Bertolt Brecht: Gedichte Band VIII

Brecht-Gedichte Band VIII

JUNGER MANN AUF DER ROLLTREPPE

(Im Stil des T.S. Eliot)

Sohn des Mannes, der das Haus erwarb
Wenn du jetzt hinunterfährst
Hoffte jener, als er starb
Daß du dich bewährst.

Wird dir da ein Fuß verletzt
Dauert’s lange, bis er heilt
Eben war der Boden, der sich jetzt
Plötzlich teilt.

Spürst du unter deinem Fuß
Stufen auseinandergleiten
Ahnst du, daß man wohl beizeiten
Steigen oder fallen muß?

Stufe steigt und Stufe sinkt
Vor den Fuß? Den Fuß zurück?
Meinst du, den, dem’s nicht gelingt
heilt das Glück?

Gut. Du nimmst die obere Stufe.
Doch nun merkst du wohl: verschwunden
Sind des Tages Licht und Rufe.
Ach, die ganze lange Treppe fließt nach unten!

Und sie nimmt dich mit.
Weißt du es nun ganz?
Du auf dieser Treppe, Sohn des Manns
Der auf ebenem Boden schritt.

 

 

 

Zum achten Band

Bei einem Teil der „Nachträge zu den Gedichten 1913–1947“, die in den Bänden VIII und IX enthalten sind, handelt es sich um Texte, die bereits während der Vorbereitung zu den vorangegangenen Bänden als „Nachträge“ zurückgestellt waren, darunter Jugendgedichte, Übersetzungen, Bearbeitungen und Nachdichtungen, Gedichte über Stücke sowie die meisten Gedichtfragmente. Die Überprüfung dieser Texte stellte sich oft als besonders schwierig heraus, so daß sie nicht mehr in die vorher erschienenen Bände eingeordnet werden konnten. Dazu wurden seit der Herausgabe der Bände I bis VI weitere Texte im Bertolt-Brecht-Archiv aufgefunden oder von dritter Seite zur Verfügung gestellt, die als Gedichte oder Gedichtfragmente identifiziert werden konnten.
Gegenüber Band VIII der Suhrkamp-Ausgabe konnten in den vorliegenden Band sechs neue Texte aufgenommen werden. Dagegen mußte ausgeschieden werden: „Ich möchte vor ’nen Taler nicht“, das man fast textidentisch in „Des Knaben Wunderhorn“ nachlesen kann; die „Ballade von den zwei Freunden“, bei der es sich als zu fraglich herausgestellt hat, ob sie von Brecht ist; den „Sommerurlaub in Buckow“, der nicht der Lyrik zugerechnet werden kann. Die „Ballade“, die „Epistel an die Chicagoleute“ und „Die Bekämpfung der Zuckerkrankheit“ bedürfen noch weiterer Überprüfung. Falls gesicherte Texte von diesen zu ermitteln sind, werden sie in den zehnten Band, der hauptsächlich Berichtigungen und Ergänzungen der Anmerkungen sowie das alphabetische Register für die Bände I bis IX enthält, aufgenommen.
Das Gedicht des sechzehnjährigen Realgymnasiasten über „Hans Lody“, der zu Beginn des ersten Weltkrieges als deutscher Spion in England erschossen wurde, erschien 1914 in „Der Erzähler“, dem Unterhaltungsteil der Augsburger Neuesten Nachrichten, der auch die hier folgenden Gedichte „Deutsches Frühlingsgebet“, „Der Fähnrich“, „Karsamstaglegende“ und „Der belgische Acker“ brachte, außerdem die bereits in Band II aufgenommenen Gedichte „Moderne Legende“, „Das Lied der Eisenbahntruppe von Fort Donald“, „Tod im Walde“ („Der Tod im Walde“). (Die Fußnote zu „Der belgische Acker“, die mit dem Zeitungsdruck erschien, ist vielleicht von Brecht.) Ebenfalls in „Der Erzähler“ wurde „Der Tsingtausoldat“ (1915) veröffentlicht. Brecht hielt den Text des Zeitungsausschnittes, der die einzige Unterlage für den Abdruck bildet, für verstümmelt. Das Gedicht wurde deshalb in die „Fragmente“ des Bandes IX aufgenommen.
