Anton Pincas: Diskurs über die Zeit

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Anton Pincas: Diskurs über die Zeit

Pincas-Diskurs über die Zeit

ÜBERFLÜSSIG

Sterben kann man jeden Augenblick, selbst
jetzt, zum Beispiel, da ich
den Suppenlöffel zum Mund führe,
mich bücke, um meine Schuhsenkel
zu schnüren, es lohnt sich
wahrhaftig nicht, alle Möglichkeiten
anzuführen, besser das Geschriebene
verdecken, wie heute Morgen
der Taxifahrer das Taxameter
verdeckte, und als ich fragte
weshalb denn, erwiderte er,
um die Klienten nicht zu erschrecken
und, gottbehüte, einen Schlaganfall zu vermeiden.
So kann man eben auch daran sterben:
an einem Taxameter in einem Taxi, wie Lowell,
der bis zur erwünschten Adresse gelangte und plötzlich
erkannte, dass all das überflüssig war.

 

 

 

Nachwort

Anton Pincas, 1935 in Sofia, Bulgarien, geboren, kam 1944 mit seiner Familie ins damalige Palästina, das heutige Israel, und veröffentlichte 1961 seinen ersten Gedichtband Vierzehn Gedichte.
Das erste Gedicht in diesem Band heißt:

MITTELMEERGEDICHT

Aus dem Bauch des Schiffes, es nimmt Kurs
ins Ferne, blicke ich
aufmerksam.

Das Wasser hat Erbarmen. Der Abend
gleicht dem vor tausend
Jahren.

In unserem alten Meer
gibt es nichts Neues.
Nur der Wind wechselt die Richtung.

Ich glaube nicht,
dass ich etwas versäumt habe.
Alles was seither gegeben wurde,

ist Geschenk.
Einmal kam
ein florentinischer Händler und bot

rotes Glas an.
Im Jahr tausend
vierhunderteins.

Ich hatte nichts
das ich ihm dafür geben konnte.
Er kehrte um.

Ich kaufe es jetzt.
Wie vor tausend
Jahren auch dieser Abend.

Wie sich aus einem Pflänzling ein breiter Baum entfaltet, so entfaltet sich aus diesem ersten Gedicht des Dichters der viel spätere ,Diskurs über die Zeit‘.
Denn für was steht in diesem Gedicht das Mittelmeer, dieses riesige Meerbecken mit den anliegenden uralten Kulturlandschaften, dieses Mare Nostrum, wenn nicht für eine Art Stillstand der Zeit im Gegensatz zu ihrem ständigen Fortschreiten.
Wenn wir die Zeit als ein Nacheinander von Ereignissen betrachten, ist jedes Ereignis, wenn es vorbei ist, vorbei. Es wiederholt sich niemals mehr in genau derselben Weise. Und die Zeit geht immer weiter, bleibt niemals stehen, neue Dinge passieren und wieder neue und wieder neue.
Wir können diese Betrachtungsweise der Zeit als ein Nacheinander die vertikale Richtung der Zeit nennen, von oben nach unten oder umgekehrt, jedenfalls eingleisig.
Aber es gibt auch eine andere Betrachtungsweise – ihre horizontale sozusagen. Dann breitet sich die Zeit vor uns aus, als sähen wir sie von einem hohen Gipfel als eine breite bunte Ebene. Ereignisse, Zeiträume können aufgerufen werden und in diesem Sinne wiederholt – wie es etwa bei den Jahreszeiten geschieht. Die Zeit wird verräumlicht, und der heutige Abend ist wie vor tausend Jahren und das rote Glas von 1401 kann auch jetzt gekauft werden.
In dem Band Diskurs über die Zeit von 1991 ist die Verräumlichung der abgelaufenen Zeit allerdings ein wenig undurchsichtiger als in dem frühen Text.

