Benedikt Dyrlich: Grüne Küsse

Dyrlich-Grüne Küsse

ENTZAUBERUNG

Als Schnee fiel
um sieben Ecken rutschte ich
klappernd mit Zähnen
zwischen Häusern niemand winkte

Durch Fenster oder Türen
stieg ich hintenherum
wie der Dieb in ein Quartier:

Im großen Spiegel lagst du
ausgehungert aber zum Fressen schön…
wie ich über dich ging in Scherben
Das magische Bild

 

 

 

 

Das Ungenügen an der Idylle

Meistens kennt der Leser die Bewertung eines Buches, noch ehe er dessen erste Seite gelesen hat. Literatur gelangt fast immer gewertet an uns. Urteile gehen der überlieferten wie der zeitgenössischen Literatur voraus. Der Leser hält sich an sie, selbst wenn er sie sich in der anschließenden Lektüre nicht zu eigen macht. Eine Ausnahme stellt die jeweils junge Literatur dar, neue Namen, Formen und Schreibweisen. Darum weichen Aussagen über junge Literatur häufig extrem voneinander ab. Die Maßstäbe, die an sie herangetragen werden, sind manchmal willkürlich, von Normen abgeleitet, die die Autoren selbst kaum anerkennen würden. In den öffentlichen Diskussionen der letzten Jahre hat man daher versucht, die Sache selbst zu einem Werturteil zu machen. Junge Lyrik zum Beispiel wurde entweder als Muster der Oberflächlichkeit hingestellt oder aber als das Neue und daher Gute. Vielleicht ist die vielfach problematische Kategorie der jungen Literatur nur darin fest bestimmt, daß es sich um Texte handelt, die noch nackt und bloß auf ihre Einkleidung und Aufnahme in die Literatur warten.
Mau kann deshalb einen Zufall nutzen und das gemeinsame Erscheinungsjahr von drei Gedichtbänden als Ausgangspunkt für einen Vergleich nehmen. Im Aufbau-Verlag veröffentlichten 1980 drei Autoren erste Gedichtbände: Richard Pietraß (geb. 1946) Notausgang, Benedikt Dyrlich (geb. 1950) Grüne Küsse und Uwe Kolbe (geb. 1957) Hineingeboren. Obwohl es sich jeweils um Erstlinge handelt – im Falle Dyrlichs allerdings um eine Auswahl aus drei in sorbischer Sprache erschienenen Bänden –, begegnet man nicht Autoren, die aus derselben Generation stammen. Dem Werdegang des einzelnen wird der zusammenfassende Vergleich immer unangemessen bleiben. Für die Leser jedoch sind mit dem Zufall des Erscheinungsjahres die Gedichte erst in die Welt getreten. Daher werden wir sie wie die Leser auch als Neuerscheinungen lesen.

(…)

III.
Zu derartiger Selbstentzweiung drängt es das „Ich“ in dem Band Grüne Küsse von Benedikt Dyrlich nicht. Wie Notausgang umfaßt auch der Band Grüne Küsse einen recht großen Zeitraum lyrischer Produktion, Gedichte aus fast zehn Jahren. Ebenso wie der Band von Pietraß zeigt auch dieser Entfaltung, aber keine einschneidenden Veränderungen der Haltung und des poetischen Konzepts. Im deutlichen Unterschied zu Pietraß und auch zu Kolbe aber erscheint Dyrlichs Selbstaussage problemlos und unbelastet. Als einziger von den drei Lyrikern übernimmt er das traditionelle Ich der Erlebnislyrik und kommt damit nicht in die Lage der mühsamen Vorverständigung über das Ich und seine Sprache. Daraus entsteht ein bekümmertes Sprechen, das sich diverser Anlässe bemächtigen kann:

Dennoch ich verkleckre herzlich
gern jede Zeit, in der mich
das Zauberspiel der Lichter an
der weitgestreckten Decke über
den Bächen vor der alles tötenden
Ruhe tarnt oder die empfindlich
grüne Wiese mir ohne Distanz
ihr strähniges Gras reicht.

