Tom Schulz (Hrsg.): alles außer Tiernahrung

Schulz-alles außer Tiernahrung

FOYERS ODER LOBBYS, IN DENEN DIE ZAHLUNGSBEREITSCHAFT
aaaaaaaaaaaaaaafür ein simples glas wasser steigt. steppen.
jede einzelne abfahrt hat hier einen namen.

suite oder verpuppung unserer interessen, in ihrer ständigen
vertretung, dieser abfolge von behälterräumen,
aaaaaaaaaaaaaaadie levels bildeten, aber sich gleichblieben.

levellers, vorräume der entscheidung schließlich, aber lobbys
aaaaaaaaavon lobbys. die abgeordneten checkten gerade ein.
assistenten warfen büsche ins bild.

aaaaaaaich dachte an arterien ohne venen. wir fuhren immer geradeaus.
dealing with concepts, you know, like playing cards.
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaadie unpolitischen landkarten.

es wurde auch mit emissionen und niederschlägen gehandelt, die
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaanicht abliefen
wir arbeiteten hier wie synchronspringer.

aaaaaaaaaaaspritzen war zu vermeiden zwischen der bar, dem tiefschlaf
und seinem entzug. verschiedene saunen und bäder,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaschon von der autobahn aus angezeigt, und weiter.

man konnte auch schwimmen gehen, im landwehrkanal,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaadie fahnen hinter sich

Daniel Falb

 

 

Warum politische Gedichte?

Im deutschen Sprachraum wird seit einiger Zeit gern kolportiert, die politische Lyrik sei tot. Doch in Wirklichkeit nimmt das politische Gedicht am Anfang des 21. Jahrhunderts wieder einen größeren Raum ein.
Das liegt an der immerwährenden Aktualität kritischer Dichtung – erst recht in einer Zeit, in der die Weltrisikogesellschaft Kurs aufgenommen hat, ihre Endprozesse zu beschleunigen. In einer Zeit, in der die Finanzkonstrukte in ein solches Wanken geraten sind, daß man den schiefen Turm der transnationalen Wirtschaften kippen sieht, ins Bodenlose.
Dazwischen der Mensch eine Ware? Eine verwandelbare Größe auf den Datenautobahnen, keep racing, zwischen Kaufländern, jener räuberischen globalen Versandapotheke, und den Domizilen ewigen Wartens auf eine solidarische einzige Welt.
Wir sehen die Individuen in Menschjacken, schafkopfend auf der Parkhausbank im Väterchen Staat. Leben als sozialer Absturzladen. Das Meer der Arbeitslosen brandet, sie sind Teilzeitempfänger des Frohsinns, der aus der medialen Dose schallt. Der Jingle der Verblödungsindustrien läuft und läuft und läuft … Bei Brecht hieß es noch: Verändere die Welt, sie braucht es. In die Gegenwart übersetzt, klingt das in Anbetracht der Stagnation revolutionärer Bewegungen: Lass es, sie braucht es nicht.
So nimmt es nicht wunder, dass sich gerade jüngere Lyrikerinnen und Lyriker in den letzten Jahren verstärkt solchen Themen wie Globalisierung, Gender, Entmenschlichung der Arbeitsprozesse, Armut sowie Ausbeutung der Dritten Welt angenommen haben. Diesen und anderen Themen, die mitunter aus der eigenen Biographie resultieren wie der Suche nach Heimat und Identität, beides erkennbar als Verlusterfahrung. Als ein neuralgischer Punkt erscheint die deutsche Geschichte: ein in den Texten evoziertes Körpergedächtnis ruft Orte und Zeitenwenden hervor, Umbrüche und den Status quo zweier Deutschlands.
Zur Auswahl: Auf die Versammlung eines kanonisch abgesicherten Textbestandes habe ich verzichtet, ebenso auf Autorinnen und Autoren, die vor Anfang der 60er-Jahre geboren sind. Dies hätte zum einen den gegebenen Rahmen gesprengt und zum anderen in eine bereits zu stark vom Literaturbetrieb vorbestimmte Richtung geführt. Das Durchschnittsalter der hier versammelten Dichterinnen und Dichter liegt bei Ende Dreißig, daher per se von einem Buch Junger Lyrik zu sprechen wäre ein Euphemismus. Die meisten der Autorinnen und Autoren sind, wenn man sie nicht unbedingt etabliert nennen möchte, organischer Bestandteil einer zeitgenössischen Lyrik, die sich seit gut einem Jahrzehnt im Aufbruch befindet. Die Schnittstellen und Bruchkanten, die sich zwischen den poetischen Entwürfen mehr oder weniger deutlich herauskristallisieren, ergeben sich aus dem Verständnis von Dichtung als postmoderner Kunstform, die vom Wesen her keine monolithische Struktur verfolgt, sondern im Kontext und Spannungsfeld anderer Kunstgattungen und Wissenschaften zu verorten ist.
Dass diese Anthologie auf Kategorien wie Vollständigkeit und Konsistenz keinen gesteigerten Wert legt, versteht sich von selbst. Daraus ergibt sich, daß nicht alle und jeder Text zu diesem weiter gefaßten Sujet Eingang finden konnte. Es gilt der Hauptsatz, dass alles formal wie stofflich interessant Komponierte und Wagnisbehangene dem Altbackenen, moralisch Angesäuerten und politisch Korrekten vorzuziehen war. Denn die neue Qualität dieser Texte, vergleicht man sie mit Gedichten aus den 70er- und 80er Jahren, ist ihr Hang zu komplexer Durchdringung einer mindestens parallelweltenen Wirklichkeit, der scharfgestellte entideologisierte Blick und das Vermögen zu kritischer Reflektion ohne Beschwörung einer trügerischen Hoffnung, wie sie zu Zeiten des Schwarz-Weiß aus Ost und West allzu oft schreibend praktiziert worden ist. Das Fehlen einer einfachen positiven Utopie mag im deutlichen Zeitencrash begründet liegen, der auf das Wort Zukunft keine Anagramme mehr bildet. Wozu dann also politische Gedichte?
Mittels nachmoderner Dichtung könnte das bestenfalls heißen, die Sprachkritik an den Zuständen und Prozessen der Gegenwart in dem Maße wachsen zu lassen, dass die Worte zu Übersprungshandlungen ansetzen? Das Gedicht als Märchenreich ist nicht mehr erhältlich, es kleben zu viele tödlich verwundete Spurenelemente daran. Die Utopie jedoch als „dynamische Leerstelle“, fließend in Schnecken- und/oder Lichtgeschwindigkeit, mitunter mäandernd, zeigt eine ethisch-ästhetische Dimension auf, die auf Veränderung aus ist. Die Gedichte auf den nachfolgenden Seiten sprechen davon: Poesie als „Speicher kulturellen Wissens“, als Trägerin eines Codes des Humanen, die sich der Komplexität multipler Welten bewußt wird und das Scheitern zu tragen vermag oder, wie der belgische Anthologist Tom Nisse schrieb, „den Katastrophen ihrer Epoche tatsächlich gewachsen ist“. Das Signalfeuer einer (sprach)-kritischen Dichtung leuchtet auf den Trümmern der weltkapitalistischen Apotheose. Und einer Ästhetik des Widersprechens, wie unzeitgemäß dies auch klingen mag – in einem Großteil der hier vorgestellten Gedichte kann man diese aufspüren und ihr passagenartig nachgehen.
Dass die Gedichte unerhörte Libido einschmuggeln und sanfte Drogen, schrieb ich an anderer Stelle. Und meinte: Poesie als eine Form der Lustvermehrung. Die Gedichte, die in dieser Anthologie erscheinen, verstehen sich auch als Kassiber. Sie sind Botschaften über das Jetzt hinaus. Botschaften für Morgen. Denn dies meint Politische Lyrik heute, im Sinne Jean-Luc Godards: es gibt keine politisch-parteiliche Kunst an sich, man muß die Kunst vielmehr inhaltlich wie formal politisch machen. Dementsprechend sind auch die Gedichte dieser Anthologie: vielschichtig politisch.

