Àxel Sanjosé: Gelegentlich Krähen

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Àxel Sanjosé: Gelegentlich Krähen

Sanjosé-Gegenlicht Krähen

UNTERM STIEFMOND

Wir hatten ein Heim, doch das Heim war weit,
wir kannten den Weg, aber es gab davon zwei,
wir sahen die Dörfer (es war nur der Rauch),
wir luden zum Tanz, und die Tänzer waren taub,
wir schmiedeten Gold, übern Marktplatz kam Sand,
wir hielten uns Rinder, die fraßen Aas,
wir fanden Steine, sie ergaben keinen Kreis,
wir wussten die Farben, doch das Licht war zu schwach,
wir sprachen die Worte, doch die Dinge waren falsch,
wir hatten den Winter, und Winter war bald.

 

 

 

Lesen verzaubert. Hier ist der Beweis.

Ich musste 50 werden, um mich nach meiner Schulzeit zum ersten Mal wieder an die Lektüre von Lyrik zu wagen. Ohne große Erwartung, eigentlich vor allem, weil ich den Text-College-Studenten einen Vortrag über sprachliche Form halten wollte, über den so genannten „Zauberspruch-Effekt“. Ich hoffte auf ein paar passende Beispiele, die etwas neuer waren als Goethe. Dabei fiel mir Gelegentlich Krähen in die Hand.
Ich bin kein Experte für Lyrik, ich kann nur erzählen, was mit mir passierte. Hier waren Worte, die mit mir sprachen, die aus den Seiten heraussprangen und meine Seele berührten. Ich kann es nicht besser beschreiben. Es war so, wie es mir manchmal mit Bildern geht, die mich in einem Museum ansprechen, mich festhalten, mich zwingen, ihnen zuzuhören. Ich erkläre mir das so: In dem Gedicht oder in dem Bild steckt ein Stück der Seele des Künstlers. Und manche Menschen können das spüren, können die fremde Seele sprechen hören. Für mich liegt da irgendwo das Wesen der Kunst. Der Gedichtband von Axel Sanjosé gehört zu diesen Ausnahmeerscheinungen. Es mag der eigenwilligen Kraft der Sprache zugute gekommen sein, dass Axel Sanjosé ein halber Katalane ist und sich intensiv mit katalanischer Lyrik befasst hat. Aber das alleine erklärt nicht die Wirkung der Zeilen. Gelegentlich Krähen ist ein Muss für jeden Lyrik-Liebhaber, und es ist eine Einstiegsdroge für alle, die mit Lyrik nicht allzu viel am Hut haben, jedoch über die notwendigen Antennen für Zwischentöne verfügen.

Wolf Bruns, amazon.de, 4.9.2005

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Richard Dove: „Behandle das wie frischen Rosmarin“
literaturkritik.de, November 2014

Ralf Willms: Gedichte, Gewalt
poetenladen.de, 25.11.2007

Dirk Uwe Hansen: Behandle das wie frischen Rosmarin
signaturen-magazin.de

 

Sprachlandschaft mit Krähen

– Àxel Sanjosé, Übersetzer aus dem Katalanischen und Lyriker, erhält ein Stipendium des Freistaats. –

Wenn man einmal anfängt, die Vögel zu suchen, findet man sie überall. Es ist, als ob Àxel Sanjosé absichtlich Spuren legen wollte, denen folgen kann, wer will. Vogel für Vogel, Zeile für Zeile können seine Spurenleser kreisend mehr erfahren – über Dichter verschiedener Sprachen und Zeiten, Dichter, die Joan Maragall heißen mögen oder Günter Eich. Oder eben Àxel Sanjosé.
Die Krähen haben es dem Lyriker und Übersetzer unter allen Vögeln besonders angetan. Seinen ersten von bisher zwei Gedichtbänden hat er sogar Gelegentlich Krähen genannt. Ein Gedicht darin heißt „Landschaft ohne Krähen“, und das Tier kommt tatsächlich nur im Titel vor. Denn eigentlich, so erzählt Àxel Sanjosé, erlaube er sich keine Krähen mehr im Gedicht. Denn sie seien im Laufe der Literaturgeschichte derart populär geworden, ob im Barock, in der Romantik – „und ab dem Expressionismus spätestens hat die Krähe einen Boom“. Sanjosé weiß das so genau, weil er eine Sammlung von Krähengedichten sein eigen nennt, und wenn man ihn fragt, wer denn so alles Krähengedichte geschrieben habe, sagt er nur:

Oh, fast alle!

