Bernd Igel: Das Geschlecht der Häuser gebar mir fremde Orte

Igel/Schweiger-Das Geschlecht der Häuser gebar mir fremde Orte

DIE BÜCHER STIMMEN

uns steht nichts zu Buche, uns säumte
jeglicher Verdienst & alles Vergangene
ward Gegenwart; wir haben nichts zu vererben, ha!, wir
laufen einer handgekurbelten Uhr nach & zählen
die Schläge, von ihrem Laufwerk ausgeteilt

wir mühen uns mit Träumen, versäumten
Konzerten; weisen Büschel Grauhaar vor in all unserer
ewigen Jugendlichkeit, die wir vorzeitig
erkannten, pflanzen es nachmittäglichem Schreibtisch auf
an dessen Stelzen sich unsere Füße reiben

oh, der Wunsch nach Heimat in der Heimat!

doch der Wald nimmt uns nicht auf, gelichtet, er filtert
die Ruhebedürftigen aus im Namen der Städte; wohin
wohin, im dauernden MärzNovember treiben wir, und das
Welken Faulen der Blätter scheint unsere
einzige Genugtuung

 

 

Die Regungen des Mundes. Über Jayne-Ann Igel

Bedeutende Dichtung – ich sage nicht ausdrücklich Lyrik – verheimlicht nicht ihre Nähe zum Mythos. Verborgenheit vor den Themen der Welt ist eines ihrer Themen. Auch Jayne-Ann Igel hat sich bis zum Erscheinen ihres ersten Buches verborgen gehalten. Oder besser: ist verborgen gehalten worden. Denn es war aus bekannten Gründen in der DDR schwer für einen Außenseiter, der sich nicht den verordneten Schreibregeln unterordnen wollte und konnte, dort Öffentlichkeit zu gewinnen. Nun hat dieser Erzpoet, wie Adolf Endler Bernd/Jayne-Ann Igel einmal genannt hat, nicht nur mit ihrem Buch Das Geschlecht der Häuser gebar mir fremde Orte Aufmerksamkeit erregt, sondern darüber hinaus wird dieses Buch heute als bemerkenswerte lyrische Erstveröffentlichung geehrt.
Peter Huchel war kein urbaner Lyriker. Aber auch er bedurfte der Wandlung, wenn er in seinen späten Gedichten zurückfand zu einem zurückhaltenden Bekenntnis einer Archaik, in der Landschaft und Dinge auf ihren eigenen Ursprung zurückverwiesen. Seine Beschwörung der ländlichen Stille – nur vom Sprung der Fische laut − gehörte zu jenen kontrapunktischen Stimmen, die im Umkreis der Kolonne − so hieß eine im Wolfang Jess Verlag zu Dresden beheimatete Gruppe von Dichtern – als Gegenstimme etwa zu Gottfried Benn auftraten. Die Huchelsche Trauer war auch eine des unabweisbaren Verlustes von Kindheit und Jugend im naturgeschützten ländlichen Raum.
Huchels Gedichte erschienen mir oft wie der Schrei eines Knechtes aus der Tiefe. Und auch Jayne-Ann Igels Verse sind aus einer Not geboren. Der Schmerz ihrer zweiten Geburt aus der Not der ersten rechtfertigt die Insistenz auf eine neue Identität, die sich bereits in ihrem ersten Gedichtband ankündigt. Die Mythen wiederum bezeichnet Trencsényi-Waldapfel als Töchter der Erinnerung. Wie sich das Menschliche und Mythische in Igels Gedichten zum Poetischen vereint, gehört zu jenen Erscheinungen, die seine Texte von der Seite einer professionellen Kritik nahezu unangreifbar machen. Denn es gibt eine Art von Dichtung, die sich aus sich selbst heraus rechtfertigt. Aus der Immanenz einer Kindheit im Schatten der Strafvollzugsanstalt, mit der das Wort Gefängnis bürokratisch verheimlicht wird, entsteht zwischen einer angestrengten Mutterbindung und jenem konstanten Vaterhaß, der später in poetischen Bildern aufgehoben wird, die konkrete Mythisierung einer kindheitlichen Existenz.
Tiefer als Bernd/Jayne-Ann Igel hat wohl in letzter Zeit kaum ein jüngerer Lyriker in die Abgründe der eigenen Erinnerung gesehen. Natürlich, man denkt an Rimbaud, wenn man in Igels Gedichten auf bestimmte Szenen stößt, die fern jeglicher poetisch ausgeklügelten Ausgewiesenheit aus sich selber heraus zu sprechen beginnen.
So sind Bernd Igels Gedichte ein Destillat einmaliger, unaustauschbarer Erfahrungen, gewonnen aus jener Spannung von Eingeschlossenheit und Ausgegrenztheit, die beide seine wichtigsten Grunderlebnisse sind.
Aber Jayne-Ann Igel scheint gerade diese Momente nicht nur als etwas Bitteres in Erinnerung zu haben. Andererseits wird aber auch kein Selbstgenuß des Leidens notiert, sondern eine partielle Realität. Der Vorgang der Poetisierung selbst wird bei ihr zum Gegenstand, fern jeglicher Larmoyanz, fern aber auch der Attitüde der Selbstdarstellung.
Sich aber selbst zum Gegenstand eines Mythos zu poetisieren heißt, im Sinne Sigmund Freuds, auch den Widerstand gegenüber sich selbst und seinen Erfahrungen zu überwinden, den Schritt zur Selbstanalyse zu gehen, ja, sich vom Subjekt zum Objekt der Analyse zu machen. Das mag für den Psychoanalytiker ein interessanter Fall sein, für den Dichter aber, der keine Wahl hat, als die, sich selbst als Gegenstand seiner Poesie zu erkennen, bleibt nur die Tatsache, mit den Tabus, die ihn bedrängen, zu brechen. Deshalb sind Gedichte wie die von Jayne-Ann Igel alles andere als Widerspiegelungen geschichtlicher Momente. Sie nehmen aber ihren Anteil an Geschichte in sich hinein, verteidigen sie sogar als einen Bestandteil des Mythos der eigenen Biografie, die, abgehoben von der platten Misere, von sich selbst zu sprechen beginnt.
In einem der für mich schönsten Texte Jayne-Ann Igels, der den Mythos der verletzten Kindheit heraufbeschwört, wird selbst das Triste und Banale zur reinen Dichtung, rein durch Naivität, durch die Unantastbarkeit noch des Ekelhaften, Zerschlagenen, Weggeworfenen. Wie nahe läge es, diesen Text lediglich zur sozialen Botschaft zu diskreditieren. Aber gerade das vermeidet Igels Poetismus, indem sie sich zu einer Sprache bekennt, die weder für das kritische noch für das Affirmative Wörter hat.
Ein Stück Straßengraben der Kindheit wird zur Metapher einer inneren Landschaft, in der der Dichter von jener so oft schon beschworenen Identität spricht, in der die Trennungslinie zwischen Ich und Welt, zwischen Subjekt und Objekt aufgehoben ist. Das, so meine ich, trennt nicht nur diesen Text von jeder poetischen Allgemeinheit und vollzieht eine Wendung nach Innen ohne selbst innerlich zu sein. Ich weiß nicht, wann wir das Innere des Straßengrabens für uns entdeckten, er verlief hinter dem Wäldchen, das sich vor unserem Haus erstreckte, und verhieß eine solche Tiefe, daß wir uns nicht in ihn hinabwagten … So könnte der Abstieg ins Totenreich beginnen. Charon, der alte Fährmann, der ins Vergessen steuert, hält seine Ruder bereit. Doch – und das ist ein anderes Moment in Jayne-Ann Igels Dichtung – die Erinnerung an das, was wir Vergangenheit nennen, ist Igel zu nahe, um schon vergessen sein zu können. Vom Bild des Vaters aber ist es nur die Uniform und die auf Hochglanz polierten Stiefel mit den Einlegesohlen, Dinge, die wir nie zu Gesicht bekamen, also Dinge, die im Gegensatz zu den Scherben im Straßengraben, nicht einmal kindlichen Trost zu spenden vermochten.
Mythos, so lese ich, sei etwas zur Legende Gewordenes. Und wie Legenden aus einer nur scheinbar bereits zur Vergangenheit gewordenen Zeit lese ich viele der Texte Jayne-Ann Igels. Die Ruinenlandschaft der Leipziger Gegenwart, jene Kranken und Deklassierten, die tristen Samstagnachmittage, wo der Dichter seine blaue Lokomotive aus den Augen verlor, sprechen dennoch von der immerwährenden Gegenwart, die sowohl Vergangenheit wie auch Zukunft heißen kann: Das Abbild, das in das Kind Bernd Igel gelegt wurde, hat Jayne-Ann Igel, wie es in einem 1989 geschriebenen Traum-Text heißt, in ihren Gedichten veruntreut, verloren …, durch die regungen des mundes, um ihr innerstes zur wandlung anzustiften.

Heinz Czechowski, aus: Peter-Huchel-Preis Jahrbuch 1990. Ernst Jandl. Texte, Dokumente, Materialien. Elster Verlag, 1991

Selbstauskunft

Häuser und Träume

Heinz Czechowski: Über Identität sagt uns Sigmund Freud, sie entstehe durch Ablösung vom Vater- beziehungsweise vom Mutterbild, aber auch, daß man seine eigene Identität durch eine Art Rollentausch findet, bezogen auf die Rolle, die Vater oder Mutter gespielt haben – ein weites Feld. Sie, Jayne-Ann Igel, hießen bis vor kurzem Bernd Igel. Unter diesem Namen habe ich Sie vor Jahren hier im Leipziger Süden, im von Brigitte Endler geleiteten Clubhaus Arthur Hoffmann in der Steinstraße kennengelernt, in einem Zirkel, den ich zu leiten versuchte, und den Sie mit ziemlicher Regelmäßigkeit besuchten. Nun sind Sie plötzlich in doppelter Hinsicht berühmt: Die Jury des Peter-Huchel-Preises hat einesteils auf Sie hingewiesen, denn andernteils ist in der Collection S. Fischer Ihr erstes umfassendes Buch Das Geschlecht der Häuser gebar mir fremde Orte erschienen. Ein recht merkwürdiger Titel. Was umfaßt er? Was drückt er aus?

Jayne-Ann Igel: Das Geschlecht der Häuser umfaßt für mich nicht nur das konkrete Haus als Gebäude, sondern auch eine ganze Erziehung, Kinderstubeals Erziehung, die man hier im Lande genoß, also die vielen Arten von Anziehung und Abstoßung, die man in einem bestimmten Umfeld aushalten und verkraften mußte oder selbst mitgestalten konnte – manchmal. Auch deswegen Geschlecht der Häuser, weil das eine prägnante Lebensweise ist: Häuser − also alles in bestimmte Kategorien zu fassen und voneinander abzutrennen, obwohl doch miteinander alles in Beziehung steht. Und Geschlecht steht für die kulturgeschichtliche Dimension des Hauses.

