Bob Dylan: Poesiealbum 189

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Bob Dylan: Poesiealbum 189

Dylan/Twitchell-Poesiealbum 189

MIT GOTT AUF UNSERER SEITE

Oh mein Name hat nichts zu bedeuten
Mein Alter können wir vergessen
Das Land, aus dem ich komme
Nennt man den Mittelwesten
Dort wuchs ich auf und lernte beizeiten
Ich hätte das Gesetz zu achten
Und das Land, in dem ich lebe
Hätte Gott auf seiner Seite.

Oh die Geschichtsbücher sagen es
Sie formulieren es so gut
Die Kavallerie griff an
Die Indianer waren tot
Die Kavallerie brauchte nur
In sie rein zu reiten
Oh das Land war jung
Und hatte Gott auf seiner Seite.

Oh der Spanisch-Amerikanische
Krieg war dann und dann
Und man sagt mir auch, wann
Der Bürgerkrieg begann
Und ich muß auswendig Bescheid wissen
Über die glorreichen Streiter
Mit den Knarren in den Händen
Und Gott auf ihrer Seite.

Oh der Erste Weltkrieg, Boys
Der war schlimm, das ist wahr
Doch um was es da ging
Ist mir bis heute nicht klar
Aber ich lernte, mich damit abzufinden
Denn wer gescheit ist
Hält sich nicht auf mit ’n paar Toten
Wenn Gott auf seiner Seite ist.

Als der Zweite Weltkrieg
zu Ende war
Vergaben wir den Deutschen
Und wurden Freunde sogar
Obwohl sie sechs Millionen
In den Öfen verheizten
Haben jetzt auch die Deutschen
Gott auf ihrer Seite.

Den Haß auf die Russen hat man mir
Eingehämmert mein ganzes Leben
Wenn’s wieder mal ’n Krieg gibt
Müssen wir’s denen geben
Ich muß sie hassen und fürchten
Ich muß kämpfen und leiden
Und alles tapfer erdulden
Mit Gott auf meiner Seite.

Und jetzt haben wir Waffen
Die versprühen chemischen Staub
Doch wenn’s drauf und dran geht
Ist auch das erlaubt
Ein Druck auf den Knopf
Und die Welt ist ein weißes Blatt
Aber man stellt keine Fragen
Wenn man Gott auf seiner Seite hat.

In mancher dunklen Stunde
Hab ich dran denken gemußt
Daß Jesus Christus verraten
Wurde durch einen Kuß
Doch ich kann nicht für euch denken
Ihr müßt selber entscheiden:
Hatte Judas Ischariot
Auch Gott auf seiner Seite?

Und damit bin ich am Ende
Mein Kummer ist groß
Und die Verwirrung, die ich fühle
Ist grenzenlos
Etwas geht mir durch den Kopf
Und kommt immer wieder zurück:
Wenn Gott auf unserer Seite ist
Verhindert er den nächsten Krieg.

Übertragen von Carl Weissner

 

 

Dylan verstand es,

den politischen Nerv einer ganzen Generation zu treffen: Seine Antikriegssongs wurden die bestimmenden Lieder des Tages. Aus ihnen ist Schlüssiges über die Stimmung in den USA der 60er Jahre zu erfahren. Dylan änderte seinen musikalischen Stil, tauschte die Schlaggitarre gegen die Elektrogitarre ein und war maßgeblich an der Entwicklung des Folkrocks beteiligt. Wenngleich seine Haltung in der Folgezeit an Eindeutigkeit verloren, ist sein hervorragender Platz unbestritten.

Perry Friedman, Verlag Neues Leben, Klappentext, 1983

Bob Dylan

Star am Himmel des Showbusiness, Protestsänger, Gaukler, Sprecher der nonkonformistischen amerikanischen Jugend – Etikettierungen, denen sich Bob Dylan ebenso entzieht, wie er sie sich selbst gab. Doch nicht auf diesem Image beruhen Wirkung und Ausstrahlung seines Auftretens. Als er mit bitterer Ironie den American way of life angriff, als er seine Songs gegen Rassendiskriminierung und Krieg schrieb, traf der die Stimmung der aufbegehrenden Jugend und stellte ihre Fragen, von denen auch er manchmal nur wußte, daß die Antwort im Wind lag. Seine Songs von irgendwo draußen in den USA schöpfen aus der Tradition der Folkmusic. Sie haben deren Lakonie und das tiefe wie beiläufige Wissen um Vergangenes. Einen Ton, der auch die trotzige Malancholie seiner Liebeslieder prägt.

