Ann Cotten: Fremdwörterbuchsonette

Cotten/Cotten-Fremwörterbuchsonette

KLANGSYNTHESE, DIGITAL

Wo, wo bist du, Coder, Coder, wo?
Ich hört im Traume deine Finger klopfen,
wie eine Membran flattern tief im All,
ich wachte auf, erkenn dich nicht, verloren

im Äther gehn wichtige Informationen
und übrig bleiben Daten, die man leicht verwechselt.
Und meine Ohrn nehmen dich immer schlechter auf
und immer miserabler imitiert dich mein Programm.

O mode vocis, Zimbeln, Becken, Palisander,
warum, Coder, verzerrt dich mein Verstehen?
Ists so verzärtelt, dies Bestehen auf einander?
Das trockene, hell klappernde Geräusch sehen
Schallwellen, welche selten nur mehr an der
Grenze rot tönen, übersteuernd überlaufen,

hört Echo calling Echo, calling: read me, Narciss?
Narciss: Ich hör nur Echo. Echo: Over.
Stecken im Hall, halten im Raum, gewiss
meinen sies gut, doch hören schlecht. Maroder

und immer öder schleppen nun die beiden
die trübe Schleife und schon lange nervts
doch erst seit kurzem ist sVerschwinden digital verschärft,
Narciss und Echo fühlen sich einander ganz entgleiten.

Betreff: Re: Re: Rem conquassatam, doch kein Treffen,
wie früher Hall, nunmehr imaginär
sitzt jeder, krass beschäftigt, in der eigenen Zeit,
ist jederzeit überstürzt zu antworten bereit.
Sie baun aus gegenseitigen Buchstaben Stimmen auf
und neu tönen, als ob mit ihren Stimmen irgendwas wär.

 

 

 

Ann Cotten liest und spricht über ihren Gedichtband „Fremdwörterbuchsonette“ die Gedichte „Schwindlige Indizien“ und „An Induktion To The Blues“ aus ihrem ersten Gedichtband Fremdwörterbuchsonette und berichtet, was sie an der Sonettform fasziniert, wie die Zweisprachigkeit sich auf ihr Schreiben auswirkt und warum es sich als Lyrikerin in Berlin gut leben läßt.
Sprecherinnen: Ann Cotten und Charlotte Brombach
Aufgenommen am 15.5.2007 in Berlin

Mit wenig Assoziationen beschwert;

künstlich, neu oder nur vorübergehend im Sprachgebrauch – Fremdwörter scheinen sich für ihre Existenz zu entschuldigen:

Ich erfülle hier nur Begriffsfunktion, habe einen Arbeitsplatz inne, für den es im Moment keinen qualifizierten Deutschen gibt.

Können sie das ernst meinen? Und – Sonette? Wenn Nematoden, Popikonen, Koryphäen, Synchronschwimmerinnen und moderne Loser in Quartetten und Terzetten vorkommen, hat es nicht nur mit Spaß an der Reibung zu tun, sondern auch mit existentiellen Sprachspielen, der spielerischen Existenz im campigen Gewand. Durch das strenge Gitter der Zeilen ist die Welt messbar, erfassbar, greifbar, wer sie liebt und begehrt, fertigt ihr Gefäße; aber die Welt beult die Kulturformen aus, buchtet sie ein, bricht sie und zersplittert daran selbst. Feixen in ausgefeilten Systemen, trauern im kaputten Sonett: Wenn eine Form noch lebt, dann so.

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 2007

Die Muse ist unverschämt

Ab und an taucht ein Wunderkind auf. Das ist immer irritierend. Auch weiß man nicht, ob das Wunderkind eines bleiben wird. Über die Zukunft des Wunderkinds lässt sich nichts vorhersagen. Das wiederum wirkt dann fast schon wieder beruhigend, menschlich. Aber erst einmal bleibt einem nur, zu staunen – über eine Begabung, die weder Lebensalter noch Ausbildung noch Biographie zu erklären vermögen. Wie kann es sein, wie macht die das bloß?
Ja, die. Denn es handelt sich um ein weibliches Wesen. Ann Cotten ist ihr Name, und sie schreibt die erstaunlichsten Gedichte. Doch bevor wir ausführlicher werden, sei einem Missverständnis vorgebeugt: Eine Streberin ist die 1982 in Iowa geborene Autorin nicht. Als sie im Alter von fünf Jahren mit ihren Eltern aus den USA nach Wien kam, wo sie eingeschult wurde, legte sie eine widerborstige Mischung aus Hochmut und Verweigerung an den Tag. Heute ist es ihr peinlich, wie sie sich gegenüber der netten Lehrerin benommen hat. Aber es sei eben so gewesen, dass sie schon lesen konnte und die anderen nicht. Deutsch allerdings musste sie noch lernen. Sie grinst schüchtern, als sie mit Wiener Zungenschlag von ihren ersten Schülerinnenpirouetten berichtet.
Seit letztem Jahr lebt Ann Cotten in Berlin, wie kann es anders sein. Aber es ist nicht das übliche Prenzlauerbergberlin der Jeunesse dorée, das sie sich zum Wohnen ausgesucht hat. Ann Cotten logiert in einer WG in Neukölln, wo neuerdings Kopftuchschönheiten durch die grauen Straßen schweben und ansonsten – wie schon vor zwanzig Jahren – die Arbeitslosen aus den Fenstern hängen.
Ann Cotten hat die Journalistin aus Frankfurt auf die MS Hoppetosse bestellt, ein Kneipenschiff, das am Rande des Treptower Parks vor Anker liegt. Sie bestellt Weißwein und zieht nervös an einer Zigarette. Es ist nicht ganz leicht, mit der jungen Lyrikerin – „ich sehe mich nicht als Lyrikerin“ – ins Gespräch zu kommen, was an einer natürlichen Zurückhaltung liegen mag oder auch an der jugendlichen Radikalität, die Ann Cotten umweht.
Zusammen mit Gleichgesinnten betreibt Ann Cotten die Website www.forum-der-13.de. Dort hat die Frühaufsteherin unter dem Datum des 13. August, Uhrzeit 6.14, ein Manifest veröffentlicht, in dem steht:

Literatur dient nicht zur Unterhaltung.

Ob die diversen Lesungen im legendären Café Burger und anderswo, an denen Ann Cotten teilnimmt und die fotografisch auf der erwähnten Website dokumentiert sind, nicht doch eine Prise Unterhaltung bieten? Jedenfalls hält hier ein Milieu zusammen, das blendend organisiert ist und sich dabei auch noch prächtig amüsiert.
Das Motiv, Ann Cotten zu treffen, liegt aber natürlich nicht darin begründet, dass sie ein Paradeexempel des vitalen jungen deutschen Lyrik-Jetsets ist. Der Grund ist schlicht und ergreifend ein Buch, vielmehr ein Büchlein, nämlich Ann Cottens im Frühjahr in der edition suhrkamp erschiene Fremdwörterbuchsonette. Der Band zählt 80 Seiten, enthält ebenso viele Gedichte und ist seine 8,50 Euro mehr als nur wert. Denn diese Fremdwörterbuchsonette sind ein Füllhorn an virtuosen Etüden, guten und fiesen Gefühlen, rasanten Schlauheiten und gewitzten Verführungen. Der kaum zu durchdringende, großartig rhythmisierte Mix wird zusammengehalten – oder zusammengequirlt – von einem alten Formprinzip, dem Sonett. Genau, dem Fremdwörterbuchsonett, einem Gattungsjoke Ann Cottens.
Gelegentlich ist der Ton lustig und leicht und erinnert ein bisschen an Gernhardt („Wir stemmen ohne es zu wissen / die kompliziertesten Prämissen“). Meist aber ist eher die Wiener Schule als Background zu spüren. Als Ann Cotten in der Stadtbibliothek noch zu Schulzeiten auf H.C. Artmann, Reinhard Priessnitz und Liesl Ujvary – eine ihrer späteren Förderinnen – stieß, löste das einen kreativen Schock aus. Eine (Sprach-)Welt ging unter für die Tochter amerikanischer Auswanderer. Eine neue trat an die Stelle.
Die asymmetrische Frisur, die Ann Cotten einen Touch von Punk verleiht, weht wild durcheinander. Die Hoppetosse schaukelt auf der Spree. Inzwischen hat eine Gruppe französischer Touristen auf dem Terrassendeck Platz genommen. Ann Cotten ist eine suchende, leise Sprecherin, ihre Gedichte zu kommentieren scheint ihr unangenehm zu sein. Sie lässt sich entlocken, dass ihr Umgang mit Fremdwörtern „abenteuerlich“ sei. (Na klar sind sie das! Das ist ja gerade das Schöne.) Dabei sind manche dieser Fremdwörter offenkundig gar keine (mehr), sondern eklektisch-lexikalische Assoziationsreste; sind im digital-global-anglophonen Sumpf angeschwemmte Wortschnipsel („intermission / n’s ironie-mist“), bei denen dann die Zweisprachigkeit Ann Cottens, ihre Vertrautheit mit dem Amerikanischen und dem Pop zum Tragen kommt. Ein Gedichtpaar, genau in der Mitte des Bandes, ist denn auch Daniel Johnston gewidmet, dem depressiven Sängergenie aus Texas. Der herzergreifende Ausflug an die gefährliche Grenze von Poesie und Krankheit endet mit dem Vers „ich hoffe nur, du schläfst noch unterm Baum da vorn.“
Manche Verse Cottens klingen vielleicht etwas zu weise für eine Fünfundzwanzigjährige:

An etwas, warum dann nicht an dir? musste das Schöne scheitern,
um richtig schön zu sein.

