Bernd-Dieter Hüge: Beichte vor dem Hund

Hüge/Zwerg-Beichte vor dem Hund

EIN WIDERHALL
sprach zu einem Steine
in ungebundener Redeweise:
Du aber hast es gut. Denn
brauchst dich nicht zu bücken,
immer liegst du unten und
andre werfen dich hoch.
Kennst auch keine Sorgen
um Nachfahren und Erbschleicher.
Bist außerdem nicht
aus Fleisch und Blut, wodrum
sich einer da sorgen müßt
nach deinem Ableben oder Verlorengehn.
Ja, erwiderte dieser Stein,
es ist Widerhall nämlich, wenn
übrig bleibt mehr von einem
als nur Müdigkeit und
nach dem Gewesensein eine
Handvoll Knochen. Auch
Erinnerung durch Fotoalben
ist ein ungenügender Trost.
Ich ehre dich drum, Echo,
denn du bist berufen, mehr
zu tun für des Menschen Kraxelei
eintagaus auf seinen Lebensberg,
insbesondere aber: seine Größe zu retten, die
könnt zerdrücken sonst
ein Kind leicht in winziger Faust.
So nur wohl dies ist
DAS BESTE PATENT

 

 

 

Hüges neuer Gedichtband

läßt Veränderungen erkennen: Inhaltlich hat der Autor seine Themen vertieft und erweitert. Zum Behaustsein in seiner Heimat, dem Senftenberger Revier, und den distanzierten Gedichten über die unvertraute Ferne, kommt eine überraschende philosophische Dimension hinzu: Sorge um die Existenz der Menschheit vor dem Hintergrund des eigenen Weiterlebens, Sorge um die Natur, Liebe zu ihr und den Menschen. Auf neue Art begreift Hüge den Menschen als gesellschaftliches Wesen innerhalb der Natur. Mit einfachen sprachlichen Mitteln schafft er in dieser Beichte vor dem Hund beeindruckende lyrische Bilder.

Aufbau-Verlag, Ankündigung

 

Ein Fenster ist geöffnet noch

Bernd-Dieter Hüge debütierte 1984 beim Aufbau-Verlag mit Kaderakte eines Zugvogels. Dieses Buch enthielt Gedichte aus den Jahren 1966 bis 1982. Die zweite Veröffentlichung, Beichte vor dem Hund, stellt – abgesehen von wenigen Ausnahmen wie „Die Liebe wird…“, „Landkarte eines Traums“ und „Umwurzel ich dich“, die bereits 1983 in der Anthologie Vogelbühne des Verlags der Nation zu lesen waren – neue Gedichte und Prosatexte vor.
Obwohl das Grundthema der Kaderakte auch die Texte des zweiten Buches bestimmt, sind die Akzente nun deutlich verschoben. „Will suchen festen Boden und / alles andre auch, was gehört dazu“ hieß es vor Jahren In der „Episode“ Nr. 30. Damals herrschte die Suche nach Realisierung der existentiellen Rechte und Wünsche des Individuums vor, exemplarisch dargestellt in jenem „Zugvogel“-Ich. Da zog einer aus, um mehr „Wärme“ und mehr „Licht“ zu finden. Die Folge der Gedichte trug zyklischen und epischen Charakter. Die einzelnen Gedichte bezeichneten „Stationen“ des Weges, der „Flugroute“. Im Ton eines Erzählers begann das Buch. In den Gedichten aus den sechziger und siebziger Jahren setzte sich Hüge mit seinen Erfahrungen und Erlebnissen in der kapitalistischen Welt auseinander. Die Verse registrierten vor allem Defizite des Menschlichen und der menschlichen Perspektive, die mit den Metaphern „Wärme“ und „Licht“ umrissen waren. Stand in den früheren Gedichten die soziale Notlage des einzelnen im Mittelpunkt, so ist in der Beichte vor dem Hund der Blick auf die heutige Gefährdung der weiteren Existenz der Menschheit und der Erde mit ihren Lebewesen, mit Flora und Fauna, gerichtet. Das Thema klang bereits im ersten Buch an, mit dem „Traum, die gute Erdin zu bewohnen“ in dem Gedicht „Hochhäuser Südring“. Aber das Erfassen von einzelnen Mängeln – auch der sozialistischen Realität – im Verhältnis zum menschheitlichen Entwurf wirkte eher beschaulich, behebbar durch befreite und befreiende Arbeit, durch die Liebe einer Frau, durch „Leben lernen“ des Menschen. Im neuen Buch ist diese Unbekümmertheit dahin. Des „Vogels Schatten wiegt groß und schwer“ („Spiegelbild“). Finsternis und Dunkel breiten sich gleich in den ersten Gedichten aus. Raum und Zeit umfassen weit mehr als die persönlichen Lebensumstände eines lyrischen Ich oder die Problematik zwischen beiden deutschen Staaten. Es geht um die bedrohte Existenz der Erde, die Hüge wiederum liebevoll als „Erdin“, als Frau, anredet, sieht er doch, daß sie „zu ewiger Eiszeit“ („Enteisung eines Himmels“) verdammt werden kann. Vier Jahre liegen zwischen den beiden Büchern Hüges – vier Jahre, in denen das Bewußtsein von der Gefahr gewachsen ist, aber auch die Erkenntnis der noch möglichen Abwendung der totalen Vernichtung, der Notwendigkeit der immer dringender werdenden Beseitigung der Gefahr. „Aber seht, ein Fenster ist geöffnet noch“, schreibt Hüge im selben Gedicht und entwirft mit der Warnung zugleich eine Utopie des friedlichen Lebens:

Und seht, es füllen sich der Wälder Plagen mit Grün,
die Flüsse tragen des Himmels Bläue voll Stolz,
es singen die Steine zu Käfern und Lilien,
die Treue wird mit fröhlicher Dauer ertragen,
der Frauen Leiber frieren nicht vor der Kälte des Alters,
die Sinne der Männer lernen Zerbrechliches achten,
die Schwachen blättern ihre Gesichter offen wie Bücher.
Und es verbleibt keine Scham vom Damals:
SONST WILL UNS EIN LETZTES BLUTEN WERDEN.

Das Kernstück des Buches bildet der Zyklus „Beichte vor dem Hund“, in dem die neue Erkenntnis formuliert ist:

Jetzt ist alles anders.
Eine einzige Hand vermag nun nichts mehr,
wie ein Land allein nichts vermag.

Die „Beichte vor dem Hund“ ist eine Komposition aus Prosa und Lyrik. Beide sind durch die Reihenfolge der erzählten Ereignisse, also chronologisch, miteinander verbunden. Dennoch ließe sich die Struktur des Ganzen nicht vereinheitlichen, also die Lyrik zum Beispiel nicht in Prosa auflösen. Die Gedichte holen Träume, Ängste, Aggressionen aus Schichten des Unterbewußten heraus, auch aus der frühen „Kinderkriegszeit“, die in Bildern und Szenen immer aufs neue poetische Gestalt annimmt, und dennoch nie ganz bewältigt wird. Die Beschädigungen der Psyche sind offensichtlich irreparabel. Dem Hund kann das Ich von ihnen erzählen, er schweigt:

DA GEHST DU HIN
mit mir, junger Hund. Ich
voller Zweifel in den Augentaschen
und mit zerbeultem Herzen.

Die Gedichte fassen Gefühle und Gedanken in Bilder; die Prosateile üben eine Art Gedankenkontrolle aus, berichten Erlebnisse, auch in Bildern, suchen sie zu deuten. In der Prosa vollzieht sich ein Prozeß des Nachdenkens, während die lyrischen Bilder rhythmisch dahinfließen und mehr zulassen, als der Verstand vielleicht wahrhaben will oder gutheißt:

zehnmal hab ich dich
ertränkt in meinem Blut,
das aus der Brust mir brach…

Das ist der Augenblick, in dem der Hund, sein nächtlicher Begleiter beim Bewachen des Parkplatzes, ihn verläßt.
Die Gedichte sind naturgemäß komprimierter in ihrer Bildhaftigkeit, vielschichtiger als die Prosa. Dennoch bieten sie kein unkontrolliertes Überfließen der Psyche. Sie lassen zwar mehr zu an unbewältigten Ängsten, Traurigkeiten, an Freuden und verborgenen Sehnsüchten, fangen aber den Fluß der „Seele“ in verschiedenen Formen auf. Die bereits aus dem ersten Band vertraute Verknüpfung von Anfangs- und Endzeile (typographisch kenntlich gemacht durch Großbuchstaben) wirkt oft wie eine zusammenfassende, sinnerhellende Sentenz, die neue, über das Gedicht hinausweisende Blickwinkel eröffnet.
Die lebendige Rede hat Hüge in seinen neuen Texten weiterentwickelt. Die Anrede an den Hund wird zum bestimmenden Strukturelement, angeredet werden aber auch Menschen und Dinge. Das schafft Nähe, selbst zu Gestirnen wie dem Mond als „Bruder Leuchtekalt“ („Verlockung“). Die Schlüsselwörter „lauschen“ und „deuten“ sind in den Hintergrund getreten. Das „Dicht-dran-Sein“ an den Lebewesen und Dingen ist selbstverständlich geworden. Alles rückt in seinem Bewußtsein zusammen, allem ist er verschwistert, denn alles ist gleich ihm von der endgültigen Vernichtung bedroht. Auch „Volksmund“ spielt wiederum eine Rolle:

Sagt doch da die Stimme der Weisen
des Volkes gesammelt:…

(„Steingewordene Finger“).

