Bert Papenfuß: RUMBALOTTE CONTINUA 1. Folge

Papenfuß/Papenfuß-RUMBALOTTE CONTINUA 1. Folge

DU UND DIE LANGE HAND

„Die Natur hat immer Recht.“
Der Mensch steht nicht im Mittelpunkt.
Zurechtgedrechselt, ausgeunkt, schwer getankt,
gilt Mordsdank dem sog. Vaterland von langer Hand.

Hier wird alles getan, und unterlassen,
was ich hasse. Sozialdemokratismus kostet
Blut, Blut von langer Hand; Blut heckt Mehrblut.
Grundverdrehung schleicht sich an; schlägt einen Haken;

100 Jahre imperialistischer Weltkrieg,
ein ständig steigendes und variantenreicheres
Arsenal an Massenvernichtungswaffen; Feldzüge
führen zu Konjunkturkorrektur – von langer Hand.

Invasionen demnächst vorzugsweise
durch die Möchtemächte und Streberarmeen
der Neu-Atlanter (Baltikummer und Westslawen,
„Fremde Heere Ost“). Was man initiiert, gehört isoliert.

Beherrschen, einschüchtern, angreifen.
Die Preßluft ist knapp, der heiße Brei ist gar.
Kampf gilt dem Detail der Glaubwürdigkeitslücke.
Wo Tenet die Fäden zieht, sind Sator und Arepo nicht weit,

macht sich Verschwörungstheorie breit,
verklärt die offen liegenden Zusammenhänge
zwischen Regieren, Regiertwerden, Regiertwerden-
lassen, Sichnichtwehren, Unterbutterung, Niederschlagung

und Ausbeutung. Grundverdrehung klopft an
mit „unsichtbarer“, eiserner und ausbeutender Hand:
Mach die Tür auf – und du kriegst die Tür nicht zu, im Nu
verlierst du Fuß- um Handbreit jeglicher Bewegungsfreiheit.

aaaaaRechts von mir, aufgepaßt!
aaaaaIhr werdet gleich vernascht.
aaaaaLinks von mir jiebtet nüscht.
aaaaaaaaaaJeh ma holen zwei Pistolen.
aaaaaaaaaaEine für mich, eine für dich.
aaaaaaaaaaDu bist dot und ick noch nich.

Bei Höllenlicht

Anarchie in Germany – das ist ja eigentlich nicht vorgesehen. Aber Renitenz, Revolte, Rebellion gegen Deutschland gab es schon, ob es als Reich oder Republik firmierte. Im Lande selbst ist man aufsässig gegen Herrschaft(en) aller Art aber zumindest auf Papier. In Rumbalotte Continua spürt Bert Papenfuß dem einen nach und betreibt auch das andere ein bisschen.
Der Autor, dem auch schon historischen Phänomen der Prenzlauer-Berg-Poeten zuzurechnen, geht bis zu den im 9. Jahrhundert einsetzenden Slawenaufständen „gegen deutsche Herrschaftsgelüste“ zurück. Lutizen verbünden sich mit Obotriten gegen ostfränkische Hoheit, „Hansestädte gegen Fürstengewalt“, „angermanisierte“ Kaschuben bekennen sich als Pommern, die Geheimorganisation Gryf Pomorski agiert gegen die Nazis und wird von der Roten Armee liquidiert. Aber Störtebeker lebt.
Kreuz und quer durch die Epochen folgt der Autor „Spuren der Besiegten“. Als solche sieht er schon jetzt „Die Untergegangenen Staaten von Amerika“, wenn auch wohl nicht auf dem Ehrenfriedhof der Unbotmäßigen beigesetzt. „Das Kapital verröchelt gesetzmäßig. Das Geld ist alle. Der Zins ist tot. Das Licht ist aus.“ Immerhin: „In der Hölle brennt noch Licht.“ 
Papenfuß haut allenthalben auf die Pauke, thematisch wie formal. Rumbalotte Continua – da klingt leise die italienische „Lotta continua“ der 70er Jahre an – ist Teil einer Rockoper. Es sind Songs und daher oft mehr einhämmernde „lyrics“ denn einnehmende Lyrik. Was das auf Musik gestimmte Ohr als kräftigen Ausdruck, als Kraftausdruck (hin)nimmt, erscheint dem Auge noch nicht unbedingt als Ausdruckskraft.
Doch fraglos war hier ein begabter Begriffsingenieur am Werk, einer, der Wörter dreht und wendet, neu erfindet, um sie effektvoll in Versen zu verwerten. Und auf Fleetwood Macs „Green Manalishi“ reimt sich ja wirklich fast nur „Mitsubishi“. Man müsste das Ganze mal hören.

Rolf Birkholz, Am Erker

Sprachgewand(t) – Sprachkritische Schreibweisen in der DDR-Lyrik von Bert Papenfuß-Gorek und Stefan Döring.

Fakten und Vermutungen zum Autor

Bert Papenfuß liest bei OST meets WEST – Festival der freien Künste, 6.11.2009.


Bert Papenfuß, einer der damals dabei war und immer noch ein Teil der „Prenzlauer Berg-Connection“ ist, spricht 2009 über die literarische Subkultur der ’80er Jahre in Ostberlin.

Naheliegendes:

  1. Bert Papenfuß: till
  2. Sascha Anderson & Elke Erb (Hrsg.): Berührung ist nur eine Randerscheinung
  3. Ron Winkler (Hrsg.): Die Schönheit ein deutliches Rauschen
  4. Bert Papenfuß: hetze
  5. Michael Braun & Hans Thill (Hrsg.): Das verlorene Alphabet

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