Bruno Hillebrand (Hrsg.): Über Gottfried Benn – Band 1

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Bruno Hillebrand (Hrsg.): Über Gottfried Benn – Band 1

Hillebrand (Hrsg.)-Über Gottfried Benn – Band 1

SCHLEIM
Nach Gottfried Benn

Hausse in chaotisch Verschwitzten,
bluffende Mimikry,
großer Run der Gewitzten
auf die Popoesie.
Ruchlos vom Kopf zu den Zehen,
lachhaft und sodomit −
aber bei Lichte besehen
bleibt es das alte Lied.

Denn gonorrhoische Kränke
macht noch kein Weltgericht.
Jeder hält seine Gestänke
heute schon für ein Gedicht.
Fraß, Suff, Gifte und Gase −
ihrer Bemühungen Ziel
paßt vor den Ausgang der Blase! −
Aber erectil −?!

Impotenter Zersprenger
mittels Gehrinprinzip −
Heimlich bleiben sie Sänger
über die Lerchen lieb.
Sentimental oder witzig,
öffentlich oder geheim,
heißt er Teut oder Itzig −
Schleim bleibt Schleim!

Robert Neumann, 1927

 

 

WIE WOLLEN WIR UNSERE ZUKUNFT?

− Als Vortrag gehalten für den Kulturbund in Wien, Herbst 1930. −

Gottfried Benn gehört zu den stärksten Sprachschöpfern, die Deutschland heute aufzuweisen hat; er gehört ohne Frage zu den tiefsten und eigenwilligsten Geistern unserer Zeit. Seine „politische Einstellung“, soweit von derlei bei ihm die Rede sein kann, ist radikal links, das geht aus einigen seiner Essays unzweideutig hervor, zum Beispiel aus dem über den Paragraphen 218. Aus anderen Essays aber, und vor allem aus zweien, die er unlängst in literarischen Zeitschriften hat erscheinen lassen, ist noch unzweideutiger zu ersehen, daß er die Politik überhaupt haßt; daß er die Beschäftigung mit ihr für den Dichter, gelinde gesagt, überflüssig findet. Die Essays heißen: „Zur Problematik des Dichterischen“ und „Können Dichter die Welt ändern?“ Beide sind faszinierend geschrieben, mit jener gespannten Exaktheit, jenem eiskalt glühenden Pathos, das die außerordentliche Prosa dieses Schriftstellers charakterisiert.
Ich wende mich gegen beide. Sie geben vom Phänomen des Dichterischen die tiefsten Ansichten, sie liefern Formeln über dieses Phänomen, die mir in ihrer leidenschaftlichen Prägnanz wahrhaft  d e f i n i t i v e  Formeln zu sein scheinen. „Er folgt seiner individuellen Monomanie“, erklärt Benn vom Dichter. „Wo diese umfassend ist, erweckt sie das äußerste Bild von der letzten dem Menschen erreichbaren Größe; diese Größe will nicht verändern und wirken, diese Größe will  s e i n. Immer beanstandet von der Stupidität des Rationalismus, immer bestätigt von den Genien der Menschheit selbst.“ Sehr tief und sehr exakt ausgedrückt. Wir folgen dieser eindringlichen, zugleich lehrhaften und von ihrer eigenen Erkenntnis berauschten Stimme auch dann noch, wenn sie es zornig als „undurchdringlichen Modder der Zivilisationsgesinnung“ bezeichnet, „Ethos  n u r  als Regelung sozialer Bindungen zu sehen“. (Die Unterstreichung des „nur“ stammt von mir; sie ist wichtig.) Mit mehr Bedenken zitiere ich schon den Satz: „Denn alle ethischen Kategorien münden für den Dichter in die Kategorie der individuellen Vollendung.“
Der Aufsatz „Zur Problematik des Dichterischen“ ist ein Preislied auf jene „individuelle Monomanie“, zugleich wissenschaftlich und ekstatisch, echtester Benn, so brennend interessant, daß er fast schon überzeugend wird. Er packt uns überall dort, wo wir empfindlich sind. Wir sind ganz besonders empfindlich gegen den Vorwurf, Propagandisten des flachen Entwicklungsgedankens zu sein. Das hören wir wirklich ungern. Nichts, nichts, nichts läge uns ferner, unserer Natur, unserem Blute nach – wenn die Dinge nicht ganz so hart, ganz so zugespitzt lägen, wie sie es doch heute tatsächlich tun. Sie liegen so gräßlich und so gefährlich, daß wir aus primitivster Gewissensverpflichtung uns nicht einzustimmen erlauben in das hymnisch exakte Preislied des genialen Benn, auf die Räusche der Einsamkeit. Und wenn Benn mit bebender Gereiztheit fragt, ob es denn schon genüge, einzustimmen „in das allgemeine Gejodel über die Größe der Zeit und den Komfort der Zivilisation“, dann antworten wir: nein, ach nein, das genügt wahrlich nicht, und wir wüßten nichts Fataleres als Zivilisationsgejodel. Aber andererseits: muß man gleichjodeln, wenn man nicht zur „Theorie von einem Nihilismus für alle“ kommen will? Denn dieser Theorie hängt Gottfried Benn an, er bekennt es ausdrücklich. Es wird nur zu klar, worauf er hinaus will, wenn er mit grausiger Schwärmerei prophezeit:

Das Leben, das aus den Schlünden stammt, sich eine Weile organisiert, um im Inferno zu verschwinden, das Leben wird seinen Rachen aufreißen gegen diese Zivilisationshorden, die das Meer als ein Nährklistier achten um ihre Austernbänke, und das Feuer als Bierwärmer unter ihre Asbestplatten. – o schöner Tag der Reue der Natur, wenn auf einer Eisscholle zwei Tranherden mit Grätenkeilen wieder um die Seehundsstellen boxen, 0 Heimkehr der Schöpfung, wenn gelackte Doppelhorden ihre Lippenpflöcke salben und unter Hakenschnabelmasken das Opfer bringen im Schrei des Totemtiers.

− Freilich, solcherlei Visionen rufen anderes in uns wach, erregen uns tiefer als ein noch so gut geübtes Zivilisationsgejodel. „Ja, das Ich ist dunkler, als das Jahrhundert dachte.“ Wer dürfte sich Dichter nennen, der sich nicht mit wahrhaft manischer Neugierde täglich und stündlich über den verlockenden Abgrund dieser Dunkelheit neigte? Und Benn gewinnt uns beinahe völlig, fast ganz und gar zu seiner düster großartigen Theorie des absoluten Nihilismus, wenn er uns an jene Stelle führt, wo die ganze Problematik unserer Generation verankert ist.

D e r  K ö r p e r  ist der letzte Zwang und die Tiefe der Notwendigkeit, er trägt die Ahnung, er träumt den Traum. – Von weit her liegt in ihm ein Traum, ein Tier, von weither ist er mit Mysterium beladen. Alles gestaltet sich aus seiner Hieroglyphe: Stil und Erkenntnis, alles gibt er: Tod und Lust.

Wie weit hat er uns schon, dieser Medizinmann und Schwärmer? Wir wollten ein bißchen für Vernunft und Fortschritt reden, uns alles dessen erinnern, was in uns Zivilisation und 19. Jahrhundert ist, und sind schon wieder bei Körpermysterien, Tod und Lust; also tief im 20. Jahrhundert drin, das vielleicht, es sieht beinahe so aus, ein Jahrhundert der rauschhaft barbarischen Katastrophen sein soll. Da wir seine Kinder sind, voll und ganz seine Kinder – warum bekennen wir uns nicht zum Rausche, der die Katastrophe und das endgültige Fiasko der Zivilisation garantierte?
Wie aber, wenn die Sendung des Jahrhunderts doch nicht ganz, nicht völlig so aussähe? Wenn wir uns irren, vorübergehend verblendet sind? Das wäre ein weltgeschichtlicher Irrtum, schauerlich ohnegleichen und nie wieder gutzumachen. Wir könnten etwa die Sendung des Jahrhunderts auch so fassen, daß es sich des Mysteriums erinnern müßte, welches das neunzehnte so ärgerniserregend gründlich vergessen oder verdrängt hatte; daß es aber, jenseits seines Wissens um das Mysterium, der Vernunft dienend bleibt; ja, ihr dazu verhilft, einen großen, einen entscheidenden Schritt weiter zu tun zu ihrem endgültigen Siege.
Dienst an der Vernunft unter anderen Vorzeichen; Fortschrittsglauben, bei Wissen um das Geheimnis: so meinen wir’s, ohne darob zu jodeln. Wissen Sie denn nicht, Gottfried Benn, wieviel  R e s i g n a t i o n  sich hinter diesem Fortschrittsglauben verbirgt? Er schließt, lassen Sie sich’s verraten, den abgründigsten Pessimismus nicht aus. Wir glauben nicht, daß wir das Letzte wollen, wenn wir eine Neuordnung im Sozialen herbeiwünschen; wir halten Pazifismus für keine definitive Erkenntnis. Aber wenn wir  ü b e r h a u p t  etwas wollen – was kann es denn sein, wenn nicht Frieden, nicht Umgestaltung des Wirtschaftssystems?
Sie stehen selbst links, Gottfried Benn. Warum machen Sie Ideale verächtlich, die für keinen Dichter endgültige Ideale sein werden, aber eben doch für die Stunde die einzig möglichen, die einzig überhaupt praktikablen? Wenn Sie, Dichter, dessen Name bei den Jungen vieles gilt, die Ideale von links verhöhnen, gewinnen Sie damit denen von rechts immer mehr Boden. Sie wollen es nicht, aber Sie tun es trotzdem.
Sie zitieren oft Heinrich Mann, den Sie besonders verehren. Nun, ich denke, er wäre ein besonders repräsentatives Beispiel dafür, wie man künstlerische Vereinsamung, artistische Passion nicht nur mit politischer Gesinnung, sondern sogar mit schärfster politischer Aktivität vereinigen kann. Ihm gelang es, gleichzeitig „Liliane und Paul“ zu schreiben, höchst zauberhaftes Gebilde von sublimstem Reiz, und politische Manifeste, die sich gewaschen hatten. Auf die Gefahr hin, lächerlich zu wirken, führe ich mit Stolz auch meinen Vater als Repräsentanten für diese Haltung an. Er hatte die Hochherzigkeit und den Mut, in die tagespolitische Arena zu steigen, sein höchst persönliches, eigensinnig und religiös persönliches Werk vorübergehend im Stich zu lassen, um dem deutschen Bürgertum, das nicht mehr wo aus und wo an weiß, so befremdlich entwickelt sich alles – um ihm also zu erklären, daß die Sozialdemokratie ihm näher stünde als irgendein „militanter Neonationalismus“.
Wir können auf verschiedenen Ebenen leben und denken. Klarheit und Aktivität auf der einen, schließen Hintergründigkeit und Tiefe auf der anderen Seite nicht aus.
[…]
Die Frage: „Kann der Dichter die Welt ändern?“ beantworte ich mit: Ja, ja, ja. Niemand kann sie ändern, wenn nicht er. In seiner Hand ist die Macht und die Herrlichkeit des Wortes gegeben, das Wort hat immer noch den Sieg davongetragen über die Macht.

Klaus Mann, 1930

 

GOTTFRIED BENN. ODER: DIE ENTWÜRDIGUNG DES GEISTES

Im Mai dieses Jahres schrieb ich an den Dichter Gottfried Benn einen Brief. Die Verehrung, die ich für ihn gehabt hatte, machte es mir zum Bedürfnis und gab mir das Recht, ihn um Aufklärung zu bitten, ob Gerüchte, die mir über seine geistig-politische Stellungnahme zu Ohren gekommen waren, den Tatsachen entsprächen. Die Aufklärung, um die ich ihn als Leser, als Bewunderer, fast als Freund, privat ersucht hatte, gab er mir in Form eines offenen Briefes, „An die Emigranten“, den er im Rundfunk verlas und der in der Deutschen Allgemeinen Zeitung publiziert wurde. Der peinlichen Aufgabe, auf diesen Brief Gottfried Benns, der mich durch die Tiefe seines sprachlichen und moralischen Niveaus, durch die Unhaltbarkeit und Verwirrtheit seiner Argumente und durch die Infamie seiner lügenhaften Angriffe gegen im eignen Land Wehrlose entsetzt hatte, meinerseits zu erwidern, war ich enthoben: andere sagten, was zu sagen war, Benn wurde mit Erwiderungen überschüttet. Ich konnte schweigen, und mit meiner Enttäuschung über den einst Hochgeschätzten allein fertig werden.
Dieser Brief, diese Ansprache an uns „Emigranten“ bildet das zweite Stück in dem Buch Der neue Staat und die Intellektuellen. Ihm vorangestellt ist eine andre Rundfunkrede, die den Titel des Buches trägt und womöglich noch platter, geistig noch magerer, auch noch bösartiger ist. Beide Arbeiten zusammen nennt der Autor „das Resultat“ seiner „fünfzehnjährigen gedanklichen Entwicklung“. Ein bescheidnes Resultat, muß man sagen. Es wird nicht üppiger, wenn man den letzten Aufsatz des Buches, den schlimmsten und schlechtesten, „Züchtung“, dazuhält. Im übrigen besteht das neue Werk Gottfried Benns, das die Deutsche Verlagsanstalt seinem neuen Publikum vorlegt, aus dem Abdruck älterer, auch in Buchform erst sehr kürzlich erschienener Arbeiten. – Wie fassen wir es zusammen, dieses Resultat einer fünfzehnjährigen Gedankenentwicklung? Es ist gewiß nicht das Bekenntnis zum „Irrationalen“, das Verfluchen des „Intellektualismus“ – diese Gebärden sind nicht neu, man kann sie kein Resultat nennen, andre haben solche Gedanken vor ihm und mit ihm gehabt, sie sind überhaupt nicht das Privileg derer, die heute durch „Irrationalismus“ Bestialitäten entschuldigen wollen −; nein, als Resultat der Gedankenarbeit kann man wohl nur bezeichnen: das hingerissene Bekenntnis zum „totalen Staat“, das er mit allen Leitartikeln des vergewaltigten Deutschlands gemeinsam ausstößt; die Erkenntnis, daß das Volk nicht Glück will, auch nicht Arbeit, sondern „Züchtung“; die unsinnige, hohle und demagogische Formel von der „militanten Transzendenz“ – nicht „militaristisch“, wohlverstanden, sondern „militant“, es ist ein so zarter Unterschied, wie Herr von Papen ihn machte, als er sich für die Friedensliebe erklärte, nachdem er den Pazifismus verdammt hatte −; den Hohn auf die Geistesfreiheit, die keinen Platz mehr hat im autoritären Staat, im „Sklavenstaat, um es einmal ganz klar auszudrücken“ (ich zitiere;) schließlich noch das Kapitulieren vorm Kitsch, Marke Braunes Haus, „nordisch, darüber Schwerter“. Was er gelernt hat, seit er der Prophet des Dritten Reiches wurde, ist nicht das Wissen darum, daß wir keine reinen Gehirnwesen sind, das wußte er doch wohl schon, als er sich noch von denen in die Akademie protegieren ließ, die er heute mit plumpen Anspielungen beleidigt, und als er noch Heinrich Mann bewunderte statt Hitler, er wußte es damals schon und wir wußten es mit ihm; was er aber inzwischen gelernt hat von seinem Halbgott, seinem Führer, der den Terror nicht will, sondern der Geist und Macht in der SA miteinander identisch werden läßt, das sind jene Tricks, die darin bestehen, mit dem Gesicht nach Europa gewendet heuchlerisch vom „neuen deutschen Menschen“ zu behaupten: „Er wird sich gegen niemanden erheben“ −, im selben Aufsatz aber drohend zu konstatieren: „Frieden in Europa wird es nicht mehr geben“ −, und ihm, dem neuen Deutschen, scheußlicherweise Gehirne mit Eckzähnen, dann geradezu Gehirne mit Hörnern zu wünschen – Monstrositäten, an denen freilich dem Neudeutschen, der doch keinesfalls als Träumer vorzustellen ist, weniger liegen dürfte, als an einer tadellosen Luftflotte, wofür Göring zuständig bleibt. Was er gelernt hat – es ist nicht viel anderes, als die Tücke, die Unredlichkeit, mit welcher er auf die Frage, ob er „links“ oder „rechts“ sei, ausweicht mit der Erklärung, er sei keines von beidem, sondern „zentral“ – was in diesem Zusammenhang keine Antwort, sondern eine Redensart ist.
Was nutzt es zu polemisieren? Halb pathologisch, halb nur gemein entwürdigt sich ein großes Talent vor unseren Augen. Es ruiniert sich auch, während es sich prostituiert. Benn schreibt plötzlich schlecht. Sein Stil wechselt zwischen einem routinierten Pathos, das Wiederholung, pures Selbstzitat ist, und einem hohlen, rasselnden, sogar unbeholfenen Zeitungsklischee. Es gehört Mut, es gehört wohl auch einfach Mangel an Scham dazu, ältere, schöne Arbeiten neben diese neuesten zu stellen, in denen er aus einer Philosophie, die immer gefährlich, aber oft verführerisch war, so nichtswürdige Konsequenzen zieht. Wie peinlich, wie deplaciert nimmt sich der große Aufsatz über „Goethe und die Naturwissenschaften“ hier aus, der in einem anderen, so anderen Rahmen bedeutend wirkte. Goethe – und im selben Buch das frevlerische Gefasel von Gehirnen mit Eckzähnen: eine Niedertracht ist es, eine Niedertracht.
Was nutzt diskutieren? Es fehlen die Voraussetzungen dafür. Es fehlt die Würde des Geistes, sein Ernst, sein Verantwortungsgefühl. Wo hier die eigene Hysterie, die eigene Überspannung Raserei und Verblendung noch nicht komplett machten, da halfen verlockende Chancen für neuen Ruhm, für unerwartet repräsentative Stellung nach – und das Resultat einer fünfzehnjährigen gedanklichen Entwicklung ist ein Verrat am Geist, wie er sogar in diesem Deutschland ohne Beispiel ist bei einem Schriftsteller solchen Rangs. Außer Kummer und bittrer Enttäuschung nehmen wir nichts mit aus diesem Buch, nicht einmal einen Stachel, nicht einmal eine Beunruhigung. Nur das Eine wollen wir uns gesagt sein lassen, was er den jungen Leuten raten zu müssen glaubt: „Halte dich nicht auf mit Widerlegungen und Worten! Habe Mangel an Versöhnung!“ Mangel an Versöhnung – nun lernen wir ihn. Das Schauspiel dieses Verrates am Geist, das uns sonst nur Ekel einflößen könnte, lehrt uns doch Eines: Unversöhnbarkeit gegen die Verräter.

