Berlin – 100 Gedichte aus 100 Jahren

Berlin – 100 Gedichte aus 100 Jahren

DER GERÄUSCHEMACHER

Als ich im Keller Holz schlug, plötzlich war es da:
Die Stimme, weit entfernt, das angestrengte Pochen.
Ich warf den Hackklotz um und fragte mutig: ,,Ja?
Wer ist da unten? Antwort! Hat da wer gesprochen?“
Es gluckerte wie Wasserblasen an mein Ohr,
In mürber Kellerwand begann ein Herz zu schlagen,
Dann sprach die Stimme durch das dicke Wasserrohr
(So tönt ein Leierkasten voll zerquetschter Klagen):
„Ich wohne, lieber Herr, dicht überm U-Bahn-Schacht
Dicht unterm Haus, ich bin’s, ich mache die Geräusche,
Die durch die Wände wandern, aber nur bei Nacht,
Hier unten gar gekocht und hochgepreßt durch Schläuche.
Ich laß die Steine schrumpfen, schwellen, langsam, schnell,
Hei, dann der große Knall, wenn sich die Schläfer strecken.
Die, schweißbedeckt und weiß, erwachen mit Gebell
Auf sinkendem Schiff. Verrutschte Zimmerdecken…“
So sprach die Gasuhr? Oder sprach das Wasserrohr?
Vielleicht, die Worte quollen unter meinen Füßen?
Der Hund, auf allen Seiten stellte er sich vor.
Der jede Nacht uns quält mit harschen oder süßen
Geräuschen (Sandkorn, trippelnd, Holz, das kreischt und lacht),
Wie Flut und Ebbe sie, in kleinen, großen Wellen,
Da war er, der die nächtlichen Geräusche macht:
Ich laß das Haus zuzeiten in die Lüfte schnellen,
Ich habe eine Pumpe, prächtiges Gerät!,
Drehscheibe hab ich auch, ich dreh das Haus, ich fleder
Es jäh nach links und rechts (ihr spürt es, wie sichs dreht),
Ich könnt’s zusammenklappen, freilich, das kann jeder,
Und deshalb bleibt es stehn…“ Ich dankte ihm geschwind
Und gratulierte ihm zu seinem schönen Posten:
„Sie sitzen gut! Bald wie im Mutterleib das Kind!“
„Nur nicht so warm!“ Er schries. ,,Auch fang ich an zu rosten
In diesem Rattenloch! Mein Herr! Ich bin verdammt!“
Verstummte das Gewölbe, das Gewirr aus Rohren?
„Von wem?“ Ich ahnte es. Er schrie: ,,………“1
Dem Leprakranken gleich, ja, dieser war verloren.
Und, stolpernd über Kohlen, lief ich durch die Gänge
Hinaus ins Mittagslicht des Hinterhofs hinaus.
Grell klapperte am Dach ein loses Blechgestäng.
Ich hob die Augen. Doch jetzt stand es stumm, das Haus.

Adolf Endler

 

 

 

„Dort drüben liegt sie –

riesenbreit erstreckt – / und vielgezackt zum Wolkengrau gereckt – / die steinern, fahle Stadt…“ Berlin – eine Geschichte der Stadt in Gedichten, alten und neuen, bekannten und unbekannten.
Die großen Aufbrüche – die Entwicklung Berlins zur industriellen, geistigen und politischen Metropole, zur Weltstadt, ihr Neuentstehen aus Trümmerbergen nach 1945 – werden in dieser Anthologie ebenso dokumentiert wie die Kette der Niederlagen: Enttäuschung und Verbitterung über die gescheiterte Novemberrevolution, der Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. – In Bertolt Brechts 1919 entstandenes Gedicht „O Falladah, die du hangest!“ ist die Angst vor dem Kommenden schon eingeschrieben:

Da fragte ich mich, was für eine Kälte
Muß über die Leute gekommen sein!
Wer schlägt da so auf sie ein,
Daß sie jetzt so durch und durch erkaltet?
So helfet ihnen doch! Und tut es in Bälde!
Sonst passiert euch etwas, was ihr
nicht für möglich haltet!

Die frühen Stadtlandschaften Georg Heyms oder Johannes R. Bechers, von der Faszination durch den „Riesenraum“ geprägt, in dem alle Bewegung, alles Leben schneller zu verlaufen schien, haben ihren Platz neben den verhaltener gestimmten Visionen Oskar Loerkes oder Wieland Herzfeldes, in denen Einsamkeit und Schutzlosigkeit des Menschen in der Großstadt Gestalt annehmen. Mit Sarkasmus und Ironie reagieren Joachim Ringelnatz, Erich Kästner und Kurt Tucholsky auf die traurige Realität der Weimarer Republik. Diese Haltung, das Sich-nicht-abfinden-Wollen, verbindet Erich Mühsams oder Kurt Schwitters’ Verse mit denen der Jüngeren, von Heinz Kahlau bis Steffen Mensching, Volker Braun bis Uwe Kolbe.
Die in den letzten Jahrzehnten entstandenen Gedichte von Richard Leising, Brigitte Struzyk oder Richard Pietraß sprechen nüchtern von alltäglichen Erfahrungen. Sie sind persönlicher, fragen auf neue Art nach dem Mit- und Gegeneinander von individueller und gesellschaftlicher Entwicklung. Die Stadt wird räumlich ausgeschritten, die Dichter sehen sich um im „Milieu“, prüfen, was daran auffällig gemacht zu werden verdient.
Das Nebeneinander von Dichtern verschiedner Generationen, die sich in einen Dialog miteinander begeben, macht den besonderen Reiz dieser Sammlung aus. Ihre Autoren, von Bruno Wille bis zu Gerd Adloff, sind durch Geburt, Beruf oder Sympathie mit dieser Stadt verbunden. Die letzte Gedichtzeile im Band „ich muß und will noch bleiben“ verbindet sinnbildhaft unterschiedliche Haltungen zu Berlin.

Aufbau Verlag, Klappentext, 1987

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