Andreas Reimann: Kontradiktionen

Mashup von Juliane Duda zum Buch von Andreas Reimann: Kontradiktionen

Reimann-Kontradiktionen

METAMORPHOSE

Ein traum: des tages reflexion,
als tümpeltrüber symbiont
der vagen schattenformation.
Und am bewußtseinshorizont
erwächst ein mensch mit haut und haar,
doch metamorph, wie’s pflanzen sind.
Ob auch in kain ein abel war?
Das anti-ich wird zur gefahr
im wandel bleibt das wesen blind.

Sein körper stülpt sich mählich um.
Zu kugelkleinem rudiment
verschrumpft makaber cerebrum:
ach, krankheit, zeitlos virulent…
Die haut verhornt als rindenrock,
harscht knisterspröd und rau wie grind.
Zerbricht der wirbelsäulenstock?
Weckt uns des traums visionenschock?
Das wesen bleibt im wandel blind…

Schon schlagen adern aus dem leib
und wuchern breit wie baumgezweig.
O grauenzeichen: übertreib,
daß ich die wandlung nicht verschweig,
die fälschung mensch! Als torso-ast
steilts glied im offensiven wind.
Des mannes zehenwurzel paßt
ins schützenloch. Bin ich erblaßt?
Das wesen bleibt im wandel blind.

Welch macbeth-angst: ich fürcht den wald.
Aus wirren ästen stechen starr
patronenknopsen, kupfern, kalt:
apokalyptisch blütenjahr…
Und wird dein dasein anonym:
ein himmel drüber, grau verzinnt
vom rauch, ist helmes synonym,
wird wertlos auch, ist pseudonym
des wesens, das im wandel blind.

Der bau, der baum ist avanciert
zum patriotischen modell:
mit seinen wurzeln engagiert,
erfaßt er klärend visuell
den nachbarn kaum. Und wetter legt
sich heißer in den rauhen wind.
Es wächst der heerwald unentwegt:
o holz, aus dem man keulen schlägt…

Das wesen bleibt im wandel blind.

 

 

 

Kontradiktionen

beinhaltet den ersten Gedichtband Andreas Reimanns, der ursprünglich bereits 1966 ediert werden sollte, aber aus politischen Gründen seinerzeit nicht erschien. Neben dieser Erstveröffentlichung nach 50 Jahren sind in diesem Buch Essays aus der Zeitschrift Sinn und Form versammelt sowie damit im Zusammenhang stehende Diskussionsbeiträge verschiedener Autoren.
Das Buch ist die späte Wiederentdeckung des Debüts eines der wichtigsten deutschen Dichter der Gegenwart und ein spannendes Zeitdokument der Literaturgeschichte der DDR.

Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Ankündigung

 

Unverwechselbar: Andreas Reimann

Der Dichter Andreas Reimann feiert seinen 70. Geburtstag mit Band 1 der Werkausgabe: eine Erstveröffentlichung, denn der Zyklus war verschollen. –

Sie kommen spät, doch auch pünktlich. Zum 70. Geburtstag des Dichters Andreas Reimann erscheint Band 1 der Werkausgabe. Kontradiktionen ist der Titel, versammelt sind Gedichte aus den Jahren 1964 bis 1966, hinzu gesellen sich „Die neuen Leiden der jungen Lyrik“: Essays und Diskussionsbeiträge, die 1974/76 in der Zeitschrift Sinn und Form erschienen sind.
Zu Wort kommt also der sehr junge Reimann, und dass sich in den Gedichten und Texten dennoch ein Porträt des 70-Jährigen zeigt – das entspricht seinem Stil, seinem Formwillen, seiner Art, erkennbar zu sein, unverwechselbar. Deutlich wurde das auch vor zehn Jahren, als zum 60. Der trojanische Pegasus erschien, 150 ausgewählte Gedichte aus 50 Jahren. Das nun vorliegende Buch ist in anderer, auch mehrfacher Hinsicht besonders.
Geschrieben hat Reimann die Texte Anfang 1964 bis Anfang 1966, mit 17 bis 19 Jahren. Und wenn sie nun zum ersten Mal erscheinen – dann genau 50 Jahre nach dem ersten avisierten Drucktermin. Doch der Dichter wurde vorzeitig vom Literaturinstitut Leipzig exmatrikuliert, das Ministerium für Staatssicherheit eröffnete den „Operativen Vorgang Autor“, er wurde wegen „staatsgefährdender Hetze“ zu zwei Jahren Haft verurteilt. Danach konnte er nicht mehr in geschlossenen Räumen arbeiten.
Ein Großteil des ersten Manuskripts kam abhanden. Aufgetaucht ist es – Zynismus der Geschichte – erst wieder mit Reimanns Stasi-Akten. So können die Kontradiktionen nun doch noch erscheinen – was auch Peter Hinke von der Connewitzer Verlagsbuchhandlung zu verdanken ist und der Andreas-Reimann-Gesellschaft e.V.
Der Literaturwissenschaftler Peter Geist, Kenner des gesamten Werks, sagt:

