Batsheva Dori-Carlier: Zwölf Gedichte aus „Rechenschaft“

Ein paar Gedanken

über die Lyrik von Batsheva Dori Carlier, anhand von zwölf von Beate Esther von Schwarze aus dem Hebräischen ins Deutsche übersetzten Gedichten aus dem Band „Rechenschaft“.

Jerusalem ist ein Name, der mehr als jede andere Ortsbezeichnung in unserer Welt zwei ebenso grundverschiedene wie unbedingt zusammengehörende Dinge bedeutet: die Idee einer himmlischen Stadt, die Erfüllung einer uralten Verheißung von einem friedlichen Zusammenfinden der Menschen, und gleichzeitig die chaotische Realität einer modernen Großstadt, die auf den historischen Fundamenten der jüdischen, der christlichen und der mohammedanischen Offenbarungsreligionen … ruht, hätte ich beinah gesagt, aber woher sollte die Ruhe kommen – es liegen so viele sich scheinbar gegenseitig ausschließende Ansprüche auf ihr, Ansprüche von sowohl begründeter als auch zum Teil in sich selber unergründlich widerspruchsvoller Art, und so steht und lebt die Stadt, deren Name einer sympathischen Etymologie zufolge „Stadt des Friedens“ bedeutet, unter Spannungen, von denen man sich außerhalb der judäo-arabischen Welt von heute wahrscheinlich zumeist keine richtigen Vorstellungen macht.

Die Gedichte von Batsheva Dori-Carlier gewähren einiges an richtigen, das heißt: authentischen Vorstellungen über das Leben im heutigen Jerusalem; dort wurde die Dichterin 1970 geboren, dort ist sie aufgewachsen, dorthin kehrte und kehrt sie nach Studien- und Arbeitsaufenthalten in Europa immer wieder zurück. Manche eröffnen sogleich einen autobiographischen Raum, andere bestehen aus nur wenigen, Haikus nicht unähnlichen Versen; die vier Jahreszeiten zum Beispiel werden so erfaßt, in jeweils einem kleinen Bild von treffender Anschaulichkeit. Doch die längeren Gedichte tragen sich mit den wesentlichen Widersprüchen der Stadt, tragen sie im Gestus des Involviertseins, im Tonfall hoher Selbstbewußtheit aus. Das Gedicht „Geburtsstadt“ zum Beispiel zeugt davon, es spricht von Jerusalem als gebärender und das Geborene wieder verschlingender bzw. immer wieder bergender Mutter; der Text schlägt auf seinen zweiundzwanzig Zeilen einen Bogen, der alles zu enthalten scheint, was über Herkunft und Zukunft zu sagen ist. Auch wenn die Stadt in „allen Sprachen“ schweigen und ihre alten Mauern brüchig sein sollten wie die Treue zur Tradition, auch wenn sie zwischenzeitlich noch so weit entfernt liegen sollte, so ist und bleibt sie der urbane und geistige Mittelpunkt des Lebens der Dichterin, die ihre letztlich bedingungslose Liebeserklärung mit einer freien Variation aus dem 137. Psalm abschließt – wo es in diesem so markerschütternd selbstbedrohlich heißt: „Vergesse ich dich, Jerusalem, so verdorre meine Rechte“, lautet das gelöste Echo Dori-Carliers: „wenn ich dich vergesse, / werden meine Füße deiner gedenken / Jerusalem.“ Räumliche Entfernungen gelten beim heutigen Stand des verkehrstechnischen Fortschritts nicht mehr allzu viel, aber: umso schöner der symbolische Ernst, der in der Schwur-Abwandlung liegt, es schwingt der alte Pilgergedanke darin mit, das physische Gehen als Form der Erinnerung an den Grund des Gehens.

Es sind überhaupt Gedichte voller ernster Schönheit, oft gleichnah der konfliktreichen Atmosphäre der israelisch/palästinensischen Gegenwart wie den alten Überlieferungen und den natürlichen Zeugnissen der Erde, den Erträgen des Bodens. „Der Krieg in meinem Kopf / tobt auch unter dem Olivenbaum …“. Es gibt kein Mittel gegen den Krieg, außer ihn zu lassen. Niemand will diesen Krieg, und dort, wo die Herzen verstockt sind, möchte es sein, daß bald noch die Bäume einspringen und an das eigentlich Einfachste und offenbar Schwerste von der Welt erinnern müssen: an die „goldene Regel“ von Hillel dem Alten, der „die ganze Thora“, während er selber oder der ihn danach Fragende (wie ein Baum) auf einem Bein stand, mit den Worten erklärte: „Das, was dir mißfällt, tue auch deinem Nächsten nicht an. Das ist das ganze Gesetz.“ Und so künden in den Bildern und Erklärungen dieses Gedichts – es heißt „In Neve Schalom, September 2014“ – die Bäume, die Weinstöcke und nächst diesen vor allem die Frauen davon, daß Israel, daß das ganze Land zu jedem Augenblick reif ist, reif sein möge, reif für die Ernte des Friedens.