Czechowski: Man lebt ja in Häusern, und was sich vorwiegend in Ihren Gedichten abspielt, geschieht innerhalb bestimmter Binnenräume, auf die Sie als Kind verwiesen worden sind. Das macht Ihre Gedichte so eigenartig, daß Sie diese Problematik der Ablösung vom Elternhaus in der Kindheit, in der frühen Kindheit und später in der Jugend, zum Thema gemacht haben. Ihre Gedichte haben diese Situation zur Voraussetzung, die ich, wie ich schon sagte, als eine Art Ablösung vom Vater- und Mutterbild bezeichnen möchte, wie es uns traditionell überkommen ist. Das Gedicht „nie wagte ich“ ist für meine Begriffe ein signifikantes Beispiel solcher Vergangenheitsbewältigung.

nie wagte ich, ohne Furcht eines jener Uniformstücke zu berühren, die den Leib des Vaters bildeten & nachts in mehreren Zimmern verstreut lagen; bei meinen Toilettengängen gewahrte mich der von Mutter täglich gebürstete Rock, der im Flur hing, die Sterne seiner Epauletten funkelten, die Knöpfe, in blaugrünen Stoff getaucht; wenn Teile des Vaters an der Garderobe seine Anwesenheit verrieten, nahm ich den kürzesten Weg zur Toilette, und doch sah ich einmal, die Tür zur Wohnstube stand offen, sein Hemd, über einen Sessel gebreitet, das ebenfalls mit Schulterstücken versehen war; der Vater erstand in der Frühe, wenn das Flurlicht zu leuchten begann, lautlos strömten die verstreuten Dinge dort zusammen, nach einem geheimen Plan, und dann hörte ich ihn husten, die Wasserspülung, in unser Zimmer drang der Geruch von Rasiercreme, deren Behältnis ich oft im Bad auf der Konsole betrachtete. Ich wußte genau die Zeit kurz vor seinem Weggang zu deuten; ein Geflüster im Flur hob an, ein Räuspern, dann fiel die Wohnungstür ins Schloß, das Licht erlosch, & ich stieg aus dem Bett, ein Frühstück mit Mutter erwartend.
Die Stiefel waren verschwunden, die wir allabendlich zu glänzen hatten, während die Mutter den Rock bürstete, Hosen bügelte oder graue Socken flickte; uns schienen die Stiefel das Wichtigste zu sein, denn auf ihnen wurde kein Flecken geduldet, wir fuhren mit unseren Händen tief hinein in ihre Höhlung & ertasteten die eingelegte Sohle, die wir nie zu Gesicht bekamen; den unteren Teil des Stiefels mochte ich lieber als dessen Schaft

Wie kommt es eigentlich zu solcher Entfremdung? Wie sehen Sie diese Art der Ablösung, die ja eine Entfremdung ist vom Elternhaus, von Vater und Mutter, wie Sie beide in diesem Text beschrieben haben? Eigentlich wird ja der Stiefel sozusagen zum Stellvertreter des Vaters, er wird zum Ding, das die Rolle des Vaters vertritt. Dahinter müssen sich doch biographische Einzelheiten verbergen?

Igel: Es stecken da mehrere Strukturen dahinter, die ich als Kind wahrnahm. Also erstens, daß die Eltern vor allen Dingen über Dinge wahrzunehmen waren, besonders der Vater – nicht so sehr in seinen Gefühlen, in seinen Regungen, sondern mehr über Dinge und über die Aura, die sie ausströmten, ob das nun diese Uniformstücke waren oder so. Und zweitens ist vor allen Dingen wichtig – und das habe ich im Prozeß des Schreibens herausgefunden −, daß das Vorleben der Eltern, das Leben der Eltern vor unserer Geburt, vollkommen im Dunkeln lag für uns – ich habe noch einen Bruder, deswegen für uns. Dieses Vorleben schillerte nur in irgendwelchen Anekdoten auf, die uns erzählt wurden, oder in bloßen Erinnerungen: So habe ich damals das und das und das gemacht. Aber es war uns im Grunde nie zugänglich, was die Eltern selbst zum Beispiel im Krieg, nach dem Krieg aber auch vor dem Krieg an wesentlichen Sachen durchgemacht haben, auch was sie an Verletzungen erlitten haben, und wie sie die Zeit des Nazismus wahr- und aufgenommen und verarbeitet haben. Das ist mir eine ganz unbekannte Seite gewesen.

Czechowski: Das ist Ihnen unbekannt, und das bleibt auch weithin unbekannt für den Leser. Im Grunde genommen erfährt man aus Ihren Gedichten, was die biographische Seite anbetrifft, nur, daß Sie, wenn ich das recht gelesen habe, innerhalb eines Gefängnisses oder eines Gefängnishofes, eines Zuchthausesgroßgeworden sind.

Igel: Das ist noch so ein weiterer Punkt, der etwas mit unserem Leben zu tun hat, also einerseits privat, andererseits aber auch gesellschaftlich relevant ist: Wir lebten neben einem Gefängnis. Das war und ist ein Haftkrankenhaus, hinter Dösen liegt das, darüber hat auch Gaby Kachold einmal geschrieben. Wir wohnten gegenüber der Siedlung Meusdorf, alle Polizistenfamilien für sich: Es wohnten zwar auch in jener Siedlung noch Polizistenfamilien, aber der Hauptanteil der in diesem Gefängniskrankenhaus beschäftigten Polizisten wohnte gegenüber der Siedlung in einem separaten Teil, zwei Wohnblocks mit je drei Eingängen. Es waren also die Väter von all uns Kindern, alle unsere Väter waren dort beschäftigt, aber auch etliche Mütter arbeiteten dort. Und es ist mir jetzt noch ganz seltsam, daß wir über die Realität Gefängnis nie sprachen, daß wir als Kinder zwar zu erkunden suchten, wie es dort drinnen aussieht, aber nie Fragen stellten: Wie geht es eigentlich den Leuten dort? Es war für uns eine ganz selbstverständliche Umgebung. Und diejenigen Häftlinge, also zum Beispiel Kalfaktoren, die auch mal nach draußen kamen und sogar für unseren Spielplatz neuen Sand heranfuhren – solche Häftlinge zu sehen, war für uns etwas ganz Normales. Es war eben die Arbeit unserer Eltern, die dort verrichtet wurde. Man hörte nur manchmal, daß vielleicht ein Wärter angefallen worden ist oder so etwas.

Czechowski: Wenn ich Sie recht verstehe, dann schreiben Sie ja gegen ein doppeltes Tabu an. Einmal gegen das Tabu der Elternschaft, also gegen die Geheimnisse dessen, was sich hinter den Schlafzimmertüren verbirgt, und zum anderen gegen das Tabu, daß man einfach nicht Einblick nehmen konnte in diesen Binnenbereich des Gefängnisses, daß das, was dort stattfand, was sich dort ereignete, sozusagen Geheimsache war, die man nur ahnen konnte und zu der es nur Kontaktbrücken gab in dem Sinne, wie Sie es eben beschrieben haben, daß Kalfaktoren den Spielplatz bereiteten oder dergleichen. Wie kommt man dazu, an einem gewissen Punkt seines Lebens überhaupt zu entdecken, daß es diese Tabus gibt? Sie hätten ja durchaus so weiterleben können, vielleicht sogar eine Laufbahn beschreiten können wie Ihr Vater. Aber Sie haben sich an einem gewissen Punkt Ihres Lebens, wie ich das aus den Gedichten herauslese, abgelöst und haben entdeckt: Es handelt sich um Tabus. Vielleicht können Sie das etwas näher beschreiben.

Igel: Irgendwann bin ich zum Schreiben gekommen. Da war ich aber einerseits noch vollkommen in meiner Erziehung befangen, in dieser staatstreuen Erziehung, und fing andererseits an zu schreiben, mehr wie im Rausch, aber es wurde zunehmend zur Erkundung. Und in dem Maße, wo es zunehmend eine Erkundung wurde und ich mehr erfahren wollte, wurde ich auch angestoßen durch andere soziale Gruppen, in die ich nach der Schule hineinkam, wo ganz harte Anfragen an meine Überzeugung gestellt wurden, an meine Ideologie, die ich da vertrat und empfangen hatte – ich war zeitweise als Lehrling und auch noch ein kleines bißchen später aktiv in der FDJ gewesen. Solche Anfragen aus ganz anderen sozialen Schichten und Kreisen haben mich auf gewisse Weise ins Nachdenken gebracht, zumaI ein Grundsatz, der mir vom Elternhaus her überkommen war, eine unbedingte Ehrlichkeit sich selber und anderen gegenüber forderte. Ich glaube, gerade das hat mir geholfen im Prozeß des Selbstverständnisses durch Auseinandersetzung mit anderen Leuten, mit anderen Haltungen. Durch das Schreiben mußte ich einfach Grenzen überschreiten, die Sie jetzt Tabus genannt haben, die ich aber als solche erst später wahrgenommen habe. In dem Moment mußte ich mich bewegen und die Grenze überschreiten. Also so, wie ich das jetzt eigentlich auch noch tue. Ich renne nicht einfach gegen Tabus an, sondern ich weiß, daß ich in irgend einer Bewegung die Grenze überschreiten muß zu etwas, das noch nicht gesagt worden ist, beziehungsweise nicht gesagt werden durfte oder nicht einmal gedacht werden durfte.

Czechowski: Es ist schon sehr interessant, wenn Sie Ihren Vater beschreiben und sagen, daß Ehrlichkeit das Prinzip Ihrer Erziehung war. Ich meine, man kann daraus schließen, daß Ihr Vater ein durchaus konsequenter und treuer Staatsdiener war, für den Ehrlichkeit keine Schimäre war; man war auch nicht korrupt, man war innerhalb der Grenzen, die gesetzt waren durch das Gesetz, ehrlich. Das macht es ja eigentlich noch unmenschlicher und furchtbarer, wenn diese Korrektheit und diese Treue zur Staatsdoktrin auch Ihnen gegenüber als Kind erstes Erziehungsprinzip war.

Igel: Es war so, daß seine Wahrnehmungsfähigkeit und damit aber auch unsere Wahrnehmungsfähigkeit als Kinder und Jugendliche, trotz solcher gutgemeinten Ideologismen, erheblich eingeschränkt war, eben aufgrund dieser Ideologismen, denen wir anhingen. Wenn irgend etwas von Gesetzes wegen unternommen wurde, wenn Ulbricht irgendwas sagte oder eine Handlung begründete, zum Beispiel ’68 diesen Einmarsch in der damaligen ČSSR, so waren wir immer der Überzeugung, man muß dem vertrauen, das hat irgendwo seine Gründe, es ist richtig, es so zu machen. Wir lebten also mit eingeschränkter Wahrnehmungsfähigkeit, weil wir gar nicht hinterfragen konnten: Wie empfinden eigentlich die anderen das, eben die, denen ein Knüppel zwischen die Beine geworfen wurde, oder wie empfinden die Tschechen oder die Slowaken das im Falle ’68? Oder die Sprengung der Universitätskirche zu Leipzig, was ich auch alles schon bewußt miterlebt habe – wie empfinden die Christen das? Auf solche Fragen kamen wir gar nicht.

