Arthur Rimbaud: Die späten Verse

Rimbaud-Die späten Verse

DIE EWIGKEIT

Wiedergefunden
Ist sie – die Ewigkeit
Ist das Meer versunken
Mit dem letzten Schein

Wachsame Seele
Murmeln wir es:
Die Nacht ist Leere
Der Tag verbrennt.

Menschliches Lob
Gemeinsamer Geist
Da machst du dich los
Und fliegst bereits.

Denn nur von euch
Glosend wie Seide
Steigt auf die Pflicht
Ohne uns zu befreien.

Da keine Hoffnung
Kein erster Strich
Schuld mit Geduld
Die Qual ist gewiß.

Wiedergefunden
Ist sie – die Ewigkeit
Ist das Meer versunken
Mit dem letzten Schein.

 

 

Diese späten, letzten Gedichte Rimbauds

im französischen Original und in der Übersetzung von Michael Donhauser wollen aufmerksam machen auf einen Autor, der fast nur noch als seine eigene Legende wahrgenommen wird. Donhauser zeigt auf eigenwillig aneignende Weise einen andern Rimbaud als den ewig trunkenen, der an der Entregelung aller Sinne arbeitet. Neben Flüßen und Teichen spielen gebrannte Wasser zwar noch immer eine bedrohliche Rolle, doch mit „Feste der Geduld“ sind vier von den letzten Gedichten überschrieben. In dieser eigentümlichen Mischform von Begeisterung und Bescheidung zeigt Donhauser einen spröderen und nüchterneren Rimbaud, dessen rauschhaften Vokalwahnsinn er in knarrende Konsonanten übersetzt. Die Übersetzung hier ist eine Entregelung der einen Sprache durch eine andere. Der Band wird ergänzt durch einen Aufsatz von Michael Donhauser zu Arthur Rimbaud.

Urs Engeler Editor, Ankündigung, 1998

 