Klaus Mann, 1933

 

GOTTFRIED BENN – DIE GESCHICHTE EINER VERIRRUNG

Begonnen werden muß mit der Frage: Warum beschäftigt uns „der Fall Gottfried Benn“? Weil ich – Autor dieser Zeilen – für einige von Benns Versen eine ziemlich tiefgehende Schwäche hatte – oder habe? Weil ich, gleich zu Anfang der Emigration, eine Korrespondenz mit ihm führte – die übrigens nur von Benn aus der Öffentlichkeit vorgelegt und öffentlich ausgenutzt wurde, so weit es aber an mir lag, durchaus privat blieb −, und die trotzdem – eben durch Benns unfaire „Flucht in die Öffentlichkeit“ – vielleicht bis zum gewissen Grade repräsentativ geworden ist für die Auseinandersetzung zwischen zwei Schriftstellern, von denen der eine den Faschismus verabscheute, der andere aber entschlossen war, seinen Frieden mit ihm zu machen?
All dies wären gewiß keine Gründe, um heute noch über Benn zu reden. Sein „Fall“ ist nur deshalb noch interessant, weil es sich bei ihm um den einzigen – den einzigen! – deutschen Schriftsteller von Rang handelt, der sich allen Ernstes und mit einiger geistiger Konsequenz in den Nationalsozialismus verirrt hat. Alle anderen, die heute zu einem Institut gehören, das sich – wie man mir berichtet – Reichsschrifttumskammer nennt, haben nur eben so ein bißchen „mitgemacht“ – manchmal vielleicht sogar mit ein wenig Groll im Herzen −: aus Opportunismus, aus Angst und Schwäche, aus kleinbürgerlich-reaktionären Instinkten. Dagegen dürfte es ein Factum sein, daß Gottfried Benn, mindestens eine Zeitlang, der plump und kreischend lügenden Propaganda des deutschen Faschismus wirklich verfallen war. Heute mag er enttäuscht sein, bitterlich vereinsamt, desillusioniert −: Aber spielt das eine Rolle? Ist es nicht eine Selbstverständlichkeit, daß er heute sich enttäuscht, vereinsamt, desillusioniert befindet, da er sich ja in eine völlig unmögliche, schiefe, sogar groteske Position manövriert hat? Da man ihn ja nicht  w i l l  bei den Nazis – die einen untrüglichen Instinkt haben  g e g e n  alle seine Qualitäten? Da er ja in Deutschland überhaupt kein Publikum mehr findet, die wenigen Leser, die er jemals hatte, vertrieben oder doch mundtot gemacht sieht? Nun sitzt er als ein grämlicher Stabsarzt in Hannover – was eine beneidenswerte Situation kaum sein dürfte. Aber, wie gesagt, diese nachträgliche Enttäuschung wollen wir völlig bei Seite lassen: sie ist selbstverständlich und nebensächlich. Wichtig bleibt einzig und allein, daß dieser nicht unbedeutende Geist notorisch sich hatte verführen, berauschen, auf die ärgsten Pfade verlocken lassen.
Einen Umstand freilich gibt es, der dafür spricht, daß eben diese Berauschtheit niemals so ganz tief gegangen ist, sondern immer halber Opportunismus, halbe Berechnung und als solche also prinzipiell uninteressant war. Ich meine die sehr auffallende Tatsache, daß das patriotische Thema, das Führer-Thema, der ganze faschistische Themen-Komplex niemals in seine Lyrik – also niemals in sein eigentliches Werk – eingedrungen sind; sondern daß er dieses durchaus rein zu halten wußte. Immerhin ist nicht zu leugnen, daß bei Benn die Essays fast im gleichen Range neben den Gedichten stehen, und daß eben in diesen Aufsätzen – besonders in denen unter dem Titel Kunst und Macht, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, zusammengefaßten – sich Bekenntnisse und politische Deklamationen finden, deren Eindeutigkeit und Fanatismus nicht mehr zu überbieten und verblüffend sind.
Ich schreibe „verblüffend“, und bin mir wohl bewußt, daß es nicht unbillig wäre, zu erwidern: Aber was wollen Sie! Der Fall ist doch logisch! Dieser Benn – er hat doch genau so sich entwickelt, wie er sich entwickeln mußte; er ist genau den Weg gegangen, der ihm vorgezeichnet war. – Darüber bin ich mir ebenso wohl im Klaren, wie jene, die mir solche Antwort entgegenhalten könnten – und trotzdem bin ich verblüfft: Verblüfft nämlich darüber, daß Benn vor den ärgsten Entgleisungen, vor dem schlimmsten Absturz nicht behütet blieb durch sein Wissen um gewisse geistige Werte; daß sein Niveau ihn nicht davor bewahrte, den Stilisten von Mein Kampf für einen großen Mann allen Ernstes zu halten. Man bedenke doch, daß Geister, bei denen es mindestens ebenso viele intellektuelle Affinitäten zum Fascismus gab wie bei Gottfried Benn – daß etwa Oswald Spengler oder Stefan George sich sofort in eine durchaus dezidierte Opposition zum neu-deutschen Regime begaben – einfach weil die physische und die „spirituelle“ Physiognomie dieser durch Intrige an die Macht gekommenen Führer-Garnitur sie ekelte; weil es sich mit ihrem ästhetischen Gewissen nicht vertrug, Goebbels und Rosenberg als ihre geistigen Mentoren – oder auch nur als ihre geistigen Schüler anzuerkennen. Da wir also Zeugen waren, daß ein Mann wie Stefan George, dem das Propaganda-Ministerium nur zu gerne alle Herrlichkeit der Erden zu Füßen gelegt hätte, für den Jargon des „Angriffs“ und des „Mythos des XX. Jahrhunderts“ nichts übrig hatte, als die Gebärde kalten Dégoûts – so verzeihe man mir meine „Verblüffung“ über die ruchlos-infantile Leichtgläubigkeit, mit der Benn auf diesen riesenhaft geblähten Schwindel hereinfiel. Ja, vielleicht ist es eben die unbarmherzige und exemplarische Logik des Falles, die mich überrascht und verblüfft. Als ich Benn, schon 1930 und 1931, vor seinen Neigungen zum Irrationalen und zum „Mythischen“ und vor seinem verdächtigen Widerwillen gegen den „Fortschritt“ publizistisch warnte – wie übrigens damals auch andere Autoren, etwa der unvergessene Werner Hegemann es taten −, da meinte ich doch wohl nicht, daß er bis zu diesem Grade mit seinen Irrtümern Ernst machen würde; da hielt ich es doch wohl kaum für möglich, daß selbst noch die Schreie aus den Konzentrationslagern ihm wie schöne Urlaute aus „frühen Schichten“ in den Ohren tönen würden; da erschien es mir doch wohl als ausgeschlossen, daß der Verfasser der Morgue-Gedichte eine „Bewegung“, die den 30. Juni, die Juden-, Priester- und Sozialisten-Verfolgungen und die Beschießung von Guernica mit sich bringt, als eine Tat der „Zucht, Ordnung und Disziplin“ zu glorifizieren die Stirn haben könnte. All dies ist beschämendes Ereignis geworden; die intellektuelle Logik wirkte sich stärker aus als das „Niveau“, als das Wissen um artistische Verfeinerungen und es lohnt sich also wohl der Mühe, den Gesetzen dieser Logik ein wenig nachzuspüren…
Alles beginnt hier mit dem atavistischen Komplex; mit der Sehnsucht nach dem Zurück – oder, vielmehr: das Vorwärts wird, in seinem Endziel, mit dem Zurück identifiziert −; mit dem Heimweh nach der „frühen Schicht“.

Oh, daß wir unsere Ururahnen wären,
Ein Klümpchen Schleim in einem warmen Moor! −:

mit diesem recht verdächtigen Aufschrei beginnen vier Strophen des frühen, „expressionistischen“ Benn, die „Gesänge“ überschrieben sind und die ich in den Band Ausgewählte Gedichte (Deutsche Verlagsanstalt, 1936) aufgenommen finde. Wie charakteristisch ist dieses Heimweh nach der vormenschlichen, vor-zivilisierten, der Urschleim-Form! – Es erscheint mir heute als die ärgste Plattheit, die Idee des Fortschrittes als „Plattheit“ verächtlich zu machen. Eben in diesem Trick – dem eigentlich gefährlichen und eigentlich widerwärtigen Trick des XX. Jahrhunderts – exzellierte Benn Jahre lang: bis er denn dazu kam, den sittlichen Niedergang ohne Beispiel, den der Fascismus bedeutet, als „geschichtliche Bewegung“ frech zu preisen… „Oh, daß wir unsere Ururahnen wären…“ Das würde dem Benn wohl so passen, und dann wäre das Leben bequemer für ihn! Schwieriger freilich, als sich mit atavistischen Fluchtversuchen interessant zu machen und vor einem Parkett von Goebbels-Journalisten den wilden und tiefsinnigen Mann zu spielen, ist es, der Idee des menschlichen Fortschrittes, der Idee der  Z i v i l i s a t i o n  die Treue zu wahren, und doch kein platter Rationalist und Aufklärer zu werden. Von dieser echten und legitimen Problematik, der Europas wirkliche geistige Avantgarde sich mit Mut und Leidenschaft stellt, scheint Benn mit seinen billigen Urschleim-Schwärmereien keine Ahnung zu haben…
Da das Fortschritts-, das Entwicklungs-, das Zivilisations-Problem sich mit dem beliebten und von der Obrigkeit gar nicht ungern gesehenen atavistischen Komplex also nicht verträgt, klammert Benn sich, mit einer wahrhaft manischen Hartnäckigkeit, an ein anderes geistiges Thema: an das Thema der  F o r m . Da es den Fortschritt nicht geben soll, und da die Vorstellung, das Los der Menschen auf diesem Stern könne sich vielleicht einmal verbessern, eine dem tiefen Künstler unerträgliche Plattheit ist, bleibt das Form-Problem – isoliert, hochmütig, unfruchtbar, manisch übrig.

Doch dir bestimmt: kein Werden,
du bleibst gebannt und bist
der Himmel und der Erden
Formalist −:

wie es in einem schwachen – und gerade formal schwachen −, aber sehr offenherzigen Gedicht einmal ausgedrückt ist. In den Essays wird die idée fixe dieser „zentralen Bedeutung des Formproblems“ bis zum Überdruß wiederholt, variiert, immer noch einmal neu – oder vielmehr nicht neu – beleuchtet. Der Umstand, daß die Kunst – oder die Philosophie – jemals soziologische, gesellschaftskritische Inhalte gehabt haben könnte, wird überhaupt nicht in Betracht gezogen. Von allem anderen zunächst einmal abgesehen, was über diese ungeheuer einseitige und willkürliche Darstellung und Deutung des Künstler-Phänomens zu bemerken wäre, ist es wesentlich und unerläßlich, zu betonen, daß, gerade wenn man das Form-Problem als das europäische und als das deutsche Problem par excellence empfindet und stilisiert, das neu-deutsche Regime erst recht – wenn auch, meiner Meinung nach, mit falschen oder doch ungenügenden Argumenten – abzulehnen, ja, zu hassen bleibt. Jeder, der in Deutschland das Form-Problem jemals ernst genommen hat – und gerade Nietzsche, auf den Benn sich hundert Mal, in völlig unsinniger und verwirrter Weise, bezieht – hat es mit dem Komplex: Süden-Mittelmeer-Antike – kurzum: mit dem Komplex Europa in Zusammenhang gebracht. Gerade vom Mittelmeer und von der Antike gerade von jeder Überlieferung europäischer Form – wollen die Nazis doch Deutschland distancieren und lösen. Warum hätte denn Nietzsche diese Nazis verabscheut −? denn es ist für mich gar keine Frage, daß er sie verabscheut und zutiefst verachtet hätte. Doch eben weil sie den „germanischen Mythos“ und seine Formlosigkeit (jenen Mythos, gegen den sich Nietzsches Instinkte am heftigsten wehrten) gegen „Europa“ (und das bedeutet in diesem Zusammenhang: gegen das Mittelmeer und gegen Frankreich) ausspielen und den unbedingten Primat des Germanischen über das Europäische beanspruchen. – Warum denn hat Stefan George alles Hitlertum perhorresciert? – und ich weiß, daß er es getan hat. Doch eben weil in seiner Conception der Schönheit das Mittelmeer-Element, das antike und das französische Element viel zu wesentlich, viel zu zentral waren, als daß er die Rosenbergsche „Rückkehr nach Walhall“, den ganzen faulen Zauber von Bayreuth und Braunau hätte ertragbar finden können. George stirbt in Gram und Einsamkeit, stirbt in der Verbannung – und Benn – der von den Gegenständen, die ich hier anrühre, ebenso viel weiß oder wissen sollte wie ich – stellt sich hin in einem öffentlichen Berliner Saal und spricht aus, „daß sein Axiom“ – gemeint ist wohl das Axiom der „neuen Zeit“, der „Bewegung“ – „in der Kunst Georges wie im Kolonnenschritt der braunen Bataillone als ein Kommando lebt“.
Die wahrhaft schamlose Leichenschändung an George wird komplett, wenn man in Betracht zieht, daß die „Rede auf Stefan George“ unmittelbar neben einer „Rede auf Marinetti“ steht, und daß die gleichen Phrasen über die „Form“, mit denen Benn das Andenken Georges kränkt und lästert, nun dazu herhalten, um der „Exzellenz“, dem Clown Mussolinis, dem Barden des Abessynischen Feldzuges um den Bart zu gehen. „Form!“ ruft der zukünftige Stabsarzt von Hannover der Römischen Exzellenz zu −,

Form −: in ihrem Namen wurde alles erkämpft, was Sie im neuen Deutschland um sich sehen: Form und Zucht: die bei den Symbole der neuen Reiche; Zucht und Stil im Staat und in der Kunst: die Grundlage des imperativen Weltbildes, das ich kommen sehe.

− Da bleibt einem doch der Mund offen stehen, und man schämt sich in Grund und Boden, daß man jemals irgendetwas übrig hatte für ein paar Verse, die dem Autor dieser nicht „imperativen“, sondern durchaus impertinenten Worte ehemals geglückt sind! Denn man vergesse doch nicht, wer hier zu wem spricht, und wer hier die Begriffe der „Form“ und der „Zucht“ als dreiste Umschreibung gebraucht für eine Fülle der Greueltaten ohnegleichen; für eine erst geplante oder schon ausgeführte Masse der krassen Verbrechen.