Die beiden Teile des Gedichtes „Karfreitag“ wurden bei einer Totengedenkfeier in Augsburg gesprochen.
Das Gedicht „Romantik“ und das „Lied an Herrn Münsterer“ zitiert Hans Otto Münsterer, ein Jugendfreund Brechts, in seinem Buch Bert Brecht, Erinnerungen aus den Jahren 1917–1922, Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar 1966. Wir drucken beide Texte mit der freundlichen Genehmigung Herrn Dr. Münsterers ab.
„Plärrerlied“: Der „Plärrer“, ein Augsburger Volksfest, das zweimal im Jahr stattfand, war bei Brecht und seinen Freunden sehr beliebt.
Die drei Gedichte „Caspars Lied mit der einen Strophe“, „Von einem Maler“ und „Der dicke Cas“ gelten Caspar Neher, von seinen Freunden „Cas“ genannt, der ein berühmter Bühnenbildner wurde. Er war Brechts lebenslanger Freund und Mitarbeiter.
Wie schon in Band I der „Gedichte“ angemerkt, verhängte Brecht für den „Gesang des Soldaten der roten Armee“, der in der ursprünglichen Hauspostille enthalten war, bald nach Erscheinen des Buches (1927) eine Abdrucksperre, die er mit der wiederholten Verwechselung der roten (bayerischen) mit der Roten (sowjetischen) Armee begründete. Mit dem Abdruck des Gedichtes in diesem Band sind alle Texte der originalen Hauspostille in den „Gedichten“ enthalten.
Die beiden Gedichte „Brief an einen Freund“ und „Der alte Mann im Frühling“ erscheinen hier mit freundlicher Erlaubnis von Dr. Otto Bezold, der ebenfalls zum Augsburger Freundeskreis Brechts gehörte.
„Von He“ gehört zu den 1920 geschriebenen „Psalmen“ (siehe Band II). Eine abschließende Anmerkung über diese Texte findet sich in Band X.
„Der Gesang aus der Opiumhöhle“: Brecht muß sich an dieses um 1920 entstandene Gedicht erinnert haben, als er, zwanzig Jahre später, für sein Stück Der gute Mensch von Sezuan das „Lied vom Rauch“ schrieb.
„Refrain“: Brecht schrieb spaßhafterweise „Reffering“. „Sentimentales Lied Nr. 78“: Es existiert kein Zyklus „Sentimentale Lieder“, aber noch ein weiteres „Sentimentales Lied Nr. 1004“, wie der Titel in der ersten handschriftlichen Niederschrift der „Erinnerung an die Marie A.“ lautet.
Der „Bericht von einer mißlungenen Expedition“ hängt mit einem Ereignis zusammen, das den jungen Brecht lange beschäftigte: die erste Überfliegung der Alpen durch Georges Chavez (1887–1910). Nachdem Chavez in der Nähe des Mont Cenis auf eine Startmöglichkeit hatte warten müssen, dann die Alpen fast überflogen hatte, stürzte er in der Nähe von Domodossola am 23. September 1910 ab. Vergleiche hierzu auch die Gedichte „Aus keinem anderen Grund“ (Band II) und „Über den richtigen Genuß von Spirituosen“ (Band VIII).
„Es muß ja bei uns nicht geweint sein“ war als Couplet für eine nicht zustande gekommene Operette gedacht.
„Tahiti“: Die erste Strophe übernahm Brecht leicht geändert in die Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny; aus „Tahiti“ wurde „Alaska“.
„Über den richtigen Genuß von Spirituosen“ wurde 1922 zusammen mit der „Ballade von der alten Frau“ (Band II) in der Zeitschrift Das Tagebuch abgedruckt mit dem Vermerk, daß mit diesen Gedichten der Träger des Kleistpreises 1922 vorgestellt werden sollte. Brecht erhielt den Kleistpreis auf Vorschlag Herbert Jherings für sein Stück Trommeln in der Nacht, das gerade in München uraufgeführt worden war, sowie für die noch nicht aufgeführten Stücke Baal und Im Dickicht der Städte.