Rimbaud

Bevor wir uns Rimbaud nähern, wollen wir deutlich machen, daß wir von allen Namen, die ihm bisher beigelegt wurden, keinen festhalten, aber auch keinen verwerfen. (R. der Seher, R. der Strolch, usw.) Sie interessieren uns einfach nicht, mögen sie treffend und angemessen sein oder nicht, da ein Wesen wie Rimbaud – und einige andere seiner Art – sie notwendig alle enthält. Rimbaud der Dichter, das genügt, das ist unendlich. Das entscheidende und stets unbekannte Gut der Poesie, so meinen wir, ist ihre Unversehrbarkeit. Diese ist so vollkommen, so stark, daß der Dichter, als Mensch des Alltäglichen, nachträglich zum Nutznießer dieser Eigenschaft wird, deren Träger er nur gewesen ist. Von den Inquisitionsgerichten bis zur Moderne konnte zeitliches Unheil eine Thérèse von Avila so wenig wie einen Boris Pasternak je vollends bezwingen. Was man auch über sie berichten mag, nichts könnte sie uns unleidlich machen und den Zugang zu ihrem Genie verstellen. Dabei denken wir nicht einmal an das gerechte Spiel des Ausgleichs, das Gnade an ihnen üben würde wie an jedwedem Sterblichen je nach den Schwankungen des Menschengeistes und dem Spürsinn der Zeit.
Kürzlich hat man uns nachweisen wollen, daß Nerval nicht immer lauter gewesen ist, daß Vigny bei einer albernen Altersepisode sich abscheulich betragen hat. Vor ihnen Villon, Racine… (Racine, den sein jüngster Biograph mit einer Sachkenntnis rügt, der nachzugehen ich müde geworden bin.) Wer die Dichtung liebt, weiß, das ist nicht wahr, trotz allem Anschein und den zur Schau gestellten Beweisen. Frömmler und Atheisten, Staatsanwälte und Advokaten werden niemals beruflichen Zugang zu ihr finden. Seltsames Schicksal! Ich ist ein anderer. Die Gewalt der Justiz erlischt, wo die Dichtung glüht, wo sie da ist, wo sich einige Abende lang der Dichter erwärmte. Mag ein wackerer Professor sich finden und mit vierzig Jahren komische Reue darüber zeigen, daß er in seinem zwanzigsten Lebensjahr zu ungestüm den Autor der Illuminations geliebt hat, mag er uns ein Gemisch seines einstigen Glücks und seiner gegenwärtigen Reue kredenzen unterm verblichenen Rosa von zwei dicken endgültigen Archiv-Bänden, diese Sammelarbeit fügt nicht zwei Regentropfen zum großen Guß, nicht zwei Orangenschalen zum Sonnenstrahl, der unsere Lektüre lenkt. Frei gehorchen wir der Gewalt der Gedichte, und wir lieben sie notgedrungen. Diese Zwiefalt bringt uns Bangigkeit, Stolz und Freude ein.
Als Rimbaud aufgebrochen war und der literarischen Geschäftigkeit und der Existenz seiner älteren Genossen vom Parnaß einen gepanzerten Rücken zugewandt hatte, überraschte diese jähe Verflüchtigung kaum. Erst später gab sie ein wirkliches Rätsel auf, als man seinen Tod und die Abschnitte seines Schicksals erfahren hatte, das doch wie ein einziger Sägenschnitt gewesen war. Wir wagen anzunehmen, daß es weder einen schroffen Bruch noch einen heftigen Kampf gegeben hat, nachdem die letzte Krise durchgestanden war, wohl aber eine Unterbrechung der Bindung, ein Versiegen der Nahrung zwischen Glutherd und Krateröffnung, Abschuppung sodann der von der Poesie magnetisierten und geschmückten Zonen, Verstummung und Wandlung des Wortes, Ausgang der seherischen Energie, und schließlich das Auftauchen auf den Halden der objektiven Wirklichkeit von etwas anderem, das hier festzuhalten gewiß müßig und gefährlich wäre. Sein so rasch errichtetes Werk, Rimbaud hat es buchstäblich vergessen; wahrscheinlich hat er nicht an ihm gelitten, es nicht einmal verabscheut, und hat an seiner gebräunten Handwurzel nicht mehr die grüne Narbe gespürt. Die Spanne läßt sich nicht ermessen zwischen dem Jüngling und dem Mann, die beide aufs Äußerste zielten. Gibt es einen Beweis dafür, daß Rimbaud in der Folge versucht hat, wieder in den Besitz der Gedichte zu gelangen, die er seinen ehemaligen Freunden überlassen hatte? Soviel wir wissen, nicht einen. Völlige Gleichgültigkeit. Er hat jede Erinnerung daran verloren. Was nun aus der Kargheit des Astes hervorgeht statt der Früchte des jungen Baumes, es sind die siegreichen Dornen, Stacheln, die der berauschende Blütenduft angekündigt hatte.
Die Beobachtungen und Kommentare über ein Gedicht mögen tiefsinnig, merkwürdig, brillant oder treffend sein, sie können nicht umhin, eine Erscheinung, die keinen anderen Grund hat als ihr Sein, auf eine Bedeutung und ein Vorhaben herabzumindern. Ein annehmbares Maß wäre es, den Reichtum eines Gedichtes nach der Zahl der Auslegungen zu bewerten, die es auslöst, um sie sogleich zunichte zu machen, obschon sie in unseren Geweben bewahrt bleiben. Was glitzert da, mehr ein Raunen als ein Reden, was überträgt sich still und gleitet sodann hinter die Nacht, um bloß die Leere der Liebe, das Versprechen der Gefeitheit zurückzulassen? Dies höchst persönliche Glitzern und Beben, diese Hypnose, dies unablässige Pochen, all das sind stichhaltige Fassungen eines einzigartigen Ereignisses: die immerwährende Gegenwart, radförmig wie die Sonne und wie das menschliche Antlitz, bevor Himmel und Erde es an sich zogen und grausam längten.

Als Dichter sich Rimbaud zu nähern, ist Wahnwitz, denn er verkörpert in unseren Augen, was für ihn das Gold war: die innere Wölbung des Bogens im Dichterischen. Sein Gedicht, sosehr es den Kommentator fasziniert und herausfordert, zerschmettert ihn sogleich, wer er auch sei. Und da es seine Einheit erlangt hat durch den Widerstreit der Dinge und Wesen, aus denen es gestaltet ist, verzehrt es auf minderer Ebene schon den karg gewordenen Abglanz seiner eigenen Widersprüche. Kein Einwand kann dagegen Bestand haben, da es alle in sich begreift:

Ich wollte sagen, was es sagt, wortwörtlich und in jedem Sinn.