Andere wiederum fangen brillant die vagen jugendlichen Triebe ein. „Wörter sind nicht von ihrer Semantik zu lösen“, sagt Ann Cotten – und dichtet sich zielsicher durch die semantischen Wogen der Abstraktion hindurch, um immer wieder bei den Küssen zu landen, die in ihren Sonetten Männer und Frauen und Frauen und Frauen rege austauschen. „Frauenphantasie ist kein Begriff“, diktiert Ann Cotten der Journalistin ins Notizheft, und:

Die Muse ist unverschämt.

Ja, das ist sie wohl. In Wien hat Ann Cotten als Studentin im British Bookshop gejobbt, jeweils samstags. Immer in der Mittagspause schrieb sie ihre Fremdwörterbuchsonette; das dauerte etwas über ein Jahr. Während der Woche wurden sie ausgebrütet, da kam die unverschämte Muse bestimmt öfter zu Besuch.

Es wäre noch über vieles zu sprechen, über den Thüringer Sonderling Johann Karl Wezel etwa, über den Ann Cotten promoviert. Über ihre Prosapläne. Oder über Amerika, dessen Doppelmoral sie anekelt. Doch manchmal erinnert sie sich wehmütig an die flimmernde Hitze der menschenleeren Landschaft bei Kansas, in der das kleine Mädchen einsam einem Zug hinterherlauscht.

Ina Hartwig, Frankfurter Rundschau, 17.8.2007

Mama, komm und hol den Geigerzähler

– Ann Cotten, in Österreich aufgewachsene Autorin mit amerikanischen Wurzeln, veröffentlichte in der edition suhrkamp ihren ersten, beeindruckenden Gedichtband Fremdwörterbuchsonette. –

Vielleicht gibt es ja irgendwo ein Land, in dem das Lesen von Gedichten ein Volkssport ist, so wie bei uns das Lästern, das Raunzen und das Sudern. In so einem Land hätte die in Amerika geborene und in Österreich aufgewachsene Ann Cotten es allerdings schwer, am Boden zu bleiben. Taxifahrer würden ihre Gedichte rezitieren, Studentinnen würden ihre Verse auf T-Shirts spazierenführen, und die Dichterin müsste in Talkshows über den autobiografischen Hintergrund ihrer Werke sprechen.
„Der Toast springt auf in meine Stille / Kaffee Kaffee Kaffee Kaffee Kaffee“ wäre in diesem Land eine Zeile, die den Menschen beim Frühstück durch den Kopf ginge. Die unglücklich Verliebten könnten ihren Herzensbrechern unter die Nase reiben:

… und du, du bist wie dieses Klopapier, das
in großen Rollen dunkel im Behälter kauert,
dass man es lange in die falsche Richtung dreht…

Und pensionierte Formel-1-Fahrer, die in diesem Land ebenfalls Lyrikfreaks wären, müssten nicht lange nach ihrer Lieblingszeile suchen:

Ich bin ein Wrack und fahre Autodrom.

Nach Auftritten bei Poetry Slams und verstreuten Text-Publikationen veröffentlichte die 25-jährige Ann Cotten in diesem Frühling ihren ersten Gedichtband. Der Titel Fremdwörterbuchsonette ist Programm, denn im gleichen Maß, in dem die Gedichte ausgesuchte Fremdwörter einkreisen, werden einem beim Lesen die vertraut geglaubten Heimatwörter fremd. Sie serviert den Wörternachschlag aus dem Nachschlagwerk mit jener lächelnden Eleganz, mit der auch Fußballer ihr fieses Nachschlagen tarnen. Bald ist man als Leser im ausgehebelten Zustand so weit, dass man in den Hilferuf der Dichterin einstimmen möchte:

Mama, komm und hol den Geigerzähler!
Etwas stimmt mit diesen Versen nicht!

Wer einen Gedichtband aufschlägt, tut dies selten mit der Absicht, seine analytische Gehirnhälfte auf Vordermann zu bringen. Eher hat man hinterher das Gefühl, dass man – wie Musil ätzt – „ein Integral auflösen muss, um abzumagern“. Ann Cottens Sonette aber, die mit falsch aufgezäumten und rückwärts gehenden Pferden ebenso bevölkert sind wie mit Dieter Chmelar, Ayrton Senna und Aida-Kellnerinnen in Gesundheitsschlapfen, kommen aus der Gegenrichtung, ringen um den Fehler im rationalen System, das sie scheinbar mühelos beherrscht. Man hat beim Lesen das Gefühl, eine gedankenstrenge Asketin bei der lüsternen Selbst-Demontage zu beobachten, ihr dabei zuzuschauen, wie sie ihren eigenen Kopf wider besseres Wissen in den Schraubstock der abartigen Sonettform zwängt, von der Neugier getrieben, wo es am meisten wehtut, wo es zuerst kracht, und was bei der Malträtierung wohl so herauskommt.
Es kommen famose Gedichte dabei heraus, auf den ersten Blick so „schwierig“, dass man staunt, wie ihr Puls sich in den Gehörgang gräbt und einem die ebenso klugen wie berührenden und komischen Verse einhämmert, bis man auch jene Stellen, wo man beim Lesen ins Schwimmen gerät, für eine sommerliche Erfrischung hält. Unerschrocken kalauert sie sich von „Ratio“ zu „Radio“, binnenreimt „während ich mich an deine Zähne lehne“ mit einer Leichtigkeit, die jeden HipHopper vor Neid erblassen lässt. Oder in Massen erblassen lassen würde. Lebten wir in einem Land, in dem das Lesen von Gedichten ein Volkssport wäre.

