Anna Achmatowa: Der Abend

Achmatowa/Modigliani-Der Abend

ERSTE RÜCKKEHR

Ein schweres Leichentuch liegt auf der Erde,
die Glocken tönen, feierlich ihr Klang,
und wieder läßt die Seele sich verwirren
von Zarskoje Selo, wird matt und bang.
Fünf Jahre gingen. Tot und stumm ist alles,
als ob die Welt hier auf ihr Ende harrt.
Wie ein für immer ausgeschöpftes Thema
steht der Palast, im Todesschlaf erstarrt.

 

 

Zur Bedeutung von Werk und Autorin

Die Dichtung Anna Achmatowas ist wie ein
Teich oder ein Waldsee oder ein Spiegel, in dem
alles weniger real, aber plastischer als in der
Wirklichkeit erscheint. Der grelle Himmel und
die glänzenden Wolken sind in der Spiegelung
noch greller – im schwarzen Gewässer, wo es
Teufel gibt, aber keine Welle, kein Plätschern an
der Oberfläche: alles ruht in unsichtbarer Stille,
im Schein der dunklen Wassertiefen. Weiß auf
Schwarz. Seltsames Schwarz in der Weiße.
Wirkung des Hintergrunds, der spiegelglatt, tief
und trauernd ist, vor dem ein Gegenstand mit
messerscharfen Konturen erscheint, in denen etwas
Durchdringendes, Magisches aufblitzt, etwas
Unerklärliches, denn – „es ist nichts da“.

Terz (Sinjawskij): Eine Stimme im Chor

Anna Achmatowa ist seit Jahren die in Deutschland meistübersetzte Lyrikerin Russlands, und an Biographien, Aufzeichnungen, Erzählungen, Berichten über sie und an Huldigungen (Gedichte an und über sie würden, gesammelt, einen ganzen Band füllen), auch an autobiographischen Aussagen, herrscht kein Mangel. Ihr langes schöpferisches Leben, das parallel zur russischen Geschichte und Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts verläuft, liegt klar vor uns. Efim Etkind nennt sie treffend die „Melpomene des 20. Jahrhunderts“, also die Muse der tragischen Dichtung; hier denkt man vor allem an den Gedichtzyklus „Requiem“, der vor einem autobiographischen Hintergrund die Schrecknisse der stalinistischen Ära schildert. Die Forschung hat ans Licht gebracht, was es in ihren Gedichten und in ihrem Leben, in dem sie nicht selten Masken und Verstecke benutzen musste, zu erschließen gab – im Hinblick auf die Rezeption ihres Werks befinden wir uns nicht mehr in der Jahreszeit der Saat, sondern in der der Ernte. Und doch kann man ohne Übertreibung sagen: Anna Achmatowa hat nichts von ihrem Rätsel und von ihrer Faszination verloren, und ihr Werk, in Thematik, Wortwahl und Ton so einfach und schlicht, ist frisch und unverbraucht wie am ersten Tag.
Der Eintritt dieser großen Dichterin mit ihrer unverwechselbaren Stimme in die Welt, der Gedichtband Der Abend von 1912, erschienen in St. Petersburg, wurde bis zum hier vorliegenden Band nie vollständig ins Deutsche übertragen. Er wurde zwar bei Würdigungen ihres Werkes immer freundlich erwähnt, liegt aber, da er in deutschen Auswahlbänden, wenn überhaupt, nur mit wenigen Gedichten vertreten ist, weitgehend im Dunkeln. Durch die vollständige Übersetzung ihres Erstlings kann man nun erfahren, wie die Stimme einer zwanzigjährigen Frau bereits den unverwechselbaren Klang gewinnt, wie der „Achmatowa“-Ton uns schon in diesen ersten Versuchen, die bereits etwas Meisterhaftes an sich haben, für immer bezaubert.
Alle Dichter schreiben immer nur ihr erstes Buch oder setzen dieses fort. Diese extreme Behauptung hat einen wahren Kern, der uns, wenn wir die frühen Gedichte der Achmatowa auf dem Hintergrund ihres gesamten lyrischen Werkes lesen, durchaus einleuchtet. Es handelt sich nämlich nicht nur um Versuche, sondern im Rahmen der Entwicklungsmöglichkeiten einer jungen Frau, der noch nicht all das zugestoßen ist, was sie einmal zu einer Repräsentantin einer ganzen Epoche machen wird −, um fertige, gelungene, reife Gedichte, für die sich die Autorin nicht zu schämen braucht. Und doch hat sie es getan, und ihre diesbezüglichen Äußerungen aus späteren Jahren, abgefasst in einem halb scherzhaften Ton, sollen den Leserinnen und Lesern nicht vorenthalten werden:

Diese armseligen Verse eines Nichtsnutz von Mädchen werden aus unerfindlichen Gründen zum dreizehnten Mal neu aufgelegt. (Mögliche Raubdrucke außer acht gelassen.) Sie erschienen auch in einigen fremden Sprachen. Das junge Mädchen selbst prophezeite ihnen keine derartige Zukunft und versteckte die Nummern der Zeitschriften, in denen sie zum ersten Mal abgedruckt wurden, unter Sofakissen: „um sich nicht die Laune zu verderben!“ Aus Verdruß über das Erscheinen des Abends fuhr sie im Frühjahr 1912 sogar nach Italien, und in der Straßenbahn dachte sie beim Blick auf die Passagiere: „Die Glücklichen – bei ihnen kommt kein Buch heraus“.

Selbstaussagen von Dichterinnen und Dichtern über sich und ihr Werk sind bekanntlich mit Vorsicht zu genießen; man kann sie zur Kenntnis, aber man darf sie keinesfalls als bare Münze nehmen. Verschleierungen, Retouchen, Mystifikationen, ein sich wandelndes Selbstverständnis, die diversen Probleme mit dem Publikum und der Kritik, all das beeinflusst Selbsteinschätzung und Selbstaussage.
Anna Achmatowa hat niemals eine vollständige Buchausgabe ihres ersten Gedichtbandes veranstaltet, die man als endgültig und maßgebend bezeichnen könnte; ja, sie ging sogar so weit, einige Gedichte aus dem Abend als letzte Abteilung ihres zweiten Gedichtbandes, Der Rosenkranz (1914), wiederzuverwenden. Wir brauchen hier die sich in Neuauflagen wandelnden Gesichter des Abend nicht nachzuzeichnen: Zum einen wurde der Bestand der Gedichte kleiner (Stilisierungen, Pastiches, allzu Persönliches, Fragmentarisches verschwanden), andererseits kam von anderen, zu jener Zeit entstandenen Gedichten, aus den Heften von 1909-1911, einiges hinzu. Anfang der 60er Jahre fasste die Achmatowa sogar den Plan, die Gedichte aus dem „Kiever Heft“ von 1909 zu einer selbständigen Abteilung mit dem Titel Vorabend zusammenzufassen – so fern und fremd waren der Autorin ihre frühen Gedichte also doch nicht geworden!
In den wissenschaftlichen russischen Ausgaben werden jene Gedichte, die nicht zum ursprünglichen Bestand gehören, unter der Rubrik „Ergänzungen“ gebracht, da der Wille der Dichterin, wo im Gesamten des Bandes sie ihren Platz erhalten sollten, nicht rekonstruierbar ist. In der vorliegenden Ausgabe bilden die Gedichte eine Einheit, wie sie nicht nachweisbar, aber plausibel ist. Verzichtet wurde auf ganz weniges: auf Lautmalerisches, auf eine Art Kindergedicht, auf Verse, die im Stile eines bei uns unbekannten Dichters verfasst sind.
Nachzutragen ist noch die Beschreibung der Ausgabe: Das in der Dichter-Gilde offenbar in eigener Regie erschienene Buch, versehen mit einem leicht gönnerhaft klingenden Vorwort des älteren und anerkannten Dichters Michail Kusmin, war mit einem Fontispiz von E. Lanceré sowie mit feinen Vignetten von A.B. (Benois?) geschmückt. 15 der 46 darin enthaltenen Gedichte waren zuvor in Zeitschriften erschienen. Die Auflage betrug 300 Exemplare, die sehr rasch verkauft waren. Die Äußerungen in der Presse, mehr als zehn in den Jahren 1912-1913, darunter von führenden Dichtern der Zeit, waren fast alle von Wohlwollen geprägt; allerdings wurden dabei auch gleich Debatten um die neue Dichterschule des „Akmeismus“ geführt und über „Frauenlyrik“ gestritten.
Um die Überraschung zu verstehen, die die Gedichte auslösten, als sie 1912 veröffentlicht wurden, muss man sich klar machen, wie damals gedichtet wurde. Wenn man die Fülle der sentimentalen Produkte „im Stile der Zeit“ beiseite läßt, dann kann man von der Vorherrschaft des Symbolismus im Dichten und Denken der Jahrhundertwende und noch mindestens ein Jahrzehnt darüber hinaus sprechen. Auch wenn der Symbolismus sich bereits seinem Ende zuneigte und fast schon, theoretisch, überwunden war – die Wirkung einer so großen künstlerischen und auch philosophischen Bewegung hörte nicht abrupt auf, sondern ließ erst mit dem Erscheinen, vielmehr der gründlichen Rezeption der ersten Gedichtbände von Futurismus und Akmeismus endgültig nach. In diesem Sinne schreibt Efim Etkind in der von ihm getroffenen und bisher größten Auswahl aus dem lyrischen Werk (Im Spiegelland. Ausgewählte Gedichte):