Aber das Horchen auf vorgefundene Sprech- und Sprachformen ist weniger auf das Finden sozialer Widersprüche gerichtet; auch hier steht nun die Sorge um das Schicksal aller im Vordergrund. Das Erfassen und Entlarven von Einzelerscheinungen tritt zurück hinter die Vision einer möglichen Endzeit:

Es graut der Tag
ohne Zukunft und Ferne, da nicht mehr Geist
noch blinkt oder wütet. Kein Stern finge
die Ahnung vom Sturze ins Nichts: und
die Erdin, Schöne des Abends, hätte ein Ende,
sofern niemand wehrte…

Dieses Sichwehren gegen die grausige Nichtperspektive ist zum neuen Thema Hüges geworden. „Der Hund ist Sinnbild des Lebens und zugleich des Todes. Noch können wir uns entscheiden“, schreibt er in dem nachgestellten Brief. Der Hund ist im Zyklus ganz reales Abbild, zugleich aber – selbst in den Prosateilen – poetische Metapher. Die Zeit „zwischen Hund und Wolf“ ist nicht nur jene im Zyklus beschriebene frühe Morgenstunde, in der das Gewitter tobe, sondern auch unsere Zeit, in der wir leben, in der die Richtung der Entwicklung noch nicht entschieden ist. Der Hund als Metapher fungiert zugleich als Medium des sprechenden lyrischen Ich:

Im Grunde jedoch sprach ich über das Tier zu dir. Ich sprach ja immer nur zu dir.

Über den Hund spricht er die Geliebte an, aber auch und vor allem den Leser. Hüges Nachdenken über die Epochen und über den Weltuntergangsgedanken zu allen Zeiten führt ihn zu einer klaren Bewußtheit, die er durchaus mit anderen Schriftstellern der DDR teilt:

Jetzt ist die Stunde gekommen, da die ganze Welt ohne einen denkbaren Rest zerstört werden kann.

Was Hüge aber von manchen anderen unterscheidet, ist die (fast verzweifelte) Hoffnung, der Mut, der aus der Erkenntnis wächst, daß es bei einem Atomkrieg keine Überlebenden gäbe:

Also ist der Beginn einer neuen Zeit: Der Mensch hat seine Identität unter größtem Zwang gefunden. Daher kommt es, daß Millionen auf die Straße gehen, um die Zukunft zu halten. Und Millionen werden ihnen folgen.

Und zum Hund sagt er:

Aber ich will diese Erde nicht verlassen ohne die Gewißheit, daß alles weitergeht, hörst du?

