Andreas Altmann: die verlegung des zimmers

Altmann-die verlegung des zimmers

AUS SEINER SICHT

du ziehst die schatten breit
mit deinen armen und jedes wort,
das du auf sie gegeben hast,
krümmt sich im licht,
das sich in deiner stimme dehnt.

du weißt, der tod verlangt nicht,
daß du schweigst. am wegrand
sammelt sich der staub
gegebener versprechen,
der an den lippen leise wird.

für einen langen augenblick
ist alles still und jedes bild
ist weiß in seinem schatten,
der dich zusammenhält
aus seiner sicht.

 

 

 

die verlegung des zimmers: Das Zittern der Pfützenspiegel

Nicht zufällig stellte Andreas Altmann an den Beginn seines 1998 erschienenen Gedichtbandes wortebilden ein Zitat des Philosophen Vilem Flusser, der sich immer wieder mit dem Verhältnis von Natur und Kultur auseinander gesetzt hat. „Die Tropfen, die vom stürmischen Wind gegen das Fensterglas schlagen, in den Raum aber nicht eindringen können, bilden den Sieg der Kultur über die Natur“, schreibt Flusser in einem Text, der „Regen“ betitelt ist. Der von Denkgewohnheiten ungetrübte Blick auf die Dinge steht bei ihm am Anfang jeder philosophischen Erörterung.
Auch Andreas Altmanns Gedichten ist abzulesen, dass sie im Sinnlich-Konkreten ansetzen:

der körper sammelt seine wege auf.
im weiher fallen tropfen in die kreise.
Ich lauf in blicken, die vergilbten
fotos gleichen.

Obwohl seit Jahren in Berlin ansässig, ist Altmann kein Dichter des urbanen Raumes.
Es ist der Mikrokosmos der kleinen, vergessenen Orte, es sind die Ränder der Zivilisation, die diesem Dichter seine Sprache geben. Der „erste Blick“ ist für den Schreibprozess dieses Autors tatsächlich entscheidend, er ist es, woraus seine Texte ihre eigentümliche Poesie schöpfen.
Jeder hat wohl schon einmal in einen Teich geschaut; bei Altmann liest sich das so:

die pfützenspiegel zittern im Gesicht.
darüber scheint der himmel
unten durch

Der Himmel kann bei ihm auch „rostig“ (oder „gealtert“ wie ein Einschussloch in einer Wand) erscheinen. Und über zwei Gläser, die im Freien auf einem Holztisch stehen, heißt es einmal lapidar: „der regen, unterscheidet sie nicht“. Will heißen: die Natur kann, ähnlich wie der Nachtfrost in dem Gedicht „rauschen“, wohl eine ganze „gegend gelöscht“ haben, sie kann mit roher Gewalt alles zerstören, aber sie wertet nicht, ist niemandes Richter.
Joachim Sartorius hat vom „Eindruck des Stillstandes“ in diesen Gedichten gesprochen, ihnen zugleich aber auch eine „innere Bewegung“ bescheinigt. Zwar sind an Altmanns Dichterorten manchmal noch die Schatten „geduldig“, weil sie gerade „nicht aus den körpern“ kommen, aber der Autor ist zu raffiniert in der Anwendung seiner Mittel, um sich bloß in allgemeiner Tristesse zu erschöpfen.
Kultur und Natur: Elegant verwischt Altmann die Konturen. Sein Blick ist dem Gesehenen verschworen, und noch den Täuschungen unserer Sinne vertraut dieser Dichter, um aus ihnen Poesie zu schlagen, als wollte er uns sagen, das wenigstens für den Augenblick wahr ist, was wir sehen. So wird ein zu früher Frühling bedichtet mit den Worten:

der aprilschnee des kirschbaums
war auseinander gesprungen gleich wieder
erfroren

(„dorf april“).

