Bert Papenfuß: hetze

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Bert Papenfuß: hetze

Papenfuß-hetze

BERLINER ZAPFENSTREICH

jetzt reicht’s; wackelärsche, zappeltitten
schlabberkinne, klabüsterkimme, trantüten
schlafmützen, nachtsocken, furztrocken

lullen die nullen händel ins hemde
der große word-megistos scharte
brunzt noch auf der schwarte

aaaaaaaaaawehret den sachzwängen
aaaaaaaaaamit stürmen & drängen
aaaaaaaaaain parkett & rängen

mutant mutineers, kittelschürzenjäger
morgenmuffel, die nacht noch im nacken
die narrenkappen tief ins gesicht gezogen

& die zipfelhauben keck auf dem hörrohr
frisch über die hürde mit der frechen bürde
jeder geistesblitz ein irrlicht mit solchem bart

aaaaaaaaaawehret den sachzwängen
aaaaaaaaaamit stürmen & drängen
aaaaaaaaaain parkett & rängen

kleine wendige kampfpunks, standfeste spießglatzen
& fangnetze flickende sockenmütter auf vordermann
stramm im spalier & stracks auf kackhau aus; sau raus

haare stören, faltenwurf ist fehl am platz
sielschäden & protuberanzen, verschranzt
schreitet schwabbelwade zum torschluß

aaaaaaaaaawehret den sachzwängen
aaaaaaaaaamit stürmen & drängen
aaaaaaaaaain parkett & rängen

der hartgesottene einheitshorst
drischt a priori stroh von gestern
schamanisiert drauflos & igelt sich ein

droben auf der FDGO-erbse ist gut wankeln
munkeln die schmankerl einander drastisch zu
verweisen auf die inflationstheorie & vockerode

aaaaaaaaaawehret den sachzwängen
aaaaaaaaaamit stürmen & drängen
aaaaaaaaaain parkett & rängen

kollege kommt gleich

 

 

hetze

Hetzen heißt dem Haß seinen Lauf lassen. Aber wer solches tut, ist selbst mit allen Hunden gehetzt. Also nimmt Bert Papenfuß ungeschützt und unermüdet ohne Mundschutz  und Scheuklappen unsere Gesellschaft aufs Korn. Nimmt sie mit all ihren Politikerphrasen, täglichen Slogans und Medienhighlights beim Wort und auf die Schippe.
Papenfuß schimpft, krakeelt, schnoddert und schabernackt, daß es eine Lust ist – Sprachrausch mit Wortverbiegungen, Wortbeugungen, Wortneuschöpfungen, alles, um den Sinn und Unsinn dieser Zeit in die Zeilen zu kriegen.
Spaß und Spott auf alle polititcal correctness jedweder ges. gesch. geschl. ges. – aber mit hertz:

denn wer sich selbst zum besten hält
der hat sein sach’ aufs beste bestellt

Janus Press, Klappentext,  1998

 

Motor der Lust: der Frust

− Ein neuer Gedichtband vom gehetzten Dachszwerg Bert Papenfuß. −

Bert Papenfuß(-Gorek) und seine Lyrik, die er lange schon konsequent vorantreibt, gehören für viele zur deutschen Subkultur erster Güteklasse. B-town (einst Ost-, jetzt gänzlich West-Berlin) ist immer sein Standort gewesen: Hier bosselt der Urban-Vandale Papenfuß seine Verse, seine Song-Texte und mißbilligt als selbsternannte Reinkarnation des Till Eulenspiegel die Taten des Staates (einst DDR, jetzt ganz Deutschland).
Ähnlich launig könnte das Porträt des Dichters beginnen, und so mag es verwundern, daß Bert Papenfuß 1998 mit dem Erich-Fried-Preis ausgezeichnet wurde. Und vielleicht deswegen greift man rascher zum neu erschienenen Gedichtband. hetze heißt er, was wiederum die Geschwindigkeit ankurbelt, bis man endlich die ersten Zeilen des ersten Gedichts vor Augen hat: „jetzt reicht’s; wackelärsche, zappeltitten schlabberkinne, klabüsterkimme, trantüten, schlafmützen, nachtsocken, furztrocken“. Die Wut des Dichters meint nicht die Ohnmacht der Lyrik oder ähnlich Hehres, sondern meint den öffentlichen Raum, den wir täglich betreten. Ob auf der Straße oder im Einkaufszentrum, überall begegnen uns: „kleine wendige kampfpunks, standfeste spießglatzen & fangnetze flickende sockenmütter auf vordermann stramm im spalier & stracks auf kackhau aus; sau raus“.