Aus: Dieter Kerschek: Poesiealbum 188, Verlag Neues Leben, 1983

 

Das Fremde singen: Pound, Benn, Dylan

– Eröffnungsvortrag der Tagung Der Dichter und sein Schatten am 27.4.2011 in Greifswald. –

 

(…)
III
Ich habe von der Befreiung gesprochen, die mit dem forcierten Einzug US-amerikanischer Populärkulturen in Europa einherging, habe mit Ezra Pound ein Beispiel für die Abwehr, mit Gottfried Benn eines der Hingabe beschrieben – nun will ich noch auf einen Text zu sprechen kommen, der sich inhaltlich mit der Befreiung befaßt, der aber im Hinblick auf seine Rezeption, auf eine Anverwandlung, Restriktionen unterworfen ist. Es geht dabei um den Wechsel von einer Sprache in die andere, um das Verhältnis zweier einander persönlich unbekannter Verfasser, und die Geschichte rückt sehr viel näher an uns heran, indem sie sich Anfang 2011 abgespielt hat und der eine Beteiligte ich bin. Der andere Beteiligte, heute die weiße husky voice schlechthin, heißt Bob Dylan.
Ich bin gar kein dezidierter Dylan-Anhänger – als ich aber die Einladung erhielt, für eine Anthologie einen Text von ihm zu übersetzen, sagte ich gerne zu, zumal es sich bei dem Stück „I Shall Be Released“ um eines handelt, das ich seit dreißig Jahren immer wieder höre. Es entstand während der legendären Basement-Sessions 1967, und Bob Dylan hat es damals seiner Band, The Band, für deren Debütalbum von 1968, Music From Big Pink, geschenkt.
Auch wenn auf dem von Bob Dylan gemalten Cover ein Elefant ins Bild schaut – um eine Exotica-Platte handelt es sich nicht, sondern um eine Lehrstunde in Americana, der rückblickenden Betrachtung unterschiedlicher Musikstile und Traditionslinien, aus denen sich US-amerikanische Musik speist – eine akustische Geschichtsstunde also, in der Einflüsse aus Blues, Folk, Country und – selbstverständlich – Kirche, Kirche, Kirche herausgestellt und miteinander verwoben werden. Hier, um den Vergleich Wort für Wort zu ermöglichen, das Original und meine entschieden plane, dadurch aber problematische, Übersetzung:

The Band

I SHALL BE RELEASED

They say everything can be replaced,
they say every distance is not near,
so I remember every face
Of every man who put me here.

I see my light come shining
from the west down to the east,
any day now, any day now
I shall be released.

They say every man needs protection,
they say that every man must fall,
yet I swear I see my reflection
somewhere so high above this wall.

I see my light come shining
from the west down to the east,
any day now, any day now
I shall be released.

Now yonder stands a man in this lonely crowd,
a man who swears he’s not to blame,
all day long I hear him shouting so loud
just crying out that he was framed.

I see my light come shining
from the west down to the east,
any day now, any day now
I shall be released.
1

ICH BIN BEFREIT

Man sagt, was schwindet, fehlt
noch nicht, kein Horizont
wird je berührt. Und so vergeß
ich kein Gesicht, keinen,

der mich hierher geführt. Ich seh
mein Licht erstrahlen, fern
von West nach Osten weit, nicht
mehr lange, nicht mehr

lange und ich bin befreit. Man
sagt, jeder Mann muß
behütet sein, man sagt, jeder
Mann muß untergehn.

