Bertolt Brecht: Gedichte I

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Bertolt Brecht: Gedichte I

Brecht-Gedichte I

DAS ZWÖLFTE SONETT
(ÜBER DIE GEDICHTE DES DANTE AUF DIE BEATRICE)

Noch immer über der verstaubten Gruft
In der sie liegt, die er nicht vögeln durfte
Sooft er auch um ihre Wege schlurfte
Erschüttert doch ihr Name uns die Luft.

Denn er befahl uns, ihrer zu gedenken
Indem er auf sie solche Verse schrieb
Daß uns fürwahr nichts andres übrigblieb
Als seinem schönen Lob Gehör zu schenken.

Ach, welche Unsitt bracht er da in Schwang
Als er mit so gewaltigem Lobe lobte
Was er nur angesehen, nicht erprobte!

Seit dieser schon beim bloßen Anblick sang
Gilt, was hübsch aussieht und die Straße quert
Und was nie naß wird, als begehrenswert.

 

 

 

Inhalt

– Lieder zur Klampfe von Bert Brecht und seinen Freunden. 1918
– Psalmen
– Bertolt Brechts Hauspostille
– Die Augsburger Sonette
– Die Songs der Dreigroschenoper
– Aus dem Lesebuch für Städtebewohner
– Geschichten aus der Revolution
– Sonette
– Englische Sonette
– Lieder Gedichte Chöre
– Chinesische Gedichte
– Studien

 

Arbeiter und Verwerter

– Die Lyrik Bertolt Brechts. –

Das Paket mit fünf Bänden Brecht Lyrik kommt ins Haus, ich reiße auf, schlage auf, zufällig, Band fünf, genau beim „Spottlied“, Ich lese Zeilen wie:

Hoch zu Bonn am Rheine, träumen zwei kleine,
Böse alte Männer einen Traum von Blut und Stahl
Zwei böse Greise listig und leise
Kochten gern ihr Süpplein auf dem Weltbrand noch einmal
Schuhmacher, Schuhmacher, dein Schuh ist zu klein
In den kommt ja Deutschland gar nicht hinein.
Adenauer, Adenauer, zeig deine Hand
Um dreißig Silberlinge verkaufst du unser Land.

Ich erbleiche: das kann doch nicht wahr sein, sollte ich das wirklich all die Jahre überlesen haben! Stürze zur grauen Pappbandausgabe, mit der ich seit 1968 lebe und atme auf: ich finde nur ein „Sportlied // Kommend aus den vollen Hinterhäusern…“, kein „Spottlied“. Ach, Brecht, daß du ein Parteigänger der Kommunisten warst und ein schwacher Mensch, wir hatten uns damit abgefunden, aber so etwas? Ja, so etwas. Nun konnte ich die Ausgabe nicht mehr aus der Hand legen. Was würde ich noch zu schlucken haben?

