Bertolt Brecht: Gedichte Band VI 1941–1947

Brecht-Gedichte Band VI 1941–1947

DIE NEUEN ZEITALTER

Die neuen Zeitalter beginnen nicht auf einmal.
Mein Großvater lebte schon in der neuen Zeit
Mein Enkel wird wohl noch in der alten leben.

Das neue Fleisch wird mit den alten Gabeln gegessen.

Die selbstfahrenden Fahrzeuge waren es nicht
Noch die Tanks
Die Flugzeuge über unsern Dächern waren es nicht
Noch die Bomber.

Von den neuen Antennen kamen die alten Dummheiten.
Die Weisheit wurde von Mund zu Mund weitergegeben.

 

 

 

Zum sechsten Band

Vom Sommer 1941 bis zum Herbst 1947 wohnte Brecht, von einigen längeren Aufenthalten in New York abgesehen, in Santa Monica, Kalifornien. Der sechste Band enthält Gedichte aus diesen Jahren. Einige wurden in Zeitungen und Zeitschriften abgedruckt, und auch in die Auswahlbände Hundert Gedichte (Berlin 1951) und Gedichte und Lieder (Frankfurt 1956) wurde eine Anzahl von ihnen aufgenommen.
Am Anfang stehen die „Gedichte im Exil“. Schon den Svendborger Gedichten (London 1939) hatte eine von Brecht getroffene Auswahl, die er „Gedichte im Exil“ nannte, zugrunde gelegen. Und unter dem gleichen Titel stellte Brecht in den ersten amerikanischen Exiljahren noch dreimal eine kleine Gedichtauswahl zusammen. Von den maschinengeschriebenen Blättern der letzten (Dezember 1944) ließ Brecht einige photokopierte Heftchen anfertigen. Einem Freunde, dem er ein solches Heftchen mit Gedichten als Weihnachtsgruß schickte, schrieb er dazu:

Es macht mich etwas verlegen, daß ich sie Ihnen nicht im Druck geben kann, jedoch müssen wir ja mit diesem Rückfall ins frühe Mittelalter vorlieb nehmen.

Die drei kleinen Sammlungen wurden für den vorliegenden Band zu einer zusammengezogen. Die bereits in den „Svendborger Gedichten“ und in der „Steffinischen Sammlung“ (Band IV) enthaltenen Gedichte sind in diesem Band nicht noch einmal abgedruckt; Gedichte, die sich in den drei Sammlungen wiederholen, nur einmal. Einer Notiz zufolge wollte Brecht Gedichte wie „Die Landschaft des Exils“ nicht in den letzten seiner Zusammenstellungsversuche hineinnehmen; sie erschienen ihm damals sprachlich „zu reich“.
Das Gedicht „Die Maske des Bösen“ („An meiner Wand“) nahm Brecht in die „Flüchtlingsgespräche“ auf, die Gedichte „Der Kälbermarsch“, „Und was bekam des Soldaten Weib?“ und „Deutsches Miserere“ übernahm er in sein Stück ,Schweyk im zweiten Weltkrieg.
Das Gedicht „Die Literatur wird durchforscht werden“ ist früher auch unter den Titeln „Wie künftige Zeiten unsere Schriftsteller beurteilen werden“ und „Literaturgeschichte“ veröffentlicht worden; in den Manuskripten findet sich außerdem der Titel: „Lied von den Richtern“. In diesem Zusammenhang sei bemerkt: in den „Gedichten“ stehen die von Brecht zuletzt gewählten Titel; bei einigen Gedichten werden dazu diejenigen gedruckten Titel angegeben, unter denen sie ebenfalls bekannt geworden sind. Sofern dies in den ersten vier Bänden versäumt wurde, wird es bei einer späteren Auflage nachgeholt.
Den Verlust der in dem Gedicht „Die Verlustliste“ genannten Freunde, des Malers und Bühnenbauers Caspar Neher und des Filmregisseurs Karl Koch, betrauerte Brecht auf falsche Nachrichten hin.
Das Gedicht „Sah verjagt aus sieben Ländern“ widmete Brecht Berthold Viertel, der 1942 einige Szenen aus „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ in New York inszenierte.
Das Manuskript des Gedichtes „Das Begräbnis des Schauspielers“ trägt den Vermerk „Aus den Vorstellungen“.
„Garden in Progress“ (Garten im Aufbau): gemeint ist der Garten des Schauspielers Charles Laughton, mit dem Brecht an der amerikanischen Fassung seines Stückes Leben des Galilei arbeitete und der in Beverly Hills, später auch in New York, den Galilei spielte.
Die Kriegsfibel besteht aus Photos, die Brecht aus Tageszeitungen und Zeitschriften ausgeschnitten hatte, und aus Vierzeilern, die er zu jedem dieser Photos schrieb. Brecht gebrauchte dafür auch das Wort „Photogramme“. Im Druck erschien die Kriegsfibel erstmalig 1955 (Eulenspiegel-Verlag, Berlin).
„Das Manifest“ ist Brechts Versifizierung des Kommunistischen Manifests von Marx und Engels, die ihn über viele Jahre beschäftigte. Er schrieb damals während des zweiten Weltkrieges über dieses Vorhaben:

Das Manifest ist als Pamphlet selbst ein Kunstwerk; jedoch scheint es mir möglich, die propagandistische Wirkung heute, hundert Jahre später und mit neuer bewaffneter Autorität versehen, durch ein Aufheben des pamphletischen Charakters zu erneuern.