Tom Schulz, Vorwort, Frühjahr 2009

… Eine Reise durch das Buch in weniger als achtzig Sätzen

Die Auswahl der Texte sowie die Komposition der Anthologie in vier Kapitel entwerfen eine komplexe Reiseroute. Der erste Teil des Buches, Helikopterquartett mit Vertriebenen-Arie, nimmt uns mit auf eine historisch-politische Reise durch das virengeschützte westliche Europa, hinüber an Orte des Balkankrieges, in die fehlbelichteten Straßen Moskaus („jede nahaufnahme ist ein ehtisches dilemma“, René Hamann) bis hin zu den Küstenstrichen der Türkei. An die Türme von Yazd, in Gebiete, in denen ethnische Säuberungen stattgefunden habe, zu verdrängtem Genozid, zu den „Stilaugen des Schweigens. Was mit Einäugigen geschah, / sagen sie nicht“ (Franzobel). In Stellenbeschreibung hingegen führt uns Gerald Fiebig vor Augen, daß man keine tatsächliche Exkursion unternehmen muss, um den Wirbel des globalen „Tanzes“ mitzuerleben. Mitunter wird sich in Leerstellen wiedergefunden wie bei Daniel Falb: „thematisch hörte man das muster der leer bleibenden / plätze heraus“.
Hier gibt es keine Ankunftsorte mehr, die Lage der Gedichtorte lassen sich auf keiner Landkarte aufspüren. Und: Stefan Schmitzers „paradiesstädte“, leuchten sie noch wie Refugien?
In Björn Kuhligks VOLLKONTAKT finden sich abends in den Straßen Berlin-Neuköllns ein Irrer, ein Mädchen und ein entarteter Hund (mit Flügeln) zusammen – als Fluchtweg aus diesem sozialen Dilemma bietet der Text eine aberwitzige Spielregel an „GEHEN SIE BITTE ÜBER PARKSTRASSE / UND ZIEHEN SIE EINE WAFFE“.
Die Reise überschreitet in ihrer dritten Etappe nicht nur geografische Grenzen sondern auch zeitliche: Schließlich geht es um deutsche Geschichte, ein Waten im Verdachtsgelände (Markus Roloff) oder wie Stan Lafleur persifliert: „es sind dieselben moewen, deren vorvaeter / als mitlaeufer unter den nazis dienten“. Kulminationspunkte: Gleiwitz, Buchenwald und die Befreiung Dresdens im Mai 1945. Das abschließende Kapitel lässt uns auf einen rasanten und scheinbar fantastischen Sprachwohnwagen, Richtung Nürburgring (Norbert Lange) aufspringen mit Transit in Medienkonferenzschaltungen und Funklöchern. Ankunftsort unbekannt. Die Passagiere sprechen von der Beschleunigung in allen Lebensbereichen, vom Leben „in einer reizgesättigten Momentkultur, die sich durch permanentes Krisenbewusstsein gegen Krisen immunisiert hat“ (Erk Grimm). Sofern nicht ohnehin für jede Krise ein Gegenmittel bereitgehalten wird, auch wenn sich dieses gelegentlich als Placebo erweist: „wenn wir nicht schlafen können, zählen wir / die Rettungswagen, die an den Krankenwagen, in denen wir uns / befinden, vorüberfahren.“ (Ron Winkler)…

Theresa Klesper, Aus dem Nachwort, Mai 2009

 

Dass die politische Lyrik tot sei, wird seit Jahren gern kolportiert

Doch in Wirklichkeit nimmt das politische Gedicht am Anfang des 21. Jahrhunderts wieder einen größeren Raum ein. Das liegt an der immanenten Aktualität kritischer Dichtung: In einer Zeit, in der die sozialen Systeme abgeschafft werden, die Grenzen zur Dritten Welt immer schroffer werden, von Kulturkämpfen die Rede ist, Massenarbeitslosigkeit zu einem Normalfall und Arbeit zu einer verhandelbaren Variablen geworden sind, ist es an der Zeit, diesen Themen, die wortwörtlich auf der Straße liegen, ein Forum zu bieten: in Form einer Gedichtanthologie, die es für die politische Lyrik seit zwanzig Jahren nicht mehr gab. Es sind Gedichte, die am Puls der Zeit wirklichkeitsnah die Umgebung sondieren, mitunter radikal Fragen stellen. In ihnen geht es schlichtweg um eine Form subjektiver Erklärung und Durchdringung der Gegenwart. Dementsprechend sind auch die Gedichte vielschichtig politisch.

Mit Gedichten von: Marcel Beyer, Tom Bresemann, Ann Cotten, Daniel Falb, Karin Fellner, Gerald Fiebig, Franzobel, René Hamann, Guy Helminger, Simone Hirth, Adrian Kasnitz, Theresa Klesper, Björn Kuhligk, Thomas Kunst, Stan Lafleur, Norbert Lange, Monika Rinck, Marcus Roloff, Angela Sanmann, Stefan Schmitzer, Sabine Scho, Tom Schulz, Florian Voß, Achim Wagner und Ron Winkler.

