Atanas Daltschew: Gedichte

Daltschew-Gedichte

Daltschew-Gedichte

NACH DEM SCHWEIGEN

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaFür Dimiter Swetlin

Ach, Jahre lang schwieg ich verbissen,
zerquälte Stirne, die ich hab –
Heut sprech ich, werd ich sprechen müssen,
mit einer Stimm wie aus dem Grab.

Noch spinnt den Geist die große Öde,
die wort- und namenlose, ein;
ich lebte Tag für Tag und jede
Minute ein Gestorbensein.

Gelähmt noch – Ängste, die mich zügeln! –
wagt mein Gedanke, mein Gedicht
noch nicht mit Macht hinauszuflügeln,
aus offnem Käfig in das Licht.

Die Verse, zäh beginnt ihr Reigen
– so tritt ein Mensch aus dem Spital –,
ohnmächtige Wut ist ihnen eigen
und eine seltsam irre Qual.

… Und knapp die Worte wie die kleine
Strophe, die der Gefangne schreibt
mit letzter Kühnheit auf die Steine,
eh man ihn zur Erschießung treibt.

 

 

 

Nachwort

Atanas Daltschew hat nicht das Glück, in einer Weltsprache zu schreiben. Der universelle Gehalt seiner Lyrik aber dürfte kaum mehr einem Zweifel unterliegen. Eine französische, eine russische und zahlreiche anderssprachige Ausgaben seiner Gedichte sind Zeugnisse einer nicht alltäglichen Ausstrahlungskraft. Als ihm 1972 von der Wiener Universität der internationale Herderpreis verliehen wurde, war das nur eine Bestätigung der allgemeinen Anerkennung, die dem Dichter heute entgegengebracht wird.
Daltschews Werk ist nicht umfangreich. Es umfaßt, seine Übersetzungen nicht mitgerechnet, ein knappes Hundert Gedichte und eine Sammlung kleiner Prosa: Reflexionen über philosophische und ästhetische Probleme sowie poetische Impressionen. Dieses Werk aber ist von anhaltender Gegenwärtigkeit. Es ist – wonach seinen Verfasser gewiß nie verlangt hat – in seiner existentiellen Wahrhaftigkeit und künstlerischen Intensität zum Maßstab vieler jüngerer Dichter geworden.
In der Entwicklung der bulgarischen Poesie nimmt Daltschew eine Schlüsselstellung ein. Seine Anlage bestimmte ihn dazu ebenso wie die geistige und sprachliche Situation, in der sie sich anfangs der zwanziger Jahre zum erstenmal dichterisch manifestierte. Ein beziehungsvoller Zufall hat sein Leben mit der Erinnerung an die Slawenlehrer Kyrill und Method, die Begründer des bulgarischen Schrifttums, verknüpft. In ihrer Vaterstadt Saloniki, die damals noch unter osmanischer Herrschaft stand, wurde Atanas Daltschew am 12. Juni 1904 als Sohn makedonischer Eltern geboren. Als sein Vater, Advokat von Beruf, nach der Revolution der Jungtürken 1908 als Abgeordneter für den Sandschak Seres ins türkische Parlament gelangte, zog die Familie nach Konstantinopel. Die türkische Metropole, in der antike und byzantinische Überlieferungen mit orientalischen Lebensformen eine seltsame Verbindung eingegangen waren, prägte die Kindheit des künftigen Dichters. Unwillkürlich drängt sich ein Vergleich mit der Bedeutung Alexandriens für Konstantin Kavafis (1863–1933) auf, und es überrascht nicht, daß Daltschew einer der wenigen ist, denen eine kongeniale Übertragung von Gedichten dieses einzigartigen griechischen Lyrikers gelang. Im Sommer 1914 fand sich die Familie, die durch die Balkankriege auseinandergerissen worden war, in Sofia wieder zusammen. Dort legte der Dichter 1922 an einem humanistischen Gymnasium das Abitur ab, um anschließend an der Sofioter Universität das Studium der Philosophie aufzunehmen, das er 1926 abschloß. Im gleichen Jahr erschien sein erster Gedichtband unter dem Titel Das Fenster. Er war dem Sofioter Germanistikprofessor Konstantin Gălăbow gewidmet, der die Begabung des zurückhaltenden jungen Dichters frühzeitig erkannt und gefördert hatte. Ein zweiter Band mit der Überschrift: Gedichte folgte 1928.