Ein Satz, ob ausgesprochen oder nicht, der wahr ist, der sich fortwährend neu bestätigt.
Rimbaud darf einzig in der Sicht der Poesie betrachtet werden. Ist das so skandalös? Dann erscheinen Werk und Leben von unvergleichlicher Einheitlichkeit, weder dank noch trotz ihrer Originalität. Jede Regung seines Werkes und jeder Augenblick seines Lebens haben teil an einer Unternehmung, die, so scheint es, meisterhaft von Apollo und Pluto gelenkt wird: die dichterische Offenbarung, die unverhüllteste Offenbarung, die als Gesetz sich uns entzieht, aber, als edle Erscheinung benannt, uns fast vertraut anmutet und bewegt. Wir sind gewarnt: außerhalb der Dichtung, zwischen unserem Fuß und dem Stein, den er betritt, zwischen unserem Blick und dem durchschrittenen Feld, ist die Welt nichtig. Das wahre Leben, der unabweisliche Koloß bildet sich nur in den Flanken der Dichtung. Indes hat der Mensch nicht die herrscherliche Macht (oder nicht mehr, oder noch nicht), über dieses wahre Leben nach Belieben zu verfügen, sich daran zu befruchten, außer in blitzartigen Momenten, die Orgasmen gleichen. Und in der Finsternis, die folgt, zerteilt sich die Zeit, dank dem Wissen, das die Blitze uns eintragen, zwischen der schauerlichen Leere, die sie aussondert, und einer Hoffnungs-Vorahnung, die einzig von uns abhängt; in ihr kündigt sich schon der nächste Zustand von äußerster Dichtung und von Sehertum an. Die Zeit verfließt, aber zu unserem Nutzen, halb Fruchtgarten, halb Blüte.
Rimbaud hat Angst vor dem Entdeckten; die Stücke, die auf seiner Bühne gespielt werden, erschrecken und blenden ihn. Er fürchtet, das Unerhörte sei Wirklichkeit, und daher könnten die Gefahren, denen seine Schau ihn aussetzt, ebenfalls wirklich sein und bedrängend zu seinem Untergang verbündet. Der Dichter handelt mit List, bemüht sich, die feindliche Wirklichkeit in einen imaginären Raum zu bannen unter der Maske eines legendären, biblischen Orients, in dem sich sein märchenhafter Todesinstinkt schwächen und mindern könnte. Doch ach, die List ist eitel, das Entsetzen berechtigt, die Gefahr ist wirklich! Die Begegnung, der er nachstrebt und die er fürchtet, sie ersteht vor ihm wie ein zwiefaches Gehörn und bohrt ihre Spitzen „in seine Seele und seinen Leib“.
Eine Seltenheit in der französischen Dichtung und ungewöhnlich in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ist, daß die Natur bei Rimbaud einen so gewichtigen Anteil hat. Eine nicht statische Natur und wenig geschätzt wegen ihrer hergebrachten Schönheit und ihrer Erzeugungen, wohl aber mit dem Strom des Gedichtes verbunden, in dem sie häufig erscheint als Materie, lichter Hintergrund, schöpferische Kraft, Trägerin inspirierten oder pessimistischen Vorgehens, als Gnade. Wieder wirksam geworden ist sie. Und das folgte auf Baudelaire. Wir ertasten sie wieder, atmen ihre winzigen Seltsamkeiten. Kaum sehen wir sie im Ruhestand, so wird sie gleich wieder von einer kosmischen Katastrophe erschüttert. Und vom sanften Graspolster, auf dem das Haupt, der Mühsale des Leibes vergessend, zum Quellwasser wird, geht Rimbaud über zu einer wilden Jagd von Besessenen auf dem Grat einer Klippe, die Sturm und Sintflut speit. Er hastet vom einen zum anderen, von der Kindheit zur Hölle. Im Mittelalter war die Natur streitbar, unbändig, noch ohne Bresche, von unangetasteter Größe. Es gab weniger Menschen, und spärlich war das Werkzeug, zumindest dessen Ehrgeiz. Die Waffen kannten ihn nicht oder mißachteten ihn. Nach wechselvollem Schicksal ist am Ende des neunzehnten Jahrhunderts die Natur von den Anschlägen der stetig sich vermehrenden Menschen umringt, durchbohrt, entkleidet, umgewühlt, zer- stückelt, bloßgelegt, gegeißelt, geduckt worden; sie sieht sich mit ihren teuren Wäldern in ihren Beständen grausam geschmälert und schmachvoll unterjocht. Wie denn sollte sie noch aufbegehren, wenn nicht durch die Sprache des Dichters? Dieser fühlt die verlorene und geschmähte Vergangenheit der Vorfahren erwachen, und er bewahrt sich seinen Hang. So eilt er ihr zu Hilfe, ein ewiger, doch klarsehender Don Quichotte, er setzt seine Bedrängnis der ihren gleich, gibt ihr mit Liebe und Kampf ein wenig ihrer unerläßlichen Tiefe wieder. Er kennt die Eitelkeit der Wiedergeburten, aber am allerbesten weiß er, daß er für die Mutter der Geheimnisse, die es dem tödlichen Sande verwehrt, sich auf der Tenne unseres Herzens auszubreiten, daß er für diese verfolgte Königin erbittert Partei ergreifen muß.

