Brigitte Struzyk: Poesiealbum 134

Struzyk/Löffler-Poesiealbum 134

Nr. 08 3037 vorm Moskauer Gefängnisfotografen
(Wladimir Majakowski)

Zwischen Kind-Profil und en face: der Strich
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaeine Wand.
Unfaßbar, daß nicht das Studio gebrannt
von dem flammenden Blick:
aaaaaaaaaaaaaaaaaaeuch werd ich’s schon zeigen,
euch Spitzeln und Trotteln, euch Feinden und Feigen.
Gestern noch war der Mund voller Steine,
nun: Zähne zusammen,
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaawohlgemerkt meine
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaableibenden schon.
Was heißt vierzehn Jahre?
Soll das heißen, daß ich erst jetzt erfahre
schwarz, rot, blau, bunt ist die Revolution?
Das wußte ich in Georgien schon,
als ich Vaters Jagdgewehr umfunktionierte.
Schoß nicht mehr auf Gemsen. Lauf auf die vertierte
aaaaaaaaaaaaaschamlos mordende, stinkende Reaktion.
Bin schließlich freier Menschen Sohn.

Auf dem Ganzfoto rechts à la Bonaparte?
Die Länge macht’s nicht. Nur die aparte
Pose der Hand. Hab Sinn für Humor.
Den brachte der weinreiche Süden hervor.
Anna Kareninas Ende werd ich nie wissen.
Man hat mich vor Romanschluß rausgeschmissen
und glaubt, die Karteikarte
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaahält mich fest.
Ihr scheint nicht zu wissen, es bleibt ein Rest.
Rechnet zu sehr mit der Arithmetik,
bleibt im Bild der gymnasialen Ästhetik
Äpfel und Birnen errechnen
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaund verteilen an Jungen.
Ich gab ohne Rechnung. Hab mir eins gesungen
und rechnete mehr mit dem schönen Reim:
Im Norden, im Süden
aaaaaaaaaaaaaaaaaaabin ich niemals allein.

 

 

Brigitte Struzyk

trägt ungeschminkte Wirklichkeitsauszüge vor. Meist in einem saloppen Tonfall, der auf Worternst baut. Es wird gesagt, was gemeint wird: das erfahrene Alltägliche in seinen vielgestaltigen Lebensformen – die uns umgebende gewöhnliche Gegenwart. Und was gemeint wird, ist immer gemessen an so elementaren Begriffen wie Menschenwürde, Gerechtigkeit, Glück, Liebe, Schönheit.

Wulf Kirsten

Brigitte, ich staune.

Im Manuskript vom Dezember – war das alles schon darin? Eingangs dachte ich, als ich „Fred Düren als Faust“ las: Eine Wohltat ist es, wenn es so ist mit ihm, etwas zu hören dazu den ganzen langen Reimweg hinunter; die wohltat, die Stimme… Am Ende jetzt, ich staune – wahrhaftig, als wohnte man, erst nur Tourist, im Innenhof einer solchen Stadt, wo die Häuser (zur Straße die Front) in den Höfen das Leben haben, und man ist in dieser Stadt kein Tourist.

Elke Erb

 

BRIGITTE STRUZYK

An Hollands Krachten schmachten Wölfe in hoher
Zahl hinter Fensterscheiben stehen Rotkäppchen
ohne Wahl splitterfasernackt im Rammel-Schein
Man darf sie besehen, man darf mit ihnen sprechen
man darf sich an ihnen für die Böswelt rächen Man
darf Sekt mit ihren Müttern zechen darf mit ihnen
Vögeln Schenkeln obszöne Lieder singen und sie
mit den Augen verschlingen und auf die Straße
bringen Dort gehen Horden läufiger Jäger um

Peter Wawerzinek

 

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Richard Pietraß: Dichterleben – Brigitte Struzyk

 

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