Bertolt Brecht: Gedichte Band IV 1934–1941

Brecht-Gedichte Band IV 1934–1941

AN DEN SCHWANKENDEN

Du sagst:
Es steht schlecht um unsere Sache.
Die Finsternis nimmt zu. Die Kräfte nehmen ab.
Jetzt, nachdem wir so viele Jahre gearbeitet haben
Sind wir in schwierigerer Lage als am Anfang.

Der Feind aber steht stärker da denn jemals.
Seine Kräfte scheinen gewachsen. Er hat ein
aaaaaunbesiegliches Aussehen angenommen.
Wir aber haben Fehler gemacht, es ist nicht mehr zu leugnen.
Unsere Zahl schwindet hin.
Unsere Parolen sind in Unordnung. Einen Teil unserer Wörter
Hat der Feind verdreht bis zur Unkenntlichkeit.

Was ist jetzt falsch von dem, was wir gesagt haben
Einiges oder alles?
Auf wen rechnen wir noch? Sind wir Übriggebliebene, herausgeschleudert
Aus dem lebendigen Fluß? Werden wir zurückbleiben
Keinen mehr verstehend und von keinem verstanden?

Müssen wir Glück haben?

So fragst du. Erwarte
Keine andere Antwort als die deine!

 

 

 

Zum vierten Band

Dieser Band enthält, wie Band V, Gedichte aus den Exiljahren 1933–1941.
Der Anlage unserer Ausgabe entsprechend, steht am Anfang wieder ein von Brecht zusammengestellter Auswahlband: der dritte und letzte, die „Svendborger Gedichte“.
Die „Svendborger Gedichte“ entstanden aus den „Gedichten im Exil“, dem letzten Teil der Gesammelten Gedichte (1918–1937), deren Herausgabe der Malik-Verlag (Wieland Herzfelde) in Prag und Brecht von Dänemark aus 1937 vorbereiteten. Es kam nicht zum Druck dieser Gedichtsammlung, die den letzten Band der Gesammelten Werke Brechts bilden sollte. Hitler überfiel die Tschechoslowakei.
Autor und Verleger, dieser nunmehr von London aus, nahmen jetzt die Herausgabe der Gedichte im Exil als Einzelband auf. Brecht gab ihm den Titel Svendborger Gedichte nach der kleinen dänischen Hafenstadt Svendborg, in deren Nähe er von 1933 bis 1939 lebte; gedruckt wurde diese Auswahl in Kopenhagen im Frühjahr 1939, als Brecht bereits eine neue „Zufluchtsstätte“ in Schweden gefunden hatte.
Viele der „Svendborger Gedichte“ und weitere Gedichte des vorliegenden Bandes erschienen damals in deutschsprachigen Zeitschriften und Zeitungen, die in Moskau, Paris, Prag und anderen Städten herauskamen; vor allem in Das Wort und Internationale Literatur, Moskau.
„Die Teppichweber von Kujan-Bulak ehren Lenin“ ist 1929 geschrieben (wie oftmals, auf Grund eines Zeitungsberichtes); „Kohlen für Mike“ 1926 (gleicherweise wie oftmals, nach der Lektüre eines Buches, in diesem Fall von Sherwood Andersons Der arme Weiße); Brecht nahm die beiden Gedichte in den neuen Auswahlband auf. Da es auch zu den „Geschichten aus der Revolution“ (Band I) gehört, erscheint das erste Gedicht zweimal innerhalb der Gedichte. – Für die „Kantate zu Lenins Todestag“ übernahm Brecht das „Lob des Revolutionärs“ aus dem Stück Die Mutter.
Den „Chinesischen Gedichten“ liegt die in Heft 10 der Versuche (1950) gedruckte Auswahl zugrunde; sechs von ihnen waren schon 1938 in Das Wort erschienen. Für die Versuche schrieb Brecht diesen Vorspruch:

Im 23. Versuch „Chinesische Gedichte“ sind alte und neue chinesische Gedichte reimlos und mit unregelmäßigen Rhythmen ins Deutsche übertragen.

(Es sei hier auf Brechts Aufsatz „Über reimlose Lyrik mit unregelmäßigen Rhythmen“ hingewiesen, der 1939 in Das Wort erschien und seither oft nachgedruckt worden ist.) Das auch zu diesem Zyklus gehörende Gedicht „Bei der Geburt eines Sohnes“ ist in dem vorliegenden Band bereits in den „Svendborger Gedichten“ enthalten. Die Übertragungen der Gedichte „Ansprache an einen toten Soldaten des Marschalls Chiang Kai-shek“ und „Gedanken bei einem Flug über die Große Mauer“ stammen aus späteren Jahren.
Die acht „Studien“ in Heft 11 der Versuche (1951) haben folgenden Vorspruch von Brecht:

Studien“, um 1940 geschrieben, gehören wie die „Chinesischen Gedichte“ in Heft 10 zum 23. Versuch. Diese sozialkritischen Sonette sollen natürlich den Genuß an den klassischen Werken nicht vereiteln, sondern reiner machen.

„Gedichte aus dem Messingkauf“ wurden in dieser Auswahl und Anordnung in Heft 14 der Versuche (1955) abgedruckt. Der Vorspruch von Brecht lautet:

Über alltägliches Theater“ und die folgenden Gedichte gehören zum „Messingkauf“ (26. Versuch), einem Gespräch über neue Aufgaben des Theaters.

Der „Messingkauf“ beschäftigte Brecht über viele Jahre; die Arbeit ist unvollendet geblieben; das große Fragment erscheint innerhalb der Schriften, ,,Das kleine Organon für das Theater“, 1948/49 entstanden, ist, in Brechts Formulierung, „eine kurze Zusammenfassung des ,Messingkauf‘“. Die Gedichte „Suche nach dem Neuen und Alten“, „Die Vorhänge“, „Die Beleuchtung“, „Die Gesänge“ und „Die Requisiten der Weigel“ wurden 1950 von Brecht für „Theaterarbeit“ geschrieben, eine Publikation über die ersten sechs Inszenierungen des Berliner Ensemble. Die übrigen datieren ebenso wie die der Abteilung „Weitere Gedichte zum Messingkauf“ aus den Jahren 1937 bis 1940.
Das erste Manuskriptblatt einer Auswahl von Gedichten aus den Jahren 1937 bis 1940 trägt den von Brecht handschriftlich vermerkten Titel „Steffinische Sammlung“, das zweite Blatt den Vermerk:

Gedichte, gesammelt von meiner Mitarbeiterin Margarete Steffin, geschrieben etwa von 1937 an in Dänemark, Schweden und Finnland.

Margarete Steffin, Arbeiterkind aus Berlin, Antifaschistin, schon schwer erkrankt, als sie 1933 ins Exil ging, starb an Tuberkulose 1941 auf der Durchreise nach den Vereinigten Staaten in einem Moskauer Krankenhaus. – Aus dem Exil zurückgekehrt, wollte Brecht die „Steffinische Sammlung“ geschlossen in die neugeplante Ausgabe seiner Gedichte aufnehmen, die dann zugunsten anderer Arbeiten zurückgestellt wurde.

Elisabeth Hauptmann, Nachwort

 

Fakten und Vermutungen zur Herausgeberin
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Bertolt Brecht: Lob des Lernens gesungen von Nina Hagen 2016 in Potsdam.

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