Arno Reinfrank: Im Garten der Verrückten

Reinfrank-Im Garten der Verrückten

WERTSCHÄTZUNG GOTTES

Gott zeigt uns eine harte Haut,
die Ketzerfluch und Logikpfeil
schwerlich durchdringen.

Sein Panzerhemd besteht aus Schuppen
und Tempelziegeln grün glasiert
vom Moos der Furcht der Alten.

Auch bilden dunkle Priesterheere
Verkrustungen seiner Gelenke.
Vielgliedrig ist die Gotteskirche.

Dickfellig gegenüber Argumenten
hockt Gott bei Säufern, Gleisnern, Huren
und bei den Geldeinstreichern.

Der Armut Kettenklirren hört er nicht,
denn wer das Eisen wachsen ließ,
der sieht es gern gesegnet.

Ihn abzuschütteln macht viel Mühe
und ihn zu lieben ist Bezahlungssache.
Gott herzustellen kostet nichts –

sein Schätzwert geht in die Billionen.

 

 

 

Vier Jahreszeiten

durchstreift Reinfranks Lyrik: vom Frühlingsregen über den Erntesommer und die Herbstnebel bis zu den Winterfrösten. Gefühle und ihre Welten fängt er durch seine Bilder ein und entläßt sie über die Sprache.
Den menschlichen Irrungen aber räumt er eine fünfte Jahreszeit ein: Extrazeit für Verrückte. Mal zornig, mal spöttisch, mal satirisch und manchmal auch bitterernst.
Was Arno Reinfrank an Lyrik auf den Tisch schüttet, hat Hand und Fuß. „Da ziehe ich mit blauem Karren“, schrieb er vor Jahren, „voll Zwiebeln, Kraut und Lyrik durch die Stadt.“ Deftiges aus dem ambulanten, doch keineswegs ambivalenten Angebot seines Straßenhändlerlebens bietet er auch Im Garten der Verrückten.

Brandes & Apsel, Klappentext, 1999

 

Arno Reinfrank (1934–2001)

– Eine Ausstellung anläßlich seines 70. Geburtstags aus seinem schriftstellerischen Nachlaß. –