Bereits im Titel seines neuen, mittlerweile dritten Gedichtbandes, die verlegung des zimmers, wird auf einen kleinen Kunstgriff angespielt, den Altmann wie kaum ein anderer beherrscht: die poetologische Umkehrung des Sinns. Der Dichter rüttelt am trägen Zeitlauf seiner Orte:

Ich habe dir lange beim schlafen zugesehen.
dann wurdest du müde davon,
wie die tür ein und ausging und ich
immer zwischen ihr stand und die stühle
den tisch drehten und uns gegenüber saßen

Oft ist von den Jahreszeiten die Rede, Schnee, so hat Altmann einmal gesagt, erinnere ihn an Kindheit. Und auch die Zwischenfälle dieses neuen Bandes verweisen auf Elementares: Schatten, Zimmer, Gesichter und Züge. Erst das fünfte und letzte Kapitel ist ganz einem Dorf gewidmet; nicht Hainichen, wo Altmann 1963 geboren wurde und das immer wieder in seinen Texten auftaucht, sondern Bomsdorf.
Ob es diesen Ort wirklich gibt oder es sich hier um eine dichterische Erfindung handelt, ist ganz nebensächlich, solange das Unfertige, Unvollkommene, mit Wallace Stevens, „so heiß in uns ist, / In brüchigen Worten, in störrischen Lauten“, wie bei Andreas Altmann. Den amerikanischen major poet hat er sich übrigens zum Patron seiner neuen Gedichtsammlung erwählt.
„ich fuhr mit dem bus durch den wald, / war zu groß für die bäume, zu schnell“, so beginnt die „geschichte des Schnees“. Bei manchen Dingen ist das Tempo entscheidend. Andreas Altmanns Gedichte verlangsamen unseren Blick und laden uns ein, genauer hinzuschauen. Störrisch-treu im besten Wortsinne ist diese dichterische Stimme, die es zu entdecken gilt, sich geblieben.

Volker Sielaff, Der Tagesspiegel, 16.3.2001

„ich denk an einen weißen raum…“

Der dritte Gedichtband des 1963 in Hainichen/Sachsen geborenen Andreas Altmann umfasst fünf Kapitel oder Zyklen sowie ein vor- und ein nachgeschaltetes Gedicht; ein umfangreiches Buch mit mehr als 70 fast ausnahmslos einseitigen Texten. Viele Lyrik-Leser bevorzugen die schmalen ca. 30-Texte-Ausgaben, doch keine Scheu vor die verlegung des zimmers: die Lektüre gestaltet sich spannend wie bei einem Roman, der 1997 mit dem Christine-Lavant-Preis und dem Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis ausgezeichnete Altmann wiederholt sich keineswegs und hält konstant sein hohes Niveau.
Themen und Inhalte der Gedichte sind häufig „Geschichten“ (z.B. „eine geschichte der krähe“, „eine geschichte aus dem tal“, schließlich erweist sich der gesamte, letzte Zyklus „aus bomsdorf«“ als eine Sammlung von quasi Dorfgeschichten), doch muss der Begriff „Geschichte“ hier genau beschrieben werden. Altmanns Geschichten haben kaum Handlung, keinen Dialog, keinen „Plot“, sondern sie bestehen aus sich entwickelnder Beobachtung, aus dem assoziativen und emotionalen Wechselspiel zwischen sich und der Umgebung, aus Erinnerung, aus der subjektiven Anrührung durch Anblicke und Begegnungen. Der im Gedicht „hinter glas“ beschriebene Fensterblick trifft wohl das Wesentliche von Altmanns Poetologie: das Heranholen von Eindrücken, die Empfindungen von Zeit, Nähe und Entfernung.

ich denk an einen weißen raum,
in den ich fotos stell.
bin im gebirge, wenn die vögel schlüpfen.
dort liegt noch schnee,
als hätte es die zeit hier nicht gegeben.
knospen. nest. die fotos und die fenster.
die worte werden bleiben.

