Christa Reinig: Der Frosch im Glas

Reinig/Rong-Der Frosch im Glas

Ein poetischer Gedanke?
Nichts weniger
nur aus Versehen
zwei Seiten zugleich umgeblättert

 

 

 

Beitrag zu diesem Buch:

Roman Bucheli: Spätlese
Neue Zürcher Zeitung, 7.7.1995

 

Sie sagen ich lebe

Anna Seghers, so will es das hartnäckige Gerücht, sei die Schützerin und Förderin der jungen Autorin gewesen; allein Christa Reinig berichtet lapidar von der Reaktion der berühmten Kollegin, als sie ihr Texte zu lesen gab:

Sie gefielen ihr nicht. Sie sagte zu mir, Sie sind ein böser Mensch.

Bertolt Brecht soll sie favorisiert haben; jedoch Christa Reinig nennt diese Legende beim Wort:

Die Legende, daß Brecht mich gekannt, meine Gedichte geschätzt und mich zum Weiterdichten ermuntert habe, ist eine Legende. Zu Brechts Lebzeiten waren von mir zwei oder drei Gedichtchen in Anthologien erschienen. Wenn er sie zufällig unter die Augen bekommen hätte, würden sie ihn weder nach Form noch nach Inhalt beeindruckt haben.

Peter Huchel druckte ihre Arbeiten in Sinn und Form nicht, mit den Worten „Ich kann sie nicht veröffentlichen“, sagte er, „ich werde selbst angegriffen“, und Gottfried Benn gab zwar Geld für eine kleine Zeitschrift Evviva Future, aber seine These von der Traditionslosigkeit, der Künstler komme quasi ohne Vorfahren aus dem Nichts, mochte sie nicht akzeptieren:

Alles, was vorher war, hat für ihn keine Gültigkeit. Du mußt wissen, daß in meinen Anfängen Benn als ein literarischer Richter galt. Benn hat dies gesagt, und Benn hat das gesagt. Und ich hab’ gedacht: Das ist doch Spinne.

Heinrich Böll schien ihr schon mit seinem ersten Buch fad und altbacken, als ein Freund ihr aufgeregt den Roman brachte:

Du, es ist ein sehr gutes Buch erschienen. Das war eine Sensation, daß um 1950 herum ein gutes Buch erschien. Ich stürzte mich drauf, und der Titel hieß: Wo warst du Adam?. Na, dieser Adam stank mir ja nicht gerade nach Zukunftssachlichkeit. Ich blätterte es auf und las was über den Zweiten Weltkrieg, der Schnee von vorgestern. Ich sagte:

So was wird ja denn auch gedruckt.

Walter Höllerer schließlich druckte als erster in seiner Anthologie Transit ihre „Ballade vom blutigen Bomme“, und noch heute erinnert sich Christa Reinig:

Höllerer verdanke ich meinen Durchbruch.

Ein Kaleidoskop von Hoffnungen und Zurückweisungen, von Hochmut und Verzagtheit. Wer also war, wer ist diese Lyrikerin und Prosaschriftstellerin Christa Reinig, geboren 1926 in Berlin? Sie war Trümmerfrau, sie war Studentin, sie war Museumskustodin in Ostberlin und wurde schließlich eine Schriftstellerin, die über den Beginn ihres Schreibens sagt: „Aus den Knochen meiner Mutter habe ich meine Karriere aufgebaut“, und die, als der Kritiker Peter Hamm 1961 Anna Seghers besuchte, in ihrem Land als abwesend galt:

Als ich Anna Seghers nach Christa Reinig fragte, zeigte sie sich überrascht: Sie vermutete Christa Reinig seit Jahren im Westen.

Im übertragenen Sinne stimmte das: Christa Reinig war in der DDR nie gedruckt worden; was sie schrieb, war selbst zehn Jahre nach Stalins Tod noch unakzeptabel.

Hört weg!
kein wort soll mehr von aufbau sein
kein wort mehr von arbeit und altersrente
hört weg – ihr helden – ich rede allein
für asoziale elemente
[…]

für huren in häusern mit schwülen ampeln
für selbstmörder aus zerstörungslust
und für die betrunknen die unbewußt
ein stück von einem stern zertrampeln

ich rede wie die irren reden
für mich allein und für die andern blinden
für alle die in diesem leben leben
und nicht mehr nach hause finden.

Es gilt, zumindest zweierlei auseinanderzuhalten; besser gesagt: zusammenzuhalten. Da war einerseits ein Arbeiterkind, unehelich, Steine klopfend, studierend schließlich – der Idealfall eines sozialistischen Ganges, ein Arbeiterschriftsteller, wie er im Buche steht. Da war andererseits „im Buche“ ein Mensch, chaotisch-störrisch, zutiefst anarchisch in seinem Selbstgefühl – der Prototyp dessen, was in der jungen DDR verpönt war.