Czechowski: Sie haben später Theologie studiert. Halten Sie den Übergang von dem einen Glauben an die Autorität des Staates zu dem anderen Glauben an einen persönlichen Gott, an Jesus Christus, für zufällig? Ich möchte das noch ergänzen. Ich meine, Dichtung ist ja nur in dem Maße privat, wie sie Fakten vermittelt, die uns, die wir außerhalb stehen, unbekannt sind. Der Rest jedoch ist das im besten Sinne Allgemeine. Jenes meine ich, das im Sinne Hegels die welthistorischen Katastrophen vorwegnimmt, die uns erreichen. In diesem Sinne lese ich Ihre Dichtung nicht als eine private, sondern als eine allgemeine Dichtung. Wie sehen Sie in Ihren Gedichten die Katastrophen, denn um nichts anderes handelt es sich meiner Meinung nach, die die DDR in den letzten Monaten betroffen haben? Anders gesagt: Halten Sie Ihre Gedichte in einem umfassenderen Sinn für politisch? Sie haben Ihre Kindheit, von der Ihre Gedichte vorwiegend handeln, im Schatten von Gefängnismauern verbracht. Immer wieder stößt man auf Spuren, um diese Metapher Ernst Blochs aufzunehmen, die in einen Bereich führen, der dem Normalbürger unbekannt geblieben ist. Sie haben in Ihren Texten Spuren aufgenommen, die in der Lyrik der DDR, so meine ich, neu sind, ja im gesamten deutschen Sprachraum, wenn ich einmal von den Gedichten Ulrich Schachts absehe, der innerhalb von Gefängnismauern geboren wurde. Wie sehen Sie die Einmaligkeit Ihrer frühkindlichen und späteren Erfahrungen im existenziellen Schatten Ihrer Kindheit? Da ist zum Beispiel das folgende Gedicht:

ich weiß nicht, wann wir das Innere des Straßengrabens für uns entdeckten; er verlief hinter dem Wäldchen, das sich vor unserem Haus erstreckte, und verhieß eine solche Tiefe, daß wir uns nicht in ihn hinabwagten; wir näherten uns den Böschungen beidseitig der Straße, die sich in einem Rhythmus von Steigungen & Gefälle staffeIte, mit den Händen, befühlten ihre vom Split der Straße wunden Ränder, die grauen & in der Tiefe merklich grüneren Gräser; wir griffen nach den Blumen, die nahe des Grundes wucherten & erblickten uns auf der Sohle des Grabens, wir schritten im Gänsemarsch dahin, verborgen vor den Blicken der Fahrzeugführer, Passanten, wir beobachteten uns im Laufen & sprangen uns nach, der Graben zog sich unendlich & gerade, seine Sohle von Moderwerg, vorjährigem Laub bedeckt, wir scheuten uns, es mit nackten Füßen zu berühren, und wir waren der Schätze wegen hinabgestiegen, die dort lagern sollten, sagenhafte Dinge, geworfen aus den vorbeiziehenden Wagen vornehmeren Typs, so brachen wir auf zu Wanderungen & bargen die buntbedruckten Zigaretten- & Streichholzschachteln, die Flaschen, und es fanden sich auch einzelne Kleidungsstücke, oft zerschlissen, Fliegende Blätter, Messer, die verkrusteten Bälge überfahrener Igel & Katzen, Glassplitter, zerborstenes Holz, Scherben erlesener Gefäße, die wir nicht mehr zusammenzufügen vermochten; der Graben schien uns eine Welt, in der die Dinge durch die Wundmale ihrer Körper sprachen, wir lagen an den Böschungen in Stellung, in Augenhöhe passierten Fahrzeuge unseren Trupp, von denen aus man nur unsere Schöpfe sehen konnte, die dem Grase glichen, das die Straße säumt

Dieser Text, Jayne-Ann Igel, markiert für meine Begriffe einen Ausbruch aus dem Inneren des Geschlechts der Häuser in die wie auch immer deformierte Natur. War es für Sie wichtig, sozusagen die Welt außerhalb der Gefängnismauern zu entdecken und diese Natur, wie immer sie beschaffen sein mochte, als etwas außerhalb des Geschlechts der Häuser Existierendes wahrzunehmen?

Igel: Die Dinge, die in diesem Text beschrieben werden, liegen scheinbar außerhalb der Häuser, außerhalb des Geschlechtes der Häuser und stehen doch damit in Beziehung. Denn es sind ja die Verletzungen, die wir der Natur und den Dingen beifügen, Verletzungen, die wir gleichzeitig, indem wir sie diesen Dingen beifügen, uns selber beifügen. Ich habe irgendwann erkannt, daß jede Zerstörung von Dingen auch einen selber angreift, ein Stück von einem selber mit zerstört, es also etwas Schmerzliches ist, so eine Zerstörung vorzunehmen.

Czechowski: Aber führt das nicht etwas zu weit von diesem Text weg? Kann man diesem schönen Text diese Art von Interpretation zumuten? Hier ist ein Stück Kindheitswelt aufgenommen und bearbeitet worden. Ich weiß nicht, ob man in solcher Verallgemeinerung über diesen Text reden kann.

Igel: Diese Verallgemeinerung ist nicht so sehr nur auf diesen Text bezogen. Ich möchte auch noch weitergehen, insofern die Wahrnehmung mit allen Sinnen für mich als Kind immer etwas unheimlich Wichtiges war, und je mehr ich langsam vom Elternhaus mich lösen konnte, auch innerlich mich davon unabhängig machen konnte und auch nicht mehr in diesen Denkstrukturen oder Denkvorgängen nur noch verhaftet war, umso mehr vermochte ich mich auch dadurch zu entgrenzen, durch den aktiven Gebrauch aller Sinne, einschließlich des Denk-Sinnes, der für mich eine große Rolle spielt.

Czechowski: Mit Ihren Texten haben Sie in Ihr Leben eingegriffen. Sie haben durch Schreiben Ihr Leben verändert, indem Sie ganz bewußt sich von irgend etwas Vergangenem nicht einfach distanziert haben, sondern Sie haben das schreibend bewältigt. Und ich finde es erstaunlich, wie Sie denKleinsauer des Alltags, um ein Wort Wilhelm Lehmanns zu gebrauchen, auf eine metaphorische, dichterische Ebene gebracht haben. In welchen Traditionen sehen Sie sich eigentlich? Wo haben Sie, als Sie zu schreiben begannen, angeknüpft? Und als zweite Frage: Wie stehen Sie zu dem Naturlyriker Peter Huchel, in dessen Namen Sie ja nun neben dem Preisträger Ernst Jandl besonders erwähnt werden?

Igel: Die Frage nach den Traditionen ist für mich schon immer schwierig gewesen, weil ich irgendwann einmal selbständig einen ersten Schritt getan habe. Ich habe als erste Gedichte die Gedichte von Walter von der Vogelweide gelesen, weil ich die einmal geschenkt bekam. Dann hat mich später Paul Verlaine angezogen, und dann kam Rimbaud dazu, dann Bobrowski, und dann müßte ich immer schneller werden, um rasch noch ein paar hundert Namen aufzusagen, und das wird schwierig. Die Gedichte von Peter Huchel habe ich in Abschriften von Büchern kennengelernt, zum Beispiel von dem BandChausseen Chausseen. Ich spürte schon immer einen Bezug dazu, weil das für mich nicht so sehr reine Naturlyrik ist, sondern es geht darin doch in einer ganz intensiven Weise um Haltungen, um menschliche Haltungen, die in seiner Dichtung erkundet werden und gesprochen werden und in einen Raum wirken, den seine Gedichte bilden.

Czechowski: Der frühe Huchel war ja schon sehr stark einer sozial determinierten Natur verpflichtet. Es ist bei uns von ihm nur ein Band erschienen, der Band Gedichte von 1948 im Aufbau-Verlag, eine Kostbarkeit inzwischen.

Igel: Auch davon habe ich Auszüge, aber eben nur maschinenschriftliche.

Czechowski: Natur ist in Ihren Gedichten ein Refugium, das doch, wenn auch manchmal biblisch verfremdet oder als Natur der Hirten, für Sie ein wichtiger Gegenstand geworden ist.

Igel: Es wird darin überall unser Verhältnis dazu offenkundig, wie Natur heute beschaffen ist und aussieht, weil es ja kaum noch Bereiche gibt, natürliche Bereiche, wo der Mensch noch nicht wirksam geworden ist. Ich zweifle immer mehr unser Verständnis von Fortschritt an, was eigentlich menschlicher Fortschritt bedeutet, ob das immer mehr Mittel zu immer mehr Zwecken ist, oder ob menschlicher Fortschritt nicht vor allen Dingen einer der Seele sein müßte, einer inneren, qualitativen Vervollkommnung des Menschen in seinen Handlungen, in seinen Haltungen, in der Aufarbeitung seiner eigenen Geschichte – das scheint mir tatsächlich mehr mit Fortschritt zu tun zu haben.

Czechowski: Sehen Sie denn einen Zusammenhang zwischen dem, was Sie jetzt definiert haben in Ihrem Verhältnis zur Natur und zum Natürlicher-Werden, und, im Sinne einer gewissen Rückkehr, dem Rollentausch, dem Geschlechtertausch, der Geschlechtsumwandlung, die Sie augenblicklich vornehmen? Steckt in diesem Tausch ein Stück des Versuches, sich der Wahrheit zu nähern, sich selbst als Wahrheit und als Erfahrung näherzukommen? Ich sehe da Brücken, ich sehe da zwischen dem, was Sie sagten, und dem, was ich jetzt angesprochen habe, durchaus Möglichkeiten von Beziehungen.

Igel: Ja, es gibt da Beziehungen. Nur ist das, was meinen geschlechtlichen Rollentausch, meine eigentliche Identität also anbetrifft, keine Wahlvon mir selber, sondern ich habe durch die Arbeit, durch das Schreiben, durch die Erkundungen eigener Haltung und auch der Haltung anderer Menschen dazugefunden. Die Identität, um die es mir geht, war schon immer in mir, sie war in der frühen Kindheit ausgebildet, nicht nur laut einem Lehrbuch, sondern ich selber habe das in mir gewußt, sie war immer stetig da und präsent. Ich versuchte dann natürlich, besonders als Jugendlicher und auch als Erwachsener, irgendwie dagegenzuleben. Ich hatte auch keinen Begriff für diese Sache, die da in mir war – den habe ich erst im vorigen Herbst überhaupt gewonnen. Es gab für mich keine Vergleichsmöglichkeiten dazu. Aber daß ich diese Identität, die in mir immer währte, letztendlich angenommen habe und dadurch freier geworden bin – das ist es. Und das hat auch mit der Geschichte zu tun, die sich in unserem Lande vollzogen hat voriges Jahr im Herbst – da sehe ich mich auch drin. Das war für mich sogar richtig wohltuend, daß ich selber endlich zu mir kommen konnte, und daß es dann zugleich plötzlich im Oktober ’89 mit dem Lande genauso ging, daß auch im Lande plötzlich sowas wie eine eigene Identität bewußt wurde und aufbrach, eine eigene Identität, die jetzt dem Lande leider fast schon wieder verloren ist – nebenbei gesagt.

Czechowski: Wir sprachen schon von Tabus, und mit diesem Geschlechtertausch, mit dieser Findung Ihrer geschlechtlichen Identität, haben Sie ein drittes Tabu gebrochen. Und was Sie zuletzt sagten über Ihre Identitätsfindung im Zusammenhang mit den politischen Ereignissen innerhalb der DDR, das macht es ja zwar wirklich interessant, aber gleichzeitig auch ungeheuer schwierig, das jetzt zu ergründen, diese doppelte Befreiung zu ergründen als eine totale Befreiung, als eine Veräußerlichung sehr verinnerlichter Konflikte. Daß die Befreiung des Landes jetzt im Gerangel der beiden noch vorhandenen deutschen Staaten wieder verlorenzugehen droht, das haben Sie auch benannt, und das halte ich für sehr wichtig. Da könnte ich natürlich die Frage anknüpfen: Wie sehen Sie sich und die Perspektive Ihres Schreibens in diesem Zusammenhang, in dem politischen Zusammenhang der Ereignisse vom November, Dezember ’89 in der DDR bis heute? Sehen Sie da wesentliche Probleme verankert, die auf Sie zukommen werden in der nahen Zukunft?