Hyberbolisch gesprochen
Man könnte das auch anders sagen, aber gerade die Direktheit der Worte unterstreicht die Richtigkeit des Befundes: Die Fun-Gesellschaft hat nicht nur sprachlich jegliche Grenzen gesprengt; keine Altersschicht, keine politisch noch so obskure Gesinnung gibt es, die nicht bedient werden kann. Es ist das große „karaoke ums goldene kalb“. Dem Dichter reicht’s und er verabschiedet sich, bis zum nächsten Gedicht, mit einem „kollektiven kommt gleich“.
Neben dem eben zitierten Gedicht „berliner zapfenstreich“ gibt es viele andere Texte im Band, in denen Papenfuß etwas tut, das man hyperbolisches Sprechen nennt: Er übertreibt sprachlich so sehr, bis die Komik der Wortbildungen den Ernst der Lage ganz offenbar werden läßt. Oswald von Wolkenstein war wohl der erste Meister dieses lyrischen Tonfalls, viele Dichter des Barock sind ihm ebenbürtig. Und wer Papenfuß liest, mag zurecht an Arno Holz denken, der im Mantel des Schäfers „Freß- Sauff- und Venus-Lieder“ schenkte, und der darauf hinwies, daß darin sogar manche „Buß-Thränen“ reuig zu vergießen sind. Auch bei Papenfuß gilt: Der Motor der Lust ist der Frust, oder wie der Dichter selbst sagt: „Verschleiß ist der Preis.“ Und es ist schon ein kleiner Geniestreich, daß jedes Gedicht im Band urbanes Leben seismographisch aufzeichnet, man sich aber zugleich in die Barockzeit zurückversetzt fühlt. So, als ob Berlin oder andere deutsche Großstädte von versprengten Truppen aus dem Dreißigjährigen Krieg heimgesucht würden. Und der Witz eines solchen Bildes ist natürlich eiskalt.
Es heißt, Papenfuß sei ein Dichter, der knurrend aus dem Bauch schreibt. Aber das ist nicht einmal die halbe Wahrheit. Denn, wer im Band hetze nach poetischen Bildern und Figuren sucht, der wird bald erkennen, daß er ein „Schatzkästlein“ dichterischer Stilmittel in Händen hält. Freilich, das Erhabene ist Papenfuß’ Sache nicht. Was ihn anzieht, das sind die ausladende Wortgewalt aus Barock und Sturm und Drang, das volksliedhafte der Romantiker, die verwirrend-rasante Bildwelt expressionistischer Wort-Kunst und der Dadaismus. Das alles wirkt in seinen Gedichten, aber es wirkt niemals epigonal, sondern ist Teil einer Dichtung, die das urbane Terrain der 90er Jahre genau absteckt.
Und manche Wendung aus dem Niederdeutschen oder manche Vokabel aus dem Berliner Szene-Milieu zeigt auch lautmalerisch, woher der Wind weht. Es ist das Hetzen und das Gehetzt-Werden, die Trauer um das Verlorene und die Angst vor dem Kommenden, und es ist eben auch Witz und Gelächter, mit denen man allein gegen den Wind der schlechteren Zeiten ankommt. Nur dort, wo Papenfuß die PDS verklärend aufs Podest hievt, wird man dem Dichter nicht unbedingt applaudieren. Auch wird nicht wirklich klar, ob diese Stellen im vollen Ernst oder doch im halben Ulk geschrieben wurden.
Daß aber mit dem Wir, das in den Gedichten vorherrscht, wir, die Leser, direkt angesprochen sind, steht außer Zweifel. Und nur einmal spricht Bert Papenfuß gänzlich von sich selbst. Er sei ein „schöner zwerg“, ein „scheuer rehzwerg“ und ein „frecher dachszwerg“. Aber immer soll gelten: „auch ich bin, verdammtnochmal, prenzlauer berg“.
So sei es. Nur möge die Lyrik des Bert Papenfuß auch außerhalb Berlins ihre Leser finden.