Wer bin ich? Wer ist Christa Reinig? Das sind zwei verschiedene, voneinander unabhängige Fragen. Davon abgeleitet gibt es eine dritte Frage: „Bin ich Christa Reinig?“. Das kann ich nicht grundsätzlich verneinen, aber immer, wenn ich versuche, es zu bejahen, muß ich erst einmal albern auflachen. Mit einer gewissen Bestürzung lasse ich das Thema ruhen.

Das steht zwar in dem erst 1984 publizierten Roman Die Frau im Brunnen – aber dieser Selbstzweifel, überhöht zu einem Menschenzweifel, ist von Beginn an der Grundakkord von Christa Reinigs Arbeit; eine gleichsam helle Ungläubigkeit trägt und prägt jeden Vers:

ich rufe den menschen
antworte mir
ich rufe – es schweigt
nichts antwortet mir.

In der DDR nannte man das damals Subjektivismus, eine der gefährlichsten Ketzerverirrungen. Als der Band mit solchen Gedichten, Die Steine von Finisterre, im Verlag Eremiten-Presse in der Bundesrepublik erschien, war nicht nur die Autorin, sondern auch der rührende Literatur-Narr V.O. Stomps eine Art Agent des Imperialismus. Auf einer Beratung des Politbüros des ZK und des Präsidiums des Ministerrats der DDR mit Schriftstellern wetterte am 25. März 1963 Wilhelm Girnus:

Westdeutsche Verlage wünschen neuerdings, einige jüngere Dichter unserer Republik zu drucken und herauszustellen unter der Bedingung, daß sie so dichten, wie es für Westdeutschland annehmbar ist, Dichtungen voll existentialistischer Lebensangst, voll Pessimismus, voll nihilistischem Zweifel am Leben in jeglicher Gesellschaftsordnung ohne Unterschied. […] Solche westdeutschen Verleger versuchen gegenwärtig, als literarischer Arm des entsprechenden Ministeriums in Bonn natürlich, unsere Literatur in der DDR auf diese Weise von außen her zu manipulieren, sie ideologisch und materiell zu korrumpieren.

Der leise Ton einer Dichterin, die sich dem Expressionismus und Else Lasker-Schülers Verzagtheit verpflichtet fühlte, war da unangebracht.

mein tiefstes herz heißt tod
wenn das die mörder wüßten
wären sie es müde.

Solche Verse mußten entweder im Sand verrinnen oder im Aufbau-Getöse untergehen. Radikalität war nur ein Wort. Sie zu leben – jagte denjenigen in eine Art Schizophrenie. Die Härte, mit der Christa Reinig über ihr Leben berichtet, mag damit zusammenhängen. Jahrzehnte später hat sie zwar in einem Gespräch gesagt, „In meinem Wesen bin ich nicht radikal, sondern versöhnlich. Die Radikalität, die in meiner Literatur zum Ausdruck kommt, muß ich mir Satz für Satz abkämpfen“, aber ein Element des Nicht-Hoffens ist in ihrem Werk konstant – ob in den frühesten Gedichten, in vielen Selbstaussagen oder in der Prosa. „Der Rächer“ heißt eines der ersten Gedichte, das mit dem Vers endet:

ich habe alles aufgegeben
was mir geschieht – ich weiß es nicht
es reißt mich fort aus meinem leben
das langsam auseinander bricht.

Man kann diese Selbstreflexion auch gnadenlos nennen. Große Literatur hat immer etwas Kaltes; freundlich ist der Trivialroman, tröstend der Unterhaltungsfilm und schmeichelnd die Werbung. Literatur ist nicht freundlich, noch tröstet sie, noch darf sie schmeicheln. Dieser Impuls, eine gnadenlose Beobachtung ohne Kommentar, ist die Stärke von Christa Reinigs Kurzprosa.
1964 erhielt Christa Reinig den Bremer Literaturpreis und blieb nach der Verleihung im Westen. Auf dem akkurat aufgeräumten Schreibtisch in Ostberlin ließ sie das Röntgenbild ihrer Wirbelsäule zurück. Sie kam mit einer Handtasche, einem kleinen Koffer, vielen Manuskripten und sagte:

Zwölf Jahre lang habe ich gestanden wie mit dem Gesicht zur Wand. Wenn ich die Augen schloß, konnte ich sie richtig vor mir sehen. Es schien eine rote Ziegelmauer zu sein. Ich mußte mit unendlicher Geduld mit Feilen und Fingernägeln eine Fuge herauskratzen, dann gibt es einen lockeren Stein, dann breche ich den Stein heraus. Meine Mauer dauerte zwölf Jahre, jetzt ist sie reif zu fallen.