Die Marinetti-Rede wurde gehalten „auf dem Bankett der Union nationaler Schriftsteller, Berlin, 29. März 1934“. Damals standen Hitler und Mussolini wohl gerade gut. Dann kam es zu den bekannten Unannehmlichkeiten in Wien, und eine Zeitlang waren Hitler und sein Kreis für die römische Presse eine Bande von „Mördern und Päderasten“. Gerade im Augenblick der Verstimmung zwischen den zwei Diktaturen hatte ich meinerseits die Gelegenheit, Exzellenz Marinetti kennenzulernen – ohne freilich gleich eine Rede auf ihn zu halten. Damals schimpfte er auf Berlin wie ein Rohrspatz −: Hitler hatte ja, aus lauter Sinn für Form und Zucht, den Kanzler in Wien umbringen lassen, wodurch Mussolini seinerseits nervös geworden war. Plötzlich erinnerten sich Exzellenz gar nicht mehr daran, daß die „neuen Reiche“ doch den Willen zu Form und Zucht gemeinsam haben −: heute ist es dem amüsanten „Futuristen“ und Liebhaber der Kolonial-Metzeleien gewiß wieder eingefallen. – Hat Marinetti denn nicht grinsen müssen, als Benn ihm mit seiner schönen, sonoren Stimme ganz ernsthaft erzählte, die italienische und die deutsche Diktatur basierten auf dem Willen zu „Form und Zucht“? Aber diese Clowns der Macht haben ja wohl das Grinsen verlernt…
Freilich, ich hatte schon früher die Gelegenheit, zu beobachten, wie Gottfried Benn ungeheuer und feierlich ernst bleiben konnte, währender Dinge aussprach, die eigentlich komisch waren. Da gab es, zum Beispiel, die große Feierlichkeit zu Heinrich Manns sechzigstem Geburtstag −: er wurde, noch ganz kurz vor Ausbruch der Hitlerei, von allen offiziellen Schriftsteller-Organisationen mit größtem Aufwand begangen. Benn gehörte zu den Festrednern.
Ferne liegt es mir, zu leugnen, daß seine Ansprache starke lyrische Schönheiten, und oft sehr bezwingende Akzente hatte. Aber andererseits war sie doch auch sehr komisch, und jetzt erst kann man ihre tiefe Drolligkeit so recht würdigen. – In den Essay-Band Kunst und Macht (in dem nur Marinetti und der „Kunstwille“ des „Führers“ gepriesen werden) ist die Heinrich Mann-Rede freilich nicht mehr aufgenommen; aber ich finde sie in einem älteren Buch von Bennschen Aufsätzen wieder. Benn unternahm damals und zwar noch in seiner Eigenschaft als besonders glühender Verehrer Heinrich Manns – den Versuch, den Autor des Untertans und des Zola-Essays zum radikalen Ästheten, zum „Formalisten“ – im Bennschen Sinn −, zum manisch auf die Form Versessenen zu stilisieren – das heißt: zu fälschen. Gerade auf Heinrich Mann angewendet und im Zusammenhang mit ihm – der für Benn doch wohl einmal ein sehr wichtiger, sehr zentraler Zusammenhang gewesen ist – erweist sich ja die ganze Absurdität, die fast klinische Abwegigkeit des Form-Ethos, wie es bei Benn sich dargestellt findet, und wie es ihm sich darstellt. Denn eben im Fall Heinrich Mann wird es ja auf eine exemplarische Art deutlich, daß aus dem Willen zur Form der Wille zur Zivilisation – und das heißt also: der Wille zum gesellschaftlichen Fortschritt – kommt, und wie diese beiden Willens-Tendenzen sich ergänzen und eine sich auf bedeutende Art an der anderen steigert.
Als „Ästhet“ beginnen und als Sozialist enden: ich habe in solcher Entwicklungskurve ein Paradox niemals zu sehen vermocht. Das Schönheits-Pathos kann auf dem geraden Weg zum sozial-moralischen Pathos führen – oder, um beim Beispiel Heinrich Mann zu bleiben: von seinen frühen italienischen Novellen und den Herzoginnen von Assy bis zu seinen flammenden Protest- und Anklage-Schriften gegen das Hitler-Regime führt eine direkte Linie – ich wüßte gar nicht, wo die Abweichung, der Umweg liegen sollte. Als paradox, als frivol und obendrein als etwas dumm freilich erscheint es mir, bei einem Schriftsteller, dessen ganzes Werk der Idee des gesellschaftlichen Fortschrittes mit Leidenschaft dient, eben diesen Fortschrittswillen als eine Art von ästhetischem Schnörkel am Rande, als eine artistische Caprice und Nebensache hinzustellen. Genau das zu tun, versucht Gottfried Benn in seiner Festrede. Eigensinnig und seinerseits kapriziös, und übrigens wohl damals schon – mit bösen politischen Hintergedanken, versucht er den ganzen Themen-Komplex dieses Werkes auf das eine Thema – „das Verhältnis des Nordens zur Form“ – zu reduzieren. Als ob ein ernsthafter Wille zur Form ohne den Willen zum Humanismus – und als ob der Wille zum Humanismus ohne ein innig bemühtes Interesse fürs Gesellschaftliche überhaupt vorstellbar wären! Mit seinem falschen Pathos der Form verengt und verdirbt Benn den Begriff und das Wesen der menschlichen Gesittung überhaupt – was kaum wundernehmen kann, da er ja den ganzen Gesittungs-Begriff in seinen atavistischen Sehnsüchten und Räuschen eigentlich aufheben möchte…
Man sieht: die Geschichte dieser Verirrung, dieses geistigen Falles, dieser intellektuellen und moralischen Abdankung ist im Grunde sehr einfach: Sie beginnt mit dem lyrischen Schrei nach dem großen „Zurück!“, sie führt zu der manischen Isolierung des Form-Problems und zu der doppelten Verfälschung eben dieses Problems (doppelt, weil Benn das Thema „Form“ einerseits vom Thema „antike Überlieferung – Mittelmeer-lateinisch-europäische Kultur“ – andererseits vom Thema „sozialer Fortschritt“ zu trennen und solcherart all seiner wirklichen Inhalte zu berauben versucht;) – und sie führt −: wohin? Ach, genau dorthin, wo wir den entgleisten Benn heute sehen…
Wir sehen ihn bei Beschäftigungen, die uns recht eigentlich ins Irrenhaus zu gehören scheinen; während er, zum Beispiel, vorgibt, den „Lebensweg eines Intellektuellen“ seinen eigenen Lebensweg nämlich – zu erzählen, treibt er Rassen- und Familien-Forschung auf eine Art, die uns ebenso grausig wie humoristisch anmutet. Zunächst muß natürlich festgestellt werden, daß kein jüdisches Blut in der Familie ist. Dann berichtet der Prophet des „imperativen Weltbildes“ allen Ernstes, er habe im Weinhaus Kempinski – welches bekanntlich in „arische Hände übergegangen“ ist – auf der Getränkekarte einen edlen Tropfen namens „Dürkheimer Benn“ angeführt gefunden. „Nachforschungen ergaben“, daß eine Weinsorte, genannt der „Hochbenn“, existiert – und dieser „Hochbenn“ – von dem wir hoffen, daß er recht süffig sei und eine prima Blume habe muß wiederum als Beweis dafür herhalten, daß es in der Familie Benn kein semitisches Blut gibt. Mit solchen Scherzen gibt ein erwachsener Mensch sich ab, der früher einmal schöne Verse gemacht hat und übrigens ein recht brauchbarer Hautarzt gewesen sein soll…
Eine andre seiner macabren Spielereien ist, daß er es versucht, den Expressionismus vor dem Propaganda-Ministerium zu rechtfertigen – als ob vor diesem überhaupt irgendetwas Kulturelles zu rechtfertigen wäre. Ideologisch läßt sich über den Expressionismus – dessen Charakteristikum ja geradezu die ideologische Wirrheit ist – alles behaupten. Aber Eines steht doch für die Nazis fest: daß diese ganze – teilweise sehr wertvolle – Literatur der deutschen Nachkriegsepoche über Hitlers Horizont geht und also „Kulturbolschewismus“ ist. Benn indessen beschwört seinen Goebbels bei „jenem enormen biologischen Instinkt für das rassenhaft Vollkommene, das über der ganzen Bewegung schwebt“, bei dem außerordentlichen „Maß an Interesse, das die Führung des neuen Deutschland den Fragen der Kunst entgegenbringt“, dem Expressionismus doch ja zu verzeihen, daß einige seiner Anhänger inzwischen Sozialisten geworden sind. Verlorene Liebesmüh! Während Benn an höchster Stelle um Nachsicht für jene Talente bettelt die heute entweder in der Verbannung oder aber (wie Staatsrat Johst) keine Talente mehr sind – werden die großen expressionistischen Maler aus den deutschen Museen in die Keller verbannt. „Einen solchen Widersinn“, ruft Benn beschwörend, „wird das neue Deutschland bestimmt nicht mitmachen – die Leute, die es führen, selber ja artistisch produktive Typen, wissen zu viel von der Kunst…“ Mir scheint leider, das „neue Deutschland“ und seine artistisch kolossal produktiven Führer haben schon ganz anderen Widersinn mitgemacht, als die Ächtung von Otto Dix oder Georg Trakl…
In welche Abgründe ist dieser Benn gestürzt, mit seinen Atavismen und Formproblemen! „Auch der Züchtungsgedanke fällt unter dies Formproblem“, heißt es einmal – und da sind wir ja schon mitten im Abgrund, tief drin in der Finsternis, im krankhaften Aberglauben an die „hehre Sendung des Germanentums“, in der Sphäre des Stürmers, im Barbarismus…
Ist der Fall Benn noch interessant? Ach, kaum – wenn man nur das liest, was er heute schreibt: aber doch ziemlich interessant noch – will mir scheinen −, wenn man an das denkt, was Benn früher gewesen ist.
Sein Beispiel bleibt das krasseste für die Entwürdigung, den Absturz, die Selbstvernichtung eines Intellektuellen, der die Ideen des Fortschritts und des Humanismus an die Pseudo-Ideologie der „Form“ und der „Züchtung“ verrät. Solcher Selbstverrat straft sich fürchterlich. Man wird nicht nur nach Hannover versetzt, sondern in die Hölle.
Der Intellektuelle, der gegen den Geist zeugt, verwest bei lebendigem Leibe. Nicht ohne Grauen kann ich heute die Zeilen des frühen Benn wiederlesen:

O Seele, um und um verweste,
kaum lebst du noch und noch zuviel!

Klaus Mann, 1937

 

 

Inhalt

− Ernst Stadler: Morgue (1912)
− Else Lasker-Schüler: Brief an Kurt Wolff (1913)
− Else Lasker-Schüler: Brief an Kurt Wolf (1913)
− Else Lasker-Schüler: Gottfried Benn (1913)
− Else Lasker-Schüler: Aus den Gedichten an Gottfried Benn (vor 1917)
− Carl Sternheim: Kampf der Metapher! (1917)
− Else Lasker Schüler: Brief an Gottfried Benn (1918)
− Oskar Loerke: Neue Lyrik (1918)
− Ina Seidel: Dichter (1918)
− Max Krell: Die Gesammelten Schriften (1923)
− Carl Werckshagen: Junge Lyrik (1924)
− Max Herrmann-Neisse: Gottfried Benn (1925)
− Oskar Loerke: Spaltung (1926)
− Carl Einstein: Gesammelte Gedichte (1927)
− Robert Neumann: Schleim (1927)
− Bertolt Brecht: Benn (1928)
− Hermann Kasack: Gottfried Benns Lyrik (1928)
− Robert Neumann: Frühling (1928)
− Carl Werckshagen: Das Drama der Gegenwart als Erlebnis (1928)
− Erich Franzen: Gesammelte Prosa (1929)
− Hermann Kasack: Notizen zu Gottfried Benns Gesammelter Prosa (1929)
− Arno Schirokauer: Gesammelte Schriften (1929)
− Max Herrmann-Neise: Gottfried Benns Prosa (1929)
− Gerhart Pohl: Brief an Johannes R. Becher und E.E. Kirsch (1929)
− Egon Erwin Kisch: Egon Erwin Kisch schreibt (1929)
− Klaus Mann: Wie wollen wir unsere Zukunft? (1930)
− Ludwig Marcuse: Der Reaktionär in Anführungsstrichen (1931)
− Robert Musil: Brief an Gustav Kiepenheuer (1931)
− Willy Strecker: Brief an Paul Hindemith (1931)
− Max Rychner: Nach dem Nihilismus (1932)
− George Grosz: Brief an Gottfried Benn (1933)
− Erich Heller: Gottfried Benns Hordenzauber (1933)
− Karl Kraus: Dritte Walpurgisnacht (1933)
− Klaus Mann: Gottfried Benn (1933)
− Joseph Roth: Dichter im dritten Reich (1933)
− Oskar Schlemmer: Brief an Gottfried Benn (1933)
− Rudolf G. Binding: Brief an Berthold Widmann (1934)
− Theodor Heuß: Kunst und Macht (1934)
− Börries von Münchhausen: Brief an Gottfried Benn (1934)
− Max Bense: Kunst und Macht (1935)
− Anonym: Der Selbsterreger (1936)
− Klaus Mann: Mephisto (1936)
− Klaus Mann: Gottfried Benn. Die Geschichte einer Verirrung (1937)
− Alfred Kurella: Nun ist dies Erbe zuende (1937)
− Adolf Frisé: Gottfried Benn (1945)
−  Carl Werckshagen: Gottfried Benn 60 Jahre (1946)
− Frank Maraun: Ein unerlaubter Autor (1947)
− Alfred Andersch: Statische Gedichte (1948)
− Ernst Robert Curtius: Brief an Gottfried Benn (1948)
− Ernst Kreuder: Brief an Max Niedermayer (1948)
− Alfred Richard Meyer: Die maer von der musa expressionstica (1948)
− Max Bense: Über expressionistische Prosa (1949)
− Ernst Robert Curtius: Brief an Gottfried Benn (1949)
− Helmuth de Haas: Kommunikation oder Monologe? (1949)
− Karl Korn: Der Prolemäer (1949)
− K.M. Kramberg: Gottfried Benn und das Konkrete (1949)
− Kurt Leonhard: Der letzte Expressionist (1949)
− Georg Rudolf Lind: Gottfried Benn, der große Provokateur (1949)
− Frank Maraun: Mythische Welt (1949)
− Friedrich Wilhelm Oelze: Brief an Max Niedermayer (1949)
− Karl Otten: Brief an Gottfried Benn (1949)
− Friedrich Sieburg: Wer allein ist – (1949)
− Wolfgang Bächler: Gottfried Benn Redivivus (1950)
− Max Bense: Brief an Max Niedermayer (1950)
− Walter Boehlich: Der Dichter im Arztkittel (1950)
− Ernst Robert Curtius: Brief an Gottfried Benn (1950)
− Frank Maraun: Der Geist in der Katastrophe (1950)
− Ludwig Marcuse: Ein Brief an Gottfried Benn (1950)
− Reinhold Schneider: Doppelleben (1950)
− Friedrich Sieburg: Ein Abendländer ohne Angst (1950)
− Johannes R. Becher: Tagebuchaufzeichnungen (1952)
− Jürgen Habermas: Gottfried Benns neue Stimme (1952)
− Hans Egon Holthusen: Die Gegenpole Benn und Senghor (1952)
− Karl Krolow: Subtilität und Plattitüde (1953)
− Frank Thieß: Anatomielyrik (1953)
− Hans Bender: Mein Gedicht ist mein Messer (1955)
− Thomas Stearns Eliot: Die drei Stimmen der Poesie (1955)
− Musil Maiwald: Gottfried (1955)
− Heinz Piontek: Gottfried Benn (1956)
− Albrecht Fabri: Rede für Gottfried Benn (1956)
− Horst Krüger: Gottfried Benns schöpferischer Pessimismus (1956)
− Hans Paeschke: Gottfried Benn ✝ 7.7.1956
− Kurt Pinthus: Von der Morgue zur Trunkenen Flut (1956)

 

Über dieses Buch

Der Herausgeber der neuen Benn-Ausgabe hat ein Spektrum kritischer Stimmen in zwei Bände (1912–1956 und 1957–1986) zusammengestellt, das ebenso umfassend wie lebendig die Wirkungsgeschichte des Werkes erhellt. Zunächst sind es Antworten von Literaten zu Lebzeiten Benns auf Neuerscheinungen seiner Bücher. Es beginnt 1912 mit Erscheinen des ersten Gedichtbandes, der Morgue, die Rezension schrieb der expressionistische Dichter-Kollege Ernst Stadler. Die Kette der literarischen Stellungnahmen reißt dann nicht mehr ab. Berühmte Namen reihen sich so im Laufe der Jahrzehnte. Immer spontan und direkt, würdigend oder auch angreifend, reagiert die literarische Szene auf die Provokationen des Außenseiters Gottfried Benn. Nach seinem Tode sind es Rückblicke, Überblicke, Rezensinen des Briefwerks, vor allem der Briefe an den Freund F.W. Oelze. Der Leser kann so die Wirkungsgeschichte eines Dichters verfolgen, der seinem Ruhm immer mit großer Distanz gegenüberstand. Wenigen ist die Wirkung ihres eigenen Werkes in dem Maße gleichgültig gewesen.

S. Fischer Verlag, Klappentext, 1987

 

„Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch“

Seher oder blinde Molluske, hoffärtiger Skeptiker oder an die Macht des Wortes Glaubender, Verächter seiner Zeit oder Mitläufer, Frauenfeind oder erotischer Genießer, Schamane oder Scharlatan, Narziß oder Nazi – was von all dem war der Dr. med. Gottfried Benn aus Berlins Belle-Alliance-Straße? Ein arroganter Menschenverächter oder auch selber ein Mensch, der unter Verachtung litt? Ratender oder Verräter?
Er war wohl von allem alles. Die schier ungeheure Spannung des eisig Mikroskopierenden und zugleich zart Teilnehmenden hat das vielleicht wichtigste lyrische Werk der deutschen Literatur dieses Jahrhunderts hervorgebracht. Gottfried Benns Gedichte sind gnadenlos schön, frevelhaft perfekt, glitzernd bösartig. Sie sind eine einzige gigantische Verwerfung des Menschengeschlechts – doch ihre Lektüre kann süchtig machen wie Morphium. Sie sind Musik zum Tode hin. Keineswegs ist ihr Schock lasch geworden, ihre Bodenlosigkeit ergründet.
Das knappe halbe Dutzend Gedichte, das im März 1912 der Verleger Alfred Richard Meyer als Lyrisches Flugblatt druckte, löste eine Explosion aus. Die kritischen Reaktionen schwankten zwischen „Pfui Teufel“, „Zuchtlosigkeit des Geschmacks“, „Lust am abgründig Häßlichen“ und „zügellose, von jeglicher geistiger Sauberkeit bare Phantasie eines Höllenbreughel“. Der brave Titel des allerersten Gedichts glich einer höhnischen Irreführung:

KLEINE ASTER

Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt.
Irgendeiner hatte ihm eine dunkelhellila Aster
zwischen die Zähne geklemmt.
Als ich von der Brust aus
unter der Haut
mit einem langen Messer
Zunge und Gaumen herausschnitt,
muß ich sie angestoßen haben, denn sie glitt
in das nebenliegende Gehirn.
Ich packte sie ihm in die Brusthöhle
zwischen die Holzwolle,
als man zunähte.
Trinke dich satt in deiner Vase!
Ruhe sanft,
kleine Aster!