Andreas Puff-Trojan, Süddeutsche Zeitung, 14.12.1998

Auf Papenfuß

− Rede zur Verleihung des Erich-Fried-Preises 1998. −

Dem Auftreten Papenfuß-Goreks im Osten Berlins haftet von Anfang an etwas Sagenhaftes, Unerhörtes an. Verblüffend erfunden wie sein Name klingt klirren seine Worte, herausfordernd gesucht, die eines Schalks, der in der Literatur erscheint wie Ulenspiegel im Badehaus. „… zu Honnover vor dem Leintor wollt der Bader nit das, daß es ein Badstuben heißen sollt, sunder es hieß ein Hus der Reinigkeit. Des ward Ulenspiegel innen… Ulenspiegel sprach: Daß dies ein Hus ist der Reinigkeit, das ist offenbar, wann wir gohn unrein harin und rein wieder harus. Mit dem so macht Ulenspiegel ein großen Huffen zu dem Wassertrog mitten in der Badstuben, daß es in der ganzen Stuben stank. Da sprach der Bader: Nun sieh ich wohl, daß die Wort und Werk nit alle gleich seind. Die Reinigkeit pflegt man auff dem Sprachhus. Das ist ein Hus der Reinigkeit von Schwitzen, und du machst darus ein Scheißhus. Ulenspiegel sprach: Ist das nit Dreck von Menschenleib kummen, soll man sich reinigen, so muß man sich innen sowohl reinigen als ußen… Was hab ich für ein Dreck wohl gebadet.“
Dergestalt tritt Papenfuß in den lyrischen Laden, ein Wortverstörer und Sinnentsteller, der die Verhältnisse wörtlich nimmt. Er scheint ein Schelm, der Böses dabei denkt, mit Texten haufenweise, worin allerlei arcs steckt. In den siebziger Jahren brachte mir Mickel drei Kladden: sieh das einmal an, es waren drei fertige Bände, nur ungedruckt. Verse voll Abersinn und Widerwitz, wir waren uns einig, hier ist ein Dichter zugange; und anders als erwartet räuspert sich der Nachwuchs. Wir kannten eine Anzahl unbekannter Verfasser, deren einige ich später vorstellte im Berliner Ensemble, Häfner, Faktor, bis die Ämter einschritten, als ich auf Namen wie Döring und Papenfuß bestand. Denn die Ämter nehmen ihn ihrerseits wörtlich, „und sie wurden sein müd, desgleichen ward er ihr auch müd“. Furchtwein, alle Jahre Werder und Potsdammich. Auch die Sprache ist parat, wir redeten ja noch in Sätzen, hier ist ein „Meister nichtsyntaktischer Grammatik,“ schrieb Mickel, Chinesisch interlinear, „eine Milliarde Menschen stellt die Wörter nebeneinander und verhakt sie assoziativ“. (Der soll nach China gehn! rief Walter Ulbricht schon mir Anfangendem nach.)
Es ist alles genau, aber daneben, ein verläßlicher Nonsens, der sich, wie gesagt, gewaschen hat; persilfliert. German graffities, an Mauern geschrieben, die fallen (sollen). Mickel vermerkte die Quelle der Kraft, „die Scherze der Werktätigen“, die abgekürzte Sprache der Baubuden als der soz.(usagen) Realismus. Die Maulart reagiert ohne Rechtschreibreform; unsere Basis Sächsisch, Bert kommt aus dem Mecklenburgischen her. Der Prenzlauer Berg ein Auffanglager der Dableiber und der literarischen Autonomen, der Hinterhof zwischen Protokollstrecke und Mauer, „keine Wohngegend, eine Haltung“ auf elfhundert Hektar, ein Freiraum urbaner Subkultur. Hier artikuliert sich eine Generation, für die es um nichts mehr geht, die Zukunft ist gegessen und die Gegenwart tote Geschichte. Der Sozialismus ein, wenn auch für alle billiger, Witz: subventionierte Verheißung (der Aberwitz ist der Westen). Das lohnt den Einsatz nicht, und der Ausstieg ist leicht. Man muß nur die Sprache verlassen. Ich wollte nicht dudenkonform sein, das wäre für mich gleichbedeutend mit der Akzeptanz des Strafgesetzbuches gewesen, sagt Papenfuß. Den bewußtlosen Schlagzeilen entsagt (entzagt) er durch sinnvielteilung, wie um Adornos Ratschlag zu folgen, „Chaos in die Ordnung zu bringen“:

sozio-linguistik aus meinem fickwinkel
gegen imperiale sprachkonzepte
gegen konsequenz
gegen das hochdeutsche
für das niederdeutsche
in aller deutlichkeit undeutsche
.

Bewußter als andere „zwangsläufige Surrealisten“ (Matthies) im Kiez, nimmt er die Überdosis Worte, der Politik ist nur durch Unkontrollierbarkeit beizukommen. Er leidet nicht an der DDR, ich habe nie an Deutschland gelitten, er ist kein „Hineingeborener“, oder Ausgewiesener, er arbeitet an seiner Gebärdung. In Gedichten kann man radikal empfinden üben.
Das ist mein Leben, mit dem ich experimentiere.
Was hat Papeneck-Fußsock mit Erich Fried zu schaffen? Nichts – oder alles, es sind Antipfoten, zwei schreibende Gegensätze, der eine in schlichter, der andre in ausgeflippter Manier, bedingt und bedarft und sonderbar beide; Erichs gemurmelte minimal art, Berts augesprochne Suada: waren das Gedachte, so sind das mindestens Gedachte, jedenfalls Ferdichte. Zwei Seitenmoden der Lyrik nach unverwüstlichen Musterbögen, die der erklärte / der närrische Moralismus schneidet.
Der eigentliche Fall und das Skandalon Papenfuß aber: er spricht, nach dem Umbruch, noch immer mit der verstellten Stimme der angeblichen Sklavensprache, dem aufreizenden Ton der Verweigerung. Es ist wohl so, daß sich die Naturen gleichbleiben, wie übrigens lange die Zeiten, und die einen Naturen unvereinnehmbar sind. Es war ein Kalkül gewesen, die Szene zu anästhe(ti)sieren; sie hatte sich selber ruhig gestellt, „die Stasi,“ sagt Lorek, „brauchte schon einige Zeit, uns als Idioten zu begreifen.“ Papenfuß, der Häretiker, nur hat den Frohsinn behalten. Nach Durststrecken zwar, der Finanz- und Bilanzlyrik (alles gedruckt), findet er wieder das Rinnsal der Anarchie. Zeilen sind es oft nur, wie Unterschriften (s.u.). Er stinkt noch an, er höhnt, er maulträtiert, und, wo der Anlaß das Gefühl kältert, mit zunehmender Schärfe. Vergleichbar nur Castorfs Kontrasttheater, auf dem die hauptmannschen Weber den Protestschrei im T-Shirt eines Reisebüros skandieren: UNGER! und Schmied Wittig, eine zerknickte DGB-Fahne in der Hand, die Altersteilzeit referiert: Es lebe die internationale Solidarität! Deutschland den Deutschen! Vieldeutigkeit tiefkühl, mit Papenfuß’ Worten gesagt: Schriftbruch, Pogromvorschau. (Aber ein Sauwort wie Großer Lauschangriff kann er nicht überbieten.)
Es ist seine zweiäugige Arglist, die die Gradhinnigen erbittert und die sie nun verabscheuern: Papenfuß, so Hartung, scheine „nur gesonnen, sein Talent zu ruinieren… bastarde der bürgerbewegung. Geistesverlassener“, Feistesgelassener, „geistesverlassener läßt sich ein Räsonieren kaum denken. Das schielt nach Beifall und spielt mit einer gefährlichen Stimmung.“ Loest: der „rote Schreibkämpferbund“ von Braun bis Papenfuß, Schlamm drüber.

die evolution nagt aber auch an ihren gören.
menschenschicksal, ihr unternietzschen.
jedes richtige leere wort ist eine untat für den staat.
kommunismus holt man sich nicht
kommunismus bringt man sich mit.