Und nun war sie per Bürgerrecht, was sie vorher per Vorstellungskraft gewesen war:

Ich war im Osten ein Bundesbürger. Ich kannte diesen Staat gar nicht, habe mich aber total mit ihm identifiziert, deshalb wollte ich ja hierher. Und deshalb, vermutlich, haben sie mich auch ausreisen lassen. Für mich ist die Bundesrepublik die Arche Noah, deshalb reagiere ich auch empfindlich auf die Leute, die in diese Arche ein Loch schlagen wollen.

Hat eine da etwas zusammengebissene Zähne, wenn sie ihr Glück des Angekommenseins formuliert? Horst Bienek, mit dem sie vor seiner Verhaftung in der DDR befreundet war, schrieb einmal:

Da werden einem Menschen, der die Zähne zusammenbeißt, Wörter abgetrotzt, herausgerissen. Da war jemand, der leben, lieben und auch leiden wollte. Aber da man ihn nicht leben ließ, schrie er. Mit blutigem Mund.

Das stimmt.

Doch nun geschieht das Sonderbare: Die Finsternis bleibt. Angekommen – oder gestrandet?

Und eines Tages war ich hier zu Hause, so als wäre ich hier geboren. Und genau da hörte mein bundesbürgerlicher Chauvinismus auf, und es war mir auch egal, ob Deutschland Fußballweltmeister wurde oder nicht.

Man ist Anarchistin, oder man ist es nicht. Christa Reinig ist eine Schriftstellerin, die sich nicht einrichtet. Allenfalls im Schneckenbau ihrer Kunst. Doch die Fühler, berühren sie die Welt, zucken empfindlich zurück. Illusionen findet sie verächtlich – und macht sie verachtenswert:

Die Natur, die in Ordnung ist, gibt es nicht. Leben ist Kannibalismus, denn Leben frißt Leben, anders kann es sich nicht erhalten. Ich sitze hier, mir gehts gut. Ich bin Vegetarierin, ich kille nichts als Kohlköpfe. Ich fühle mich behaglich. Aber im Grunde ist alles Nichts.

Die Frage ist: Macht diese große Dichterin die Welt erfahrbar auch als hassenswert? Es gibt keine klare Antwort. „Wenn es allzu richtig ist, ist es tot“, hat sie einmal gesagt. Sie gestattet sich die Bitterkeit des Trostlosen:

Dieses krebsmäßige Verfaulen, das, als ich noch im Osten lebte, mich fast körperlich anrührte, das empfinde ich jetzt, auch im Westen. Die Wälder faulen, die Meere faulen, die Gewässer, die Fische in den Flüssen, der Erdboden fault. Es ist das absolute Falschlaufen der Dinge.

Das ist gültig zum Endgültigen hin. Und ist dennoch nicht alles, wenn Literatur produziert wird. Literatur ist nicht das, was passiert, sondern das, was nicht passiert, und das heißt, sie kann aus dem Elend Schönheit münzen. Vielleicht ist das Gesetz der Kunst mit dem einen Wort dennoch benannt – dennoch Funken schlagen, auch wenn der Stein tot zu sein scheint. Dennoch den Stein wälzen, auch wenn er den Berg hinunterrollt. Dennoch den Stein meißeln, auch wenn er zu versinken droht im Nichts. Kunst zeigt nicht das Schöne, sondern das Schreckliche. In diesem Paradoxon – da sie ja „dennoch“ das Schöne bannt – liegt ihr Geheimnis, das sich dem Begreifen des Leitartikels entzieht. Die Magie – von den Höhlen in Lascaux bis zu Rilkes Grabspruch – liegt in diesem unauflöslichen Widerspruch. Die Verzagtheit des Künstlers behält stets das Schwebende: nämlich die Verzagtheit zu benennen:

Ein Wort bewegt dies Ahornblatt
bis in die Wurzel meines Sterns.
Zu wünschen wag ich nicht
noch Sprache einzubaun
in menschliche Belange

Exakt dies selbstauferlegte Verdikt setzt Christa Reinig außer Kraft; glücklicherweise. Diesem Bruch der Logik haben wir ihre schönsten Gedichte zu verdanken – lesbische Liebesgedichte von sapphischer Zartheit. Es ist keine magazinlüsterne Indiskretion, wenn von Christa Reinigs lesbischer Liebe gesprochen wird. Es geht um eine wesentliche, tief existentielle Verfaßtheit, die ihr Werk – bis hin zum Haß – grundiert:

Wir sind der neue Mensch
und dieser neue Mensch
ist kein Mann.

