Anke Bastrop: Zu Angela Krauß’ „Wann, wenn nicht jetzt!“

 

Im Kern

− Zu Angela Krauß’ „Wann, wenn nicht jetzt!“ aus dem Gedichtband Ich muß mein Herz üben. −

 

ANGELA KRAUSS

Wann, wenn nicht jetzt!

Ich träum es seit je :

Mit einer einzigen Drehung
auf dem großen rosigen Zeh
ins Quantenvakuum!

Und dann in keiner Landschaft niedergehn,
die diesem Leben gleicht.

Und stehn!

 

Aufforderung zu neuen Räumen

Als ich die Gedichte von Angela Krauß las, befand ich mich an der Nordsee. Das Ferienzimmer, das ich bezogen hatte, war mit großen Fenstern ausgestattet, die in den Hof einer Fabrik wiesen. Es war ein verhangener März, der zu nichts aufforderte. Mir schien, dass er, der in anderen Jahren oft Aufbruch bedeutet hatte, sich diesmal wie die Nordsee vor mir verschlossen hielt. An jedem anderen Ort und zu jeder anderen Zeit wäre es so gewesen. Doch vielleicht zeigte es sich hier besonders: Die Gedichte von Angela Krauß standen eigenartig da – als fänden sie außerhalb von Zeit und Raum statt. Nicht außerhalb von Zeit und Raum, in denen wir leben. Aber außerhalb der deutschsprachigen Gegenwartslyrik und damit außerhalb meiner (Lese-) Gewohnheiten. Außerhalb ihrer derzeitigen Strömungen und Tendenzen, Sprache als Material zu begreifen und Gedichte mehr zu konstruieren denn zu erfühlen. Versicherten sich die meisten Gedichte, die ich kannte, des Zustandes einer fremdgewordenen Welt, so riefen diese dazu auf, neu mit ihr umzugehen. Wiesen die Gedichte von Angela Krauß bereits auf das Ende dieser Richtungen hin oder hatten sie von vornherein in einem anderen Raum – jenseits – ihre Anfänge genommen?
Der letzte Gedanke liegt näher. Vor allem das Gedicht „Wann, wenn nicht jetzt“ hatte mich in jenen Wochen am Meer nicht losgelassen. Da es gänzlich und ausdrücklich auf einen anderen Raum verweist. In einer Selbstverständlichkeit und Vehemenz, die mich nachhaltig traf: „keine Landschaft […], / die diesem Leben gleicht“. – Was war das, wo fand es statt?
Die Nordsee war mir zu direkt. Der kleine Ort, in dem mein Ferienzimmer sich befand, wurde beinah überall von ihr aufgesucht. Sie brach an Stellen in ihn ein, an dem man sie nicht erwartet hätte: in Fliesen (über die sich Muschelornamente zogen), Seifenspender (der Marke Palmolive Aquarium) und Balkonkübel, in die man Schilf und Strandhafer gepflanzt hatte. Die Nordsee war rau in ihrer Zudringlichkeit. Ich lief durch den Ort wie auf einem schmalen Grat. Die Nordsee war rau und sie war hart: eine Wand hinter den Dünen, die Schatten warf. Eine in kühlen Stein gehauene Wand.
Ich entkam ihr nicht.
Angela Krauß schreibt lichtdurchlässige Gedichte. Es ist viel weißer Raum zwischen den Wörtern, Versen, selbst zwischen Satzzeichen. Das verleiht ihnen Leichtigkeit, Prägnanz und eine Zärtlichkeit, die einlädt. Wer sie liest, kann sich frei in ihnen bewegen. Den Gedichten des Bandes Ich muß mein Herz üben sind Bleistiftzeichnungen von Hanns Schimansky zugeordnet: klare Linien, abstrakte Formen, die harte Mine aller Wahrscheinlichkeit nach fest aufgedrückt, so dass sichtbar bleibt, wo die Hand des Zeichners bewusst oder unbewusst gezittert hat. Einen Blick auf die Zeichnungen gerichtet, setzten sich auch Angela Krauß’ Gedichte und vor allem „Wann, wenn nicht jetzt“ als solche Bleistiftfiguren in mir ab. In dem Gedicht zittert in zeichnerischer Hinsicht nichts. „Wann, wenn nicht jetzt“ ist eine zupackende Aufforderung und Selbstaufforderung. Sie riss mich aus meiner Lethargie.
Eine Erfahrung, die ich beim Lesen von Gedichten oft gemacht habe, ist, dass sie meine Feineinstellung, die Weltwahrnehmung betreffend, intensivieren. So dass sich meine Innenräume im Lektürevorgang auffächern, ich mich vervielfache und die aus unendlichen Splittern zusammengesetzte Welt sich mindestens verdoppelt. Der Welt wird etwas aus jener Substanz und Konsistenz, aus der sie in weiterem oder engerem Sinne selbst besteht, hinzugefügt. Hier war es anders: Das Gedicht fasste mich zusammen. Ich erfuhr etwas vollkommen Neues. Der Zustand der Welt wurde überführt in einen Aufruf zur Tat.