Rotbuch Verlag, Ankündigung, 2009

 

Wenn Dichter mit Flaggen wedeln

Wenn Lyrik und Politik aufeinander Kurs nehmen, ist fast immer ein Konflikt in der Gedichtpolitik vorprogrammiert. Die einen meinen, die Politik tauge nicht als Thema für die Lyrik, die anderen, dass Gedichte kein probates Darstellungsmittel für die Politik sind. Der Streitpunkt der Vereinbarkeit beider Bereiche wird sich nur schwer beseitigen lassen, und das ist gut so. So überlegt man sich erst einmal wieder, was Lyrik überhaupt ist, und was ihre Funktionen sind; so überlegt man sich, was überhaupt politisch, und was noch politisch ist.
Als Lyriker kann man sich wohl kaum eine bessere Ausgangslage als bei politischen Gedichten wünschen. In keinem lyrischen Genre geht die Intention des Autors eine so enge Verbindung mit dem Kommunikationswert der Gedichte ein. Zwar kostet das den intimen Charakter der Poesie, sie gewinnt aber dafür an gesellschaftlicher Relevanz. Und das ist gerade dann wichtig, wenn es die gegenwärtige gesellschaftliche und politische Situation verlangt, nämlich „in einer Zeit, in der die Weltrisikogesellschaft Kurs aufgenommen hat, ihre Endprozesse zu beschleunigen. In einer Zeit, in der die Finanzkonstrukte in ein solches Wanken geraten sind, dass man den schiefen Turm der transnationalen Wirtschaften kippen sieht“, wie der Herausgeber im Vorwort schreibt.
Inhaltlich unterteilt Tom Schulz alles außer Tiernahrung in vier programmatische Kapitel. Das erste Helikopterquartett mit Vertriebenen-Arie könnte ebenso heißen „das diffundierte Ich von Ländern erschlagen“. Die Gedichte lassen sich leiten von der geographischen Mobilität des modernen Menschen, und verarbeiten verschiedene Geschichtlichkeiten und deren Unvereinbarkeiten im vereinigten Pulverfass Europa. „jede nahaufnahme ist ein ethisches dilemma“ (René Hamann) – auch über Europas Grenzen hinaus in Krisengebieten des Iran, der Türkei und Chinas. Hinter der titelgebenden Vertriebenen-Arie versteckt sich Achim Wagners geniales Gedicht des feux de positions / positionslichter, das durch Montage, Stakkato und Perspektivenwechsel dem drängenden Chaos eines Terrorgetriebenen im Nahen Osten unmittelbar authentisch nachspürt. „Ruckediguh“ (Gerald Fiebig), und das steht fest, von den transnationalen Bedingungen will im gesamten Kapitel keine so recht passen.
„Ruckediguh … / Blut ist im Schuh“ (Tom Schulz). Auch im zweiten Kapitel Das Ende der Arbeit, das sich thematisch erstreckt von den Arbeitsbedingungen über die Verschuldung von Unternehmen bis zur Arbeitslosigkeit, und in Gebieten kumulativ Betroffener, in Neukölln, gipfelt. Das wird bedichtet von Tom Bresemann und Björn Kuhligk, bei dem die dortige Gewalt schon zum Spiel avanciert: „GEHEN SIE BITTE ÜBER PARKSTRASSE / UND ZIEHEN SIE EINE WAFFE“. Utopisch? Utopisch erscheinen da eher die neoliberalen Selbstreinigungskräfte des Marktes. „machtferne als leistung, armut als luxustherapie“, so sieht es in der Arbeitspolitik nach René Hamann aus. Gesichert ist jedenfalls, dass „ein unbehagen ohne namen […] ungefragt / abends mit mir nach hause“ geht (Gerald Fiebig).
Das dritte Kapitel Waten im Verdachts­gelände weist der Geschichte ihren Stellenwert zu. Die NS-Vergangenheit blieb den Dingen stets eingeschrieben. In den Gedichten zeichnet sie sich immer noch ab an Räumlichkeiten, an Häusern, an Straßen. Dem eher elegischen und empfindungsarmen Ton gegenüber der deutschen Geschichte entgegnet Thomas Kunst forsch sein Unbehagen: „Ich habe keinem Land je nachgeheult, / Und diesem hier schon gar nicht, zum Verrecken, / Da braucht man keine Heimat, höchstens Huren, / Chemie und Schnaps“.
Zorn zeigt sich vor allem im letzten Kapitel Sprachwohnwagen, Richtung Nürburgring, das zwar thematisch etwas haltlos auseinander driftet, genau darin aber das Prinzip des häufigst hier anzutreffenden Themas liegt: die Unsicherheit der politischen Verhältnisse und des politischen Verhaltens. Das Gedicht wird von diffusen Einflüssen und Störungen gekratzt: der Technik, den Medien, dem Feminismus, dem Overkill des beschleunigten Lebens, dem Verfall der Kultur. Immer wieder keimt Wut auf bei der Gefahr des Verlusts der persönlichen Integrität. Aber keine Angst, „Wir wachsen nach. Wir sind / des Fieberns und Sedierens müde.“ (Marcel Beyer). Wo sich ansonsten alle Lyriker ausgewogen gegenüberstehen, wurde aus dem letzten Kapitel fast eine one-woman-show, aufgeführt von Monika Rinck. Die Kraft ihrer vier Gedichte fegt die anderen Dichter schier aus dem Buch. „ich bringe nichts, und ich versichere, / ich habe nichts bekommen […] ich nenne dies: gewalt im gewand von schwäche, ab jetzt / will ich alles zurück und wenn einer in meinen augen / etwas andres sieht als verachtung, dann täuscht er sich.“
Auch wenn die thematische Einordnung der Gedichte in die vorgegebenen Kapitel nicht immer zutrifft, sie nicht immer tief in das Milieu ihres Themas eintauchen, und sie das politische Potential nicht immer voll ausschöpfen, so ist alles außer Tiernahrung in seiner Aufgabe, die neuen Tendenzen des politischen Gedichtes darzustellen, eine nicht wegzudenkende Sammlung. Sie zeigt, wie das heutige politische Gedicht funktioniert: Weder zielt es zwangsweise auf eine Wirkung hin, noch stiftet es zum politischen Handeln an; sondern heutige politische Gedichte zeichnen sich aus durch ein subjektorientiertes Sprechen, durch die individuellen Wahrnehmungen des Autors, der seine Beobachtungen ausrollt. Spätestens seitdem das Verb „zumwinkeln“ in den deutschen Sprachgebrauch gerutscht ist, dürfte klar sein, dass die Politik nicht mehr von Staaten, sondern von privaten Mächten und Institutionen bestimmt wird. So, wie die eigenen Interessen politisch agierender Personen mehr und mehr die Politik bestimmen, agieren auch die Lyriker intentional auf kleinerer Ebene, und verarbeiten zumeist unmittelbare Erfahrungen. In einer Kultur des Vor-, Durch- und Überspulens prallen im Gedicht diverse Eindrücke aufeinander. Der Crash von Lebensbedingungen wird vielfach formell durch Perspektivenwechsel, Montage und Sampling in seiner Geschwindigkeit und seinem Gedränge nachgebildet. Trotz der adäquaten Umsetzungen wünschte man sich, dass vielleicht ein bisschen mehr hinterfragt, als immer nur ausgestellt, dass vielleicht auch mal Lösungen angeboten werden – wenn es die Politik schon nicht tue.