Günter Eich zum Beispiel, über den Sanjosé vor vielen Jahren seine Magisterarbeit schrieb. Die Krähe ist also lyrisch ziemlich durch, weshalb Sanjosé mit einem Lächeln sagt:

Ich bin zu spät.

Da er selbst keine Krähengedichte mehr schreiben will, übersetzt er eben welche, in denen Vögel vorkommen. Es kann kein Zufall sein, wenn er per Mail ein paar Übersetzungsproben schickt und man folgende Zeilen liest:

Wer am Fenster nicht hat stehen
brüderlich zwei Blumentöpfe,
und im Käfig einen Vogel
und ein sehr verliebtes Herz,
der weiß nicht, was Seligkeit –
und wird es auch niemals wissen.

Es sind dies Verse des katalanischen Dichters Joan Maragall, und Sanjosé hat für die Übersetzung dessen lyrischen Werks soeben ein Arbeitsstipendium des bayerischen Freistaats in Höhe von 6.000 Euro erhalten. An diesem Dienstag wird es im Rahmen eines Werkstattgesprächs im Literaturhaus überreicht; die Publikation des Bandes durch die Stiftung Lyrik Kabinett ist für kommendes Jahr geplant. Wer aber ist nun dieser Maragall, dessen Name selbst Romanisten kaum geläufig ist? Und wer genau ist nun eigentlich der Übersetzer und Dichter Sanjosé?
Die erste Frage ist schneller beantwortet als die zweite. Joan Maragall (1860–1911) ist ein Klassiker der katalanischen Moderne, von der man in Deutschland nicht viel weiß. Was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass die katalanische Literatursprache im Wettstreit mit der spanischen eine gewisse „Delle“ abbekam, wie Sanjosé sagt. Ab dem 16. Jahrhundert wurde sie zunehmend unsichtbar, von den allmächtigen Spaniern geradezu „verschluckt“. Im 19. Jahrhundert wurden die geschäftstüchtigen Katalanen – Maragalls Vater war Textilfabrikant – angesichts ihrer Wirtschaftsleistung wieder selbstbewusster (ein Prozess, der bis heute anhält) und besannen sich auch wieder auf die eigene Sprache. Der Sohn des Fabrikanten beschloss also, die Fabrik zu meiden und zu schreiben, in einem einfachen Alltags-Katalanisch, das sein Übersetzer schätzt:

Ich finde die Gedichte sehr frisch.

Seit acht, neun Jahren ist deren Übersetzung eines der Projekte von Àxel Sanjosé. So viele Jahre brauchte er unter anderem deshalb, weil er den Lebensunterhalt für sich und seine Familie nicht mit Lyrik verdient, sondern mit Werbung; er ist seit 20 Jahren in der Marken-Agentur KMS Team als Texter angestellt. Jahre brauchte es aber auch deshalb, weil Sanjosé sich einzelne Gedichte immer wieder vornimmt und sie verändert, bis sie stimmig wirken – und gut klingen. Denn das hat für ihn oberste Priorität:

Das Allerwichtigste ist, dass der Ton rüberkommt!

Selbstverständlich ist das nicht. Denn er führe da „einen kleinen Kreuzzug“, verrät Sanjosé ungewohnt grimmig lächelnd. Das Problem bei der Übersetzung von Lyrik aus romanischen Sprachen sei, dass die Gedichte oft gereimt seien und eine andere Metrik aufwiesen. Wolle man die im Deutschen nachahmen, dann „stolpert und holpert es“. Die meisten Übersetzer wählten daher ein hierzulande geläufiges Versmaß wie den Jambus und suchten dazu verzweifelt Reime – im Deutschen schwieriger als in romanischen Sprachen. Das Ergebnis sei „fürchterlich erzwungen und gedrechselt“, findet Sanjosé. Er selbst unterwirft sich dieser „Verdrechselungsmaschine“ nicht, sondern löst sich von der Reimerei. „Beim Lesen soll sich die Melodie einstellen“, sagt er:

Nicht von ungefähr hat man Lyrik ursprünglich gesungen.