Jene gesellschaftliche Utopie von „Wärme und Licht“, die Hüge in seinem ersten Band entworfen hat, ist im zweiten Buch nicht aufgegeben, aber der Weg dorthin ist sichtbarer geworden, mit eindeutigem, konkretem Handeln verbunden. Die Verklärung ist der Härte der Realität gewichen und zugleich einem größeren Entwurf. Die Utopie ist machbar geworden, aber vom Handeln vieler abhängig. Trotzdem bleibt sie Utopie, aber realisierbar: Wunsch und Sehnsucht des lyrischen Ich, das Hüge heißt, aber mit den Intentionen vieler verschmilzt. Das archaische Wort „nimmermehr“, das der Autor neu in seinen poetischen Wortschatz aufgenommen hat, bildet den negativen Pol zur Hoffnungsvision der umfassenden Friedensbewegung: „nimmermehr Aussicht“ („Beichte vor dem Hund“), „Nimmer Nimmer er“ („Zuvor“)… Die Stärke der neuen Hügeschen Gedichte liegt im Vermitteln von Hoffnung aus der bitteren Erkenntnis vom möglichen „Ablöschen der Zeit“ heraus.
Das Denken und Schreiben im Klartext geht mit einer bildhaften Phantasie einher, die wie schon aus dem ersten Band Hüges kennen. So begegnet uns wieder die eigene Kosmogonie, in der die Gestirne zu „Partnern“ werden: Immer neu erfindet Hüge Metaphern und Allegorien, die belegen, daß seine poetische Phantasie trotz der erkannten Weltlage ungebrochen ist: das Spiel mit Worten und Bildern als Triumph des Sprachschöpferischen. Mir gefallen besonders: das „Tonband der Mythen“ („Enteisung eines Himmels“), das „Träumechronometer“ („Nacht einsamer Bilderseelen“), „Fußgängers Abendluft“ („Klopft einer an“), das „Liebstöckel“ als Metapher eines nicht zu nennenden Körperteils („Und laß deine Hand“), das Verpacken des Mondes in einem Plastebeutel („November I“) und der Mond als „Bruder Leuchtekalt“. Anderes scheint mir nicht gelungen: die fiktive „Zährenwelt“ des Gedichts „In einer Nacht“, überhaupt die vielen archaischen „Zähren“, das „O“ und „Ach“ mancher Gedichte, das allzuoft strapazierte Wort „Herz“ (auch in Verbindung mit „Schmerz“: „Das Altschmerzige“) – wenn man die „Seele“ schon gelten läßt. Obgleich: daß ein Mann sich nicht scheut, seinen Schmerz, seine Einsamkeit, seine Scham, kurz: seine Gefühle bis in die tiefsten Traurigkeiten zu artikulieren, daß er nicht den „starken Mann“ spielt, wirkt befreiend. Fraglich erscheint mir nur das Zurückgreifen auf eine seit langem trivial gewordene Begriffswelt. Fast wollte ich mit diesen die Gedichtsprache betreffenden kritischen Bemerkungen hinterm Berg halten, weil Hüges Thema in Beichte vor dem Hund so überaus brisant ist, durchdacht und poetisch originell. Aber wäre ihm mit einem einseitigen Lob gedient? Ich mag Hüges Phantasie, seine Originalität, seine Ehrlichkeit. Die Texte dieses Autors machen mir Mut, weil sie meine eigenen Ängste (und die vieler Leser) artikulieren. Die Gedichte lassen mich nicht hilflos zurück, sie rufen nach Solidarität: „Hitzig und voll von Ungeduld des Brennens“ – wie er in „Meine Sprache“ schreibt. „Sanftherb oder spröder“ kann man in sie „von mehreren Seiten einsteigen“. Sie sind vielstimmig, sie ändern sich während des Lesens. Deshalb sind sie lebendig, machen Lust auf Leben, auf menschliche Begegnungen, durchmessen Zeiten und Räume: episch, beschreibend, bildhaft und voller Rätsel. Episoden werden in Szene gesetzt (wie in „Klopft einer an“), die den Leser für menschliche Beziehungen sensibilisieren: Mann, Frau und Kind, Vater, Mutter und Schwester – wieviel wiegt Trauer, wieviel wiegt Freude? Was wird durch Unachtsamkeit, durch Lieblosigkeit gar zerstört? Tragisches wird benannt, Widersprüchliches, auch Komisches („Ein Widerhall“) klingt an.
Weniger ergiebig sind die Frankreich-Gedichte. Sie wirken – im Vergleich zu den Reiseerlebnis-Gedichten des ersten Buches – wie bloße Impressionen und Fragmente. Hauptteil des neuen Buches ist der Zyklus „Beichte vor dem Hund“, alles andere wirkt wie Ergänzung, Beiwerk, wenn auch Wendungen wie „zerbrechlicher noch als eines Glasmannes Traum ist mein Leben: Und Blindheit fürchte ich mehr denn den Tod“ die Motivationen der „Beichte“ sentenzhaft erhellen.
Hat Hüge jenen „festen Boden“ unter den Füßen gefunden, den er in Kaderakte eines Zugvogels suchte? Damals setzte er in dem Gedicht „Fahrt durchs Borinage 1962“ seine literarischen Intentionen mit dem Künstlertum van Goghs in Beziehung. Körperliche Arbeit und soziale Erfahrung waren der entscheidende Erlebnishintergrund der künstlerischen (malerischen wie literarischen) Arbeit. Im zweiten Buch Hüges findet sich ein Hölderlin-Gedicht, das zugleich Selbstporträt ist. Hier steht eine vorläufige Antwort auf die Frage nach Hüges Umhergetriebensein. „Laß in dir allein ein Zuhause werden.“ Das Werden eines Menschen, dargestellt im lyrischen und epischen Prozeß – das ist es, was Hüges Texte so wertvoll für uns macht, wenn wir seinen poetischen Bildern mit Lust folgen.

Dorothea von Törne, neue deutsche literatur, Heft 425, Mai 1988

Fakten und Vermutungen zum Autor

 

Bestiarium Literaricum-Der Hüge

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