Mit Rimbaud hat die Dichtung aufgehört, eine literarische Gattung, ein Wettbewerb zu sein. Vor ihm hatten Heraklit und ein Maler, Georges de la Tour, gebaut und gezeigt, welches Haus unter allen der Mensch bewohnen sollte: Wohnstätte für den Atem und die Meditation zugleich. Baudelaire ist das menschlichste Genie der gesamten christlichen Kultur. Sein Gesang verkörpert sie in ihrer Bewußtheit, ihrer Glorie, ihrer Reue, ihrem Fluch, im Augenblick ihrer Enthauptung, ihrer Verhaßtheit, ihrer Apokalypse. „Meist haben sich die Dichter“, so schreibt Hölderlin, „zu Anfang oder zu Ende einer Weltperiode gebildet. Mit Gesang stiegen die Völker aus dem Kümmel ihrer Kindheit ins tätige Leben, ins Land der Kultur. Mit Gesang kehren sie von da zurück, ins ursprüngliche Leben. Die Kunst ist der Übergang aus der Natur zur Bildung, und aus der Bildung zur Natur.“ Rimbaud ist der erste Dichter einer noch nicht erschienenen Kultur, deren Horizonte und Wandungen bloß wild wehendes Stroh sind. Maurice Blanchot abwandelnd, würde ich sagen, hier ist eine Erfahrung jener Totalität, die, auf die Zukunft gegründet, im Gegenwärtigen gesühnt, keine andere Gewalt als die ihr eigene hat. Aber wenn ich wüßte, was mir Rimbaud ist, so wüßte ich, was die Dichtung ist, die mir bevorsteht, und brauchte sie nicht mehr zu schreiben…
Das von Rimbaud erfundene dichterische Instrument ist vielleicht die einzig mögliche Erwiderung des Westens auf die Traditionen und heiligen Übungen des Ostens und der antiken Religionen sowie auf die Magie der primitiven Völker, sie ist die Erwiderung jenes vollgepferchten, selbstgefälligen Westens, der, barbarisch und dann kraftlos, vollends seinen Selbsterhaltungstrieb und Schönheitsdrang verloren hat. Sollte dieses Instrument, darüber wir verfügen, unsere letzte Chance sein, die verlorengegangene Gewalt wiederzuerlangen? Den Ägyptern, Kretern, Dogons, Magdaléniens gleichzukommen? Diese Hoffnung auf Umkehr ist die schlimmste Perversion der westlichen Kultur, ihre wahnsinnigste Verirrung. Wenn man zu den Quellen zurückkehren und sich erneuern will, verschlimmert man bloß die Erstarrung, beschleunigt den Sturz und züchtigt widersinnig sein Blut. Rimbaud hatte diese Versuchung erlebt und zurückgewiesen: „Es gilt, zur Gänze modern zu sein, den gewonnenen Vorsprung zu bewahren.“ Die moderne Dichtung hat ein Hinterland; seine Umfriedung allein ist düster. Keine Flagge weht lange auf jener Eisbank, die ganz nach Laune sich uns hingibt oder entzieht. Aber unseren Augen weist sie den Blitz und seine unangetasteten Kraftquellen. Manche werden denken: „Das ist nicht viel. Und wie ließe sich ausmachen, was darunter vorgeht?“ Hätten diese Haarspalter daran gedacht, einen Silex zu behauen vor 20000 Jahren?

