Begine Mechthild von Magdeburg: Je tiefer ich sinke, je süßer ich trinke

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Begine Mechthild von Magdeburg: Je tiefer ich sinke, je süßer ich trinke

Begine Mechthild von Magdeburg-Je tiefer ich sinke, je süßer ich trinke

I/XXXV. DIE WÜSTE HAT ZWÖLF DINGE

Das Nichts sollst du lieben,
Was ist, sollst du fliehen,
Alleine sollst du stehen,
und sollst zu niemandem gehn.
Du sollst schmerzensrege sein
und von allen Dingen frei,
die gefangen, sollst du entbinden,
die Freien in die Enge zwingen.
Du sollst die Kranken laben
und sollst doch selbst nichts haben.
Du sollst Pein als Wasser trinken,
das Feuer der Liebe mit dem Zunder der Tugend entzünden.
So wirst du in der wahren Wüste wohnen.

Deine Liebe gehöre dem Nichts,
Deine Flucht fliehe was ist,
alleine sei dein Stand.
Zu keinem führe dein Gang.
Keine Muße sollst du haben,
kein Ding Anteil an dir haben.
Die Unfreien sollst du entbinden
und die Freien niederringen.
Deine Labsal sei den Kranken,
Deiner Habsal kein Gedanke,
Marterwasser sollst du trinken,
Mit dem Holz der Tugend das Liebesfeuer entzünden.
So wohnst du in der wahren Wüstenei.

Erstens: Nichts lieben.
Zweitens: Was ist, fliehen.
Drittens: Alleine stehn.
Viertens: Zu keinem gehen.
Fünftens: Immer machen.
Sechstens: Ohne Sachen.
Siebtens: Fesseln lösen.
Achtens: Gelöste fesseln.
Neuntens: Kranke pflegen.
Zehntens: Von nichts leben.
Elftens: Strafwasser trinken.
Zwölftens: Mit der hölzernen Tugend die feurige Liebe anzünden.
So hast du in der wahren Wüste Wohnung genommen.
(So bist du in der wahren Wüste zu wohnen gekommen)

Monika Rinck

 

 

Die Beiträge in diesem Buch

entstanden anläßlich eines von mir geplanten Colloquiums im Mai 2009 im Literaturhaus Berlin. Sein Titel: „Das fließende Licht in neuem Sprachfluß“. Im Mittelpunkt stand die Begine Mechthild, genannt von Magdeburg (ca. 2108-1282), und ihr Buch Das fließende Licht der Gottheit. Ich wollte wissen, ob das Werk der mittelalterlichen Schriftstellerin, der ersten Frau, die in deutscher Sprache dichtete, bei heutigen Lesern noch ankommt – solchen, die weder ein wissenschaftliches noch ein religiöses Interesse mit der Autorin verbindet. Als Teilnehmer lud ich fünf Dichter ein, deren Werk ich schätze und von denen ich glaubte, daß Mechthilds Buch ihnen etwas zu sagen hätte: Franz Josef Czernin, Oswald Egger, Werner Fritsch, Barbara Köhler, Monika Rinck. In welcher Form die Genannten auf Mechthilds Texte eingehen wollten, blieb ihnen selbst überlassen. Die Übersetzung einzelner Passagen aus dem mittelhochdeutschen Original erschien mir schon deshalb als wünschenswert, weil von den vorliegenden Übersetzungen keine so recht befriedigt. Aber auch Paraphrasen, Nachdichtungen, Hommagen oder Essays waren willkommen. die so entstandenen Beiträge bilden ein vielfältiges Textensemble, in dem, in unterschiedlicher Gewichtung, die Auseinandersetzung mit dem Werk Mechthilds von Magdeburg und die künstlerische Eigenart der Beiträger zum Ausdruck kommen.

