Almut Armélin und Ulrich Grasnick (Hrsg.): Wenn wir den Atem anhalten

Mashup von Juliane Duda zum Buch von Almut Armélin und Ulrich Grasnick (Hrsg.): Wenn wir den Atem anhalten

Armélin und Grasnick (Hrsg.)-Wenn wir den Atem anhalten

1. Preis

RAUTENZIMTELFEN

mein lufttaenzer
entlaeuft im nerz, taenzelt
im rufen. eulen mit fratzen treten
im lenz auf, flattern einem zu. ratten
liefen zum zelten mit frauen. terzen laufen
mit. entenflaum ziert muetzenfalterin.
falzt meine ruten. mein letzter
faun traf zum enteilen
rautenzimtelfen.

Marcus Neuer

 

 

ZUM PRÄMIERTEN GEDICHT „RAUTENZIMTELFEN“ VON MARCUS NEUERT

Die „rautenzimtelfen“ haben es bereits in ihrem Namen: Es ist vor allem der Duft, jenes nicht Fassbare oder nur mit einem der uns zur Verfügung stehenden äußeren Sinne, ein Hauch, der vorüberweht, Zimt, wer hat je eine Elfe gesehen, nicht jedenfalls mit biologischem Auge, höchstens noch ihren flüchtigen Abdruck im Sand, eine Raute, nein, eine halbe, von einem Füßchen, von einem Füßchenballen, einem einzigen, ein vager Bodenkontakt, „mein lufttaenzer“, und sogleich wieder hinaufgefedert, und der Autor, mit vielleicht metabiologischem Auge, hat den Abdruck erspäht, und ihn abgebildet: in zunächst sich verlängernden, dann wieder verkürzenden linksbündig gesetzten Versen, neun an der Zahl.
Verspieltheit: „entlaueft im nerz, taenzelt“. Kontrapunkt: „eulen mit fratzen“, die zwar „im lenz auf[treten]“, und „ratten“, zwar „zum zelten mit frauen“ unterwegs, das führt – Einblendung akustischen Moments: „terzen laufen / mit“ – (nurmehr unwillkürlich, wie es den Anschein hat) zu „entenflaum ziert muetzenfalterin. / falzt meine ruten“. Die Quintessenz, ein finales Zurücknehmen ins Außerpersönliche, eine transzendente Libido, hat sich längst angebahnt:

mein letzter
faun traf zum enteilen
rautenzimtelfen

Soweit die Inhaltsangabe.
Die Inhaltsangabe eines weit jenseits der Wörter angesiedelten narrativen Elements, das sich dem oberflächlichen Blick als Hermetik tarnt. Doch es gibt Wegweiser, es gibt Fährten. Zum einen die im Formalen angesiedelte und wie bereits angedeutet als halber Füßchenabdruck apostrophierte Halbraute, aber etwa auch im Lautlichen: die „z“, „t“, „tz“, zt“, in Vielzahl vorhanden, doch unprätentiös eingewoben, bilden ein bordunartiges Klangmyzel, das Fabelwelthaftes erfahrbar macht auf außerintellektueller Ebene, ins Raunen einführt, das über das Metasinnliche Sinn zuzuschreiben in der Lage ist.
Hinzu kommt der spielerische Wechsel der Zeitformen. Er deutet auf ein Beieinander des Momenthaften und Universellen, des Vergangenen und Gegenwärtigen, die Frage nach dem Wohin schwingt unausgesprochen mit. Es ist das Unfertige: die Halbraute, der offengelassene, noch unbesetzte Zukunftsblick, das Abgerissene der Kurzsätze, scheinbar willkürlich nebeneinandergestellt, quasi elliptisch. Dies schafft Freiräume, der Rezipient, obgleich geleitet, gestaltet sie aus. Für aber jeweils ein grundsätzlich eigenes Gesamtbild. Nicht zuletzt in Bezug auf die lexematisch-semantische Ebene gilt: Es ist die Vielschichtigkeit auch der Binnenbezüge auf kleinstem textlichen Raum, ohne zu überborden, die die Jury überzeugte.

York Freitag

 

 

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser! Liebe Autorinnen und Autoren!

Es kann nicht genug Ausschreibungen geben. Preisgeld und Zuwendungen für Preisträger können nicht hoch genug sein. Kunstförderung bleibt eine offene Frage. Die Kunst selbst gehört uns allen, wenngleich man sich wünschen möchte, sie würde von allen gebührend beachtet. Auch Beachtung, Wertschätzung und Würdigung fördert uns Autoren, und dazu sollen der von mir ins Leben gerufene Lyrikpreis sowie das vorliegende Buch dienen.
Ein Gedicht will einen Weg beschreiten, es will gehört und gelesen werden. Jedes Gedicht ist die Faser eines Lebens und ein Baustein für ein Buch. Mit seiner Veröffentlichung und anerkennenden Wahrnehmung überschreitet das Gedicht die engen Grenzen des Privaten und erwirbt sich einen Platz in der Öffentlichkeit der Bücherwelt. Allen unseren Autorinnen und Autoren wünsche ich dort einen publikumswirksamen Platz.
Ich danke der unabhängigen Jury für ihre Entscheidung: York Freitag (Vorsitzender), Michael Manzek, Doris Rosengarten und Dr. Martin A. Völker. Jeder der vier Juroren nominierte zwei Autoren (mit dem Titel eines Gedichts) für den Preis 2017. Nominierte für den Ulrich-Grasnick-Lyrikpreis 2017 waren:

Marcus Neuert (1. Preis)
Sigune Schnabel (2. Preis)
Dorothee Arndt
Dr. Erika Brandner
Burkhard Garbe
Daniela Klein
Michael Köhler
Marco Semmelroth

Was ich Ihnen noch auf den (künstlerischen) Weg geben möchte:

Jeder Dichter bevorzugt
zunächst die Liebe
Sie ist größer als das Nichts,
sucht einen Halt,
einen Sinn über das Leben hinaus.
Immer bleibt Raum für einen Anfang:
jeder Buchstabe ist Antwort
für einen nächsten.

Verse sind Stockwerke,
Wörter Wegweiser in die Welt
und zurück nach Hause,
jedes Gedicht fassbar
und unfassbar zugleich
mit Rätseln und Fragen.
Verse atmen,
sie sind unser Atem.

Verse sind Stockwerke, lassen uns leben in beliebiger Gegend, in der Vielfalt der Poesie mit einer Auswahl aus den 702 eingereichten Gedichten.

Ulrich Grasnick, Vorwort

 

Der Ulrich-Grasnick-Lyrikpreis

wird jährlich an zwei AutorInnen für ein Gedicht in deutscher Sprache mit hohem künstlerischem Anspruch vergeben. Diese und andere Wettbewerbsbeiträge werden im Anschluss veröffentlicht. Die Prämierten des Wettbewerbs 2017 sind Marcus Neuert mit dem Gedicht „rautenzimtelfen“ und Sigune Schnabel mit ihrem Gedicht „Die Nächte tragen Steine“.

Quintus Verlag, Ankündigung

 

 

Fakten und Vermutungen zur Herausgeberin + Facebook

 

Zum 80. Geburtstag des Herausgebers:

Marko Ferst: Inspiriert von Chagall
neues deutschland, 4.6.2018

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber
Porträtgalerie: deutsche FOTOTHEK

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