Der Ausbrecher Rimbaud legt sein goldenes Zeitalter unterschiedslos in die Vergangenheit wie in die Zukunft. Er richtet sich nicht ein. Eine andere Zeit läßt er nach der Weise des Sehnens und Begehrens nur erstehen, um sie sogleich niederzureißen und die Gegenwart wieder aufzusuchen, jene Zielscheibe, deren Mitte ständig nach Geschossen giert, natürlicher Hafen aller Ausfahrten. Aber von hüben nach drüben ist die geballte Spannung über alle Maßen stark. Rimbaud gibt uns den Bezug. Im Verlauf einer überbeschleunigten, doch so vollkommenen Dialektik, daß sie keine Bestürzung hervorruft, sondern einen präzis eingerichteten Strudel, der alles fortreißt und in ein Werden seine Ladung an reiner Zeit einfügt, zieht er uns mit, unterwirft er sich unsere Zustimmung.
Bei Rimbaud geht der Spruch mit einem Scheidegruß dem Widerspruch voraus. Seine Entdeckung, sein Moment von Brandstiftung, ist die Geschwindigkeit. Die drängende Eile seiner Sprache, ihre Ausdehnung umfangen und bedecken eine Fläche, die das Wort bis dahin nie erreicht noch je belegt hatte. In der Dichtung bewohnt man nur den Ort, den man verläßt; man schafft nur das Werk, von dem man sich ablöst; Dauer erlangt man nur, wenn man die Zeit zerstört. Aber alles, was man durch schroffes Brechen, Ablösung und Negation erlangt, man erlangt es einzig für den anderen. Der Kerker schließt sich sogleich wieder hinter dem Ausbrecher. Der Freiheitsspender ist frei nur in den anderen. Ihre Freiheit allein genießt der Dichter.
Im Inneren eines Gedichtes von Rimbaud führt jede einzelne Strophe, jeder Vers, jeder Satz ein autonomes dichterisches Leben. In dem Gedicht Genie hat er sich beschrieben wie in keinem anderen. Indem er uns verabschiedet, zieht er den Schluß. Nachdem er alles von uns gefordert hat, wie Nietzsche, wie Lautréamont, wünscht er, von uns „entlassen“ zu werden. Letzte und wesentliche Forderung. Er, der an nichts sein Genügen fand, wie könnten wir uns mit ihm begnügen? Sein Wandeln gilt nur einem einzigen Ende: dem Tod, von dem nur diesseits soviel Aufhebens gemacht wird. Der Tod nimmt ihn auf nach körperlichen Leiden, die so unerhört waren wie die Illuminationen seiner Jugend. Aber hatte seine rüde Mutter ihn nicht in eine vermessene Wiege gebettet, von Wächtern umstanden, die, jungen Ottern gleich, nach Wärme lechzten? So sehr hatten sie sich seiner bemächtigt, daß sie ihn bis ans Ende begleiteten und erst vor der Scholle seines Grabes von ihm abließen.

René Char, Neue Rundschau, Heft 2, 1957
Deutsch von Jean-Pierre Wilhelm

 

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Fakten und Vermutungen zum Autor
Fakten und Vermutungen zum Übersetzer
Porträtgalerie: Autorenarchiv Isolde Ohlbaum + Galerie Foto Gezett
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Arthur Rimbaud – Diashow mit Bildern aus seinem Leben, Zeitdokumenten von Charleville, Paris, London und viele von Rimbaud selbst gemachte Fotografien von Adens und Harrar. Dazu handschriftliche Manuskripte von Rimbaud, Zeichnungen von Delahaye und Freunden.
Von Joan Baez gelesene Gedichte wurden mit Musik unterlegt, im Bestreben, ein Bild von Rimbauds Leben, seinen Freunden und Plätzen zusammenzusetzen, das er wiedererkannt hätte.

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