Was ungeheuerlich und ungewöhnlich klingt für ein Genre, das sich mehr aus der Frage denn aus dem Aufruf generiert, wird von Angela Krauß‘ lyrischem Ich ausbalanciert, ohne dass der Balanceakt offensichtlich würde. Die surreal anmutende „Drehung / auf dem großen rosigen Zeh / ins Quantenvakuum und keine Landschaft […], / die diesem Leben gleicht“ verweisen auf eine Traumhaftigkeit („Ich träum es seit je“), die den Aufruf zur Tat artifiziert. In seiner formalen Lichtdurchlässigkeit scheint das Gedicht zärtlich zu sein: Es lässt dem Lesenden freies Bewegungsspiel wie Bleistiftzeichnungen in der Art Schimanskys es tun. Die ausgedrückte Körperlichkeit strahlt Grundwärme aus. Die Verse, das, was sie sagen („Wann, wenn nicht jetzt“), sind jedoch alles andere als zart – sondern kraftvoll gesetzte Linien (mit hartem Bleistift), die Halt geben, aufrufen, die stehn. Auf kleinstem Raum bringt Angela Krauß die Pole in Balance. Sie bilden den beinah nicht sichtbaren Grund, auf dem die Traumszene – oder Utopie – errichtet wird: „in keiner Landschaft niedergehn, / die diesem Leben gleicht. / Und stehn!“ Der Grund unter diesen scheinbar so leicht und klar dahingesprochenen Zeilen vibriert.
„Wann, wenn nicht jetzt“ – das trifft in den Kern einer kurz vorm Zerplatzen stehenden Welt. Was derzeit geschieht – die Welt verfällt und expandiert in gleichem Maße – wird in diesem Gedicht auf tänzerische – oder Figuren zeichnende – Weise ausgedrückt. So wird eine Pose aufgerufen, die sich aus einer lange aufgebauten Grundspannung (oder aus dem Gegenteil: einer lange aufgebauten, vielleicht sogar mitlaufenden Apathie) speist, die in einem Punkt kulminiert und zu dem sicher nicht nur aufrufenden, sondern auch verzweifelten Schluss führt: „Wann, wenn nicht jetzt!“ Hier setzt das Gedicht ein – mit dem Schluss eines Welt- und Ichzustandes – und begehrt zunächst Sammlung in einem Punkt, auf so beherzte wie lakonische Weise zum Ausdruck gebracht durch die Beschreibung einer Drehung auf dem großen Zeh (auch das eine Pose oder Tanzfigur). Als sei es leicht – das lyrische Ich ruft sich und die Welt anschließend dazu auf, sich aus eigener, im Zentrum des großen Zehs versammelter Kraft ins „Quantenvakuum“ zu erheben. Ein Quantensprung. Eine (Tanz-) Figur. Eine Utopie. Flucht? – Im Gegenteil: die Aufforderung, neue Räume zu öffnen und zu betreten.
Das Quantenvakuum als Begriff aus der Astrophysik weitet das Gedicht auf sprachlicher (und sprachmaterialistischer) Ebene. Dem zum Quantensprung angehobenen lyrischen Ich bietet es einen hochdimensionierten Raum: den Vakuumzustand, das Nichts, das aus quantenphysikalischer Sicht alles enthält und alles generiert. Aus dem Zustand absoluter und hochbewusster Ruhe erfolgt schließlich der Absprung: „in keiner Landschaft niedergehn, / die diesem Leben gleicht“ – quantenphysikalisch wie poetisch ist das möglich. Angela Krauß will mehr: Das mit so wenig Wörtern auskommende Gedicht ist eine  t a t s ä c h l i c h e  Aufforderung, sich im instabilsten Punkt zu versammeln (es scheint, zum letzten Mal) und zum „Stehn“ zu kommen. In seinem eigenen „prachtvoll[st]en Ich“, im Nichts, in Gott – ?
Um Begriffe geht es nicht in der Literatur von Angela Krauß. Vielmehr um Tanzfiguren und Bewegungen. Um das Wiederfühlbarmachen dessen, was hinter den Begriffen verlorengegangen ist. Um Sinnhaftigkeit. Sei es, dass die hier vollzogene Pose eben eine Pose ist, ein utopischer Traum, ein Als-Ob: Bezogen auf den Titel des Bandes Ich muß mein Herz üben, ist es vor allem eine Übung. Indem sie gedanklich nachvollzogen – also gelesen – wird, setzt bereits eine Veränderung ein: der Ausgangspunkt einer Handlung (die eine innere Handlung sein kann) und damit der jederzeit mögliche Quantensprung. Hat man dies einmal erlesen, entkommt man dem Quantensprung auch im Leben nicht mehr: Man ist längst inmitten.
Was mich damals am Meer so mitgerissen hat und weiter begleitet, ist die direkt aus dem Leben, der Welt und dem Selbst kommende Spannung, die im Raum des Poetischen verwandelt und wieder dorthin zurückgeführt wird, von wo sie kommt: auf einer gänzlich neuen Ebene. Mir ist kein weiteres Gedicht bekannt, das mich auf so unaufdringliche Weise gepackt hätte.
In dem kleinen Ort, in dem ich Angela Krauß’ Gedichte las, hingen über die gesamte Dauer meines Aufenthalts Plakate eines Radiosenders aus. Er rief zu einem Duell der Meere auf: Nordsee oder Ostsee? Die Frage war und blieb mir wie die Nordsee fremd.

Anke Bastrop

Zum Gedicht noch etwas sagen?

Dieses Gedicht könnte auch heißen: letzte Worte. Mit jedem Gedicht, mit diesem aber nun endgültig, habe ich die Worte abgeschüttelt. Wie beim Spatzen: erst das wilde Staubbad, dann alles abschütteln, dass die Funken fliegen. Befreit vom Reflektieren übers Dasein, schaue ich ihm wieder leer und keck entgegen. Berauscht von Unbedarftheit; ich weiß nichts; der Äther darf mich küssen; das Leben beginnt. Ich lerne wieder sprechen, aber ganz langsam. Und dann das Ganze wieder von vorne.

Angela Krauß

Die Texte wurden entnommen aus: die horen, Heft 246, Wallstein Verlag, 2. Quartal 2012

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