AGF (Antye Greie): gedichterbe

 

Das Projekt GEDICHTERBE

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von AGF (Antye Greie): gedichterbe

AGF (Antye Greie)-gedichterbe

läßt sich in mehreren Traditionslinien verorten, es kann als literaturhistorisches, als in der Tradition der elektroakustischen Avantgarde stehendes, zugleich populär club-musikalisches und nicht zuletzt als politisches und spezifisch feministisches Projekt begriffen werden. Diverse Bedeutungszusammenhänge verschränken sich hier: es geht um Sprache, Klang und Musik, aber auch um Geschichte, um welthaltige Bedeutungen und Neukontextualisierungen. GEDICHTERBE ist eine Art moderne, mediale Assemblage, in der kuratorische und ästhetische Intentionen und Deutungen aufeinander treffen und sich so miteinander verbinden.

GEDICHTERBE beschäftigt sich dabei mit vorwiegend deutscher Dichtung im Spiegel zeitgenössischer digitaler Kultur. Ausgewählte Gedichte werden neu vertont, stimmlich interpretiert und musikalisch eingebettet. Auch wenn es – um Henri Chopins Feststellung zu folgen – keine zwingend notwendige oder ausschließliche Verbindung zwischen Dichtung und Sprache zu geben scheint, somit auch keine von Dichtung und Musik, berühren sich Dichtung, Sprache und Musik, queren und vermählen sich, und können sich gegenseitig verwandeln.

Das Projekt GEDICHTERBE steht vollkommen im Heute. Historische Texte erden mit heutiger, digitaler Sound- und Klangästhetik – sowohl stimmlich als auch musikalisch – konfrontiert und in einen neuen Zusammenhang gebracht. Zu hören ist die zeitgenössische Kompositions- und Studiotechnik, in der digitale und analoge Tonspuren übereinander gelagert werden, in der Referenzen zu Clubmusik und Rap gemacht werden. Texte de- beziehungsweise rekonstruiert zudem Sprache und Poesie mit elektronischer Musik kurzgeschlossen werden. Es handelt sich um klangpoetische Remixe.

Die vorliegenden musikalischen Kompositionen verbinden sich dabei mit den ausgewählten Gedichten auf eine besondere, vielschichtige Weise. In GEDICHTERBE drückt sich eine dynamische Kulturkonzeption aus; AGF betreibt quasi künstlerische Hermeneutik: Sie interpretiert historische Texte mit künstlerischen Mitteln – aus streng zeitgenössischer Perspektive. AGF betreibt also künstlerische Forschung, einerseits ergründet sie Sprache und ihre Bedeutungsfelder, andererseits widmet sie sich der Erforschung digitaler Technologien mittels musikalischer Kompositionen und deren Konfrontation mit menschlicher Sprache und dem Sprechen. AGF spricht so mit Musik über Poesie und verwischt die Grenzen von Text und Sound: Sie begreift Musik als Lyrik, Lyrik als Sound und ihre Stimme als Instrument. (…)

Christine Lang, Bookletauszug

Kann Quio Frau Ava rappen?

Antye Greie interpretiert Gedichte aus zehn Jahrhunderten.

Die Herkunft der deutschen Sprache, deutsche Lyrik, Gesellschaft und elektronische Musik – darum kreist Gedichterbe, ein Projekt von AGF alias Antye Greie. Die Sängerin, Musikerin und Produzentin beginnt mit der ersten überlieferten deutschen Dichterin Frau Ava aus dem elften Jahrhundert und landet bei der 1982 geborenen Lyrikerin Ann Cotten. Dazwischen finden sich Romantikdichter aus dem 18. Jahrhundert ebenso wie jüdische Poeten des 20. Jahrhunderts. Einige Akteure aus der deutschen Elektronikszene halfen AGF, die Gedichte zu interpretieren: DJ Ellen Allien, Gudrun Gut, Quio, Pyranja, Barbara Morgenstern, Gina D’Orio und viele mehr. Im Mittelpunkt stand die Frage: Wie funktionieren Gedicht und Musik miteinander? Oder: Kann Quio Frau Ava rappen? Können uns Else Lasker-Schüler und Paul Celan heute noch inspirieren? Die Musik ist radikal modern, zeitgenössisch minimalistisch und unterstützt das Gedicht und seinen historischen Kontext. Im 32-seitigen Booklet finden sich kaligrafische Zeichnungen von AGF und ein das Thema begleitender Aufsatz von Christine Lang.

Indigo, Ankündigung

 