Daltschew war von Anfang an, trotz einer Art von Scheu vor dem äußeren Leben, wie sie kontemplativen Naturen oft eigen ist, um einen Bezug seiner Dichtung zur Realität bemüht. Angesichts der verheerenden Widersprüche im krisengeschüttelten Nachkriegsbulgarien fand er ihn zunächst in der Hinwendung zu sozialen Motiven. Eine revolutionäre Attitüde hätte seinem Wesen allerdings wenig entsprochen. Dennoch enthält sein Gedicht „Die Hütten“ eine genauere Aussage über die Ursachen des bulgarischen Septemberaufstandes von 1923, als so manche historische Abhandlung. Nach der blutigen Niederschlagung des Aufruhrs, die das bulgarische Volk wie ein Schock traf, sah sich der Dichter von Verhältnissen umgeben, von deren zügelloser Gewalttätigkeit und Verlogenheit er sich angewidert abwandte. Sein Empfinden war unbestechlich. Das Gedicht „Das Stürmische im Wind“ gibt Einblick in seine damalige Seelenverfassung. Er zog sich auf ein von den vier Wänden seiner Behausung eingeschlossenes Dasein zurück, von leblosen Gegenständen umgeben und mit dem Blick aus dem „Fenster“ in eine Welt, die begraben lag unter dem „Sand der metaphysischen Dinge“. Das war eine Position, die lehrreiche Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Wirklichkeit jener Zeit zuläßt. Der Ausgang vom Nullpunkt der Erfahrung befähigte Daltschew aber auch zu einer Erneuerung der bulgarischen Dichtungssprache. Die Beschränkung auf die seiner unmittelbaren Anschauung sich darbietenden alltäglichen Dinge in ihrer Abgenutztheit und Hinfälligkeit sowie die Präzision seiner Beobachtung forderten von ihm eine andere als die dekorative Metaphernsprache des Symbolismus, der in Bulgarien seinen Höhepunkt vor dem ersten Weltkrieg gehabt hatte, in den zwanziger Jahren jedoch eine nicht unbedeutende Nachblüte erlebte. Die häufig zum Klischee erstarrte Sprache dieser Schule war zur alles beherrschenden Ausdrucksform geworden. Selbst Christo Smirnenski (1898–1923), der die bulgarische Dichtung um neue, von der sozialen Entwicklung inspirierte Themen erweiterte, war nicht frei von ihr. Daltschews Gedichte bedeuteten einen endgültigen Wandel. Seine gleichsam dingliche Sprache, die die poetische Wesensseite des Gewöhnlichen sichtbar machte, wirkte gegenüber der zunehmend ins Abstrakte, ja ins Abstruse führenden Wortkunst der Spätsymbolisten natürlich und kraftvoll. Ihr Wahrheitsgehalt ergab sich aus der unprätentiösen Welt ihrer Bilder, die aus echtem und tiefem Erleben gespeist wurden. Dennoch war die auf sich selbst beschränkte Existenz, wie sie sich in Daltschews frühen Gedichten darstellte, bei Strafe ihres Untergangs – das Gedicht „Inferno“ läßt daran keinen Zweifel – darauf angewiesen, einen Weg aus ihrer menschlichen Isolation zu finden. Die Sehnsucht nach einem Leben fern der ,Vertracktheit‘ eines in bohrendem Grübeln sich verzehrenden Denkens spricht sich besonders eindringlich in dem Gedicht „Gebet“ aus. Eine neuartige Begegnung mit der Welt und mit sich selbst außerhalb des gewohnten Umkreises trug bald entscheidend dazu bei, die erstrebte Übereinstimmung mit dem Leben herbeizuführen.
Im Herbst 1927 fuhr Daltschew gemeinsam mit seinem Bruder Ljubomir, in dem Bulgarien heute seinen vielleicht bedeutendsten Bildhauer besitzt, nach Rom, wo er sich zwei Semester lang dem Studium der Kunstgeschichte widmete; eine sich anschließende ausgedehnte Reise führte ihn durch die oberitalienischen Städte bis Venedig. Eine nachhaltigere Wirkung als Italien aber sollte Frankreich auf ihn ausüben. 1928/29 weilte er das erstemal nahezu ein Jahr lang in der französischen Hauptstadt. Hier setzte er seine philosophischen Studien fort und besuchte, wie zuvor in Italien, eifrig die großen Kunstsammlungen. Im Herbst 1930 unternahm er, diesmal in Begleitung seines jüngeren Bruders Boris, der gegenwärtig zu den besten Architekten seines Landes gehört, eine Reise, die ihn über Deutschland und Belgien abermals nach Paris führte. Anfang 1931 kehrte der Dichter nach einem mehrwöchigen Aufenthalt in München in seine Heimat zurück, wo er in den Schuldienst trat und bis 1944 vor allem als Inspektor der Sofioter Schulen tätig war. Frankreich hatte indes seine Anziehungskraft für ihn nicht verloren. 1936 fuhr er für ein Jahr nach Toulouse und bereiste von dort aus das Land von den Pyrenäen bis zur Bretagne; auch in Paris weilte er wiederum längere Zeit.
