Aurélie Maurin & Thomas Wohlfahrt (Hrsg.): VERSschmuggel – réVERSible

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Aurélie Maurin & Thomas Wohlfahrt (Hrsg.): VERSschmuggel – réVERSible

Maurin & Wohlfahrt (Hrsg.)-VERSschmuggel – réVERSible

DIE OORTSCHE WOLKE 

Im Morgengrauen hörst du deine Knochen nicht
aaaaamehr zerknacken.

Bloß Ejakulationen von gestern laufen
aaaaaaaaaaaus deinem Körper heraus.
Geradeso wie Unterschriften:
aaaaasie vibrieren wie seismografische Nadeln
aaaaain einer Art verlängerten Akupunktur-
aaaaaaaaaaeiner Voodooséance.

Ejakulationen, die den porösen Platinbarren,
aaaaaaaadeinen alten Knochen, entweichen,
aaaaaund scheiden – im Unterbewusstsein deines Stammes –
aaaaaaaawie die Geschlechter
aaaaaaaaHimmel und Erde.
Die den Brustkorb durchstoßen,
aaaaadie Namen geben, den Schädel durchbohren,
die leben, die tanzen wie Flämmlein in der Luft,
aaaaalänger als Sauerstoff rings um sie her.

Genagelt hinein. Beschnitten dein Fleisch.

Ein unsichtbarer Faden zieht sich bis zum Ursprung,
aaaaader kläfft von fern, vom anderen Fleisch,
aaaaaaaaaaeiner anderen Straße.

Du siehst sie von deinem Körper sich lösen
aaaaaaaaentlang des narkotischen Sprungs
in Stücke zerfallen, irgendwo außerhalb dir.

Sie explodieren. Verkleben dich.

Linda Maria Baros
Übersetzung Ulrike Almut Sandig 

 

ich werde vom Flirren der Bäume im Licht nichts
sagen, auch nicht von den Bäumen an sich.

kein Wort von der Buche im Hinterhof der Ärztin
deren Tochter im Schlafzimmer stirbt, kein Wort

vom Blauglockenbaum im eigenen Hof, unter dem
ich und du bis spät in der Nacht sitzen und so tun

als sei die Tochter der Ärztin nur in den Gedichten
die ich aufschreibe, echt. ich werde vom Flirren

der Bäume im Licht nur die Kronen preisgeben
die Kronen der Bäume im kreiselnden Wind und

die Nadeln, die immer grün sind, daran. ich werde
so tun, als sei nur das hitzige, flimmernde Licht

eingestickt in die Kronen der Fichten, ganz echt.
aber nicht ihre eng stehenden Stämme darunter, nie
schmale Schatten, der Wald, die Bäume an sich.

Ulrike Almut Sandig

 

 

 

Stimmen von Beteiligten

Gleich bei unserem ersten Treffen hat mich Linda Maria Baros aufgefordert, ihre Gedichte so originalgetreu wie nur möglich, bis in grammatische Details hinein, ins Deutsche zu übertragen. Und ich habe es ihr versprochen. Heraus gekommen sind Übersetzungen im Tonfall von Linda Maria Baros, jedenfalls hoffe ich das. Vielleicht zeigen sie nicht nur, dass Poesie alles andere als blöd ist, denn das stand immerhin auf einer Postkarte an der Tür des Zimmers, in dem wir uns drei Tage lang trafen. Auch gegen die verbreitete Ansicht, man könne Gedichte gar nicht übersetzen, sondern immer nur nachdichten, erheben sie in aller Bescheidenheit Einspruch.
Und nicht zuletzt danke ich Myriam Ochoa-Suel für ihre Geduld mit den bockigen Dichterinnen. Ohne ihre sanften Vermittlungen würde es diese Gedichte nicht geben, soviel steht fest.