Ein Münchner Rezensent blökte:

Über die Perversität dieser Gedichte zu schreiben ist als Lyrikkritiker nicht meine Sache. Ich überlasse diesen interessanten Fall den Psychiatern.

Was der „Janus“-Mitarbeiter nicht wissen konnte: Die verrückte Perversität war die Arbeit eines Fast-Psychiaters. Der 26jährige Schreiber dieses Gedichts, nach anderem Urteil das „Überbieten von Pariser Montmartre-Tollheiten“, hatte nämlich eine gutbürgerliche Vita.
Am 2. Mai 1886 als Sohn des Pastors Gustav Benn in Mansfeld in der Westpriegnitz geboren, hatte er ordentlich das Friedrich-Gymnasium in Frankfurt/Oder absolviert, auf Drängen des Vaters Theologie in Marburg und seit 1904 Medizin in Berlin studiert. Noch Jahrzehnte später mochte es ein Regimentskamerad des Stabsarztes Benn nicht fassen, daß dieser konventionell wirkende Mann Autor „solcher“ Verse sei; er habe sich nicht vorstellen können, mit dem korrekten Kollegen je über anderes sich zu unterhalten als über medizinische Fachsimpeleien. Benn selber kommt immer wieder, in Gedichten, Erinnerungen, Briefen auf sein dörfliches Elternhaus, das Pastorat – später in der Neumark –, zurück, pinselt geradezu liebevoll eine Pastorale:

Ein Dorf mit 700 Einwohnern in der norddeutschen Ebene, großes Pfarrhaus, großer Garten, drei Stunden östlich der Oder. Das ist auch heute noch meine Heimat, obgleich ich niemanden mehr dort kenne, Kindheitserde, unendlich geliebtes Land. Dort wuchs ich mit den Dorfjungen auf, sprach platt, lief bis zum November barfuß, lernte in der Dorfschule, wurde mit den Arbeiterkindern zusammen eingesegnet, fuhr auf den Erntewagen in die Felder, auf die Wiesen zum Heuen, hütete die Kühe, pflückte auf den Bäumen die Kirschen und Nüsse, klopfte Flöten aus Weidenruten im Frühjahr, nahm Nester aus. Ein Pfarrer bekam damals von seinem Gehalt noch einen Teil in Naturalien, zu Ostern mußte ihm jede Familie aus der Gemeinde zwei bis drei frische Eier abliefern, ganze Waschkörbe voll standen in unseren Stuben, im Herbst jeder Konfirmierte eine fette Gans. Eine riesige Linde stand vorm Haus, steht noch heute da, eine kleine Birke wuchs auf dem Haustor, wächst noch heute dort, ein uralter gemauerter Backofen lag abseits im Garten. Unendlich blühte der Flieder, die Akazien, der Faulbaum. Am zweiten Ostermorgen schlugen wir uns mit frischen Reisern wach, Ostaras Wecken, alter heidnischer Brauch; Pfingsten stellten wir Maien vor die Haustür und Kalmus in die Stuben. Dort wuchs ich auf, und wenn es nicht die Arbeiterjungen waren, waren es die Söhne des ostelbischen Adels, mit denen ich umging. Diese alten preußischen Familien, nach denen in Berlin die Straßen und Alleen heißen, ganze Viertel, die berühmten friderizianischen und dann die bismarckischen Namen, hier besaßen sie ihre Güter, und mein Vater hatte einen ungewöhnlichen seelsorgerischen Einfluß gerade in ihren Kreisen.

Dem entspricht das erst 1954 veröffentlichte Gedicht „Teilsteils“:

In meinem Elternhaus hingen keine Gainsboroughs
wurde auch kein Chopin gespielt
ganz amusisches Gedankenleben
mein Vater war einmal im Theater gewesen,
Anfang des Jahrhunderts
Wildenbruchs „Haubenlerche“
davon zehrten wir
das war alles.

Und mit zärtlicher Ironie werden die Besuche des Landpastors beim berühmten Sohn in Berlin, dem Dichter und Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten Benn geschildert, der dem Vater Schokolade zum mitgebrachten Apfelkuchen kocht, während der bei Spaziergängen gelegentlich von Dienstmädchen erkannt wird, die ihre Marktkörbe abstellen, den alten Herrn umarmen und küssen – denn er hatte sie vor Jahren konfirmiert. Die Absage an Carl Sternheims Frau Thea zu einem Abendessen am 8. Juli 1928 im Restaurant Beim Hahnen ist ein gemmenähnliches Porträt des Vaters:

Morgen nämlich kommt mein ärmlich, aber nicht unsauber gekleideter Vater hier durch u. ich kann ihn nicht mitbringen, er spricht so laut, daß sich alle immer nach ihm umsehn u. was er erzählt, hat viel Charakter aber wenig Allgemeininteresse. Er erzählt z.B., daß es 2 neue Pastorshelfer in seinem Dorf jetzt gibt, ganz ordentliche u. gewissenhafte Leute: „aber solche Leuchten wie Herr Milster u. Herr Leier sind es nicht, die waren ja auch eine ganz besondere Gabe für den Ort.“ Das kann natürlich bei Hahnen niemand interessieren u. darum sitze ich mit ihm lieber im Christl. Hospiz, wo er billig wohnt, weil er Morgenandacht hält.

Doch vorerst hatte Gottfried Benn sich den Beruf des Mediziners gegen den Willen des Vaters erkämpfen müssen, hatte 1910 den ersten Preis der Berliner Kaiser-Wilhelm-Akademie für eine Publikation in der Zeitschrift für Psychiatrie gewonnen – und war gleichzeitig von Professor Bonhoeffer aus der Charité geworfen worden:

Ich war ursprünglich Psychiater gewesen, bis sich das merkwürdige Phänomen einstellte, das immer kritischer wurde und darauf hinauslief, daß ich mich nicht mehr für einen Einzelfall interessieren konnte.
Es war mir körperlich nicht mehr möglich, meine Aufmerksamkeit, mein Interesse auf einen neueingelieferten Fall zu sammeln oder die alten Kranken fortlaufend individualisierend zu beachten. Die Fragen nach der Vorgeschichte ihres Leidens, die Feststellungen über ihre Herkunft und Lebensweise, die Prüfungen, die sich auf des einzelnen Intelligenz und moralisches Quivive bezogen, schufen mir Qualen, die nicht beschreibbar sind, ich wäre zu Gewaltakten geschritten, wenn mich nicht vorher schon mein Chef zu sich gerufen, über vollkommen unzureichende Führung der Krankengeschichten zur Rede gestellt und entlassen hätte.

Psychiater also war Gottfried Benn nicht geworden. Aber im selben Jahr, in dem seine ersten Gedichte erscheinen, promoviert er in Berlin, erhält seine Approbation und arbeitet als Pathologe und Serologe im Krankenhaus Charlottenburg-Westend. Ähnlich seinem Zeitgenossen Georg Heym, den man gemeinhin den Begründer der expressionistischen Lyrik nennt und der im selben Jahr 1912 beim Eislaufen auf dem Wannsee ertrinkt, ist Benns Gefühlshaushalt stark geprägt von der Erfahrung der Anatomie, in deren süßlicher Verwesungsluft und bläulich-fahlem Licht die Studenten reihenweise in Ohnmacht fallen angesichts der aufgereihten Leichen. Doch die ungewöhnlich hohe Anzahl von Medizinern unter den modernen Schriftstellern – von Johannes R. Becher zu Brecht und Döblin oder Friedrich Wolf, von Celine zu Aragon und André Breton – zeigt, daß Tod und Verwesung auch Material zu Metaphern und Paraphrasen bieten. Das zweite Gedicht des Morgue-Zyklus führt das vor:

SCHÖNE JUGEND

Der Mund eines Mädchens, das lange im Schilf gelegen hatte,
sah so angeknabbert aus.
Als man die Brust aufbrach, war die Speiseröhre so löcherig.
Schließlich in einer Laube unter dem Zwerchfell
fand man ein Nest von jungen Ratten.
Ein kleines Schwesterchen lag tot.
Die andern lebten von Leber und Niere,
tranken das kalte Blut und hatten
hier eine schöne Jugend verlebt.
Und schön und schnell kam auch ihr Tod:
Man warf sie allesamt ins Wasser.
Ach, wie die kleinen Schnauzen quietschten!

Das ist kein ekliges Spiel; ist vielmehr schauderndes Nachdenken über Vergeblichkeit. Es wird Benns Thema zeitlebens sein – und seine aus Zynismus, Distanz und Geschichtsfeindlichkeit zusammengesetzte Weltsicht hat hier ihre Ursache. Der Mensch als Monade, fensterlos, ohne Zusammenhang und Zusammenhalt, sich selbst verantwortlich und damit zugleich gesellschaftlich unverantwortlich, ein Spielball von Schicksal und Mächten, hinabdriftend den Hades allemal – das ist der Lebensentwurf des Gottfried Benn, Arzt und Dichter. Er hat das, nicht zufällig die Morgue-Gedichte als Beispiel nehmend, selber definiert:

Wahrscheinlich wird das lyrische Ich immer in zwei Formen erlebt, einer zersprengenden und einer sammelnden, einer brutalen und einer stillen, die Rauschmethode kennen beide, man sinkt ins Bodenlose, ins Blutlose, und dann kommen die Andränge mit der Erprobung der Vision. Vorstudien liegen vielfach vor, aber die hätten auch anders verwertet werden können, nun aber kommt die Stunde und belädt sich mit den Bildern. Als ich die Morgue schrieb, mit der ich begann und die später in so viele Sprachen übersetzt wurde, war es abends, ich wohnte im Nordwesten von Berlin und hatte im Moabiter Krankenhaus einen Sektionskurs gehabt. Es war ein Zyklus von sechs Gedichten, die alle in der gleichen Stunde aufstiegen, sich heraufwarfen, da waren, vorher war nichts von ihnen da; als der Dämmerzustand endete, war ich leer, hungernd, taumelnd und stieg schwierig hervor aus dem großen Verfall.

Der große Verfall. Das ist das Stichwort und das Credo. Das, vor allem, ist das Weltgefühl dieser Generation. Wenn zu dieser Zeit Brechts „Ballade vom ertrunkenen Mädchen“ entsteht oder Georg Heyms „Die Tote im Wasser“, ist das nicht beliebiges Spiel mit der Kunstgewerbemaske einer „Toten in der Seine“, sondern tragisch entworfenes Bild einer Epoche:

Die Masten ragen an dem grauen Wall
Wie ein verbrannter Wald ins frühe Rot,
So schwarz wie Schlacke. Wo das Wasser tot
Zu Speichern stiert, die morsch und im Verfall.

Dumpf tönt der Schall, da wiederkehrt die Flut,
Den Kai entlang. Der Stadtnacht Spülicht treibt
Wie eine weiße Haut im Strom und reibt
Sich an dem Dampfer, der im Docke ruht.

Staub, Obst, Papier, in einer dicken Schicht,
So treibt der Kot aus seinen Röhren ganz.
Ein weißes Tanzkleid kommt, in fettem Glanz
Ein nackter Hals und bleiweiß ein Gesicht.

Die Leiche wälzt sich ganz heraus. Es bläht
Das Kleid sich wie ein weißes Schiff im Wind.
Die toten Augen starren groß und blind
Zum Himmel, der voll rosa Wolken steht.

Das lila Wasser bebt von kleiner Welle.
– Der Wasserratten Fährte, die bemannen
Das weiße Schiff. Nun treibt es stolz von dannen,
Voll grauer Köpfe und voll schwarzer Felle.

Die Tote segelt froh hinaus, gerissen
Von Wind und Flut. Ihr dicker Bauch entragt
Dem Wasser groß, zerhöhlt und fast zernagt.
Wie eine Grotte dröhnt er von den Bissen.

Sie treibt ins Meer. Ihr salutiert Neptun
Von einem Wrack, da sie das Meer verschlingt,
Darinnen sie zur grünen Tiefe sinkt,
Im Arm der feisten Kraken auszuruhn.

Ob Hans Henny Jahnns sexuelle Befreiungsphantasien benachbart sind seinem Haß auf die Gesellschaft – „Ich erkenne die Gesetze nicht an, die um Goldes willen geschaffen wurden“ – oder Johannes R. Becher die Revolution ausruft oder Heinrich Mann eine ganze gesellschaftliche Kaste, (1914!), mit seinem Romantitel Der Untertan begreift: die Gesellschaft des deutschen Wilhelminismus wurde gehaßt bis zur ziellosen Raserei. Georg Heym notiert 1910 in seinem Tagebuch:

Mein Unglück ruht vielmehr zur Zeit in der ganzen Ereignislosigkeit des Lebens. Warum tut man nicht einmal etwas Ungewöhnliches, auch nur, daß jemand dem Ballonhändler die Schnur durchschnitte. Ich würde ihn gern schimpfen sehen. Warum ermordet man nicht den Kaiser oder den Zaren? Man läßt sie ruhig weiter schädlich sein.
Warum macht man keine Revolution? Der Hunger nach einer Tat ist der Inhalt der Phase, die ich jetzt durchwandere.

Es waren übrigens acht Zeilen, ein zweistrophiges Gedicht von je vier Zeilen, die den „Geist der Zeit“ wie in einem Brennglas zusammenglühten: Jakob van Hoddis’ „Weltende“. Von Kurt Pinthus zu Recht an den Anfang seiner legendären Anthologie Menschheitsdämmerung gestellt, die „Marseillaise der expressionistischen Revolution“ genannt, an die sich noch der DDR-Kulturminister Johannes R. Becher erinnerte:

Diese zwei Strophen, o diese acht Zeilen schienen uns in andere Menschen verwandelt zu haben, uns emporgehoben zu haben aus einer Welt stumpfer Bürgerlichkeit, die wir verachteten, und von der wir nicht wußten, wie wir sie verlassen sollten. Diese acht Zeilen entführten uns. Immer neue Schönheiten entdeckten wir an diesen acht Zeilen, wir sangen sie, wir summten sie, wir murmelten sie, wir pfiffen sie vor uns hin, wir gingen mit diesen acht Zeilen auf den Lippen in die Kirchen, und wir saßen, sie vor uns hinflüsternd, mit ihnen beim Radrennen.

Der Autor endete „als Nummer acht abtransportiert am 30. April 1942 aus einer Heilanstalt bei Koblenz und niemand weiß, wann, wo und wie er ,vernichtet‘ wurde“; doch sein Fanfarenton ist nicht verklungen:

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Der Titel der wichtigsten Zeitschrift dieser Jahre hieß Aktion, und der von Benn hochgeschätzte Hans Egon Holthusen hat in seiner vorzüglich dokumentierten Benn-Biographie ein Bild dieser Aufbruchstimmung gegeben, indem er Urteile von Armin T. Wegner und Heinrich Eduard Jacob zitiert:

„Man erscheine, so hieß es in der Einladung auf der Anzeigenseite der Aktion, im Kostüm der Revolution von 1789 bis 1989. Wer reaktionär genug ist, in Balltoilette zu kommen, wird vom Direktorium zu einer Konventionalstrafe von M I, – für eine zwangsweise aufzusetzende Jakobinermütze verurteilt.“ Das Ballgeschehen ist uns von Beteiligten in verschiedenen Versionen geschildert worden. Zum Beispiel so: „Drei Jahre nachdem ich hier die Gedichte Georg Heyms über den Krieg gelesen hatte, stand vor dem Kaffeehaus des Westens auf dem Kurfürstendamm ein Mann, der nicht wie ein gewöhnlicher Zeitungsverkäufer aussah. Über dem linken Arm trug er einen Stoß von Blättern einer neuen Zeitschrift, an deren Kopf in blutroten Buchstaben das Wort ,Revolution‘ geschrieben stand. Zu ihren Mitarbeitern gehörten Hugo Ball, Johannes R. Becher und Gottfried Benn. Das Titelbild zeigte zwischen umfallenden Häusern eine aufrührerische Menge, die in ihren Händen eine Fahne mit dem Wort ,Freiheit‘ trug, fünf Jahre vor der Volkserhebung in den Straßen Berlins. Ungefähr um die gleiche Zeit veranstalteten die Jünger der neuen Kunst während der Fastnachtszeit einen Mummenschanz unter dem Namen ,Revolutionsball‘. Die Wände der Säle waren mit blutrotem Stoff überzogen. Auf einer Bühne stand, in blutiges Licht getaucht, ein hölzernes Fallbeil. Von den Köpfen der Tänzer hingen die feurigen Zipfelmützen der Jakobiner aus den Tagen der französischen Volkserhebung. Betrat ein Kunstrichter oder Kritiker älteren Geschlechts den Ballsaal, sah er sich sogleich ergriffen und zur ,Hinrichtung‘ geschleppt. Man setzte ihn auf eine zugedeckte Kiste, verlas das Todesurteil, und nachdem das Brett unter ihm fortgezogen war, versank er, während sein Gesicht schamrot anlief, in der Kiste, bis nur die Beine hervorsahen.“

Wir waren heiß und wild vor Zukunft, und niemals erschien uns das Hiersein schöner als auf dem Revolutionsball der Aktion. Der unbewußte Schreckensname war nur ein bunter Bühnenspaß. Pärchen und Pärchen kniete nieder, vor einer lachenden Guillotine wie vor einem Liebesbett – um, man staune, geköpft zu werden.