Igel: Eher soziale Probleme. Politisch und gesellschaftlich ist es ja so, daß ich schon immer mich in eine Minderheitsecke gedrängt fühlte, beziehungsweise mich selbst immer wieder aus so einer Minderheitsecke herausbewegt habe und schreibend, fragestellend, offensiv geworden bin. Das wird sich nicht ändern. Ich glaube, Haltungen, die ganz ernst unsere Geschichte hinterfragen, sind zur Zeit nicht mehrheitsfähig, also werden Leute unserer Art wohl weiterhin, ohne Überheblichkeit gesagt, eine Rolle spielen müssen, die sie auch vorher schon gespielt haben, nämlich zu mahnen, auf Geschichte hinzuweisen, Geschichte, auch wenn es unangenehm ist, zu erkunden, zu erarbeiten und alle Unannehmlichkeiten aufzuzeigen, die auch heute noch geschehen werden. Das wird uns nicht erspart bleiben. Bestimmt hat sich der Standort qualitativ ein bißchen verändert. Wir brauchen jetzt nicht mehr einen Maulkorb zu befürchten, das ist ein Gewinn, aber wir schreiben weiterhin aus der gleichen, ein wenig verlassenen Position heraus. Ich sehe aber meine Perspektive in gewisser Weise noch ungefährdet, da ja, was ich thematisch erarbeiten muß, in mir begründet liegt, meine Thematik nicht außerhalb meiner liegt. Ich werde wohl immer so schreiben können, egal was für eine politische Situation nun gerade herrscht. Das ist wie ein Uhrwerk in einem selber, das läuft ab, die Feder ist in einem selber so stark, daß sie durch etwas Äußeres nicht so leicht irritiert werden und springen könnte.

Czechowski: Zum Schluß zu Ihren neuen Texten. Sie haben in letzter Zeit Träume bearbeitet, Träume, und damit schließt sich gewissermaßen der Kreis unseres Gespräches, die Aussagen ermöglichen über die Befindlichkeit Ihres Ichs in der Nachfolge der Aufarbeitung Ihrer traumatischen Vergangenheit, Träume, die Verletzungen benennen, aber eben Träume. Träume in dieser Zeit, in diesem Moment – ein Zufall oder kein Zufall?

Igel: In der Selbsterkundung, in der ich eben stecke, und in der Schreibspannung, die in mir selber begründet liegt, ist es kein Zufall, wenn ich mich Träumen widme. Ich habe mich schon sehr lange Träumen gewidmet, schon seit Anfang der 80er Jahre. Ich habe mich nur jetzt entschieden, intensiver mit Träumen zu arbeiten. Lange Zeit habe ich probiert, in welcher Art man Träume für Dritte lesbar machen kann, ohne daß man einen ganzen Kontext erklären muß, und habe in dem Sinne viel laboriert, habe mich auch mit Büchern anderer beraten, mit Bächler zum Beispiel, mit Fühmann, mit dem alten Friedrich Huch, selbst mit Kérouac – also alle mögliche Traumliteratur, und ich wußte nur: Ich mußte es anders machen. Zum Schluß nun also solch ein neuer Text:

war ich im traume kind, daß ich an mutters seite durch die schlippe ging, jenes zu einem s-bogen geformte wegstück, flankiert von dichtem gebüsch, das unseren wohnblock mit den häuschen der siedlung verband, ein weg, der zur nacht im dunkeln lag und hinter dem gehölz währten verwildete gärten; als wir durch die schlippe liefen, hatte reif die vom frühling schon berührten büsche bedeckt, und viele der zweige brachen aus der reihe hervor, umschlossen von einer schicht durchsichtigen eises, sie verengten die gasse, ich hatte angst, am nächsten morgen allein diesen weg zur schule zu gehen, ausgesetzt den bizarren gebilden, die im dunkeln zu schimmern begannen, doch mutter beharrte darauf, daß ich ohne begleitung ging, sie wolle mir einen krebs mitgeben zum schutze auf diesem weg, würfe ich ihn unter die zweige eines der sich zu sehr hervordrängenden büsche, ließe jedwede gestalt sofort ab von mir

Aus: Peter-Huchel-Preis Jahrbuch 1990. Ernst Jandl. Texte, Dokumente, Materialien. Elster Verlag, 1991

 

Bernd Igels hier zum ersten Mal vorgestellten Gedichte

und Prosagedichte (1980–1988) lassen ihn sofort als einen der bedeutenden jüngeren DDR-Lyriker erkennen. Sie sind kraftvoll und dunkel und kreisen um die Themen Traum und Tod, Gefangenschaft, Nacht und die Scham des Sprechens.

S. Fischer Verlag, Klappentext, 1989

 

Moder und Blätterwerg in Leipzig

Seit einigen Jahren tauchen in Anthologien – Vorreiter war das Luchterhand Jahrbuch der Lyrik 1985 – Bernd Igels Gedichte mit ihren unverwechselbaren Landzeilen auf. Obwohl sie wie Prosatexte angeordnet und gedruckt sind, hat der Autor jedes Recht, sie Gedichte zu nennen. Sie sind stark rhythmisiert, und kaum jemals stürzt ein Bild ab. Gleich in diesen ersten Texten war ein Ton zu hören, der nicht unmittelbar neu, doch eigen war. Ein hoher, schmerzhafter Ton, eher den Poètes maudits verwandt als einer Zeitgenossenschaft verpflichtet. Nach einem Band in der DDR-Reihe Poesiealbum liegt nun sein erster Gedichtband Das Geschlecht der Häuser gebar mir fremde Orte vor. Der früheste Text stammt aus dem Jahr 1980, als Bernd Igel 26 Jahre alte war. Leise Gedichte, die in intensiven Suchbewegungen den Ort, die Gerüche, Geschmäcker der Kindheit beschwören; ja, kein anderes Verb paßt hier als beschwören. Es sind Gedichte, deren langer Atem aus der bedrohlichen Stille der Gegenstände gewonnen ist. Jemand hat lange geschwiegen in der magischen Kindheitswelt und ist zu einer Sprache gekommen, die ihn aus dem vergangenen Nicht-Paradies unerbittlich austreibt in einen Zustand der Welt, der Sprachvernebelung, Inflation der Wörter heißt. Doch gibt es, anders, als bei den großen dunklen Vorbildern, in Igels poetischer Welt nicht den Wunsch nach Verwandlung durch das Kunstschöne, die Rettung in die Poesie, als müsse man die schmerzhaft häßlichen Gegenstände nur mit dem Wunderputzmittel Sprache polieren, und schon glänzten sie.
In einem kleinen autobiographischen Text spricht Igel davon, daß er in eine gefährliche Falle, die Dichtung tappte. In der Tat: Das, was in der DDR hochgemut Dichtung genannt werden kann, ist eben nicht die erwünschte Teilhabe, sondern eher ein fast automatischer Ausschlußprozeß, die selbstgewählte Minorität der Minorität und insofern die einzige Falle, in der die Flügel nicht gestutzt werden.
Bernd Igels poetische Welt ist düsterer als die aller anderen jungen deutschsprachigen Lyriker heute. Sie besteht aus Krankenhaussälen, Gefängnissen, Friedhöfen. Ihre Ornamente sind Verfall, Moder und Blätterwerg. Es ist die Kehrseite der öffentlich zugänglichen Welt, eine Welt des Ausgesetztseins, des Grauens, der unfreiwilligen Gemeinschaft. Eine Welt, in der in Ermangelung eines anderen Lustgegenstandes ein Tischbein zwischen die Schenkel geklemmt wird. Eine Welt der toten Seelen. Aus dem Gesagten Rückschlüsse zu ziehen auf das Land, in dem Bernd Igel lebt, die DDR, ihre gesellschaftliche Verfassung, die Stadt Leipzig, in der er nach einem Theologiestudium und verschiedenen Gelegenheitsarbeiten nun als Autor lebt, wäre nicht nur taktlos, sondern auch spekulativ und subliterarisch. In den poetischen Texturen glänzt die konkrete Gesellschaft eben durch ihre Abwesenheit. Es gibt in diesen Gedichten keine Fluchtpunkte und keine Heimkehrfreuden. Es sind Selbstvergewisserungen im Ortlosen. Sie sind radikal in ihrer Suche, der verstümmelten Sprache zu entgehen. Gewiß geht Bernd Igel von ähnlichen Voraussetzungen der Ich-Suche, eines intellektuellen Bei-sich-Seins aus wie viele Autoren der siebziger Jahre, doch sind seine Ergebnisse vollkommen andere. Es fehlt das photographische Abbild einer Alltagswirklichkeit, es fehlt das Pathos der Aufklärung, das Igels Generationsgenossen Uwe Kolbe und Sascha Anderson durchaus haben.
Es wird Gegen eine Wand gesprochen, wie ein Gedicht heißt. (…) wir denken nicht mehr an die Zukunft, die verfälschter / Vergangenheit gleicht, wir machen uns nur noch um die / Vorabende, Sorgen, die furchtsam gepriesene Geschichte. Ein tastendes Sprechen, das sich lieber in sich selbst zurückzieht, als sich falschen Hoffnungen auf Gewißheit zu ergeben. Der Autor macht sich zum blinden Passagier seiner eigenen Odyssee.
Der Stiefel des Vaters, den der Sohn wichsen muß und in dessen Höhle die Hand fährt: das ist die Metapher für die geordnete Außenwelt aus Überwachen und Strafen, eine Welt der Vereinnahmung. Das Gedicht über die Stiefel endet lakonisch: den unteren Teil des Stiefels mochte ich lieber als dessen Schaft. Überhaupt sind die Höhlungen, auch die Körperöffnungen, der im Schlaf offenstehende Mund der Mutter, die eine große stille, die aus dem inneren der mutter dringt, quasi utopische Orte, Dunkelheiten, in denen nichts aufbewahrt wird, die keine Geheimnisse haben. In den Höhlungen sucht das erwachsene männliche Kind Schutz, verbirgt sich vor dem Überwachungsauge des Großen Bruders, das bei dem ehemaligen Theologiestudenten Bernd Igel auch als ein überdimensioniertes Gottesauge gedacht werden kann. An anderer Stelle heißt es: getroffen von Altmännerblicken. Die Scham der Übertretung, die das männliche Kind im Gedicht erfaßt, wenn es mit dem Bruder die Körperlust erkundet, steht vielleicht auch für die Scham des Individums in seiner Gesellschaft, das alles falsch macht, weil und so lange es vor allem ein eigenwilliges Individuum sein will. Bernd Igels Gedichte sind im besten Sinne junge, doch keineswegs nachpubertäre Gedichte. Auch wenn die Erkundungen sich in die geschlossenen Bereiche des Gefängnisses zurückziehen – auch der einzelne Körper ist eines – so wecken sie Neugier und Hoffnung, daß hinter aller Düsternis hellere Spracherfahrungen zu machen seien.