Es ist so schade, daß man Worte nicht in Farbe „kleiden“ kann; sie können in Musik umgesetzt werden, wie wir zum Beispiel durch Schuberts geniale Heine-Lieder wissen. Ich würde so gerne die Gedichte aus Christa Reinigs lesbischem Zyklus „Müßiggang ist aller Liebe Anfang“ „einfärben“ – sind sie grünrosa, perlmuttfarben, fahlseiden wie die Unterblätter der Silberpappeln? Welche Farbe hat Glück? Es hat den Ton dieser Gedichte. Mal lächelnd-ängstlich, „Durchsichtig / flaumfederleicht / ein windstoß / trägt dich von mir fort“, mal Besitz-ziehend „Verlaß mich nicht, schwör mir das! / Ich schwöre: Wenn ich mich je / von dir trennen muß / nehm ich dich mit“, mal sinnlich-zärtlich, „Meine Fingerspitzen begreifen: / Ich werde geliebt / dein aufhören ist mein aufhören / du machst mich sterblich.“
Hätte Christa Reinig nur diese Gedichte geschrieben, es wäre genug. Wer hat das erreicht, das zu formulieren – dieses Gefühl, daß etwas immer weniger und zugleich immer mehr werden kann, daß Verschwinden nicht versinkt, sondern sich auftürmt:

Artischocken essen wir
unsere Teller werden immer voller
wir lieben uns
von Tag zu Tag mehr.

Müßiggang ist aller Liebe Anfang ist eines der schönsten Gedichtbücher der zeitgenössischen Literatur; voller Makel übrigens. Da gibt es vier gräßliche Zeilen:

Schmeiß
deinen achtjährigen Sohn
vom Balkon
und du bist gerettet.

Das mag man nicht als Metapher entschuldigen und als literarisches Spiel verharmlosen; auch wenn Christa Reinig selber einmal gesagt hat:

Literatur ist ein Zoo mit Tigern hinter Gitter. Du liest es und weißt, der Tiger beißt nicht.

Das ist natürlich Unsinn, zieht der Literatur die Zähne und deklassiert sie zum Gesellschaftsspiel der Beliebigkeiten. In ihrem großen Gespräch mit Marie-Luise Gansberg hat sie sich dann auch ernsthafter auf diesen „Jungficker“-Rigorismus eingelassen, diese Zeilen als Replik auf einen Leserinnenbrief, der mal in der Courage erschienen war, charakterisiert. Da hatte eine Feministin geschrieben:

Wenn ich die Wahl hätte, der Frauenbewegung zum Sieg zu verhelfen oder meinen achtjährigen Sohn vom Balkon zu schmeißen, dann würde ich natürlich meinen Sohn nicht vom Balkon schmeißen.

Daraufhin habe Christa Reinig wieder einmal ihren „Tobsuchtsanfall in Frauenangelegenheiten“ bekommen, weil doch klar und offenbar sei, daß der friedlichste Vater seinen allerliebsten Sohn sofort vom Balkon werfen würde, wenn er damit erreichen könnte, zum Bürgermeister von Kleinkleckersdorf gewählt zu werden.
Wir sind an einem ganz heiklen Punkt angelangt. Es geht um Christa Reinigs kompliziert-widersprüchliche feministische Position. Vermutlich sie selber, gewiß aber viele Feministinnen werden sogleich, zu rasch, einwenden, „ein Mann kann dazu überhaupt nicht…“, was pseudo-emanzipierte Plattheit ist. Ein Mann konnte Madame Bovary oder die Geschichte der Gesine Cresspahl schreiben und eine Frau den Aufstand der Fischer von St. Barbara; beiläufig: unter einem männlichen Pseudonym – denn Anna Seghers nahm ja ihren Schriftstellernamen von dem Rembrandt-Zeitgenossen Hercules Seghers. Ein Jude konnte den „so deutschen“ „Kaspar Hauser“-Roman schreiben. Die banalste aller Vorstellungen vom Vermögen, Kunst zu verstehen, ist die Ghettoisierung: Rothaarige über Rothaarige, Brillenträger über Brillenträger, Schwule über Schwule. Mit demselben Recht, mit dem Christa Reinig über Genet oder Proust urteilt, urteile ich über diesen Widerspruch in ihrer Literatur.
Er hat nämlich eine außerliterarische Kraßheit. Auch wenn Christa Reinig erklärt, „Die Grundlage meiner Begabung ist das Erzählerische“, sind gerade ihre Prosaarbeiten gekennzeichnet von unverhüllt autobiographischen Deklamationen. So ist der Roman benannte Band Die Frau im Brunnen in Wahrheit nichts anderes als eine Sammlung von Notaten; mal funkeln sie, mal stechen sie bloß:

Ich würde keine Kinder kriegen. Ich würde sie gar nicht mögen. Menschenkinder sind unappetitliche Kreaturen, und die Affenliebe der Eltern, die so was in die Welt gesetzt haben, würde mich schaudern machen.