Diese Notdichtung ist ein Indiz, wofür immer wir nicht wollen. Wir leben in einem Zeitalter, in dem wir weder unsere Fehler noch die Heilmittel dagegen ertragen, secht Livius. Der stereometrische Blick der DDR-Literatur, die in zwei Welten lebte, wird erst jetzt, angekommen in der ersten Welt, die die dritte wird, seine subversive Kraft entwickeln. Vom Sprengen des Gartens, nach Brecht und dem Grundsatz: Rückgabe vor Entschädigung:

O Sprengen des Gartens, das Grau zu ermutigen
Grund und Boden in die Luft zu jagen! Gib mehr als genug. Und
Vergiß nicht die Parkplätze und Freiflächen, auch
Die rückübertragenen nicht, die zugebauten
Grundstücke! Und übersieh mir nicht
Zwischen den Investitionsruinen die Wiedereinrichter, die auch
Brand haben. Noch fache nur an!
Den falschen Rasen senge an, ebne ein:
Auch den nackten Boden lösche aus du.

„Der Genuß, den ich beim Betrachten,“ schreibt Jünger an Schlichter über die Bilder A. Paul Webers, „empfinde, ist politischer Natur, und es gibt niemand, der die politische Neigung und den politischen Haß, den ich empfinde, auf eine Weise darstellen könnte, die der seinen gewachsen wäre. Ähnliches gab nur Kubin in seinen dämonischen Beschreibungen des Untergangs der bürgerlichen Welt… was bei Kubin noch Schmerz bereitet, gewährt bei ihm schon ein Gefühl von grausamer Lust. In dieser Beziehung ist er einem noch nicht verwirklichten, politischen Zustand koordiniert, einem höchst gefährlichen Raum, der von einem unverletzlichen Auge gespiegelt wird. In dieser Ordnung aber kann von künstlerischen Wertungen im alten Sinne kaum mehr die Rede sein“ – wie auch, wenn ich ausgerechnet Jünger einberufe, davon nicht die Rede ist. Der Künstler habe „heute die Aufgabe, uns zu zeigen, daß der Spaß einmal aufhören wird; die Zeit für Stillleben ist vorbei. … Ich vermute, daß es eine Art zu malen und zu zeichnen gibt auf die der Tyrannenmord unmittelbar folgen muß.“
Meine Damen und Herren, ein neues elend ist / wie ein neues leben. Die ernstliche Dichtung braucht Gefahrenzulage, Schmutzzulage. Ich freue mich, Bert Papenfuß den diesjährigen Erich-Fried-Eid zu nehmen, potz Jandlitz, den Erich-Fried-Preis zu geben. Auf, Papenfuß.