Doch ich schwör, ich seh meinen
Widerschein hoch über
diesen Mauern stehn. Ich seh
mein Licht erstrahlen, fern

von West nach Osten weit, nicht
mehr lange, nicht mehr
lange und ich bin befreit. Die
einsame Masse, und da steht

ein Mann, ich hör, er ruft den
ganzen Tag, ein Mann,
der schwört, er habe nichts getan,
schreit, daß man ihn verleumdet

hat. Ich seh mein Licht erstrahlen
fern von West nach Osten
weit, nicht mehr lange, nicht
mehr lange und ich bin befreit.

Diese Übertragung kommt, wie gesagt, ziemlich plan daher, oder, wie man – höchst zweifelhaft – sagt: sie bleibt nah am Original. Mir schwebte nicht viel mehr vor, als bei der Arbeit an jemanden zu denken, der mit der akustischen Gitarre dasitzt, in einem Liederbuch blättert, auf „Ich bin befreit“ stößt und die deutschsprachige Version ohne Umstände vom Blatt spielen kann. Ich achtete also in erster Linie auf Versmaß und Reimmöglichkeiten: Singbarkeit war mein Ziel.
Offenbar ist Bob Dylan niemand, der zu Fragen des Übersetzens intensive Reflexionen anstellt – besteht er doch darauf, daß seine Texte Wort für Wort ,in eine andere Sprache gebracht‘ werden müssen. Womit natürlich Redewendungen, Anspielungen, Wortspiele von vornherein erledigt sind – die ganze Rhetorik also, von der gesungene Lyrics noch in viel stärkerem Maße leben als vielleicht Gedichte heute. Mit Überlegungen zu Sprache und ihrem Materialcharakter – Lautverteilung, Betonungsmuster, Wortbild – braucht man da erst gar nicht anzufangen.
Der Text mußte im Übersetzen natürlich ein anderer werden – zumal das Original von Umkehrungen lebt, von umgekehrten Bildern wie umgekehrten Sprachbildern. Die Sonne zieht von Westen nach Osten: Erklärbar als Erfahrung eines Zelleninsassen, der den Tagesverlauf nicht aus dem Fenster, sondern nur in der wandernden Reflexion auf der Zellenwand verfolgen kann. Dies wiederum wird in dem Sprachspiel „they say every distance is not near“ gespiegelt, und da genügt eine im Deutschen nur sehr schwach pointierte Formulierung wie „man sagt jede Entfernung ist nicht nah“ einfach nicht. Nach langem Probieren entschied ich mich für „kein Horizont wird je berührt“.
Und wie bildet man Anspielungen nach, die im Englischen beiläufig wirken, den Zeitgenossen aber nicht entgehen konnten? Ein weiteres Paradox, denkt man zunächst, ein weiteres sprachliches Umkehrspiel Dylans, wenn man hört: „Now yonder stands a man in this lonely crowd.“ – The Lonely Crowd allerdings war der von David Riesman, Nathan Glazer und Reuel Denney 1950 auf Englisch veröffentlichte erste soziologische Beststeller, und als er 1956 auf Deutsch erschien, erhielt er den Titel Die einsame Masse. Nicht Gruppe, nicht Menge – „we three, we’re not a crowd“, – sondern Masse. An dieser Formulierung galt es beim Übertragen festzuhalten, was wiederum eine Satzumstellung erforderte: „Die einsame Masse, und da steht ein Mann.“
Ich bemühte mich also, den Wünschen des Verfassers insoweit entgegenzukommen, daß zwar nicht eine wortwörtliche Übersetzung, aber doch ein Text entstünde, der von einem Dylan-Hörer auf Anhieb als „I Shall Be Released“ ,auf Deutsch‘ erkennbar sein sollte. Was – nun wegen ,zu großer Nähe zum Original‘ – dazu führte, daß urheberrechtliche Bedenken eine Veröffentlichung meiner Fassung unmöglich machten. Was wiederum heißt, daß – Textsorte kann Rettung sein – „lch bin befreit“ nur als hiermit dreifach durch Anführungszeichen kenntlich gemachtes Zitat innerhalb eines Aufsatzes erscheinen kann.
Ich hege jedenfalls nicht die Absicht, in umgekehrter Richtung mit einer Klage zu drohen, indem ich Bob Dylans Musikverlag nun im einzelnen darlege, welche Fremdquellen offenbar erst das Zustandekommen seines Textes ermöglicht haben. Welche Verweise und Anklänge aus „I Shall Be Released“ ein so viel großartigeres Stück machen, als es beim ersten Hören scheinen mag.
„I see my light come shining [/] from the West down to the East“: Man spürt sofort, hinter dieser Formulierung verbirgt sich mehr als ein bloßes Gefängniszellenbild, hier wird ein weit größerer Raum geöffnet – man kann damit bis zu Luthers Übertragung von Matthäus 24:27 zurückgehen: „Denn gleich wie der Blitz ausgehet vom auffgang / vnd scheinet bis zum nidergang / Also wird auch sein die Zukunfft des menschen Sons“, von dort aus wieder in die Zukunft schauen und im Jahr 1749 bei Georg Friedrich Händel landen, im Oratorium Solomon, HWV 67, wo es im „Chorus of Israelites“ heißt:

From the east unto the west,
Who so wise as Solomon?
Who like Israel’s king is bless’d,
Who so worthy of a throne.
2

Der schreiende Mann in Bob Dylans dritter Strophe weist in dieselbe Richtung: „all day long I hear him shouting so loud [/] just crying out that he was framed“, heißt es bei Dylan, und bei Luther, Klagelieder 2:19: „Stehe des Nachts auf und schreie; schütte dein Herz aus in der ersten Wache gegen den HERRN wie Wasser; hebe deine Hände gegen ihn auf um der Seelen willen deiner jungen Kinder, die vor Hunger verschmachten vorne an allen Gassen.“ Oder, in der King James Version, Lamentations 2:19: „Arise, cry out in the night: in the beginning of the watches pour out thine heart like water before the face of the LORD: lift up thy hands toward him for the life of thy young children, that faint for hunger in the top of every street.“
Every street – is not near – put me here – to the East – „I Shall Be Released“.
Und mit einem mal begreift man, warum dieses Stück von Bob Dylan 1968 unmittelbar nach seiner Veröffentlichung in den Gospel-Kanon aufgenommen wurde: Eignet es sich doch vorzüglich, wenn man den Herrn preisen, im selben Atemzug aber auch seine Civil Rights einfordern will. Heute gilt es fast schon als Traditional, als Volksliedgut, als Lied ohne Verfasser.
Diese Einsichten in das Zusammenwirken von individueller und kollektiver Stimme, die gegenseitige Durchdringung von Eigen- und Fremdmaterial, das Anspielen auf – hier: gesellschaftliche – Verhältnisse, deren ausdrückliche Erwähnung sich damit erübrigt, Einsichten in das rhetorische Spiel also, das sich in der minutiösen, situationsbewußten Montage entfaltet, brachten mich dazu, „I Shall Be Released“ noch einmal neu in den Blick zu nehmen, aus anderer Perspektive zu betrachten – und dabei Bob Dylans Textvorlage zum Fluchtpunkt des Nachdenkens über das Schreiben und den Weg von einer Sprache in eine andere zu machen. Selbstverständlich, indem ich das Spiel mit Umkehrungen aufgriff, wie mein Echo, mein Schatten und ich abschließend vorführen möchten.
DU WIRST NICHT BEFREIT

I
Die Welt da draußen braucht
dich nicht. Jenseits der
Zelle: keine Welt. Vergiß
es. Und mach kein

Gesicht wie abgeholt und
nicht bestellt. Schreib
was. Und sei es nur ein
Strich, ein Schattenstab,

der -ich enthält. Hast wohl
Angst, daß jedes Wort
bei Licht in seine Buchstaben
zerfällt. Du siehst die Linie

flimmern, siehst, wie sich
der Schatten neigt. Du
sprichst von Morgenschimmer
und -Iosigkeit.