Gedichte vergleichbarer Intensität, die die „verfluchte narbe aus zement“ zum Thema erheben, sucht man in der deutschen Lyrik dieser Zeit vergebens. Diese literaturgeschichtlich erheblichen Leistungen der Lyrik dieses Dichters harren nach wie vor des Eingangs in die historische Aufarbeitung.

Dem Heimweh gehen schon früh die Wörter nach, „Werd glatt, / du borstenpelz der heimwehklette, / denn unterm schotter folgt die stadt.“ Eine „Hymne vom Fahren“ ist dieses Gedicht, von der Ambivalenz des Abschiednehmens. „Ein abschied darf so groß nicht sein, / daß uns kein abschied übrigbleibt.“ Die Verse sind ein Einfall der Wörter in die Welt, wie man sie weniger sehen als spüren kann. Wörter wie „knisterspröd“ und„erschütterungsbitter“.
Fahrten sind es immer wieder. Züge. Fort. Zu reisen kann ja nie nur etwas Äußerliches sein. In der „Elegie zwischen zwei zügen“ heißt es:

Leb nicht. Bin nicht tot. Nenns warten.
Hektisch morst die schreibmaschine.
Nächtlich sauf ichs irisgrüne
anti-wasser, kipp den harten
oft sto gramm, da schlaf ich gut.
Aber noch in morpheus blut
grolln die großen überfahrten.

Je tiefer man in diese Elegien blickt, umso herausfordernder schauen sie zurück. Sie kommen aus einer anderen Zeit in einer Sprache, die sich selbst erschafft. Nichts klingt leicht. Der Dichter fügt eine Welt aus dem, was er vorfindet, er findet das Verlorene.
Dem Zyklus „Kontradiktionen“ folgen Gedichte aus der Zeit vor 1964 und Gedichte, dem Buch Die Weisheit des Fleischs zugehörig, die in diesem Band 1 der Werkausgabe eine kleine Werkschau gestatten. Dazu gehört auch, die Form zu studieren. Um die geht es im Essay „Die neuen Leiden der jungen Lyrik“ aus dem Sinn und Form-Heft 2/1974.

Festzustellen ist der Niedergang des Formbewusstseins in einem Grade, dass es bedenklich erscheint, noch auf dem Gattungsbegriff zu beharren.

Der neue Inhalt, schreibt Reimann, verkommt durch die neue Form.

Wo Form nicht zählt, verfällt das Individuelle.

Er geht hart ins Gericht mit den Lyrikern jener Zeit, mit den Gedichten, die veröffentlicht wurden in Anthologien oder verschiedenen Heften der Reihe Poesiealbum. Die sich anschließenden Reaktionen der Kollegen wirken teils recht angekratzt.
Jedenfalls zeigt sich der emotionsbewusste Lyriker Reimann hier als ein Kritiker höchster Schule: einer Schule der Ernsthaftigkeit bei absolutem Gehör für die Zwischentöne der Wahrhaftigkeit, begabt mit Ironie. Wenn es ihm um alles geht, buchstabiert er die einzelnen Teile. Der am 11. November vor 70 Jahren in Leipzig geborene Dichter – er musste nie fort, um hier bleiben zu können, und hat sich doch stets weit genug entfernt, um hier ganz da zu sein.

Janina Fleischer, Leipziger Volkszeitung, 10.11.2016

Weiterer Beitrag zu diesem Buch:

Hartmut Rüffert: Zum Siebzigsten: Andreas Reimanns unveröffentlichtes Frühwerk
Andreas-Reimann-Gesellschaft e.V.

 

Andreas Reimann: „Leipzig feiert pausenlos“

Peter Geist: „die ganzlust hab ich“ – zu den Gedichten von Andreas Reimann

Porträt des Lyrikers Andreas Reimann

 

 

Fakten und Vermutungen zum Autor

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Andreas Reimann

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