Die Hoffnung, das sagen manche Gedichte von Batsheva Dori-Carlier mal mehr und mal minder indirekt, die Hoffnung ist weiblich, aber ebenso, und das verschweigen sie nicht, sind es dann auch die Ratlosigkeit und die Nähe zur Verzweiflung. Einem Gedicht mit dem Titel „Die Eiche singt“ mußte ich länger nachsinnen, weil es etwas ganz Unmögliches und dann doch verstörend Verständliches beschreibt: nämlich die Kreuzigung Christi aus der Sicht des Baums, aus dem das Kreuz gezimmert wurde. Die Überzeugung, daß ein Baum auch nur ein Mensch ist (ich würde dem nie widersprechen) klingt bereits in anderen Versen an, und in Jerusalem kann man an der Grabeskirche als dem Ort der vermuteten Kreuzabnahme vorbeigehen, sich also viel unmittelbarer als anderswo in die grausame Symbolik des Ursprungs der christlichen Religion hineinfühlen. In dem Gedicht führt der Versuch der Nachempfindung über die Ausmalung eines unglaublichen Holzfrevels (wie ich das der Einfachheit halber einmal bezeichnen möchte) ins Leere. Zurück bleibt nur die erstarrte Pose einer gefaßten Fassungslosigkeit, man weiß nicht mit Sicherheit, ist es die eines ehemaligen Baums oder die eines Menschen und künftigen Gottes, zu Tode geschunden wurden beide, und für das Martyrium des Nacherlebens zeichnet (Vorsicht, dies könnte Spuren von Literaturtheorie enthalten) ein lyrisches Ich.

Einer Einsicht von Jorge Luis Borges zufolge liegt in den Psalmen Davids ein Ursprung der modernen Poesie. Anspielungen auf Weisheiten und Poesie der Thora bzw. des Alten Testaments gibt es in Batsheva Dori-Carliers Gedichten immer wieder; so atmet die Überlieferung der Vorfahren darin, und deren Gewißheiten wirken wie überlebensgroße Begleiter des jederzeit in Alarmbereitschaft versetzbaren Wissens um den Zustand des Friedens zwischen Israel und Palästina, der kein Frieden ist, sondern eine verrückte Hoffnung, die sich mühselig von Waffenruhe zu Waffenruhe fortschleppt. Alles liegt irgendwo in Gottes Hand, aber: Gott hat keine anderen Hände außer den unseren. Also ist Frieden ein Handwerk, und jeder Akt der Poesie, wehrlos von Natur aus, entwaffnend gleichermaßen, kann vorwegnehmen, was noch nicht da ist, sogar das unmöglich Scheinende, die Freiheit vom Krieg. Batsheva Dori-Carlier schreibt nicht nur Gedichte (Gedichte sind ja prinzipiell, als nicht zweckgebundene Gebilde der Sprache, immer schon ihre eigene Musik), sondern sie singt auch Lieder, zum Beispiel Lieder von Umm Kulthum, der großen ägyptischen Sängerin des vorigen Jahrhunderts; daß jene, im arabischen Welt-Raum allbekannten Lieder, zur Familie gehören, wird in einem, mit „Sein und Zeit“ betitelten, Gedicht erwähnt, dort ist es ein Enkel ihres verstorbenen Vaters, der sie tongenau auswendig weiß, aber man kann eine schöne Probe dieser weiteren Kunst, Sangeskunst, Versöhnungskunst, Völkerverständigungskunst von ihr selber in einem Video auf Youtube hören und sehen.

Andreas Koziol, Anfang Juli 2017

 

Batsheva Dori-Carlier

wurde 1970 in Jerusalem geboren. Sie hat an der Hebräischen Universität in Jerusalem und der Freien Universität in Berlin deutsche Literatur und Philosophie studiert und Lyrikseminare des Helikon-Verlags und des Lyrik-Colleges Poetry Place absolviert. Sie leitet Workshops für kreatives Schreiben in Schulen und ist als Lyrikredakteurin tätig. Ihre Gedichte und Übersetzungen sind in Zeitungen und Zeitschriften erschienen. Das vorliegende Buch ist ihr erster Gedichtband, für den sie mit dem Helikon-Preis für literarische Debüts des Jahres 2015 ausgezeichnet wurde.