Volker Braun, Laudatio

Ossifizierung und Verschleiß

− Dankrede zur Auszeichnung mit dem Erich-Fried-Preis. −

Gemeinhin ist mein Metier das Komprimat und Kommunikationsdestillat Lyrik, so hingeschwatzt diese auch daherkommen mag, wenn der Tag lang ist; Prosa ist mir ein Kompromat, mein Fabulierzwang ist normalerweise ausgetobt, und braucht selten das Regelgedrösel der Hochsprache – ich komme zur Sache, wenn auch nicht auf den Punkt, sondern den Ansatzpunkt: das Sächsische in, um, unter und wohl auch über uns.
Geboren wurde ich im Bezirk Neubrandenburg in der Reuterstadt Stavenhagen, der Heimat des größten plattdeutschen Dichters Fritz Reuter; aufgebracht und ausgebildet in Greifswald, alterdings und nachwendisch: Hansestadt Greifswald, im Bezirk Rostock; in die Arbeitswelt trat ich in der Bezirkshauptstadt Schwerin, mittlerweile wiederum Regierungssitz bzw. Paradeprovinzkaff des Landes Mecklenburg/Vorpommern, auf gut neusprech unsäglich Meckpomm geheißen, das heute die ABC-Bezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg, so genannt nach ihren jeweiligen Autokennzeichen, umfaßt, die wiederum Flurbereinigungen der Fürstentümer Mecklenburg-Schwerin, Mecklenburg-Strelitz und Vorpommern waren. Torfmoor, Bodden und Staatstheater waren meine ersten Reviere, und abgegrast. Rigoros zu schreiben begann ich in Berlin, woselbst ich seit 22 Jahren im Exil lebe, und meine Freizeit der experimentellen Xenologie widme. Das nördliche Brandenburg und Sachsen-Anhalt, wo versprengt kindliches Platt gesprochen wird, und die Hauptstadt waren Niemandsland, der Rest der DDR war Sachsen, und die DDR war die Zone, und wir befanden uns soweit wohl und waren auf Achse.
Wir waren der Norden, hatten Norden in uns, trugen ihn ins Angrenzende und mußten ihn hin und wieder im Rahmen unserer physischen Konditionen körperlich austragen; denn der Norden war der Antisachse. Das war der kalte Sozialismus mitten im kalten Krieg, und seine Kontrahenten waren Sachsen und Fischköppe.
Wer aber waren die Sachsen? Erlebnishungrige Urlauberinnen aus Sachsen waren nicht sächsisch, sächsisch war das unverständliche Genuschel, das einem in den hinterletzten Entlegenheiten entgegenzischelte. Unsere Kumpels aus Dresden, Karl Marx-Stadt, Gera und Erfurt waren Kunden und keine Sachsen, sächsisch war der Staat und seine Vertreter von Ulbricht über Honecker, bis hin zum läppischen Bullen und letzten Öler. Ökonomische Zwänge sind nicht sächsisch, merkantiles Geschick ist sächsisch, Lebensqualität ist sächsisch und der Opportunismus; der Fischkopp hingegen eine harte Nuß, sein Wappen der Stierkopf, sein Wort, wenn er es denn erhebt, ein alter Zopf und voller Trotz. Trinkt Stierbier aus Stavenhagen! Erhältlich in jedem Netto-Stützpunkt, dem Ausstatter der Zukurzgekommenen – ausreichend Schnaps, Ostzigaretten und ausgewählte Wegwerfnahrung.
Ich spreche über meine Meinung hinaus, über die Volksmeinung ohnehin, bin hingegen beflissen, die Grundstimmung und ihre Tendenz herauszukitzeln. Das, auch ökonomisch evidente, Nord-Süd-Gefälle wurde durch den Ost-West-Konflikt gelöst, der da zusammengeschweißt hat, was weitere Jahrzehnte kalter Sozialismus nicht geschafft hätten.
„bis auf den allerletzten sind wir alle eines anderen sachse“ heißt es in dem Gedicht „saxokratie“ aus dem Band SBZ. Wenn ich heute durch den Prenzlauer Berg gehe, und ich meine gehen, seiner Wege gehen, im Gegensatz zu schlendern, bummeln, spazierengehen, durchgeschleust werden, muß ich mein eigener Sachse sein, denn es gibt keine mehr. Außer Silka Teichert, ganz das Ebenbild einer Berliner Pflanze, die lediglich vorweisen kann, in Torgau (Sachsen) geboren zu sein, und einigen Freunden und Freundesfreunden aus Artistenkreisen, die allerdings so alt und eingemeindet sind, daß sie bestenfalls noch Ehrensachsen abgeben.
