Bora Ćosić: Irenas Zimmer

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Bora Ćosić: Irenas Zimmer

Ćosić-Irenas Zimmer

INDUSTRIELLER FORTSCHRITT

Zu Zeiten als Bertolt Brecht
mit einem großen Reisigbesen
europäische Städte säuberte
und ein bißchen auch die in Amerika
sagte Walter Benjamin
Halt
und bückte sich
wengleich mühsam
um aus dem Müll der Epoche
ein Stückchen von musealem Wert
herauszufischen

Das ist heute unmöglich
der Prozeß ist industrialisiert

 

 

 

Bora Ćosić, der große kroatisch-serbische Modernist,

denkt in seinen Gedichten über sein unfreiwillig-freiwilliges Exil in Berlin und die Niederlagen des vergangenen Jahrhunderts nach.

Ćosićs Gedichte handeln vom Exil, von der Neuorientierung in einem neuen Leben an einem neuen Ort, sie erzählen vom Gepäck der Erinnerungen, der verlorenen Träume, der geträumten Sehnsüchte, der erinnerten Kämpfe und Leidenschaften in einem fernen Land, in einem alten Leben. Die Projektionsfläche seiner Themen ist Berlin: In den Straßen, an den Gebäuden trifft Ćosić auf die Spuren des vergangenen Jahrhunderts, auf die großen und kleinen Diktatoren, auf Hitler, Stalin, Milos¡evic, auf die großen und kleinen Künstler, Weggenossen im Geiste, auf Goethe, Kafka, Majakowski. Die Prosagedichte erzählen vom Scheitern des Humanismus, von der Sehnsucht nach einem Leben, in dem die Ironie bestehen kann. Milo Dor, der Schriftsteller, Übersetzer und Vermittler zwischen den Kulturen, hat Bora Ćosićs Gedichte ausgewählt und mit seinem unvergleichlichen Sprachgefühl ins Deutsche übertragen.

Folio Verlag, Ankündigung, 2005

Die Gedichte von Bora Ćosić

gehören zu den wenigen Texten, die ich gern selbst geschrieben hätte. Deshalb habe ich diese melancholische tagebuchartige Abrechnung mit dem zwanzigsten Jahrhundert mit all seinen Kriegen, Verfolgungen und Ungerechtigkeiten, aber auch spärlichen Glücksmomenten übersetzt, in der Hoffnung, daß sie auch im deutschsprachigen Raum viele Leser finden wird.

Milo Dor, Klappentext, 2005

 

Nervöses Herz

− Spaziergänge des Intellekts: Bora Ćosić Berlin-Gedichte. −

Das serbische Original der Gedichte fehlt. Der Leser der Übersetzung Milo Dors ist durch eine Schallmauer von der Sprache des Dichters, der Stimme der Gedichte, von der Verstechnik und dem Formdenken des Autors getrennt. Die Entscheidung des Verlags gegen eine ernsthafte Edition ist umso unbegreiflicher, als es sich um ein Werk Bora Ćosićs handelt.
Seit der Übersetzung von Wie unsere Klaviere repariert wurden im Jahre 1968 ist der große Moderne der serbo-kroatischen Literatur bei uns kein Unbekannter mehr. Schon in seiner Heimat war der aus Zagreb stammende Belgrader Avantgardist als Übersetzer Chlebnikows und Majakowskis ein zwischen den Sprachen und Kulturen vermittelnder Universalgeist. Während des Balkankriegs wurde er als Autor so einflussreicher Bücher wie Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution und zuletzt dem illusionslosen Abschiedsbuch Das Land Null zur gewichtigsten intellektuellen Stimme Europas aus dem südosteuropäischen Raum neben Imre Kertész. Heute gehört Bora Ćosić, der seit 1992 im istrischen Rovinj und in Berlin lebt, zu den angesehensten Erscheinungen des literarischen Lebens in Berlin.