Wolf Haas, Der Standart, 26.10.2007

Im gemachten Streckbett

– Die junge, in Wien aufgewachsene Ann Cotten gilt als Hoffnungsträgerin der Berliner Dichterszene. Ihr Debüt versammelt Fremdwörterbuchsonette. –

Auf Kindergeburtstagen früher gab es oft das Fremdwörterspiel. Alle erhielten Stift und Zettel, einer griff zum Fremdwörterbuch und gab daraus ein möglichst schweres Wort zum Besten, wie zum Beispiel „Loxodrom“. Alle machten sich daran, sich eine denkbare Bedeutung dafür auszudenken und aufzuschreiben. Anschließend wurden sämtliche Vorschläge verlesen, inklusive des Wörterbucheintrags. Punkte aber – und das war das Entscheidende – bekam man dafür, dass möglichst viele Mitspieler die selbst ausgedachte Definition für die richtige hielten. Gewinner war daher nicht, wer die meisten schweren Vokabeln kannte, sondern wer ausreichend Witz und Chuzpe hatte, die abstrusesten Worterklärungen plausibel zu verkaufen. Nicht Wissen, sondern Erfindungsgabe sowie Rhetorik zählen hier also. Loxodrom? Das ist doch sicher eine Tausch- und Secondhandstation für ausrangierte Lokomotiven.
Der Debüt-Gedichtband Fremdwörterbuchsonette der jungen Lyrikerin Ann Cotten wirkt durchweg, als sei er von solchen Erfahrungen inspiriert. Das Spielerische überwiegt. Ganz unterschiedliche rhetorische Register werden munter ausprobiert, doch der eigentliche Kick, so scheint es, kommt stets dann, wenn eine möglichst schwere und weithergeholte Vokabel sprachlich neu umspielt wird: „Klick. Wo begann zu drehen es / sich zeigte an der Ufern so / den Fluss an. Anorganisch lumenesk, / bloß an der Oberfläche Wüten“ und so weiter. Dies ist der Anfang eines Textes mit dem Titel „Extension, Ekstase“. Syntax und Semantik sind, man merkt es gleich, schlicht nachgeordnet. Das Wüten an der Oberfläche ist wichtiger und ergibt sich aus der schieren Lust, derlei wilde Wortaufschüttungen so lange sich selbst zu überlassen, bis sich ihr Material zu drehen beginnt. Wer kann, mag das ekstatisch finden.
Nachgeschlagen aber hat die Autorin ihre Wörter wirklich. Gleich der Eingangstext erklärt „Loxodrom“ weitgehend lexikongerecht:

die Längenkreise kreisen
um Kreise (siehe auch: Meridian)
einer Kugel her beziehungsweise
der Erdkugel unter gleichem Winkel
schneidend

Damit kommt jedoch von Anfang an noch eine andere Dimension ins Spiel, die Lesern, welche weniger von sphärischer Mathematik als von Poetik wissen, sofort auffallen dürfte: Spätestens seit Paul Celans Büchnerpreis-Rede von 1960 ist der „Meridian“ auch eine poetologische Figur, mit der moderne Lyrik sich gegen die Zurichtungen einer zeitgenössisch interessierten Rhetorik zur Wehr setzt. Hier wird diese Beziehungsfigur zwar weniger erinnert als geschnitten. Gleichwohl, Anspielungen dieser Art suchen und umkreisen Cottens Texte viel. Von Shakespeare bis zu Reinhard Mey, von Hölderlin bis Hitchcock und von Patti Smith bis Eichendorff reicht das fremde Sprachmaterial, das unentwegt gesampelt wird. Ganz wie es am Ende eines Gedichts heißt:

ich mach Sonette über Oberflächen fremder Betten

Natürlich ist jedes Sonett immer ein Sprachspiel, dessen Herausforderung darin liegt, es sich in einer vorgefundenen und reichlich harten Form bequem zu machen – wohl kaum ein gemachtes Bett, in das man sich gern legt, eher ein Streckbrett, auf das man sich freiwillig spannt. Ann Cotten setzt zwar weniger auf Endreime als auf Zeilensymbolik, erhöht ansonsten aber ihren Einsatz dadurch, dass sie gleich eine ganze Serie von Doppelsonetten abliefert, und zwar in wahrhaft barocker Kombinatorik: Jeder der durchnumerierten 78 Texte ist chiastisch angelegt und korrespondiert mit einem anderen, dessen Zahl die eigene zur Summe von 79 ergänzt, so dass die gesamte Folge wie ein großer Chiasmus oder eine Doppelhelix in sich verschränkt ist:

Um von den süßen Schmerzen abzusehen,
die C und G und T und A verrücken,
in sich verschlungen sind wir manchmal redundant.