Walter Fabian Schmid, poetenladen.de, 24.8.2009

Waldursprünglich Sanskülotte

− Eine Anthologie politischer Lyrik unserer Tage. −

Politische Kunst ist eine schwierige Sache – geworden. Das politische Berserkertum im freudig aufgelösten, kunstgesättigten Gewand, wie es noch ein Aristophanes gepflegt hat, ist heute unmöglich. Und das nicht nur, weil heute einem Künstler vom Kaliber solcher Deutlichkeit Legionen von Anwälten und wahrscheinlich sogar der Verfassungsschutz auf den Fersen wären. Die Kunst hat den Marktplatz und die Agora nach und nach geräumt. Heinrich Heine, allem zum trotz einer der besten politischen Dichter deutscher Zunge, musste schon längst, um qualifiziert und künstlerisch politisch zu dichten, erst einmal gegen die politische Dichtung selbst vorgehen (Rings umragt von dunklen Bergen…). Die Grenzen, die Ausdifferenzierungen der Gesellschaft werden zwar in der Zwischenzeit wieder weggesehnt, aufgelöst, verflüssigt. Aber man hat sich schon daran gewohnt, dass ein Artefakt aus den kanonischen Kunstgattungen in erster Linie ein Kunstwerk ist, ambivalent sein darf oder soll, nicht eindeutig sein muss oder darf, etc. Die Kunst liegt heute in ihrem sorgsamen Bezirk, im white cube. Ist es da erfreulich oder befremdlich, wenn im Rotbuch Verlag eine Anthologie explizit und exklusiv der politischen Lyrik gewidmet wird?
alles außer Tiernahrung heißt die Anthologie, die Tom Schulz herausgegeben hat, um neue politische Gedichte zu versammeln. Neben Gedichten des Herausgebers finden sich hier Werke der „üblichen Verdächtigen“ der zeitgenössischen Lyrikszene, aber nicht nur. Vertreten sind u.a. Daniel Falb, René Hamann, Stan Lafleur, Monika Rinck, Ron Winkler, Björn Kuhligk und Ann Cotten (über die Schreibweise ihres Nachnamens schien im Verlag Uneinigkeit zu bestehen). Die Geburtenjahrgänge der 70er-Jahre überwiegen also, die Spannweite reicht hier von ’65 bis ’85. Der Band teilt sich in vier Kapitel: Grob umreißend, ohne die lyrischen Texte mit scharfen Konturen und Inhaltsangaben zu okkupieren, könnte man so vielleicht von den Themenkreisen Mobilität/Migration, Arbeit, deutsche Vergangenheit, sowie Unsicherheit/Unmut sprechen. Wie hieraus schon erahnbar wird, ist das neue politische Gedicht weiterhin treu der Tradition des kritischen politischen Gedichts verschrieben, sodass man sich ein wenig zu sehnen beginnt nach dem Enthusiasmus der Utopie, einer anderen Idee. Situation normal all fucked up: das ist in diesem Sinne nichts Neues.
Die Stärke vieler Gedicht liegt darin, dass sie das politische und allgemein das soziokulturelle Geschehen durch den Reflex des Subjekts in den Gedichtraum bringen. So wird etwa bei Florian Voß vom Fernseherlebnis Lang Langs aus der Assoziationsraum auf Katastrophen blitzartig und hart aufgerissen. Das erschließt sich unmittelbar und tastet genau dem kantigen Flow solcher Gedanken nach. Simone Hirths „Diese eine Zitrone“ ist der konzentrierte Unmut in all seiner Plötzlichkeit, der seine Gründe und Ziele nicht weiß und nicht zu wissen braucht, in ein Emblem gefasst, das gegenwärtiger nicht sein könnte.
Wie aber wird aus diesem Spiegel etwas in jenen großen Rahmen zurückgeworfen? Wenn alles, auch der Blick, das Erleben der einzelnen Privatperson politisch ist, so könnte man denken, dass sich der Zusatz „politische“ Lyrik eigentlich erübrigt. Die scharfkantigen (moralphilosophischen) Bezugssysteme haben sich, nicht zuletzt glücklicherweise, aufgelöst, sind ambivalent geworden – daran scheint ja auch unsere Parteienpolitik zu kranken. Eine klar konturierte Kerbe, in die sich immer sattsam und konsensfähig schlagen lässt, bleibt natürlich die Kapitalismuskritik, wie etwa in Adrian Kasnitz’ Gedicht am bankomat. (Aber ich frage mich im Falle dieses Gedichtes, wen man eigentlich mit solch flacher Selbstzufriedenheit noch hinter dem Ofen hervorlockt.)
Ein Bezugssystem, von dem aus sich eine größere Spannweite der Aussage erzielen lässt, ist im postmodernen Spiel mit Palimpsesten die Literaturgeschichte selbst. Dieses Spiel geht aber nicht immer ganz auf, zumal wenn die Markierungen besonders plakativ gesetzt sind. Das kurze Gedicht „Volkslied“ von Florian Voß etwa greift in knappen, kräftigen Bildern die Narrheit einer forschen, martialischen Selbstfeier etwaiger Territorialherrschaften ab und an. „Die Fahne hoch / die Schellenkappe auf / Die Reihen fest geschlossen.“ Gerahmt wird dieser Holzschnitt einer abgründigen Groteske mit Verweisen auf Wilhelm Müllers Gedicht vom Lindenbaum, des fünften Gedichts der Winterreise, bekannt durch Silchers Bearbeitung der Verarbeitung Schuberts. Der berühmte erste Vers eröffnet auch hier: Am Brunnen vor dem Tore, und im letzten Vers werden die lieben Volksgenossen zum Tanze gefordert, immer um den Lindenbaum. Aber diese Kombination von Ironisierung und dominanter Anspielung geht nicht auf, arbeitet gegen sich selbst. Im Angriff auf besagte Narrheit gleicht die Verwendung von Müllers Gedichtraum zur karikaturistischen Steigerung von Volksgenossen unerfreulichem Freundbeschuss: das Gedicht gebraucht den Missbrauch eines Gedichts und schreibt ihn so weiter. Deshalb gelingt es zuletzt nicht, zu überwältigen, was angegriffen wurde.
Man sehe momentan „den schiefen Turm der transnationalen Wirtschaften kippen“, schreibt Schulz in seinem Vorwort zur Anthologie. Noch sitzen wir sicher und gut und können entspannt und im Vorzeichen der theoretisch-moralisch eingefärbten Prognose beobachten, kritisieren, Ethik treiben. Wenn man es aber ernst nimmt, muss man auch mit einer sehr unangenehmen Vanitas Ernst machen. Hier und da spähen die Katastrophenszenarien aus diesem Buch hervor. Von den „Trümmern der weltkapitalistischen Apotheose“ spricht Schulz, und über diesen leuchte die kritische Dichtung. Seien wir also froh, dass es Anthologien gibt, nicht nur irgendwelche, sondern solche. Lesen wir also noch solche Gedichte, um uns an den Metaphern all die Fragilität vor Augen zu führen und uns vielleicht abzuhärten – bevor wir keine Gedichte mehr lesen können, wenn diese Metaphern aufhören, Metapher zu sein.