Das könnte, im selben Tonfall, auch ohne weiteres in einem ihrer Interviews gesagt sein. Wird auch, im selben Tonfall, dort so gesagt; weder satirisch überhöht noch in jenem nicht-realistischen Erzählstil, den Christa Reinig für sich in Anspruch nimmt, wenn sie über ihre Romane sagt:

Ich bin im Erzählstil nicht realistisch. Sobald ich anfange, irgend etwas zu sehen, sehe ich sofort einen Sinn darin, einen zweiten, einen dritten, einen vierten Sinn. Und ich baue das dann nicht so auf, als ob es eine realistische Erzählung sein soll, sondern ich gehe auf die Parabel raus.

Das stimmt, wie wir noch sehen werden, nicht. Vorerst aber ist zu fragen, wieweit ihre feministische Einstellung „stimmt“. Die Position der Reinig, wo immer sie proklamatorisch geäußert wird – also: nicht im Gedicht –, ist ganz uneinheitlich. Einerseits wird geträumt das „Land ohne Männer“; schon das ein abstrakt unlogischer Entwurf, der binnen zählbarer Frist die Erde entmenschen würde. Denn wie haßvoll immer die Spermienspender und Hodenhalter und Frauenschänder karikiert werden: ohne sie geht es wohl im individuellen Fall; eine Frau muß nicht mit einem Mann leben, und Christa Reinig ist Beispiel dafür, wie gut das geht. Aber generell ist das nicht einmal ein Plan, sondern ein albernes Gedankenspiel, auch wenn die Autorin sich verrennt und sagt, daß sie derlei wörtlich meine. Das sind dann nicht einmal Worte, sondern Worthülsen; sie transportieren – ernst genommen – keinen Inhalt. Und das ist durchaus auch als literarisches Urteil zu verstehen. Frappiert nämlich kann man feststellen, daß viele der Prosaarbeiten Christa Reinigs – oft ohne Überzeugung „Roman“ genannt – blaß bleiben. Es sind Thesen in kleinen Einheiten, meist ohne jeglichen erzählerischen Impetus, manchmal gar zu Witzchen verkommend:

Die berühmteste Frau der Welt ist nicht Marilyn Monroe, sondern Napoleon Bonaparte. Napoleon Bonaparte wurde auf dem Totenbett entkleidet als Frau vorgefunden.

Man fragt sich, welcher Art Feminismus mit derlei Geistreicheleien gedient sein mag.
Aber schon ihr erster Roman Die himmlische und die irdische Geometrie war ein zuchtloses Buch. Das erste Kapitel, „Erwägungen“, hält bis in den Titel hinein jenes Schweben, Ausharren, dieses gnomenhafte Zwinkern ein, das groteske Komik mit Bedeutung mischt:

Gleichzeitig erkannte ich, daß ich alles in einem und zugleich sei, alles, was es gibt. Darüber war ich sehr glücklich. […] Manchmal aber glaube ich, daß es mich gar nicht gibt.

Diese reflektorischen Erzählpassagen, oft märchenversponnen, bis zum Auftritt des Immanuel Kant, und oft Trauer hinter einem Gestus der Lakonie verbergend, sind auf jene sparsame Weise gelungen, die Christa Reinigs Gedichte und frühe Prosa prägte. Anderthalb Zeilen über den Tod der Mutter – und es steckt ein ganzes Buch, ein ganzes Leben darin:

Dann sagte sie: Ich sterbe. Ich sagte: so leicht stirbt sich’s nicht. Doch! sagte sie und starb.