Manchmal aber, so dürfen wir schmerzlos hinzufügen, auch einfach etwas redselig.
Gewiss, bei so viel Spieltrieb findet sich im Textmaterial nicht nur viel Witziges, Anarchisches, zuweilen Geistreiches, sehr oft Kalauerndes und vorsätzlich Albernes, sondern auch einiges, was wirklich beeindruckt und berührt. Zumeist sind dies kurze Zweizeiler oder knappe Formulierungen, die im Gedächtnis bleiben – „Im Urwald, wo die wilden Wörter wohnen, / befand ich mich, als ich das Einhorn ritt“; „Steig aus dem Fenster in die dunkle Luft / und leise klirrt die Scheibe hinter deinem Arm“; „die uns vertraute Zeit war schluckähnlich vorbei“; oder „da stehst / du, umlaubt von trashigen Sonettkränzen“ –, und man wünscht sich, die Autorin hätte deren Kraft einfach vertraut, anstatt sie sogleich holpernd in Jamben, Alexandriner, Limericks, Walzer oder sonst was Kunstgerechtes sonettförmig einzubauen. Denn das Manieristische der Formwut generiert viel Leerlauf. Nur in ihren stärksten Momenten machen diese Texte daher klar, dass jedes Wort, sobald es im Gedicht erscheint, zum Fremdwort wird, weil es sich der Gewohnheit und Gewöhnlichkeit entfremdet.
Ann Cotten, Jahrgang 1982, wurde in Iowa geboren, ist in Wien aufgewachsen und lebt seit Abschluss ihres Studiums neuerdings in Berlin. Bislang in der Poetry-Szene der Clubs und Slams und Literaturzeitschriften schon ein Name, hat sie mit diesem Band ein selbstbewusstes Debüt in der Edition Suhrkamp hingelegt. Witz und Chuzpe, Erfindungsgeist wie rhetorisches Vermögen hat sie sicher zu Genüge. Vielleicht werden wir bei ihrem nächsten Buch erfahren, ob diese Autorin uns auch etwas zu sagen hat.

Tobias Döring, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.11.2007

Eine Vorliebe für Wörterbücher

– Die Dichterin Ann Cotten. –

Die Feuilletons feierten die 25-jährige Ann Cotten mit ihrem Lyrikdebüt Fremdwörterbuchsonette beim Suhrkamp-Verlag als „Wunderkind“ und als „Shootingstar des jungen deutschsprachigen Lyrik-Jetsets“. Die in den USA geborene und in Wien aufgewachsene Dichterin nennt die alte Form des Sonetts eine „schöne Maschine“ und vergleicht ihre Spracharbeit mit der eines Mechanikers.

Ann Cotten liest aus dem Sonett „Loxodrome“:

Unerreichbar weilt die Loxodrome
nah am Partner, dem Meridian.
Überspannt entbehrlich die Atome
wo sie, begehrlich, dünner werden kann.
Und unbeleckt vom Wirken der Symptome
schielt hin mit einem Auge der Meridian.

Ann Cotten: „Ich glaub, ich schlug mal etwas mit Loxodrom nach, dann gefiel mir der Eintrag so gut, dass ich auf die Idee kam, das könnte man ja eins zu eins zu einem Gedicht machen. Und freie Verszeilen mag ich nicht, ich mag überhaupt Gedichte nicht so gern, aber Sonette sind okay find ich, deswegen hab ich ein Sonett draus gemacht.“
„Und dann wollte ich versuchen, dieses Modell weiter auszuprobieren, dann habe ich andere Wörter gefunden, die mir gut gefielen, die ich koppeln wollte. Und es hat sich so nach und nach herausgebildet, dass es gut funktioniert, wenn man einen Begriff koppelt mit einer Situation und Wortspielen und Bildern.“

Ann Cotten nennt die alte Form des Sonetts aus zwei Vier- und zwei Dreizeilern eine „schöne Maschine“ und vergleicht ihre Spracharbeit mit der eines Mechanikers. Dabei bedient sie sich im Ersatzteillager der Dichtung bei Patti Smith, Hölderlin, Hitchcock oder Eichendorff und biegt das Material für ihre Zwecke zurecht – zum Beispiel um die Unmöglichkeiten der Liebe zu beschreiben.

Ann Cotten liest aus dem Sonett „Ellen Blick“:

Die Liebe ist voll inkommensurabel,
die Liebe im Gewand kommensurabel,
wo nicht erwidert: inkommensurabel,
wo in Sonetten hergereimt: Parabel.