Phantasie für eine ganze Epoche
Die folgende, auf den Sinnplan der Texte beschränkte Lektüre der Gedichte ist kaum mehr als ein Lockruf, der Leser zu gewinnen sucht für die ungewöhnlich vitalen, als autobiografische Fünfminutenromane, philosophische Kleinanzeigen, illustrierte Geschichtsrezensionen, Berliner Schnappschüsse lesbaren Gedichte. Sie verdanken sich einer Phantasie, der eine ganze Epoche Nahrung gegeben hat. Neben den windstillen, kaum je ernsthaft beunruhigten und verstörten Natur-, Liebes- und Befindlichkeitsgedichten unseres lyrischen juste milieu nehmen sich die Haltungen des Belgrader Künstler-Individualisten, der sich schauend und erinnernd durch die Straßen Berlins bewegt, so ungleich komplexer, spannungsreicher, hintergründiger und erfahrungsgesättigter aus und vor allem europäischer, kosmopolitischer. Ein primärer Erfahrungsdruck ist spürbar, der selbst noch die komisch ironischen Tonlagen der immer distanzierten, surreal verfremdeten Gedichte des Autors prägt.
Auf die für seine surrealistische Ästhetik charakteristische Polarität von Innen- und Außenwelt stößt man beispielhaft in dem Gedicht Der Atlas, einem Geschichtsgemälde. Die nackten Fakten von Schlachten, Leid, Geschichte, Millionensterben und Leichen sind nur Rohmaterial für die Phantasie, die dem Traum die Treue hält und das Wirklichkeitsmaterial zu diskontinuierlichen Bildfolgen arrangiert. Ein Diptychon, dessen Hälften einander nach der Art eines Denkbildes gegenüberstehen. Das phantastisch übermalte Geschichtsgelände der ersten Strophe zeigt den von der Spree als Lebensader durchzogenen Stadtkörper Berlins, über den die Flusskarte des Balkans kopiert wird.
Die Labormetapher vom pathologisch veränderten Blutbild der Flüsse, in die damals wie heute die Toten des Krieges geworfen werden, mobilisiert den Möglichkeitssinn des Dichters. Die Totenflüsse werden umgehend zu einer blauen Spur im Atlas ausgetrocknet und zwischen zwei Buchdeckel transportiert, wo sie auf seiner freihändig gezeichneten imaginären Weltkarte des Dichters in den Stand der Unschuld zurückversetzt und vis à vis der Seine Apollinaires installiert werden. Das Gedicht ist ein Beispiel für die agierende Wahrnehmung des Autors, der aus Materialien der Wirklichkeit seine Traumbauten errichtet. Zur Gelenkstelle zwischen dem Außen- und dem Innenbild wird der Hinweis auf die Wissenschaft, die Unterschiede, nicht aber Originale kennt.
Die Gedichte des Bandes bebildern das Leben des Dichters in jenem Haus am Berliner Adenauerplatz, dessen Bewohner ein lebendes Bild der Geschichte der europäischen Völkerwanderungen und Bertreibungen abgeben. Zu seinem Alltag gehören die hochalpinen Leistungen als Treppensteiger im Finanzamt an der Bismarckstraße ebenso wie der Spaziergang von der Autorenbuchhandlung zur kleinen „Bank meiner Niedergeschlagenheit“ im Savignypark, der tönende Planet Philharmonie, dessen Orchester das Wunschbild einer harmonisch zusammenspielenden Weltgesellschaft abgibt, die Umarbeitung des Lietzensees zur gläsern unterirdischen Bibliothek ähnlich dem Bücherverbrennungsdenkmal am Bebelplatz.
Aber wo immer er geht und steht, melden sich die Geister der Toten, die Toten von Srebnica, der industrialisierte Tod von Auschwitz, die Bombentoten des Zweiten Weltkriegs und der Jedermanns Tod mit dem Begräbnis am Sonntag bei Regen, der sich als Stolpern der Tagefolge und Verwerfung der Zeit ankündigt.
Von Gedicht zu Gedicht gewinnt das Ziel seiner Spaziergänge immer greifbarere Kontur. Die Lokalitäten Berlins werden unterirdisch mit Orten seiner Belgrader Heimat verknüpft, zum Beispiel im ersten Gedicht „Der Führer“. Eine verwirrte alte Damen hat den Weg nach Hause zu ihrer gelben Katze vergessen. Der Flug der Phantasie ist frei und leicht und trägt die Verse bis an jenen fernen Punkt des Kontinents, wo die Straßen der Zeit zugewachsen, die Schienen herausgerissen sind und ein düsterer Geselle sich bei der Erwähnung des Dichternamens das eiserne Kasernentor zuschlägt.
Auf der imaginären Weltkarte des immer räumlich argumentierenden Gedächtniskünstlers rücken die Bilder zivilen Friedens und ziviler Zwietracht nicht nebeneinander. Die hilflose Alte auf dem Olivaer Platz, die einem Fremden ihr Wohl anvertraut, wird wohlweislich nicht neben den Finsterling gerückt, der seinen Landsmann abweist. Statt der fälligen Zeitreise in seine serbische Heimat lässt sich der Dichter auf dem Olivaer Platz nieder, als langsam verholzender Wegweiser Richtung Südosten.

