Arsenij Tarkowskij: Reglose Hirsche

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Arsenij Tarkowskij: Reglose Hirsche

Tarkowskij-Reglose Hirsche

Nachts vergeht die Zeit langsamer.
Um Mitternacht endet das Schaltjahr.
Die eisgefrorenen, knorrigen Adern der Tannen
und in der Tiefe das schwelende Harz des Frühjahrs.

Sorgen quälen mich mehr als genug,
ein anderes Leben – will ich nicht.
Nur zu gut höre ich, wie hinter dem Zaun
für die anderen das neue Jahr anbricht.

Ich weiß, der Roggen am Föhrenwald
reift auch dieses Jahr heran.
Das Dickicht, bald hell, bald schwarz,
bitter der Kelch, Zeit und Neuanfang.

 

 

 

Als habe jemand die Beleuchtung auf dieses Flirren gerichtet…

Tarkowskijs Weg als Dichter gestaltete sich unter den Bedingungen des Stalinismus und der Epoche der Sowjetunion schwierig. Sein erster Lyrikband durfte 1946 nicht erscheinen, er konnte lange auf kein gedrucktes Werk verweisen. Sein Name war vielen seinerzeit nur als Nachdichter georgischer oder armenischer Poesie geläufig. Tarkowskijs Freundschaft mit Marina Zwetajewa ging auf seine Übertragungen zurück. Ihr war, vermutlich 1940, sein Auswahlband des turkmenischen Dichters Kemine in die Hände gefallen. Ihre Freundschaft fand mit dem Freitod Zwetajewas, 1941 in Jelabuga, ein jähes Ende.
Mit dem Erscheinen der Lyriksammlung Vor dem Schnee (1962) trat ein Wendepunkt in Tarkowskijs Schaffen ein. Anna Achmatowa (1889–1966) betonte in ihrer Besprechung, die erst einige Jahre nach ihrem Tod publiziert wurde, die Modernität und Zeitlosigkeit seiner Poesie. Ihm gelinge es, Schlichtheit, Dramatik und strenge Komposition in ein Spannungsverhältnis zu bringen, das mache sein Werk zu einem der „Höhepunkte der russischen, modernen Dichtung“. Es folgten zahlreiche Veröffentlichungen Der Erde Irdisches (1966), Bote (1969) oder Wintertag (1980), die ihm große Anerkennung eintrugen.
Tarkowskij schreibt von den verborgenen Zusammenhängen. Er entwirft Bilder, die unseren Blick auf universelle Geschehnisse lenken: auf das „gelbe Wiegenlicht, / Wortzeichen, weit draußen, / ich lese den Horizont / der mir so vertrauten Erde“. Das Irdische, wie es bei ihm heißt, besonders die Steppenlandschaft, die Tarkowskij in seiner Kindheit prägte, ist ein wiederkehrendes Motiv. Um zugleich im geringsten Detail, in einem Tröpfchen Flüssigkeit oder einem „ausgehauchten Stäubchen“, wie unter einer Lupe das geheime Leben offenzulegen, „als habe jemand die Beleuchtung auf dieses Flirren gerichtet“.

Martina Jakobson, Nachwort

 

Die Pappel entläßt ihre Flocken,

tropfenschwerer Tau und das Wort, das durch die Steppe streift – mit Arsenij Tarkowskijs Poesie schlagen wir das Buch der Wunder auf. Traum und Wirklichkeit, Sinn, Vergeblichkeit, die Erinnerung an die Kindheit, eine unerfüllte Liebe – das sind die Themen der philosophischen Gedankenlyrik des bedeutenden russischen Dichters Tarkowskij (1907–1989). Sein Name gehört in eine Reihe mit Zeitgenossen wie Anna Achmatowa oder Boris Pasternak. Weltweite Bekanntheit erlangte er durch die Filmkunst seines Sohnes, des Regisseurs Andrej Tarkowskij, der in seinen Filmen Gedichte des Vaters zitiert. Erstmals erscheint auf deutsch eine Auswahl aus dem umfangreichen Werk in neuer Übertragung von Martina Jakobson.

Edition Rugerup, Klappentext, 2013

 

Tarkowskijs neuer Spiegel

Wenn in Deutschland der Name Tarkowskij fällt, denken die meisten an den sowjetischen Filmemacher, Andrej Tarkowskij. Doch schon sein Vater, Arsenij Tarkowskij, war ein großer Künstler und bedeutender Lyriker. Die Literatur-Übersetzerin Martina Jakobson würdigt sein Werk mit einer neuen deutschen Übersetzung.