Als 1911 Anna Achmatowas Gedichte über Liebe und Trennung zum ersten Mal erschienen, schenkte man ihnen zunächst nicht viel Aufmerksamkeit… Bald darauf erkannten jedoch manche Leser, dass sie es mit etwas ganz Unerwartetem und Hervorragendem zu tun hatten: Die kleinen Liebesgeschichten schienen zwar einem lyrischen Tagebuch zu entstammen, waren aber neu in ihrer Aussage. Die Dichter des Symbolismus hatten die irdischen Dinge als bloße Schatten der unsichtbaren Substanzen betrachtet – hier nun ertönte eine frische, diesseitige Stimme; sie nannte jedes Ding bei seinem prosaischen Namen und ließ die Intonationen des Alltagsgesprächs in schlichten, keineswegs melodischen Versen erklingen.
1910 war das Jahr der Krise des russischen Symbolismus. In theoretischen Artikeln forderte die neue Generation Deutlichkeit, Logik, Verständlichkeit. Ossip Mandelstam, der mit Nikolaj Gumiljow und Anna Achmatowa zum Mitbegründer des Akmeismus wurde, schrieb in seinem antisymbolistischen Manifest „Über die Natur des Wortes“:
Nehmen wir als Beispiel die Rose und die Sonne, das Täubchen und das Mädchen. Für den Symbolisten ist keiner dieser Begriffe von eigenständigem Interesse: Die Rose ist nur das Gleichnis der Sonne, die Sonne das Gleichnis der Rose, die Taube das Gleichnis des Mädchens, das Mädchen das Gleichnis der Taube und so weiter. Die Gestalten sind wie Bälge ausgeweidet und mit fremdem Inhalt ausgestopft… Nichts ist mehr echt. Ein fürchterlicher Tanz symbolischer Entsprechungen… Kein einziges klares Wort, nur Anspielungen und Verschweigungen… Niemand will sich selber treu bleiben. Da erscheinen,

fährt Etkind fort,

diese kleinen Gedichte (oder dramatischen Miniaturen), in denen alles anders ist: Die Substantive sind wörtlich, nicht metaphorisch zu verstehen, die Epitheta unzweideutig und konkret, die Gefühle voneinander isoliert, die Intonation ist lebensgetreu. Die Lyrik steht nun nicht mehr dem Lied, sondern der Prosa nahe. Die Gedichte werden kurz und intensiv, die Worte deutlich und selbständig. Es ist nicht mehr die Musik, die den Vers bestimmt, sondern das Sachliche, der Sinn, es sind die materiellen Eigenschaften des Gegenstands und des Wortes.