Tobias Roth, berlinerliteraturkritik.de, 27.11.2009

Keine Metaécrits

− Tom Schulz präsentiert politische Gedichte in alles außer Tiernahrung. −

Was ist politisch? Folgt man der Definition des Dudens, dann beschreibt dieses Adjektiv etwas, das mit der Lehre der Staatskunst zusammenhängt, damit, wie das Zusammenleben in einem Staat von allen am Staatswesen beteiligten Institutionen und Personen organisiert wird. Außenpolitische Konflikte sind unbestritten politisch, ebenso Parlamentsdebatten, Diskussionen über Steuererhöhungen oder die Einführung von strengeren Regeln für Banken.
Und was ist politische Lyrik? Das ist Lyrik, wird ein literarisch gebildeter Mensch sagen, die einen Missstand benennt und dabei Position bezieht. Also Lyrik im Dienste der Aufklärung, Bertolt Brecht und seine Nachfolger wie etwa Günter Grass’ Anti-Vietnamkrieg-Gedicht „In Ohnmacht gefallen“, Hans Magnus Enzensbergers „Ins Lesebuch für die Oberstufe“ und Alfred Andersch mit seinem „Paragraph 3(3)“.
Bei einem derart vorgeprägten Begriff wie dem der politischen Lyrik kann und muss ein Band wie alles außer Tiernahrung irritieren, der dem Leser „Neue politische Gedichte“ vorstellen will, denn die in dieser Anthologie veröffentlichten Autoren – größtenteils Lyriker, die zwischen 25 und 40 Jahre alt sind – spielen den Ball an, ohne ihn ins Tor zu schießen, wenn ihr Sujet überhaupt erkennbar ist. Politische Sachverhalte wie die Migration in die ‚Festung Europa‘ in Björn Kuhligks Gedicht „Die Liebe in den Zeiten der EU“ oder Arbeitslosigkeit und Entfremdung in der Großstadt in Stan Lafleurs Text „tauben“ werden durch einige gezielt geäußerte Begriffe assoziativ im Leser angesprochen – ungefähr so, als ob ein Musiker wenige Töne einer Melodie erklingen lässt und sich darauf verlässt, dass der Zuhörer dann das gesamte Lied im Ohr hat. Einige wenige Autoren, wie Adrian Kasnitz, der in „am bankomat“ die Auswirkungen der Konsumgesellschaft thematisiert, oder Gerald Fiebig, der sich in „nach der industrie“ mit dem Niedergang Detroits befasst, werden deutlicher in ihrer Darstellung, ohne dass sie dem Leser die Utopie einer besseren Gesellschaft aufzeigen oder ihn konkret zum Handeln auffordern. Dadurch wird diese Anthologie zu einem Dokument der Postmoderne und zu einer Standortbestimmung, was Lyrik heute im politischen Sinne zu leisten vermag.
In einer Zeit, in der die großen Metaerzählungen wie Aufklärung, Marxismus oder Christentum an Glaubwürdigkeit eingebüßt haben, kann auch ein Autor dem Leser keine Orientierung im Sinne von so-sollst-du-handeln geben. Politisch wird hier als gesellschaftskritisch und als auf der Höhe der Diskurse der Zeit aufgefasst – eine sehr weit gefasste Definition, die jedem Altachtundsechziger zumindest gewöhnungsbedürftig erscheinen muss und die dort angreifbar wird, wo sie bis zum Ende gedacht wird. Ist es zum Beispiel politisch, wenn uns Daniel Falb in seinen Gedichten, deren Gegenstand in erster Linie die Sprache ist, vorführt, mit welchem Wortmüll unser Leben kontaminiert ist?

wir gaben einige der gebäude wieder frei. die empfangsräume
entsprachen jetzt internationalen standards.
gewisse fassadenelemente der historischen altstadt

waren neu verklebt worden.
wer das aufzeichnete, brachte bloß neue portraits
der königlichen familie hervor, die rannte. […]

Oder ist etwa das folgende Gedicht von Tom Bresemann politisch:

in den kellern neuköllns
entwickeln sie ein neues
geschlechtsorgan

täglich laufen testreihen
unerkannt die hermannstraße
auf und ab

täglich könnte wer
den schleier lüften, im sommerbad
die bombe platzen lassen

die aussicht ist prekär
den brüdern geht
der arsch auf grund

Zugegeben: Die Assoziationsbreite, die dieser Text erzeugt, reicht von der Gender-Problematik, über (islamischen) Terrorismus bis hin zum Klonen, aber repräsentiert dieser Text das, was wir unter politischer Lyrik verstehen?
Wenn man mit herkömmlichen Vorstellungen von politischer Lyrik an das Buch herangeht, wird man bei dem Titel der Anthologie misstrauisch. Ohne Frage ist alles außer Tiernahrung eines der verbalen Dumm-dumm-Geschosse, die die Werbung auf uns abfeuert, und natürlich wird die Lächerlichkeit dieses sprachlichen Versatzstückes dadurch, dass man es aus seinem Zusammenhang reißt und auf dem Cover eines Buches präsentiert, erst richtig deutlich, aber ein Teil dieser Lächerlichkeit bleibt an der Anthologie haften und könnte die Ernsthaftigkeit des Anliegens beschädigen, nämlich relevante Texte zu publizieren. Dabei ist alles außer Tiernahrung, wenn man den Untertitel nicht auf die Goldwaage legt, ein gelungenes Projekt, das viele im weiteren Sinne gesellschaftskritische Texte enthält. Gut gefällt, dass es dem Herausgeber Tom Schulz geglückt ist, neben etablierten Stimmen, wie Monika Rinck, Adrian Kasnitz oder Ron Winkler, das Potential von Dichtern, die bisher weniger in Erscheinung getreten sind, wie Markus Roloff, Florian Voß oder Simone Hirth, zu verdeutlichen. Wer Lyrik von Jetzt oder ähnliche Anthologien mag, wird auch diesen Band zu schätzen wissen, auch wenn die Gedichte von Autoren wie Marcel Beyer oder Thomas Kunst stilistisch von denen der „LvJ“-Generation abweichen und obwohl die Gedichte des Herausgebers wegen ihres überzogenen Hanges zur Originalität von allen Texten am wenigsten überzeugen. Ein wenig mehr Wille zur Form hätte hier nicht geschadet.
Festzuhalten bleibt, dass diese Anthologie als Positionsbestimmung insofern wichtig ist, inwieweit man sich heute noch in der Poesie kritisch artikulieren kann, politisch etwa im Sinne Brechts ist sie definitiv nicht.

Andreas Hutt, literaturkritik.de, Oktober 2009

Neue politische Lyrik

„Ich glaube, dass die Aufgabe der Kunst im Wesentlichen Verbesserung ist. Das Ziel des Meditierens über die Welt ist es letztlich, die Welt zu ändern. Es ist dieser Verbesserungsaspekt der Literatur, der ihr die ethische Dimension gibt.“
Lesen wir richtig? Solch ein Motto (Zitat Donald Barthelme) für eine neue deutsche Lyrikanthologie überrascht uns. Umso mehr, weil hier nicht einige Veteranen nostalgisch den Geist von 1968 besingen, sondern weil es politische Lyrik jüngerer Autoren ist, die Herausgeber Tom Schulz in alles außer Tiernahrung zusammengetragen hat.
Globalisierung und Gender, Armut und Arbeitslosigkeit – Schulz behauptet, dass der gegebene Zustand der Welt politische Lyrik geradezu provoziert. Politische Poesie versteht er als „Code des Humanen“, als „Ästhetik des Widerspruchs“, allerdings in Abgrenzung zum bloß „politisch Korrekten“ und „moralisch Angesäuerten“.
Solche Töne haben wir lange, zu lange nicht mehr gehört. Allein das Unterfangen als solches verdient große Aufmerksamkeit.

schach, OÖNachrichten, 13.1.2010

Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein

− Wo bleibt die Ode an den Mindestlohn? Tom Schulz präsentiert eine Sammlung neuer politischer Gedichte. −

Sie kommt rechtzeitig zur Bundestagswahl, diese Anthologie mit „Neuen politischen Gedichten“. Moralisch Angesäuertes oder politisch Korrektes sei von den 26 Autoren nicht zu erwarten, verspricht der 1970 geborene, in Ostberlin aufgewachsene Herausgeber Tom Schulz, einer der bekanntesten Lyriker der jüngeren Generation. Seine Zusammenstellung – viele Namen kennt man aus dem Lyrik von Jetzt-Band, mit dem sich seine Generation zum ersten Mal gebündelt vorstellte – will den Leser angesichts unseres „Zeitencrashs“ mit dem politisch wie poetisch „Wagnisbehangenen“ aktueller Lyrik konfrontieren, „erst recht in einer Zeit, in der die Weltrisikogesellschaft Kurs aufgenommen hat, ihre Endprozesse zu beschleunigen. In einer Zeit, in der die Finanzkonstrukte in ein solches Wanken geraten sind, dass man den schiefen Turm der transnationalen Wirtschaften kippen sieht, ins Bodenlose.“ Ist hier die Musik drin, die im Wahlkampf so lauthals vermisst wird?
Thematisch ist alles geboten. Von Armut und globaler Ausbeutung über Terrorismus und Überwachung bis häusliche Gewalt, Prekariat und Arbeitslosigkeit. Ein „hartz-IV-lied“ gibt es, aber keine Ode an den Mindestlohn. Tendenzdichtung ist out, selbst in ihrer klügsten und schönsten Form. Kein Echo auf Heinrich Heine, Bertolt Brecht bedenkt man milde ironisch, von Biermann und anderen wird geschwiegen. Das Motto liefert der postmoderne Kurzprosaist Donald Barthelme: Das Geheimnis zur Veränderung der Welt liege in der Sprache. Nur der alte „onkel auf dem schreibtischstuhl / faselt noch von solidarität“, erklärt entsprechend René Hamann „das ende der arbeit“: „alles nimmt ab, alles wird gefilmt.“ Damit kritisiert er nicht nur die Allgegenwart der Überwachungskameras, sondern beschreibt zugleich Auswirkungen auf das Schreiben. Denn viele Gedichte wirken, als buchstabierten sie Filmstills und Medienbilder aus. Tom Bresemanns flotte Wortspielereien werden dabei explizit: „im fernsehen grassieren flüchtlings-/ camps, supported by reebok“.
Und wie steht es mit Lied und Reim, Parodie und Polemik? Alldem, was klingt, veralbert, munter ätzt und die Sprache statt zum Schwert zur Feder macht, die kitzelt bis zum Totlachen? „Hier bin ich Mensch / hier kauf ich ein“ – sehr viel einfallsreicher als in Björn Kuhligks „Helikopterquartett mit Vertriebenen-Arie“ wird es in dieser Hinsicht leider selten.
Gewiss, Performer wie Gerald Fiebig oder Stan Lafleur gäben ihren Texten erst live den richtigen Drive. Doch immer wieder stoppen abstrakte Wortungetüme den sprachlichen Schwung. Fiebigs „post-industrial“ etwa nimmt die Spur zu einer stillgelegten Fabrik auf, man folgt fließenden Farb- und Wortklängen, und dann: „die maschinen selbst & ihr klang / im strukturwandel verschwunden“. Das gibt es an vielen Stellen des Bandes: Wie hier der „Strukturwandel“, der auch auf Jürgen Habermas’ Gesellschaftsphilosophie anspielt, bringen oft erzwungene theoretische Referenzen den sinnlichen Eigensinn der Gedichte zu Fall.
Bekanntlich kann auch die Negation eines politischen Bezugs eine politische Haltung formulieren. Bei Ron Winkler zum Beispiel mündet so etwas in subversive Resignation: „wenn wir nicht schlafen können, sind wir kleine Tretboote Potemkin“. Oder das Augenmerk konzentriert sich auf die Beobachtung, die nicht eingreift, wie in den luziden Miniaturen Angela Sanmanns.
Ihre Beschreibung eines abseits betenden Muslims in „berlin schönefeld“ setzt die individuelle Wahrnehmung ins Verhältnis mit etwas, das alle angeht und somit zur Politik – von der Freude über das Fremde bis hin zum schleichenden Verdacht. Die Verbindung von Liebe und Politik – für Autoren von Brecht über Thomas Brasch bis zu Uwe Kolbe das Lebenselixier ihres politischen Schreibens – scheint die neueren Vertreter der Zunft wenig zu reizen.
„Liebesnot“ attestiert Thomas Kunst den „jungen Büchern auf den deutschen Messen“. Dort werde die „Flucht aus zweiter Hand“ nur „ausgesessen“. Seine humorvollen Sonette gehören zu den Höhepunkten des Bandes. So erfindet die Sammlung die politische Lyrik nicht neu. Aber sie zeigt die Lebendigkeit des Genres – und wartet am Ende mit einer hoffnungslos gut gemeinten Idee auf. Im Nachwort erklärt Theresa Klesper: „Stellen wir uns vor, jedes Mitglied des Bundestages erhielte pro Quartal einen aktuellen Gedichtband mit der Auflage, ihn zu lesen“ und es flösse „aus diesen Gedichten pro Quartal nur eine Idee in seine Gedanken hinein“. Ach ja.

