieht tatsächlich schon in der Erinnerung (in der freilich noch „deine Gegenwart siedet“): der Liebende und Verlassene sieht sich als jemanden, der einst zur Geliebten gesprochen hat:

Er sagte,
käme die Sonne,
ich würde nicht umschauen,
ich ginge dir nach.

„Später“ – so die nächste Station – „blieb die Erinnerung aus, / Mückenschwärme zeigten an, / wo sie war… / sie lachte über den Abbruch der Mauerschau.“ Der Verlassene, nach dem ersten Jammer („dem Feuergefühl hinter den Rippen“), beklagt sich jedoch nicht, sondern besinnt sich: nicht trist und rhetorisch allein wie am Anfang, sondern in einer stolzen Trauer alleingeblieben, erscheint er von der Verlassenheit wie erleuchtet. Er besinnt sich auf seine Herkunft, seine Landschaft, seine Vorfahren, wird „Sohn“ und „Enkel“ von Heroen, deren Leben – und mit diesem das eigene – nun, nach dem Verlust, ohne Anstrengung in ihm auferstehen kann: es materialisiert sich hier in der Sprache das „Gegenfest“, vergleichbar dem, das der Vater, das Jahr über ein Fürstendiener, am Ende des Jahres, in der Silvesternacht gegen die Herrschaft hielt. Die Gegenwart bedeutet zwar „Ungenießbarkeit“ („Ich wollte kochen, / aber ich konnte nicht kochen… / den Wein trank ich mit. / Ich merkte, daß ich kalt war, / verschluckt von den Beispielen vergangener Tage“), doch aus der Vision der anders unseligen Generationen vor ihm gewinnt der Verlassene, „den Kreisgang hinter der eigenen Haut“ übend, eine neue epische Sprache, und damit die Würde eines, der eine Geschichte hat.
Die letzte Station ist eine stolze Apotheose des poetischen Redens, welches dem Helden – so darf man ihn jetzt nennen – im Verlauf seines Abenteuers gelungen ist. Er hat die Geduld gewonnen, „durch alles hindurch alles beim Namen zu nennen“: die Fähigkeit zum Epischen auch, als Zukunftsversprechen.
Seine Sprache strahlt nun von der „kühnen Macht, Abschied zu nehmen“, ohne die Metaphorik des Anfangs, ohne dessen Zitierzwang („Dein Gesicht verbot das Zitieren“):

Vielleicht war die Luft leichter.
Dieser Abschied, sagtest du, ,ist die Begrüßung für immer‘

Und triumphierend steht es dann da:

eine Lust zu natürlichen Zeichen
tritt die Metapher ins Erdreich,
es ist die Hoffnung,
alles anders zu sehen:
die Welt wie eine gemeinsame Arbeit,
in der die Gefühle verteilt sind,
auch die Beobachtung, daß es weitergeht.

Das Ich des Ausklangs schließlich, weil etwas durch eine Passion Gewonnenes, kann seine Feinde mit einer erhabenen Geste abwehren:

Es soll leiser werden um uns,
sagst du
andre sagen,
es sei eine Schande: ich zu sagen,
laut wie der geschwängerte Wagner.

Und zu guter Letzt, als gewaltig sanfte Nachschrift:

Etwas Warmes, fast Heißes
taucht auf,
die Liebe dazu,
daß man es so gesagt hat.

Lieber Alfred Kolleritsch, Du, in Deinem Beruf und dem täglichen Leben so vorsichtig wie listig, hast es, in der überraschenden, und schließlich überwältigenden Ganzheit eines Gefühls, welches durch das Buch hin triumphiert, auch in der Klage, geschafft, mit den guten alten Wörtern kühn und lieblich umzugehen, als kompetenter Sprecher, wie Dein Chomsky das nennt, oder als „einer, der gewaltige Dinge weiß“, wie es in der Odyssee klingt. Zwar meldest Du Dich dazwischen noch als mißtrauischer Zeitgenosse:

Das Gefühl lauert.
Es macht sich in Deinem Fortgang breit,
ein bedenklicher Anlaß zu schreiben

doch gerade dieses Mißtrauen stiftet mit die Authentizität Deines Werks. Ja: Deine Verse setzen, gegen die Zeitgenossen, gegen Dich selber, den Ernst eines Werks, welches uns, die wir diesen Preis zu vergeben hatten, zuerst verstummen ließ; dann still begeisterte, dann ziemlich laut glücklich machte: Es war die Bescherung einer unverhofft lebendigen Zeit, ähnlich der Momente damals, als wir, bei der Lektüre der Gedichte Ernst Meisters, „es plötzlich wußten“. Der Sinn des Petrarca-Preises, vor einem Jahr fast vergessen in der Überfrequenz eines bloß mondänen, nicht einmal neugierigen Dabeiseins und der Demagogie eines verelendeten Journalismus, ist mit diesen Gedichten wieder selbstverständlich da. Das Bedeutende an Deiner Poesie ist, daß sie, alle Schutzsysteme wegdenkend und wegsprechend, mich zwingend fragt: Wer bist Du, der das liest? Und: Wie konntest Du Dich vergessen? (Das ist ihre, so erwachsene wie kindliche Philosophie…) – Und gibst mir dann höchst selbst diese erlösende Antwort:

Feldein kommen Namen für dich.
Wunderbar schwer zu überzeugen,
stehle ich mich zu Sätzen zusammen,
in ihnen öffnest du deine Augen.

Das ist es: Auch der Lesende wird das Geliebte dieser Gedichte. Mein lieber Freund (so fangen sonst allzu oft Drohungen an), sei bedankt für die durch Deine sprechenden Dinge lebendig gewordene Zeit. Den andern empfehle ich, einen Tag mit der Einübung ins Vermeidbare zu verbringen. Denn:

Die Freunde sind Ritter,
die Rüstungen glitzern,
auf einmal rasseln die Brücken herab.

Peter Handke, Kleine Zeitung, 13.6.1978

 

 

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Barbara Frischmuth, Friederike Mayröcker, Franz Weinzettl und Lydia Mischkulnig gratulieren

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Harald Miesbacher: A. K., die manuskripte, ihre Autoren und ich… 
manuskripte, Heft 191, März 2011

Rainer Götz: Rede zum 80. Geburtstag von A. K. Literaturhaus Graz (16.2.2011)
manuskripte, Heft 191, März 2011

Anton Thuswaldner: Alfred Kolleritsch: Der Dichter als Denker
Die Furche, 17.2.2011

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Präsentation des Lyrikbandes Es gibt den ungeheuren Anderen von Alfred Kolleritsch im LITERATURHAUS GRAZ am 5.2.2013.
Ausschnitte aus der gemeinsamen Lesung von Alfred Kolleritsch und dem Grazer Schauspieler Daniel Doujenis.

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