Julia Shevelkina: Wie kam es dazu, dass Sie sich für Lyrik interessieren?

Martina Jakobson: Ich habe mir das nicht ausgesucht. Ich bin einfach schon mit Lyrik aufgewachsen. Ich habe ja einen deutschen Vater und eine russische Mutter, bin in der DDR geboren und habe zwischenzeitlich in Moskau gelebt. Die russische Lyrik hat mir meine Mutter von Kindheit an nahegebracht. Sie zitierte Gedichte von Puschkin und Lermontow. Und als 1980 der erste deutsch-russische Zwetajewa-Band im Verlag Volk und Welt erschien, haben meine Eltern ihn mir sofort besorgt. Und das war früher gar nicht so einfach.

Shevelkina: Wann haben Sie zum ersten Mal daran gedacht Literatur zu übersetzen?

Jakobson: Ich kann mich noch gut erinnern. Ich hielt die zweisprachigen Ausgaben von Boris Pasternak und Anna Achmatowa in der Hand. Als ich die Übersetzungen miteinander verglich, hatte ich manchmal andere Worte im Sinn. Ich wollte schon immer Literaturübersetzerin werden, aber in der DDR gab es kein einschlägiges Studium. „Diesen Beruf gibt es bei uns leider nicht, Martina“, sagte mir meine Slawistik-Professorin an der Humboldt-Universität, die zahlreiche dieser Lyrik-Bände bei Volk und Welt herausgegeben hatte. Ich solle Literaturwissenschaftlerin werden und erst dann nebenbei Übersetzungen machen dürfen. Von freiberuflicher Tätigkeit konnte sowohl in der DDR als auch in der Sowjetunion kaum die Rede sein, das fand ich schade. Arsenij Tarkowskij selbst hat, weil er als Dichter das eigene Werk nicht veröffentlichen durfte, lange Zeit nur von Nachdichtungen gelebt.

Shevelkina: Der jetzige Auswahlband Reglose Hirsche mit Gedichten von Arsenij Tarkowskij ist ebenfalls zweisprachig erschienen. Bilinguale Ausgaben scheinen in Deutschland sehr populär zu sein. Warum lohnt es sich, für einen deutschen Leser, auch die Originalfassung vor Augen zu haben?

Jakobson: Die Tradition des Vergleichs stammt meines Erachtens aus DDR-Zeiten. Damals konnten viele Leute noch ganz gut Russisch. Und man kann davon ausgehen, dass bei einer Übersetzung immer etwas verloren geht. Daher macht es Sinn, auch das Original zu kennen. Das stellt hohe Ansprüche an den Übersetzer, denn seine Arbeit kann nun mit dem Original kritisch verglichen werden. Dennoch habe ich mich bewusst nur an Verlage gewandt, die zweisprachige Ausgaben anbieten, wie an die Edition Rugerup.

Shevelkina: Warum haben Sie ausgerechnet Tarkowskij gewählt?

Jakobson: Er ist einer der wichtigsten Dichter der 1970er Jahre, dessen lyrische Leistung nicht ausreichend gewürdigt ist. In Deutschland kennt man die Filme seines Sohnes, des Regisseurs Andrej Tarkowskij, sehr gut, daran kann man anknüpfen. Aber die wenigsten wissen, dass in einigen seiner Filme die Gedichte seines Vaters eine wichtige Rolle spielen. Der Vater rezitiert sie sogar teilweise selbst, wie in Der Spiegel.

Shevelkina: Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den Gedichten des Vaters und den Filmen des Sohnes?

Jakobson: Ein gutes Beispiel ist Arsenji Tarkowskijs Gedicht „Weißer Tag“. Darin wird die als subjektiv ewig empfundene Zeit der Kindheit thematisiert. Dieses Gedicht hat den Sohn zu seinem Film Der Spiegel inspiriert. Das Drehbuch hieß ursprünglich „Weißer Tag“. In meinen Lesungen erwähne ich das immer.

Shevelkina: Wie „verkauft“ man dem deutschen Leser Arsenij Tarkowskij?