Altmanns Texte sind dabei niemals starr, weil sie nicht im Beobachteten oder Gedachten verharren; stattdessen ist der Dichter im Erlebten involviert. Hinter „weichen wänden“ (Altmann) öffnen sich Welten der Phantasie und Nachdenklichkeit.
Diese Inhalte vermittelt der Autor, der mit größter Selbstverständlichkeit und daher glaubhaft das ich, das du und die eigenwillig personifizierte Umwelt als Cast seiner Lyrik engagiert, durch wunderbar treffende Benennungen: Begriffsverschmelzungen in unverbrauchter Sprache („der tod hat vier ränder, pflanzt in die erde“ — gräber umgehen). Seine fast skrupellose und daher oft überraschende Bereitschaft UND Fähigkeit zur Neukombination bringt scheinbar verkehrte, sich dann aber als überaus treffend erweisende Formulierungen hervor („… sah kaum aus dem fenster / nur im winter dem schnee nach, / wenn er im wasser verbrannte.“ — „engelsgeschichte“). Aktiv-Passiv-Rollen, Ursache-Wirkung-Verkettungen werden vielfach in Frage und umgestellt („dann sang sich das Lied einen gärtner“ — „dorf lied“). Im Ausdruck ergibt sich so eine erstaunliche Fülle und ein großer Bilderreichtum bei eindringlicher Schlichtheit ohne Pathos oder gesuchte Effekte.
Unterstützt wird diese Technik durch flexibel, präzise und bewußt eingesetzte Syntax (bei konsequenter Kleinschreibung) und kompetente Zeilengestaltung, welche die Texte bedeutsam und musikalisch phrasiert.
Die Wirkungen bestehen in dichter, eng verknüpfter, lyrischer Sprache, einem Netz, in dem der Leser gefangen wird. Der Tonfall der Gedichte ist von Intensität und Tiefe geprägt, ernst, ohne Spielereien, jedoch keinesfalls verbissen, da die kunstvolle Gestaltung einen Abstand schafft, der Erleichterung mit sich bringt. Rasch entwickelt sich beim Lesen ein Gefühl von menschlicher Wärme und Vertrautheit. Manche Zeilen freilich gehen, so der Leser dies zulässt, sehr nahe ans Eigentliche der Existenz:

von birken verstellt
verholzten die blicke, wurden zum denkmal
(„stand lange auf “).

die verlegung des zimmers ist somit ein fesselnder, einnehmender Gedichtband, Andreas Altmann zeigt sich als markante und hervorleuchtende Stimme der aktuellen Lyrik.

Martin Kraus, krausmartin.de

Fenster sortieren den Wind

– Spätestens seit seiner Auszeichnung mit dem Christine-Lavant-Lyrikpreis im Jahre 1997 ist der Berliner Dichter Andreas Altmann (geboren 1963) kein Geheimtipp mehr in der deutschsprachigen Lyrik-Landschaft. Entsprechend fand sein Gedichtband wortebilden 1998 gebührliche Aufmerksamkeit und machte neugierig auf mehr. Nun liegt mit die verlegung des zimmers Andreas Altmanns neuer Gedichtband vor. Und auch dieser Band läßt aufmerken. –

Eine leise und fragile Welt entfaltet sich dem Leser, rhythmisch und kunstvoll komponiert, mit einem sparsamen, beinahe stumm sprechenden Vokabular, wie hinter Glas. Eine Welt hinter zersprungenem Glas allerdings, von Verlusten und Abschieden gezeichnet, von Erinnerungsspuren und einer Natur, deren (nicht zuletzt ostdeutsche) Land- und Ortschaften zerwirtschaftet und in Auflösung begriffen sind:

hinter der kirche im loch,
das er grub, rostet ein bagger,
… es altern die balken der dächer
fenster sortieren den wind