Das Erlebnis Frankreichs und seiner von heillosen Antagonismen zerklüfteten Gesellschaft war so stark, daß sich Daltschews Einstellung zur Welt unter seiner Einwirkung neu formte. Zum erstenmal spürte er in Paris wieder das Band, das ihn brüderlich mit den Menschen seiner Umgebung verknüpfte. Sein Mitgefühl mit den Frauen der „44 Avenue du Maine“, mit den Invaliden aus dem Gedicht „Begegnung“ oder den „Plakatträgern“ schloß zugleich eine Anklage gegen jene Verhältnisse ein, die diesen Menschen die Lebensfreude verwehrten. Der ,Arbeiter‘ wurde für Daltschew zur sinnbildhaften Gestalt, in der sich die Hoffnung auf ein menschenwürdiges Dasein verkörperte. Das Leben in der Großstadt ließ den Dichter aber auch ein unmittelbareres Verhältnis zur Natur gewinnen, wie es etwa in dem Gedicht „Heimkehr“ zum Ausdruck kommt. Die philosophischen Fragen, die seine frühen Gedichte beherrschten, wurden nicht ausgeklammert; sie machten jedoch nur eine Seite des Lebens aus, das nunmehr in seiner ganzen Fülle akzeptiert und verkündet wurde. Zwei Gedichtbände spiegeln diese Entwicklung wider: Der erste erschien 1930 unter dem Titel Paris; der zweite, der fast alle bis 1937 entstandenen Gedichte Daltschews enthielt, kam 1943 unter der Überschrift Der Engel von Chartres heraus. Das Titelgedicht stellt eine Danksagung des Dichters an Frankreich dar. Die Tatsache, daß ihm in der größten und schönsten französischen Kathedrale das Symbol des Lebens entgegentrat, reiht Daltschew in eine bemerkenswerte, durch Namen wie Huymans und Peguy bezeichnete literarische Tradition ein.
Die drohende Katastrophe des zweiten Weltkrieges, auf die das Gedichtfragment „Genua“ hinzudeuten schien und die nur zu bald entsetzliche Wirklichkeit werden sollte, lähmte Daltschews dichterische Produktivität auf annähernd zwei Jahrzehnte. Wie groß die von den weltgeschichtlichen Ereignissen verursachten seelischen Verwüstungen waren und welche Abgründe er durchmessen mußte, um den verloren gegangenen Einklang mit der Welt erneut wahrzunehmen, deutet sein Gedicht „Nach dem Schweigen“ an.
Die Möglichkeit dazu ergab sich aus der Befreiung Bulgariens vom Faschismus am 9. September 1944. Daltschew wurde sogleich in verantwortungsvolle öffentliche Ämter berufen. Er bekleidete wichtige Posten im bulgarischen Informationsministerium und in der Kammer für Kultur; außerdem gehörte er von 1946–50 zu den Mitherausgebern der auf hohem Niveau geführten Zeitschrift Die Kunst. In völliger Verkennung seines dichterischen Werkes wurde er 1950 von gewissen, damals in der bulgarischen Kulturpolitik tonangebenden Kreisen unversehens zum Repräsentanten der Dekadenz und des Verfalls erklärt. Die polemische Auseinandersetzung um sein Werk dauerte bis in die zweite Hälfte der fünfziger Jahre an. Danach setzte sich sehr schnell eine sachliche und gerechte Würdigung des Dichters durch, dessen Rang und Bedeutung heute von niemandem mehr in Zweifel gezogen wird.