Das Buch erweckt den Eindruck, als sei zuviel Zeit verstrichen zwischen seinem Beginn und der weiteren Arbeit daran. Es hebt an wie eine verschlüsselte Autobiographie, nicht nur Christa Reinig berichtend, wenn „ich“ gesagt wird, Zeit, Leben, Schicksal einfangend ohne datenexakt oder überprüfbar im Lokalen zu sein. Eben ein Roman. Dann zerbricht das. Das anfangs Reflektorische innerhalb wird herausgefiltert – und es bleiben zwei leere Schalen: beliebig herangekarrtes Bildungsgeröll, Gedankensprengsel über Einstein, Pythagoras oder das chinesische Buch der Wandlungen, und ein um alles Phantasmagorische beraubter, ausgebleichter Erzählstrang, in dem Klein Christa mit Mutti einkaufen geht, Tante Herta die falschen Apfelsinen im Netz hat oder die Kunsthistorikerin Reinig sich in Ostberlin vergeblich um eine Stelle bewirbt. Eine privatistische, pointenlose Geschichte wird kunstlos und unverbunden an die andere gereiht, wird damit nicht zur Begebenheit. Keine der Figuren nimmt Gestalt an, nicht einmal die der Ich-Erzählerin.
Die Haltung des Romans schwankt zwischen Confessio und deren Verweigerung. Gelegentlich blitzt eine Nachdenklichkeit auf:

Ich habe im Verlauf der Jahre die Erfahrung gemacht, daß mein Leben viel mehr von anderen Leuten gelebt worden ist als von mir.

Aber warum sollen solche tagebuchähnlichen Kleinlichkeiten Literatur sein? Christa Reinig muß den losen, beliebigen Bau des Roman getauften Buches selber empfunden haben – sonst könnte man nicht ganze Brocken, willkürlich aus dem Kontext herausgebrochen, in anderen Textbändchen von ihr wiederfinden; wörtlich, nur mit einer anderen Überschrift versehen. So gibt sich die Romanpassage „Die beiden Klos“ in einem Buch des Wagenbach Verlags plötzlich als „Erzählung“, während die dort expressis verbis als Essay präsentierte Überlegung „Die Kunst des Romans“ wörtlich im Roman Die himmlische und die irdische Geometrie unter der Überschrift „Die Vollendung der Tugend“ steht. Das ist keineswegs ein läßlicher verlegerischer Etikettenschwindel. Die Hin- und Herwendung von Romanfetzen, die anderswo als Essays oder Erzählungen auftauchen, verraten nur eines: Ihre Romane sind ohne stringenten Bau. Ich gehe sogar noch weiter – es sind gar keine Romane. Nie haben sie jenes schillernde Schweben, das bei ihren Meistererzählungen wie „Drei Schiffe“ oder „Der Teufel, der stumm bleiben wollte“ den Leser in seinen Bann schlägt, den Ton des Märchens, auf den die Reinig zu Recht stolz ist:

Der Panzer, die Rose, der Schwan tranken deinen Tee und rührten deinen Zucker um mit deinem Löffel. Sie redeten dich an mit deinen Worten, und du warst nicht mehr niemand. Du warst du, und sie waren nicht keiner, waren der Panzer, die Rose, der Schwan. Sie saßen und sagten: „Wir sind gekommen, auf einen zu warten. Wir warten hier.“

Viele Steinchen, kein Mosaik. Manfred Hausmann hat einmal den wundersamen Wahnsinn von Christa Reinigs Sprache untersucht, den Irr-Tanz der Worte in ihren Gedichten; er fragte:

Wer von uns ist denn nicht auf dem Grunde seines Wesens ein Heimatloser oder ein Blinder oder ein Stromer oder ein Träumer oder ein Sternzertrampler oder ein Liebestoller oder ein Zigeuner oder ein Irrer oder ein Mörder oder etwas noch Schlimmeres?

Und daran anschließend hat Hausmann sich sehr genau auf die stilistische Kunstfertigkeit der Lyrikerin Christa Reinig eingelassen:

„Die Tiefe muß man verstecken. Wo? An der Oberfläche.“ Ein Ausspruch von Hugo von Hofmannsthal. Es handelt sich beim Verstecken, beim Verschlüsseln, wie man heute sagt, um einen dialektischen Vorgang. Der Dichter macht etwas offenbar, indem er es versteckt. […] Und eben auf diese atemberaubende Kunst und Kunstfertigkeit versteht sich Christa Reinig wie wenige.

Doch muß man das auf die Lyrikerin eingrenzen. Christa Reinigs Romanprosa ist nicht irr, sondern schrill. Dieses hier, ausgegeben als Passage ihres Romans Entmannung, liest sich wie der – übrigens ungerechte – Artikel eines feministischen Kampfpamphlets:

Heute kann der Arzt das Geschlecht des Embryos ab dem 4. Monat bestimmen. Das heißt, die Liebesabwendung und der Brutpflegeentzug beginnt bereits im Mutterleib. Sie weiß, es wird doch nur ein Mädchen werden. Schon hat sie eine Zigarette im Schnabel, trinkt Alkohol, nimmt Tabletten, springt vom Stuhl, tut alles, was sie dem heiligen Sohnes-Embryo nicht antun würde. Wenn das Baby sie zwickt, denkt sie nicht, das ist der Sohn, und ist mit ihren Plagen versöhnt. Sie denkt: Dieses Scheißkind macht mich fertig. Die zukünftige Frau wird bereits schwachsinnig zur Welt kommen.