(„Geständnis“)

Zuversichtlich hält sich das Ich an seinem Wollen; dieses allein scheint die Gesetze seines Tuns zu bestimmen. Die tödliche Ruhe ist vermeidlich; die Distanz zu überwinden; so tödlich, so fremd kann die Welt nicht sein. Das Sammeln von Erfahrungen und der Umgang mit Anlässen lassen sich in Dyrlichs Gedichten fröhlich an. Zwar treten auch hier solche Erfahrungen auf, die die Selbstverständlichkeit anfechten. Grenzen des Wollens zeigen sich:

Will hin, wo ich nicht bin.

Draußen wispern kalte Winde,
und Glocken locken in die Ferne.

Ich sinke betreten zu Boden
und ende in Beklemmung.
(„Sehnsucht“)

An anderer Stelle wieder deutet sich nötige Beschränkung des selbst verfügten Bereichs Leben an:

Ich bin der Meinung,
ihr, die Gezählten, werdet um vieles mehr sein,
als die zählenden Laternen.

(„Einsamer Spaziergang unter Stadtlaternen“)

Aber ernstliche Anfechtungen für das Selbstgefühl werden daraus nicht. Meistens darf das Ich seiner sicher sein, verwirklichen, was es wünscht. Flügel wachsen ihm, wenn es sie braucht, und die Dinge der Natur reden mit ihm, sobald es sich zu ihnen wendet:

doch elysisch
wuchsen Flügel als wir flogen da
wo einer sich beim andern wünscht

(„Zugefallenes“).

Unentschieden bleibt, ob die fröhliche Naivität dem Ich ganz angewachsen ist oder ob nicht eine Rolle, die des Narren, gewählt wurde. Die Welt jedenfalls, die das „Ich“ sich zumutet, ist trotz diverser Flügel und dritter Augen bescheiden in Ausmaß und Weite.
Wieder trifft man auf Kürze. Sie entsteht nicht aus der Verknappung wie bei Pietraß. Kürze ist hier vielmehr das Maß für die Art der Beziehungen, von denen die Gedichte reden wollen, Das „Ich“ selbst ist darin flüchtig, als ein Moment der Stimmung, als vorübereilender Gedanke, als Einfall. Auch die längeren Gedichte verleugnen das Anläßliche der Rede nicht. Leichtigkeit der Behandlung der Gegenstände, Unfestigkeit der Begegnungen ist hier Absicht. Gern spielen die Gedichte mit den Einfällen, aus denen sie entsprangen. Aus dem Hin und Her zwischen Phantastik und Realität, der Geschwindigkeit des Bildwechsels, dem Wandel von Stilebenen machen sie sich ein Spiel. Phantasiespaziergänge sind eine bevorzugte Figur in Dyrlichs Gedichten:

Gegen den Tick der Uhr wollen wir laufen,
tauchen, den kühlen Kopf verlieren
in der Phantasienheiße

(„Ruf nach Überschreitung“)

Dem Ich ist eine Welt bereitet, in der die Widerstände gering und die Entfernungen überwindbar sind. Insofern hat die freundliche Übereinkunft zwischen Ich und Welt den Hang zur Unverbindlichkeit.
Das Erbteil der Erlebnislyrik prägt die Sprache. Oft gebrauchte Bilder und Wendungen werden in den Grünen Küssen wieder verwendet. Der Stern, die Wiese, der Mond, das alles steht in der bildsprachlichen Tradition und erfährt auch keine Neubewertung. Nicht die Anklänge an Verse und Motive von Eichendorff bis Sarah Kirsch sollen hier angemerkt werden, obwohl sie zahlreich sind. Die bruchlose Übernahme des ganzen Fundus jedoch gibt der poetischen Sprache einen Anschein von Zeitlosigkeit, der Widerspruch herausfordert. Eine ganze Generation hat in der Lyrik unseres Landes bildsprachliche Traditionen mit zeitgenössischer Erfahrung konfrontiert. Gedichte wie Heinz Czechowskis „Flußfahrt“ oder Wulf Kirstens „der bleibaum“ geben mit guten Gründen zu bedenken, daß das herkömmliche Inventar der Landschaften von dieser Befragung nicht ausgenommen werden kann. Die unbefragt benutzte Sprache einer meist aus spätromantischen Quellen stammenden Weltbeziehung wirkt danach anachronistisch.