Baudelaire im Tornister
Das Gelände seines Lebens, das er von Gedicht zu Gedicht vermisst, ist ein wimmelnder Verkehrsknotenpunkt, auf den jene Straßen des Gedächtnisses zulaufen, die den Savignyplatz und die Balkons seiner Jugendzeit verbinden, den herbstlichen Spaziergang mit Baudelaire im Tornister und die Verräter im Belgrader Fernsehen. Mit dabei sind, in Gespräche vertieft, Italo Svevo und Leibnitz, Strindberg und Bach und Mozart, Joyce, Kafka, Malewitsch, Melville, Pavlovic, Pessoa und Debussy.
Dem Zusammenstoß der künstlerischen Sensibilität mit der Epoche verdankt sein Schreiben seine Dringlichkeit und intellektuelle Notwendigkeit. Und immer ist bei Bora Ćosić das Geschichtliche dem Bewusstsein untergeordnet.

Sibylle Cramer, Frankfurter Rundschau, 6.9.2005

Readymades unseres Alltags

Bora Ćosić wurde 1932 in Zagreb geboren. Seit 1992 lebt er in Berlin. Die in Irenas Zimmer gesammelten Gedichte „spielen“ meist in Berlin. In der Wilmersdorfer- oder der Schlüterstraße zum Beispiel. Das gibt ihnen für den, der auch in Charlottenburg wohnt, etwas täuschend Vertrautes. Er glaubt, sich darin wieder zu erkennen.
So dauert es, zumal wenn der Meister sich hinter anderen Meistern versteckt, ein paar Verse länger, bis der Leser unverwechselbar Bora Ćosić entdeckt. Zum Beispiel in „In Unordnung“:

Von dem hohen Balkon jenes schwarzen Gebäudes
an der Ecke Wilmersdorfer Straße
winkt mir Felicia Bauer zu
macht mir zweideutige Zeichen
Kafka ist will sie sagen
im Sanatorium
der Frühling ist in voller Blüte
der Schnee geht zu Grunde
Döblin hatscht in seine Ordination
in der Schlüter-Straße neben dem Kino
die Welt besteht aus Anachronismen
bald im April 1932
werde auch ich geboren
das zwanzigste Jahrhundert wird voller Schrecken
Kriege Abschlachtungen und intellektueller
Zweifel sein
wohin und weshalb
 es ist leichter in Meran zu sterben
wenn dir der Mechanismus der Lunge versagt
und die Gemeindebehörden
der Staat die Erdkugel
dir die Luftzufuhr ausschalten.

Das ist ein Gedicht aus lauter undichterischen Worten. So etwas wie „Der Frühling ist in voller Blüte“ geht doch nun wirklich nicht, hätte unser Deutschlehrer gesagt. Das sei ein Gemeinplatz, ein Dichter hätte uns ein Detail geliefert, etwas, das den Frühling riechen, sehen, schmecken lässt. Und nun gar: „Gemeindebehörden“! Alles ist vertraut in Ćosićs Gedichten und wenn dann „Wilmensdorfer Straße“ statt „Wilmersdorfer Straße“ steht, dann weiß der Ćosić-Leser, das ist ein Druckfehler seines in Bozen beheimateten Verlages. Und dass Döblin „hatscht“ rechnet der des Serbischen unkundige Leser dem leider im Dezember 2005 verstorbenen grandiosen Übersetzer und Schriftsteller Milo Dor zu. Cosics Kunst besteht ja gerade darin, auf alles Künstliche zu verzichten. Er arbeitet mit den Readymades unseres Alltags. Selbst Ćosićs Pointe scheut auch nur den geringsten Eindruck von Pathos. Aber gerade dadurch bewirkt er raffinierte Schönheiten.
„In der Schlüter-Straße neben dem Kino“ heißt es in dem Gedicht. Der anschließende Satz „Die Welt besteht aus Anachronismen“ ist ein Lehrer Lämpel-Satz. Er hebt gewissermaßen den Zeigefinger und sagt uns: Als Döblin hier lebte, gab es hier kein Kino. Ich weiß nicht, wann Ćosićs Gedicht entstand. Jedenfalls gibt es heute das legendäre Schlüter-Kino so wenig wie zu Döblins Zeiten. Nach jahrelangen Kämpfen hatte der Hausbesitzer es geschafft, das Kino zu vertreiben. Es dauerte wieder Jahre, bis er einen neuen Mieter fand. Inzwischen ist der dritte oder vierte glücklose Laden darin. Diese Geschichte nimmt dem Wort „Anachronismus“ alles Studienrätliche und gibt ihm eine schillernde Schönheit. Die eher noch dadurch gewinnt, dass wir nicht wissen, ob sie von Ćosić gewollt wurde oder ob die Zeit sie seinem Text hinzufügte. So selbstverständlich können Natur- und Kunstschönes in einander übergehen.

