Bernd Jentzsch: Quartiermachen

Jentzsch-Quartiermachen

GEHÄUSE

Fünf Zimmer in Küsnacht.
Fünf hat auch der Apfel, fünf Stübchen.
Der Hamster hat vier,
Und drei Wohnungen sind in der Zeit,
Zwei in den Kammern der Herzen.
Zum Schluß dann die eine.

 

 

 

Bernd Jentzsch

hat in Ostberlin gelebt, jetzt lebt er bei Zürich – diese wenigen Angaben reichen aus, eine deutsche Biographie zu umreißen, die weit über das Einzelschicksal hinaus Bedeutung hat. Krieg und Nachkriegszeit, wechselnde Herrschaft, Unfreiwilligkeit, das sind immer wiederkehrende Ausgangspunkte für die Gedichte Bernd Jentzschs, die zusammengenommen ein konzentriertes Bild seiner (und auch unserer) Situation ergeben. „Im Fremden ungewollt zuhaus“, im neuen Quartier, in der Schweiz, gerade angekommen, zieht er eine erste, vorsichtige Bilanz.

Carl Hanser Verlag, Klappentext, 1978

 

Wolfs Lied

Dem großen Lausejungen

Wolf hat ein Gedicht aus Quartiermachen vertont. Ich erfahre zufällig davon, beim Buchhändler, der verwundert ist über meinen Informationsstand. Auf der neuen Langspielplatte, sagt er, Hälfte des Lebens.
Ich besorge mir die Platte und höre sie durch, mit Lampenfieber wie vor einer Uraufführung. Zwischen „Robert, mein Lieber“ (Biermann/Biermann) und „Die Karyatiden“ (Biermann/Biermann) entdecke ich ein Lied in E-Dur, 1:36, das den Titel „Ich bin der Weggehetzte“ trägt. Früher, als es noch mein Gedicht war, hieß es „Arioso“. Bei der Umarmung mit dem Liedermacher hat es die Unschuld des Namens verloren. Um bei der Platten-Wahrheit zu bleiben: bei der Umarmung mit mir. Es wurde, juristisch gesehen, zur Adoption freigegeben, denn hinter dem Titel steht in Klammern: Jentzsch/Biermann. Demnach bin ich der Komponist, mit meiner unerwarteten ersten Komposition darf ich zufrieden sein. Sie war mir, allerdings, entfallen, während mir der Text immer noch merkwürdig vertraut vorkommt. Er ist, demnach, versehentlich, und noch dazu unter falschem Feldzeichen, in Quartiermachen geraten. Dergestalt den eigenen Irrtum korrigierend, erweist sich auch der Umstand, daß sich die Plattenfirma CBS von der Pflichtexemplarpflicht selbst entbunden hat, als absolut korrekt, und Wolf, unter Freunden, resp. Geschäftsfreunden, folgt ihr darin, ohne sich justifizieren zu müssen.
Gitarrenvorspiel, wenige Takte. Schon nach den ersten gesungenen Versen ahnt man, wie er das Lied angelegt hat. Wolfs Stimme klingt hell und durchsichtig, beinah fröhlich, als ob er ein Wanderlied anstimme: von Schlutup bis Rudolphstein an der Grenze entlang, von der die Verse erzählen. Wie ein Argloser singt er von Minen und blauen Bohnen, vom Blut auf der Zunge, und die widersinnige Heiterkeit, die einen beim Zuhören befällt, verfremdet den Wortlaut listig. Wolf geht unisono durch den Text, im Dauerlauf, er interpretiert nicht durch Modulationen. An zwei Stellen tut er es doch.
Dort, wo von jenem Zaun die Rede ist, vor dem der Sprecher nicht „ins Gras gebissen“ hat wie Marienetta Jirkowski aus Ostberlin, achtzehn und schwanger im dritten Monat, verbeißt er sich einen Moment in die Metapher. Das hört sich an, als gäbe er den Zorn derer wieder, die zur Gewährleistung der staatlichen Souveränität billigend in Kauf nehmen, daß vor dem Zaun ins Gras gebissen wird. Die zweite Stelle ist die vorletzte Strophe, eine gedächtnisstützende Wiederholung: „Ich bin der Weggehetzte. / Nicht der erste, nicht der letzte.“ Jetzt klingt die Stimme nicht mehr hell. In der bösen Gewißheit, von der der Vers leichthin spricht, verdunkelt sie sich. Die Faust des Ministers trommelt auf den Schreibtisch in der Normannenstraße: Nicht-der-letz-te.
Wo ihn der Rhythmus stört, ändert er ihn, indem er ein Wort auswechselt, um es müheloser singen zu können, und wenn er ihn nicht ändern mag, rettet er sich molto presto darüber hinweg. (Ich hätte, Wolfs Mundwerk kennend, III/2 sangbarer komponieren müssen.) Nach der Quelle, die er benutzt hat, lautete das Ende vom Lied:

Mir ist die Welt ins Herz gesprungen.
Mir, dem großen Lausejungen.

Ein Juchzer nach einem Grenzübertritt ohne Schußverletzung und zugleich auch eine Selbstbezichtigung des Sprechenden, der die unausweichlichen Folgen seiner Handlung zu erkennen beginnt. Im selben Augenblick hat Wolf der Versuchung nachgegeben, ein Freundeszensor zu sein, klammheimlich, ein schreibender Arbeiter im fremden Lied, das er mit einem verstärkenden Kompositum beschenkt:

dem steinealten Jungen

Fuchsteufelswild registriert’s der sperrangelweit geöffnete Gehörgang, Verseschänder! Reißwolf! Weshalb denn, steinealt, die vorgetäuschte Liebe zur Geriatrie? Das „e“ ist die Krücke, mit der er über den Wort-Bruch hinkt.
Ich war, beiläufig, als ich den Vers notierte, wenn ich es war, der ihn notierte, achtunddreißig, ein vergleichsweise junges Gestein. Und dann nimmt er die erste Strophe noch einmal auf, wodurch eine schöne Symmetrie entsteht, und wandert mit ihr, die Stimme drosselnd, unter dem geteilten Himmel aus dem Lied.
Ich entschließe mich, der GEMA beizutreten, Sparte Komponisten. Jahresbeitrag DM 50,-. Die Aufnahmeprozedur erstreckt sich von Drei Heilige Könige bis zur Holunderblüte. Dann aber fließen die Tantiemen: Brutto-Betrag „E-Dur“ DM 0,11; abzüglich 15% Kommission. In der Folge bleiben die Einnahmen stabil.

Bernd Jentzsch, 6.10.1980, aus Bernd Jentzsch: Flöze. Schriften und Archive 1954–1992, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, 1993

„Die Jahrzehnte. Das deutsche Gedicht in der 2. Hälfte des XX. Jahrhunderts“. Ein Gespräch zwischen Bernd Jentzsch, Wulf Kirsten und Karl Mickel 1993 in der Literaturwerkstatt Berlin.

 

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Bernd Heimberger: Initiator, Inspirator, Integrator
Berliner LeseZeichen, 3/2000

Fakten und Vermutungen zum Autor
Porträtgalerie

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