Ursula Krechel, Südwestfunk, 18.11.1989

Wo Nachtmahre flüstern

Es ist nicht zufällig, daß sich in den zurückliegenden Jahren, die man auch für die DDR als Trendwende bezeichnen könnte, eine jüngere Schriftstellergeneration zu Wort meldete, die von einem grundlegenden Mißtrauen gegenüber der öffentlichen und verordneten Sprache geprägt ist. Welche Welten das alte und das neue Denken, die ideologische und die subversive Sprache in der DDR trennen, das wurde auf frappierende Weise offenbar, als sich jetzt die klirrende Jubiläumsrhetorik der SED-Greise mit den phantasievollen Provokationen der Straße konfrontiert sah. In ihrer Verweigerung jedweden politischen Diskurses hat eine Handvoll jüngerer Schriftsteller diese Konfrontation längst schon antizipiert; der S. Fischer Verlag legte im letzten Jahr mit dem Band Stimmen und Texte einer anderen Literatur aus der DDR (ausführlich besprochen in RM Nr. 13 vom 25.3.1988) ein wichtiges Dokument dieser veränderten Stimmungslage vor. Jetzt setzt er dies mit der Herausgabe eines Gedichtbandes des DDR-Lyrikers Bernd Igel fort, der schon in der von Egmont Hesse edierten Anthologie Sprache & Antwort von 1988 mit Gedichten und einem autobiographischen Text vertreten war:
„Nimm die Hand vom Mund, wenn Du sprichst“, mahnten die Eltern mich oft, und hatte es vielleicht gerade dieser Hand bedurft, Worte zu sprechen durch den Rechen ihrer Finger, um wenigstens etwas Ordnung in deren Konfusion zu bringen, denn groß war meine Furcht vor ungekämmt geäußerten Gedanken, störrisches, zurückgebliebenes Kind, als das ich galt, und als Rettung galt mir jedes Wort, zwischen den Fingern hervorgesprochen, das man nicht verstand; so schwieg ich also, unfähig, die Hand von den Schamlippen des Mundes zu lösen. Bernd Igels Erinnerung an die Sprechhemmungen seiner Kindheit sind auch ein wichtiges Thema des Lyrikbandes. Die Unversehrtheit des Gedankens ist ihm, dem Sohn eines Gefängniswärters (Bernd Igel wurde 1954 in Leipzig geboren), wichtiger als der Tauschwert der Alltagsrede, die seine Träume in die billige Münze der Verständigung einwechselt: ich spürte die Stimmen Anderer in den mir beigegebenen Worten, Worten voller Boshaftigkeit, die ich sprechen mußte, weil sie vorhanden sind, die mich verwirren in ihrem Klang, der aus der Tiefe meines Körpers stieg.
Trotz des durchgängig autobiographischen Gestus sollte man das lyrische Ich dieser zwischen Kunstprosa und Lyrik changierenden Texte und die Autorperson nicht allzu vorschnell in eins setzen. Die Imaginationen führen ausnahmslos ins Zwischenreich des Wachtraums; Nachtmahre beugen sich über den bleichen Schläfer und flüstern vom Tod, der sich in vielerlei Gestalt naht, Lebende und Tote vertauschen sich in überraschender Metamorphose, die frösteln macht. Die Poeme gewinnen dem offensichtlichen Autismus des Kindes ungeahnte Schätze ab, lassen in der Verfremdung des Vertrauten gleichsam röntgenologisch die Morbidezza der Dinge aufscheinen.
Die Gedichte sind zwischen 1980 und 1988 entstanden und wirken dennoch völlig zeitlos, unberührt von den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen des Landes, in dem sie entstanden sind – und damit, in der Negation, auf eine vertrackte Wiese wieder politisch, in ihrer Assozialität der Wahrnehmung system- und gesellschaftskritisch.
Mutter, Vater, Bruder: der Lebenskontext, von dem diese Miniaturen erzählen, hat etwas Archaisches, es ist der Mythos Kindheit, den Bernd Igel in immer neuer Variation beschwört. Das Mütterliche wird zum entindividualisierten Raum einer Zuwendung, in der die beiden Brüder symbiotisch eingeschlossen sind. Eine verschwörerhafte, innengesteuerte Sozialstation wird hier behauptet, die dem sozialistischen Erziehungsanspruch Hohn spricht. Das vom Mond hypnotisierte Kind verbrüdert sich mit den in den Nachthimmel auffliegenden Sehnsüchten der im gegenüberliegenden Gefängnistrakt Eingeschlossenen. Die Person des Vater – hier macht sich Bernd Igel in eindrucksvollen Sinnbildern zum Sprecher einer ganzen Generation – verschwindet ganz hinter den Insignien der Macht, hinter Epauletten und schwarzglänzenden Stiefeln, die der Knabe im elterlichen Schlafzimmer bedrohlich liegen sieht.
Der metaphernreich beschriebene störende Weg aus der Kindheit heraus ins gemeine Leben ist ein Leidensweg als Der Zögling: war ich endgültig gefangen, als ich ihre Sprache lernte, meine stimme ein vogellaut, der mich ihnen bewahrt; sie hielten mich am hause gleich dem rebstock, dessen triebe sie beschnitten, daß er die zimmer nicht verdunkele.
Das titelgebende Gedicht ist die düstere Folie, vor der die Reminiszenz an die Erlebnisfülle der Kindheit umso heller leuchteten: das geschlecht der häuser gebar mir fremde orte, und ich schlich an den pforten vorbei, hoffend, daß sich deren mund nicht öffnete / ich schaute durch die fenster in wohnstätten hinter glas, räume begannen sich zu regen unter den berührungen der lippen meines augenpaares.
Der Ort des Gedichts
aber ist – neben Traum und entgrenzender Vision – die Natur, deren Sprache schon der Knabe vertrauensvoll lauschte. Ganz gewiß ist es nichts aufregend Neues, wenn da ein junger Dichter versucht, den Text der Natur, den Rebus zu entziffern – ein Topos abendländischer Dichtung. Innovativ ist das aber immerhin für eine Generation, die sich bislang kaum von der großen deutschen Naturlyrik, von Lehmann oder Loerke, inspirieren ließ – am ehesten vielleicht noch von Peter Huchel oder Sarah Kirsch. Man kann das, in einer Zeit, in der man in der DDR allmählich die Verwüstungen zu entdecken beginnt, die der sozialistische Raubbau diesem Land zufügte, traditionell nennen oder naiv – nein, ich denke, es handelt sich doch eher um utopische Gegenbilder, legitimiert durch die Leuchtkraft unmittelbarer Erfahrung: ich liebe den saum der birken, ihren atem ihre seele aus wasser sie sprechen eine heimat in mich, die ich vordem nicht kannte, wenn ich ihren stamm berühre, die narben abgeschlagener äste / und ihr licht macht den boden der arche, auf den ich mich lagern mag, ringsum trocken, es macht ein gras wachsen, das mit feinen stimmen spricht, ich spüre die zeitalter währen / oft gehe ich den weg der mir vertrauten, es ist der weg, der mich aufnimmt in meinem weinen, in den konvulsionen des leibes, es ist der weg, der mich loslöst von mir / und ich sehe die widerspiegelung ihres gezweiges im wasser der pfützen, die immer beunruhigt scheinen, zittern, unter den lauten der luft, meinem atem aus asche, und dies ist der ort des gedichts.
Bernd Igels Gedichte erschließen sich nicht immer so leicht wie das oben zitierte, manches davon verliert sich in einem dunklen Raum, das mehr Stimmung ist als lyrische Gestimmtheit. Doch die Bilder, die der Dichter aus seiner lange gehüteten Innenwelt ins Gedicht entläßt, sind oftmals von begeisternder Originalität. Fast unbegrenzt erscheint der Metaphernreichtum, wenn Igel von der imaginativen Rückreise in die eigene Kindheit spricht: Ich fuhr mit blauer Lokomotive in die mir verschlossenen Kindheitsorte ein. Gelungen auch die folgende paradoxe Umkehrung, die an die ekstatische Sprache der französischen Surrealisten, an Dichter wie Saint-Pol-Roux erinnert: Sie sind ermüdet vom Halten des Blindenstocks, der aus allen Gegenständen die Finsternis hervorlockt.
Voilà, ein junger Dichter aus der DDR: Beharrliches Schweigen wurde reif und – bedenkt man all die polierten Belanglosigkeiten hierzulande, deren Eklektizismus sich hinter dem Zauberwort Postmoderne so geschickt verstecken läßt – zum erlösenden Dichterwort. Das Lektorat der Collection S. Fischer, schon immer ein Anwalt junger deutscher Literatur, hat mit der Herausgabe dieses ungwöhnlichen Lyrikbandes erneut Spürsinn und (Entdecker-)Mut bewiesen.

Heimo Schwilk, Rheinischer Merkur, 1.12.1989

Schutzzone nachts

(…) Die Gedichte des Leipzigers Bernd Igel (Jahrgang 1954), der sich jetzt Jayne-Ann Igel nennt, könnten unter dem Motto stehen: Schutzzone nachts – angesichts der in ihnen bevorzugten Tageszeit. Der tatsächliche Titel Das Geschlecht der Häuser gebar mir fremde Orte entspricht freilich nur zu gut dem hohen Ton, der hier bisweilen angeschlagen wird. Der Titel ist indes auch eine Anspielung auf den fremden Ort, den dieser Erzpoet in der jüngeren DDR-Lyrik einnimmt.
Igel gibt sich nicht nur Nacht- und Traumstücken hin, sondern ebenso entschieden einer religiösen Metaphorik. Tage des Herrn ist ein Kapitel bezeichnenderweise überschrieben. Doch bieten die Texte des ehemaligen Theologiestudenten nicht pure religiöse Erbauung. Es sind (eine Form, die in der DDR lange verpönt war) lange Prosagedichte in freien Rhythmen und locker gefügten Strophen. So vermeidet Igel übertriebene Feierlichkeit und schafft sich Raum für Widersprüche. Rausch und Ernüchterung, Geborgenheit und Angst (vor Bestrafung) bestimmen sein Verhältnis sowohl zur Nacht als auch zu Gott nur ein Name bei Igel für die metaphysische Instanz.
Über die Kindheit flüstert Bernd Igel, spricht er gleichsam mit vorgehaltener Hand. Denn dort liegt der Ursprung, der Scham, die für ihn mit einem Schweigen der Worte beginnt. Zunge, Lippen, Mund: Dies sind die wiederkehrenden Worte in Texten, die davon handeln, wie einer – gegen den Widerstand der Umwelt – dann doch zur Sprache gelangt. Unerwartet wird es bei Bernd Igel doch noch politisch. Da formuliert er im Wechsel von ich zum wir die Erfahrung seiner Generation, die eine eigene Stimme sucht:

hör ich jemand „Zukunft“ sagen, „Morgen“, gedenk ich der
ausgestopften Tiere im Museum, des Schweigens der Wächter
Ladenhüter, die mit Sprechfunk die Säle kontrollieren
wir denken nicht mehr an die Zukunft, die verfälschter
Vergangenheit gleich (…)