Wir drucken hier die zweite der vielen verschiedenen Fassungen des „Manifests“ ab, von denen keine ganz abgeschlossen ist – nicht zuletzt der Wichtigkeit wegen, die Brecht dieser Arbeit beimaß. Von Brecht schriftlich zur Diskussion gestellte Korrekturen wurden berücksichtigt. – „Das Manifest“ war als Teil eines Lehrgedichts mit dem Titel „Von der Natur der Menschen“ („Über die Unnatur der bürgerlichen Verhältnisse“) gedacht, das er in der Art des berühmten Lehrgedichts von Lukrez „Von der Natur der Dinge“ geplant und angefangen hatte. Mit Ausnahme des „Manifests“ in das Lehrgedicht so fragmentarisch, daß wir die einzelnen bisher von uns festgestellten Bruchstücke der Abteilung „Fragmente“ im achten Band zuordnen.
„Der anachronistische Zug oder Freiheit und Democracy“, 1947 in Kalifornien geschrieben, hat Shelleys Ballade „The Mask of Anarchy“ („Der Maskenzug der Anarchie“) zum Vorbild.
Der Film Hangmen also Die („Auch Henker müsssen sterben“) zeigt den Widerstand des tschechischen Volkes gegen die hitlerischen Unterdrücker. Brecht schrieb die Story mit Fritz Lang, der den Film inszenierte.
Mit dem Lied „Ich werde warten auf dich“ in dem Stück Der kaukasische Kreidekreis erinnert Brecht bewußt an das Lied „Wart auf mich!“ des sowjetischen Schriftstellers und Dramatikers Simonow, das ihm sehr gefiel. – In Anlehnung an Texte von zwei slowakischen Volksliedern entstand das Lied „Zieh ins Feld ich traurig meiner Straßen“; in Anlehnung an alte estnische Volksepen, die Hella Wuolijoki unter dem Titel „Estnisches Kriegslied“ übersetzt hatte, den „Rat an den Liebsten, der in den Krieg zieht“ und „Die Schlacht fing an im Morgengraun“. „Das Lied vom Chaos“ geht auf ein altes ägyptisches Lied zurück.
Das Stück „The Duchess of Malfi“ („Die Herzogin von Malfi“) von John Webster bearbeitete Brecht für eine Aufführung in New York mit Elisabeth Bergner in der Titelrolle.
„Die Reisen des Glücksgotts“ plante Brecht zunächst als Theaterstück, später als Operntext für Paul Dessau. Zwei der „Lieder des Glücksgotts“ stammen aus früheren Jahren („Siebentes Lied des Glücksgotts“ und die dazugehörige Variante).
Als Brecht hörte, daß nach dem Krieg in Deutschland noch die Dreigroschenoper-Songs gesungen wurden und das Stück wieder aufgeführt werden sollte, schrieb er „Den neuen Kanonen-Song“ und „Die Ballade vom angenehmen Leben der Hitlersatrapen“. Für die Münchener Aufführung 1949 schrieb er ebenfalls einige Neufassungen, die wir in diesem Band mitabdrucken.

Elisabeth Hauptmann, Nachwort

 

Brechts Gedichte

enthalten die Stationen der Brechtschen Entwicklung und Wandlung. Sie zeigen, womit er durchs Leben gekommen ist. Wenn es die Geprägtheit der Brechtschen Lyrik ist, daß die Person des Dichters völlig hinter die unerbittlich aussagende Sachformel zurücktritt, so tritt in der Sache das Persönliche der künstlerischen Lebensbewältigung um so unverwechselbarer hervor. Und der durchaus inhaltlich, durchaus realistisch akzentuierte Schritt dieser Verse schließt den unverlierbaren, den zur Dauer angehaltenen Ton nicht aus… Es ist die ästhetische Weisheit Brechts, das Wissenswerte heiter zu sagen. Brechts Humor ist das Zeichen, unter welchem seine entschlossene, gesellschaftliche Parteinahme als eine hohe Kunst der Lebens- und Menschenfreundlichkeit erscheint.

Paul Rilla, Aufbau Verlag, Klappentext, 1978

 

 

ZU BRECHT, DIE WAHRHEIT EINIGT

Mit seiner dünnsten Stimme, um uns nicht
Sehr zu verstören, riet er noch beizeiten
Wir sollten einfach sagen wos uns sticht
So das Organ zu heilen oder schneiden.

Ein kräftiges: das ist es, und es kracht
Wenn nicht – (wie bei den Klassikern, die es halt gab)
Ein Eingeständnis, das uns Beine macht,
Das war sein Vorschlag blickend auf sein Grab.

So was ist noch auf dem Papier zu haben.
Wir haben ihn nicht angenommen, nur
Gewisse Termini und die Frisur.

Jetzt trägt man auch die Haare wieder länger.
Das Fleisch ist dicker, und der Geist enger.
So wurde er Klassiker und ist begraben.

Volker Braun

 

Fakten und Vermutungen zur Herausgeberin
Fakten und Vermutungen zum Autor + Archiv + KLG
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Bertolt Brecht: Lob des Lernens gesungen von Nina Hagen 2016 in Potsdam.

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