Der leeren, zerfallenden Landschaft korrespondiert ein dezent agierendes lyrisches Ich, dessen Verlust an Selbst-Gewißheit in diese Auflösungsprozesse einbezogen ist und dem sich das Sehen vom Sprechen entfernt:

der mich sah war nicht ich
nur seine ähnlichkeit in der stimme
sprach mich an

Die Kluft zwischen Sehen und Sprechen/Sprache wird von Altmann systematisch in die Gedichte eingearbeitet. Seine Gedichte sind nämlich auch Bildergeschichten und Geschichten der Bilder, die in teilweise dissoziativen Blicken „worte erzählen“ und die Einheitlichkeit unserer Wahrnehmung unterlaufen, sie gewissermaßen mit Auflösungserscheinungen grundieren.
Immer wieder scheinen sich die Bilder von der Oberfläche der (ihrer!) Worte zu lösen, ein eigenwilliges Zusammenspiel von Wahrnehmung und Erinnerung setzt ein. Blicke ins Unbekannte eröffnen sich; Perspektivverschiebungen, die uns jenseits unserer Verstandeslogik Alltägliches neu entdecken lassen und unsere Perzeption ganz überraschend aktivieren und organisieren:

der himmel hatte sich in den wald
gebogen, rostete an den schwachen stellen,
kratzte schritte zusammen

Altmanns Gedichte führen uns in eine Sehschule der besonderen Art. Mit beinah haptischer Sinnlichkeit tastet das Auge physikalische Räume und seelische Landschaften ab. Dabei entstehen Stimmungen und Bilder von sehr nachhaltiger, unmittelbarer Wirkung: Es ist der Schatten, der den Arm bewegt, der Kopf schläft im Haar, Gärten blühen aus faltigen Händen, oder es sind „teiche, die an den tränen hingen, / auf denen an eisigen tagen beine zerbrachen“. Zuweilen entwerfen Altmanns Bilder anigmatische Felder und scheinen eingefroren zu sein an der Schwelle zwischen Bewußtem und Unbewußtem. Ein seltsam anmutiger, oftmals melancholischer Aufblick auf Natur und Dinge spielt sich ein: Ausdruck eines Sprache gewordenen Lebensgewebes.
Es ist schon faszinierend, mit welcher sprachlicher Leichtigkeit es dabei dem Autor gelingt, trotz der skizzierten Verluste verschwindende Natur, Geschichte und Biographie in die Dauer poetischer Augenblicke zu bannen und sie (und sich) dadurch in einer poetischen Kontinuität zu bezeugen. die verlegung des zimmers macht einmal mehr deutlich: Andreas Altmann gehört zu den eindrucksvollen jungen Stimmen in der deutschsprachigen Gegenwartslyrik.
Anmerkung: Leider mußte der Berliner Verlag Kowalke & Co. in diesem Sommer Insolvenz anmelden und ist inzwischen von der literarischen Bildfläche verschwunden. Der vorgestellte Gedichtband ist deshalb über den Dresdner Verlag DIE SCHEUNE oder über den Autor (Andreas Altmann, Toblacher Straße 38, 13187 Berlin) selbst zu beziehen.

Jürgen Nendza, die horen, Heft 203, 3. Quartal 2001

Angespannte Ruhe

im Zimmer war ich wieder allein,
schaute auf berge, die sich vom schnee lösten.
menschen standen auf der straße.
ich hätte unter ihnen sein können.
die scherben hatte ich schon.

Mit die verlegung des zimmers legte der Andreas Altmann 2001 nach die dörfer am ufer das meer (1996) und wortebilden (1997) seinen dritten Gedichtband vor. Der 1963 in Hainichen/Sachsen geborene Preisträger des Christine-Lavant-Preises setzt damit ein dichterisches Werk fort, das die Jury des 1997 vergebenen Preises folgendermaßen charakterisierte:

Seine Gedichte halten eine kunstvolle Balance zwischen privaten und politischen Erfahrungen. Mit präzisen Bildern vermag er mit Leichtigkeit intensive Stimmungen zu evozieren, wobei seine Sprache klar und deutlich bleibt.