In einem fälschlich als „Erzählung“ herausgegebenen Text, der tatsächlich die Rezension einer ARD-Fernsehsendung mit dem Titel Der Wolf und die Frau war, findet sich eine Art Autopsie:

Ich bin angehörige der lesbischen nation, selbst wenn ich es nicht wollte, ich müßte es sein. Ich bin keine deutsche mehr. […] Ich bin nicht die gerechtigkeit. Ich bin die parteilichkeit. […] Mein problem ist nicht, daß die männer hier und heute kein vernunftbegabtes lebewesen sehen. Sie verweisen mich auf die seite des lustprinzips und reduzieren mich auf mein brennbares fleisch. […] Meine mörder ziehen die anklage zurück. Sie sprechen mich frei und morden mich weiter.

Niemand hat das Recht zu sagen „Das stimmt nicht“. Es stimmt, für Christa Reinig, wenn sie ihr Leben so empfindet, sich als Opfer solcher Drohgebärde sieht. Es bleibt einzig das Recht zu sagen: Eine Erzählung ist es damit nicht. Christa Reinig hat weite Strecken ihres Prosawerkes hindurch die Ebene der Prosa – im artistischen Grenzbereich des Wortes – verlassen. Durch das Nach-Außen-Stülpen der Klage zur Anklage hat sie ihrer Sprache den Innenraum genommen. Gerechterweise muß man dies Urteil angesichts des 1989 erschienenen Buches Nobody und andere Geschichten einschränken; es sollte nur für ihre Roman-Prosa gelten.
Denn die – sehr kurzen, epigrammatischen – „Geschichten“ dieses Bandes haben einen bösen Zauber, den Charme von Kalender, besser: Hexensprüchen. Wäre der Titel nicht vergeben, müßten sie „Lieblose Legenden“ heißen, auf dem schmalen Grat zwischen lapidar und lakonisch balanciert die Reinig ihre nie zierliche, stets unheimlich glitzernde Sprache. Diese Prosa-Etüden rasen in die Luft, einer Schaukel gleich – und schwupp: Weg sind die Menschen. Lauter hohnvolle Verwerfungen, erbarmungslos immer – ob von einer heimlichen Geliebten nach Jahren nur das Gerippe gefunden wird oder der Familienkrach mit dieser sonderbaren „Bedrohung“ geschlichtet wird:

Die Nachbarin holte die Sandtorte aus dem Kühlschrank, gießt sich auch eine Tasse ein und setzt sich dazu.

Derlei zu schreiben ist vielleicht schwieriger als einen 700-Seiten-Roman; auch riskanter. Der Gefahr, ins Banale abzurutschen, pointensüchtig zu sein, entgeht Christa Reinig nicht immer. Wobei etwas Seltsames zu beobachten ist: Sind diese Gemmen perfekt geschnitzt – bleiben sie harmlos. Ein „auflösendes“ Ende (wie etwa in „Ein unerheblicher Mensch“) verflacht den Text zum Realismus. Das absurde, offene Ende, bei dem die Geschichte im Nirgendwo verraucht, macht sie definitiv. Es ist der Unterschied zwischen beiläufig und wesentlich.
Wissend, daß sie unbeschadet dessen eine Künstlerin ist, hat sie in ihrem wunderschönen Text „Der Traum meiner Verkommenheit“ zugleich gegen sich und für sich plädiert, indem sie ihren Begriff von künstlerischer Verantwortung definiert:

Nicht einen Augenblick werde ich nachlassen, Zeichen für Zeichen das einzig Verantwortliche zu tun. Und was kümmert es mich, daß das erfüllte Gesetz die Lösung falsch macht und ungültig das Ergebnis. Was kümmert’s mich, daß es nur eine Gnade gibt der rechten Lösung: an der Stelle, die nicht gekannt sein wird, vom Gesetz abzuweichen und den Fehler zu machen, der nicht gewollt war. Was kümmert mich die Geistmaschine, die es vermag, durch systematische Abweichung von der Regel richtige Lösungen zu ,erstreuen‘. Ich weihe dir, Gesetz!, die falsche Lösung.