Etwa 2.500 Gedichte sind in diesen Bänden versammelt, davon etwa 150 neue, wobei auch Fragmente von zwei und vier Zeilen großzügig mitgezählt werden. Ursprünglich hatte man vor, die Fragmente gesondert zu drucken, nun sind sie, ebenso wie die Lieder und Gedichte aus Stücken und Prosa in die chronologische Reihenfolge eingegliedert. Die ersten beiden Bände umfassen die Gedichte, die Brecht selbst zu Zyklen zusammengefügt hat. Seine Gedichte „unter den Hut des Verfassers in meinem Fall die Mütze zu bringen“, das tat er gern und oft und aus Prinzip: „Jedes Gedicht“, so Brecht, „ist der Feind jedes anderen Gedichts und sollte also allein gelesen und herausgegeben werden. Gleichzeitig benötigen sie einander, ziehen Kraft auseinander und können also vereint werden.“ Die ersten beiden Bände enthalten 21 Zyklen, sieben davon stellte Brecht zwar zusammen, doch wurden sie zu seinen Lebzeiten nicht gedruckt: die frühen „Lieder zur Klampfe von Bert Brecht und seinen Freunden. 1918.“ und die „Psalmen“, sowie die drei Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre entstandenen Sonettsammlungen, dazu die „Hollywoodelegien“ und die „Gedichte im Exil“. Der vorletzte Zyklus, die berühmten „Buckower Elegien“, umfaßt 22 Gedichte, von denen er allerdings nur sechs drucken ließ; das Gedicht „Die Lösung“, um dessen Pointe willen (die Regierung solle ihr Volk auflösen und ein anderes wählen) wir Besitzer der grauen Pappbände den listigen Verfasser doch so liebten, war nicht dabei. Dafür erfahren wir nun im Kommentar, daß sich Brecht diese freche Frage nicht aus Anlaß des 17. Juni 1953 aufdrängte, er sie vielmehr aus einem Turandot-Entwurf der frühen dreißiger Jahre übernahm. Macht nichts: Sie fällt ihm zur rechten Zeit wieder ein.
Während sich der Leser in Band eins und zwei auf von Brecht selbst autorisierte Druckfassungen verlassen kann, wird es in den folgenden Bänden unübersichtlicher, dafür aber reizvoller. Brecht legte an seine Texte allerstrengste Maßstäbe. Nur ein Fünftel des hier versammelten Materials erschien zu seinen Lebzeiten im Druck. Posthum ist er nun dem Ehrgeiz seines Herausgebers, des Literaturwissenschaftlers Jan Knopf, auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Und der muß, getreu dem editorischen Berufsethos, nach dem Prinzip alles oder nichts verfahren. Das mag manchem übertrieben vorkommen, doch hätten sich die vielen Herausgeber seit vierzig Jahren nicht so gewissenhaft des Nachlasses bemächtigt, wir hätten so gültige Gedichte wie „Das Lieblingstier des Herrn Keuner“ oder „Vergeblicher Anruf“ oder „Vergnügungen“ oder „Entdeckung an einer jungen Frau“ – gut das halbe Inhaltsverzeichnis ließe sich wiedergeben – nie zu Gesicht gekriegt. Allerdings auch nicht solche Schnipsel wie „Ich wurde im Frühling empfangen / so ward ich im Winter geboren“, oder die platte Polemik der „Bonner Bundeshymne“, die diese Ausgabe zutage gefördert hat. Manchen wird es hart ankommen, weil es so gar nicht in sein Brecht-Bild paßt, wenn der Siebzehnjährige in Lokalzeitungen den Kaiser anhimmelt und, fasziniert vom romantischen Soldatenleben, textet:

das ist so schön, schön über all Ermessen
daß Mütter klaglos ihre Söhne sterben sehen

Oder wenn er kindlich reimt:

Juni: raunt es und jubelt im Rauschen der Bäume
und in der Vögelein Liederträume: Heißa der Sommer ist da.