die verlegung des zimmers ist aufgeteilt in die Zyklen „schatten“, „zimmer“, „gesichter“, „züge“, „aus bomsdorf“, die umklammert werden durch eine „geschichte vom krieg“ und eine „geschichte der familie“. Diese beiden „geschichten“, die stark verdichtete Schilderung eines Kriegserlebnisses, das das lyrische Ich vom Vater erfährt, und die geraffte Geschichte der Familie, in die sich die Erfahrung des Krieges eingeschrieben hat, bilden den formalen Rahmen und ermöglichen dem Leser eine thematische Orientierung bei der Auseinandersetzung mit Altmanns Gedichten.
Betrachtet man die „geschichte vom krieg“ als Ausgangspunkt, lässt sich eine inhaltliche Entwicklung bis zur „geschichte der familie“ nachvollziehen. Das lyrische Ich, Angehöriger einer Generation, die den Krieg selbst nicht erlebt hat, ist konfrontiert mit den ihm unbekannten, konkreten Ereignissen des Krieges, die im Leben des Vaters als Erinnerung gegenwärtig, im eigenen Leben aber als Überlieferung und Erfahrung ungreifbar und unaussprechlich sind:

auf dem weg zur kaufhalle in berlin,
kurz vor dem fest, auf besuch, erzählte mir vater,
wie er an der wand stand als junge
am ende des krieges in karlsbad.
[…]
und wie er nach seiner mutter nicht rief,
die in der baracke versteckt war
und aus dem fenster schlich an der rückwand
zu den offizieren mit einer anderen frau,
die ihre landsleute, nachdem schon ein schuß fiel,

beinahe erschlugen dafür, daß der vater die augen
so weit es ging, schloß. und niemand
wagte noch einen laut. ich hörte nur zu,
schaute ihm nicht ins gesicht, es schneite.

In „eine geschichte der familie“ ist eine Unterscheidung in eine Kriegsgeneration und eine Nachkommenschaft, die den Krieg nicht erlebt hat, aufgehoben. Das Ich ist Teil  einer Familie und eines Geschlechts, das über Generationen hinweg durch die Erfahrungen des Krieges geprägt ist. Diese Erfahrung ist überindividuell und setzt sich in der Geschichte fort:

vater hat den krieg verloren als kind
und wurde vertrieben. kehrte zurück
ins geplünderte haus, mußte es wieder verlassen.
[…] mutter erzählte nicht viel.
ihre schwester wurde schwanger
von einem befreier im krieg und nahm sich
nie mehr einen mann. sie liebte jesus
und ihren sohn, der nichts von ihm erfuhr.
er wurde bald offizier und verriet seine väter.
[…] mein bruder
hat zwei söhne und arbeitet bei vw.
der älteste ist beim bund, der andere
kommt nach der mutter.
ich lebe entfernt. ich habe eine tochter. 

Die Tochter, als vorläufig letztes Glied in der Reihe Betroffener und Beteiligter, markiert allerdings die Möglichkeit eines Bruchs, die Utopie einer Veränderung und die prinzipielle Offenheit des Systems, in dem die aktive Partizipation am Krieg immer vom Mann ausgegangen ist.

Die Position des Ichs zwischen der Betrachtung des Gegenwärtigen und des Vergangenen findet sich wieder in den Binnengedichten. Die Veränderungen in der Zeit, die Rückkehr an Orte, die lange verlassen worden sind, die Begegnung mit dem, was man überlebt zu haben glaubte, sich dann doch wieder rührt und den Anschluss findet, die Erkenntnis, dass es manchmal etwas gibt, das von Dauer ist und Verbindung schafft, klingt an in Altmanns Lyrik. Diese Eindrücke vermitteln eine Stimmung leiser Melancholie, die nie zu klagender Wehmut gerät.

die verlegung des zimmers, mag man den Titel wörtlich nehmen, reflektiert die Ausrichtung eines Bewusstseins an einen anderen Ort, die Auseinandersetzung des Inneren mit dem Äußeren. Gerade in dieser Spannung, die sich zwischen der Ruhe seiner Betrachtungen, der Darstellung des Äußeren, die Ron Winkler ganz richtig als „knisternde[s] Stilleben“ bezeichnet hat, und dem Inneren und Verborgenen aufbaut, wie sie sich auch in dem eingangs zitierten Gedicht „eine geschichte des schnees“ ausmachen lässt, liegt der Reiz dieses Bandes.