Sie selbst verweigert das feminine Äußere einer Dichterin. Ihre Frisur ist asymmetrisch: auf der linken Seite kurz bis übers Ohr, auf der rechten Seite kinnlang und am Stirnansatz ausrasiert. Ihr blasses Gesicht hat etwas mädchenhaft Schmales, Zerbrechliches – ihr Auftritt in Anzug oder Jeans und Pullover dagegen etwas Jungenhaft-burschikoses. Zurückhaltend und doch selbstbewusst betritt sie auf ihren Lesungen die Bühne.
Christiane Lange von der Literaturwerkstatt Berlin: „Sie ist eine ganz starke Stimme. Sie ist natürlich, wie alle Dichter, ungeheuer formbewusst, das ist völlig klar. Aber sie hat auch etwas so’was Anarchisches, sowas Anarchisches drunter und sie ist auch eine sehr gute Leserin, Sprecherin, Performerin ihrer eigenen Texte.“

Das Haus, in das Ann Cotten vor kurzem in Berlin-Wedding gezogen ist, ist unsaniert. Im Nebenhaus befindet sich eine türkische Bäckerei. Nachdem sie mit einer Freundin zusammengewohnt hat, ist dies ihre erste eigene Wohnung in Berlin. Im 2. Hinterhof. Dort, wo es ruhig ist, die Großstadt weit weg, blickt sie auf einen Friedhof.

Ann Cotten: „Zuerst kommt der Parkplatz vor einem Gemeindebau und dann so eine Art Pfadfindergarten, da kommen so Jugendliche und schießen übern Zaun mit Schießgewehren und ganz dahinter ist der Friedhof. (…) Ich hab das Gefühl, das wird wieder so eine Ann-Wohnung, wie ich sie in Wien hatte, so etwas öd. “

Mit fünf Jahren kam Ann Cotten mit ihren amerikanischen Eltern – beide Biochemiker – aus Iowa nach Wien und erst dort lernte sie Deutsch. Der Zusammenprall der englischen, die sie ihre häusliche Sprache nennt, und der deutschen, mit der sie die Welt entdeckte, war eine Inspirationsquelle für ihr späteres Schreiben.
Später studierte sie Germanistik und schrieb ihre Sonette heimlich während der Arbeit im British Book Shop. Aus Wien hat sie sich die Gewohnheit mitgebracht, in der „Geräuschblase“ eines Kaffeehauses zu schreiben. Und sie hat die Konkrete Poesie der Wiener Gruppe im Sprachgepäck. Dazu hat sie ihre Diplomarbeit geschrieben, die im Herbst 2008 als Buch erscheinen wird.

Ann Cotten: „Ich mag besonders Konrad Bayer, Oswald Wiener, Liesl Ujvary, die dann alles mit so einem Witz, mit Anarchie, dass die ihre eigenen Systeme auch wieder durchbrechen und damit spielen.“

Zwischen Umzugskisten, Regalbrettern, Langspielplatten, Oxford-Dictionary und Malereimer sagt Ann Cotten, sie sei froh, wenn sie endlich wieder Telefon und Internet habe. Letzteres wird sie auch dringend brauchen für ihr neues, ungewöhnliches Projekt mit dem Suhrkamp-Verlag, das zunächst nur als Website veröffentlicht wird. Die sogenannten „Glossar Attrappen“ sollen wie ein digitaler Karteikasten alphabetisch geordnet Begriffe enthalten, zu denen sie kurze Prosastücke als Pseudo-Erklärungstexte schreibt. Benutzte sie für ihr Debüt noch ein herkömmliches Lexikon, will sie nun ein eigenes, wie sie sagt, „unseriöses Wörterbuch“ als work in progress erschaffen.

Ann Cotten liest aus dem Sonett „In der Nacht machbar“:

Wir stemmen ohne es zu wissen
die kompliziertesten Prämissen
des Nachts, wenn noch zwei Bier im Kühlschrank sind
und jeder schluckend auslässt, einzuatmen.

Cornelia Saxe, Deutschlandradio Kultur, 28.1.2008

Fast könnte hier eine Besprechung von Ann Cotten,

bekanntermaßen selbst im Gap-Konzern tätig, in den Verdacht der Gefälligkeitsrezension geraten, wenn nun aber jemand mit 25 bei Suhrkamp debütiert, dann können wir aber doch auch nicht so tun, als wenn nichts wäre.

Unangebrachte Höflichkeit wäre bei der Wahlberlinerin jedoch gar nicht nötig, Fremdwörterbuchsonette ist Lyrik auf der Speerspitze junger deutscher Dichtkunst. Wer beim einem großen Internetversandhaus Cotten kauft, hat auch Winkler, Rinck, Popp, Albrecht, Lentz (hä?) und Bella Triste im Einkaufskörbchen. Heutzutage, wo eigentlich niemand mehr so recht beurteilen kann, ob das mit den Terzetten und Quartetten denn so stimmt, Sonette zu schreiben, zeugt schon mal nicht von speziell kriecherischer Haltung. Wenn dann der Durchschnittsuser auch noch zumindest ein Wort pro Gedicht erst nachgooglen muss, fällt dem Feuilleton natürlich nichts anderes ein, als den Haarschnitt zu thematisieren und Wunderkind zu schreien. Macht aber nichts, das ernsthafte und unpathetische Anliegen, mal wirklich daran zu arbeiten, wie viel wirkliche Wirklichkeit die Sprache aushält und vice versa zeitigt mitunter das Interessanteste, was in deutscher Zunge derzeit so passiert. Man darf sich Fremdwörterbuchsonette also als eine Mischung aus Petrarca, Opitz und dem frühen Distelmeyer (wenn er heute noch mal jung wäre) vorstellen. Wir freuen uns auf noch mehr „Gedanken, welche wieder kleine Sonnen zieren“.