Melodisch aus der Stummheit erwacht

– Die Sound-Poetin Antye Greie verhandelt die Musikalität der Poesie. –

Was passiert, wenn Worte beginnen zu singen? Friedrich Schiller würde antworten, sie finden zu ihrem ureigensten Wesen zurück. Wie ein sanfter Regenstrom umspült ihr Klang die Worte des Dichters – „Erstaunt mit wollustvollem Grausen“ hören wir Schillers „Macht des Gesanges“, einen Gesang, den die Medienkünstlerin Antye Greie in weit über 20 literarischen Werken heraushörte und ins 21. Jahrhundert elektronisch fortklingen lässt. Ihre neue CD gedichterbe widmet sich besonders den Worten der Verse schmiedenden Frauen der Literaturgeschichte, darunter solchen wie Frau Ava, die ihr Erbe schon vor 1000 Jahren abgetreten haben, aber auch zeitgenössischen Schreiberinnen wie Ann Cotten, Jahrgang 1982.
Wollustvolles Grausen ereilt den Gedichthörer, wenn ihm der Sirenengesang der Tracks in die Ohrmuscheln einsinkt. Zu hören gibt es elektronische Musik im eigentlichen Sinne: Merkwürdige, fremde Klanggebilde – oft, aber nicht zwingend rhythmisch. Die Klänge, mit denen Greie arbeitet, kommen dreckig daher, sie knacken, hinken und fallen zu Boden, raffen sich wieder auf und erholen sich im weißen Rauschen. Eines tut die Musik erfreulicherweise nicht: Sie illustriert nicht billig das Vorhandene; möchte aber auch keine Anti-These dazu sein. Ihre Beziehung zum ureigenen Gesang der Worte ist eine eigentümliche, unvorhersehbare und gerade deshalb spannende. Sie hat den Mut, die Strukturen, welche sie vorfindet, zu zerreißen, einzelne Wörter zu vergrößern, wie ein Hologramm vor Augen zu stellen. So in „Die Töne“, einem Gedicht von Karoline von Günderrode, dem gelungensten Track der CD. Die romantischen Verse aus dem 18. Jahrhundert werden konfrontiert mit einer Collagetechnik, der Assemblage, die diese Zeit noch nicht kannte. Sie widerspricht dem Konzept von Tiefe und Identität; was Greie aus den Reimen herausholt, ist ein flexibles, vielfältiges Interpretationsangebot. Die freie Struktur der elektronischen Musik ordnet einzelne Begriffe an wie in einem Kaleidoskop – verdoppelt sie, dreht sie, moduliert sie und lässt sie verschwinden.
Nicht alle Texte werden überhaupt gesprochen, manche dagegen von den zahlreichen Kollaborateurinnen auf der CD gerappt oder distanziert aufgesagt, meist aber geflüstert von Antye Greie selbst. Ihre leise und zarte Stimme ist der analoge Gegenpol zu der meist digitalen Natur der elektronischen Klänge dieses Albums. Die Fragilität der Stimme geht auf im Widerspruch von Körper und Maschine, wobei die reine Materialität dieser Stimme zum Grundpfeiler der Bedeutungskonstitution wird. Auf die Spitze getrieben wird dies im vorletzten Track mit den wundersamen, lautmalerischen Worten des Dadaisten Kurt Schwitters. Hier bilden Verse und Musik wieder ihre ursprüngliche, zwanglose Wesensgemeinschaft. Ein Stück weit kann Greie diese aufleben lassen, ohne die Widersprüche darin zu nivellieren oder letzte Worte zu sprechen. Jene obliegen dem Hörer dieser vorzüglichen CD.

Pascal Dasinger – verfasst im Seminar „Praxis des Musikjournalismus“ von Olaf Karnik, Master-Studiengang „Populäre Musik und Medien“, Universität Paderborn, April 2011

Antye Greie steht für ein weibliches Berlin

der guten, nischigen Popmusik. Sie hat sich immer die interessanten Seiten heraus gesucht, ob solo, mit Laub, Vladislav Delay oder zuletzt der Greie Gut Fraktion (und all den anderen Projekten). Sie steht mittlerweile erst recht für sich selbst, inklusive des eigenen Labels. Früher hätte man das voller Inbrunst und Anerkennung Indie genannt. Vielleicht ist es ja Zeit, diesen Begriff für Personen wie Antye Greie zu reetablieren. Gedichterbe ist sehr ambitioniert. Greie und Gäste wie u.a. Babara Morgenstern, Gudrun Gut oder Ellien Allien präsentieren und interpretieren deutsche Gedichte aus fast einem Jahrtausend (von Frau Ava über Ulrike Meinhof bis Ann Cotten) in elektronisch-experimentellem Soundgewändern. Inklusive dickem Booklet mit Zeichnungen von Antye und einem Essay von Christine Lang. Sehr akademisch, vielleicht ja eine Brücke bauend zwischen Institutionen, Clubs und Erbe, zwischen ehemals Hoch und Tief.

cj, de-bug.de

Intellektuell und emotional, anstrengend und toll:

elektrische Lyrikvertonung.

Eine Soundkünstlerin, die fast 30 Gedichte neu vertont und elektronisch interpretiert, dabei literaturhistorisch mit der ersten deutschen Dichterin aus dem 11. Jahrhundert beginnt und sogar Nicht-Lyrikerinnen wie Ulrike Meinhof eine elektronische Stimme verleiht. Ein Projekt, das sich explizit als politisch und feministisch versteht und schon mit der Auswahl der Lyrikerinnen Diskurse über kulturelle und geschlechtliche Identität, Deutschsein und Heimatlosigkeit streift. Ein Booklet mit fast 30 Seiten, viel Text, Fußnoten und Verweise auf kluge Checker wie Roland Barthes. Bubblegum gibt’s woanders. All das klingt auf CD dann auch, wie es so einem Projekt vielleicht gebührt: extrem anstrengend. Im positiven Sinne. Es fordert heraus.
Frühe Soundexperimente der Einstürzenden Neubauten sind dagegen poppiger Mainstream. Bei allem theoretischen Unterbau und sperrigen Soundgerüst funktioniert gedichterbe jedoch nicht nur auf einer intellektuellen, sondern auch auf einer emotionalen Ebene. Plus: Künstlerinnen wie Gudrun Gut und Ellen Allien sind ebenfalls dabei.

Manuel Czauderna, Intro, Heft 193, Juni 2011

 

Fakten und Vermutungen zur Soundpoetin

 

Antye Greie alias AGF und Ann Cotten (EPHEMEROPTERAE IX), 2015

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