Christian Lehnert: Aufkommender Atem

Lehnert-Aufkommender Atem

Und was ich glaube, ist ganz unverstanden,
das Sterben zweier Störche im November,
die nie die Kraft für ihren Heimflug fanden,

nie den Instinkt. Ich habe ein Geländer,
das ich mir selber halte, es ist fest.
Ich folge Spuren, die sich schnell verlaufen,

auf einem Pfahl am Weg ein leeres Nest,
das liegen bleibt, und warme Federhaufen.

 

 

 

Inhalt

In Aufkommender Atem konzentriert sich Christian Lehnert, ein Meister der strengen kleinen wie auch der größeren epischen Gedichtform, auf kürzere, sehr einheitlich gefügte Gedichte. Um Naturbilder, häufig der näheren brandenburgischen und sächsischen Heimat, voller akustischer und optischer Eindrücke, aber doch eigentümlich still und auf mystische Weise offen für eine weit mehr als naturalistische Erfahrung: Nicht statisch ist sie, sondern auch ein Raum für Frage, Ahnung und Hoffnung. Und so erwacht aus der präzisen Anschauung jener pfingstliche Wind, der seit jeher Verheißung bedeutet und ein neues Verständnis aller Dinge, einen ‚anderen Zustand‘ mit sich bringt.

Suhrkamp Verlag, Ankündigung

 

Das Lyrische Quartett im Lyrik Kabinett sprach am 30.11.2011 über dieses Buch und ist zu hören ab −1:00:17.

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Sakralisierung der Poesie

– Neue Gedichte von Christian Lehnert. –

Bis vor wenigen Jahren geisterte durch die Lyrikdebatte das „aufklärerische“ Vorurteil, dass die moderne Dichtung für Gottesdiskurse nicht zuständig und zudem aus allen Kirchen ausgetreten ist. Diese Übereinkunft wird nun von einem Lyriker aus den Denkschulen der evangelischen Theologie aufgehoben, der nicht etwa zaghaft nach einer transzendenten Sinngebung unserer Existenz fragt, sondern ganz emphatisch nach unserer Verbindung mit dem Arkanum des Göttlichen sucht. Der 1969 geborene Christian Lehnert hat nicht nur Religionswissenschaften studiert, sondern bereits in seinen frühesten Gedichten ein „Klanggewölbe für die Stimmen der poetischen Mystik“ entworfen. Er setzt sich demonstrativ über das alte Verdikt Gottfried Benns hinweg, wonach Gott ein „schlechtes Stilprinzip“ sei. Christian Lehnert beweist in seinen sehr formsicheren, manchmal den hohen Ton kühn strapazierenden Gedichten das Gegenteil.
Der titelgebende Zyklus seines neuen Gedichtbuches, der insgesamt 64 achtzeilige Gedichte in meist klassischen Kreuzreimen umfasst, evoziert Naturbilder, Zeit-Gesänge, Liebesaugenblicke und Kindheitsszenen als Prozesse der Atemgebung, als fast mystische Verschmelzung des wahrnehmenden Subjekts mit der Welt. Bereits in seinem 2008 erschienenen Band Auf Moränen hatte Lehnert einen umfangreichen Zyklus mit „Vigilien“ komponiert, nächtlichen Gebeten, die sich mit der Theologie des Paulus auseinandersetzen. In Aufkommender Atem geht er lyrisch-theologisch noch einen Schritt weiter. Diese Gedichte kann man durchweg als religiöse Meditationen lesen, die verankert sind in einer Art Schöpfungs-Gewissheit, also in einer Evidenz religiöser Erfahrung. Dabei ist der Gott, nach dessen Verbleib hier gefragt wird, keine Instanz, die mit den Dogmen irgendeiner Amtskirche in Übereinstimmung zu bringen wäre. Es ist ein Gott, der durch Abwesenheit, Ortlosigkeit oder Unbestimmbarkeit charakterisiert ist und in seinem unsicheren Status zum Gegenstand der Selbstvergewisserung des Subjekts wird.
Jeder Vers dieses Buches signalisiert, dass es eine Wahlverwandtschaft gibt zwischen Gedicht und Gebet. Wortreich führt das Ich Klage über die eigene Unbehaustheit, zugleich sind es die begütigenden Melodien geistlicher Lieder, die hier den Weg zur religiösen Selbstvergewisserung weisen. Die Emphase, mit der hier gesprochen wird, erinnert zum einen an die tröstlichen Weisen von Kirchenliedern, zum andern an die gravitätische Sprechweise in Stefan Georges Stern des Bundes, in dem auch das Verhältnis von Ich und Gott durchbuchstabiert wird. In einigen Gedichten Lehnerts wird die unio mystica von Ich und Natur, von Schöpfungsphänomen und göttlichem Urgrund mehr statuiert als lyrisch vergegenwärtigt:

Ein heisser Atem kommt von Süden, dringt
in meinen Körper, spannt die ganze Haut.
Ein Sirren schliesst mich ein in seinen Laut,
der wie ein Hall aus vager Kindheit klingt.