So ist es kein Zufall, daß es einzig ein Dichter-Zeitgenosse, Ernst Stadler, war, der Benns frühe Gedichte begriff und verteidigte. Und ebensowenig ist es Zufall, daß Benn in diesem Jahr 1912 dem Bann einer Frau verfiel, die ihn mit ihren mystischen Abend- und Nacht- und Sterngedichten, ob sie nun „Weltflucht“, „Weltschmerz“, „Schwarze Sterne“ oder „O ich möcht aus dieser Welt“ hießen, faszinierte: Else Lasker-Schüler. So nannte sie „Das Lied meines Lebens“:

Sieh in mein verwandertes Gesicht…
Tiefer beugen sich die Sterne.
Sieh in mein verwandertes Gesicht.

Alle meine Blumenwege
Führen auf dunkle Gewässer,
Geschwister, die sich tödlich stritten.

Greise sind die Sterne geworden…
Sieh in mein verwandertes Gesicht.

Das war Benns Ton, „Der schwarze Schwan“ hatte Peter Hille, Berliner Literatur-Unikum der Jahrhundertwende, die 1869 geborene Enkelin eines Rabbiners und Tochter eines Bankiers getauft, „schwarzer Schwan. In der Stirn kantiger schneidender Rubin. Sappho, der die Welt auseinandergegangen“. Es war wohl Gottfried Benns intensivste Liebe. Niemand weiß, wann genau die beiden sich kennenlernten. Kurt Hiller vermutet, im Café des Westens, wo Benn „besonders gern am Tisch der Lasker-Schüler gesessen habe“, Ende 1912 oder Anfang 1913. Die 17 Jahre Ältere, soeben geschieden von ihrem zweiten Ehemann Herwarth Walden, dem Herausgeber des Sturm, Briefpartnerin von Franz Marc oder Karl Kraus unter wechselnden Phantasienamen wie „Jussuf, Prinz von Theben“ oder „Tino von Bagdad“ oder „Dalai Lama“, war eine so exzentrisch-schöne wie lebenshungrig unkonventionelle Erscheinung. Gottfried Benn hat sie Jahrzehnte später (1952 zur Eröffnung einer Gedenkausstellung in Berlin) geschildert:

Sie war klein, damals knabenhaft schlank, hatte pechschwarze Haare, kurz geschnitten, was zu der Zeit noch selten war, große rabenschwarze bewegliche Augen mit einem ausweichenden unerklärlichen Blick. Man konnte weder damals noch später mit ihr über die Straße gehen, ohne daß alle Welt stillstand und ihr nachsah: extravagante weite Röcke oder Hosen, unmögliche Obergewänder, Hals und Arme behängt mit auffallendem, unechtem Schmuck, Ketten, Ohrringen, Talmiringe an den Fingern, und da sie sich unaufhörlich die Haarsträhnen aus der Stirn strich, waren diese, man muß schon sagen: Dienstmädchenringe immer in aller Blickpunkt. Sie aß nie regelmäßig, sie aß sehr wenig, oft lebte sie wochenlang von Nüssen und Obst. Sie schlief oft auf Bänken, und sie war immer arm in allen Lebenslagen und zu allen Zeiten. Das war der Prinz von Theben, Jussuf, Tino von Bagdad, der schwarze Schwan.

Ihre Liebe wurde öffentlich. Im dritten Jahrgang der Aktion (1913) finden wir Else Lasker-Schülers Prosa-Gedicht „Doktor Benn“, dazu eine Zeichnung von ihrer Hand – und rechts daneben einen Abdruck aus Benns Arbeit „Alaska“: die Liebesgesänge zweier Ebenbürtiger. Die Schauspielerin Tilla Durieux hat von Else Lasker-Schüler gesagt, sie sei ewig verliebt gewesen und habe in ihren Gedichten die jeweils Erkorenen zu Göttern erhoben, ihnen eine Rose oder einen Stern auf die recht ähnlich gezeichneten Köpfe gemalt. Recht ähnlich ganz gewiß hat sie den Dichter-Geliebten Gottfried Benn „gemalt“:

Er steigt hinunter ins Gewölbe seines Krankenhauses und schneidet die Toten auf. Ein Nimmersatt, sich zu bereichern an Geheimnis. Er sagt: ,tot ist tot‘ […] Er steht unentwegt, wankt nie, trägt das Dach einer Welt auf dem Rücken. Wenn ich mich vertanzt habe, weiß nicht, wo ich hin soll, dann wollte ich, ich wäre ein grauer Samtmaulwurf und würfe seine Achselhöhle auf und vergrübe mich in ihr. Eine Mücke bin ich und spiele immerzu vor seinem Gesicht. Aber eine Biene möcht ich sein, dann schwirrte ich um seinen Nabel. Lang bevor ich ihn kannte, war ich seine Leserin, sein Gedichtbuch – Morgue – lag auf meiner Decke: Grauenvolle Kunstwunder. Todesträumerei, die Kontur annahm. Leiden reißen ihre Rachen auf und verstummen, Kirchhöfe wandeln in die Krankensäle und pflanzen sich vor die Betten der Schmerzensreichen an. Die kindtragenden Frauen hört man schreien aus den Kreißsälen bis ans Ende der Welt. Gottfried Benn ist der dichtende Kokoschka. Jeder seiner Verse ein Leopardenbiß, ein Wildtiersprung. Der Knochen ist sein Griffel, mit dem er das Wort aufweckt.

Else Lasker-Schüler war „emanzipiert“ im unorthodoxen Sinne des Wortes, war auf unschuldige Weise „ohne Scham“, wie Klabund es bezeichnete, und „wild, dann wieder sinnlich sanft, so schön, voller Sinnlichkeit“, wie Wieland Herzfelde, Gründer des nach ihrem Text „Malik“ genannten Verlages, sie beschrieb. Gottfried Benn, mitten in der Arbeit an seinem zweiten Gedichtband Söhne, muß vollkommen in ihrem Bann gewesen sein, „ein armer Hirnhund, schwer mit Gott behangen“, ein großer Liebender, den sie Giselheer nannte:

Der hehre König Giselheer stieß mit seinem Lanzenspeer mitten in mein Herz.

Der Lanzenspeer des jungen Dichters – waren Gedichte:

Aber wisse:
Ich lebe Tiertage. Ich bin eine Wasserstunde.
Des Abends schläfert mein Lid wie Wald und Himmel.
Meine Liebe weiß nur wenig Worte:
Es ist so schön an deinem Blut. –
[…]
Ich treibe Tierliebe.
In der ersten Nacht ist alles entschieden.
Man faßt mit den Zähnen, wonach man sich sehnt.
Hyänen, Tiger, Geier sind mein Wappen.

Sein neues Gedichtbuch wird ihr gewidmet – doch man täuscht sich wohl nicht, wenn man einen Ton von Ferne, gar Entfernung aus diesen verschlüsselten Zeilen hört:

Ich grüße Else Lasker-Schüler:
ziellose Hand aus Spiel und Blut.

Hans Egon Holthusen hat klug und genau dieses Bild entschlüsselt:

Was aber bedeutet „Ziellose Hand aus Spiel und Blut“? Es handelt sich um ein Zitat aus einem Text der Dichterin, einem Briefroman, betitelt Mein Herz, erschienen 1912 nach einem Vorabdruck im Sturm. Benn will sagen, daß er verstanden hat, was gemeint ist, wenn sie dort – brieflich an Walden – in ihrer bizarr-verspielten Manier zunächst von der Hand eines andern spricht, der unheimlich fleischigen, „züngelnden“ und dann wieder „lächelnden“ Hand in Kokoschkas Karl-Kraus-Porträt – bei Walden im Arbeitszimmer war es zu sehen – und dann diese Hand mit der eigenen vergleicht. Für Benn ist, was sich in diesen sechs Worten ausspricht, die Quintessenz ihrer poetischen Natur: „ziellose Hand aus Spiel und Blut“.

Es ist aber die Quintessenz ihrer poetischen Natur. Hat die Dichterin die Geliebte verdrängt? Zwar jubelt Else Lasker-Schüler in einem Brief an Franz Marc:

Franz, Du! Gestern hatte ich eine große Freude. Der Zyklop Dr. Gottfried Benn hat mir seine neuen Verse: Söhne, gewidmet, die sind mondrot, erdhart, wilder Dämmer, Gehämmer im Blut.

Doch Zyklopen sind nicht nur Gestalten der griechischen Mythologie, die für Zeus Blitze und Donnerkeile schmieden; es sind vor allem einäugige Riesen.
Der einäugige Riese Dr. Gottfried Benn hatte sich bereits entfernt. Else Lasker-Schülers Freude über die Widmung trägt das Datum 18. Oktober; aber bereits einen Monat zuvor, am 20. September 1913, hatte sie dem „Blauen Reiter“ Franz Marc gebeichtet:

Du freust Dich über meine ,neue Liebe‘ – Du sagst das so leicht hin und ahnst nicht, daß Du eher mit mir weinen müßtest – denn – sie ist schon verloschen in seinem Herzen, wie ein bengalisches Feuer, ein brennendes Rad – es fuhr mal eben über mich. Ich erliege ohne Groll dieser schweren Brandwunde. Könnte ich mich doch in mich verlieben – man weiß dann, was man hat.

Wie hatte doch die seltsame Zeile in Benns Gedicht gelautet? „In der ersten Nacht ist alles entschieden.“ Das war kein Nebenbei-Satz. In dem Gedicht „D-Zug“ von 1912 finden wir die Zeilen:

Eine Frau ist etwas für eine Nacht. Und wenn es schön war, noch für die nächste.

Deutlicher, nein: brutaler noch steht das in einem Gedicht, das gewiß nicht unabsichtlich „Synthese“ heißt:

Ich bin gehirnlich heimgekehrt
aus Höhlen, Himmeln, Dreck und Vieh.
Auch was sich noch der Frau gewährt,
ist dunkle süße Onanie.

Kein Mißverständnis! Nicht zu tun haben wir es mit einem flotten Ferkel-Vers; vielmehr geht es um die zentrale Kategorie Bennschen Fühlens und Denkens: die Frau als Schoß, Urgrund, Element. Damit fremd, ein zu Fliehendes. Der Mann nicht nur als der überlegene Jäger, sondern auch als der zum Betrug, zur Untreue Prädestinierte. Das phallische Prinzip als das der Schöpfung schlechthin. Benns weit gespannte Antinomie Welt als Gegensatz von Ich hat hier ihre tiefste Quelle. Im selben Gedicht „Synthese“ heißt die letzte Strophe:

Ich wälze Welt. Ich röchle Raub.
Und nächtens nackte ich im Glück:
es ringt kein Tod, es stinkt kein Staub
mich, Ich-Begriff, zur Welt zurück.

Darin birgt sich wohl Hochmut; aber Traurigkeit auch. Sonst hätte er nicht noch bei der Gedenkrede auf Else Lasker-Schüler ihr Gedicht „Höre“ zitieren können, das er „zu den schönsten und leidenschaftlichsten“ zählte, die sie je geschrieben:

Ich raube in den Nächten
Die Rosen deines Mundes,
Daß keine Weibin Trinken findet.

Die dich umarmt,
Stiehlt mir von meinen Schauern,
Die ich um deine Glieder malte.

Ich bin dein Wegrand.
Die dich streift,
Stürzt ab.

Fühlst du mein Lebtum
Überall
Wie ferner Saum?

Dies „Lebtum als fernen Saum“ habe er immer gefühlt, sagte Benn, „alle Jahre, bei aller Verschiedenheit der Lebenswege und Lebensirrungen“. Tatsächlich hatte er noch im selben Jahr 1913 zugleich mit der Liebe zu Else Lasker-Schüler eine andere Affäre gehabt, Sommerwochen auf Hiddensee mit Edith Osterloh verbracht, die er 1914 heiratete; ein Jahr später wird sein einziges Kind, die Tochter Nele, geboren.
Sein ganzes Leben hat Benn, auch wenn er verheiratet war, allein, unabhängig und oft mit mehreren Frauen zugleich gelebt. Liebe bezeichnete er in tausend Variationen verächtlich als „Surrogat für Unproduktive“ und hat sich zur Maxime erkoren:

Ergriffen sein und dennoch unbeteiligt.

An den Brieffreund Oelze schreibt er: „Wie füllt man die Leere? Mit Arbeit, mit Liebe und mit Sünden“, und letztere am ehesten haben ihn beschäftigt. „Meine größte Leidenschaft war eine Ausländerin gewesen, die nie – horribile dictu – den Namen Nietzsche gehört hatte.“ Sätze wie „Eine Frau ist ein Gegenstand“ oder „Frauen sind Konfektion“ finden sich bei Benn zuhauf, an den drei Ehefrauen wird freundlich gelobt, daß sie Astern in der Vase ordnen oder Jalousien reparieren können. Benns Erinnerungen stehen unter dem denkwürdigen Titel Doppelleben – und damit ist ein vollkommenes, tief existentielles Auseinanderklaffen gemeint: Bürger und Dichter, Erotiker und Frauenverächter, Zivilisationsliterat, Humanist und Menschenfeind:

Wir lebten etwas anderes, als wir waren, wir schrieben etwas anderes, als wir dachten, wir dachten etwas anderes, als wir erwarteten und was übrigbleibt, ist etwas anderes, als wir vorhatten.

Dem „moi-haïssable“ steht überall und allenthalben ein übersteigertes Ich gegenüber; das eisige Pathos von Benns Gedichten, das bis ins innerste Mark dringt, ihre vollkommene Schwärze verdanken sich diesem Riß. Eines jener „sechs bis acht vollendeten Gedichte“, die er – hat sie ein Autor geschaffen und hinterlassen – als einzigen Ausweis einer Dichter-Existenz gelten läßt, ist wohl das dreistrophige „Nur zwei Dinge“: ein kleines Wunder der modernen Lyrik, makellos und von grausigem Sog:

Durch so viel Formen geschritten,
durch Ich und Wir und Du,
doch alles blieb erlitten
durch die ewige Frage: wozu?

Das ist eine Kinderfrage.
Dir wird erst spät bewußt,
es gibt nur eines: ertrage
– ob Sinn, ob Sucht, ob Sage –
dein fernbestimmtes: Du mußt.

Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,
was alles erblühte, verblich,
es gibt nur zwei Dinge: die Leere
und das gezeichnete Ich.

Von diesem Gedicht sind mehrere Fassungen beziehungsweise handschriftliche Korrekturen erhalten. Bezeichnenderweise lesen sich die beiden wichtigsten Veränderungen so: In der zweiten Zeile des zweiten Verses hieß es ursprünglich „Der Mann hat immer gewußt“ und erst bei der Endfassung wurde für das anfängliche „das eine dunkle: Du mußt“ in der letzten Zeile dieses Verses das viel endgültigere, schicksalhaftere „dein fernbestimmtes: Du mußt“ eingeschliffen.
Der so denkt, so fühlt – kann nicht Partner sein, kann vor allem keinen gar gleichberechtigten Partner um sich haben. „Frauen traten ein in mein Leben, in eine bestimmte Periode meines Lebens, und dann schieden sie wieder aus… Es gibt keine Kontinuität menschlicher Art in meinem Dasein“, heißt es einmal in einem Brief. Gottfried Benn sieht sich außerhalb aller Ordnung – übrigens nicht ganz alleine; sein Zeitgenosse Hans Henny Jahnn verteidigte den Lustmord, und Robert Musil postulierte expressis verbis die Untreue als Basis jeder Ehe. Diese Grenzüberschreitungen anderer Künstler gilt es mitzudenken, wenn man Benns Bekenntnis liest:

Meine Glücke waren, wenn ich genau bin, alle mit Verbrechen verkuppelt: Ehebruch, Rausch, Treulosigkeit, Elternhaß, Falschheit, doppelte Moral, auch fiel mir die Wendung von Hamsun ein: „Es gibt nur eine Liebe, die gestohlene“ – eines der wahrsten Worte der Menschheitsgeschichte –

Dem Mann billigt Benn Raubtierinstinkte zu, seine Sexualität sei stets von Elementen des Tötens, der Gewalt, des Verrats, ja: des Hasses mitbestimmt. „Meine Maxime: gute Regie ist besser als Treue.“ Gute Regie hieß schon in der ersten Ehe räumliche Trennung; die oft beschriebene Praxis mit dem Ordinationszimmer zum Hof war auch das Nest für allerlei Amouren:

Die Ehe ist doch eine Institution zur Lähmung des Geschlechtstriebes, also eine christliche Einrichtung […] Für den Mann gibt es doch nur die Illegalität, die Unzucht, den Orgasmus, alles, was nach Bindung aussieht, ist doch gegen seine Natur. Eine Banalität! […] In der Ehe gibt es Wirtschaftsfragen, Essensfragen, Geselliges, ,gemeinschaftliche Interessen‘ – alles Torpedierungen des Sexus. Die menschliche Bindung an die Gattin lähmt das Gemeine, Niedrige, Kriminelle, das jedem echten Koitus für den Mann zugrunde liegt, er wird impotent, aber diese Impotenz in der Ehe ist eine Ovation für die Ehepartnerin als Mensch.