Man kann den Gedichtband aufschlagen, wo man will, fast überall trifft man auf diesen lakonischen Ton, mit dem Gefühle ganz unromantisch wiedergegeben oder nur angedeutet werden, oftmals durch einen konkreten Gegenstand:

Die Tür ist halb geöffnet,
süß wehen Lindendüfte…
Auf dem Tisch, vergessen:
ein Handschuh, eine Peitsche.

Das erinnert an Tschechows Empfehlung, wie man sich eine seitenlange gefühlsselige Beschreibung einer Mondnacht sparen kann, indem man schreibt: Auf dem Damm des Sees liegt eine funkelnde Glasscherbe. Punkt. Das ist alles. – Oder das Gedicht, das mit der unerhört modernen Zeile beginnt: „Dein Strohhalm trinkt meine Seele“:

Die Stachelbeerbäumchen blühen,
jemand karrt Ziegelsteine.
Bist du mein Freund? mein Geliebter?
Ich weiß es nicht, bleibe allein.

Solche Alltagsbilder müssen zu ihrer Zeit wie ein Schock gewirkt haben.
Sicher, es gibt in diesen Gedichten noch allerlei aus dem unerschöpflichen russischen Sagen- und Märchenarsenal; Prinzen und Ritter treten auf, Dinge sind beseelt und können (mit-)fühlen und sprechen, und die junge Dichterin vermag sich in eine Nixe zu verwandeln:

Ich brauche nicht mehr meine Füße,
sie dürfen ruhig ein Fischschwanz sein!

Aber das sind keine Fluchten, das dient der Abwehr von Konventionen, der Verhinderung von Fremdbestimmung (besonders in der Liebe) und der Selbstfindung, wie in demselben Gedicht:

Ich brauche keine gehorsame Seele,
sie mag sich wandeln zu leichtem Rauch…

Bei aller Bedrohung des Ich und der Tendenz zur Verzweiflung und Selbstauflösung gibt es auch einen ungemein starken Willen, ja rationale Einsicht oder doch Verstehensversuche in den Abgründen des Irrationalen. Und, bei aller Gebundenheit durch die Liebe, einen Protest, einen Aufstand gegen ihre demütigenden Fesseln:

Herzen kann man nicht zusammenschmieden,
wenn du fortgehn willst, so geh.

Verlassenheit, Erstarrung, Tod – sie treten häufig auf in diesen Gedichten einer, wenn wir die Biographie betrachten, durchaus lebenslustigen und lebenstüchtigen jungen Frau, die, wenn sie sich auch aus der Perspektive des Alters als einen „Nichtsnutz“ bezeichnete, doch sehr genau wußte, was sie wollte. Anna Achmatowa entstammte dem Temperamente hervorbringenden Süden (aus einer früher einmal griechisch geprägten Landschaft, dem klassischen Kolchis), kannte Kiev, war 1910 bis 1911 in Paris gewesen und hatte die Bekanntschaft zahlreicher Persönlichkeiten gemacht, vor allem die des Malers Amedeo Modigliani, des Spezialisten für weibliche Akte. Wir haben es also mit einer weltläufigen Ephebin zu tun, die gleich nach Erscheinen ihres ersten Buches in ironischer Selbstbetrachtung nach Italien fährt, dem Land der Sehnsucht aller Russen. Sind also die evozierten „negativen“ Zustände von Sterben und Tod nur Requisiten oder Masken? Oder Resignation? Keineswegs: Hier geht nur ein Mensch bis zum Ende der Suche, hier macht eine Ernst, weil sie Neues finden will und nicht in Altem ersticken, und sie tut es, bei aller schon genannten Prosanähe ihres Tons, doch nicht in einer wörtlich zu nehmenden Mitteilungssprache, sondern in der für alle Lyrik typischen uneigentlichen Sprechweise, in der die Wirklichkeit zu einer „höheren“, nicht metaphysisch sich verflüchtigenden, sondern tiefer erkannten neuen Wirklichkeit verwandelt wird.
Als ein schlagendes Beispiel dafür, dass es der Achmatowa nicht um eine Mystifizierung des Leidens, gar um Todessehnsucht geht, dient der Anfang des Gedichts „Inschrift auf einem unvollendeten Porträt“:

Ich bitte, klagt nicht über mich,
vergeblich, sündig ist die Trauer…

Das berührt sich mit der Aussage einer Zeitgenossin der Achmatowa: „Verzagtheit ist Sünde. Das Gedenken an die Fortgegangenen verlängert ihr Leben“. Das könnte als Motto für das Spätwerk der Dichterin stehen, die es, je älter sie wurde, desto unabweisbarer für ihre Aufgabe hielt, im Gedächtnis und im dichterischen Gedenken festzuhalten, was mithelfen könnte, das Beste ihres Landes nicht im blutigen Chaos seiner Geschichte für immer versinken zu lassen.
Warum aber, bei aller Schönheit dieser Gedichte, dieser oftmals so traurige Ton? Auf die unauflösliche Verquickung von Glück und Trauer stösst man beim Lesen russischer Literatur auf Schritt und Tritt; es ist eine Konstante im Lebensgefühl des Russen überhaupt. Aber auch die von Wolfgang Hildesheimer in Der ferne Bach skizzierte Stellung des genialen Künstlers unter seinen Mitmenschen beschreibt die Situation der Dichterin Achmatowa: „Die Erfahrung zeigt, dass, wer anderen durch Kunst ein Glücksgefühl zu vermitteln imstande ist, dieser Gefühle selbst verlustig geht. Der Überbegabte kennt das Glücklichsein gleichsam nur von außen, es schwebt ihm vor als ewig Potentielles, aber niemals Erreichbares“.
Wer Ohren hat zu hören, der wird in den kleinen lyrischen Stücken des Abend bereits jenen tragischen Ton heraushören, der sich nur zu bald, erzwungen von den grausamen Zeitläuften, zu einem Orgelton verstärken sollte. Und doch war der Dichterin zeitlebens der scheinbar leichte Ton einer höheren Gelassenheit eigen, Widerpart der Verzweiflung, Mit- und Gegenstimme der Tragik. „Vergiss nicht dein Anfangsherz“, dieses chinesische Sprichwort hat Anna Achmatowa, die u.a. auch aus dem Chinesischen übersetzt hat, bis zu ihrem Lebensende bewahrt. Das ließ sie den jungen Dichtern, die sich um sie scharten, allen voran Jossif Brodskij , nie alt erscheinen, und diese Fähigkeit macht ihre frühen Gedichte ewig jung.

Kay Borowsky, Dezember 2002

Die Dichterin der Einfachheit. Rezension zu Anna Achmatowas erstem Gedichtband.

 

Ein Denkmal für Leid, Stolz und Mut

– In der Sowjetunion war ihr Werk lange verboten, heute interessieren sich viele junge Russen für Anna Achmatowa. Ihre Poesie zeugt von Unabhängigkeit und Widerstand. –