Maya Geyermann, kritische ausgabe, Heft 10, 2003

 

Dirk Rose über die Poesie von Andreas Altmann:

Paul Valéry sagt irgendwo, aber Valéry sagt immer etwas irgendwo, ein Vers müsse so beschaffen sein, daß er, wenn man ihn beim Gehen vor sich hin spreche, dem Takt der Schritte entspräche, sich also gleichsam aus dem Federn der Fußballen und Knöchel ergebe. Daran fühle ich mich bei den Gedichten von Andreas Altmann stets erinnert. „du mußt dich entscheiden, welche wege du aufstellst fürs gehen.“
die verlegung des zimmers, so der Titel seines letzten Gedichtbandes, findet nach draußen statt, wo es allein mit dem Nötigsten eingerichtet wird, den Elementen. Die wieder einzelnen Dinge müssen erst durch die Augen gehen, bevor sie zu Versen werden können. Nur das, was beim Gehen den Blick festzuhalten vermag, wird stark genug sein, die Worte im Gedicht aneinander zu binden. Nur die einfachsten, festesten Formen werden dazu in der Lage sein. Daher das Zurückgehen bis auf das Material selbst: „du öffnest das holz.“
Aber Valérys Gedanke betrifft mindestens ebenso sehr denjenigen, der Verse macht, wie den, dem sie gelten. Es ist ja der Leser und Hörer, der sie beim Gehen vor sich hinsprechen können soll. Doch das machen nur noch die Verrückten. Erlaubt ist höchstens, vor sich hin zu singen oder eine Melodie zu summen. Die Verse aber sind im zwanzigsten Jahrhundert aus dem Takt geraten. Das Lied, der Ursprung der Lyrik, ist zum Song geworden, den man schon nach einmaligem Hören ohne Nachzudenken vor sich hin trällern kann. Die Worte darin spielen so gut wie keine Rolle mehr; wie selbstverständlich nehmen wir das Englische in der Popmusik an, weil dort die Worte nicht weiter stören, und in den meisten Fällen muß man dafür auch dankbar sein. Auf der anderen Seite steht eine akademische, der formalen Avantgarde verpflichtete Lyrik, die bereits durch ihr Schriftbild signalisiert, daß sie keinerlei Wert auf Nachsprechbarkeit oder gar Singbarkeit legt. Diese Lyrik gilt gemeinhin als „anspruchsvoll“, weil sie dem Anspruch ihrer Kritiker und Rezipienten entgegen kommt, für anspruchsvoll zu gelten.
Warum aber liest oder hört man ein Gedicht? Ich glaube, weil man etwas von ihm erwartet, das sich mit Worten, die man ins Telefon spricht, nicht sagen läßt; etwas, von dem man genau weiß, daß es da ist; für das es ein Bild in der Vorstellungskraft gibt, oder besser: eine bestimmte Form von Licht, und von dem nichts bleibt als ein Nachleuchten hinter den Augen; auf dessen Suche man sich begibt, und das man manchmal wiederfindet im Nachklang eines Wortes. Dann wird man merken, daß die Sprachspiele und Avantgardposen gerade das Gegenteil davon bewirken, indem sie das Wort als Material benutzen, um es in ihre Textmaschinen einzuspeisen und auf dem Content-Markt zu verwerten. Wann endlich hat man diese Blut-und-Schädel-Lyrik über? Denn das Gedicht bedeutet Freiheit, sofern es den Horizont der Sprache offen hält. Und es bedeutet Verbundenheit, indem es jemand Fremden als Adressaten anspricht und ihn damit der Freiheit des Gedichtes verpflichtet: „du mußt dich entscheiden“. Die Moderne ist vorbei. Die Postmoderne wird niemals beginnen. Das Leben hat uns wieder.