Das schreibt er 1949 an den Freund Erich Reiss. Knapp zwei Jahre zuvor hatte er seine dritte Frau, die Zahnärztin Dr. Ilse Kaul, geheiratet. Diesen Entschluß teilt er dem „lieben Herrn Oelze“ mit:

Um es gleich zu sagen: ,die Regeln‘, die Sie in einem anderen Fall, als unerläßlich zu beachten erwarteten, sind erfüllt; ,die Lage‘, um in meiner Nomenklatur zu reden, ist klar erkannt, kein Wahnsinn trübt mein alterndes Gehirn. Diese junge Dame hat einen selbständigen Beruf, den sie weiter ausüben wird, sie ist Dr. med. dent., hat eine große eigene zahnärztliche Praxis hier ganz in meiner Nähe –, wenn ich morgen tot bin, kann sie weiterleben, sie verdient sehr gut. Ihre Familie ist mir kaum bekannt, interessiert mich auch nicht sehr, mein Interesse gilt nur ihrer Person. Da sie noch erheblich jünger ist, als meine verstorbene Frau war, nämlich mehr als 25 Jahre jünger als ich, entfällt jede bürgerlich-konventionelle Bemaßstabung dieser Ehe, sie ist von vornherein eine Spannungsbeziehung, –: das sichert vielleicht ihre Dauer –, aber was heißt Dauer, über eine Dauer kann man heute nicht disponieren, für nichts. Sie setzt sich einen schönen weißen Kachelofen in das Zimmer, in dem Sie und ich die wenigen Male saßen, als Sie bei uns waren, und richtet sich das Zimmer ein u. ich bleibe in meinem Hofzimmer, jeder macht am Tage seine Praxis (die ihre bleibt weiter außerhalb) u. abends reden wir zusammen. Es wird ihr Leben nicht schädigen, wenn sie eine Weile mit mir verbracht hat, sie wird einiges lernen, einige innere u. äußere Erfahrungen bei mir u. durch mich sammeln u. dann wird sie weitergehn u. meinen Namen noch eine Zeitlang tragen u. die Erinnerung an mich bewahren, so lange sie es kann u. mag.

An seiner ein Jahr zuvor gestorbenen zweiten Frau hatte Benn vor allem zu preisen gewußt, daß sie spätestens abends um acht sehr müde wurde, was ihm sehr angenehm war. Und als Benn, kurz vor der letzten Eheschließung, im zerstörten Nachkriegs-Berlin Besuch von seiner Tochter Nele aus Dänemark erhält, liest sich der Bericht auch nicht gerade herzlich:

Der Besuch meiner Tochter war mir interessant. Wir hatten uns 7 Jahre nicht gesehn u. kaum Briefe gewechselt. Trotzdem war alles in Ordnung. Eine kleine blonde Person, hat ein Haus, einen Mann, zwei Kinder (Zwillinge), eine Köchin, ein Kindermädchen u ist recht angesehene u. maßgebliche Redaktörin bei Berlingske Tidende mit hohem Gehalt. Der Mann lungenkrank, aus sehr gutem Haus, nicht sehr arbeitsfähig, aber nicht unwohlhabend, mir unbekannt. Diese Person ist von einer Fixigkeit u. Intuition des Geistes, die beunruhigend ist. Spricht außer – gebrochen – Deutsch die 3 nordischen Sprachen u. Englisch u. Französisch perfekt u ohne zu stocken. Ich beginne einen Satz u sie weiß, ohne daß ich ihn vollende, was sein Inhalt sein wird u seinen Sinn, ich brauche ihn nicht zu vollenden. Unsere Unterhaltungen haben rapiden Charakter. Eine überraschende Person, u. das Sonderbare ist, daß unsere Beziehungen rein gesellschaftliche sind. Keiner fragt etwas Intimes, Familiäres, keiner ist neugierig, dabei weiß jeder vom andern Alles. Sie ist völlig antideutsch, genau so hart u erbarmungslos wie alle die andern von drüben, sie lebt seit 23 Jahren dort. Sie wohnt im englischen Hotel, bringt mir gelegentlich ein paar Cigaretten, ich darf sie nicht ans (Dienst-)Auto begleiten, das wäre ,fraternisieren‘ u. würde ihr Schwierigkeiten machen…, sie trägt ja Uniform des ,war korrespondent‘. Dabei schröpft sie mich ordentlich, Silber (allerdings von ihrer Mutter) u. Geld, sehr vorsichtig u. kavaliersmäßig, aber sie schröpft. Dabei kam mir der Gedanke, Frauen, die Kinder haben, können wohl garnicht sehr anständig sein, sie plündern u. füllen ihre Kiepe auf allen Landstraßen –, der Löwe reißt, das Reh äst u dies hier ist die Mutterliebe… wir betreten den heiligsten bürgerlichen Bezirk… Übrigens: ich habe mich mein Leben lang zu wenig um sie gekümmert, sie hat jedes Recht, mich zu schröpfen, außerdem kann man ja hier doch jeden Tag alles im Stich lassen müssen – siehe Ihre Bücher in Steinhagen. Soviel über meine Tochter, geboren 1915 in Dresden, ins Leben gerufen 1914 in Brüssel zur Zeit, als ich die ersten Rönnenovellen verfaßte, sie ist also sein corpusculäres Korrelat –, „die Tochter des Nihilisten“, wie sie sich schon vor Jahren, ohne diese Zusammenhänge zu ahnen, selber nannte.

Nun gibt es aber das kleine Erinnerungsbuch von Nele Poul Soerensen Mein Vater Gottfried Benn. Und da finden sich neben so obligaten Benn-Sätzen wie „Männer wollen doch nicht am Gehirn von einer Frau berührt werden, sondern ganz woanders…“ auch einige Selbstaussagen von großer Wichtigkeit. Nicht zuletzt ein Brief von Gottfried Benn, mit dem er der gekränkten Tochter diesen Passus über ihren Besuch – den sie tief verletzt in den „Ptolemäern“ gelesen hatte – erläutert; fürwahr ein Stück Poetologie:

Die Stelle im Pt. ist rein spielerisch gemacht, um auf das dann folgende Thema des ,Lebens‘ zu sprechen zu kommen, und darauf hinzuleiten; meine gehässigen Bemerkungen gegen Kinder und Enkel finden sich ja oft in meinen Büchern, es ist meine schriftstellerische Gesinnung, aber nicht mein eigenes Gefühl widerspiegelnd. […] Ich mache mir doch gar nichts aus Besitz, ich weiß gar nicht, ob ich einen Samowar oder sonstwas besitze. Ich für mich brauche nicht mehr als zwei Anzüge, einen Mantel und einen Tassenkopf, aus dem ich Kaffee trinke. Ich wüßte gar nicht, ob mir davon etwas fehlt oder ob es vorhanden ist, Silber, Schalen, Kaffeeservice alles spielt für mich gar keine Rolle. […] Ach, ich habe viel Böses in meinen Büchern geschrieben z.B. auch über meinen Vater, den ich wirklich so sehr liebte u. verehrte, ja den ich auch heute noch nahezu anbete, habe ich grausige Verse verfaßt, ich will mich nicht entschuldigen, ich kann es auch heute eigentlich gar nicht zurücknehmen, aber schlimm ist es – wohl dir, daß du solche Krisen und Kreuze nicht kennst.

Doch Benns Tochter, die er siebenjährig mit einer dänischen Freundin ins Ausland schickte, sagt nicht nur „Er war nicht für die Ehe geschaffen“; sie begreift auch als erwachsene Frau:

Ich bin seit 1923 in Dänemark. Ich bin Dänin geworden. Warum schickte mein Vater seine einzige Tochter nach Dänemark? Weil er mit Frau Overgaard befreundet war. Warum ließ er seine Tochter dort bleiben, in einem anderen Milieu, in einem fremden Land? Diese Frage habe ich mir als Kind Hunderte von Malen gestellt. Warum? Warum? Vielleicht doch, weil es leichter war, Nele los zu sein. […]
Erst als ich erwachsen war, verstand ich, wie sehr mein Vater diese Arbeitsruhe nötig hatte. […] Ein Beruf und ein dichterisches Lebenswerk – eine unglaubliche Leistung und des Bewunderns wert. Da mußten eben Frauen und Kinder weichen.

Für Gottfried Benn sind Frauen keine Personen, sondern der „angeströmte Ahnengrund“, sind das Fließend-Feucht-Unheimliche; „das Strömende“ oder „die trunkene Flut“; doch Flut und Glück und Untergang sind Synonyme: Die Hinwendung zu Frauen ist eine Zurückwendung. Dieses „Glück aus Sinken und Gefahr“ – in einer Prosapassage heißt es „witternd Gefahr, hörend aus der Ferne einen Strom, der herausgurgelte, ihn aufzulösen“ – ist Benns Konzept von Lust und Tod als großer Einheit. Schon eines seiner allerersten Gedichte, „Negerbraut“, ist nicht Totenklage, sondern Totenliebe:

Dann lag auf Kissen dunklen Bluts gebettet
der blonde Nacken einer weißen Frau.
Die Sonne wütete in ihrem Haar
und leckte ihr die hellen Schenkel lang
und kniete um die bräunlicheren Brüste,
noch unentstellt durch Laster und Geburt.
Ein Nigger neben ihr: durch Pferdehufschlag
Augen und Stirn zerfetzt. Der bohrte
zwei Zehen seines schmutzigen linken Fußes
ins Innere ihres kleinen weißen Ohrs.
Sie aber lag und schlief wie eine Braut:
am Saume ihres Glücks der ersten Liebe
und wie vorm Aufbruch vieler Himmelfahrten
des jungen warmen Blutes.
aaaaaaaaaaaaaBis man ihr
das Messer in die weiße Kehle senkte
und einen Purpurschurz aus totem Blut
ihr um die Hüften warf.

Das Weibliche als Lockung und Gefährdung. Deswegen muß es ferngehalten werden. Im Jahr 1936 konstatiert Benn:

Gott sei Dank kann ich jetzt schon lange lange ohne Liebe leben.

Was allerdings auch seine amüsanten Seiten hat; demselben Briefpartner Oelze schreibt er zu dieser Zeit:

Berlin, 5.25 an, mit Auto in eine bestimmte Wohnung u. 24 Stunden später wieder mit Auto zum Bahnhof. Darüber ein andermal mehr. Überschrift: Eine irdische u. eine himmlische Liebe. Seit 5 resp. 6 Jahren u beide wissen nichts voneinander. „Gute Regie ist besser als Treue“. Ernstlich gesagt. Mit der Einen, seit über 5 Jahren, die vollendetste erotische Beziehung, fange ich jetzt manchmal an: Du zu sagen, aber ich empfinde es als unangebracht. Derartige Beziehungen berechtigen noch nicht zu Intimitäten. Die Eine fragte ich einmal: „Was würden Sie sagen, wenn ich plötzlich stürbe u. Sie träfen an meinem Grab noch eine andere Frau, die meinetwegen weinte. Sie antwortete: „Ich glaube, der gemeinsame Schmerz würde uns einen.“ Das war die irdische Liebe! Die himmlische antwortete: „Du abscheulicher Lump.“ Die eine Trägerin eines der berühmtesten Namen der modernen Kunst, die andere eines der stilvollsten Namen des Adels. Bei Irdisch war ich vorletzten Sonntag, 11.8. War nett. Auf Himmlisch habe ich momentan keine Lust. „Sie denken doch nicht schlecht von mir“, sagen die Damen oft, wenn sie einen verlassen. So sagen ich jetzt zu Ihnen, Herr Oelze.

Tausend Grüße!
Ihr ergebenster
Benn.

Nun ist aber derlei keine unerlaubt indiskrete Biographie-Kritik; vielmehr geht es um tiefste Lebensstrukturen, die wesentlich das Werk prägen. Das große Gedicht „Blaue Stunde“, wie das „Lebe wohl“ genannte, wären nicht zu enträtseln, hätte Benn selber es nicht in diesen Zusammenhang gerückt, es als einen „in Verse gefangenen erotischen Anfall“ bezeichnet, „eines Akademikers und Olympiers unwürdig“ – „aber Sie wissen, wie sehr ich die Unwürde liebe“:

Kleines Abschiedslied an eine der seltsamsten und gefährlichsten Affären meines Lebens. Die Frau der „Blauen Stunde“, der Liebesstellen aus „Spät“, vieler Sätze aus den „Arien“, die Frau, die über den Sätzen von den Dämonen schwebt aus der Darmstädter Rede. Eine leere, ungebildete gemeine Person, die weder orthographisch schreiben, noch manierlich mit Messer u Gabel essen konnte, obschon sie Kellnerin in einem der elegantesten First-class-Etablissements des Westens hier ist. Keine sexuelle Hörigkeit von mir, das wäre ja harmlos und uninteressant; sondern eine unheimliche innere Verbundenheit, deren Quellen weit zurückreichen müssen in kaum erahnbares psychisches Magma, in eine von grauen Vorzeiten verschleierte Doppelung meines Gen, das ich liebte u haßte u. dem ich verfallen war. Sie betrog mich seit einem Jahr mit einem Käsehändler, der seine Wechsel nicht bezahlen konnte, die sie dann übernahm z.T. mit Hilfe meines Geldes. Ich wußte das Alles. Brachte meine Ehe bis an die äußerste Grenze der Gefährdung, war mir gleich, war bereit zu Grunde zu gehn, aber der Käsehändler war stärker. Lange hagere grauhaarige Person, das Gesicht Pfeffer u Salz, die Unterhaltungen über Kleider und Geschäftsklatsch und Haarfrisuren: – Interessierte mich. War hingerissen und litt. Sie in Ihrem sicheren Leben u der Sie einmal schrieben, Sie hätten in Ihrem ganzen Leben nie geliebt, können das nicht verstehn und Sie müssen mich verachten, aber, lieber Herr Oelze, so ist das Leben, wenn man es ernst nimmt. Das sind die Zahlungen für Kunst u Ruhm. Jetzt ist es Gottseidank zu Ende, dem Hades entstiegen, wieder einmal den Styx durchschwommen – mit 65 Jahren – aber was hat man eigentlich sonst? Das kleine Gedicht bitte ins Archiv, ohne Datum, diesen Brief bitte sofort vernichten.

Die Frau, die über den Sätzen von den Dämonen schwebt aus der Darmstädter Rede, sagt Benn. Dieser Abschnitt aber ist geradezu Zentrum seiner ästhetischen Theorie. Wir haben es mit weitaus mehr zu tun als mit einer erotischen Verfallenheit, lyrisch gebannt. Es geht um Gottfried Benns Kunstbegriff, den er in dieser Rede definiert hat:

Wir rühren an das Mysterium der Kunst, ihre Herkunft, ihr Leben unter den Fittichen der Dämonen. Die Dämonen fragen nicht nach Anstand und Gepflegtheit der Sitte, ihre schwererbeutete Nahrung ist Tränen, Asphodelen und Blut. Sie machen Nachtflüge über alle irdischen Geborgenheiten, sie zerreißen Herzen, sie zerstören Glück und Gut. Sie verbinden sich mit dem Wahnsinn, mit der Blindheit, mit der Treulosigkeit, mit dem Unerreichbaren, das einander sucht. Wer ihnen ausgeliefert ist, ob vierundzwanzig oder sechzig Jahre, kennt die Züge ihrer roten Häupter, fühlt ihre Streiche, rechnet mit Verdammnis.

Das ist die Feier der Irratio. Das ist zur These ausgearbeitet die Gedichtzeile „Ich bin der Stirn so satt“. Das ist jenes immer wieder von Benn variierte Dekret „Kunst ist statisch“. Das ist, was er in eben dem ersten der Statischen Gedichte nannte „Entwicklungsfremdheit / ist die Tiefe des Weisen“. Das ist Geschichtspessimismus, Fortschrittsverweigerung, Rückschau als Lebensgesetz und Gesellschaftslehre. Das ist die Verabschiedung des Denkens:

Aber dann, vor hundert Jahren, kam es plötzlich zum Ausbruch und schlug wie eine Seuche über die Welt, bis nichts mehr übrigblieb als das große, fressende, herrschsüchtige Tier: der erkennende Mensch.