Die hebräischen Originalgedichte wurden ins Deutsche übersetzt von Beate Esther von Schwarze.

 

Mashup von Juliane Duda zu Batsheva Dori-Carlier: Zwölf Gedichte aus „Rechenschaft“

Dori-Carlier-Zwölf Gedichte aus „Rechenschaft“

GEBURTSSTADT

In dich hineingeboren, hast du mich verschlungen.
Ich gehe ein und aus in deinen Toren,
verlasse dich, doch du lässt mich nicht los.
Eckpfeiler meines Seins, ich nehm dich mit
In andre Städte, Tel Aviv, Berlin, Milano,
und kehre doch zu dir zurück –
zur alten Mutter, die mit einer Hand
die „Tore der Gnade“1öffnet,
und mit der anderen umklammert sie
die alten Steine von Scheich Jerach.2
Du bist mir Muttersprache, doch
was ist die Sprache deiner Mutter,
wenn du in allen Sprachen schweigst
mit steinernem Gebiss, das dir im Mund zerfällt.
Mein Vater und sein Vater sind in deinem Leib begraben,
in dir ist auch mein Sohn geboren
und auf dem Wege von Geburt zum Tod
lauf ich mir meine Sohlen ab im Strom der Zeit
in deinen Straßen, die wie Kosenamen klingen,
denn wenn ich dich vergesse,
werden meine Füße deiner gedenken,
Jerusalem.3

 

SEIN UND ZEIT

Vater, ich stehe da, wo du nicht stehen durftest.
Ich spreche Deutsch als Stief-Muttersprache und holpriges Arabisch,
das seit dem Tod der Großmutter immer mehr verschwimmt.
Bei meiner ersten Vorlesung über deutsche Literatur
in der Hebräischen Universität sagte Professor Nieraad lächelnd:
„Was hat dich Orientalin hierher verschlagen?“
Ich saß auf den Bänken der Freien Universität in Berlin
und an der Spree und weinte nicht, als ich Zions gedachte.4
Ich vergaß, woher ich kam, und wusste nur, wohin ich gehe:
so weit wie möglich fort von Babel. Unwissend, wie ich war,
zog ich Heideggers Schriften dem „Sein und Zeit“ der Heimat vor.
Ich liebte Cellosuiten von Bach, bevor ich einsah,
dass Farid el Atrashs Lieder kein „Gejaule“ sind.
Und als ich aus der Narkose Europas
und der Vergötterung der fremden Sprache erwachte,
warst du schon zehn Jahre tot und es war zu spät. Zu spät.
Deinen flämischen Schwiegersohn hast du nie gesehen
und auch nicht deinen blonden Enkel. Er ist nach dir benannt
und in seinen Augen liegt dein Blick wie eine Verheißung.
Er mag den Chamsin5 und verträgt die Kälte.
Wie ich spricht er fließend Europäisch, wie ich spielt er Geige.
Wie du, Vater, singt er Lieder von Umm Kulthum
von Anfang bis Ende ohne einen einzigen falschen Ton.

 

GEFALLENENGEDENKTAG 2007

Ich stehe auf dem Balkon
meinen Sohn in den Armen.
Das erste Sirenengeheul
seines Lebens.6

Der grüne Schnuller fällt ihm aus dem Mund,
er klammert sich an meine Brust,
sein Kopf dreht sich wie ein Radar,
sucht mit runden, schreckweiten Augen
die Quelle des Klagetons,
der den milchigen Morgen zerreißt.

Ich schnuppere an seinem seidigen Haar
und denke daran, wie der Mohel7 am Ende des Krieges
bekannt gab: „Sein Name in Israel sei: Idan Schalom!“8
und Blutströpfchen vom Messer abwischte.

 

DIE EICHE SINGT

Sie amputierten mir das Rückgrat und häuften meinen zerhackten Leib
im sengenden Sonnenlicht auf. Sie wählten einen langen Arm aus
und glätteten ihn zum Pfahl. Sie nahmen einen kurzen Arm,
legten ihn quer darüber und nagelten beide zusammen.
Sie rammten meine gekreuzten Arme in die vergilbende Erde
Sie nahmen grobe Stricke und banden die Handgelenke
eines bärtigen, mageren Mannes an das
was meine Handgelenke waren, und seine Füße banden sie auch.
Feiste Menschen umstanden den sterbenden Mann.
In den schmalen Lücken konnte mein Geist ihn sehen,
einen Kranz aus Wüstendornen auf dem Kopf
hing er schlaff in meinen toten Armen. Ich hörte sein Stöhnen,
die Hammerschläge, ich sah den Schweiß, das Blut
Nägel wurden durch meine Hände in seine Hände geschlagen.
Er schrie in einer fremden Sprache und schied von seinem Leib.
Meine Arme blieben leer, vom Geist verlassen,
weit ausgebreitet.