„,Beweis, dass Leben unmöglich ist‘ (Kafka). Sehr aktuell. Das ist sehr aktuell.“ Diese Sätze stammen aus den Aufzeichnungen Anna Achmatowas (1889–1966). Was für ein Leben ist nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts noch möglich? Wie können wir – die Nachkommen der Generation von Opfern Hitlers und Stalins – das Gedenken an jene Ereignisse bewahren, sinnhafte Fäden zwischen jenen Zeiten und unseren knüpfen? Ohne Achmatowa ist das für uns in Russland nicht möglich. Ihre Poesie bewahrt die Erfahrung mutigen Widerstehens – gegen Vergessen, gegen Unmenschlichkeit und das Abreißen kultureller Kontinuität.
In der heutigen Kulturszene, unter den Intellektuellen Russlands, wird Achmatowa ständig zitiert: auf Ausstellungs- und Konzertplakaten, bei Begegnungen mit Künstlern, bei öffentlichen Aktionen, zum Beispiel zum Gedenken an die Opfer des Stalinschen Terrors. Überall, wo man der Ereignisse des 20. Jahrhunderts gedenkt, ist Achmatowas Stimme zu hören.
Ihre Zeitgenossen erinnern sich daran, dass ihre Mütter und Großmütter, die im  Zweiten Weltkrieg  evakuiert wurden, ihre Nähmaschine und einen Band Achmatowa mitnahmen. Was haben die Menschen in ihrer Dichtung gehört, für sich gefunden? Warum bleibt Achmatowa auch heute die meistgelesene russische Dichterin des 20. Jahrhunderts? Ich kann darauf natürlich keine erschöpfende Antwort geben – ich will aber einige Eindrücke mitteilen, die ich als Mitarbeiterin des Achmatowa-Museums in St. Petersburg gewonnen habe.
Ich begann dort 2008 zu arbeiten, in meinem letzten Studienjahr. Gewiss, ich wusste schon zu dieser Zeit von Verwandten, deren Leben durch Stalins Lager ausgerenkt wurde. Aber des Umfangs dieser Tragödie Russlands und seiner Nachbarvölker und der Auswirkungen dieses Teils der russischen Geschichte auf meine Familie bin ich mir erst durch meine Arbeit im Museum richtig bewusst geworden, als ich durch Achmatowas Dichtung in das Schicksal ihrer Generation eintauchte.
Als literarisches Gedenkmuseum wurde es 1989, ein Jahrhundert nach der Geburt der Dichterin, eröffnet und war damit das erste Museum in Russland, das vom Leben der russischen Intellektuellen unter den Bedingungen des totalitären Staates erzählt. Von Anfang an war es ein Ort der Begegnung für die Petersburger Intellektuellen. Bis heute kommen Menschen hierher, die Achmatowa persönlich kannten. Aber der Kreis der Besucherinnen und Besucher wird ständig größer – jedes Jahr kommen mehr junge Menschen.
Die Jungen kommen nicht nur, um das Fontänenhaus am Hof des Scheremetjew-Palais zu sehen, wo Achmatowa einen großen Teil ihres Lebens – 35 Jahre lang – gewohnt hat, sondern auch, um etwas von der Persönlichkeit einer Dichterin in einer für Russland katastrophalen Zeit zu erfahren. Viele sagen, dass sie mit Achmatowa intuitiv geistige Kraft, Unabhängigkeit und innere Freiheit verbinden, woran es im öffentlichen Leben mangele, und dass das Museum sie darin bestärke, bei Achmatowa nach diesen Werten zu suchen. Viele kommen öfter, auch zu Veranstaltungen und Treffen, die den Dialog der Gegenwart mit der Zeit Achmatowas auf fruchtbare Weise fortführen.
Diese Verflechtung des eigenen Lebens mit der Geschichte war auch für Achmatowa wichtig:

Ich bin in dem Jahr geboren, als der Eiffelturm gebaut wurde, die  Kreuzersonate  Lew Tolstois erschien, in dem Charlie Chaplin, die chilenische Dichterin Gabriela Mistral und Adolf Hitler geboren wurden.

Achmatowa – ihr Künstlername – ist der Familienname ihrer Urgroßmutter. Schon über die ersten Gedichtbände Abend (1912) und Gebetsperlen (1914), mit denen Achmatowa berühmt wurde, hieß es bei Kritikern und Leserinnen und Lesern:

In ihren Versen klingen altbekannte Worte neu und scharf.