Jakobson: Er ist genauso wichtig für die russische Literatur wie Anna Achmatowa oder Boris Pasternak. In Deutschland gibt es immer noch die Tradition der Literaturveranstaltung. Ich versuche dem Publikum, Tarkowskij auf vielen Lesungen möglichst lebendig nahe zu bringen. Es gibt immer wieder Tarkowskij-Retrospektiven, etwa in Berlin, oder ich habe 2012 ein vierwöchiges Andrej Tarkowskij-Festival in Basel initiiert und geleitet, wo es auch eine ausgewählte Veranstaltung zur Verbindung von Film und Poesie gab.

Shevelkina: Wie bietet man einen russischen Dichter einem deutschen Verlag an?

Jakobson: Es ist generell schwierig, Lyrik zu veröffentlichen. Es ist ein Unterschied, ob man einem Verlag eine einzelne Ausgabe mit ausgewählten Gedichten anbietet oder eine Anthologie. Davon erscheinen hier immer wieder vereinzelte. Einen eher unbekannten Dichter zu veröffentlichen, ist schwieriger. Da hat es sich ausgezahlt, dass ich zu einem bestimmten Verlag Kontakte pflegte.

Shevelkina: Tarkowskij wurde schon einmal in den 90er Jahren in Ost-Deutschland übersetzt. Was haben Sie anders gemacht?

Jakobson: Jede Übersetzung ist ein Spiegelbild der Zeit, in der sie entstanden ist. Aber mir war es viel wichtiger, das Werk von Arsenij Tarkowskij neu zu ordnen und einen anderen Schwerpunkt bei der Gedichtauswahl zu setzen. Ich habe im Tarkowskij-Archiv der Tochter, Marina Tarkowskaja, in Moskau nach unveröffentlichten Gedichten gesucht, und wir sind so auf Gedichte aus der Jugendzeit oder ein unbekanntes Gedicht gestoßen, das Marina Zwetajewa gewidmet ist.

Shevelkina: In einer Rezension zu Ihrem Buch Reglose Hirsche heißt es, dass Sie den „abgeschlackten“ Tonfall in Ihrer Übersetzung treffen. Was ist für Sie wichtiger: der Reim oder der Inhalt des Werkes?

Jakobson: Ich versuche beides zu berücksichtigen. Die Gewichtung liegt bei jedem Dichter anders. Tarkowskijs Poesie ist von hohem philosophischem Gehalt. Das verlangt inhaltliche Arbeit beim Übersetzungsprozeß. Aber ich bin auch kein Vertreter von Übersetzungen, die dank eines eingehaltenen reinen Reimes glatt und perfekt klingen und bevorzuge auch mal freie Rhythmen und Assonanzen, die zum Teil viel schwieriger herzustellen sind. In dem Fall, denke ich, hat der Leser mehr Möglichkeiten, aktiv mitzuwirken. Deshalb habe ich manchmal unter Berücksichtigung des Klangs, dennoch bestimmte Brüche und luftige Stellen stehen gelassen. So entsteht beim Lesen eine winzige Verzögerung. Durch diese luftigen Stellen hat der Leser Zeit, sein eigenes Bild zu entwickeln. Bei der Übersetzung eines nächsten Lyrikers kann sich das in meiner Übersetzung auch anders gestalten.

Russia Beyond, 10.10.2014

Elegische Lebensinventur

– Wer die Filme Andrei Tarkowskis kennt, weiss bereits einiges über seinen Vater und dessen schmerzliche Abwesenheit. Der Vater erging sich selbst in eigener Trauerarbeit – als bedeutender Lyriker. –