Und wenn der Fünfzehnjährige einem Gleichaltrigen den Rat gibt: er möge „im dumpfigen Arbeitsraum“ nicht „ganz deiner Jugend duft’ges Wesen von dir legen“, so ist das einfach komisch. Nein, ein Wunderknabe war Brecht nicht, aber ein begabter, nachdenklicher Youngster, der immer dann besonders gut schreibt, wenn er vergessen kann, daß er es nach Programm und für die Ewigkeit tut, so etwa als Jugendlicher in den Briefgedichten an eine Familie Reitter oder an den Bruder Walter, später in den leichthin notierten Botschaften an seine Geliebten.
Auch als genauer Beobachter und satirischer Berichterstatter gibt er sich bereits in „Die Leute“ und „Die Musik“ zu erkennen. Wie denn überhaupt schon in den frühesten Gedichten die meisten Themen und Motive enthalten sind: die Wolke, der Himmel, die See, der Baum, der unverstandene, gescheiterte Held, die Mutter als leidende, aufopferungswillige Frau, sogar die Havannah ist schon mit im Spiel. Der balladeske Tonfall ist schon da. Und der Befehlston: Im Gebrauch des Imperativs ist Brecht Weltmeister!
Während also die ersten beiden Bände Gedichtgruppen enthalten, die, ob nun zu dessen Lebzeiten gedruckt oder nicht, doch alle das ausdrückliche Plazet des Autors haben, mischen die Bände drei bis fünf Einzelgedichte, die schon zu Brechts Zeiten erschienen, mit Gedichten und Fragmenten aus dem Nachlaß, die bereits gedruckt sind; dazu kommen nun noch die Erstdrucke dieser Ausgabe. Im Druckbild erscheinen diese Unterschiede nicht, dort stehen die Texte gleichberechtigt nebenbeziehungsweise in chronologischer Reihenfolge nacheinander. Dies macht die fortlaufende Lektüre holprig und mühselig, betont aber auch den von Brecht stets hervorgehobenen „work in progress“-Charakter seines Werks.
Mithin sind die Bände nichts für Leser, die literarisches fast food gewöhnt sind, Editionen, mit Vorwort, Nachwort und Leseanleitung gepolstert. Sie verlangen einen aktiven, neugierigen, entdeckungsfreudigen Leser, der das Kleingedruckte nicht scheut. Denn dieses ist das eigentlich Große dieser Ausgabe: Sie bietet philologische Detektivarbeit par exellence. Hier erfährt man endlich genau, wie, warum und wie oft Brecht es tat; beim Vergleich der unterschiedlichen Fassungen, der Gedichte mit den Vorlagen, die Brecht bekanntlich häufig benutzte, vor allem aber an den Hinweisen auf biographische und historische Hintergründe und die Wirkungsgeschichte der Texte wird der Leser sein Vergnügen haben. In ihrer lakonischen Objektivität lassen die Kommentierungen mitunter den Atem stocken wie ein Brecht -Gedicht, wo auch die Tragödien zwischen den Zeilen spielen. So heißt es zu „Nacht auf der Nyborgschaluppe“, das Brecht für seine Geliebte Ruth Berlau schrieb:

Während des finnischen Exils wohnen die Brechts im Sommer 1940 (ab Juli) auf Hella Wuolijokis Gut Marlebäck; Ruth Berlau kommt später nach und wohnt in einem Zelt.

Aufschlußreich über den Einzelfall Brecht hinaus, da immer auch ein Stück deutsche Literaturgeschichte spiegelnd, sind vor allem die Anmerkungen zur Wirkungsgeschichte der Texte. So ist der, anläßlich der 3. Weltfestspiele der Jugend und Studenten für den Frieden geschriebene und der FDJ gewidmete strammpolitisch dürre „Herrnburger Bericht“, der das obenzitierte „Spottlied“ enthält, der FDJ-Leitung immer noch suspekt, weil als einziger Name Ernst Busch auftaucht, weder Walter Ulbricht noch „unser verehrter Präsident Wilhelm Pieck“. Da sich Paul Dessau, der seit seiner Musik zum Verhör des Lukullus ohnehin unter Beschuß steht, der Meinung der FDJ anschließt, gibt Brecht nach und streicht am Ende, nachdem man bei den Proben den Namen Ernst Busch durch Helene Weigel ersetzt hatte, das ganze Gedicht „Einladung“. Die Zürcher Zeitung Die Tat kürte Brecht ob dieser Texte zum „Hofpoeten Pankows“, und Wolfgang Weyrauch trauert in etwas verquältem Deutsch, daß „man den neben Gottfried Benn und Thomas Mann größten lebenden deutschen Dichter, Bertolt Brecht, zur Strecke des Verrats an der deutschen Dichtung gebracht“ habe. Man fragt sich, wieso der „Herrnburger Bericht“, eine Sammlung von zehn Gedichten, die neben versifiziertem ideologischem Schrott doch auch die innigen „Bitten der Kinder“ enthält, in den ersten beiden Bänden mit den Sammlungen fehlt. Hatte der Herausgeber Erbarmen mit dem Autor und versteckte die Mixtur deshalb in Band fünf?
Brechts Gedichte wurden von Anfang an immer auch mit ideologischer Elle gemessen, was Wunder, wo er sich nach besten Kräften „als sein eigener Vampir mit Doktrinen das Blut abzapft“, wie Karl Kraus es schon in den dreißiger Jahren formuliert; was Kraus, im Unterschied zu manch anderem Kritiker, nicht hindert hinzuzufügen, daß „alle zusammen (Erich Kästner, Kurt Tucholsky unter anderem) das Wasser, aus dem sie schöpfen, nicht dem eines Brecht reichen (können)“. Er hat dabei besonders das berühmte Gedicht „Die Liebenden“ im Auge, auch als „Gesang der Kraniche“ bekannt, mal 20, mal 23 Zeilen; jetzt heißt das Gedicht ein für allemal „Terzinen über die Liebe“, und so ist es in der Edition auch gedruckt.
Neue Titel gibt es zuhauf; doch macht der Herausgeber für die verwirrten Pappbandleser den Cicerone, indem er sie im Gesamtregister mittels Pfeilen von den alten zu den neuen Titeln lotst. „Überhaupt“, so Jan Knopf, „sehen fast achtzig Prozent der Texte jetzt anders aus als früher.“ Das geht von Kleinigkeiten wie „Bidi im Herbst“ statt „Biti im Herbst“ bis zu Verdoppelungen, etwa wenn „Vor Jahren in meiner verflossenen Arche“ jetzt acht statt vorher nur vier Strophen hat. Dafür scheiden manche Texte aus: „Als der Klassiker am Montag“ ist eindeutig von Margarete Steffin, jedoch keines Falls ein Fall Goethe / von Willemer, da posthum gedruckt; ein anderes Gedicht stammt aus Des Knaben Wunderhorn, wieder andere von einem Mitarbeiter Brechts. „Meine Mutter“, in einer Frankfurter Anthologie der Frankfurter Allgemeine Zeitung als Meisterwerk der frühen Lyrik gefeiert, das „die Gedichte des späten Brecht nicht mehr übertreffen“ kann, hat sich nun als Tagebuchnotiz in Prosa herausgestellt. Doch spricht das wirklich dem Interpreten Hohn? Er war halt ein Pappbandleser.