Hajo Steinert, Die Zeit, 8.12.1989

Szenerie im Innern

Natürlich liest man sie jetzt anders, diese Gedichte – hermetisch verschlossene Lyrik aus der DDR. Im Zeitraum von November 1980 bis September 1988 hat Bernd Igel, 1954 in Leipzig geboren, die Entstehungsmonate seiner Gedichte peinlich genau datiert – das Kalendarium seiner lyrischen Geburtswehen und Nachgeburten verrät freilich zuvörderst den eigentümlichen Stillstand, der in diesen Texten herrscht: im dauernden MärzNovember treiben wir. Lyrische Stilleben aus einem Land, das in den letzten Monaten so heftig in Bewegung geraten ist, Suchbilder aus einer Landschaft, deren Topographie mit den Staatsgrenzen nicht zusammenfällt. Igels literarische Rückzugsbewegung präludiert den kollektiven Aufbruch allenfalls ex negativo: Wir zogen fort von den Verbrüderungsszenen, heißt es in einem Gedicht, in dem der einsame Ort dieser Lyrik umrissen wird: der Exil gewordene Körper.
Das Geschlecht der Häuser gebar mir fremde Orte ist die erste Buchveröffentlichung des DDR-Autors überschrieben. Sie skizziert eine Szenerie, die ganz in einem Innenraum angesiedelt ist, Orte, deren Herkunft sich einem architektonischen Unort verdankt: das geschlecht der häuser gebar mir fremde orte, und ich schlich an den pforten vorbei, hoffend daß sich deren mund nicht öffnete…
Diese verstohlene Schleichbewegung ist gewissermaßen typisch für diese Lyrik, wobei sich die semantisch evozierte dumpfe Angst vor Mündern, Gruben und Gräbern sogleich als ambivalenter entpuppt: als Wunsch, zurückzukriechen ins Exil des Körpers. Ein Fluchtpunkt, der sich in den vielfach beschworenen Bildern von Erde, Wasser und Höhlen unschwer als Mutterleibsphantasma preisgibt. Da spricht einer, der herausgetrieben wurde in eine Welt, der er nicht standhält, ein störrisches, zurückgebliebenes Kind nach biographischer Selbstauskunft, unfähig, die Hand von den Schamlippen des Mundes zu lösen, die Pforte der Worte und des Atems so einfach preiszugeben, sehen zu lassen woraus meine Sprache kroch.
Daß Bernd Igel in seinen Gedichten nun kein Blatt mehr vor den Mund nähme, kann man nicht behaupten; Schamhaftigkeit wäre keine schlechte Charakterisierung für sein naturlyrisches Versteckspiel hinter Rilkes von weit fallenden Blättern oder traklsch ausgebleichter Tier- und Mond-Metaphorik. Daß er sich dennoch einen eigenen sprachlichen Ort erschreibt, läßt sich nicht abstreiten, selbst wenn er auf seiner Marschroute Richtung Innerlichkeit (und unangefochten vom Sprach- und Subjektzerfall auch in der jüngeren DDR-Lyrik) ein einigermaßen anachronistisches lyrisches Ich etabliert. Es ist gleichwohl: ein bedrohtes Ich.
Die rund siebzig versammelten Gedichte kreisen um Heimkehr, Gefangenschaft und Einkehr – metaphorisch aufgeladene Schlüsselworte für ein endlose Reise in die Kindheit, in jene Tage, die in meinen Büchern festgeschrieben sind. Und die sich gleichwohl jeglicher Fixierung entziehen: Kaum belichtete Stunden im besten Fall. Eine larmoyant verdüsterte Kleinfamilien-Klage schlimmstenfalls. Alleweil von Moderwerg verschüttet, zieht sich Bernd Igel gern ins Erdinnere seiner Empfindsamkeit zurück und betrachtet angelegentlich die Schmutzränder unter den Nägeln. Doch täte man dem Autor unrecht, diese Formel als Werturteil gegen ihn zu wenden: Die zahlreichen physiognomischen Metaphern bezeichnen jene Wundmale, die in der schmerzensreichen christlichen Ikonographie des einseitigen Theologen nicht aufgehen, sondern einen Leidensdruck in die Verse pressen, der die Sprache den Rändern des Schweigens zutreibt.
Wo sich Bernd Igel nicht wie ein waidwundes Reh in der Gefangenschaft seiner Gesichte einigelt, wo er auf seiner Odyssee mit blindem Passagier seine Fesseln als Bildrisse und Sprachschründe den Gedichten einschreibt, entwickeln seine Verse eine Sprengkraft, die die Erfahrung der Ortlosigkeit poetisch beglaubigt – wie die Sirenen in ihrem Gesang verschwanden, „wirklich und ihrer verheißung ebenbürtig“ (maurice blanchot). Diesen poetologischen Anspruch formuliert Igel in dem von Egmont Hesse herausgegebenen Band Sprache & Antwort. Stimmen und Texte einer anderen Literatur aus der DDR. In seinem Gedichtband, der, das bleibt anzumerken von Detlef Schweiger kongenial illustriert wurde, hat Igel dieses Credo nicht in allen Texten, aber mit seinem lyrischen Eigenwillen eingelöst.

Andrea Köhler, Neue Zürcher Zeitung, 18.1.1990

Über Jayne-Ann Igel

Die Literatur spricht nicht von der Regel.
Wovon spricht sie sonst: sie spricht von Wandlung, von Utopie, sie beklagt deren offenbare Ferne, den Zustand, für welchen die Regel, die auch die sogenannte Ausnahme für sich beansprucht, schnell den Begriff der Unmöglichkeit bei der Hand hat. Die Literatur bezweifelt das Unmögliche, das sprachlos ist, zumindest bezweifelte sie es, als sie begann; mit dem ihr eigenen Atem, der länger ist, zersetzt sie Sprachlosigkeit durch Sprache, unterwandert das Unmögliche mit ihren Negationen, widerspricht den Identitäten des Vorgegebenen. Die oft gehörte, gute Meinung, daß Literatur sich bis zu Grenzen vorwage, ist ein schlichtes Klischee: die Literatur beginnt auf der Grenze. Oft genug widerspricht sie auch noch solcher Festlegung; in ihren besten Beispielen verkörpert sie geradezu Grenzfälle.
Der weibliche Dichter, dessen Buch hier erscheint, ist im Begriff, eine Grenze zu überschreiten, ein Vorgang, dessen Konsequenz dem Schreiber des Vorworts, der sich an den Text des vorliegenden Manuskripts zu halten hat, selbst simple Logismen wie Personalpronomen aus der Hand schlägt. Gegen alle Regel scheint für die Person, die dieses Buch geschrieben hat, die Zukunft sicher, ihr Weg führt von einer Grenze aus in Richtung einer bisher verborgenen Mitte, dieser Weg steht, bis auf mögliche Abweichungen, nicht mehr in Frage, was immer fragwürdiger wird, ist eine Identitätssuche in der Vergangenheit, wie sie für die meisten Schreibenden „normal“ ist.
Ich traf Jayne-Ann Igel zuerst in Leipzig: ich traf den Dichter, den sie vorstellte, in den Behausungen seiner Freunde, in den Enklaven jener „Szene“, die sich in den siebziger Jahren, auf dem Höhepunkt der SED-Diktatur, vielerorts auf dem DDR-Territorium dieses Landes gebildet hatte, zu hoffnungslos, um zu ahnen, daß mit ihrer Entstehung die Zeit jener herrschenden Kaste von Spießern, die sich anmaßte, die Marx-Engelssche Diktatur des Proletariats zu verwirklichen, eigentlich schon vorbei war. Es war eine Küchen- und Korridor-Szene, möbliert mit Matratzen und Schlafsäcken, ausgestattet mit Sperrmüll-Kanapees und ewig kalten Kachelöfen, wo die wirkliche DDR-Kunst an Reißzwecken auf dem Flur hing und die Schallplatten von Jimi Hendrix dröhnten, eine Szene, immer zehn Jahre zurück hinter dem Discosound der Galerien und Boutiquen im erstrebenswerten Westen, wo man goldenes Konfetti ins Acryl rührte und sich zwischen den Reklameseiten lackierter Kunstzeitschriften zu finden suchte. In jener Szene, fast immer in den obersten und am wenigsten noch bewohnbaren Stockwerken von halb verbrannten, halb durchnäßten Mietskasernen, tauchte ein junger Mann auf, der sich Bernd Igel nannte und von dem nicht viel zu erfahren war, nicht viel mehr als das Gewöhnliche: daß er ein Theologiestudium abbrach, daß er von Zeit zu Zeit auf Stellen beschäftigt war, wo man es nicht so genau nahm, daß er in irgendeinem Dunkel der Stadt wohnte, schwer aufzufinden, mit oder ohne Freundin, mit oder ohne Einkommen, und daß er ein Dichter war, dessen Gedichte zu drucken man sich wie gewöhnlich weigerte; was ich von ihm wußte, war das Sichtbare, dem Sichtbaren aber war nicht unbedingt zu glauben. Er war der Zurückgenommenste von allen, sprach sehr wenig und fast ausnahmslos flüsternd, stets war er um einige Grade weniger betrunken als die anderen, unter ihrer Lautstärke schien er zu verschwinden, dennoch tauchte er mit unwandelbarer Treue auf, mit sehr langem Haar, in leise huschender, stets etwas gebeugter Haltung, in steter Aufmerksamkeit anwesend, doch ungemein verschüchtert, wie mir schien, auffällig nur durch übertriebene Unauffälligkeit, und manchmal seltsam konturlos zwischen den anderen, in einer Weichheit, wie ich sie einem jungen Mann in dieser Szene nicht ganz zugestehen wollte. Ich war nicht scharf darauf, etwas von ihm zu lesen, obwohl ich dies wahrscheinlich vorspiegelte; mir schien, es war in dieser Szene an der Tagesordnung, mit Texten überschüttet zu werden, denen Publikationsmöglichkeiten verweigert wurden, was man zu bedauern und als katastrophales Unrecht anzusehen hatte … während man, insgeheim, womöglich selber nicht an die öffentliche Qualität dieser Texte glaubte und sie vielleicht nicht gedruckt hätte, wenn man dazu imstande gewesen wäre. Irgendwann jedoch las ich etwas von Bernd Igel: nach langem Hin und Her begannen mich die Texte zu überzeugen … zunehmend, sie griffen mich an, und ich bemerkte es noch kaum, als sie mich genommen hatten. In der von fataler Urteilsunfähigkeit genährten Arroganz des soeben erst Gedruckten, der aus schäbigster Provinz plötzlich zum Literatendasein emporgekommen war und für sich selbst noch nach Parametern suchte, fielen mir, heillos genug, zuerst Zeilen auf, in denen ich Anklänge an Literatur vermutete: ich hörte Lautréamont zuerst, durchaus gebrochen und anverwandelt, was zu dieser Zeit noch als ungeheuer hätte gelten müssen, ich hörte Ginsberg und die Beatniks, was, eigentümlich genug, zum Naheliegendsten in dieser Szene gehörte, und natürlich war aus diesen Gedichten ein Ton von Trakl zu vernehmen, jener, bei dem man an Hölderlin denkt … usw., kaum etwas oder nichts entsteht aus dem Nichts, und schließlich ist es die Regel, am Ureigenen eines Dichters vorbeizusehen und sich der Anklänge zu versichern.
Dieser Blick ist im hier stattfindenden Fall für immer erschüttert und enttäuscht worden. Es besteht kein Zweifel, wir haben das Buch mit Gedichten, welches – nach einem schmalen Heft im Verlag Neues Leben der ehemaligen DDR und nach Zeitschriftenveröffentlichungen – erst 1989 im S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, erschien, schon jetzt als einen Klassiker zu betrachten … dergestalt, daß wir seinen Autor nicht mehr haben. Dieses Buch, das in den Wirren der ostdeutschen Wende nahezu übersehen wurde, hätte womöglich … hätte bestimmt, ich will es behaupten, man kann mich nicht widerlegen, den Namen Bernd Igel als den eines außerordentlichen, eines unvergleichlichen Dichters so bekanntgemacht, wie dies auf deutschem Territorium möglich ist. Der von manchem als dunkel oder unverständlich bemängelte Titel des S.-Fischer-Bändchens zeigt sich plötzlich in seiner ganzen poetischen Präzision, die dennoch unauflöslich erscheint: Das Geschlecht der Häuser gebar mir fremde Orte. Es ist die Anfangszeile eines Gedichts, das auch in das hier erscheinende Buch aufgenommen wurde: in das erste Buch der Dichterin Jayne-Ann Igel. Es ist ein Text, der sich fast ohne Geräusch bewegt, in äußerster Fremde, in der Nähe zu einer Fremde, die absolut ist, in die kein Ton mehr dringt; ein Text, lautlos geflüstert in einer sich auflösenden Wirklichkeit, in der die Häuser nicht mehr Ortschaften sind, die vor dem Fremdsein bewahren, sondern nur mehr Dunkel ausgießen: wofür am Schluß das Wort „rann“ steht, als einziges Geräusch in diesem Text, das eine rasende, zerstörerische Qualität hat und das lyrische Ich am Ende auslöscht. Wenn wir einen solchen Text ernst nehmen, und das müssen wir, müssen wir zugeben, daß der Autor seinem lyrischen Subjekt in diesen Zeilen keine Chance gibt. Solche Chancenlosigkeit – wir werden es nicht erfahren, ob es der Autor selber wußte, als er dieses Gedicht schrieb – fordert zwangsläufig einen Bruch in der Biographie heraus. Wenn wir annehmen, daß Biographie die Beschreibung des Lebens eines Menschen von außen ist – dem die Autobiographie desselben oft genug, und besonders in diesem Land, nur konträr entspricht −, so hat Jayne-Ann Igel recht, wenn sie sich gegen das Wort „Bruch“ verwahrt, ebenso, wie sie den Begriff der „Wandlung“ für sich nicht akzeptieren kann. Schon immer, so wissen wir unterdessen, hat sich der mit dem Äußeren eines Mannes erscheinende Bernd Igel in seiner inneren und eigentlichen Existenz weiblich wahrgenommen, lange freilich in aller Hoffnungslosigkeit, und mit dauerndem Einlenken einer Vernunft gegenüber, die ein unumstößliches Verdikt zu schützen schien. Nur mit Mühe können wir uns vergegenwärtigen, welchen Konflikt, welchen Wirklichkeitsverlust dies bedeutet hat. Nun ist es damit vorbei: Jayne-Ann Igel sieht einer Geschlechtsangleichung entgegen, einer geschlechtsangleichenden Operation; die Bezeichnung, die sie selber verwendet, ist die genaueste. Ist die Frage berechtigt, und also vonnöten, die zu erwarten sein wird: was bestimmt die Schreiberin zur Veröffentlichung dieses Tagebuchs, in dem sich Jayne-Ann Igel des Ablaufs dieser – weitgehendst zu verstehenden – Operation versichert, sich auf diesem Weg begleitet und überprüft. Man horcht in sich hinein, und glaubt das eigene Vorurteil fast um Erbarmen winseln zu hören. Anstatt der Autorin dankbar zu sein, rätseln wir, als Stellvertreter der Regel, um Begriffe wie „Diskretion“ herum: haben wir den ehemaligen Autor Bernd Igel so wenig ernst genommen? Jayne-Ann nimmt ihn selber so ernst wie nur möglich, sie erkennt ihn als einen Teil ihres Lebens, sie bietet seiner Vernichtung – im Dunkel, das aus Fensterhöhlen rann – die Stirn, sie nimmt alles Leid, das sie in seiner Verkörperung erfuhr, als ihr eigenes an: damit bekennt sie sich zum ganzen Wesen ihrer Existenz, damit verwirft sie die Negation des Lebens: auch öffentlich, so wie ihr früherer Leib Bernd Igel für ein schwer erkämpftes Buch auch ein öffentlicher Leib war, in aller Verletzung von einer Schönheit, die nachträglich zu negieren fast Mord wäre. Unausgesprochene Trauer um den früheren Leib verleiht dem Tagebuch Schönheit: über eins nämlich gibt sich Jayne-Ann Igel keiner Illusion hin: es ist nicht sicher, ob ihr noch ein Buch gelingen wird, in dem sie sich so rückhaltlos ausdrücken kann, wie es Bernd Igel konnte. Vorerst formuliert sie im Tagebuch die Sehnsucht, große Bilder zu schaffen, die ihr geblieben ist. Diese Sehnsucht ist die Voraussetzung für das Entstehen der Bilder.
Der Text des Tagebuchs erschließt ihre Identität. Offenbar ist die Frage nach Identität in der Gegenwart hauptsächlich eine weibliche Frage, jedenfalls wird die Suche nach dem Einklang mit sich selbst in der gegenwärtigen weiblichen Literatur öfter und dringlicher artikuliert als bei den Männern, die an der Existenz von Identität eher grundsätzlich zu zweifeln scheinen. Die Sache versteht sich von selbst: in vergleichbarer Weise sucht der Rechtlose das Recht als Tatbestand, erst wenn er es gefunden glaubt, stellt er die Modalitäten in Frage. – Wie schwierig sich ein solcher Weg gestaltet, kann man dem Tagebuch ablesen. Daß gewisse Verhärtungen sich bis in die Sprache fortsetzen, sich gerade in der Sprache manifestieren, ist darin dokumentiert: wenn Jayne-Ann Igel nach Hause fährt, um sich ihren Eltern zu offenbaren, und es geschieht ausgerechnet zu den Weihnachtsfeiertagen, wird sie von der Sprache zurückgerissen. Während dieser Fahrt erinnert sie sich und es entstehen ihr Sätze, deren Diktion vollkommen männlich wirkt: „Die Kinder wohnten der Entstehung des Mahles bei … “ – das ist klassische männliche Erzählerrolle, bis zur Erstarrung verfremdet.
Vielleicht läßt sich aus den epischen Dichtungen von Saint-John Perse die Idee gewinnen, daß das Ingenium, welches Poesie hervorbringt, weder männlicher noch weiblicher Natur ist, sondern beides zugleich, oder keines von beiden. Nicht zufällig auch ist bei diesem Dichter die Frage nach der Identität ganz anders gestellt und aufgehoben. Sein Transhumanismus – wie Octavio Paz diesen Entwurf nennt – vereinigt in seinem lyrischen Subjekt alle Identitäten: das Leben, die Dinge, die Naturerscheinungen sind seine Identität, dieses Ich spricht mit den Stimmen vergangener und gegenwärtiger Identitäten, mit männlichen und weiblichen Stimmen, in umfassender Identität: Wir gehn vorüber und, von keinem gezeugt, kennt man denn das Geschlecht, in dem wir vorwärtsschreiten?
Was wir von der Dichterin Jayne-Ann Igel erwarten dürfen, ist ein noch unbekanntes Geschenk: die Literatur spricht nicht von der Regel.