II
Erzähl mir nichts von deinem
Untergang, erzähl mir
nichts vom Auferstehen.
Sicher, du siehst Zeichen

an der Wand. Die hat schon
mancher hier gesehen.
Jenseits der Zeilen gilt: ein
Wort, ein Mann, und was

geschrieben steht, wird geschehen.
Doch du wirst, wenn es
Zeit ist irgendwann, ziemlich
sprachlos nach draußen

gehen. Wenn die Schatten fallen,
sind die Bilder nicht mehr
weit, darum halte dich
trotz allem zum Aufbruch bereit.

III
Du hörst, wie draußen jemand
einsam flucht. Läuft
SCHULDIG brüllend übern
Flur. Kehrt um. Bleibt stehen.

Klopft. Und ruft nach dir, seiner
Zwillingsfigur. Sonst
nichts als Stille, scheint
es. Nur irgendwer

summt ES IST GENUG, ohne
den Text. Und legt zum
Schwur die Hand aufs
ALDI-Wörterbuch. Wenn

die Bilder kommen, macht
die Welt sich in dir
breit. Du wirst mitgenommen,
doch nicht befreit.
3

Marcel Beyer, aus Uta Degner und Elisabetta Mengaldo (Hrsg.): Der Dichter und sein Schatten. Emphatische Intertextualität in der modernen Lyrik, Fink, 2014

Warum Bob Dylan den Nobelpreis verdient

– Am heutigen Samstag wird der US-Sänger Bob Dylan mit dem Literaturnobelpreis geehrt. Song-Experte Dirk von Petersdorff erklärt im Interview die besonderen Qualitäten seiner Texte. –

Stefan Dosch: Die Entscheidung der Schwedischen Akademie, den Literaturnobelpreis 2016 an Bob Dylan zu vergeben, hat kontroverse Reaktionen ausgelöst. Was ist Ihre Meinung?

Dirk von Petersdorff: Ich finde, es ist eine nachvollziehbare Entscheidung. Über den Nobelpreis für Dylan ist ja schon lange gesprochen worden, man hat ihn eigentlich nicht mehr erwartet. Spät gab es ihn nun doch, und das ist wegweisend.

Dosch: Jetzt spricht man von einer Ausweitung des Literaturbegriffs durch das Nobelkomitee. War eine solche Erweiterung notwendig?

Petersdorff: Sicher ist es richtig, den Literaturbegriff nicht zu sehr einzuengen. Es ist sinnvoll, Lieder und Songs mit aufzunehmen, da sie für viele Menschen große Bedeutung haben, zum Beispiel in der Selbstvergewisserung. In Dylans Fall kommt hinzu, dass seine Songs tatsächlich eine hohe textliche Qualität besitzen, die sich auch rein über das Lesen mitteilt.

Dosch: Songs und Lieder, diese Textformen gelten gern als nicht ganz vollwertig.

Petersdorff: Das ist eher ein Reflex innerhalb des Kulturbetriebs. Ich glaube, dass für die meisten Menschen solche Unterscheidungen gar nicht existieren. Man muss sich auch klarmachen, was denn alles zu dieser Liedform gehört. Wenn man nur bei der deutschen Lyrik bleibt, dann zählten dazu etwa die Songs aus der Dreigroschenoper. Würden wir sagen, die taugen nichts? Wahrscheinlich nicht, wir würden sagen, das sind witzige oder ergreifende Lieder, und eben als Lieder sind sie schon von Brecht und Weill konzipiert worden. Noch weiter zurück, im Falle von Eichendorff oder Heine, wusste man oft gar nicht, wer ein Gedicht wie die „Loreley“ geschrieben hat, man hat es einfach als Lied kennengelernt und selbst gesungen. Ein Lied ist ein Stück Literatur, das einen anderen Verbreitungsweg gefunden hat. Erst in den letzten Jahrzehnten hat sich die Unterscheidung etabliert, wonach auf der einen Seite Lieder und Songs stehen und auf der anderen die hohe Literatur. Ich halte es für ein starkes Zeichen der Schwedischen Akademie zu sagen: Sehen wir mal, ob diese Grenze wirklich existiert.

Dosch: Was unterscheidet Songwriting von herkömmlicher Lyrik?