Herrlicher Hochmut. Da spricht eine, die den Dreck kennt und die Qual, die Gewalt und die Not. Eine, die auf dem Bau Steine klopfte und in einer Schaufensterpuppen-Fabrik arbeitete, angestellt war im Reichsnährstandsverlag und in einer Nähmaschinenreparatur-Werkstatt, die schrieb, als man ihre Stimme ersticken wollte, und die schrieb, als sie zu ersticken drohte, die heute – 62jährig – mit einer speziell für sie konstruierten Spiegelreflexbrille, tief zur Erde gebeugt von der Bechterewschen Krankheit, dennoch ihren Weg zieht, dessen Spuren sie für uns zeichnet. „Für meine Mutter, die dem Lächler das Haupt gehalten hat“, schrieb sie eines ihrer eindringlichsten, unauflöslichen Gedichte, „Die Prüfung des Lächlers“, von dem Horst Bienek sagt:

Das Gedicht ist wie die Beschreibung eines Bildes, das Francis Bacon gemalt haben könnte.

Es ist lapidar, nicht lakonisch, und wie stets große Lyrik formuliert es der Menschen Qual, und gewinnt seine Schönheit aus ihrem Sieg; der ist Christa Reinigs Triumph:

als ihm die luft wegblieb, hat er gelächelt
da hat sein feind ihm kühlung zugefächelt
er lächelte, als er zu eis gefror
der feind rückt ihm die bank ans ofenrohr

er lächelte auch, als man ihn bespuckte
und als er brei aus kuhmist schluckte
er lächelte, als man ihn fester schnürte
und er am hals die klinge spürte

doch als man ihm nach einem wuchtigen tritt
die lippen rundum von den zähnen schnitt
sah man ihn an, erst ratlos, dann erstarrt
wie er im lächeln unentwegt verharrt

Fritz J. Raddatz, aus Fritz J. Raddatz: Eros und Tod, Rowohlt Verlag, 1990

Dieter Hülsmanns: Eine zugereiste Dichterin
DU, Heft 11, November 1968

 

EINIGE NULLGEDICHTE
Christa zum Fünfzigsten

Da kommt die große Null heran
und macht sich rund, so rund sie kann
und während sie begeistert schreit:
„Ich bin die Größte weit und breit“,
springt sie in tausend Stücke.
Der Nachwelt bleibt nur eine Lücke.

Was nur die Nullen damit bezwecken,
daß sie sich stets hinter Zahlen verstecken?
Sie wollen für voll genommen werden
Erst dann sind sie ohne Beschwerden.

Früh krümmt sich ein Strich
will er Null werden zukunftlich.

Herbert Heckmann

 

BLICKFELD
für Christa Reinig

Zwischen Anpassung und Widerstand
der Begriff des Interesses –
du bist tatsächlich auf der Welt,
wenn aus lauter Freundschaft
Licht durch Bäume kommt.
Du demonstrierst für schönes Wetter,
findest es gut, frei zu haben
für Körperübungen und allerhand
Kleinigkeiten, die dir gefallen.
Ohne Zögern wirst du mit dem fertig,
was einige Wirklichkeit nennen,
während des nicht nennenswerten Versuchs,
durchzuatmen und nichts weiter
zu sagen als was ins Blickfeld passt.

Karl Krolow

 

Zum 70. Geburtstag der Autorin:

Elisabeth Endres: Papier ist ungeduldig
Süddeutsche Zeitung, 6.8.1996

Irene Ferchl: Dreimal raten
Stuttgarter Zeitung, 6.8.1996

Wulf Segebrecht: Für die Stromer und wüsten Matrosen
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.8.1996

Wolfgang Platzeck: Entmannung
Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 7.8.1996

Zum 75. Geburtstag der Autorin:

Wolfgang Platzeck: Gegen das positive Denken
Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 4.8.2001

Helmut Böttiger: Sachlich in die Zukunft
Der Tagesspiegel, Berlin, 6.8.2001

Peter Mohr: Der Mut zu Ausbrüchen, Aufbrüchen und Abbrüchen
General-Anzeiger, Bonn, 6.8.2001

Zum 80. Geburtstag der Autorin:

Ulla Hahn: „Wenn mir beim Schreiben die Luft wegbleibt…“
die horen, Heft 224, 4. Quartal 2006

Peter Mohr: Papier ist ungeduldig
titelmagazin.com, 6.8.2006

Ijoma Mangold, Ijoma: Wucht und Weisheit
Süddeutsche Zeitung, 5./6.8.2006

Fakten und Vermutungen zur Autorin
Nachrufe auf Christa Reinig: Der Spiegel ✝ literaturkritik ✝ FR ✝ FAZ ✝
Der Tagesspiegel ✝ poetenladen ✝ Badische Zeitung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.