Arno Widmann, perlentaucher.de, Januar 2006

Bora Ćosić

wurde 1932 in Zagreb geboren und wuchs in Belgrad auf. Seit 1992 lebt er in Rovinj (Istrien) und Berlin. Seine Gedichte zeigen Einflüsse der Psychoanalyse. Sie handeln von der Neuorientierung im unfreiwillig-freiwilligen Berliner Exil und spüren den Niederlagen des vergangenen Jahrhunderts nach. Die Stadt „im Herzen der Republik“ wird zur Projektionsfläche. In ihren Straßen und Gebäuden trifft der Dichter auf die Spuren großer und kleiner Diktatoren, auf Hitler, Stalin und Honecker. Bekannte und unbekannte Künstler begegnen ihm dort, Weggefährten im Geiste, aber auch ein kollektiver „Alzheimer“:

Die Russen vergessen
daß Tschetschenen Menschen sind
die Serben vergessen
daß Albaner Menschen sind
die Belgrader vergessen
daß sie Belgrader sind
die Bewohner der Fürst-Mihailo-Straße
vergessen die Fürst-Mihailo-Straße
sonst würden sie etwas unternehmen
daß die Fürst-Mihailo-Straße
die Fürst-Mihailo-Straße bleibt.

AGL, Das Gedicht, Band 14, Herbst 2006

Serbien und Berlin

Der in Berlin lebende serbische Lyriker Bora Ćosić gehört zu den Großen der internationalen Poesie. Seine antiklassisch-unregelmäßigen Gedichte sind in den Bildern ebenso stark wie in den insistierenden Reflexionen und dem überblenden von Gegenwart und Vergangenheit, serbische Reminiszenzen und Wahrnehmungen in Berlin, Stadt-Bilder und medizinische Terminologie („Die Spree-Trunkenheit Berlin / zu viel Alkohol im Blut / Schlachten Leid Geschichte / haben den Laborfund getrübt…“). Der internationale Blick von Ćosić ist nirgends fest verankert, aber hat viele typografische und poetische Anhaltspunkte. Eine „tagebuchartige Abrechung mit dem zwanzigsten Jahrhundert“ nannte Milo Dor diese Gedichte und bekannte, daß er sie selbst gerne geschrieben hätte, der faszinierende deutsche Text sollte Dors letzte publizierte Übersetzung werden.

CH, Die Furche, 7.12.2006

Inventur des Lebens

„Tief in mir drin (…) schmachtet ein Mann ohne nachgewiesene Schuld“, in dem wiederum tief drin ein Mann schmachtet ohne nachgewiesene Schuld. Jenen quält der Gedanke, nichts für diesen tun zu können, denn „unter diesen Bedingungen“ fehlt ihm der Glaube an Gerechtigkeit.
Unter dem Titel „Berufung“ bespiegelt Bora Ćosić jene Schwierigkeit mit der historischen Schuld, die momentan seine alte Heimat Serbien umtreibt. Die Schuld lastet in dritter Potenz auf einem, der bei der Erinnerung an sein Zuhause an eine Gegend denkt, „wo die Schienen herausgerissen / die Menschen seltsam gekleidet sind“. Bei der Erwähnung „meines Namens“ würde dort bloß „wütend das eiserne Kasernentor des Irrenhauses /das steinerne Tor seiner Höhle“ zugeschlagen.

Abgründig finstere Diagnose
Serbien ist für Ćosić, der seit 1992 in Berlin lebt, „das Land Null“, wie sein vorletztes Buch geheißen hat. In Irenas Zimmer nun hält Ćosić poetische Inventur über das vergangene Jahrhundert „voller Schrecken Kriege Abschlachtungen und intellektueller Zweifel“, in das er selbst 1932 hineingeboren wurde. Seine Diagnose ist abgründig finster, selbst die benjaminische Lichtung bleibt zugemauert, wo es nicht mehr möglich ist „aus dem Müll der Epoche / ein Stückchen von musealem Wert / herauszufischen“. Dieser „Prozeß ist industrialisiert“. Wie sehr demonstriert Ćosić mit unüberbietbarer Bosheit unter dem Titel „Endlösung“, worin beschrieben ist, wie die stillen Blumen in einem Blumenladen „Ecke Clausewitz-Strasse“, aussortiert und abserviert werden, weil an dessen Stelle ein Autosalon einzieht mit glänzenden Audis in der Auslage.
Ćosić Gedichte überraschen und irritieren mit ihrer schonungslosen Bildsprache, die kaum Durchlaß bietet für Hoffnung. Nur die Surrealität der Verhältnisse, die der Dichter mit sicherem Gespür aufdeckt, gewährt eine kurze Atempause. In der Dichtung der Moderne ist diese Surrealität poetische aufgehoben, dort läßt sie sich nachlesen. Becketts Bühne ist die Heimat.