„Über den Ohm“: Brecht widmete dieses Gedicht „dem Angedenken an A. K…“, dem Berliner Theaterkritiker Alfred Kerr, der wenig von dem Dramatiker Brecht hielt. „Mutter Beimlen“: Hanns Eisler komponierte diesen Text unter dem Titel „Mutter Beimlein“ (Kantaten und Lieder, Band II).
Obwohl das Gelegenheitsgedicht „Matinee in Dresden“ bei seiner ersten Veröffentlichung (Berliner Börsen-Courier, 22.3.1926) außer von Brecht auch von Alfred Döblin und Arnolt Bronnen unterzeichnet war, hatte es Brecht allein verfaßt. Die drei befreundeten Schriftsteller waren zu einer Sonntagsmatinee nach Dresden eingeladen, um dort aus eigenen Arbeiten zu lesen. Als sie am Vorabend den Wunsch äußerten, einer Werfel-Premiere beizuwohnen, bekamen sie sehr schlechte Theaterkarten und fühlten sich auch sonst unhöflich behandelt. Ein im Gedicht erwähnter Mitarbeiter des Dresdener Sybillenverlages versuchte vergebens, den Affront zu mildern.
Die „Ballade vom Stahlhelm“ erschien 1927 wie die vorher veröffentlichten Gedichte „Achttausend arme Leute kommen vor die Stadt“ und „Dreihundert ermordete Kulis berichten an eine Internationale“ (Band II) und die etwas später veröffentlichte „Ballade vom Kriegerheim“ („Zu Potsdam unter den Eichen“, Band III) in der Zeitschrift Der Knüppel, deren Herausgeber John Heartfield war.
„700 Intellektuelle beten einen Öltank an“ ist eine Satire auf die „Neue Sachlichkeit“. Das Gedicht erschien erstmalig im Januar 1928 in einem Hamburger Faschings-Almanach und 1929 im Münchener Simplicissimus.
„Singende Steyrwägen“: Sein erster Steyrwagen, den Brecht hier beschreibt, wurde das Opfer eines nicht von ihm verschuldeten Autounfalls; seinen zweiten stahl ihm, kurz nachdem er ins Exil gegangen war, die Gestapo; aus dem Exil nach Berlin zurückgekehrt, erwarb er seinen dritten, einen gebrauchten kleinen Steyr-Roadster, den er so lange fuhr, bis die Verkehrspolizei ihm dringend zu einem neuen Wagen riet.
„Hier standen die alten Mauren“: Den Text des kleinen Gelegenheitsgedichts, im Sommer 1930 während eines Urlaubs in Südfrankreich notiert, verdanken wir Brechts damaligem Mitarbeiter Emil Burri. Das folgende „Kleine Lehrgedicht für Kinder“, „Ein Fisch mit Namen Fasch“, schrieb er in jenem Sommer für seinen Sohn Stefan.
„Der Führer hat gesagt“: Die Melodie dazu ist die des bekannten englischen Liedes „It’s a long way to Tipperary“.
„O Falladah, die du hangest!“: Dies ist eine Erweiterung, eine Dialog-Fassung des gleichnamigen Gedichts, das schon 1919 entstanden ist und irrtümlicherweise in Band III eingeordnet wurde. Die Dialog-Fassung des Gedichts, das seinen Titel einem Grimmschen Märchen entlehnt, war für eine „Märchen“-Revue gedacht, an der auch Erich Kästner, Ernst Toller, Erich Weinert und Günter Weisenborn mitarbeiten sollten.
Die „Ballade vom Paragraphen 218“ („Herr Doktor…“) wurde wie „Diese Arbeitslosigkeit“ und „Das Lied vom SA-Mann“ (Band III) für die Rote Revue der Jungen Volksbühne geschrieben.
„Zehr und Patschek“: Diese wahre Begebenheit – die Namen sind nur leicht geändert – ging damals durch die Zeitungen.
„Die Moritat vom Reichstagsbrand“ erschien erstmalig 1933 als „Ballade vom Reichstagsbrand“ im Gegenangriff, Paris.
Die „Ballade vom 30. Juni“ ist auf die Melodie von „Heinrich schlief bei seiner Neuvermählten“, einem alten Volkslied, geschrieben.
„Zeit meines Reichtums“, auf das sich das hier abgedruckte Gedicht bezieht, ist in Band III enthalten.