Ein herzlicher Dank gilt Natascha Wodin, die grundlegende Gedanken zu diesem Vorwort beigesteuert hat.

Wolfgang Hilbig, 1990 in: Jayne-Ann Igel: Fahrwaser. eine innere biografie in ansätzen, Reclam-Verlag Leipzig, 1991

Traumstücke & Textmaschinen

In jenem denkwürdigen Herbst 1989, da die deutsch-deutschen Verhältnisse plötzlich heftig zu tanzen begannen und ein historischer Augenblick den nächsten jagte, erschien in der Collection Fischer ein schmales Lyrikbändchen mit einem rätselhaften Titel: Das Geschlecht der Häuser gebar mir fremde Orte. Der Autor des Bandes, der 1954 in Leipzig geborene Bernd Igel, hatte bis dahin nur in einigen Anthologien und den inoffiziellen Literaturzeitschriften Anschlag und schaden veröffentlicht. Im Wirbel der politischen Ereignisse wurde von seiner ersten eigenständigen Buchveröffentlichung kaum Notiz genommen. Die wenigen ratlosen Rezensenten ordneten Bernd Igel flugs dem literarischen Umfeld der „Prenzlauer Berg Connection“ zu – ein Mißverständnis, das Egmont Hesse, der Herausgeber der weithin rezipierten Anthologie Sprache & Antwort (1988) unfreiwillig befördert hat, als er ein poetologisches Statement Bernd Igels in diese Programmschrift der Prenzlauer Berg-Dichter aufnahm. An den sprachexperimentellen Selbstinszenierungen, mit der sich so mancher Szene-Poet sein Rebellen-Image erschlich, hat sich Bernd Igel jedoch nie beteiligt. Er war von Beginn an ein eher stiller, introvertierter Beobachter seiner Umgebung, mehr den eigenen Visionen und Träumen verpflichtet als irgendwelchen fragwürdigen Subversivitäts-Postulaten. Das gilt auch noch heute, da sich Bernd Igel nach einem Prozeß schmerzhafter Selbstfindung in die Dichterin Jayne-Ann Igel verwandelt hat, die vor einem schwierigen literarischen Neuanfang steht. „Ich glaube“, schreibt Jayne-Ann Igel in ihrem biographischen Journal Fahrwasser (1991), in dem sie Zeugnis ablegt von ihrer Suche nach einer weiblichen Identität, „all das, was bisher bei mir an texten entstand, ist dem umstand geschuldet, daß Jayne-Ann stillhielt, sich immer wieder zurücknahm; jetzt, da sie ihr versteck verläßt, nicht länger schweigen will, muß ich mit dem schreiben von vorn beginnen… und doch war in den bisherigen texten von mal zu mal auch das weibliche zu wort gekommen… so sich meine sprache auch wandeln wird, innerlich, wesentlich, in ihrer qualität, so doch nicht zu einer unerkennbarkeit hin, sie bezieht ihr leben ja aus derselben identität, die ich angenommen habe, die schon lange in mir währt, grund ist.“ Die Gedichtsprache Bernd Igels, derer sich Jayne-Ann retrospektiv versichert, scheint von fern her, aus den Bezirken des Vor- und Halbbewußten zu kommen. Es ist, als bewegten sich die Gedichte frei schwebend, in langsam flutenden Bildern vorwärts, immerfort um die Träume und Traumata des lyrischen Subjekts kreisend. Während die Generationskollegen vom Prenzlauer Berg die herrschenden Sprachkonventionen und – Routinen gleichsam von innen her aufsprengen möchten, mittels sprachverrückter Attacken auf „die herrschende grammattigkeit“ (Stefan Döring), vertraut Bernd Igel auf die Evokationskraft eines ruhigen, traumverlorenen Sprechens. Kein sprachzertrümmernder Ehrgeiz treibt hier die Versbewegung an, sondern eine vorsichtig tastende, ins Innere der Worte horchende Sprachskepsis. Immer wieder sprechen die Gedichte von der Urangst des Kindes vor der Sprachgewalt der Erwachsenen. Denn dieselbe Sprache, die erst den lebendigen Kontakt mit der Welt ermöglicht, schafft auch Verhältnisse von Macht, Hierarchie und Entfremdung. Diese Konfrontation mit dem instrumentellen Wortgebrauch der Erwachsenenwelt führte schon beim jungen Bernd Igel zur Ausbildung eines empfindlichen Sprachbewußtseins. Als poetischer Zufluchtsort vor den Zumutungen der Tageswelt erscheint die Nacht, die jene exorbitanten Traumgeschichte und Visionen gebärt, vor denen die funktionale Vernunft versagt. In seinen „Traumstücken“ und „Nachtwanderungen“ – so zwei signifikante Gedichttitel – kehrt Bernd Igel immer wieder zurück in die Gefühlslandschaften seiner Kindheit: in eine Zeit der Furcht vor der Sprache, aber auch in eine Zeit der leuchtenden Visionen und des Staunens über eine unfaßbare Welt. Dabei taucht das lyrische Subjekt ein in die Nacht und ihre produktiven Rauschzustände, die, wie es im Gedicht „Nächtliche Runde“ heißt, „ein gären von bildern in allen teilen des körpers“ bewirken. Diese nachtsüchtigen Gedichte und Prosagedichte, für die sich innerhalb der deutschen Literaturgeschichte keine Vorbilder finden lassen (motivisch allenfalls Novalis’ berühmte „Hymnen an die Nacht“), sind auch Ausdruck einer religiös inspirierten Sinnsuche, deren transzendentaler Bezugspunkt mal christlich, mal poetisch-imaginativ geprägt ist. Das Gedicht „Der Allmar“ schildert die sinnliche Begegnung mit einem solchen transzendenten Nachtwesen, einer ätherischen Erscheinung, die nur im Gedicht ein Existenzrecht besitzt. Die radikale poetische Introversion endet nicht, wie bei vielen Spielarten lyrischer Innerlichkeit, als sentimentale Nabelschau, sondern erschließt mit gesteigerter Wahrnehmungskraft die Nachtseiten einer oberflächlich vernünftigen Wirklichkeit. Kein anderer Lyriker der jüngeren Generation hat sich so weit an die Elementarkräfte der Poesie: an Traum, Vision und Phantasie herangewagt wie Bernd Igel. Es ist noch ungewiß, ob die Dichterin Jayne-Ann Igel den von Bernd Igel eingeschlagenen Weg weiter verfolgen will. Die Erkundung ihrer neuen Identität, so deutet es das Tagebuch Fahrwasser an, erfordert momentan noch ihre ganze kreative Kraft.