M. Rausch, Vorwort, Februar 2010

 

Mechthild von Magdeburg:

Je tiefer ich sinke, je süsser ich trinke. Im Mittelpunkt dieses Buches stehen die Begine Mechthild, genannt von Magdeburg (ca. 1208-1282), und ihr Buch Das fliessende Licht der Gottheit. Kommt das mystische Werk der ersten Frau, die in deutscher Sprache dichtete, bei heutigen Lesern noch an? Franz Josef Czernin findet „etwas, das ebenso fundamental wie schwierig zu akzeptieren ist und mir zudem kaum angemessen erklärlich erscheint: Das seltsame und manchmal beunruhigende Lesegefühl, dass das in Mechthilds Texten Gesagte wahr ist; dass es sich so verhält, wie es gesagt wird – als würde hier tatsächlich etwas erkannt und offenbart. – Mir wurde nach und nach klar, dass ich das Angesprochensein durch Mechthilds Dichtungen, dieses seltsame und beunruhigende Gefühl, an ihren Visionen teilzuhaben, durch meine Umdichtungen sozusagen auf die Probe stellen will. Ich fühlte mich gedrängt, in eigenen Gedichten Mechthilds Visionen nachzugehen, in Gedichten, die sowohl einige von Mechthilds Themen und Motiven als auch ihre Bildhaftigkeit aufnehmen, ihre Metaphorik – wenn es denn eine Metaphorik ist. Ich suchte ihre Visionen, mein, nach Benjamin, telepathisches Anteilnehmen oder Teilhaben an ihnen, in eigenen Gedichten als wirksam und wirklich wiederzufinden.“ – „Das ist mein Leben“, sagt Oswald Egger, „ich glaube, es ist jetzt wirklich eins und eins, ich weiss, d.h. und ich weiss, dass das sein kann: eins und eins und uneins zu sein (diese drei); wie die zu zweit im Sinne von unzuzweit (zweien) einander verbeichten oder verbüssen, unvordenklich, wer so will, das war mein Antlitz und Gesicht, ein Integral von Möglichem, Notwendigem und Wirklichen (noch und noch) erwartet zu haben, wo das blosse Leben genügt, das mich führt (und so vereinzelt hat) mit viel Spiel zwischen den Zielen.“ – Werner Fritsch: „Ich bin der Schmerz / Das Nichts zu lieben / Ich bin die Lust / Das Etwas zu fliehen / Ich muss für mich sein / Um unermüdlich tätig zu sein / Und doch von allen Dingen frei / Muss Wasser der Pein trinken / Um das Feuer der Liebe / Mit dem fliessenden Licht / Der Gottheit die da brennt / Und doch nicht verbrennt / Zu entzünden im Meer / Zu löschen in der Wüste“ – Barbara Köhler: „Die stimme also, dieses stimmen von stimmen, in dem eine wahrheit des gewahrten als gewährtes verbürgt erscheint; da ist eine erkämpfte müdigkeit – hast du alle deine ärgsten gegner niedergeschlagen, bist du müde genug um’s zu sagen – eine erschöpfung, die die intention ausser kraft setzt und so den ton trifft – den ton, der trifft, der die resonanz hervorruft, die schwingung mitteilt, bewegungen in verwandten wellenlängen, stimmig, gestimmt. Unwillkürlich erwidernd, anders als je gewollt, eine beidseitige aufgabe jenes eingefleischten eigenwillens, der tod der intention. Eine wahrheit der relation.“ – Und Monika Rinck: „Ei, guckemo, wie froh das iss, / Ei, grüss ich dich, wie lieb das iss, / Ei, ich halse dich, ich liebe dich! / Herr, dei Wunder hat mir Weh gemacht, / Dei Gnad, die hat mich plattgemacht. / Du bische hoher Fels mit Höhlcha und mit Halle, / wodrinne keena nischte kann alswi Taube, Nachtigalle!“ – Der Band enthält Anverwandlungen, Nachdichtungen und Essays von Czernin, Egger, Fritsch, Köhler und Rinck zu Mechthild und ihrem Werk, herausgegeben von Mechthild Rausch.

roughbooks, Ankündigung, 2010

Im roughblog können sie weitere aktuelle Informationen zu dem Buch erfahren.

 

Fakten und Vermutungen zur Autorin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.