Das ist die Wurzel für Gottfried Benns Annäherung an den Faschismus. War er denn ein Faschist, der Autor von Paul Hindemiths Oratorium „Das Unaufhörliche“, der Bewunderer Heinrich Manns und der von Ehrungen und Anerkennungen so sehr Ausgesperrte, daß er noch mit vierzig Jahren, sogar noch mit sechzig, schreiben konnte:

Mit diesen neunhundertfünfundsiebzig Mark bin ich übersetzt ins Französische, Englische, Russische, Polnische und in lyrische Anthologien Amerikas, Frankreichs und Belgiens übergegangen. […] In Deutschland gelte ich den Literaturgeschichten als einer der prominenten Lyriker des Expressionismus, der Rundfunk widmete mir eine Stunde der Lebenden mit und im Gegensatz zu – sit venia comparationi – Stefan George, eine Zeitung bemerkte über mich bei dieser Gelegenheit: ,einer der Größten unsrer Zeit.‘
Nun vergleiche ich diese neunhundertfünfundsiebzig Mark mit den Verdiensten andrer Kunst- und Geistestätiger. Eine gute Solotänzerin erhält in der Staatsoper dreihundert Mark pro Abend ihres Auftretens, eine mittlere Prominenz beim Film verdient am Tag vierhundert Mark, der erste Geiger einer Sommerkapelle von einigem Niveau wird mit eintausendfünfhundert Mark im Monat bezahlt, der Dirigent der Kinokapelle im Marmorhaus mit viertausend Mark. Ohne mich mit einigen festengagierten Schauspielerinnen von großem Namen, aber begrenzten Talenten vergleichen zu wollen, die zweitausend Mark im Monat garantiert erhalten, ohne an das Geld der Chefredakteure, Intendanten, Bankpräsidenten, die Aufsichtsratstantiemen der Abgeordneten zu denken, wenn ich nur den lyrischen Tenor aus Königsberg und den Wotansänger aus Karlsruhe mit ihren zwei- bis dreitausend Mark Monatsgagen heranziehe, so steht einer der Größten dieser Zeit mit vier Mark fünfzig im Monat entschieden ungünstig da. […]
Auch mein sechzigster Geburtstag brachte mich nicht in die Zwangslage, mich für Blumenarrangements und Telegramme umständlich bedanken zu müssen, ich aß wie immer mit meinem Dienstmädchen in der Küche, und sie unterhielt mich darüber, daß an ihrem neuen Kostüm die Rückenfalte noch nicht säße und nochmals aufgetrennt werden müßte.

Was geschah mit Gottfried Benn im Jahre 1933? War er ein 8-Groschen-Junge der Horst-Wessel-Horden geworden? Ein machtwitternder Aufsteiger? Ein Konjunkturritter? Ein Verräter am Geist und seinen Freunden? Mir scheint: nichts von alledem. Der verhängnisvolle Irrtum des Gottfried Benn war die logische Konsequenz seines gesamten Lebensentwurfs. Es war kein Unfall, kein Umfallen und kein Zufall. Das Denken und Dichten Gottfried Benns mußte – bis ihn die bluttriefende Realität rasch eines Besseren belehrte – geradezu zwangsläufig in den Applaus treiben für Rassenwahn und Elitephantasien, lauschend der Stimme des Blutes, der Ahnen und nachzeichnend die Runen der Vergangenheit. In sie zurück wollte er ja zeit seines Lebens, sie preisend, ersehnend, herbeidichtend. Sein vielleicht berühmtestes Gedicht, „Gesänge“, beginnt so:

O daß wir unsere Ururahnen wären.
Ein Klümpchen Schleim in einem warmen Moor.
Leben und Tod, Befruchten und Gebären
glitte aus unseren stummen Säften vor.

Ein Algenblatt oder ein Dünenhügel,
vom Wind Geformtes und nach unten schwer.
Schon ein Libellenkopf, ein Möwenflügel
wäre zu weit und litte schon zu sehr.

Es war Klaus Mann, der in einer scharfsinnigen Werkanalyse, publiziert 1937 in der Exilzeitschrift Das Wort, diesen Zusammenhängen erstmals nachging:

Alles beginnt hier mit dem atavistischen Komplex; mit der Sehnsucht nach dem Zurück – oder, vielmehr: das Vorwärts wird, in seinem Endziel, mit dem Zurück identifiziert –; mit dem Heimweh nach der „frühen Schicht“.
Wie charakteristisch ist dieses Heimweh nach der vormenschlichen, vor-zivilisierten, der Urschleim-Form! – Es erscheint mir heute als die ärgste Plattheit, die Idee des Fortschrittes als ,Plattheit‘ verächtlich zu machen. Eben in diesem Trick – dem eigentlich gefährlichen und eigentlich widerwärtigen Trick des XX. Jahrhunderts – exzellierte Benn Jahre lang: bis er denn dazu kam, den sittlichen Niedergang ohne Beispiel, den der Faschismus bedeutet, als ,geschichtliche Bewegung‘ frech zu preisen…

Dem war einiges vorausgegangen. Was war geschehen, daß Klaus Mann vom „frechen Preisen“ des Faschismus reden konnte? Gottfried Benn hatte sich in seiner Mischung aus aristokratischem Elitebewußtsein und einem Pariagefühl des fast proletarisierten Tripperarztes, dessen Literatur gepriesen, aber erfolglos war, auf einen hermetischen Weg nach innen begeben. Die generell antigesellschaftliche Attitüde der frühen Jahre wurde zur krassen antidemokratischen Haltung. Die eigene wirtschaftliche Misere wurde ideologisiert. Am deutlichsten wurde das anläßlich einer literaturpolitischen Kontroverse zwischen Johannes R. Becher und Egon Erwin Kisch einerseits und andererseits Benn; als der in der Zeitschrift Neue Bücherschau im Juni 1929 von einem Rezensenten als „unabhängiger und überlegener Weltdichter“ gegen „literarische Lieferanten politischen Propagandamaterials“ ausgespielt wurde, traten die beiden kommunistischen Schriftsteller protestierend aus dem Redaktionskollegium aus. Das war die Geburtsstunde der Linkskurve, der Zeitschrift des Bundes proletarisch revolutionärer Schriftsteller – in der übrigens Lukács später seinen berüchtigten Anti-Expressionismus-Aufsatz publizieren sollte, in dessen Zentrum die beiden Eingangszeilen von Benns „Gesänge“-Gedicht standen. Benn grenzte sich hochfahrend gegen seine linken Opponenten ab:

Becher und Kisch gehen davon aus, daß jeder, der heute denkt und schreibt, es im Sinne der Arbeiterbewegung tun müsse, dem Aufstieg des Proletariats seine Kräfte leihen. Warum eigentlich? Soziale Bewegungen gab es doch von jeher. Die Armen wollten immer hoch und die Reichen nicht herunter. Schaurige Welt, kapitalistische Welt,… aber nach drei Jahrtausenden Vorgang darf man sich wohl dem Gedanken nähern, dies sei alles weder gut noch böse, sondern rein phänomenal.

Benns Sehnsucht nach den verlorenen Paradiesen der vorkapitalistischen Welt findet sich plötzlich als Ideal einer konservativen Revolution. Sein Bild einer antik-mittelalterlichen heilen Welt, wie er sie etwa in seinem Goethe-Aufsatz idealisiert, ist gleichsam projiziert an die Plakatwände, die von Mythos und Blut und Rasse und Zucht schreien. Einen Moment lang hat Gottfried Benn sein Konzept der „Zwei Reiche“, die sich ausschließen – Geist und Macht – verlassen. An Gertrude Hindemith schreibt er im Herbst 1933:

Hier ist Geschichte – ertrage sie. Hier ist Schicksal – friß Vogel oder stirb. Gefahren, Untergang – liebe sie! Amor fati – dennoch die Schwerter halten.

Das war sozusagen der Mißbrauch eines eigenen Gedichts, das diesen Titel trägt und mit keineswegs aktionistischer Sicht der Welt endet:

und heißt dann: schweigen und walten
wissend, daß sie zerfällt,
dennoch die Schwerter halten
vor die Stunde der Welt.

Auch in diesen Zeilen hat Benn manifesten Geschichtsfatalismus um-interpretiert. Und sich auf peinlichste Weise, neben Gerhart Hauptmann wohl der einzige namhafte deutsche Schriftsteller, vor den Karren der braunen Machthaber spannen lassen. Als Mitglied der ruhmvollen Berliner Akademie der Künste hat er nicht nur die von Pechel und Fechter geforderte „Entfernung des untragbaren Heinrich Mann“ geduldet, sondern hat sich auch zum kommissarischen Leiter der Abteilung für Dichtung wählen lassen. Voraussetzung dazu war, daß er diesen Revers unterschrieb:

„Gezeichnet: Ja – Dr. Gottfried Benn, Berlin, 15.III.1933“ steht darunter. Und schon eine Woche später fragt er Franz Werfel namens der Akademie, „welche Staatsangehörigkeit Sie besitzen“. Entgeistert verfolgt diesen Weg der Neffe jenes Heinrich Mann, den Benn noch kürzlich durch eine große Rede geehrt, der Sohn jenes Thomas Mann, den Benn stets bewundert hatte: Klaus Manns Brief vom 9. Mai 1933 aus dem französischen Exil an Gottfried Benn ist ein Dokument allerersten Ranges:

In den letzten Wochen sind mir verschiedentlich Gerüchte über Ihre Stellungnahme gegenüber den ,deutschen Ereignissen‘ zu Ohren gekommen, die mich bestürzt hätten, wenn ich mich hätte entschließen können, ihnen Glauben zu schenken. Das wollte ich keinesfalls tun. Eine gewisse Bestätigung erfahren diese Gerüchte durch die Tatsache, die mir bekannt wird, daß Sie – eigentlich als einziger deutscher Autor, mit dem unsereins gerechnet hatte – Ihren Austritt aus der Akademie nicht erklärt haben. Was mich bei der protestantischen […] nicht verwundert und was ich von […], der seine Rolle als der Hindenburg der deutschen Literatur mit einer bemerkenswerten Konsequenz zu Ende spielt, nicht anders erwartet hatte, entsetzt mich in Ihrem Falle. In welcher Gesellschaft befinden Sie sich dort? Was konnte Sie dahin bringen, Ihren Namen, der uns der Inbegriff des höchsten Niveaus und einer geradezu fanatischen Reinheit gewesen ist, denen zur Verfügung zu stellen, deren Niveaulosigkeit absolut beispiellos in der europäischen Geschichte ist und von deren moralischer Unreinheit sich die Welt mit Abscheu abwendet? […] Mit Beunruhigung aber verfolgte ich schon seit Jahren, wie Sie, Gottfried Benn, sich aus Antipathie gegen diese aufgeblasenen Flachköpfe in einen immer grimmigeren Irrationalismus retteten. Diese Haltung blieb rein geistig und hatte für mich eine große Verführungskraft, wie ich gestehe – aber das hinderte nicht, daß ich ihre Gefahren spürte. Als ich unlängst in der Weltbühne den Aufsatz über Sie und Ihre „Flucht zu den Schachtelhalmen“ las, konnte ich dem, der da gegen Sie polemisierte, beim besten Willen so ganz unrecht nicht geben – ja: wenn ich genau nachdachte, fiel mir ein, daß ich eigentlich recht ähnliche Dinge ziemlich viel früher über Sie geschrieben hatte. Es scheint ja heute ein beinah zwangsläufiges Gesetz, daß eine zu starke Sympathie mit dem Irrationalen zur politischen Reaktion führt, wenn man nicht höllisch genau achtgibt. Erst die große Gebärde gegen die ,Zivilisation‘ – eine Gebärde, die, wie ich weiß, den geistigen Menschen nur zu stark anzieht –; plötzlich ist man beim Kultus der Gewalt, und dann schon beim Adolf Hitler.

Es war ein privater Brief, den Benn öffentlich beantwortete. Seine „Antwort an die literarischen Emigranten“ verlas er selber am 24. Mai 1933 im Reichsrundfunk und publiziert sie in der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 25. Mai 1933 – genau vierzehn Tage nach der Bücherverbrennung Unter den Linden, wo das Lebenswerk all derer symbolisch vernichtet wurde, die er nun belehrte:

Sie schreiben mir einen Brief aus der Nähe von Marseille. In den kleinen Badeorten am Golf de Lion, in den Hotels von Zürich, Prag und Paris, schreiben Sie, säßen jetzt als Flüchtlinge die jungen Deutschen, die mich und meine Bücher einst so sehr verehrten. Durch Zeitungsnotizen müßten Sie erfahren, daß ich mich dem neuen Staat zur Verfügung hielte, öffentlich für ihn eintrete, mich als Akademiemitglied seinen kulturellen Plänen nicht entzöge. Sie stellen mich zur Rede, freundschaftlich, aber doch sehr scharf. Sie schreiben: was konnte Sie dahin bringen, Ihren Namen, der uns der Inbegriff des höchsten Niveaus und einer geradezu fanatischen Reinheit gewesen ist, denen zur Verfügung zu stellen, denen das ganze übrige Europa gerade diesen Rang bestreitet? […]
Sie stellen es so dar, als ob das, was sich heute in Deutschland abspielt, die Kultur bedrohe, die Zivilisation bedrohe, als ob eine Horde Wilder die Ideale schlechthin der Menschheit bedrohe, aber, und so lautet meine Gegenfrage, wie stellen Sie sich denn nun eigentlich vor, daß die Geschichte sich bewegt? Meinen Sie, sie sei in französischen Badeorten besonders tätig?
[…] sie kennt ja Ihre Demokratie nicht, auch nicht Ihren vielleicht mühsam hochgehaltenen Rationalismus, sie hat keine andere Methode, sie hat ja keinen anderen Stil, als an ihren Wendepunkten einen neuen menschlichen Typ aus dem unerschöpflichen Schoß der Rasse zu schicken, der sich durchkämpfen muß, der die Idee seiner Generation und seiner Art in den Stoff der Zeit bauen muß, nicht weichend, handelnd und leidend, wie das Gesetz des Lebens es befiehlt. Natürlich ist diese Auffassung der Geschichte nicht aufklärerisch und nicht humanistisch, sondern metaphysisch, und meine Auffassung vom Menschen ist es noch mehr. Und damit stehen wir vor dem Kern unseres alten Streites: Ihr Vorwurf, ich kämpfte für das Irrationale. […]
Verstehen Sie doch endlich dort an Ihrem lateinischen Meer, daß es sich bei den Vorgängen in Deutschland gar nicht um politische Kniffe handelt, die man in der bekannten dialektischen Manier verdrehen und zerreden könnte, sondern es handelt sich um das Hervortreten eines neuen biologischen Typs, die Geschichte mutiert und ein Volk will sich züchten. Allerdings ist die Auffassung vom Wesen des Menschen, die dieser Züchtungsidee zugrunde liegt, dahingehend, daß er zwar vernünftig sei, aber vor allem ist er mythisch und tief. […]
Da sitzen Sie also in Ihren Badeorten und stellen uns zur Rede, weil wir mitarbeiten am Neubau eines Staates, dessen Glaube einzig, dessen Ernst erschütternd, dessen innere und äußere Lage so schwer ist, daß es Iliaden und Äneiden bedürfte, um sein Schicksal zu erzählen. Diesem Staat und seinem Volk wünschen Sie vor dem ganzen Ausland Krieg, um ihn zu vernichten, Zusammenbruch, Untergang. Es ist die Nation, deren Staatsangehörigkeit Sie besitzen, deren Sprache Sie sprechen, deren Schulen Sie besuchten, deren Wissenschafts- und Kunstpflege Sie Ihren ganzen geistigen Besitz verdanken, deren Industrie Ihre Bücher druckte, deren Theater Ihre Stücke spielte, der Sie Namen und Ruhm verdanken, von der Sie möglichst viel Angehörige zu Ihren Lesern wünschten und die Ihnen auch jetzt nicht viel getan hätte, wenn Sie hiergeblieben wären. Da werfen Sie nun also einen Blick auf das nach Afrika sich hinziehende Meer, vielleicht tummelt sich gerade ein Schlachtschiff darauf mit Negertruppen aus jenen sechshunderttausend Kolonialsoldaten der gegen Deutschland einzusetzenden berüchtigten französischen Forces d’outremer, vielleicht auch auf den Arc de Triomphe oder den Hradschin, und schwören diesem Land, das politisch nichts will als seine Zukunft sichern, und von dem die meisten unter Ihnen geistig nur genommen haben, Rache.