Martin Fritz: Ann Cotten – Fremdwörterbuchsonette

Begeisterndes Sprachgefühl

Ich bin sehr froh, diese außergewöhnliche Lyrikerin entdeckt zu haben.
Ann Cotten schreibt in einer begeisternden Mischung aus hohem Ton und Nonchalance. So hat sie sich für die Form des Sonetts entschieden, um ihre Gedanken zu strukturieren – genauer gesagt, handelt es sich um 78 Doppelsonette (oft mit invertierter zweiter Hälfte), die das Inhaltsverzeichnis wiederum in Paare gliedert (1/78, 2/77 usw.). Das klingt trocken, doch schon die Tatsache, dass sie keine Scheu hat, die feste Form stilsicher zu ändern, verhindert jede Langeweile (die Leerstellen in „Extraversion in Tomi“ sind das augenfälligste, aber längst nicht einzige Beispiel). Sie kann Pointen setzen, ohne je auf Komplexität zu verzichten. Vor allem aber beweist Ann Cotten ein Sprachgefühl, das seinesgleichen sucht und das ich nicht ausreichend zu beschreiben vermag. Gelegentlich eingestreute Neologismen, Fremdwörter geringer Prominenz („Loxodrom“, „Isanabase“) und Ausflüge ins Englische würzen die Gedichte zusätzlich, sind aber nicht das Wesentliche.
Einer der wenigen Gedichtbände, in denen ich kein schlechtes Gedicht finde und viele großartige. Sehr, sehr schön.

Sbw, amazon.de, 5.3.2016

Anarchische Komik

Ann Cotten ist 1982 in Iowa geboren. Sie zog 1987 mit ihren Eltern nach Wien und lebt seit 2006 in Berlin. Für Fremdwörterbuchsonette, ihren ersten Gedichtband, hat sie 2007 den mit 3.700 Euro und vom österreichischen Bundeskanzleramt verliehenen Reinhard-Priessnitz-Preis für Nachwuchsautorinnen und -autoren erhalten. Ann Cotten ist eine bemerkenswerte Autorin. Inhaltlich pendelt sie irgendwo zwischen Arroganz und Rückzug, wobei sie sich formal auf die strenge Form des Sonetts abstützt, die sie aber an vielen Orten inkonsequent und mit einem heftigen Augenzwinkern umsetzt. Auch der (sinnstiftende) Gebrauch von Fremdwörtern ist zentral. Im Unterschied zur Verwendung des Sonetts empfinde ich den inkonsequenten Gebrauch hier aber als einen Mangel. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Einfliessen-Lassen von Begriffen wie Loxodrom (gerade Linie auf einer Seekarte), Palindrom (ein Wort, das von vorne und hinten gelesen gleich lautet), Inkommensurabilität (physikalische Unvergleichbarkeit von Stoffen durch Messen) Isanabase (geografische Verbindungslinie zweier Orte mit gleicher Hebung) usw., bloss ein Muster ist, um Aufmerksamkeit zu erregen. Schon im ersten Drittel des Buches gehen der Autorin die Ideen aus und sie verwendet einfachere Begriffe wie Dilemma, Derivat, Kontingenz, Kondensation, Homologie usw. Vielleicht bin ich auch zu streng mit Ann Cotten, deren Deutsch gerade einmal zehn Jahre alt ist. Von daher gesehen, können Fremdwörter (genau gleich wie die zahlreich eingestreuten Englischen Brocken) dazu dienen, im fremden Sprachsediment einen lexikalisch sicheren Halt zu finden oder das scheinbar gesicherte Terrain einer hier fehlenden Muttersprache durch Rückübersetzung zu hinterfragen. Selbstverständlich muss man auch den sprachlichen Spieltrieb (man lese Priessnitz!) berücksichtigen. Was aber würde bleiben, wenn man die Form des Sonetts wegdenkt und den Gebrauch der Fremdwörter? Teilweise pathetische und furchtbar platte Aussagen über das Leben: Die Suche nach dem (richtigen) Sinn, Liebe, Alkohol, Flucht und Erfahrung, Eltern, Herkunft und Rebellion, alles in allem, Seelenzustände, über die man im Internet in unzählbarer Häufigkeit stolpern kann und die – als Striptease – komisch bis peinlich wirken. Gut, dass es das Sonett und Fremdwörter gibt. Ich hoffe, dass Ann Cotten, die ohne Zweifel Talent und eine erfrischende Prise Anarchie mitbringt, in ihren nächsten Arbeiten Boden und Inhalt findet.