Ein jeder von uns fragt sich, was einmal mit dem Seinem geschieht, wenn er nicht mehr ist. Bei dem einen richtet sich diese Frage mehr aufs Materielle, bei anderen mehr auf die geistigen Spuren, die er hinterläßt. Oft stehen Erben dem, was der Verstorbene als besonders wichtig empfand, verständnislos gegenüber. Andere sehen nur die ökonomische Verwertbarkeit.
Wer das Schicksal seiner Hinterlassenschaft noch selbst mitbestimmen will, trifft dazu noch zu Lebzeiten Verfügungen oder schließt Verträge. Bei Schriftstellern ist derzeit die erste Adresse das Deutsche Literaturarchiv in Marbach, doch auch Bibliotheken, vor allem Regionalbibliotheken sind Anlaufstellen für solche Vermächtnisse insbesondere, wenn vom Autor eine enge Bindung zur Region bestand.
Arno Reinfrank ist im Jahre 1990 an die Pfälzische Landesbibliothek herangetreten und hat mit ihr einen Vertrag geschlossen, demzufolge er noch zu Lebzeiten – als Vorlaß – sein schriftstellerisches Archiv sukzessive, in der Regel waren das zwei Lieferungen pro Jahr, der Bibliothek zur Bewahrung und Erschließung übergab. Für den Fall seines Ablebens bestimmte er testamentarisch, daß auch das restliche Material an die Pfälzische Landesbibliothek gehen würde. Nach seinem Tode erledigt seine Witwe, Frau Jeanette Koch, diesen mit nicht unbeträchtlichem Sortieraufwand einhergehende Aufgabe mit großer Sorgfalt.
In diesem Jahr wäre Reinfrank am 9. Juli 70 Jahre alt geworden. Dies ist der Anlaß, sein Lebenswerk auf der Grundlage seines Nachlasses in einer Ausstellung zu präsentieren, die die Vielseitigkeit, die Vitalität, das große humanistische Engagement, die Schwierigkeiten seiner politischen Gratwanderung zwischen Ost und West in Zeiten des Kalten Krieges, seine vielfältigen Verbindungen und auch die materiellen Probleme eines freien Schriftstellers ans Licht hebt. Je tiefer man allerdings bei der Vorbereitung in die Sichtung des Materials einsteigt, desto weniger kann man sich der Illusion hingeben, mit der Ausstellung alle Facetten dieses reichen Lebens zu erfassen. In der Masse der Papiere werden nicht leicht die vielen Querverbindungen erkennbar, viele Korrespondenzpartner sind (noch) nicht zu identifizieren, bei vielen Dokumenten müssen Belange des Datenschutzes respektiert werden, so daß sie nicht gezeigt werden können. Einen Überblick über Reinfranks Leben und Werk bietet die tabellarische Übersicht, die seine Frau Jeanette Koch dem Begleitheft beigegeben hat und in dem die Beiträge von Eckard Pilick, Sigfrid Gauch und Rolf Paulus weitere Akzente setzen.
Da die Ausstellung eine Totalität nicht erreichen kann, war es sinnvoll, Schlaglichter zu setzen. Es werden also bestimmte wichtige Komplexe herausgestellt. Dabei ist es durchaus vorstellbar, daß Reinfrank-Kenner bestimmte Themen vermissen. Aber nicht alles, was der Nachlaß enthält, ist für eine Ausstellung, die ja auch neugierig machen soll, von Reiz. Die unzähligen Verlagskorrespondenzen – und Reinfrank hat oft die Verlage gewechselt – die vielen Schriftwechsel als Generalsekretär des Auslands-P.E.N. sind zwar interessant, aber nicht ausstellbar. Seine weitreichende Korrespondenz mit Autoren, bildenden Künstlern, Lektoren, Filmschaffenden, Rundfunkanstalten, Theatern kann nur in kleinstem Ausschnitt gezeigt werden. Ein Schwerpunkt ist sicher die Gegenüberstellung von Reinfranks Kontakten zu führenden Persönlichkeiten sowohl des westlichen wie des östlichen Deutschland. Dem ersten und seinem von ihm als restaurativ empfundenen System entzog er sich schon 1955 durch die Umsiedlung nach London, und als von einer antifaschistischen Familientradition geprägtes Arbeiterkind zog es ihn zum Kommunismus, den er allerdings in seiner real existierenden Version ebenfalls sehr kritisch sah. Er blieb daher ein unabhängiger Geist, der sich von keiner Seite vereinnahmen ließ, und hatte oft entsprechende Schwierigkeiten.
Seine Londoner Zeit war, vor allem anfangs, sehr schwer. Fotos und Arbeitsvertrag aus seiner Hausmeister-Epoche illustrieren dies. Auf der anderen Seite ist er, z.T. finanziert durch den P.E.N., aber auch durch Einladungen und Stipendien, viel gereist, mit den Extrempunkten U.S.A. und Sowjetunion. Auch das kann die Ausstellung nur andeuten. In seiner Wahlheimat Großbritannien lernte er den Begründer der sogenannten Schottischen Renaissance, den Dichter Hugh McDiarmid (1892–1978) kennen, der ihm auch in seinen politischen Einstellungen recht nahe stand und dessen Werk ihn zu seinem eigenen literarischen Hauptwerk, den zehn Bänden Poesie der Fakten, inspirierte, in dem er die durch Wissenschaft und Technik gesetzten Fakten, die unser Leben bestimmen, einer geistigen Bewältigung nahebringen will.
Arno Reinfrank spricht und schreibt oft von seiner jüdischen Herkunft. Sein eigentlicher Vater sei Jude und ein Opfer der Nazis gewesen, Hermann Reinfrank nur sein Stiefvater. Mit urkundlichen Belegen ist das nicht abzusichern. Jude im religiösen Sinne war er nie; er fand seinen Rückhalt von Jugend an bei der Freireligiösen Gemeinde. Das Thema Holocaust aber ließ ihn nie los, Spuren jüdischen Geisteslebens und jiddische Einsprengsel finden sich sowohl in seinen Texten als auch den Briefen. Immer wieder setzte er sich für jüdische Autoren ein, ob für Heinrich Heine anläßlich der Namensgebung der Düsseldorfer Universität oder für solche, deren Resonanz durch Exilierung verloren gegangen ist. Daran arbeitete er auch im Exil-P.E.N., dessen Archiv er in seiner Zeit als Generalsekretär an die Deutsche Bibliothek/Deutsches Exil-Archiv in Frankfurt a.M. übergab.
Regional ist Reinfrank besonders als Mundart-Dichter bekannt geworden. Man würde ihm aber Unrecht tun, wenn man ihn in die Worscht-Weck-Woi-Tradition einreihen würde. Er hat in seinen, teils auch vertonten, lyrischen Texten, in Prosa und Drama, immer dem Volk aufs Maul geschaut und mit der Distanz des fern Lebenden die Bruchstellen erkannt, die Ansatz für Komik, Sozialkritik oder auch Mitleid boten. Daß es bei ihm nicht nur „pfälzert“, beweisen Dichtungen im Berliner Dialekt. Er war aber tief in seiner Muttersprache und seiner pfälzischen Heimat verwurzelt, das zeigen nicht nur die vielfältigen persönlichen Bindungen hierher, sondern auch die Dokumente seiner karnevalistischen Aktivitäten.
Selbstironie war ihm nicht fremd, und mit ihr überrascht er uns auch posthum, denn gerade ist im Verlag Peter Guhl in Rohrbach noch ein Bändchen erschienen, das den Titel Der Weg zum Ruhm trägt und Reime Reinfranks zu Zeichnungen von Franz von Pocci enthält. Der letzte lautet:

Zu des Sockels größter Huld
führt vor allem – die Geduld

Ob diese Ausstellung stark genug ist, Reinfrank endgültig auf den Sockel zu heben, mag dahingestellt sein, aber einen Beitrag dazu will sie leisten.

Jürgen Vorderstemann, aus Arno Reinfrank 1934–2001 Rückblick auf ein Schriftstellerleben. Begleitheft zur Ausstellung im Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz/Pfälzische Landesbibliothek vom 13.11.2004 bis 15.1.2005, 2004

Fakten und Vermutungen zum Autor

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