Thomas Wild, Der Tagesspiegel, 26.9.2009

Alles Ausser Kampfkunst

Die politische Lyrik hat im wiedervereinigten Land keine Konjunktur mehr – dachte die Literaturkritik. Doch jetzt gibt es die von Tom Schulz herausgegebene Gedichtsammlung alles außer Tiernahrung (Rotbuch). Auf über 140 Seiten werden junge Kampfpoeten präsentiert, die in ihren Ergüssen das Vokabular der Revoluzzer verwenden. Da taucht plötzlich Widerstand auf oder gar Umsturz. Weiter geht’s mit Pfaffentum, BASF, Kaserne, Malcolm X, dem „Mediendemokratie-Mastschwein“ (Franzobel), Krieg und Frieden, Plattenbau und Straßenkindern.
Schnell kann der Leser dies alles unter den Hut „politisches Gedicht“ stopfen und seine feingliedrige Hand zur Faust geballt in die warme Morgensonne recken. Allerdings kann niemand die ausgesuchten Poeme während einer politischen Aktion vortragen, denn eine Melodie ist nicht zu erkennen – und Reime? Fehlanzeige. Das meiste ist gar so verwirrend, daß Aufständige beim Skandieren viel zu viel grübeln müßten: „Aber erstmal Rotznüstern erstmal / Laufen lernen und den Müll runter / bringen milchtaub in den Morgen“ (Guy Helminger). Dagegen heißt es in Gerald Fiebigs Gedicht „ein anderes leben“: „wie pilze wir sitzen in unseren schließfächern & sehen uns menschen in schließfächern an & den bericht über abschiebehaft“. Wow, nun gleich auf die Straße und Steine geworfen.
Dummerweise hat auch keiner der zusammengelesenen Versschmiede etwas mit Revolution und Kampf zu tun, sie leben vielmehr gemütlich als Buchhändler oder Übersetzer, als Erlebnisdichter, Soundkünstler oder Yogalehrerin irgendwie am Waldrand von Augsburg. Zum Überleben gibt es den Joseph-Breitbach-Preis, den Reinhard-Priessnitz-Preis und den Ernst-Meister-Preis, oder man steht eben in einer Anthologie mit neuen politischen Gedichten.

Thomas Behlert, konkret, November 2009

Ohne Rabatt

Es gibt wieder eine politische Lyrik in Deutschland. Das behauptet die Anthologie alles außer Tiernahrung, die ihren Titel dem Werbeslogan einer Baumarktkette entliehen hat, wobei allerdings verschwiegen wird, dass „alles außer Tiernahrung“ im Baumarkt mit Rabatt zu haben ist. Soll das auch für politische Lyrik gelten? Ist sie deshalb billiger zu haben als bisher, weil sie nicht mehr unverstellt, ideologisch oder parteilich verfährt wie in den sechziger und siebziger Jahren? Die jüngere Dichtergeneration der „Weltrisikogesellschaft“, die hier zu Wort kommt, versteht die Poesie angeblich als „Trägerin eines Codes des Humanen, die sich der Komplexität multipler Welten bewußt wird und das Scheitern zu tragen vermag“ – so piekfein formuliert es der Herausgeber. Die Gedichte selbst befassen sich weitaus konkreter und differenzierter mit dieser Komplexität. Locker an die Kette thematischer Aspekte (Orte, Arbeitswelt, Geschichte, Sprache) geknüpft, gehen sie albern bis todernst, ungehalten bis resignativ, ironisch, frech und parterre mit den allbekannten heimischen und globalen Katastrophen, Kriegen und Krisen um, zitieren respektlos provozierend Brecht, Celan und das Horst-Wessel-Lied und reflektieren nach besten Kräften den Umstand, dass es immer nur Wörter sind, die sie vor das Elend der Welt halten. Sie wünschen keinen Rabatt und dulden den Widerspruch allenfalls unter dem Vorbehalt, nicht ganz ernst genommen zu werden. In diesem Sinne sei, gerade noch rechtzeitig vor der Bundestagswahl, dringend die Beschimpfung des Wählers zitiert, die der Dichter Franzobel vom Stapel läßt: „Dann sind Sie also auch / so eine Sau, so ein Mediendemokratie- / Mastschwein. Nein Pfui.“

WSg, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.9.2009

Das tut jeder

− Ehrlichkeit ist nicht das Problem: Tom Schulz hat „neue politische Gedichte“ herausgegeben. −