IV.
Alle drei Bände Liebesgedichte. Die Grünen Küsse halten es mit dem Urbild der entfernten Geliebten, die eigentlich die ideale Geliebte ist. Das besagt nicht, daß die Liebe auch körperlos sein muß. Für die ideale Liebe genügt, daß Zweisamkeit, Übereinstimmung, Miteinander vorherrschend sind. Am besten ist es, wenn die Liebste eine Gestalt in Träumen bleibt:

Doch: Einzig du allein
faßt mich dann
fest an die Schultern und
siehst mir lange
in die Augen blau.

(„Kakteen I“)

In Traum und Wirklichkeit erspart sie dem Liebenden den Zweifel an sich selbst; keine wirklichen Hindernisse stören den Genuß des Glücks. Im Falle der idealen Geliebten enden Konflikte und Verwirrungen meist noch vor den Schlußversen. Von den „ungeahnten neuen Konflikten und Widersprüchen“, die Mickel und Endler in der Vorbemerkung zu ihrer Anthologie schon 1966 von Liebesgedichten in unserem Lande forderten, ist nichts zu spüren. Sogar das mehrfach auftauchende Tigermotiv, welches den Konflikt zwischen den Geschlechtern als andere Seite der Liebe in die Grünen Küsse bringt, läßt wirkliche Widersprüche aus dem Spiel. Der aufbrechende Gegensatz wird wie in dem Gedicht „Eines schönen Morgens“ zu einem beruhigenden, weil Begründungen aufweisenden Schluß führt. Diese Liebe paßt gut mit Phantasiespaziergängen zusammen. Das Ich baut sich in der Beziehung zur idealen Geliebten ein ganzes kleines Universum, indem der Imperativ seines Wollen gilt. Der Wirklichkeit des täglichen Zusammenlebens entspricht es nicht, wenn die Poesie es sich in der Liebe heimisch macht. Daß die Erwartungen und Wünsche vieler sich auf ein solches Glück in der Liebe richten, ist jedoch unbestreitbar.

(…)

Landschaften in schöner Natur gibt es auch bei Dyrlich nicht, obwohl in den Grünen Küssen eine ländliche Umwelt mit Wäldern, Wiesen und Gärten vorkommt. Aber sie erscheint ohne Selbständigkeit, nur als Spielfeld der Aktionen des Ichs, dessen Bedürfnisse sie auch ausschmücken. Gelegentlich sprechen die Gedichte sogar aus, daß Natur als Umwelt nicht einfach, vorhanden ist, sondern Produkt aus des Autors Feder:

Ich habs im Ohr:
diese Schübe der Sprache
einer Landschaft im Rhythmus der Zeit

(„Ich male neu die Farbe“).

Diesem „Rhythmus der Zeit“ weichen Sprache und Landschaften des Autors jedoch recht oft aus. Wo Naturlandschaft und technisierte Welt zusammenstoßen, da wird der Konflikt meist in einer versöhnlichen Wendung aufgefangen:

Ich höre laut das Rattern
über den Schienen Verspür
die Stöße in Rippen des Eisens
dumpfes Gestampfe direkt in der Seele…
Dann kehrt Ruhe zurück: Aus dem Kiefernwald
singe Lieder wie frei Ich pfeife
wach die Flügel der Vögel…

(„Zusätzliches Bekenntnis“).