Liebhaber von Andrei Tarkowskis Spielfilmen kennen ihn: den Vater des Filmemachers, den Dichter Arseni Tarkowski (1907–1989), dessen Stimme und Worte durch die Werke des Sohnes hallen. Sie begleiten Reminiszenzen und Kindheitsvisionen, bilden eine poetische Naht zwischen Evokation und Traum, Phantasie und Wirklichkeit. Damit ist bereits einiges über die Ästhetik des Sohnes – wie des Vaters – gesagt, aber auch etwas über ihr biografisches Verhältnis.
Arseni Tarkowski verliess seine erste Ehefrau, Maria Wischnjakowa, und die beiden Kinder Andrei und Marina 1936, als der Sohn vier Jahre alt war. 1941 meldete er sich freiwillig zur Front, wurde Kriegskorrespondent und zog sich 1943 eine schwere Verwundung mit Beinamputation zu. Das Drama des Sohnes bestand in einer unablässigen Suche nach dem abwesenden Vater, die später sein filmisches Werk grundierte, insbesondere Spiegel, Stalker und Nostalgia. Der Dichter-Vater erging sich in seiner eigenen Trauerarbeit, blickte schreibend zurück auf Momente von Glück und Täuschung, auf erinnerungsgesättigte Landschaften, auf den Fluss der Zeit.
Ein elegischer Ton durchzieht alle Gedichte Arseni Tarkowskis, ob sie über den Lauf der Dinge sinnieren oder Biografisches heraufbeschwören („Der Wald von Ignatjewo“, „Feldlazarett“), ob sie Natureindrücke wiedergeben („Regen“, „Olivenhain“) oder verstorbene Kollegen betrauern („Dem Andenken Anna Achmatowas“). Selbst die Liebesgedichte – dazu gehört auch ein eindrückliches Widmungsgedicht für Marina Zwetajewa, deren Freitod, 1941, das Verhältnis jäh beendete – wissen um Vergänglichkeit und Wehmut, denn in kosmischen Relationen gedacht ist jedes menschliche Schicksal eine winzige Passage und das Gewesene oft nur eine „Gedächtnislüge“. Was nicht hindert, dass Tarkowski dem Dichterwort einiges zutraut:

Das Wort ist eine Membran,
eine Hülle, ein sinnloser Laut.
Ein Punkt, ein Kern – irgendwann
pulst er als ein fernes Feuer auf.
(…)
Das Wort ist blosse Verstellung,
ein unfertig menschlich Fohlen,
jede Zeile in ihrer Verschwörung
wetzt das Messer im Verborgenen

(„Das Wort“).

Tarkowski musste sich endlos gedulden, bis seine Poesie aus dem Verborgenen an die Öffentlichkeit gelangen konnte. In den dreissiger Jahren als „Mystizist“ gebrandmarkt, schrieb er in die Schublade und übersetzte. Erst 1962, mit 55 Jahren, erschien seine erste Gedichtsammlung, Vor dem Schnee – und machte ihn schlagartig berühmt. (Zufall oder nicht: Zeitgleich brachte Sohn Andrei seinen ersten Film, Iwans Kindheit, heraus.) Tarkowskis inständig leise Verse, die zu einer langsamen Lektüre einladen, gingen von Hand zu Hand und wurden sogar von Rockgruppen vertont. Und die grosse Achmatowa prophezeite dieser neuen, in Geheimnis gehüllten Dichterstimme ein langes Leben. Bis zu seinem Tod veröffentlichte Arseni Tarkowski noch acht schmale Poesiebände, die seinen Ruf als aussenseiterischer Modernist festigten.
Zweifellos gehört Tarkowski zu den bedeutendsten russischen Lyrikern des 20. Jahrhunderts, was nicht heisst, dass man ihn in einem Atemzug mit Achmatowa, Zwetajewa oder Pasternak nennen muss. Eigenständig seine Handschrift und sein Tonfall, wobei sein Œuvre eher schmal ist.
Zu einer Entdeckung hierzulande lädt eine schöne zweisprachige Ausgabe mit dem Titel Reglose Hirsche ein, für die Martina Jakobson als Übersetzerin und Herausgeberin verantwortlich zeichnet. Seit der nach 1990 bei Volk und Welt erschienenen Auswahl Auf der anderen Seite des Spiegels wird zum ersten Mal wieder ein Tarkowski-Band präsentiert und gibt Anlass zu einer (Neu-)Rezeption.
Die 58 Gedichte (darunter ein sechsteiliger Zyklus) aus den Jahren 1926 bis 1978 sind bestens geeignet, den subtilen Dichterkosmos zu erschliessen: seine Leitmotive und Metamorphosen, seine Widersprüche und Visionen. Wie sich zeigt, ist der Elegiker auch zu Pathos fähig („Ich dehne mich aus, bin Verbindung, / bin zwei Ufer, dazwischen die Meere / zwei Universen: bin die Brücke“), ja zu Trostworten  („An Vorahnungen und dunkle Zeichen glaube ich nicht. / Verleumdungen, giftiges Gerede machen mir keine Angst. / Den Tod gibt es nicht auf dieser Welt. / Alles ist unsterblich. Ein Jedes, ein Jeder…“). Doch fehlt jede Apodiktik, da sich der Gedanke im lyrischen Handumdrehen in sein Gegenteil verkehrt und schliesslich als flirrendes Bild zur komplexen Chiffre wird.
Martina Jakobsons Übertragung folgt den Bewegungen und Fährten des Originals insgesamt sensibel, auch wenn sie sich da und dort zu grosse Freiheiten, ja Abweichungen erlaubt. Wenig auszusetzen ist an der Entscheidung, Versmass und Reim durch freie Rhythmen und Assonanzen zu ersetzen (obwohl strukturelle Klarheit bei Tarkowski eine wesentliche Rolle spielt), problematisch wird es da, wo die Lexik zum Spielball eigensinniger Entscheidungen wird oder schlicht entgleist. Wenn Tarkowski die verstorbene Anna Achmatowa metaphorisch als „Bergeshöhe“ apostrophiert, spricht Jakobson von einem „Hochland, das sich hier früher erhob“. Wer des Russischen nicht mächtig ist, wird sich an vielen Stellen wundern. Wer aber den Vergleich mit dem Original anzustellen vermag, sieht sich oft irregeführt und vermisst zudem die Schlichtheit und Lakonie des russischen Wortlauts. „Ein Denkmal hab ich dir errichtet / auf der tränenreichsten aller Erden“, heisst es im Epitaph-Gedicht an Anna Achmatowa. Jakobson schreibt:

Den Hügel hab ich mit dem Stein beschwert,
bitter war die Erde, Salz und Tränen.

Dennoch wird die Kraft und Zartheit dieser Dichtung auch im Deutschen spürbar. Mit Staunen sieht man ein Kind, das „in smaragdgrünen Schuhen hinfiel“, hört den „Regen, Regen“, wie „er stochert im Eis“, und hält gerührt inne bei dem Vierzeiler:

Die Kerze flackert gelb im Wind
und ertrinkt im Wachs.
Ein Atemzug waren du und ich,
die Seele brennt, der Leib schmilzt.

Ilma Rakusa, Neue Zürcher Zeitung, 14.6.2014

Sehr schön – wird es Arsenij Tarkowskij gerecht?

Zunächst einmal freue ich mich riesig – das Gedichte von Tarkowskij zugänglich sind. Es gibt nur wenige Übersetzungen in einzelnen Lyriksammlungen und die Einzelausgaben, die während der Wende erschienen, fielen unter den Tisch. Diesem Dichter gehört viel mehr Beachtung geschenkt.
Schon eine Tragödie, daß erst so spät mit ca. 50 Jahren seine Gedichten in seinem eigenen Land gehört wurden.
Eine weitere Tragödie, daß sein berühmter Sohn der z.T seine Filme auf die Poesie seines Vaters gründet – vor dem Vater stirbt.
Die dritte Tragödie, daß im deutschsprachigen Raum die Gedichte in Ostverlagen zur Zeit der Wende gedruckt wurden – und verschwanden (vergriffen).
So wird die Lyrik jetzt einem jungen Publikum doch noch nachgereicht – die gar nicht die grandiosen Filme seines Sohnes kennen.
Vielleicht gut so?
Eines seiner gerühmtesten Gedichte – „Leben, Leben“ – ist leider z.T. sinnverstellt (zumindest mißverständlich) übersetzt worden – dies kann man durch den sorgfältigen Vergleich der Übersetzung im Film Spiegel oder in der Lyriksammlung von Etkind – als auch englischen Übersetzungen überprüfen. Der russische Hintergrund fehlt mir leider.
Ich möchte nicht das poetische Talent der Frau Jakobson schmälern – im Gegenteil. Aber ich lese die Gedichte – mit Vorbehalt.
Denn es geht hier auch um die Würdigung Arsenij Tarkowskij mit seiner Geschichte – u.v.a. seiner zauberhaften Gedichte.
Wir warten und freuen uns daher auf die schon längst überfällige Publikation von Prof. Dr. Jekatharina Lebedewa.

c’est ca, amazon.de, 6.8.2016

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Mónika Koncz: Tarkowskis verlorenes Paradies
fixpoetry.de, 1.5.2014

Olga Martin: Ein Leben, ein Jahrhundert auf dem Silbertablett
novinki.de, 28.8.2014

 

Fakten und Vermutungen zur Übersetzerin
Fakten und Vermutungen zum Autor + IMDb

 

Gedicht Arseni Tarkowskis in dem Film Der Spiegel von Andrei Tarkowski.

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