Die Gedichte in Achmatowas ersten Büchern – zum „ewigen“ Thema der Liebe – erstaunten durch die Direktheit, mit der sie von ihren Gefühlen sprach, durch die Konkretheit ihrer Bilder und die verborgene Dramatik.
Schon zu Lebzeiten wurde Achmatowa weltweite Anerkennung zuteil: Von 1915 an wurden ihre Gedichte in europäische Sprachen übersetzt, seit den 1920er-Jahren ins Japanische, 1964 erhielt sie in Italien den internationalen Poesiepreis Etna Taormina, 1965 verlieh ihr die Universität von Oxford den Ehrendoktortitel.
In der  Sowjetunion  aber blieben ihre Gedichte lange verboten. Anfang der 1920er-Jahre erließ die Kommunistische Partei eine inoffizielle Anordnung:

Achmatowa nicht drucken, aber auch nicht verhaften.

Achmatowa schrieb:

Ich wurde in die erstbeste Wand eingemauert.

Bis 1940 erschien keine Zeile von ihr. Erst während des Zweiten Weltkriegs wurde sie von den Behörden für den Gedichtzyklus „Der Wind des Krieges“ zur patriotischen Dichterin. Seine ersten Verse schreibt Achmatowa während der Blockade Leningrads:

… wie um ein Stück Brot das Wimmern aufsteigt bis zum siebten Himmel…

Im Herbst 1941 wurde sie nach Taschkent evakuiert, wo 1943 ihr neues Buch Ausgewähltes erschien. Aber schon 1946 strichen die sowjetischen Machthaber sie wieder aus der russischen Literatur. Sie beschuldigten sie der Dekadenz.
Schon damals waren ihre Gedichte für viele lebensnotwendig. In unserem Museum bewahren wir ein einzigartiges Dokument dessen: ein kleines Buch, kleiner als eine Handfläche. Sieben Seiten aus Birkenrinde – mit Achmatowas frühen Gedichten. Eine Gefangene des Gulag hat es angefertigt, ihr Mann war als „Volksfeind“ erschossen worden. Ein Verwandter schenkte es Achmatowa später mit den Worten:

Ihre Gedichte haben sie in der grauenvollen Lagerhaft am Leben erhalten und davor bewahrt, den Verstand zu verlieren.

In der  Sowjetunion zu Stalins Zeit  konnte jeder verhaftet und als „Volksfeind“ zu Lagerhaft oder Erschießung verurteilt werden. In Gesprächen mit Freunden antwortete Achmatowa auf die Frage: „Warum wurde dieser oder jener verhaftet?“ mit großem Zorn:

Warum? Wofür? Wisst ihr etwa nicht, dass Menschen in unserem Land einfach so verhaftet werden?

Leserinnen und Lesern erfuhren und erfahren Achmatowas Gedichte als eine Äußerung großen Mutes, als Versuch des Widerstands gegen die  offizielle Lüge  und Enge. Im Bewusstsein derer, die über Geschichte nachdenken, ist der Name Achmatowas untrennbar mit Größe und Tragödie des 20. Jahrhunderts verbunden – mit Revolution, Terror, Kriegen.
Die Tragödie von Millionen spiegelt sich auch im Schicksal der Dichterin: die Erschießung ihres ersten Mannes, Haussuchungen, Verhaftungen und Lagerhaft von Verwandten und Freunden, Hunger und Not, totale Einsamkeit, literarische und kulturelle Isolierung, harte Zensur und ständige Überwachung. Im Oktober 1935 begann Achmatowa das Requiem zu schreiben, als Nikolai Punin, ihr dritter Mann, und ihr Sohn Lew Gumilew vor ihren Augen verhaftet wurden:

Der Mann im Grab, verhaftet der Sohn. Betet für mich um Gottes Lohn!

Die sowjetischen Machthaber vernichteten nicht nur die Menschen, sondern auch die Erinnerung an sie. Achmatowa gab ihren schwachen Schatten eine letzte Zuflucht, sie verteidigte und rechtfertigte die Ermordeten – ihre Gedichte spiegeln alle Katastrophen des 20. Jahrhunderts wider, die ihr Land und ihr Volk getroffen haben. In Rundfunk und Zeitungen wurde die kommunistische Zukunft verkündet, Elektrifizierung und Industrialisierung der Sowjetunion. Achmatowas Werke, vor allem das Requiem, das Poem ohne Held, der Trauerkranz und die Nachahmung Kafkas zeigten die sowjetische Wirklichkeit und ihre Opfer. Sie wurden zu einem eigenen, besonderen Gedenkritual:

Ich würde gern alle beim Namen nennen – aber sie haben die Listen weggenommen, und nirgends noch können wir ihre Namen erfahren.