„Zu einer japanischen Zeichnung, ein Puppenspiel darstellend“: Eine Postkarte mit dieser Zeichnung schickte Brecht Ende 1934 von London seinem Sohn Stefan nach Dänemark. „Im zweiten Jahre meiner Flucht“: Brechts Name stand auf einer Ausbürgerungsliste, die im Juni 1935 im Deutschen Reichs- und Preußischen Staatsanzeiger veröffentlicht wurde.
„Als der Klassiker am Montag, dem siebenten Oktober 1935, es verließ, weinte Dänemark“: Im Herbst 1935 fuhr Brecht nach New York, um bei der Inszenierung seines Stückes Die Mutter durch die Theatre Union zu helfen.
Zwei Vorfassungen von „Neue Zeit“ sind „Alte Frau auf dem Kirchplatz“ betitelt und, obwohl Vorstufen, in Band IX der Suhrkamp-Ausgabe abgedruckt. Sie entfallen hier.
Zu den „Kinderliedern 1937“ gehören noch zwei, die in Band V eingeordnet sind: „Hoppeldoppel Wopps Laus“ und „Der Knecht des Räubers“.
„Das Waschen“: C. N. steht für Carola Neher, für die Brecht auch das Gedicht „Rat an die Schauspielerin C. N.“ (Band III) schrieb. Sie spielte die Polly in der Dreigroschenoper im Theater am Schiffbauerdamm und in der Verfilmung durch G.W. Pabst, auch die Titelrolle in der Rundfunksendung der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“.
Das Sonett „Über induktive Liebe“ stammt entweder aus der Zeit der „Studien“ (Band IV) oder aus der Zeit der „Englischen Sonette“ (Band V).
„Über den Verfall der Liebe“ schrieb Brecht im Zusammenhang mit Ruth Berlaus Novellenband Jedes Tier kann es, Kopenhagen 1940, bei dessen Fertigstellung er 1938 half. „1940“: Im April 1939 vertauschte Brecht das dänische Exil mit dem schwedischen, im Februar 1940 das schwedische mit dem finnischen.
„Vorschlag an einen befreundeten Maler, seine Bilder mit einem der folgenden Texte zu versehen“: Die Texte für drei Bildinschriften schickte Brecht von Helsinki an Hans Tombrock in Schweden.
Der Komponist und Dirigent Simon Parmet stellte dem Bertolt-Brecht-Archiv freundlicherweise eine ihm von Brecht gegebene Fassung von „Finnischer Tanz“ zur Verfügung, die nach der siebenten Strophe endet und den Titel „Valse plus triste“ trägt.
„Fürchtend, ach, für unser Leben“ ist im Juni 1941 auf der Fahrt von Wladiwostok nach Kalifornien geschrieben. „Peinlicher Vorfall“: Er ereignete sich im August 1943 anläßlich einer Geburtstagsfeier für Alfred Döblin, der auch mehrere Jahre in Hollywood als Emigrant lebte.
„Ein Film des Komikers Chaplin“: Schon in einer Notiz aus dem Jahr 1921 schreibt Brecht über den großen Eindruck, den der Film Alkohol und Liebe mit Chaplin auf ihn gemacht hatte (Schriften zum Theater, Band II, S. 30).
„Als der Nobelpreisträger Thomas Mann…“: Zu diesem Gedicht vergleiche man Brechts Brief an Thomas Mann (Schriften zur Literatur und Kunst, Band II, S. 271–273) und dessen Antwort (Thomas Mann, Briefe 1937–1947, Berlin und Weimar 1965, S. 363–365).

Elisabeth Hauptmann

 

NOCH IMMER

Nach Bertolt Brecht

Nur durch die Macht kann man zur Macht gelangen
Und zwar durch das bewährte hintre Loch.
Das war einmal, sagst du. Ich seh mit Bangen:
Der Arsch ist fruchtbar noch, in den das kroch.

Kurt Bartsch

 

Fakten und Vermutungen zur Herausgeberin
Fakten und Vermutungen zum Autor + Archiv + KLG
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Bertolt Brecht: Lob des Lernens gesungen von Nina Hagen 2016 in Potsdam.

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