Diese Sammlung von „neuen politischen Gedichten“ hat etwas von einer Austernbank. Verschlossen und schroff präsentiert sich in alles außer Tiernahrung die Lyrikergeneration 1963-1985. Theresa Klesper spricht im Nachwort von einer „Polyphonie kritischer Stimmen“  die „ihre Positionen eher intuitiv als diskursiv verhandeln“. Das trifft es.
Beginnen wir mit dem Einwand: Die hier versammelte Kunst ist entschieden ernst. Das Verhältnis von komischer und ernster Kunst haben Nils Folckers und Martin Sonntag in ihrem Katalog zu der die Documenta 12 konterkarierenden Caricatura V einmal auf klassische Weise formuliert: Schon lange sei klar, schreiben die Kuratoren, „daß während die sogenannte ernste Kunst noch Fragen aufwirft, die komische Kunst diese schon längst beantwortet hat“. Denn der ernste Künstler, heißt es weiter, „versucht noch immer in höchstmöglicher Verklausulierung ein Thema zu formulieren. Oder gar nur anzudeuten. Die Komische Kunst hingegen bringt jegliche Fragestellung auf den Punkt, erklärt, und gibt Hilfestellung.“ Die komische Kunst ist also das Gegenteil einer Austernbank, sie ist ein Soufflé beziehungsweise eine Currywurst. Sie ist zubereitet, sie braucht nicht geknackt zu werden, sie macht es sich schwer und den anderen leicht. Die Gedichte, die Tom Schulz, selbst Lyriker, gesammelt hat, sie wollen das alles nicht. Deswegen fehlt hier ein Marco Tschirpke, deswegen wären hohe und politische Dichter wie Franz Dobler oder Horst Tomayer möglicherweise auch dann unberücksichtigt geblieben, wenn sie tatsächlich so jung wären wie sie ausschauen.
In ihrer Verschlossen- und Mißgelauntheit ist die Anthologie  (und ja – auch in ihrem Selbstmitleid) näher bei Benn als bei Brecht. alles außer Tiernahrung hat etwas von einer „Menschheitsdämmerung“ unserer Epoche. Sie hat das Zeug zum Klassiker, jedenfalls, was das Dokumentarische angeht. Und man hat nach der Lektüre (einen Status, den es bei einer Lyrikanthologie nicht gibt, das Buch begleitet einen ja, man liest so was nicht aus) die unbedingte Sehnsucht, dieses Post-89-Biedermeier möge nun endlich einmal hinter uns liegen (aber glauben tut man nicht dran). „im radio heißt es kampfeinsatz / und biometrik was ist das / ich zuzel meinen tee“ – das scheint mir die zu verallgemeinernde Haltung zu den Gegebenheiten „wie sie hier sind“ (Jörg Fauser). „die leut da draußen sind begabt / mit technik dividenden und / gemeinem eifer was ich nie / verstehen werde oder will. / das kreuz tut mir jetzt öfter weh.“ Das ist schon sehr genau, wie man – die in diesem Fall eine Frau ist – sich fühlt, wenn man um die vierzig ist, westdeutsch geboren, süddeutsch sprechend, wenn man Spätpunk und den ganzen Kohl, Wackersdorf und ’89, Techno und 9/11 als Generationserfahrungen hat. Man hat gesehen (einiges), durchgemacht (nichts wirklich Schlimmes), und man hat seine Schlüsse ge-, seine Position bezogen: außerhalb. Was selbstverständlich immer nur Versuch bleiben kann, im schlechten Fall Pose, im besseren existentialistischer Ethos. „Wir finden uns ab“ heißt es. „Wir legen uns Lieblingsbeschäftigungen zu“, „wir glauben, / unseren Möbeln geht es gut“, „berge von theorie / was ich nie wollte“. Das Nichtvereinnahmtwerdenwollen geht auch ganz schön sarkastisch-aggressiv, als Polemik etwa gegen welterfahrene Herrn Kulturbeauftragte der Marktgemeinde, die das Leben auf dem flachen Land erträglich zu machen glauben „trotz des erbärmlichen / niveaus, auf dem die hippies unterwegs sind. / aber erstens das biogras, nicht- / wahr, und zweitens dieser bereich / jenseits der einfluss- / sphäre des christ- / sozialen bürger- / meisters.“ Debord wird zitiert: „In der wirklich verkehrten Welt ist das Wahre ein Moment des Falschen“.
Soviel zu Haltung. Was ist mit dem Wissen. „der straßenstrich / in havanna ist nicht anders als der in taipeh“ – ist es das? Die monokausale, die durchkapitalisierte, die eine Welt? Die versammelten Dichter sind jedenfalls vielgereist, aber wenn sie wieder zu Hause „mit einer tasse ausge- / beuteter anregung von kinderhänden gepflückt ZARTES / AROMA“ in ihr Büro schleichen „& das tut jeder, oder er lügt“ – dann sind sie wenig berührt. Kollektiver Widerstand ist zwecklos, würde ich sagen – und das ist auf jeden Fall besser als Propaganda, Widerstand zu leisten, den man für zwecklos hält. „jede nahaufnahme ist ein erfrischendes dilemma“, das heißt ja wohl: Das Wissen, die nun wirklich nicht mehr zu hörende Phrase vom ‚genauen Hinsehen‘, ist selbst das Problem geworden. Auch das scheint mir realistisch, das Gefühl der Ohnmacht, „weil auf all unseren worten & gesten der unsichtbare schimmelpilz wächst / der SPARRIGE RISSPILZ® der patente & rechte der uns die münder verbietet // der die sprache™ in schrebergärten mit todesstreifen aufteilt“.
„über den dingen liegt der verdacht handwerklicher schlamperei“ – Ehrlichkeit ist nicht das Problem. „nur der onkel auf dem schreibtischstuhl / faselt noch von solidariät“, die dichter singen „das ende der arbeit“, den „post-industrial“. Was bleibt? „GEHEN SIE BITTE ÜBER DIE PARKSTRASSE UND ZIEHEN SIE EINE WAFFE“? Ich weiß es auch nicht, ich stehe nicht drüber, ich gehöre zu dieser Generation, ich bemühe mich auch nur jeden Tag, wenigstens den Überblick nicht zu verlieren, den Anschluß zu halten. alles außer Tiernahrung ist ein bemerkenswert unverlogenes Buch. Aber ich denke eher nicht, daß meine Söhne einst dafür Beifall klatschen werden.

Ambros Waibel, Junge Welt, 24.9.2009

 

Im Januar 2010 diskutierten in der literaturWERKstatt Berlin die Dichter Yaak Karsunke, Bert Papenfuß, Sabine Scho und Tom Schulz, Herausgeber der Anthologie alles außer Tiernahrung, über politische Lyrik. Moderation: Sigried Wesener.

Maren Jäger: „sprengen wir die Gärten, nein / sprengen wir die Gartenhäuser“. Tom Schulz beim Duisburg-Essener Poet in Residence-Spezial über politische Lyrik.

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber
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