Der erste Teil des Satzes steht heute auf dem Petersburger Denkmal für die Opfer des Stalinismus.

Lydia Chukowskaja, eine enge Freundin der Dichterin, schreibt in ihrem Buch Aufzeichnungen über Anna Achmatowa:

Achmatowas Schicksal ist mehr als ihr persönliches – vor meinen Augen hat es aus dieser verlassenen, starken und hilflosen Frau ein Denkmal für Leid, Einsamkeit, Stolz und Mut geformt.

Achmatowa schrieb über den Wahnsinn, in den das Europa des Zweiten Weltkriegs verfiel:

Gräben, Gräben, hier kann man sich verirren! Vom alten Europa sind nur Fetzen übrig.

Gespaltenheit und Parallelwelt, Absurdität und Irrealität des Geschehens versuchte sie in Anlehnung an E.T.A. Hoffmanns fantastischen Realismus wiederzugeben. In ihren Poemen und in einigen ihrer Gedichte folgt sie seiner Tradition, mischt und konfrontiert Zeiten und Räume, Traum und Wirklichkeit. Die Bilder aus der deutschen Literatur helfen ihr, ihre Beziehung zu Leben und Geschichte auszudrücken.
Eine besondere Beziehung hatte Achmatowa zu Franz Kafka. Sie sah ihn neben Joyce und Proust als einen der drei Wale, auf denen die Literatur des 20. Jahrhunderts ruht. Über ihr Poem ohne Held schrieb sie:

Das ist eine große, wie eine Gewitterwolke dunkle Sinfonie über das Schicksal einer Generation in ihren besten Vertretern, also über alles, was uns traf. Und uns traf etwas Beispielloses, dieses Poem erklingt über die ganze Zeit, wie Kafkas Prozess, wie die Zeit selbst. So ein Schicksal hatte noch keine Generation…

Beim Lesen von Kafkas Romanen, Erzählungen und Tagebüchern (auf Englisch, denn das Deutsche verstand sie kaum) wiederholt Achmatowa ständig: „Er hat für mich, über mich geschrieben.“ – „Ich hatte das Gefühl, dass jemand mich bei der Hand nahm und mich in meine schrecklichsten Träume zog.“ Mehrmals vergleicht sie die Ereignisse ihres Lebens und ihres Landes mit Kafkas Roman Der Prozess:

Den Helden des Romans führen sie einfach zur Hinrichtung, und alle finden das ganz in Ordnung.

Die Tragödie ihres eigenen Schicksals, die Erkenntnis ihrer eigenen Schuld und ihrer Verantwortung für das Grauen des 20. Jahrhunderts fasst sie in Gedichte, die sie Nachahmung Kafkas nennt.

Boris Pasternak, der Dichter und Zeitgenosse Achmatowas, sagte über ihre Poesie:

In ihren Schilderungen kommen alle Züge und Einzelheiten vor, die die Zeit in ein historisches Bild der Welt verwandeln.

Achmatowas Dichtung gibt ein geschärftes Gefühl für die Zeit. Wer ihre Gedichte liest, beginnt den eigenen Anteil an Geschichte und Kultur zu fühlen und wird sich seiner Verantwortung für das Geschehen im Land bewusst.

Xenia Menschikowa, Die Zeit, 1.10.2018
Übersetzung: Michael Schwarzkopf

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Fakten und Vermutungen zum Herausgeber

Zum 100. Geburtstag der Autorin:

Ilma Rakusa: Kompromisslos im Leben und im Wort
Tagesanzeiger, 21.6.1989

Birgitta Ashoff: Anna von ganz Rußland
Die Zeit, 23.6.1989

Fakten und Vermutungen zur Autorin
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Anna Achmatowa Begräbnis.

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