bml, Der Bund, 11.4.2006

Am Ende bleibt die Ironie

Bora Ćosić ist einer der bedeutendsten Vertreter der serbischen Gegenwartsliteratur. Er lebt seit 1995 in einem „unfreiwillig-freiwilligen Exil“ in Berlin, wohin es ihn unter dem Eindruck des Milosevic-Regimes und nach Zuerkennung eines DAAD-Stipendiums gezogen hat. Ćosić, der zur Belgrader Avantgarde gerechnet wird, ist in den vergangenen Jahrzehnten vor allem mit Satiren (Wie unsere Klaviere repariert wurden), Romanen (Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution, Bel Tempo, Das Land Null), Essays (Tagebuch eines Heimatlosen) und Übersetzungen der russischen Futuristen Chlebnikow und Majakowski ins Serbokroatische bekannt geworden. Sein Werk ist von satirisch-polemischer Absurdität gekennzeichnet und zeigt Einflüsse der Psychoanalyse.
Er legt nun mit Irenas Zimmer einen Gedichtband vor, in dem er seine Erinnerungen, Träume und Leidenschaften des vergangenen Jahrhunderts in die Einzelheiten des Berliner Alltags projiziert. So treffen wir in den Gassen und Häusern der deutschen Hauptstadt auf die großen und kleinen Diktatoren, Künstlern und geistigen Weggefährten. In den Berliner Buchhandlungen, Kaffeehäusern, Kinos, Selbstbedienungsläden und nicht zuletzt im Menschen Ćosić selbst finden wir Spuren gescheiterten Zusammenlebens, im Kontext der europäischen Geschichte wie im Privaten. Wir treffen auf zerstörte Existenzen und geplatzte Ideen. Dennoch funkeln zwischen den Trümmern Momente des Glücks, und unter dem Schutt überlebt die Ironie als letzter Sinn einer völligen Sinnentleerung.
Die Ausnahmeerscheinung Bora Ćosić findet sich auch in der lyrischen Form, zu der er gefunden hat. Die Texte mögen auf den ersten Blick wie prosaische Miniaturen aussehen, doch schon nach wenigen Zeilen werden wir in einen lyrischen Sog immenser Kraft gezogen. Das Prosagedicht, einst im Expressionismus (Kafka, Brecht, Trakl) als Verschmelzung von rhythmischer Prosa und freien lyrischen Rhythmen zu einiger Verbreitung gekommen, wird von Ćosić in zurückhaltender Meisterschaft wieder belebt. Die Zeilenumbrüche werden so zu reinen Versen:

So ist das Leben in Petersburg
in Berlin
man geht ständig von einem Gespräch ins andere über
wie man umsteigt in die Straßenbahn
oder in den Zug
nur im Korridor zwischen zwei Zügen
ist man ein bißchen allein.

Die Prosagedichte in Irenas Zimmer werden von der Souveränität eines Zur-Ruhe-Gekommenen getragen. Mit beinahe verstörender Leichtigkeit nehmen sie die Essenz europäischer Zeitgeschichte im vorübergehen auf und verdichten sie zu Juwelen seltener Dichtkunst, deren deutsche Übersetzung von Milo Dor schlicht als vollendet bezeichnet werden muß.
Neben der gefundenen Ordnung in einem neuen Leben ist das Alter eines der zentralen persönlichen Motive in den Gedichten. So erinnern auch in der Stabilität des Heimes die Narben der Vergangenheit an das, was kommen mag:

In diesem Zimmer wächst ein Baum
das Schicksal meiner Umpflanzung
setzt sich fort
zu Anfang hat man ihn gegossen
während die Pflanze dahinvegitierte
im Norden
dann nicht mehr
sie rechnen mit dem Widerstand der Materie
mit ihrem tiefen botanischen Motiv.

Der vorliegende Gedichtband ist die Verdichtung eines Lebenswerkes, das wie kaum ein zweites den Weg Europas in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zu seiner persönlichen Reise gemacht hat. Zugleich sind die Gedichte eine Abrechnung mit verlorenen Idealen, die am Ende nur noch eine Tugend zulassen: die Ironie.