Diese „Sprachmusik“, der sich der Reim unterordnen muss, dieses Gefühl für Rhythmus prägt auch seine eigene Lyrik, in der es im Übrigen viel um das Vanitas-Motiv geht, um die Endlichkeit und Vergeblichkeit allen Tuns – und die Unmöglichkeit des Fliegens:

Wenn du wenn du flögest
so als
so unendlich als
und lobtest
und rauschtest
so als wie
wie auf Adelers Fittichen
und es ist doch der Schatten
eines der Spatzen hier,
einer Krähe versehentlich,
wenn als wenn.

Wenn ihm nicht wie hier versehentlich doch einmal eine Krähe als „Jenseits-Botschafter“ ins Gedicht fliegt, interessiert sich Àxel Sanjosé aber auch für andere Dinge. Zum Beispiel für den Wirsing als lyrisches Gemüse, gewürdigt in einem schönen Gedicht, das er im Jahr 2003 im Satiremagazin Titanic veröffentlichte: „Soviel Wirsing auf der Welt, / soviel Vorstellung und Wille, / soviel Wahn, soviel Promille – / alles wegen Macht und Geld“, beginnt es und endet mit:

Soviel Wermut, Waldorf, Wiener,
Widder, Wagen, Kleinverdiener –
soviel Wirsing auf der Welt.

Soviel Wirsing war übrigens schon, bevor der heute wohl beliebteste Gemüse-Lyriker Jan Wagner berühmt wurde; Sanjosé nimmt denn auch für sich in Anspruch, den Begriff „Lebensmittellyrik“ erfunden zu haben. Was Wagner angeht, so verbinde sie beide ihr Anliegen, „in das Kleine, scheinbar Banale zu schauen und darin kosmische Strukturen zu entdecken“. Ein Vorläufer darin übrigens wieder: Krähen-Dichter Günter Eich, der übrigens auch statistisch signifikant über Dohlen, Häher und andere Rabenvögel geschrieben habe.
Es wäre nun aber wirklich verkehrt, Àxel Sanjosé allein auf das Vogelmotiv reduzieren zu wollen. Seine Offenheit für die unterschiedlichsten Themengebiete versteht man wohl am besten, wenn man zu seinen Anfängen zurückgeht: 1960 wurde er als Sohn einer deutschen Mutter und eines katalanischen Vaters in Barcelona geboren, wo er dreisprachig aufwuchs. Nach dem Abitur 1978 zog es ihn weg aus dem „tristen Gesamtbild“, das die von langer Diktatur geprägte spanische Gesellschaft bot. Er begann in München Germanistik zu studieren, verliebte sich nicht nur in die Stadt und blieb.
Verbunden blieb er auch der LMU; er promovierte ausgerechnet über den ostpreußischen Schriftsteller Ernst Wiechert und widmete fünf Jahre seines Berufslebens einem Forschungsprojekt über „Literatur der Reformationszeit in Ost- und Westpreußen“. Bis heute gibt er immer wieder Seminare, insbesondere zur Motivgeschichte: „Fliegende Metaphern – das Vogel-Motiv in der Lyrik“, nur so zum Beispiel. Oder:

Der Einfluss der deutschsprachigen Literatur auf den katalanischen Sprachraum.

Dieser Einfluss war offensichtlich beachtlich: „Die Germanophilie hat eine gewisse Tradition in Katalonien“, sagt Sanjosé, der Dichter Maragall etwa habe sogar Goethes Nausikaa-Fragment zum ganzen Drama ausgearbeitet. Und:

Es gibt wenige Gegenden auf der Welt, die so Wagner-affin sind wie Barcelona.

Und neben all solchen Seminaren und seiner Arbeit – man lasse jetzt einmal beiseite, dass Sanjosé auch Chefredakteur des Kulturmagazins Applaus war und Juror beim Lyrikpreis München ist – übersetzt er eben immer wieder; als einer von nur sehr wenigen Übersetzern aus dem Katalanischen, insbesondere der Lyrik. Soeben ist im Rimbaud-Verlag ein von ihm übertragener Band des katalanischen Lyrikers Màrius Torres erschienen, ein Spätsymbolist, „auch sehr melodiös“, sagt Sanjosé. Sucht man auf der Verlagswebseite nach den Gedichten, so liest man:

Das ist die Freude – ein Vogel sein und einen Himmel
durchkreuzen, wo der Sturm leuchtenden Frieden hinterließ.

Man darf davon ausgehen, dass Àxel Sanjosé diese Zeilen wie im Fluge übersetzte.

Antje Weber, Süddeutsche Zeitung, 22.7.2019

 

 

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