Petersdorff: Wo es sich um Songwriting im engeren Sinn handelt, ist der Produktionsprozess ein anderer, weil das Verhältnis von Text und Musik von Anfang an da ist und somit ein enger Zusammenhang besteht. In der Lyrik gibt es zwar auch eine musikalische Komponente, weil Lyrik sich dadurch auszeichnet, dass sie der Sprache in irgendeiner Form einen Rhythmus gibt. Aber dabei handelt es sich sozusagen um Sprachmusik, während im Songwriting mit Musik und Text zwei Hälften miteinander verbunden sind.

Dosch: Das wäre ein Einwand gegen die Preisvergabe an Dylan.

Petersdorff: Ja, wenn man es so auffasst, dass für den Nobelpreis nur die Texte herausgenommen werden, zur Musik aber nichts gesagt wird. Das ist vielleicht wirklich ein bisschen problematisch. Aber es gibt nun mal keinen Nobelpreis für Lieder und Songs, insofern geht das mit dem Preis an Dylan auch wieder in Ordnung.

Dosch: Geht das überhaupt, bei einem Song nur den Text zu betrachten?

Petersdorff: Gerade von Dylan gibt es ja Buchveröffentlichungen seiner Lyrics. Ich würde vielleicht nicht bei allen seinen Texten, von denen es inzwischen mehrere hundert gibt, sehr wohl aber bei einer ganzen Reihe von ihnen sagen: Natürlich kann man sie als reine Texte betrachten. Das wird in Schulen und Universitäten auch gemacht. Die besten zehn Songtexte von Dylan sind auf jeden Fall mit der besten Lyrik der letzten Jahrzehnte zu vergleichen.

Dosch: Was macht die Qualität der Dylan’schen Poesie aus?

Petersdorff: Nehmen wir „Like A Rolling Stone“, unter Dylans Songtexten vielleicht der berühmteste. Da herrscht eine ganz eigenwillige Fantasie, da finden sich Bilder, die sofort haften bleiben, von denen man aber auch denkt: Auf diese Idee wäre ich nicht gekommen. Diese Stärke im bildlichen Bereich, die kann man nicht lernen, die ist einfach vorhanden. Eine weitere Qualität besteht darin, das Lebensgefühl von Menschen treffen zu können, etwas auszusprechen, was viele andere gefühlsmäßig nachvollziehen können. Hinzu kommt, dass Dylan nicht stehen geblieben ist, anders als vielleicht die Rolling Stones, von deren frühem Werk man sagen kann, o.k., das ist grandios, aber später ist dann nicht mehr so viel hinzugekommen. Dylan dagegen ist über Jahrzehnte hinweg ein höchst aufmerksamer Beobachter seiner Zeit und der gesellschaftlichen Veränderungen, und dafür sucht er nach immer neuen Bildern und Klängen, auch in der Literatur und Musik der Vergangenheit.

Dosch: Offensichtlich macht sich der Gekürte nicht allzu viel daraus, den Preis in Stockholm persönlich in Empfang zu nehmen. Wie bewerten Sie das?

Petersdorff: Vielleicht wäre es souveräner gewesen, wenn er gesagt hätte, ich gehe da jetzt hin und halte auch eine Rede. Es war auch ein wenig künstlich, auf die Verkündigung zehn Tage überhaupt nicht zu reagieren. Jetzt geht es ständig hin und her, jetzt heißt es, er habe doch eine Rede geschrieben und Patti Smith werde am Abend der Preisverleihung singen – das ist alles etwas seltsam. Ein wenig folgt Dylan dabei auch den Erwartungen, die man an ihn hat, indem er sich in die Pose wirft, alle Erwartungen immer wieder zu enttäuschen. Dass ihm der Literaturnobelpreis aber gleichgültig ist, das glaube ich ganz und gar nicht. Wer solche Texte schreibt und dafür den Nobelpreis bekommt, nimmt diese Auszeichnung ganz bestimmt zur Kenntnis.

Dosch: Ist die Stockholmer Entscheidung denn jetzt die definitive Nobilitierung des Pop?