Reinhold Stumpf, lyrikwelt.de, Juli 2005

Wegmarken, andernorts

− Ein Blick auf neue übersetzte ostmitteleuropäische Lyrik. −

… An weltliterarischen Horizonten orientierte sich Bora Ćosićs letzten Herbst erschienener Roman Das Land Null. Diesem „herben Alterswerk“ (Ilma Rakusa) reicht der Folio-Verlag nun den Gedichtband Irenas Zimmer nach, in dessen Grundnote ebenfalls die Bitternis über ein verlorenes Land anklingt. Im Unterschied zur Schwere des monomanen Romans erweisen sich die poetischen Notate als die wendigeren Boten der Melancholie. Vom Aufenthaltsort Berlin aus blickt der 1932 in Zagreb geborene Poet auf die Ruinen der Utopie einer Heimat. Unbehaust in Berliner Zimmern und Zonen, bleiben dem Ausgesperrten die Hirtenpfade der Erinnerung. Konsequent beginnt die (von Milo Dor etwas schleppend übersetzte) Sammlung mit einem doppeldeutigen „Führer“ und endet mit einer unwegsamen „Heimkehr“: „über jenen nicht existenten / Pfad in den grossen Städten / auf jene Wiese vor dem Haus“. Der „Führer“ meint nicht nur den Drahtzieher diktatorischer Macht, sondern spielt auch auf Wilhelm Müllers „Wegweiser“ (aus der „Winterreise) an:

Einen Weiser seh’ ich stehen
Unverrückt vor meinem Blick;
Eine Strasse muss ich gehen,
Die noch keiner ging zurück.

Mit der Allusion an die metaphysische Unbehaustheit der deutschen Romantik antwortet Ćosić auf sein ahasverisches Wandern:

wo mein Zuhause sei
ich sollte meine Hand in Richtung Süden strecken
zur Konstanzer Strasse hin
sie sehr lange als Wegweiser halten
bis meine Finger hölzern werden
den Abstand andeutend.

Emigrant, Immigrant, weder dort noch hier willkommen, treibt der Dichter haltlos in den Zwischenwelten des öffentlichen Verkehrs, der „Klinik der Zeit“ und den traurigen Tropen des Zoos. Ćosićs Gedichte zeichnen eine Kartographie der Ortlosigkeit:

Auf der täglichen Fahrt zum Alexanderplatz
lese ich mein Gedicht
auf dem leeren Blatt des Heftes.

Als letztes Besitztum führt der fremde Passagier das entwertete Billett seiner Sprachlandschaft mit. …

Christiane Zintzen, Neue Zürcher Zeitung, 28.5.2005

Kein Geringerer als Milo Dor

hat die Verse des vor allem in Berlin lebenden Serben ins Deutsche übertragen. Für ihn ist es ein „tagebuchartiger Text“. Die Prosagedichte gleichen in Anliegen, Welthaltung, Metaphernreichtum und Kompliziertheit den letzten Prosaarbeiten von Ćosić. Mit dem Charme des Flaneurs (meist in Berlin) und dem geistigen Reichtum des (distanzierten) Philosophen präsentiert er wieder die Lebensbilanz eines alt gewordenen Emigranten und Dichters, voller Melancholie, auch Lebensüberdruss – nach dem 20. Jahrhundert, das für ihn eines „schwerer Albträume der eigenen Seele“ war, „voller Schrecken, Kriege, Abschlachtungen und intellektueller Zweifel“, markiert von Verdun, Auschwitz, Srebrenica und dem Balkankrieg. Und Irenas Zimmer? Von ihm wird in keinem Vers berichtet, es bleibt im Dunkeln – wie wohl für manche Leser die Fülle an Assoziationen, Fragen und Denkanstrengungen in dem so leicht und schön gestalteten Bändchen

Gert Kreusel, ekz-Informationsdienst

Skizzen vom Jahrhundertweg

Joyces Held Stephen Dedalus sucht nach einer angemessenen Entschädigung für ein halbes Jahrhundert, das er im Kloster des Kommunismus verbringen musste. Giogio Bassini, der Autor des Romans Die Gärten der Finzi Contini ist gestorben, nachdem er zuvor vergessen hatte, dass er der Autor des Romans Die Gärten der Finzi Contini war, so wie Ronald Reagan vergessen hatte, dass er Präsident der USA gewesen war, so wie die Serben vergessen haben, dass die Albaner Menschen sind. Die Geschichte geht dennoch weiter, sie schreitet über den Einzelnen hinweg, der nur noch versuchen kann, sich so teuer als möglich zu verkaufen, da ihm sonst nichts bleibt, mitunter nicht einmal die Erinnerung, zumal, wenn man wie Bassini oder Reagan an Alzheimer erkrankt ist. Es bleibt allein, staunend auf diese Welt zu blicken, in der ein pfeifender Teekessel sich vielleicht im nächsten Augenblick als Fabriksirene entpuppt, die eine neue Revolution ankündigt, während die Söhne des Aeneas durch die Lande irren, um eine neue Heimat zu finden, in der man geruhsam vergessen kann, woran man sich ohnehin nicht mehr zu erinnern vermag.
Bora Ćosić, seit seinem 1994 erschienenen Roman Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution auch hierzulande bekannter und gefeierter Schriftsteller, legt mit seinen Gedichten Zeugnis ab von dem befremdlichen Weg, den die Menschheit in jenem merkwürdigen 20. Jahrhundert zurücklegte. Mit Irenas Zimmer – kongenial ins Deutsche übertragen von Milo Dor – gelingt Ćosić eine melancholische Abrechnung mit all diesen Dekaden voller Kriege, Ungerechtigkeiten, Verfolgungen und Hassausbrüchen, die nur allzu selten von kurzen Glücksmomenten unterbrochen waren. Der Ausgang dieses 20. Jahrhunderts war der lebende Beweis, dass die Menschen aus der Geschichte eben doch nichts lernen. Vor diesem Hintergrund durchlebt der Dichter wahrhaft finstre Zeiten, in denen ihm bekanntlich laut Brecht nichts anderes zu tun bleibt, als Dichter in finstren Zeiten zu sein. Und dieser Aufgabe stellt sich Ćosić mit seinen Gedichten. Entschlossen und schonungslos. Zu unser aller Gewinn.