Im Szenebezirk Prenzlauer Berg wurden in den letzten acht Jahren 60 Prozent der Bevölkerung ausgetauscht, eine Bevölkerungskatastrophe, die sonst nur nach Kriegen stattfindet. Die Prolls sind in die Stadtrandsilos gezogen, wo sie alles haben; der gehobene Mittelstand ist ins Grüne gezogen, wegen der Kinder; die, die es sich leisten konnten, in den Speckgürtel, wegen der Lebensqualität; und die Alten sterben einfach. Grund und Boden sind in Westhand, und der Yuppifizierung Türen und Tore geöffnet. Die xenophobische Hauptlast liegt heute auf den Schultern der Schwaben, egal ob sie nun aus Bayern, Franken, Hessen oder dem Saarland kommen.
„die sachsen sind bloß noch die schwaben von morgen & die schwaben schon heute ihre eigene fette beute“ heißt es in einem selbstverfaßten Gassenhauer. Was aber macht die Schwaben zu Sachsen? Nun, falsche Noblesse, Fassadenhabitus, vorlaute Vergnügungssucht, flächendeckende und tiefgreifende Oberflächlichkeit, gepaart mit Finanzkraft und merkantilem Geschick – yuppiescum von Schlingensief bis dorthinaus. Wir kannten die Abgründe des Wohlstands nicht, vor allem nicht die Abgründe des nachlassenden Wohlstands, und viele meinen heute, das wäre auch besser so geblieben. Die Schwaben in ihren neueröffneten Budiken, sprich Feinkostläden, gewöhnen sich die große Klappe an, die aber meist nur eine ganz normale Emanation oder Aureole der Ostfäule war, die übrigens auch in der Frontstadt in ihrer Umzingelung kultiviert wurde – gut so, ich halte das für den ersten Grad der Ossifizierung. Dann wurmt es weiter, dann hagelt es freche Antworten, und Steine kommen geflogen, dann gehen Schwaben gegen Schwaben, zivile Schwaben gegen V-Schwaben, und dann stoßen Ungereimtheiten auf, und die Ossifizierung nimmt ihren Lauf. Dann beginnt man, spät aber dennoch, am Spiegel zu zweifeln und zwischen den Zeilen zu lesen, und ruft nach neuen Besen. Dann wird PDS gewählt und die kommunistische Plattform unterstützt. Und dann kommt uns keiner mehr besuchen. Richtig, wenn es im guten nicht geht, dann eben im bösen.
Die Ostdeutschen werden ohnehin im allgemeinen von den Russen befreit, die in Berlin neben den Türken die größte nationale Minderheit bilden.
In einem Interview, das Erich Fried 1986 der situationistischen Gruppierung Bismarc Media gab, spricht er über die kleinen Verbesserungen, die er sich immer ausgedacht hat. Von der Tellerrand-Rauhätzung für die Wiener Glühlampenfabrik „Orbis“, die patentiert wurde, über Neuerervorschläge für die Milchchemie und Glasknopferzeugung, in der er im Exil arbeitete, bis hin zur umbiegbaren Abklemmvorrichtung für seinen Dauerkatheter, um wieder Geschlechtsverkehr ausüben zu können. Er begründet diese Innovationen mit seiner biotechnischen Einstellung zu den Dingen. Ich vermute dahinter einen permanenten Kampf gegen den Verschleiß, der so konstruktiv heute nicht mehr geführt wird. Meine Generation ist schon im „Verbesserten“ aufgewachsen, hat teilweise selbst mitverbessert, und lebt heute verschleißorientiert. Ins bessere Deutschland hineingeboren zu sein, forderte die Auseinandersetzung mit unseren Vätern geradezu heraus. Wir zogen die Schlüsse aus ihren Verschlimmbesserungen, tragen die Verantwortung für ihre Verschlechterungen, und nahmen somit unsere Freiheit. Die Veteranen zogen sich nach dem Zusammenbruch lediglich aus der Affaire, begannen eine neue Karriere oder schmollen immer noch in Ungnade. Systemgegnerschaft ist doch wohl das mindeste, was man erwarten dürfte. Na dann eben nicht, bussiness as usual – der Kampf geht, wie immer, weiter. Verschleiß ist der Preis.
Schließen möchte ich mit einem Gedicht von Erich Fried, das er als sein Gedicht mit dem merkwürdigsten Schicksal bezeichnet. Es wurde das Lagerlied der in Ungnade gefallenen deutschen Antifaschisten in Kasachstan, und war, ins Russische übersetzt, ebenfalls Lagerlied in Workuta.

