Almut Armélin und Ulrich Grasnick (Hrsg.): Saatkorn sein. Zwischen Mühlsteinen

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Almut Armélin und Ulrich Grasnick (Hrsg.): Saatkorn sein. Zwischen Mühlsteinen

Armélin und Grasnick (Hrsg.)-Saatkorn sein. Zwischen Mühlsteinen

1. Preis

BADEN

am ufer stehst du
mit einem handtuch im arm
darin hast du die verletzungen
und beleidigungen eingeschlagen
du legst es in den körnigen sand
steigst ins wasser in deiner haut
fehlen stücke mosaike füllen sich
wässrig ziehen sich zusammen
du schwimmst wie ein krokodil
mit deinem panzerrücken knapp
unter der oberfläche
suchst du das leben
dein leben liegt da im sand
neben einem sandkorn das blendet 

Dorothee Krämer

 

ZUM PRÄMIERTEN GEDICHT „BADEN“ VON DOROTHEE KRÄMER

Die Überschrift schreibt nichts fest: „baden“ eröffnet ein breites Assoziationsspektrum. Einsteigend mit „am ufer“, gibt Dorothee Krämers Gedicht indes eine klare Lesrichtung an. Mit dem Bild „ufer“ als Scheide zwischen „wasser“, „wässrig“ auf der einen, „handtuch“, „sand“ auf der anderen Seite tastet es sich vor zu dem, wovon Hölderlins Hymne „Patmos“ gleich zu Anfang kündet:

Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch.

Der Ausgang ist offen. Den Badenden kann Unheil oder eben Rettung ereilen: der (suizidale) Gang ins Wasser – vulgo: „baden“ gehen – respektive das Bad in der Dünung des (ewigen) Lebens. Beides vereint in Hölderlin: diesem unrettbar Geretteten.
Als wie prekär sich Rettung in ihrer Doppelgesichtigkeit erweisen kann, deutet der Text in weiteren in zarten dabei deutlich bleibenden, Wortbildern an. Gehen wir „baden“, weil es die Entscheidung der Gangrichtung – Entscheidungen überhaupt – gibt? „du […] steigst ins wasser“, „schwimmst wie ein krokodil / mit deinem panzerrücken“. Hölderlinschicksal! Nämlich brodelnd „knapp / unter der oberfläche“, sodass Entfaltungspotential gegeben ist. Vorsichtige Öffnung eines Trocken-, eines Sicherheitsraums, denn „dein leben liegt da im sand“ – nachdem „du“ es „unter der oberfläche“ gesucht hast. Und zwar „neben einem sandkorn das / blendet“, wie das Gedicht endet: also auf Tuchfühlung mit dem „leben“? Angedeutet – vermittels der beständigen und distanzierenden Ansprache eines lyrischen Du – ist der Streifen Hoffnung am Horizont bereits hier: „in deiner haut / fehlen stücke“, heißt es zunächst, um sofort zu relativieren: „mosaike füllen sich“. Der Text, selbst Mosaik, hält, was er hier im Grundsatz verspricht: ein wohltuend wehtuendes Changieren zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Atemruhe des Gemüts und rasendem Seelensturm.
Es ist „diese Prise Hölderlin“, die Friederike Mayröcker in ihrem Gedicht „Hölderlinturm, am Neckar, im Mai“ in „abgefallenen / Blütenblättern“ sieht: „nichts sonst / das Zimmer leer“, und von der sie weiter sagt – ein Du sagen lässt –:

die Bäume
sind noch die gleichen wie damals
aber man hört einen Ton Musik

Durchaus im Sinne dieses Mayröcker’schen Bilds: Dorothee Krämer hat neben die „verletzungen / und beleidigungen“ – die, im „handtuch“ „eingeschlagen“ und „in den körnigen sand“ gelegt, kaschiert werden – mit „leben […] im sand“, mit „einem sandkorn das / blendet“ (dort ist’s die Musik, hier das Licht) ein nicht minder fein gezeichnetes Hoffnungsschema gesetzt.
Nach einem Gedanken von Ulrich Grasnick auf die Lebensendphase Hölderlins bezogen ist es die „Autonomie der Schönheit in dir“, die dies ermöglicht:

Was schön ist, spürst du noch nach vierzig Jahren im Turm und schaffst Gedichte, Gedichte, Gedichte!

„Wahnsinn wie ein Gewächs“, heißt es in seinem Gedicht „Hölderlin“, ein gleichfalls offenlassender Titel. Wahnsinn? Vielleicht glückte mit Tübingen die Zangengeburt der Doppeldeutigkeit dieses Worts: salopp anerkennend gebraucht versus stigmatisierend. Bei Grasnick keimt im Wahnsinn die Sehnsucht nach dem „Stern, der schon das Leben / abwarf von seinen Ufern“.
Dorothee Krämers Text schreibt an dieser Stelle fort und reiht sich ein in den Lyrik-Kanon stiller und kluger Hölderlinreferenz und -reverenz. Hierzu gratuliert die Jury. 