Ulrike Almut Sandig

 

Listiges Wild

Gedichte sind wie listiges Wild. Sie haben immer dasselbe Knochengerüst, zieht man ihnen jedoch das Fell ab, hält man jedes Mal eine neue Hülle in der Hand. Eine Sprachhülle, versteht sich. Das Hautgewebe aufzuschlitzen, es zu erfassen und in einen Sprachstrom zu integrieren, ist keine einfache Angelegenheit. Und doch ist genau dies die Aufgabe jeder Übersetzung, will sie die Takelage der Sprache entwirren und Verrat ausschließen. Die Knoten einer Sprache zu lösen, die man nicht kennt, erweist sich allerdings als besonders schwierig. Die Übersetzungswerkstatt VERSschmuggel begegnet dieser Herausforderung mit kollektiven Übersetzungen: Sie entstehen in enger Zusammenarbeit zwischen einem deutschsprachigen und einem französischsprachigen Autor und unter Mithilfe eines Fährmanns, der das Passieren der Sprachgrenze in die eine oder andere Richtung ermöglicht. Dieses wohl einzigartige literarische Abenteuer zeigt, dass jede sprachliche Schwierigkeit überwindbar ist, solange man nur über das einzelne Wort hinausblickt und das poetische Gerüst des Textes klar vor Augen hat. Sich furchtlos Hals über Kopf in ein fremdes Sprachuniversum zu stürzen bedeutet dann, die unendlichen Möglichkeiten der Übersetzung auszuloten und die Poesie in ihrer ganzen strukturellen und imaginären Komplexität zu erfassen. Oder anders gesagt: Man zähmt das Wild, bevor man ihm das Fell abzieht und ihm eine neue, poetische Hülle überstreift.

Linda Maria Baros

 

