August Stramm: Poet’s Corner 7

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von August Stramm: Poet’s Corner 7

Stramm-Poet’s Corner 7

FREUDENHAUS

Lichte dirnen aus den Fenstern
Die Seuche
Spreitet an der Tür
Und bietet Weiberstöhnen aus !
Frauenseelen schämen grelle Lache !
Mutterschöße gähnen Kindestod !
Ungeborenes
Geistet
Dünstelnd
Durch die Räume !
Scheu
Im Winkel
Schamzerpört
Verkriecht sich
Das Geschlecht !

 

 

 

Stempelwahn und Urextase

Mit vernichtender Gewalt war es über ihn gekommen, wie ein Sturm über den blühenden Garten seines bürgerlichen Lebens, eine Wetterwolke, die auch unser Kinderland verdunkelte. Wie hatten wir die Spaziergänge mit ihm geliebt, diese kameradschaftlich durchtollten und durchsungenen! Jetzt wurden sie nachgerade unerfreulich… Nein, über Papa war das Dichten plötzlich gekommen wie eine Krankheit, etwa im Jahr 1912. Und es kam nur etwas dabei heraus, über das die Leute den Kopf schüttelten, das keiner von dem Herrn Doktor erwartet hatte. (Inge Stramm)

1
Stramms Leben erscheint einem wie die reale Kopie von Stevensons Doktor Jekyll und Mister Hyde. Tagsüber die trockene, fast biedere Existenz eines höheren Postbeamten und Leutnantsanwärters und nachts die sich selbst zerfressende, ewig verzweifelte Kreatur eines Wortalchimisten, der Silben, alte Worthülsen neu mischt, um eben dieser Normalität des Alltags und der Gewohnheit zu entgehen. Trotzdem bestehen diese Existenzen ganz gleichberechtigt nebeneinander, Stramm liebt die Tage, in denen er stur an seiner Karriere arbeitet genauso wie die Nächte, in denen er dem Urwort hinterher hetzt. Andere große Schreiber haben ihren bürgerlichen Beruf immer als Last empfunden, ihn, wenn sie es sich leisten konnten, bald aufgegeben. Stramm nicht. In den Fachaufsätzen „Faustpaket und Briefverkehr“ und „Deutsche Titel“, die mit komischer Akribie die Einführung des Päckchens in den deutschen Postverkehr und die Verdeutschung der Amtsbezeichnungen beschreiben, ist Stramm der trockenste und pingeligste Schreiber deutscher Büroprosa. Durch Stramm geht deshalb nicht die so oft beschriebene Kluft zwischen Realem und Irrealem, sondern ein durchaus gut zu lebender Riß, den vorschnelle Seelenklempner sofort als Schizophrenie diagnostizieren würden. Das genau ist falsch. Stramms Biographie kennt keine Rückschläge, Niederlagen, Sprünge und Umwege, sondern sie ist eine ideale Gerade, in seiner Karriere als Beamter wie als Soldat. Sie kennt nur einen scheinbar tragischen Punkt, seinen Tod. Und auch der ist folgerichtig. Wie als hätte er ihn gesucht, lehnt er das Angebot Herwarth Waldens, ihn vom Kriegsdienst befreien zu lassen, strikt ab und fällt nach siebzig Gefechten innerhalb von dreizehn Monaten als letzter seiner Einheit in den Rokitnosümpfen in Belorußland.

2
Eins der Gesetze der Thermodynamik besagt ungefähr, jeder lebende Organismus strebt zu seiner Auflösung hin. Wie die Sonne in jeder Sekunde Unmengen von Energie wegschleudert und irgendwann nichts mehr von ihr existieren wird, gibt der Mensch ständig seine Wärme ab, ob er will oder nicht, er strebt von Beginn an seiner Auflösung entgegen. Ein anderes Fremdwort dafür heißt Endropie. Eine Banalität, die schwer nachzuvollziehen ist, heißt es doch, Menschen arbeiteten dem Tod entgegen.
Bei Stramm ist die Auflösung der Körper in seinen Gedichten ständig zu spüren. Liebe ist nie Harmonie, sondern Kampf, sie ist keine Empfindung, sondern Suche und gleichzeitige Todes-sehnsucht. Diese Todessehnsucht tötet den konventionellen, auf gesellschaftliche Absprache gegründeten Wortgebrauch, und suchtfindet aus sich das Urwort, die Ursilbe, den Urschrei, (nicht zu unrecht meinen manche: Stramm sei der Vater der Dadaisten).
Die Sexualität im Tod und der Tod in der Sexualität, Krieg und Koitus, wie sie später bei Georges Bataille gefunden werden, haben auch in Stramms Gedichten ihren Ausdruck gesucht.
Ernst Cassirer schreibt im Sturm:

Die Sprache scheint gerade, wenn wir sie zu ihren frühesten Anfängen zurückzuverfolgen suchen, nicht lediglich repräsentatives Zeichen der Vorstellung, sondern emotionales Zeichen des Affekts und des sinnlichen Triebs zu sein.

In diesen Affekt- und Triebszeichen, Zeichen, die keine Empfindungen mehr  b e s c h r e i b e n, sondern Schmerz, Erfüllung in Lauten, die in neuen Wortfindungen wohnen, auch malen, erschöpft sich die leidige Diskussion um das Primat von Form und Inhalt. Darin besteht das späte Genie August Stramms. Merkwürdigerweise gaben die Nazis, nachdem sie Stramms Schriften zuerst verboten hatten, sein Werk „wegen Unverständlichkeit“ wieder frei. Welch einen Irrtum haben seit jeher Inhaltsideologen jeder Weltanschauung begangen, wenn sie meinten, sie könnten vermeintliche Unverständlichkeit deklarieren oder Formalismus verurteilen, ganze Werke „dieser Art“ dem Vergessen freigeben. Stramm ist nur einer dieser vergessenen Dichter. Vielleicht kann diese kleine Ausgabe ein Beitrag sein, ihn aus diesem Sog zu befreien.

Peter Brasch, Juli 1991, Nachwort

 

 

STRAMMS NACHT

Nacht Die Gall Trapst Durch Karlshorst Der Mond Scheint In
Die Ställe Blutig Schnarcht Mein Pferd DER RITT Durch
Mein Postamt: Scharf Gespitzter Bleistift Stiebt Wie
Trockner Schwanz.
Mein Herz Gefüllt Mit Blutlehr Kujonieren Silben Laute Wör
Ter Das Kopflastauto Fährt In Meinen Neuen Kriech ER-
FÜLLUNG
FÜLLEN NEUGRANATEN SINGEN Im Koitus Von Wör-
Tern Wörter Wertern: Weitern.
Der Rote Horizont In Belorußland Schlachten Schlachten
Treib Im Tod.
Endlich Blaßt Die Rote Erde Mich Dann Ins Vergessen

Peter Brasch, Juli 1991

 

Poet’s Corner in jede Manteltasche! Michael Krüger: Gegen die Muskelprotze

Hans Joachim Funke: Poeten zwischen Tradition und Moderne. Eine neue Lyrikreihe aus der Unabhängigen Verlagsbuchhandlung Ackerstraße.

 

Fakten und Vermutungen zum Autor
Fakten und Vermutungen zum Herausgeber + Archiv

 

Peter Brasch – Stadtschreiber in Rheinsberg 1998.

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