Als sie nun aus war, ließ man in Erde sie
Blumen wachsen, Falter gauklen darüber hin…
Sie, die leichte, drückte die Erde kaum
Wieviel Schmerz brauchte es, bis sie so leicht ward!

Und sprechen die Zeilen nicht zuletzt für die enorme poetische Substanz des Brechtsehen Œuvres, dessen Herzstück zweifellos die Lyrik ist?
Andere Texte wiederum erscheinen zwar bekannt, aber auf merkwürdige Weise verfremdet:

Im Gewitter der Rosen
ist die Nacht von Dornen erhellt und der Donner
des Laubs, das so leise war in den Büschen
Folgt uns jetzt auf dem Fuß.

Das klingt nach Bachmann, und sie ist es auch. Brecht bekam 1954 ihren ein Jahr zuvor erschienenen Gedichtband Die gestundete Zeit in die Hände und unterstrich darin die Verse, „die er als haltbar einschätzte“, so der Herausgeber; im Klartext, er stutzte die Bachmann so lange zusammen, bis Brecht daraus wurde. Hemmungslos nimmt sich der Verfasser, was er gebrauchen konnte, und macht sich auch nicht die geringste Mühe, einer anderen als der eigenen Vorstellung von Poesie zu folgen. Was wäre übriggeblieben von Brecht, wäre die Bachmann seinen Gedichten so hochfahrend begegnet wie er den ihren? Vor allem den politischen? Es macht doch auch diese Edition wieder klar, wie lächerlich es ist, politische Meinung zu versifizieren, wie ja jedes In-Dienst-Nehmen von Kunst ihre Vernichtung bedeutet.
Schließlich zeigen diese fünf Bände Bertolt Brecht noch einmal als gewaltigen Arbeiter und Verwerter. Kein neues Brecht-Bild also, aber wir können unser Bild von ihm bestätigen und ergänzen, indem wir von Gedicht zu Gedicht der Sache selbst auf den Grund gehen, jeder Leser ein Forscher. Die Edition macht Brecht nicht größer und nicht kleiner, aber lebendiger, indem sie ihn der widerstandslosen Konsumierbarkeit entzieht. Liebhaber seiner Gedichte dürfen sich getrost weiterhin an all dem Schönen freuen, das sie schon kennen, egal, ob es nun „Terzinen über die Liebe“ oder „Die Liebenden“ heißt; und es wird auch in Zukunft genügend Auswahlbände auf der Grundlage dieser Edition geben. Zum ganzen Künstler Brecht gehören jedoch auch seine immer neuen, überbordenden Anläufe, seine Trivialitäten, seine Irrtümer und Verranntheiten. Gehört seine List, die er nicht müde wurde, als eine zum Überleben notwendige Tugend zu rühmen. Bei seiner Rückkehr aus dem Exil wählte er den ostdeutsch-sozialistischen Teil Deutschlands; versehen mit einem österreichischen Paß, einem westdeutsch-kapitalistischen Verlag und einem Konto in der Schweiz.