Das ist die Situation, in der uns die Stimmen aus Andreas Altmanns Gedichten treffen. Sie sprechen in einfachen verständlichen Worten, die feste Umrisse haben und doch durchlässig sind für die eigenen Erfahrungen, wie die Pappeln, aus denen der Wind das Licht treibt: „fällst leicht durch die worte“. Aus elementaren Materialien sind die Gedichte Altmanns gebaut, Licht, Wind, Holz. Fast nie kommen Komposita vor. Jedes Wort steht für sich, wie das Ding, dessen Namen es trägt. Aus den Dingen selbst scheinen die Gedichte gemacht, vom Versfluß vor sich her gewälzt wie Geröll und langsam angeschwemmt, aufgeschichtet. Man kann den Gedichten Andreas Altmanns wie einem Bach über Äcker folgen, in dessen Bett Steine, Äste, Flaschen, Coladosen ein Bild von großer, weil zufälliger Schönheit ergeben, bis das nächste Anschwellen des Wassers dieses Bild verändern, auslöschen, neu entstehen lassen wird.
So fest umrissen wie die Dinge scheinen zunächst auch die Menschen in Altmanns Gedichten zu sein – auch das, was sie zu sagen haben: „jemand erkennt dich und erzählt dir, was war“. Und trotzdem verursachen sie, die selten von Anfang an in den Gedichten anwesend sind, meist erst hinzutreten, eine Störung, obgleich, oder gerade weil sie nur als Personalpronomen erscheinen. Diese bestimmte Gestaltlosigkeit, die ungewollt alle Blicke auf sich lenkt, verwischt die Umrisse der Dinge, die Deckungs-gleichheit mit den Worten geht verloren, Dinge und Worte treten wieder auseinander: „was du siehst, sind worte, die nicht hinter sich stehen und du immer nur kurz davor“, heißt es am Ende des Gedichts „totes haus ur“. Dennoch bleiben die Personen, wie man wohl eher sagen müßte, auf die Dinge angewiesen, um überhaupt zum Sprechen zu finden; ihre Geschichten bestehen aus den selben Elementen. Sie sind gezwungen, sich einen Vorrat an Dingen, das heißt an Worten, anzuschaffen, ohne die sie in ihrem blanken Existieren-müssen, ihrer Unverbundenheit, erfrieren würden. Vielleicht ist darum der Schnee so allgegenwärtig in den Gedichten Andreas Altmanns, als scheinbar fester Zustand des durch die Hände rinnenden Wassers, der sich aber auflöst, sobald man danach greift, und nichts als Kälte zurück läßt. Während der Schnee in der Lyrik dieser Tage fast nur noch als Metapher vom Himmel fällt, ist es bei Altmann der wirkliche Schnee, von dem die Finger klamm werden. Der Vorrat an Worten ist ein Vorrat an Wirklichem, das sich in keiner Rhetorik aufzehrt. Es ist ein Vorrat, mit dem der Dichter Andreas Altmann hausieren gehen kann, denn der Bedarf nach Wirklichkeit wird in dem Maße steigen, wie die Risse in der künstlichen westlichen Welt breiter werden, die auf dem sehr realen Dreck, der realen Kälte und dem realen Hunger der übrigen Welt errichtet ist.
Trotz dieser Deutlichkeit im Detail und dem Beharren auf einer Wirklichkeit „draußen“, die der Sprache ihr Material vorgibt, sind diese Gedichte in hohem Maß melodisch; es ist die Melodie des Windes in den Pappeln, des Wassers über den Steinen, der Schritte auf den verbogenen Straßen der Großstadt. Man kann die Gedichte Andreas Altmanns auswendig lernen, aber das würde ihrem sich von selbst fortsetzenden Fluß zu viel Zwang antun; man wird einzelne Verse sowieso auswendig wissen, wenn man sie einige Male gelesen hat, und im Gehen vor sich hinsprechen, im Takt der Schritte, bis man über ein scharfkantiges Wort stolpert und verwundert stehen bleibt. Mehr kann man von einem Gedicht nicht verlangen, sagt sicher auch Paul Valéry irgendwo.

Ron Winkler, satt.org, 26.1.2003

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Porträt + Preis 1 + 2

 

Richard Pietraß: Dichterleben – Andreas Altmann

 

Andreas Altmann liest sein Gedicht „ein mann ohne schlaf“.

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