Trotz schwieriger persönlicher Verhältnisse; unter denen Daltschew zeitweise leben mußte – erst 1952 hatte er eine neue Anstellung in der Redaktion einer Kinderzeitschrift gefunden –, stellte sich sein dichterisches Vermögen allmählich wieder her: 1956 veröffentlichte er wieder eigene Gedichte, und es verdeutlicht den Ernst seiner Geisteshaltung, daß er ihnen ein Epitaph auf die gefallenen Freiheitskämpfer voranstellte. Die neuen Gedichte bestätigten, daß Daltschew einen Boden gefunden hatte, auf dem er bauen konnte. Heiter spricht sich sein neues Lebensgefühl in dem Gedicht „Der Regenschirm“ aus. Tiefer und umfassender tritt seine auch vor der Vergänglichkeit nicht mehr kapitulierende Option für das Hier und Jetzt in dem Gedicht „Begegnung auf dem Bahnhof“ zutage, dessen Quintessenz in der Gewißheit besteht, daß das Leben nur innerhalb der Grenzen menschlichen Gefühlsvermögens möglich und sinnvoll ist; es enthält den Verzicht auf alles, was dieses Vermögen übersteigt und damit den Quell des Lebens versiegen läßt. Daltschews Liebe gehört den irdischen Dingen. Sie bildeten in den zwanziger Jahren den Ausgangspunkt seines Dichtens, zu ihnen kehrte er nun, bereichert um die Summe eines von ständiger gedanklicher Spannung erfüllten Lebens, zurück. Die Einheit von dichterischer Aussage und menschlicher Haltung verleiht seinem Werk exemparische Bedeutung. Seine letzten, von hoher Geistigkeit durchglühten Gedichte gehören in ihrer Leuchtkraft zu dem Schönsten, was die bulgarische Dichtung aufzuweisen hat. Für Bulgarien besitzt Daltschew über sein dichterisches und aphoristisches Werk hinaus noch eine besondere Bedeutung. Seit mehr als vier Jahrzehnten ist er darum bemüht, seinen Landsleuten die Werte der europäischen Kultur zu erschließen und höhere Maßstäbe für die eigenen künstlerischen Bestrebungen zu setzen. Er führt damit eine Tradition fort, die von dem Dichter Pentscho Slawejkow (1866–1912) begonnen wurde und der das bulgarische Geistesleben viel von seiner Weltoffenheit verdankt. Daltschew machte die Bulgaren mit der Welt Montaignes und Pascals bekannt, er brachte ihnen nach dem Krieg zahlreiche moderne sowjetische Schriftsteller nahe, und mit einem umfangreichen, in seinen Auswirkungen auf die bulgarische Poesie noch nicht abzuschätzenden Œuvre als Nachdichter trug er dazu bei, daß Lafontaine, Rimbaud und Verlaine, García Lorca und Antonio Machado, Nicolás Guillén, Emily Dickinson, Eugenio Montale und viele andere auch in Bulgarien eine Heimstatt fanden. Während der letzten Jahre wandte sich Daltschew immer häufiger auch der deutschen Lyrik zu. Goethe, Hölderlin und von den Zeitgenossen Peter Huchel wurden von ihm in repräsentativen Auswahlen vorgestellt. Besonders hervorgehoben zu werden verdient der Essay, mit dem er seinen Hölderlinband einleitete und worin er die erst unserer Zeit in ihrer vollen Größe sichtbar gewordene Gestalt dieses deutschen Dichters mit erstaunlicher Einfühlungsgabe umreißt. Schließlich seien noch zwei bedeutende dichterische Unternehmungen genannt, die Daltschew gemeinsam mit seinem Freund Alexander Muratow ins Leben rief. Es handelt sich um die große Anthologie Lateinamerikanische Poesie (1968) und die unter dem durch den Titel angedeuteten thematischen Aspekt stehende umfangreiche Gedichtsammlung Das Meer wird immer sein (1972), die beide durch die künstlerische Sicherheit ihrer Auswahl überzeugen.
„Die Übersetzung eines dichterischen Werkes“, so heißt es bei Daltschew, „erinnert mich an ein Fenster, in dem die Bilder von der Straße sich mit der Spiegelung der Gegenstände im Zimmer vermengen. Sie ist ebensosehr ein Werk des Autors wie des Übersetzers.“ Das gilt auch für die Nachdichtungen von Adolf Endler und Uwe Grüning. Ihr Versuch, die poetische Substanz, soweit sie sich von Daltschews bulgarischen Sprachgebilden ablösen läßt, zu deutschen Gedichten umzuformen, ist geeignet, eine Vorstellung von der Eigenart dieses Dichters zu vermitteln.

Norbert Randow, Nachwort

 

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Bei Norbert Randow zu Besuch.

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