Die Sprache dieses einzigartigen Dichters, dem 2005 der Israelpreis für Dichtung zugesprochen wurde, nährt sich von der Vielschichtigkeit des Hebräischen. Sie ist nuancenreich aber nie poetisierend; deutlich, und kennt doch das Ungesagte, Geheime – und kann nüchtern sein wie ein Protokoll: „Letzten Endes waren es Worte: eine Welle / oder Bewegung, unnotierte Musik / eine ungedeutete Verbindung von Lauten“ – und präzise wie die Schönheit.
Vor vielen Jahren war Pincas, gemeinsam mit seiner Frau Ahuva, Leiter einer Galerie, bis diese aufgegeben werden musste und er Einkäufer von Bildern für eine große Kunsthandelsfirma wurde und Jahre in Paris und London und auf Reisen verbrachte.
Die Spuren der Orte, sie kommen in den Gedichten vor, genannt oder ungenannt, durchziehen wie Ariadnes Faden das eine Thema: die „vertikale“ Zeit, die nicht stillstehen will.
Ein Ort jedoch scheint sich von den anderen zu unterscheiden: Italien.

Italien war auch
wie soll man es sagen,
ein Maßstab.

Ein Maßstab wofür? Für das prekäre Gleichgewicht von Altern und Neuem?
Wie die Ruine des Kolosseums täglich von tausenden Autos umfahren und umhupt wird, täglich in den Trevi-Brunnen Münzen von Touristenhorden geworfen werden, so verwandeln sich pausenlos die Zeiten, und das Vergangene wird gegenwärtig und das Gegenwärtige beugt sich dem Vergangenen zu. So wie Livius Andronicus, der die Odyssee aus dem Griechischen ins Lateinische übertrug und, sein Vorbild genau nachahmend, etwas völlig Neues schuf, oder wie in der Renaissance aus griechischen Wurzeln in römischer Fassung, ein neuer Stil in Musik, Dichtung, Malerei und Bildhauerkunst entstand, ja ein neuer Menschentyp sich ausbildete.
Bei der Übertragung von Altern in Neues ist die Zeit sowohl fortschreitend als auch stillstehend: wie eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt, ist das Alte im Neuen und das Neue im Alten da.
In diesem Sinne kann die Kulturlandschaft Italiens mitsamt ihren Gaumengenüssen durchaus tröstlich sein, die maßgebende Landschaft für die Seele eines ungefähr Fünfzigjährigen, der sein Alter zu spüren beginnt.
Allzumenschliches und Subtiles, scheinbar Nebensächliches und Wesentliches, Erinnerungen, Nähe und Ferne, Abschied und Liebe, und noch vieles andere verschlingen sich in diesen Gedichten, die zu verschiedenen Zeiten entstanden sind, aber ein Ganzes ergeben und an den modernen Film erinnern, der disparate Erzählstränge aneinanderreiht oder an die Nachrichtenfolge in Radio und Fernsehen, die, unter anderem, Unglück, Kummer und Belangloses akzentlos uns hören lässt.
Das Disparate als Struktur – ein Paradox. Oder doch keines?
Wir stehen mitten im ,Diskurs über die Zeit‘.
Wenn Ulysses von Joyce die Medienepoche einleitet, indem er in der kürzesten Zeitspanne eine Unmenge von „Information“ bietet, so wird dem Leser kaum bewusst, dass all diese Begebenheiten, Gedankenströme, Begegnungen, kurz all das Erzählte sich im Rahmen von vierundzwanzig Stunden abspielt. Und in gewissem Sinne ähnlich lassen die vielen Variationen des einen Themas in unserem Band uns fast vergessen, dass es die eingleisige Zeit aufs Ende zu ist, um die es geht. Sie breitet sich in den Gedichten aus, sie verräumlicht sich – wie das Mittelmeer, in dem es seit dem alten Ägypten, dem alten Rom nichts Neues gibt, wo die gleichen Wellen das rote Glas eines florentinischen Kaufmanns um Tausendvierhunderteins auch heute umspülen und wie vor tausend Jahren auch für diesen Abend gilt:

etwas Namenloses, wir wissen nicht
was es ist, ist auf dem Weg zu uns, hält sich nicht auf.

Das Unbekannte ist stärker als das, von dem unser Wissen Besitz ergriffen hat und das wir Zeit nennen. Deshalb der Diskurs.

Tuvia Rübner: Nachwort

 

 

Beitrag zu diesem Buch:

 

Fakten und Vermutungen zum Übersetzer
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum

 

Tuvia Rübner – Langes kurzes Leben (A long short life). Dokumentarfilm von Henning Backhaus.

 

Fakten und Vermutungen zum Autor

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

0:00
0:00