VERSschmuggel 

VERSschmuggel ist ein Verfahren zum Übersetzen von Dichtung. Es redet nicht etwa kriminellen Energien das Wort oder feiert das Plagiat. Ganz im Gegenteil, VERSschmuggel verweist auf die oft ungewöhnlichen, auch klandestinen, dabei aber immer phantasievollen Energien, derer es bedarf, um beim Übertragen von Dichtung in eine andere Sprache wieder ein sprachliches Kunstwerk entstehen zu lassen: ein Gedicht.
Von alters her gilt Dichtkunst als nicht übersetzbar. Von alters her ist sie jedoch glücklicherweise immer wieder übersetzt worden. Wie sonst hätten wir Kunde von dem, was in anderen Sprachen und Kulturen entstanden ist? Was setzt eigentlich über, wenn Dichtung übersetzt wird? Ist es das formale Konstrukt, etwa sein Versschema? Ist es das, was ein Gedicht im kognitiven Sinne bedeuten will? Wird der Rhythmus eines Gedichts transportiert, oder sein Klingen, oder eher seine Bilderwelt?
Das Zusammenspiel all dieser Elemente macht ein Gedicht erst zum Gedicht. Hinzu kommt die grammatische Verfasstheit einer Sprache, die am Entstehen eines Gedichts genauso mitarbeitet wie intertextuelle oder literatur- und kulturgeschichtliche Referenzen. All das steht beim Übersetzen zum Über-setzen an. Am Ende ist in der anderen Sprache dann wieder ein gutes Gedicht entstanden, wenn es in ihrer sprachlichen Systematik und mit ihren Mitteln wieder als ein Besonderes erstrahlt und wahrgenommen wird. VERSschmuggel ist ein Übersetzungsverfahren, das in der Literaturwerkstatt Berlin entwickelt und mehrfach erprobt wurde. Es verschränkt die Technik literarischen Übersetzens mit der sprachgestalterischen Kraft, die zum Zuge kommt, wenn Dichter sich gegenseitig übertragen. VERSschmuggel greift teilweise auf eine Methode zurück, die in der DDR Anwendung fand. Hier sprach man, wurde Dichtung übertragen, von einer Nachdichtung. Und die entstand so: Der Verlag, der einen Band mit Gedichten aus einer anderen Sprache herausbringen wollte, beauftragte meist ein Übersetzerbüro, zunächst eine Interlinear- oder Rohübersetzung anzufertigen. In einem zweiten Schritt wurde ein Dichter beauftragt, mit Hilfe dieser Rohübersetzungen eine Nachdichtung anzufertigen, in der Regel ohne im Kontakt mit dem zu übersetzenden Dichter zu stehen. Wohl aber hatte der übertragende Dichter den Originaltext zur Verfügung und somit die Grafik des Gedichts. Dessen Klang- und Rhythmuslinien waren zu erahnen, wenn die fremde Sprache laut gesprochen wurde und der Vers darüber seine Strukturiertheit zu erkennen gab.
Diese Methodik und die des literarischen Übersetzens von Dichtung kritisierten sich gegenseitig etwa in dem Punkt, dass das von einem Dichter in die andere Sprache übertragene Gedicht womöglich weit weg vom Original und eben (bloß) nach-gedichtet sei, während umgekehrt so manche literarische Übersetzung, die zwar dichter am Original bleibt, die Seele, also die Empathie einer Dichtung vermissen ließe.
VERSschmuggel verbindet beide Methoden miteinander.
In einem ersten Schritt werden Interlinearübersetzungen der Gedichte angefertigt, die den Sinn des Gedichtes Wort für Wort wiedergeben. Auf Besonderheiten des Rhythmus, des Klangs, auf Sinnverschiebungen und Doppeldeutigkeiten weist der Interlinearübersetzer in einem oft umfangreichen Fußnotenapparat eigens hin.
Die Interlinearübersetzungen bereiten das Feld vor, auf dem die Dichter sich bewegen, sie sind „die Landkarte in der Hand der Dichter“, wie Pascal Poyet es ausdrückt.
Zwischen den Dichtern arbeitet ein Sprachmittler, der dafür sorgt, dass die Geschichten, die hinter den Wörtern und Versen liegen, gegenseitig erzählt werden. Das sind oft höchst private, ja intime Bekanntmachungen! Der Sprachmittler ist beim VERSschmuggeln ein Medium und somit der Dritte im Bunde; die Sechshändigkeit des Prozesses macht die Opulenz der so übertragenen Texte aus.
Der übersetzende Dichter erhält größte gedankliche und ästhetische Freiheit bei der Neufassung des anderen Gedichts in seiner Sprache, weil die Lösungen, die er seinem dichtenden Kollegen vorschlägt, solange verworfen werden können, bis sie von jenem autorisiert sind. Denn eines ist klar: Will man ein Gedicht in all seiner inneren gehaltlichen und ästhetischen Verschränkung gut übertragen, muss man mitunter radikal neu erfinden!
Sechs junge Dichter aus Frankreich und sechs aus Deutschland, die im eigenen Land bekannt, im anderen weitgehend unbekannt sind, trafen im Rahmen des poesiefestival berlin 2011 aufeinander, um sich nach der Methodik des VERSschmuggelns gegenseitig zu übersetzen. Sie arbeiteten an der poetischen Neufassung ihrer Gedichte in der jeweils anderen Sprache, ohne die Sprache des anderen zu beherrschen.
