Barbara Hahn zu Else Lasker-Schülers Gedicht „Ich liege am Wegrand“

Im Kern

– Zu Else Lasker-Schülers Gedicht „Ich liege am Wegrand“. –

 

 

 

 

ELSE LASKER-SCHÜLER

Ich liege am Wegrand

Ich liege wo am Wegrand übermattet –
Und über mir die finstere kalte Nacht –
Und zähl schon zu den Toten längst bestattet.

Wo soll ich auch noch hin – von Grauen überschattet –
Die ich vom Monde euch mit Liedern still bedacht
Und weite Himmel blauvertausendfacht.

Die heilige Liebe, die ihr blind zertratet,
Ist Gottes Ebenbild….!
Fahrlässig umgebracht.

Darum auch lebten du und ich in einem Schacht!
Und – doch im Paradiese trunken blumumblattet.

 

Wo soll ich noch hin?

Vier Pünktchen nach dem einzigen Vers, der im Gedicht keinen Reim findet. In der Handschrift sind es sogar acht. Pünktchen, die ein Warten, ein Atemholen vorschlagen und Aufmerksamkeit. Bevor der nächste Vers wieder in das Reimschema des Gedichts taucht, ein Ausrufezeichen. Ein Vers, mehrfach hervorgehoben.
1943 erschien im palästinensischen Exil Else Lasker-Schülers letzter Gedichtband Mein blaues Klavier. Auf dem Titelblatt eine Zeichnung der Autorin und die Widmung: „Abschied von den Freunden“. An diese Freunde wendet sich das erste Gedicht der Sammlung, doch am Ende steht ein Prosatext, der ganz anders adressiert ist: „An mich“. Das Gedicht vom Wegrand steht an dreizehnter Stelle. Ein Gedicht, das wie viele in dieser Sammlung vorher schon einmal erschienen war, 1935 im Israelitischen Wochenblatt für die Schweiz. Da war es erheblich länger: fünf Strophen von jeweils drei Versen. Beim Überarbeiten fielen fünf Verse weg; einer wurde in zwei gebrochen, der Vers, der mit den Pünktchen endet. „Gottes Ebenbild“ – die Arbeit der Verdichtung rückt diese beiden Wörter ins Zentrum des Gedichts.
„So schuf Gott den Menschen in seinem Bilde, / im Bilde Gottes schuf er ihn, / männlich, weiblich schuf er sie“ übersetzten Martin Buber und Franz Rosenzweig aus der Schrift. Das Ebenbild im Gedicht ist nicht der Mensch, sondern die „heilige Liebe“. Eine Liebe, die von „euch“ umgebracht wurde – wie ein Mensch. Wer aber hat hier gemordet, in einem Buch, das den Freunden zum Abschied gewidmet wurde? Im Titel des Gedichts könnte ein Hinweis liegen. „Ich liege wo am Wegrand“. Wegrand. Ein Wort, das im Prosatext am Ende des Buches ein Echo findet:

Meine Freiheit soll mir niemand rauben, – sterb ich am Wegrand wo.

Schon einmal starb eine Frau am Wegrand und wurde dort begraben: Rahel, die die Geburt ihres Sohnes Benjamin nicht überlebte. Eine spätere Rahel hinterließ bei ihrem Tod ein Buch des Andenkens für ihre Freunde: Rahel Levin Varnhagen, die große Denkerin der Zeit der Romantik. Am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts die Möglichkeit des Andenkens – ein Jahrhundert später bleibt nur der Abschied.
„Abschied von den Freunden“. Von denen, die in „Städten Deutschlands“ blieben, und auch von denen, „die wie ich / vertrieben und nun zerstreut sind in der Welt“, schreibt die Dichterin am Beginn ihrer Sammlung. Im Abschied zerfallen die Freunde in einzelne, die als „ihr“ noch für etwas verantwortlich sind. Doch in der Gegenwart stellt sich kein „wir“ mehr ein. Auch mit dem Du des Gedichts kann das Ich, das da am Wegrand liegt, keine Gemeinsamkeit stiften.
Die „heilige Liebe“ wurde zertreten, umgebracht. Eine Liebe, in der Menschliches und Göttliches verwoben war. Lange schon ist der „liebe Gott“ gestorben, doch nun ist auch die Liebe dahin und damit jede Möglichkeit des Ansprechens, Verbindens. Von oben, vom Mond, aus dem weiten Himmel kamen zwar noch Lieder, doch auf der Erde waren ihnen keine Ohren geöffnet. Nun ist da nur noch Finsternis und Kälte.
Dann aber, im letzten Vers, das Paradies. Blumen, Blätter. Ein Ort für „ich“ und „du“? Eher nicht. Im Reimschema des Gedichts fügt sich der letzte Vers in die Reihe der Worte ein, die allesamt den längst vollzogenen Abschied des Ich von Freunden und Geliebten bezeichnen: übermattet, bestattet, überschattet, zertratet. Verben in Vergangenheitsformen. Am Ende dann ein Wort, das aus einem Substantiv gebildet wurde: umblattet. Wer oder was da umblattet, bleibt offen.
Ein dunkles Gedicht, wie die meisten im Blauen Klavier. Es steht an dreizehnter Stelle – in einer unglücklichen Position. Mit der Sieben und der Zwölf wird im Zyklus oft gespielt. Diese Zahlen lassen sich mit verschiedenen Traditionen verbinden. Doch vom „Wegrand“ laufen die Fäden fast nur zum Prosatext am Ende: „An mich“. In einer handschriftlichen Fassung sollte der Schlußsatz lauten:

Gute Nacht
dem Leser.

Die Druckfassung endet ohne diesen Gruß, der voraussetzt, daß noch jemand da ist, der hört. Das „spielende Ticktack“ des Herzens, das nun den Schluß setzt, braucht keinen Hörer. Es ist der Rhythmus des Gedichtes vom Wegrand.

Barbara Hahn, aus Marcel Reich-Ranicki (Hrsg).: Frankfurter Anthologie, Zweiunddreißigster Band. Gedichte und Interpretationen, Insel Verlag, 2008

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