Daß das Freie, welches hier wie überall in unserer Lyrik als die eigentliche heimische Welt erscheint, jederzeit erreichbar sein kann, ist eine freundliche Vorstellung. Sie gehört zu den Zügen, die die poetische Welt als Welt des Wünschbaren in Grüne Küsse bilden. Nur dürfte sie nicht so häufig das Aussehen einer verfügbaren Realität annehmen. Leicht gerät nämlich das kleine Fleckchen Natur, das die Wunschlandschaft bildet, zum Weltmodell. Das harmonische Miteinander von Naturgesetz und menschlichen Absichten, welches man den Landschaften für Phantasiespaziergänge gern zubilligt, muß dann verfehlt wirken.

VI.
Bleibt noch vom Platz zu reden, der dem Dichter zugewiesen wird. Reflexion über Poesie geht in allen drei Bänden mit der Poesie einher. Alle drei Autoren rufen auch eine große Zahl literarischer Vorbilder auf. Literatur bleibt weiterhin mit Literatur beschäftigt. Diese Entwicklung, von Peter Gosse 1976 konstatiert, reißt nicht ab. Dichter, sagt Uwe Kolbe, sind Götter, auch wenn sie es selbst vergessen. Er gebraucht das feierliche Wort oft und ohne Scheu. Hier kündigt sich wirklich ein fast vergessenes Selbstverständnis an, aber auch, wer wollte es überhören, der Anspruch auf das Prinzip der Autonomie der Kunst. Dyrlich dagegen ist bereit, den Märchenerzähler und Träumer zu spielen. Das Gedicht „Kinderei“ teilt dem Poeten seinen Platz in der arbeitsteiligen Gesellschaft zu. Daß er dem Dichter und auch wohl der Poesie nur die Rolle zugesteht, den Ernst des Lebens heiter zu begleiten, zeugt nicht allein von der Bescheidenheit des Autors. Im Vergleich zu Kolbes Ungenügsamkeit ist dies der andere Pol. Zwischen beiden bestimmt sich ein Verständnis vom Auftrag des Dichters, das noch sehr unfest ist. In solchen Unsicherheiten kündigt sich eine allgemeinere Veränderung der Auffassung davon an, was Literatur bewirken soll und kann. Bei einem neuen, festen Begriff ist man noch nicht angekommen.
Doch stellt sich schon heraus, daß dem Dichter ein erhöhter Platz zugewiesen werden soll. Selbst in Notausgang von Richard Pietraß wird trotz des sparsamen Umgangs mit großen Worten das Amt des Sehers an den Dichter vergeben („Die Kraft des Sehers“). In der Rolle von Auftragnehmern und Vermittlern des Dialogs, wie die Dichter in den sechziger Jahren ihre Aufgabe verstanden, sehen sich die Lyriker dieser Generation nicht. Ob Götter, Propheten oder Narren, in jedem Falle sind die Dichter mit der Aura des Besonderen umgeben. Welcher Platz dem Leser als Empfänger der Botschaften zukommen soll, ist vorerst noch nicht festgeschrieben. Daran wird aber künftig das gewandelte Bild vom Amt des Dichters zu messen sein.

Ursula Heukenkamp, Sinn und Form, Heft 5, September/Oktober 1981

 

 

BENEDIKT DYRLICH

Das Märchen vom rötlich Gehopse

Hupp la hopp – tritt la peng – fliegt rötliches Gehops
zum Tor hinaus, kullert – rolli im rock’n roll rotbäckig
in die stämmige Prärie – mal hupp hupp deng dann nach
links – dann hupp hupp rechts – und Blaus Platz – sackts
drollig unter nen Hang naufi s Förderband via Dastehen
Patschen Wolflis von Feuerbrand und hupp la Tropf springt
Wolfi herbei Wien Magenlikörchen und davon dann bitte drei
fürs rötliche Gehops und die weiße Schlürferin mit dem
gleichen Kohldampf ex presse

Peter Wawerzinek

 

Fakten und Vermutungen zum Autor
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