Petersdorff: Glaube ich nicht. Vielmehr ist sie ein Hinweis darauf: Guckt euch diese Dinge an, zieht die Grenze zwischen der E- und U-Literatur nicht künstlich hoch, denn es kann im Bereich des Pop natürlich literarische und ästhetische Qualität geben. Die Preisvergabe wird aber wohl auch einem Generationenwandel gerecht. Diejenigen, die jetzt die Entscheidung treffen, gehören zu einer Generation, die in ihrer Jugend relativ selbstverständlich sowohl mit Hochliteratur als auch mit Pop groß geworden ist. Thomas Mann lesen und Bob Dylan hören, das schließt sich schon lange nicht mehr aus. Eine andere Frage ist, wie sich der Pop-Bereich weiterentwickeln wird, ob Leute nachkommen, von denen man sagen kann, dass sie so einen ebenso weiten ästhetischen Horizont haben wie Dylan. Das wird man erst mal abwarten müssen.

Dosch: Welcher ist Ihr Lieblingssong von Dylan?

Petersdorff: Ein Song, der mich sehr beschäftigt hat, ist „My Back Pages“. Darin wird etwas deutlich, was Dylan auszeichnet, was zugleich aber auch für viele andere, auch für mich, von Bedeutung ist. Dylan sagt in diesem Song: Aus Überzeugungen bin ich immer wieder ausgebrochen und habe mich dabei verjüngt gefühlt; und früher, als ich ganz sicher war, etwas zu wissen und eine fertige Welterklärung besaß, war ich eigentlich älter. Als Haltung finde ich das sehr schön.

Augsburger Allgemeine, 10.12.2016

Nichts gegen Dylan als Musiker

Rund zwei Dutzend Autoren standen in diesem Jahr auf der Wettliste für den Literaturnobelpreis. Da die anstehenden Kandidaten in aller Regel für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet werden, stellt man sich – rein rhetorisch – die Frage, wer von den akademischen Juroren (und wer überhaupt) in der Lage ist, das zur Beurteilung beziehungsweise zur Belobigung vorliegende Textmaterial auch bloss durchzublättern, geschweige denn kritisch gegenzulesen – es dürfte sich dabei alljährlich um mehrere zehntausend Druckseiten handeln. Dass ein solches Lektüreprogramm auch für einen bestallten Akademiker, der mitentscheiden soll, wer den global gewichtigsten Literaturpreis inkl. Laudatio erhalten soll, nicht zu schaffen ist, liegt auf der Hand. Klar auch, dass allein aus diesem Grund die Qualitätskriterien stillschweigen verlagert werden – weg von den Texten, hin zu nichtliterarischen, eher zufälligen, den Autor als Person betreffende Gegebenheiten wie nationale oder kontinentale Zugehörigkeit, Gender oder politische Korrektheit. Derartige Prämissen sind allemal leichter auszumachen als künstlerische Verdienste, die anhand der Texte – und nur der Texte – dargelegt werden müssten. Der Literaturnobelpreis sollte, meine ich, Leistungen honorieren, die für die Literatur als Kunst erbracht worden sind. Sicherlich ist es für einen Nobeljuror weit weniger aufwendig, sich ein paar „poetische“ CDs von Bob Dylan anzuhören als sich auf die unvergleichliche, widerständige, grossartig „instrumentierte“ Dichtung eines Dylan Thomas einzulassen, dem denn auch der Preis der Schwedischen Akademie ebenso versagt geblieben ist wie einer Marina Zwetajewa oder – im Bereich der Erzählkunst – einem Cesare Pavese, einer Clarice Lispector. Wer nun die Auszeichnung des US-amerikanischen Songpoeten zum Anlass nimmt, die Akademie zur „Erweiterung“ oder „Öffnung“ ihres Literaturbegriffs zu beglückwünschen, übersieht, dass Öffnung und Erweiterung gerade in den Künsten eher zur Verluderung denn zur Stärkung führt. Nichts gegen Dylan als Komponisten und Interpreten – den Grammy hat er wohl schon mehrfach bekommen, aber was eigentlich soll ihm (und der Literatur) der Nobelpreis bringen?