 

DIE PINIE VOR MEINEM FENSTER

Meine Pinie wachte gestern auf,
streckte die Beine
und zog in ein anderes Land
Sie wollte wohl gehen lernen.

 

FRÜHLING

Die Bäume
werfen grüne Ärmel ab
und zaubern Anemonen
aus dem Hut der Erde hervor.

 

SOMMER

Unter der Bräunungslampe des Solariums
wird das Gesicht der Erde trocken und rissig.
Feuchtigkeitscreme ballt sich in der Wolkentube.

 

HERBST

Äpfel in roten Helmen
fallen von den Bäumen.
Die Knöchel der Blätter brechen
auf einen Schlag.

 

WINTER

Aus dem Wolkentropf
sickert Regen
in die Adern der Erde.
Melonenkeimlinge treiben
In der Dunkelheit,
Mutterleib des Frühlings.

 

FRAGMENTE AN SAPPHO AUF DEM FLUG NACH LESBOS

Mit Worten wie Turbulenzen will ich beginnen.
Flug Nummer BC612 landet bald in Lesbos. Ich bin im Himmel.
Für manche ist Kreta, für andere Rhodos
die schönste griechische Insel. Für mich ist es Lesbos.
Kein Wunder: dort bist du geboren, antike Göttin der Dichtkunst.
In der Empfangshalle siehst du mich an
auf einem Plakat des Tourismusamtes:
Langes schwarzes Haar, barfuß, in der Hand
einen Zweig mit Apfelblüten. Stillleben: Frau mit Natur.
Wenn die Passkontrolle fragt, was ich hier mache,
sage ich weder „Urlaub“ noch „Arbeit“. Ich werde sagen:
„Stärkt mich mit Traubenkuchen, erquickt mich mit Äpfeln,
denn ich bin krank vor Liebe nach dir, Sappho.“9

 

IN NEVE SCHALOM10,  SEPTEMBER 201411

Unter dem Olivenbaum in Neve Schalom kann man nicht
Olivenbaum schreiben, ohne eine Taube zu töten, kann man nicht
Neve Schalom schreiben, ohne den Krieg zu erwähnen.
Man kann nicht sagen: Ich habe morgens auf dem Weg zur Meditation
Feigenkakteen gesehen, ohne mich an den Stacheln zu stechen,
die diese Worte über die Steinmauer senden,
ihre Mauer, unsere Mauer, wem gehört dieser Olivenbaum
und warum ist jedes Blatt bedeutungsschwanger
und bleibt mir in der Kehle stecken wie ein bitteres Wort
aus einem Krieg, den ich nicht angefangen habe
und nicht beenden werde. Der Krieg in meinem Kopf
tobt auch unter dem Olivenbaum und dem Zwitschern der Vögel
und den fallenden Oliven im September,
ein Plastikstuhl, dunkelgrün, die Wiese, die Palmen,
die hingebreiteten Hügel, das gedämpfte Brausen des Verkehrs
in der Ferne, der Spatz, der neben meinem Fuß verweilt,
das Staunen über die Töne des Schattens auf dem Rasen,
der um mich atmet in geduldigem Rhythmus wie immer,
das Gesetz der kommunizierenden Bäume,
still auf ihrem Stamm wie die Thora auf einem Bein12.
Freunde sitzen, in beschriebene Blätter wie in Flügel gehüllt,
das Summen der Gedanken in den Stiften,
das verborgene, entschlossene Wirken,
damit all das auch weiterhin bestehen bleibt.

Ich will noch etwas über die Schönheit sagen:
Schönheit sind neun Buchstaben, die ich schreibe.
Hier sitzt eine Frau unter dem Weinstock ihrer Worte
und unter dem Feigenbaum dieses Augenblicks13,  und im selben Moment
löst sich eine reife Dattel von der Palme und fällt zu Boden.

 

FRÜHSTÜCK

Eine kleine Sonne flammt unter der Milchstraße auf,
die in den Cornflakesteller der Welt gegossen wird:
Felsen, Bäume, Kristalle, Eisberge
werden mit kosmischen Glanz überspült,
ein Milchschnurrbart
über den Zuckerlippen des Planeten.

 

Fakten und Vermutungen zur Autorin

 

Batsheva Dori-Carlier singt im Juli 2011 in Jerusalem ein Lied von Umm Kulthum.

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