York Freitag

 

 

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser! Liebe Autorinnen und Autoren!

Märchen wurden über Jahrhunderte vielgestaltig erzählt, um Wahrnehmungen und Gedanken über uns an die nächste Generation weiterzugeben. Immer stehen sich Gut und Böse darin gegenüber, Licht und Dunkel befehden sich, bis der Drache, das Dunkle, besiegt ist. Über dem Jahr 2020 liegt ein Schatten; wir hören, sprechen und schreiben von neuen Herausforderungen. Hinschauen. Aufbrechen. Zukunftsoffenheit.
Mit dem weltweiten Ausbruch der neuen Atemwegserkrankung, der zum Zeitpunkt meiner Ausschreibung noch in seinem Anfangsstadium steckte, hat sich unser Zusammenleben grundlegend verändert. Das Coronavirus stellt unser Leben gegenwärtig auf den Kopf; herausgefordert im großen Maß sind Politik, Wissenschaft und Kultur.
Die diesjährige Ausschreibung zum Lyrikpreis 2020 ist dem Dichter Friedrich Hölderlin anlässlich seines 250. Geburtstages gewidmet. Das Thema „Saatkorn sein / zwischen Mühlsteinen“ – angedacht als dichterische Umsetzung von Erfahrung im Umgang mit Furcht und Unterdrückung – stellte ich unter Hölderlins Auskunft „Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch“.
Für ihre Entscheidungsfindung danke ich der unabhängigen Jury: York Freitag (Vorsitz), Kathrin B. Külow, Katharina Körting, Michael Manzek, Dr. Martin A. Völker und Jörg Wiedemann.
Die Gewinner der öffentlichen Auslobung 2020 sind: 

Dorothee Krämer (1. Preis) Andreas Lehmann (2. Preis) 

Auf die Liste für die engere Auswahl setzte die Jury außerdem: 

Carmen Jaud
Hans Joachim Kuhn
Christina Langner
Britta Lübbers
Hans Karl Johann Müller
Alexander Nietsche
Rainer Wedler

Die vorliegende Anthologie enthält die erstplatzierten Gedichte und eine größere Auswahl der insgesamt 442 Beiträge der Ausschreibung. Die Autoren der vorliegenden Anthologie werfen Licht auf das Gegenwärtige.
Für Friedrich Hölderlin sind Wahrheit und Güte in der Schönheit verschwistert, er ruft uns zu:

Lern im Leben die Kunst, im Kunstwerk lerne das Leben
Siehst du das Eine recht, siehst du das Andere auch.

Nehmen wir diese Pandemiezeit nicht eher als ausweglose Situation, Regellosigkeit und Chaos wahr? Sind wir Saatkorn genug? Der vorliegende Gedichtband dokumentiert zugleich dichterisch ein Ausgesetzt-Sein und ein Sich-Aussetzen. Unsichtbares geht einher mit Zukunftshoffen.
Alle Autoren, die sich an der Ausschreibung beteiligt haben, können in diesem Sinne gelesen werden und dafür möchte ich ausdrücklich danken. Ihre Textbeiträge sind dem entgegengestellt, was wir erleben an „Kulturbetrieb zum Stillstand gekommen“. Schreiben und lesen wir auch weiterhin – für ein Miteinander. 

Ulrich Grasnick, Vorwort

 

Der Ulrich-Grasnick-Lyrikpreis

Nähe und Ferne: Betrachten wir mit bloßem Auge einen Himmelsausschnitt und suchen nach Sternen, so sind einige sofort sichtbar, andere wollen noch erspäht werden. In diesem Hölderlin Jubiläumsjahr ist alles anders. Das Licht der fernen Sterne braucht lange, um die Erde zu erreichen. Wenn es uns erreicht, machen wir seine Entdeckung öffentlich und fragen die große Natur um Rat.
Ulrich Grasnick

Der Ulrich-Grasnick-Lyrikpreis wird jährlich an zwei AutorInnen für ein Gedicht in deutscher Sprache mit hohem künstlerischem Anspruch vergeben. Diese und andere Wettbewerbsbeiträge werden im Anschluss veröffentlicht. Die Prämierten des Wettbewerbs 2020 sind Dorothee Krämer mit dem Gedicht baden und Andreas Lehmann mit kein manifest.

Quintus Verlag, Ankündigung

 

 

Fakten und Vermutungen zur Herausgeberin + Facebook

 

Zum 80. Geburtstag des Herausgebers:

Marko Ferst: Inspiriert von Chagall
neues deutschland, 4.6.2018

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber
Porträtgalerie: deutsche FOTOTHEK

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