Schienen werden dir blinken
Heimat zu, geradeaus
Menschen werden dir winken
Auf deinem Weg nach Haus
Und du wirst lachen und weinen
Und du wirst Freunde sehn
Und du wirst die Gräber der deinen
Einsam besuchen gehn
Und du wirst Gassen erkennen
Die du nicht mehr gekannt
Und du wirst Namen nennen
Die du schon lang nicht genannt
Und du wirst Arbeit haben
Alle arbeiten dann
Eine Zeit wird begraben
Und eine Zeit fängt an.

Bert Papenfuß, Dankesrede

 

Belohnte Verständnislosigkeit

„Warum nicht jede Woche? Welchen Tag willst du haben? Sonntags ist allerdings schon belegt.“ So sprach ein Typ in schwarzer Lederweste zu mir, im Herbst 1999.
Ich ahnte nicht, dass dieser Tag und diese Worte mein Schicksal bestimmen sollten, dass ich hernach jahrelang Dienstag für Dienstag Veranstaltungen ankündigen durfte, moderieren und davor an der Kasse stehen, danach an der Bar, mit Dichterinnen und Dichtern trinkend…
Ein paar Tage vor dem, an dem die entscheidenden Worte fielen, war ich mit einem Freund in der Torstraße unterwegs, und wir gingen an einer Kneipe vorbei, die mir bislang kaum aufgefallen war: dem Kaffee Burger. Nun leuchtete die Spelunke heller als in den Jahren zuvor, obwohl sie immer noch sehr dunkel war. Wir lugten hinein. Die Resopaltische und die Strukturtapete überzeugten uns. Ein idealer Ort für eine Lesung.
Ich ging hinein und fragte nach dem Zuständigen für die Veranstaltungen. Es war Bert Papenfuß. „Papenfuß, so wie der Dichter Papenfuß-Gorek?“, fragte ich den Zapfer, als ich mir Nummer und Namen notierte. „Ja“, sagte der Zapfer düster, genau so wie der, nur ohne das Gorek.“
Erst beim Treffen mit Papenfuß begriff ich, dass der eine auch der andere war, der Namenszusatz Gorek war verloren gegangen, doch der Bert war derselbe geblieben. Wir tranken Bier, redeten über eine – eine! – Lesung, die ich dort auf der Bühne haben wollte, dann fragte Bert ganz uneitel, was ich von seinen Gedichten hielt. Ich kannte damals nicht viele von ihnen, und die gefielen mir damals gar nicht (inzwischen habe ich lesen gelernt). Ich antwortete offen:

Die finde ich scheiße.

Und das fand er gut.
Er lachte sein Raucherlachen. Holte noch eine Runde Bier. Dann stellte er ohne große Überleitung die schicksalhaften Fragen, und überließ mir schließlich den Dienstag als Veranstaltungstag für die Verbrecherversammlung, als Belohnung für meine ehrliche Verständnislosigkeit. Ich lernte: Man sollte Bert Papenfuß nicht loben, will man ihn für sich interessieren. Mit Widerspruch dagegen geht das ganz gut.

Jörg Sundermeier, aus Kaperfahrt um sieben Fuder Anagramme. Jubeldruck für Bert Papenfuß zum 60., 2016

Sprachgewand(t) – Ilona Schäkel: Sprachkritische Schreibweisen in der DDR-Lyrik von Bert Papenfuß-Gorek und Stefan Döring

Heribert Tommek: „Ihr seid ein Volk von Sachsen“

 

Beitrag zum 60. Geburtstag von Bert Papenfuß:

Lorenz Jäger: ich such das meuterland
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.1.2016

Zeitansage 10 – Papenfuß Rebell
Jutta Voigt: Stierblut-Jahre, 2016

Fakten und Vermutungen zum Autor + Archiv + KLG
Porträtgalerie
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Das Papenfuß-Gorek“.

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Bert Papenfuß

 

Bert Papenfuß liest bei OST meets WEST – Festival der freien Künste, 6.11.2009.

 

Bert Papenfuß, einer der damals dabei war und immer noch ein Teil der „Prenzlauer Berg-Connection“ ist, spricht 2009 über die literarische Subkultur der ’80er Jahre in Ostberlin.

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