Andreas P. Pittler, Wiener Zeitung, 24.2.2005

Am Gefrierpunkt

Wie ein Vogel blickt der Dichter Bora Ćosić auf unsere Welt hinab.

… Käme ein Ethnologe vom Schlag eines Lèvi-Strauss in Ćosićs „traurige Tropen“ nach Berlin, dann würde ihm der Autor einen Plan seines Zimmers zeichnen:

… den Ort an dem er liest
einen andern an dem er allerlei Unsinn schreibt
… dann den wichtigsten Punkt
an dem er schweigt

So heißt es in dem Gedichtband Irenas Zimmer, der das Trümmerfeld des vergangenen Jahrhunderts in den Blick nimmt, gebannt wie der Benjaminsche Engel der Geschichte. Der Körper, die Wohnung, die Stadt des Exils, ja die Bücher sind Depots, Halden, ja Friedhöfe der Geschichte, die sich ohne messianischen Fluchtpunkt wiederholt.
Die fast sonetthaft gebundene Form der von Zeile zu Zeile springenden Prosa dieser Miniaturen erlaubt es Ćosić diesmal, Namen zu nennen: Auschwitz, Srebrenica, Tschetschenien. Wenn der Dichter aber, wie in Heimkehr, an seiner Berliner „Ruhestätte“ nach der eigenen Biografie sucht, dann landet er in einem Fundbüro, wo

die Frau von der Buchhaltung flüstert
ein alter Herr
wahrscheinlich ein Ausländer
erkundigt sich nach einem
zwölfjährigen Kind
es hat sich im Wald verirrt
sagt er
vielleicht ist es schon gestorben.

Kein Trost also; Trost nur für die Leser, in deren Sprache diese Texte wirken wie der Salzimport in dem gleichnamigen Gedicht, wo das lyrische Ich beim Grenzübertritt in seinen „arischen Taschen“ nach Krümelchen von jenem „Salz der Erde“ sucht, das die Deutschen aus Europa tilgen wollten.
Vielleicht ist Deutschland für solche „Salzimporte“ eine Zuflucht, „jetzt / wo es wieder / auf Geschmack setzt“, für Schriftsteller, die uns keinen faden Lesezucker liefern. In Ćosićs beunruhigendem, revolutionäre rückwärts gewandtem Alterswerk nimmt die Moderne den Platz eines ästhetischen Gewissens nach dem Scheitern der Humanität ein…