Schreiben Sie, daß ich unbequem war und es auch nach meinem Tod noch zu bleiben gedenke. Es gibt auch dann noch gewisse Möglichkeiten.

Diese Edition ist eine.

Allen, die gerade keine Brecht-Ausgabe zur Hand haben, möchte ich doch Lust auf das Lesen seiner Gedichte machen. Hier ist sein schönstes:

TERZINEN ÜBER DIE LIEBE

Sieh jene Kraniche in großem Bogen!
Die Wolken, welche ihnen beigegeben
Zogen mit ihnen schon, als sie entflogen

Aus einem Leben in ein andres Leben.
In gleicher Höhe und mit gleicher Eile
Scheinen sie alle beide nur daneben.

Daß also keines länger hier verweile
Daß so der Kranich mit der Wolke teile
Den schönen Himmel, den sie kurz befliegen

Und keines andres sehe als das Wiegen
Des andern in dem Wind, den beide spüren
Die jetzt im Fluge beieinander liegen.

So mag der Wind sie in das Nichts entführen;
Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben
So lange kann sie beide nichts berühren

So lange kann man sie von jedem Ort vertreiben
Wo Regen drohen oder Schüsse schallen.
So unter Sonn und Monds wenig verschiedenen Scheiben

Fliegen sie hin, einander ganz verfallen.

Wohin, ihr?
aaaaaaaaaNirgendhin.

Von wem entfernt?
aaaaaaaaaaaaaaaVon allen.

Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen?
Seit kurzem.
aaaaaaaaaaUnd wann werden sie sich trennen?
Bald.
So scheint die Liebe Liebenden ein Halt.

Ulla Hahn, 1993, aus Ulla Hahn: Dichter in der Welt, Deutsche Verlags-Anstalt, 2006

Bertolt Brecht und weitere Sprecher: Lesungen und O-Töne 1928–1956 in Washington und Berlin. Sammlung Suhrkamp Verlag: Tonkassette 116

 

GEDICHT FÜR BRECHT UND DEN KOMMENDEN HERBST

Die Wirklichkeit Herr Kollege ist manchmal wirklich
etwas was einem vom Hörensagen her so vertraut ist
daß einem bei dem Gedanken daran Herr Kollege die Zeit
schneller vergeht als der Kalender es anzeigt sie ist
nichts als ein Symbol für den Mangel an allen besseren
Möglichkeiten sie zu verändern Herr Kollege wir stehen
mit einem Bein auf dem Boden der Tatsachen und mit dem
anderen auf dem Boden der Träume wir tanzen Tango
mit der Dialektik es kann nicht ausbleiben daß man
sich dabei auf die Füße tritt denn sogar die
Kaninchenzüchter werben in ihrem Mitteilungsblatt
für die Aufzucht von Hühnern seit sie erkannt haben
daß Veränderung not tut Herr Kollege die Wirklichkeit
ist in den Abgrund gefallen und begegnet uns dort
als Wortgeflimmer aus einer anderen Zeit als man noch
anders liebte als auf dem Bildschirm und anders starb
als in der Zeitung Herr Kollege wir wollen uns nicht
beklagen uns hält was zerfällt das ist die einzig
mögliche Hoffnung auf einen Anfang im kommenden Herbst
Herr Kollege wenn der Sommer vergangen sein wird und
der nächste Frühling und Winter bevorstehn bis dahin
aber kommen die Störche mit ihren schwarzweißen Federn
picken uns von der Straße auf und fliegen nach Afrika

Werner Söllner

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Archiv + KLG
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Bertolt Brecht: Lob des Lernens gesungen von Nina Hagen 2016 in Potsdam.

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