VERSschmuggel ist ein poetischer Dialog und ein Dialog der Poetiken: Es gilt, das poetische Bauprinzip eines Gedichtes zu erfassen und die fremde Poetik „sprechen“ zu lernen. Die Dichter lasen sich die Texte gegenseitig vor, nahmen sie Wort für Wort, Bild für Bild auseinander, fragten nach kulturellen Konnotationen und stilistischen Zusammenhängen sowie nach individuellen Kompositionsverfahren und deren Verortung innerhalb der poetischen Traditionen des jeweiligen Landes. „Abbauen, abbauen, alle Schichten des Wortes, um die Frage nach den kleinsten gemeinsamen Bestandteilen stellen zu können“, beschreibt die deutsche Dichterin Judith Zander ihr verwendetes Arbeitsverfahren. Uljana Wolf beschreibt den Übersetzungsprozess so: „Entwirren, um neu zu verwirren“. Das Gedicht wird in der anderen Sprache nach demselben Bauplan wie der Ausgangstext aufgebaut, mit einer Verknüpfung von Rhythmus, Klang und Sinn, aber mit entsprechend anderen sprachspezifischen Gestaltungselementen.
Jeder Übersetzung liegt somit eine ganz eigene Architektur zugrunde. Die vorliegende Anthologie präsentiert nicht nur zwölf junge Dichter aus unterschiedlichsten poetischen Richtungen, sie führt uns auch ein breites Spektrum an Übersetzungsästhetiken vor Augen: von der wortgetreuen Wiedergabe der Gedichte Linda Maria Barros, die auf Wunsch der Autorin von Ulrike Almut Sandig so nah wie möglich am Original erstellt wurden, bis hin zur visuellen Übertragung eines Gedichtes von Pascal Poyet durch Uljana Wolf, in der das Aussehen der französischen Wörter zum Ausgangspunkt für visuell ähnlich aussehende deutsche Wörter wird.
Dichter haben ihre eigene Wortakrobatik in die neuen Schöpfungen eingeflochten, ohne dabei den Gestus des ursprünglichen Gedichts aufzugeben. Arno Calleja und Christian Filips sind am weitesten gegangen, sie übernahmen das verspielte Kompositionsprinzip des anderen und spannen es weiter. So lässt Christian Filips in „(para-calleja, o.T.)“ die Frau aus Callejas Gedicht französisch sprechen, überhaupt schwingt das Französische im ganzen Gedicht mit. Er hat im wahrsten Sinne eine Sprache in eine andere Sprache „über(ge)setzt“, das Französische umdisponiert, neu geformt nach der Matrix des Deutschen.
Ganz anders wiederum, wenn die fließenden „Legato-Texte“ von Marion Poschmann in die abgehackte „Stakkato-Metrik“ von Edith Azam gegossen werden und somit einen ganz neuen Atem bekommen: Handelt es sich dann noch um eine Übersetzung des Textes von Marion Poschmann oder schon um einen neuen Text von Edith Azam? Was ist Original, was ist Übersetzung, wenn ein Dichter die eigenen Texte mitübersetzt? Wenn er dabei einen neuen Blick auf seine Texte wirft, sie manchmal fort-, ja sogar umschreibt? Oder wenn in der Lesung von Dorothee Volut und Judith Zander aus dem Wortwechsel eine Verwechslung wurde, ein Hin und Her der Stimmen, in dem die Zuhörer bald nicht mehr wussten, auf welcher Seite des Rheins sie sich befanden?
Die meisten der in diesem Band versammelten Dichter haben die Grenzen zwischen poetischer Praxis und Übersetzungspraxis ohnehin aufgehoben, weil sie auch als Lyrikübersetzer arbeiten und diese Arbeit als eine Fortschreibung ihrer eigenen Poetik verstehen. So übersetzte Christian Filips die „Friulanischen Gedichte“ von Pier Paolo Pasolini in ein „vorzeitbelebendes“ lutherdeutsches Idiom, Judith Zander arbeitet an einer Neuübersetzung der Gedichte von Sylvia Plath, Linda Maria Barros ist eine bedeutende Übersetzerin der französischen Dichtung in ihre rumänische Muttersprache, Pascal Poyet und Uljana Wolf sind ausgewiesene Übersetzer zeitgenössischer amerikanischer Lyrik und setzen sich auch in ihren Gedichten mit der (Un-)Übersetzbarkeit von Sprache(n) auseinander.
Wir wünschen dieser in vielerlei Hinsicht einmaligen Anthologie viele Leser und Hörer, und den beteiligten Dichterinnen und Dichtern die Fortsetzung ihres poetischen Dialogs! 

Aurelie Maurin / Thomas Wohlfahrt, August 2012, Vorwort

 

 

In diesem VERSschmuggel-Band

sind die Ergebnisse einzigartiger Begegnungen versammelt, die während des Poesiefestivals in Berlin 2011 stattfanden und je sechs der innovativsten Dichterinnen und Dichter aus Frankreich und Deutschland in einer produktive Atmosphäre des Übersetzens aufeinander treffen ließ. Paarweise übersetzte man sich gegenseitig, ohne die Sprache des anderen zu beherrschen. Allen standen vorab angefertigte Interlinearübersetzungen ihrer Gedichte zur Verfügung, Dolmetscher begleiteten den Prozess. Dieses aufwendige Verfahren ermöglichte es, Neufassungen der Gedichte in der jeweils anderen Sprache entstehen zu lassen, die von unverwechselbarer poetischer Kraft und Schönheit sind. Dem zweisprachigen Band sind 2 CDs beigelegt, die die Stimmen der Dichter wie in einem Konzert erklingen lassen.

Verlag Das Wunderhorn, Éditions La passe du vent, Klappentext, 2012

 

 

Aurélie Maurin und Rainer G. Schmidt: Übers Übersetzen von Gedichten

 

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