Diese Untat ist Gottfried Benn nie verziehen, nie vergessen worden. Sehr richtig schildert seine Tochter Nele, wie sie als dänischer Presseoffizier im Nachkriegsberlin allenthalben bei alliierten Journalisten und deutschen Schriftstellern den Nachhall dieses Nazipamphlets erlebte. Zwar hat Benn nach 1945 Partien seines Textes „romantisch“ genannt, von „unangenehmem Schwung und erfüllt von einer Art Schicksalsrausch“ – aber er lehnte es ab, zuzugeben, es sei ein „Plädoyer für den Nationalsozialismus“ gewesen. Er lehnte es auch ab, sich mit einer Silbe dazu zu äußern, sich gar zu entschuldigen. Als die Tochter bei einem Besuch Klaus Manns in Dänemark vermitteln wollte, schrieb er ihr am 4. Dezember 1947:

Und nun ein ernstes Thema! Es war reizend von Dir, zu Kl. M. zu gehn, aber ganz in meinem Sinne war es nicht. Du verkennst eines, wie mir scheint: mir kann und braucht weder André G[ide] noch Kl. M. zu helfen, ich bin völlig mit meiner Lage einverstanden und unternehme selber keinen Schritt, um die Situation zu ändern. Ich koste meine inneren und äußeren Positionen bis zur Neige aus und sehe, das bringt mich in produktiver Richtung weiter als es je ein äußerer Erfolg könnte. Ich weiß genau, was ich tue und was ich will. Auch, was ich nicht will. Und was ich nicht will, ist z.B. das allgemeine öffentliche Geschwätz zu vermehren über die politische Lage oder die geistige Krise oder den Existentialismus oder alle diese beliebten bürgerlichen Unterhaltungsstoffe – nur für sich selbst in eigenen Werken, im eigenen Werk kann eine weiterführende Klärung oder vielleicht eine Entscheidung zum Ausdruck gebracht werden – und daran arbeite ich ununterbrochen und mehr denn je. Laß sie alle denken und reden und verbieten und verzeihen oder nicht verzeihen, das berührt mich alles gar nicht mehr. Alles das ist ja doch nur Ressentiment und Rache und Unvermögen, selber in großem Stil produktiv zu sein, natürlich versteckt hinter ideologischen Theorien und angeblich humanitären Idolen und aufgezäumt mit Schlagworten, die die Allgemeinheit blenden. Dahinter aber leben die wirklichen Wahrheiten und der wirkliche objektive Gang der Ideen. Niemand kann Kunst umbringen, wo sie wirklich Gestalt annimmt, lebt sie weiter und überlebt die Politik und die geschichtliche Situation.

Das ist wieder der hochmütige Künder der „zwei Reiche“, der in der Kunst wohnt und sich an der Welt nicht beschmutzt. Doch wie sehr er sich beschmutzt hatte – das wußte Gottfried Benn wohl, verdrängte es allenfalls. Seine Verachtung des Mittelmaßes, Mittelmenschen, „das kleine Format, das Stehaufmännchen des Behagens, der Barrabasschreier, der bon und propre leben will“ – die hatte ihn, verquere Dialektik, in die Arme des Pöbels geführt. Ein Nazi war Gottfried Benn wohl nie, dazu war er zu arrogant und formbewußt. Aber der Faschismus war wie ein Gift in ihn eingedrungen; zerfraß übrigens auch seine Sprache. Die kühnen kühlen Rhythmen seiner Lyrik verkamen zur banalen Blague von Anbetung und Raunen:

Führer: das ist das Schöpferische, in ihm sammeln sich die Verantwortung, die Gefahr und die Entscheidung, auch das ganze Irrationale des ja erst durch ihn sichtbar werdenden geschichtlichen Willens, ferner die ungeheure Bedrohung, ohne die er nicht zu denken ist, denn er kommt ja nicht als Muster, sondern als Ausnahme, er beruft sich selbst, man kann natürlich auch sagen, er wird berufen, es ist die Stimme aus dem feurigen Busch, der folgt er, dort muß er hin und besehen das große Gesicht. Diesem Führer übergab sich nun in unserem Fall auch noch sukzessiv die Masse.

Alle Erklärungsmuster reichen nicht aus – man steht immer wieder vor einem Rätsel, kann selbst das äußere Bild des soignierten Herrn, das man von Benn hat, nicht mit dem Sprach- und Gedankengeifer zusammenbringen, den er sich in dieser Zeit der Anfälle und Ausfälle leistete. Carl Sternheims Frau Thea, in deren mondäner Villa bei Brüssel der junge Benn verkehrt hatte, schloß ihre Schilderung mit einer merkwürdigen Frage:

Ein blonder, schlanker, typisch preußisch aussehender Mensch in der Art der jungen Bredows […] Er macht Verbeugungen beim Herein- und Hinausgehen. Verbeugung, reicht man ihm die Hand. Man spricht über Literatur. Ohne besondere Relation zu den Jungen schätzt er einiges von Werfel, einiges von Mann, Sternheim. Vorliebe für Hölderlin. Geringe Beziehung zum Westen, scheint mir. Entwicklung auf naturwissenschaftlicher Basis aufgebaut. Wie kommt sein Wortschatz so ins Blühen?

Aber nun blühte Benns Sprache nicht, sondern blähte sich. War es vielleicht der Augenblicksrausch, der lebenslangen inneren Einsamkeit, der selbstgewählten Fremdheit unter den Menschen zu entgehen, die ihn in die falsche Gemeinschaft trieb? Er hatte 1922 einmal gesagt:

Es gibt Tage, die so leer sind, daß man sich wundert, daß die Fensterscheiben nicht rausgedrückt werden von dem negativen Druck; es gibt Gedankengänge von einer Aussichtslosigkeit, die bewußtseinsraubend ist. Das ist so, da ist nichts zu machen.

und jetzt stürzt er sich geradezu in eine Gefolgschaftsekstase:

Ein Jahrhundert voll Vernichtung steht schon da, der Donner wird sich mit dem Meer, das Feuer mit der Erde sich begatten, so unerbittlich werden die Endgeschlechter der weißen Rasse aneinandergehen. Also gibt es nur eins: Gehirne muß man züchten, große Gehirne, die Deutschland verteidigen, Gehirne mit Eckzähnen, Gebiß aus Donnerkeil. Verbrecherisch, wer den neuen Menschen träumerisch sieht, ihn in die Zukunft schwärmt, statt ihn zu hämmern; kämpfen muß er können, das lernt er nicht aus Märchen, Spukgeschichten, Minnesang, das lernt er unter Pfeilen, unter Feinden, aus Gedanken. Frieden in Europa wird es nicht mehr geben, die Angriffe gegen Deutschland werden erst beginnen: vom Westen, vom Osten, vom Liberalismus, von der Demokratie –, also Gehirne mit Hörnern, dessen Hörner sind wie Einhornshörner, mit denselben wird er die Völker stoßen zu Hauf bis an des Landes Enden. Dies Psalmenwort, nicht militaristisch gedacht, aber militant. Eine militante Transzendenz, ein Richtertum aus hohen wehrenden Gesetzen, Züchtung von Rausch und Opfer für das Sein verwandlungsloser Tiefe, Härte aus tragischem Gefühl, Form aus Schatten! Züchtung gegen sein zerstörendes Gesicht: Vergehen der Welten, Musik, der Normenzug: dies ganz verschlossen, nordisch, darüber Schwerter.

Dieser kraus-grausliche Text erschien 1933 unter dem Titel „Züchtung“, und kurz darauf ein zweiter, in dem er expressis verbis das „Ausschalten unerwünschten Lebens“ beziehungsweise die „Erhöhung der Fruchtbarkeit des erwünschten Lebensmaterials“ forderte, von „Reinigung des Volkskörpers und Rasseertüchtigung“ sprach und die Ergänzung des „auszuscheidenden minderwertigen Volksteils durch qualitativ hochwertiges Menschenmaterial“ erörterte. Der Dr. med. an der Rampe? Der Dichter als Lebensborn- oder Euthanasie-Propagandaredner?
Gottfried Benns Fall war tief. Er gibt uns auch die Frage auf: Wie kommt es eigentlich, daß die avanciertesten Erneuerer des Wortes, die radikalsten Kritiker einer versteinerten Gesellschaft der Suggestion des Totalitarismus verfallen? Die Sänger des bindungslosen Ich – hatten sie insgeheim die Sehnsucht nach dem Alleinseligmachenden? Suchte Brecht es im Kommunismus, Döblin im Katholizismus, Benn im Faschismus?
Sein Irrtum war kurz. Am 7. Mai 1936 überfällt ihn Das Schwarze Korps mit einer Attacke, in der ihm „widernatürliche Schweinereien“, „Ferkeleien“ und „Geistesverblödung“ bescheinigt werden. Am nächsten Tag druckt der Völkische Beobachter diese Rezension der „Ausgewählten Gedichte“ nach. Das ist das Ende. Es wird ihm kurz darauf per Einschreiben bestätigt – der Präsident der Reichsschrifttumskammer erteilt Benn Berufsverbot:

Auf Grund dieses Beschlusses verlieren Sie das Recht zu jeder weiteren Berufsausübung innerhalb des Zuständigkeitsbereichs der Reichsschrifttumskammer. Im Übertretungsfall müssten die Strafbestimmungen des Reichskulturkammergesetzes gegen Sie in Anwendung gebracht werden.

Eben hatte er noch die Naziführer „artistisch produktive Typen“ genannt, die viel von Kunst verstünden. Und nun hatte Klaus Mann so schnell recht behalten mit seiner entsetzten Frage

Was für Freunde haben Sie auf dieser falschen Seite zu gewinnen? Wer versteht Sie denn dort? Wer hat denn dort Ohren für Ihre Sprache, deren radikales Pathos den Herren höchst berfremdlich wenn nicht als der purste Kulturbolschewismus in den Ohren klingen dürfte?

Genau das war eingetreten. Jetzt begann, was Gottfried Benn mit der „Emigration in die Armee“ bezeichnet hat – er tauchte unter als Stabsarzt und verstummte als Dichter. Benn machte sich dicht:

Im Anfang war das Wort und nicht das Geschwätz, und am Ende wird nicht die Propaganda sein, sondern wieder das Wort. Das Wort, das bindet und schließt, das Wort der Genesis, das die Feste absondert von den Nebeln und den Wassern, das Wort, das die Schöpfung trägt.

Was er zur Charakteristik seiner autobiographischen Rönne-Prosa gesagt hatte, die Sakramentation des Wortes, das Heiligungs- und Erlösungsphänomen mit Hilfe des dichterischen Wortes: das wurde die geradezu mönchische Feier des Gottfried Benn. Er hat diese Worte in einem Brief an den Herausgeber seines Gesamtwerks, Dieter Wellershoff, benutzt. Holthusen ist in seiner klugen Interpretation auf diese neue Ritualität, dieses Ausrufen der Kunst zum anthropologischen Prinzip eingegangen:

Es ist das eine und es ist auch das genaue Gegenteil dieses einen, und wiederum ist es das Gegenteil vom Gegenteil: hinter dieser „Möglichkeit einer neuen Ritualität“ verbirgt sich ein altes Traumproblem der ,symbolistischen‘ Ästhetik: das Wort als ein Absolutum, als das Korrelat zur absoluten Musik. Benns Rönne-Deutung von 1950, wie sie in dem zitierten Brief an Wellershoff entwickelt wird, ist ein Versuch, den Briefpartner in räsonierender Sprache für das Thema zu gewinnen, ihm den Sinn der Sache plausibel zu machen: ein Versuch, der jedoch letztlich sich selbst als ,die Sache‘, sich selbst als den Gegenstand, von dem er eben handelt, beispielhaft ,faszinierend‘ zur Schau stellen will.

Ein Kreis schließt sich. Der alte Benn sagt jetzt:

Das späte Ich ist ein einsames Ich, auf sich selber gestellt und nur sich selbst lebend.

Aber schon der ganz junge Benn hat, 1921, ein Gedicht geschrieben, das hieß „Das späte Ich“; in dem stehen unverbunden, ohne Adjektive, ohne Verb die beiden fremden Worte „Abgänger, Eigen-Immortelle.“
In einer der bei Benn seltenen Eigeninterpretationen hat er die transparent gemacht: Die Immortelle, strohig-dauerhafte Blume, die schon vor Jahrtausenden zur Bekränzung von Gräbern und Götterbildern verwendet wurde, ist Bild für den „finalen Typ, der nur in sich selber lebt und nur sich selbst gestaltet und sein Schicksal und seine Unsterblichkeit mit hinabnimmt, wenn die Stunde schlägt. Alles dies soll in dem vielleicht nicht glücklichen Wort ,Eigen-Immortelle‘ sich ausdrücken oder zumindest durchschimmern. ,Abgänger‘ soll in dieselbe Richtung zielen wie ,Eigen-Immortelle‘: das heißt der Mensch ist ein Samenerguß ohne Befruchtungswillen und Befruchtungsmöglichkeit, er geht in die Nacht, aus dem Traum, ins Nichts und kennt keine Gemeinschaft, auch keine geschlechtliche mehr. Liebe ist das Elysium der Unproduktiven, derer, die nicht denken und Ausdruck schaffen können. Der Extreme in seiner Finallage gibt auch die Liebe nicht mehr ab, er behält sie für sich selbst.“
Wie ein gigantischer Bogen überspannt dieser Magnetschirm Benns Leben. In einem Brief des Jahres 1922 heißt es:

Es mag auch sein, daß ich menschliches Leid nicht mag, da es nicht Leid der Kunst ist, sondern nur Leid des Herzens. Sehe ich menschlichen Gram, denke ich: nebbich; sehe ich Kunst, Erstarrtes aus Distanz und Melancholie, aus Trauer u. Verworfenheit…, denke ich: wunderschön.

Und ein Jahr vor seinem Tod schreibt er noch der Tochter nach Dänemark:

Ja, die Liebe… Ich weiß nur eins: Man soll ihr aus dem Wege gehn.

Man soll. Aber kann man es? Konnte Gottfried Benn es? Er wußte seine Kunst zu härten wie Eis und charakterisierte genußvoll den Dichter Benn, wie ihn die anderen sahen:

Seine Nähe sendet kalte Strahlen aus, Todesstrahlen und die dürfen wir unseren Abonnenten und vor allem Inserenten nicht zumuten. Todesstrahlen – die gefährden das Geschäft, die Prosperity. – – – Und sie haben recht. Aber habe ich deswegen unrecht?

Seine großen Gedichte aber bergen immer beides – Absturz und Aufstieg, die Schwärze des Nichts und ein Blinzeln der Helle; jenes Immer und Nie, das er zum Gesetz seines Gedichtes für den fünfzigjährigen Herausgeber des Querschnitt, Alfred Flechtheim, machte:

Sei es, die Welten sind Räusche,
Schauer, welche sich irrn,
faule Brocken, Bäusche
aus unserm Restgehirn,
aber die Übergänge
mit monistischem Ziel:
Schnecken aus Blutgedränge,
Äol im Trancespiel.

Dasein! die Küsse zerblättern,
Tränen: die Salze vergehn,
Leben, Sterben – Lettern,
die für alles stehn:
doch über Wahn und Weichen
steht das Immer und Nie
aus hyperämischen Reichen,
deren Verkünder Sie.

Die gehärtete Kunst.

Aber es scheint, als habe er sein Herz nicht ver-eist. Als am 7. Juli 1956 – nur vier Wochen vor seinem Antipoden Brecht – Gottfried Benn qualvoll an Wirbelsäulenkrebs gestorben war, fand seine Frau einen einfachen Briefumschlag, darin war ein Liebesbrief und darauf stand:

Dich möchte ich ansehen, wenn meine Stunde geschlagen hat. Sterbend möchte ich Dich noch halten, wenn mir die Hand schon herabsinkt.

Fritz J. Raddatz, aus Fritz J. Raddatz: Eros und Tod, Rowohlt Verlag, 1990

 

Fakten und Vermutungen zum Herausgeber

Gottfried Benn. Der Mann ohne Gedächtnis

Lesung: Holger Hof
Moderation: Jörg Magenau
Im Literarischen Colloquium Berlin am 13.12.2011

 

Tondokument: Peter Rühmkorf und Adolf Muschg über Benn und Brecht am 16.9.2006 in der literaturwerkstatt berlin.

 

 

Zum 60. Geburtstag des Autors:

Carl Werckshagen: Gottfried Benn 60 Jahre
Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung, 27.4.1946

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Max Rychner: Gottfried Benn
Die Tat, Nr. 120, 3.5.1956

Zum 90. Geburtstag des Autors:

Peter Rühmkorf: „Und aller Fluch der ganzen Kreatur“
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.6.1976

Zum 20. Todestag des Autors:

Gert Westphal: Gottfried Benn – nach zwanzig Jahren
Neue Zürcher Zeitung, 23.7.1976

Zum 90. Geburtstag des Autors:

Peter Rühmkorf: „Und aller Fluch der ganzen Kreatur“
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.6.1976

Zum 100. Geburtstag des Autors:

Albrecht Schöne: Gottfried Benn?
Die Zeit, 2.5.1986

Peter Rühmkorf: Gottfried Benn oder „teils-teils das Ganze“
Deutsches Sonntagsblatt, 6.7.1986

Zum 50. Todestag des Autors:

Wolfram Malte Fues: Nur zwei Dinge
manuskripte, Heft 174, 2006

Fakten und Vermutungen zum Autor + Nachlaß + Sammlung 1 + 2
KLG + Georg-Büchner-Preis
Autorenäußerungen zu Person und Werk von Gottfried Benn
shi 詩 yan 言 kou 口
Nachrufe auf Gottfried Benn: Deutsche Rundschau ✝ Merkur

 

Gottfried Benn – das letzte und einzige Fernseh-Interview mit Gottfried Benn am 3. Mai 1956 zum 70. Geburtstag.

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