Michael Braun, Sprache im technischen Zeitalter, Heft 122, Juni 1992

Jayne-Ann Igel

Zu den frühesten Texten, die ich von ihr las, nämlich aufnahm in die Anthologie Berührung ist nur eine Randerscheinung, derentwegen ich sie kennenlernte, da hieß sie noch Bernd Igel:
habe ich bei einer erneuten Durchsicht vor drei Jahren bemerkt: Igel bringt mehr auf als andere (sie sind das gros), die das Wort führen.
Eine zweite Bemerkung allgemeiner Art: Der Qualitätsunterschied zwischen denen, die erkundend schreiben und denen, die zu wissen meinen, da gehörte Jayne Ann zu den ersteren…
Die Anthologie hat 29 Autoren versammelt, geboren in den 50er Jahren, und 3 Anfang der 60er. erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, Köln 1985. Mit dem Wort Qualität meine ich pur die Eigenschaft, nicht, die einen sind besser als die anderen, den Erkundenden jedoch folgt meine Sympathie mit besonderem Interesse.

Igels Text vom Oktober 80 begann so.

Ansonsten bin ich müde, plattnasig und unwissend, aber
von zwergenhafter Frömmigkeit

und jetzt überrascht eine Liste:

ein zersprungenes Schneckenhaus
ein zerstobenes Seifenpulver
eine blaufarben lackierte Dotterblume
ein zersungenes Bowlenfaß
eine Ziegenlippe, und ein Berghase
Taschentuch auf fürstlich gedecktem Tische

Es erinnert an die Avantgarde von Hans Arp, aber sie kannte ihn nicht, sagt sie.

Es wirkte frisch und frei    frei in der Luft,

und das folgende dann schon umwerfend intelligent:

das Heulen der Kinder in den Läden macht mich
neugierig, auf den Zehen tanzen sie
um die Sirenen, während das Gebell
der Eltern einmal geworfenen Stock wieder
einholen möchte, das sind die Läden voller
seidener Slips

Eine programmatische Sentenz in einem anderen Text

(…) ich lief in / geborgten Gewändern umher, solange die eigenen / fehlen, und dachte kaum noch an Revolutionen / die alles regeln, sogar den Stuhlgang; (…)

Das berührt ein Kardinalthema des 12 Jahre jüngeren Jan Kuhlbrodt. Gemeinsam hat sie mit ihm auch, daß ihre späteren Bücher entwaffnend in die Kindheit zurückgehn.
Sie lernt
nimmt zu an Alter und Weisheit, wie schön sie ist, diese Formel aus der Bibel.
Aber man müßte den Spruch korrigieren, sie nimmt ab an überkommenem Alter, jenem Leben, das erstarrt, das nicht mehr weiterkann, ihm entkommt sie, und Weisheit ist ja auch nicht das rechte Wort, sie nimmt zu an Liebe und Leben. Nein, auch so nicht, denn ein Kind hat ja noch alles Liebe und alles Leben in sich.
Von Anfang an unternimmt es Jayne Ann Igel, die Ungunst ihres Starts nicht gelten zu lassen
von Anfang an, behutsam: nicht sich haben stoppen lassen und etwa ironisch, bitter, abständig zu werden
nicht geprägt zu sein sich haben gefallen lassen…
ein behutsames Annehmen der inneren, der mitmenschlichen, der Außenwelt-Behausung
und mehr & mehr lernen nach langem schon, seit langem immer wieder
nicht ablassen, treu dem Geborenwordensein.

1986

(…) vorbei die zeit, dem vater schuld zuzuschreiben
es gibt kein anderes opfer, als das unerbittliche warten auf sich selbst – wer vermag zu sprechen

und

sah ich noch einmal die Mundhöhle der Mutter, in der sie mich sprechend geboren hatte

Sie versucht einzudringen. So untersucht sie das Schlafzimmer der Eltern in deren Abwesenheit

ich war der geheime Herrscher dieser Provinz (…) scheu geworden von einem Geräusch, gewahrte ich den Wachtturm des nahen Gefängnisses, von dem aus man jeden Winkel des Zimmers durchforschen konnte

1987

dieses Licht wirkte fort, wenn wir ohne Beleuchtung abends zu Tische saßen, es schien sich zu speisen aus unterirdischen Bunkern(…) es war sehend, kannte keine Schatten, es währte unbeeindruckt von meinen Gebeten, ich verachtete die Bastionen, aus denen es hervorbrach (…)

und:

ich spürte die Stimmer Anderer in den mir beigegebenen Worten, Worten voller Boshaftigkeit, die ich sprechen mußte, weil sie vorhanden sind, die mich verwirrten in ihrem Klang, der aus der Tiefe meines Körpers stieg

(Arbeiter, die zur Schicht fahren)

das Haar schoben sie sich aus der Stirn wie Gezweig, das ihnen entgegenschlägt, und haftete ihnen doch an, unstillbare Wurzeln

(Arbeiter im Tagebau): ich sah die Bergleute, unter Förderketten im Schlamm, der seinen Erdcharakter verloren hat

(und das Kind:)wer so lief, auf krummen beinen, die knie im stumpfen winkel, die schuhspitzen einander zugewandt, lief über den onkel sich selbst in die quere

und:

die meinen namen in ihrem munde führten, hielten mich mit den zähnen fest am genick

und

umgeben vom elterlichen stimmenpaar, die himmel über mir versteinerten, von lampen beschienen

In den späteren Büchern, Unerlaubte Entfernung, erschienen bei Urs Engeler, Basel 2004, und Traumwache, 2006, beginnt in fortlaufender Prosa das nochmalige Aufholen der Kindheit

Ich zitiere zuerst eine Bemerkung, die an das Thema Jan Kuhlbrodts erinnert:

Angehörige einer Generation, die bereit war, nach den Sternen zu greifen… Doch welchen Wert hatte diese Geborgenheit?

dann:

(die Erwachsenen:) ein schweigen, das mich ein steter vorwurf dünkte, oder bereits das endgültige urteil (…)

Das urteil, obgleich eine gewisse neugier noch glimmen mochte, unter der oberfläche, die beinahe starr zu nennen war, dunkel;

und

Vielleicht war es auch bei mir nur mitleid gewesen…

und

28 (wenn das kind die Eltern sprechen hörte:)

allzu oft war ich ob ihres Klanges in Tränen ausgebrochen, hatte sich das rührselige Kind von ihnen einfangen lassen

und:

sie schienen genau zu wissen, wo sie waren, und irgendwann würde vielleicht auch ich das wissen – dann war es zu spät

und:

sozial retardiert hatte die staatsanwaltschaft in ihrer urteilsbegründung dem kindskopf attestiert, zurückgeblieben … ja, zurückgeblieben, weil ich vom Zug abgesprungen war

Und:

91 Stell dir vor, morgen ist krieg … Dieser krieg, der immer der vergangene, die geschichte, die noch immer die der eltern  oder ihrer eltern gewesen …

Und:

97 uns mundtot gemacht hatten mit ihren losungen, ihrer übereinstimmungssucht, ihrem frieden, der doch nur ein nachkrieg gewesen

Aus Traumwache, 2006

10 Ich liege auf der fenster-, der mutterseite (auf die des vaters habe ich mich nie geschlagen), auf der Seite, von der aus man auf das kernobstgehölz der gärtnerei, das vielfach beschnittene, schauen kann, auf das gemäuer, den wachturm der haftanstalt, und bin doch kein kind, dem hause, dem namen entwachsen schon längst, verlorengegangen

und weiter: Ich drehe mich um zum spiegel und erblicke darin das eigene gesicht, das dem des vaters verblüffend ähnlich ist, nur etwas jünger, weicher in der kontur, etwas schmaler, wie das das vaters in seinen vierzigern gewirkt haben mochte. Ihm eignet derselbe strenge, resignierte ausdruck, den ich bei vater öfters wahrgenommen. Ich träume noch versuche ich mich zu beruhigen, ich bin müde. Das wird sich geben, klären lassen, und weiß doch, daß das eine lüge ist…

und:

15 wir tragen ein verkapseltes geschwür in uns, das jäh aufzubrechen droht, umwoben nur noch von einer melancholie, die wir aufrichtigkeit oder folgerichtigkeit zu nennen pflegen, oder gar wahrhaftigkeit

Traumwache heißt das Buch, weil die Orte der Kindheit, das Elternhaus, die Häuser, Wege und Gebüsche der Enklave, in der es steht, die Ödflächen, Straßengräben… und Leute wie Orte, ihre Situation und Gefangenschaft traumdicht, traumwirklich heraufgeholt werden:

21 deckschichten meiner existenz, die ebenso grau wie der boden, ausgeblichen, versteinerte substanz, und mir scheint in dieser sagenhaften behausung, zu der eine unbestimmte anzahl von räumen gehörig, nur diese waschküche eigen, nebst einem verschlag, in dem die kohle lagert…

und:

25… als kind sah ich nur, was still stand, sah ich nur die verlassenen stätten, und sagenhaft war ihre gegenwart, sage: einst wurden hier sande abgebaut, ich sah die schürfwunden

und

40 peinlich die speiseflecken, immer wieder tropfte mir soße aufs kleid, ich schaute niemandem in die augen, sie liehen mir ihre servietten, sie schauten über alles hinweg

Und aus dem letzten Buch, Berliner Tatsachen, auch bei Urs Engeler, 2009

Was suchte einer wie er in o’berlin, in dieser verschossenen kutte, in verdacht, das heer der penner zu verstärken, das temporär in leerstehende wohnungen abtauchte, tags in düstere parks, und statistisch kaum erfaßbar war, höchstens, daß man eines der subjekte im rahmen einer personenkontrolle erwischt, eingestickt in den polizeibericht, berliner  tatsachen, außer ein paar promille kaum etwas nachweisbar; nein, die neuralgischen punkte in mitte haben sie wohl gemieden, sicher klüger als er…

Elke Erb, 2011

 

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