Andreas Gryphius, amazon.de, 3.1.2008

Mir glaubt ja keiner, wenn ich sage: Das ist große Kunst!

Sie ist so was von verdammt cool. Und gut. Lese ihre Gedichte auf dem iPhone in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit. OK, dazu muss man schon in einer Gegend leben, in der es eine U-Bahn gibt. Mein Lieblingssonett ist bislang das mit den Möwen. (7. Möwen, Kontingenz) Cotten No. 7. Die Fremdwörtersonette waren eine ihrer ersten Fingerübungen. Von der linken Hand. Da kommt noch mehr. – Ann Cottens neues Buch Florida-Räume ist besser, deshalb nur 4 Sterne. Aber egal. – Sie ist sowas von cool. Und natürlich ist jeder Mann in ihren österreichischen Akzent verliebt, den hört man sogar beim Lesen. PS: Jeder dritte Rezensent, der ihren Geburtsort erwähnt, wird erschossen. Zwei waren’ schon.

Wegwerfer, amazon.de, 14.1.2011

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Martin Kubaczek: Entdeckerfreude
lyrikkritik.de

Malte Kleinjung: Auf Umwegen zu Ann Cotten – Eine Annäherung
faustkultur, 1.3.2012

 

Hugo-Ball Preis 2017:

Ann Cotten – Shootingstar der Lyrikszene. Vorgestellt von Theo Schneider | Seit 1990 vergibt Pirmasens den Hugo-Ball-Preis in Erinnerung an den berühmtesten und dort lange geschmähten Sohn der Stadt. U.a. hat ihn Oskar Pastior erhalten, Cees Nooteboom und Feridun Zaimoglu. Die jüngste Preisträgerin ist Ann Cotten. Die Wiener Autorin galt lange als Wunderkind und Shootingstar der deutschen Lyrikszene. Inzwischen hat sie eine ganze Reihe von Titeln veröffentlicht, die sie als äußerst vielfältige Autorin zeigen. Den Hugo-Ball-Preis erhielt Ann Cotten, so die Begründung der Jury:

… für ihr eigenwilliges und originelles Werk, in dessen Texten sich Politik, Philosophie und ästhetisches Kalkül zu oszillierenden Gebilden verbinden, die sich gleichermaßen der Revolte wie der Schönheit verschrieben haben.

In SWR2 Lesezeichen am 15.4.2017 unterhält sich Theo Schneider mit der Autorin über ihre Literatur und ihre Gemeinsamkeiten mit Hugo Ball und Ann Cotten liest aus neuen Texten.

 

Fakten und Vermutungen zur Autorin + KLG
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum +  Autorenarchiv Susanne Schleyer
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Ann Cotten und Antye Greie alias AGF (EPHEMEROPTERAE IX), 2015.

 

Ann Cotten im Gespräch mit Alexander Kluge: Im Urwald, wo die wilden Wörter wohnen.

1 Antwort : Ann Cotten: Fremdwörterbuchsonette”

  1. Jens sagt:

    wider das kommunikationsmodell – die gesprochenheit des gedichtes
    Ann Cottens

    einen lyrikband in den händen, lesend, ist es, als stünde jemand
    neben dir und flüsterte dir ins ohr.
    es entfacht sich, lesend, die frage, wer spricht denn da, von wessen
    stimme höre ich die gedichte, ja, so gefragt, wer ist denn da das
    lyrische ich?
    es gibt viel gerede um die frage, wie denn die geschichte der lyrik
    einzuteilen sei, welche zäsuren und wandlungspunkte die fort-
    schreibung lyrischer texte umsäumen. als ob man diesen terminus
    technikus „lyrisches ich“ nicht mehr nennen dürfte, die frage also nicht
    stellen, wer flüstert mir da ins ohr, sehe ich in der lyrik nach dem 2.
    welttkrieg, in der wirtschaftswunderzeit, eine zäsur: der leser als
    jemand, der ähnliche erfahrungen wie der dichter verbuchen muss
    oder darf und kann, der leser als der beflüsterte wird zum lyrischen
    ich. der leser kann die worte des dichters sich anverwandeln als
    spräche er von sich selbst, z. bsp. zu seinen kindern und enkeln oder
    die enkel zu ihren kindern: stell dir vor, wir hätten zu dieser zeit
    gelebt.
    das neue an verlegten gedichten ab um die jahrtausendwende ist,
    man kann sich lesend jedwede stimme eines sprechers vorstellen.
    wessen worte wären, welche stimme hätten die gedichte Ann Cottens
    denn nicht? ich spreche, lesend, was ich lese selbst als einer derer
    aller, deren stimmen in mir klingen, flüsternd diese, genau diese
    Worte Ann Cottens. oder sonor. oder sonor, oder sonor.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.