Dorothea Dickmann, Die Zeit, 12.5.2005

„Rezensent der Geschichte“

− Melancholische Resümees: die neuen Gedichte von Bora Ćosić. −

Bora Ćosić ist ein Exilautor im klassischen Sinne. Seit nunmehr schon zehn Jahren lebt der Serbe in Berlin, mochte damals im Belgrad Milosevičs nicht mehr länger bleiben. In Berlin nun denkt der 1932 Geborene seitdem über sein verlorenes Land Jugoslawien nach, über ein Leben im „Kloster des Kommunismus“, über die Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Prosabücher wie Die Zollerklärung und jüngst Das Land Null legen Zeugnis davon ab. In Berlin hat Ćosić auch spät zur Lyrik gefunden. Auch das hat zu tun mit den schmerzlichen Ereignissen in seiner Heimat. Der Tod eines ungenannten Freundes in Serbien war der Auslöser dieser Gedicht-Produktion, die der deutsche Leser schon 2001 in dem Bändchen Die Toten, erschienen in der Reihe „Spurensicherung“ des DAAD, kennen lernen konnte.
Einmal begonnen, hat Ćosić das Gedichteschreiben dann weiter durch seinen Berliner Alltag begleitet. Ein Jahr später ist bereits im Zagreber Meander Verlag der Gedichtband Irenina soba / Irenas Zimmer herausgekommen. Aus diesem Buch hat jetzt Ćosićs Landsmann, der in Wien lebende Schriftsteller Milo Dor, eine Auswahl getroffen und übersetzt.
Wieder erleben wir einen Autor, der mit sanfter Melancholie und feiner Ironie sein Leben in Berlin protokolliert, sich mit seiner eigenen Vergangenheit ebenso beschäftigt wie mit der kulturhistorischen Berlins. Immer wieder nimmt er Bezug auf das Berlin der Emigranten, der russischen etwa, um sich selbst in diese Exilgeschichte der deutschen Hauptstadt einzuschreiben, die ihm als große Projektionsfläche dient. Als „Bora GmbH“ muß er sich im gleichnamigen Gedicht mit Redakteuren auseinandersetzen, die seine Anspielungen nicht verstehen, bietet eine eigenartige Ware an: „vielleicht nicht ganz frisch / aber wenigstens extravagant / Gewürze aus unserer exotischen Vergangenheit“. Dieses Exotische beschert dem serbischen Autor eine freundliche Aufmerksamkeit im deutschen Kulturbetrieb. Die Kehrseite davon allerdings ist, dass er immer wieder Auskunft geben muss über den Krieg in seiner Heimat, als Balkanexperte auf verschiedenste Podien geladen wird. Freilich kommt Ćosić sowieso nicht weg von den Schatten der jüngsten Vergangenheit. Und so steht dann zwischen Berliner Beiläufigkeit, zwischen Texten, die sich mit dem eigenen Altern auseinandersetzen – „Beim ersten herbstlichen Spaziergang / merke ich dass ich schrecklich / langsam geworden bin“ – ein Gedicht wie „Die letzte Kinovorstellung“, das Bezug nimmt auf ein Massaker in einem Kino in Srebrenica:

es muss ein ganzes Jahrhundert vergehen
bis ein Rezensent der Geschichte
eine Kritik schreibt.

Ćosić selbst hat etwas von einem solchen Rezensenten. Aber er ist kein sturer, strenger Kritiker, der alles besser zu wissen glaubt. Er hält sich auch nicht an die offizielle Geschichte, sondern lieber an die Kulturgeschichte, an Einzelschicksale. Und wenn ein Gedicht den hochtrabenden Titel „Die Geschichte Europas“ trägt, dann mündet es am Ende in das Vertrauen in eben diese Gegengeschichte, an der die Literaten schreiben:

alle Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts
schreiben dasselbe Gedicht
nur lang
dann schneiden sie es in viele Teile
verteilen es auf mehrere Namen.

Und einer dieser Namen wäre dann der Dichter Bora Ćosić, der sich an seinem Exilort Berlin eine geistige Heimat erschreibt.

So lebe auch ich im Land der deutschen Musik
in der Stadt der vielen russischen Dichter
obwohl sie schon lange tot sind.

Ćosić vermag unter der Oberfläche des heutigen Berlin immer auch das vergangene zu imaginieren, sieht gleichsam ständig Kafka oder Döblin um die Ecke kommen. Nur einmal nimmt diese Imagination eine doch etwas schräge Wendung, wenn er sich mit dem Bus zur Philharmonie fahrend ausmalt, das sei ein „Transport aus Charlottenburg“, „ins philharmonische Sammellager / mit dem gelben Stern der Musik / auf dem Ärmel / die Endlösung heute Abend.“
Milo Dor hat das schnörkellose Prosaische dieser Gedichte in seinen Übersetzungen gut getroffen, wenn den deutschen Leser auch vielleicht mancher Austriazismus des in Wien lebenden Serben irritieren mag: so ist da von Karfiol statt von Blumenkohl die Rede, vom Stiegen – statt vom Treppenhaus. Aber schließlich ist das Buch ja in einem österreichischen Verlag erschienen. Ein Lektor hätte aber ruhig einen Berliner Stadtplan zur Hand nehmen können, um festzustellen, dass Savigny-Platz und Bismarck-Straße nicht mit Bindestrich geschrieben werden.

Florian Neuner, Rundfunk Berlin Brandenburg, 13.3.2005

 

Interview mit Bora Ćosić: Ich bin ein Relikt am 24.3.2002

 

 

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Matthias Zwarg: Frühstück mit einem kultivierten Europäer
Freie Presse, 4.4.2012

Carolin Fetscher: In der Tiefe ist es heiter
Der Tagesspiegel,  4.4.2012

Adelbert Reif: „Dennoch schreibe ich weiter“
Der Standart, 6.4.2012

 

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