Felix Philipp Ingold, lyrikzeitung.com, 14.10.2016

 

Wolfgang Hilbig: Solange es Rock’n’Roll gibt
faustkultur.de, 14.12.2016

Martin Wimmer: Ein literarisches Versprechen
faustkultur.de, 15.10.2016

Ria Endres: „Es ist noch nicht alles zu Ende, aber bald“
faustkultur.de, 9.12.2016

Michael Behrendt: Alles andere als schön – aber unglaublich gut
faustkultur.de, 14.10.2016

Markus Lücker: Der Literat Bob Dylan
mephisto 97.6, 9.12.2016

Julian Dörr, Sabrina Ebitsch, Sascha Goldhofer, Monika Link, Martina Schories: Drogen, Gott und Shakespeare – was in Bob Dylans Songs steckt
Süddeutsche Zeitung, 9.12.2016

 

DYLAN NEBEN DEM EHRENMAL
Treptow, September 1987

Einem Quadratmeter
aaaaaeinverleibt
aaaaaaaaaaallein
im neunzigtausend HerzenMeer
aaaaaKerzen gezündet
aaaaaaaaaaam NebenMann                Ein Wunder wo
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaahatten die das her
When the night
aaaaacomes falling
aaaaaaaaaafrom the sky                       okay
Brechen alle die
aaaaasonst einsam schlagenden
aaaaaaaaaaauf
Als AbFall in die eigenen Knie
Als AbFlug über die Köpfe gleich
Vögeln ein Nest                                      Wiese genug
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaademokratische
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaJugend
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaabietet
der engen Nacht Raum                          okay

Wenn die ersten endlich zusammen brechen
aaaaakommt Bob vom Himmel
aaaaaaaaaagefallen                                HundeSohn der macht
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaamich weinen und
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaalachen
wäre ich doch                                           wäre der doch
für immer jung geblieben                      niemals alt geworden

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaMeine Generation hat
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaein gutes Erinnerungs
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaVermögen und einen Steh
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaPlatz auf der Wiese

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaOKAY
Eine Legende vom DenkMal nasal
Eine Ehre fürs BefreierMal daneben
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaDas alles ist doch auch
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaMal verboten gewesen
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaWir alle sind doch auch
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaMal verpfiffen worden
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaDas alles ist doch auch
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaMal einfach gewesen

Lieder zu singen
aaaaagleich welchem Volk
aaaaaaaaaakann eine Ermutigung sein
Jedes Herz auf den Lippen ist auch nur
aaaaaaaaaane einsame Mundharmonika
Während DonnersTagsParkRegen uns anmacht als wäre er
aaaaaaaaaaeine besondere Droge
Während LautSprecherTürme uns überragen als wären sie
aaaaaaaaaaein besonderes Zeichen
sind wir in jeder Minute zehnmal schneller
aaaaaaaaaageblieben was wir sind
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaallein
aaaaaO    Auf dem highway nach Dresden
aaaaaK    stauen sich nächtliche Gefühle
aaaaaA    in BlechKarossen von StaatsWegen
aaaaaY    gibt es kein AbKommen

Eine Stunde waren die Berliner
GastHimmel grenzenlos frei
open air
aus reservierter Konserve
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaWem das zu danken ist
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaakann grußlos kommen
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaund gehn

Michael Wüstefeld

DYLAN IM PARK

für einen heißen moment blitzte
das meer auf – der feuerzeuge
wogendes lichtspiel vergessne
akkorde dann die wohl zäheste

aller zerbissenen mundharmonikas.
geil sagte mein schöner gefährte
und blickte durchs opernglas ahnungen
davidssproß priesterclown in the

wiwiwind – was waren wir stoned
wie erloschene stumpen und endlich
fanden wir keine worte mehr
und verließen gott grußlos

(berlin-treptow am 17. sept. 1987)

Thomas Böhme

 

Fakten und Vermutungen zum Poesiealbum + wiederentdeckt +
50 Jahre 1 + 2 + 3 + 4 + 5 + 6

 

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Links +
Experting Rain + Nobelpreis

 

Bob Dylan und Allen Ginsberg am Grab von Jack Kerouac.

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