Nun schlafe, schwebe fort, und schlafe ein!
In einem Felsspalt liegt ein wunder Gott
und blutet, dämmert, dort lässt ihn kein Wort
wie das Wort „Gott“ in sich verlassen ein.

Dennoch: Es ist ein einzigartiges und kühnes Experiment, das Christian Lehnert mit seiner Dichtung begonnen hat – die Resakralisierung der Poesie im Geiste des Romantikers Novalis, der Dichter und Priester in einer symbiotischen Einheit sah. So emphatisch religiös und substanziell theologisch ist in der deutschsprachigen Lyrik lange nicht mehr gesprochen worden.

Michael Braun, Neue Zürcher Zeitung, 12.10.2011

Menschenleer

Im sechsten Gedichtband des 1969 in Dresden geborenen Dichters und Theologen Christian Lehnert herrscht weder die Originalitätssuche noch die zeitgenössische Ratio. Durch offene Fenster weht ein pfingstlicher Wind, vorangetrieben von paarreimigen Achtzeilern. Gleich dem Cherubinischen Wandersmann Angelus Silesius begibt sich Lehnert auf Spurensuche nach dem heiligen. Damit befindet er sich inmitten einer stetig wachsenden, aber bisher kaum von der Öffentlichkeit wahrgenommenen lyrischen Pilgerschar. Zu ihr gehört auch der australische Dichter Les Murray, der behauptet:

Religionen sind Gedichte. Sie bringen
unseren Tages- und Traumgeist in Einklang,
unsere Gefühle, Instinkte, den Atem

Lehnerts Aufkommender Atem kreist in melodiösen Rhythmen um die Themen Anfang und Ende, Geburt und Tod, Wahrheit und Existenz Gottes. Wider Erwarten gleicht nichts der Verkündigung. Die bildhaften Rätsel der Religion verschmelzen mit Zeichen der Moderne. Wind, Licht und Dunkel, Stille, Schlaf und Traum tanzen einen beinahe romantischen Reigen, wäre da nicht ein Riß. Durch ihn poltern Alltagsdinge: Koffer, Kabelrollen, ein Wellblechzaun. Selbst ein alter Wollpullover kommt zum Vorschein. Aber nicht er wärmt, sondern zwischenmenschliche Gesten der Zuwendung wie die zwischen Vater und Kind. Bis auf diese und einige Hirten-Figuren auf Lanzarote bleiben Lehnerts Landschaften seltsam menschenleer. Er entwirft eine Welt im Konjunktiv, in der das viel beschworene lyrische Ich sich ganz zurücknimmt. Ein Hauch von Rilke weht durch die hinreißenden Anfangszeilen. Christian Lehnert ist ein Pilger, der Augenblicke im Stundenbuch festhält.

Dorothea von Törne, Märkische Allgemeine Zeitung, 17./18.3.2012

Dein Name, langsam geschrieben

– Christian Lehnerts Lyrik kann als diskrete Metaphysik bezeichnet werden. In seinem neuen Gedichtband widmet er sich den großen religiösen Fragen, ohne den Alltag zu vergessen. –

Es gibt eine Wiederkehr des Totgeglaubten. Die alten Formen erblühen aus den Relikten der Avantgarde. Nicht Gott ist tot, sondern der Atheismus. Religiöse Themen erscheinen den jüngeren Autoren wieder interessant, ja zwingend. Die Weltlage legt sie nahe, manchmal auch die eigene Biographie. Der Lyriker Christian Lehnert ist solch ein Dichter der Wiederkehr. Er schreibt Sonette und sogar Paraphrasen alter Kirchenlieder. Man darf ihn einen religiösen Dichter nennen.
Seine Biographie lässt begreifen, warum. 1969 in Dresden geboren, hat Lehnert als Wehrdienstverweigerer und Bausoldat den totalitären Atheismus der DDR kennengelernt. Die Wende war ihm Befreiung. Der junge Mann studierte Theologie und Orientalistik und machte ausgreifende Reisen nach Israel und in den arabischen Raum. Eindrücke, die sich bis heute in seinen Büchern niederschlagen. Er entschied sich gegen eine Laufbahn als Schriftsteller und wurde Pfarrer in einem Dorf bei Dresden. Heute ist Lehnert Studienleiter an der Evangelischen Akademie Wittenberg. In all den Jahren blieb der poetische Antrieb stark und andauernd. Zwischen 1997 und 2008 erschienen vier Lyrikbände.
In den Bildern von Wüste und Pilgerschaft befragen Lehnerts Gedichte die Möglichkeit eines neuen Glaubens, kommen aber auch auf die Altlasten der deutsch-deutschen Geschichte zurück. So in Auf Moränen (2008), wo der Zyklus „Zungenreden“ von den Bausoldaten von Prora und Merseburg handelt. Dann aber erhebt sich aus dem Geröll der Geschichte die Dichterstimme zu Nachtwachen. In der zwanzigsten Vigil heißt es:

Diese Mühe, die es mir bereitet,
G-l-a-u-b-e zu schreiben.

Glaube ist kein Besitz. Das lyrische Ich bleibt auf der Suche.

Auch Lehnerts neuer Gedichtband Aufkommender Atem spricht davon. Der Atem im Titel verweist auf das Pneuma des Neuen Testaments, auf die Verheißung des pfingstlichen Windes. Wir lesen ein lyrisches Stundenbuch. Es kreist in seinen aus kurzen, zumeist achtzeiligen Gedichten um die Fragen von Gottes Existenz, um Wahrheitssuche und Gebet. Wenn man will, darf man es auch als ein Pilgerbuch auffassen. Seine Stationen sind Dresden, das Erzgebirge und Lanzarote. Wittenberg erscheint als Fixpunkt der Bilder und Meditationen.
Lehnerts Gedichte sind von konkreter Erfahrung inspiriert und durchdrungen. Sie kommen in melodischen Zeilen und Reimen daher, behalten aber ihren Kontakt zum Alltag. So erscheint dem Dichter in einem Felsspalt der Landschaft Lanzarotes „ein wunder Gott / und blutet, dämmert, dort läßt ihn kein Wort / wie das Wort ‚Gott‘ in sich verlassen sein“.
Das ist schon der härteste Ton, den Christian Lehnert anschlägt. Oft genügt ihm eine schlichte Beobachtung, die ins Epiphanische spielt. So löst der Blick auf ein Faltboot eine tröstende Stimme aus:

Schau nicht zurück, wenn du die Blüten streust,
wenn du die Asche wirfst, wenn du dich freust,
daß jemand langsam deinen Namen schreibt.

Lehnert ist ein diskreter Metaphysiker. Er schwenkt kein Weihrauchfass und verfällt nie ins Predigen. Er gewinnt auch den skeptischen Leser – wenn nicht unbedingt für die Sache, so doch für das Gedicht.
Alle seine Gedichte haben Charme. Manches könnte vielleicht härter gefügt sein. Einige Anfänge erinnern an Rilkes „Stundenbuch“ – etwa „Der Tag ist still und wartet auf dein Kommen“ oder „Du bist mein Schlaf und meine späte Stunde“. Und wenn Lehnert ein Gedicht etwas locker mit dem Vers enden lässt, „Und male Gott an jede leere Wand“, möchte man Rilkes Warnung erinnern:

Wir dürfen dich nicht eigenmächtig malen.

Nein, eigenmächtig malt Lehnert nicht, und das Plakative ist nicht seine Sache. Der Leser begleitet ihn deshalb gern und fühlt sich niemals gegängelt.
Erstaunlich ist, wie gut hundert Jahre nach Rainer Maria Rilke eine Sprach- und Stil-Lage wiederkehrt, die die Moderne für längst erledigt hielt. Das ist für Christian Lehnert kein Problem. Gott ist für ihn keine Frage des Stils. Er weiß, ja er wusste immer schon:

Der Heimweg war von Anfang an so nah.

Harald Hartung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.11.2011

Ausschau nach dem Göttlichen

Schon in den ersten Veröffentlichungen des Dresdner Lyrikers Christian Lehnert war die Auseinandersetzung mit Gott und der biblischen Überlieferung zentrales Thema. Auch Aufkommender Atem, Lehnerts fünfter Gedichtband, geht der Frage nach, wie die Welt jenseits ihrer physischen Realität beschaffen ist. –

Die Katzen haschen nach dem Ahornblatt,
das auf der Wiese treibt vor dem Gewitter.
Ich aß fast nichts am Abend und bin satt
die ganze Nacht, am Morgen schmecken bitter
die Zungenwurzel und das Augenlicht.
Ich weiß nicht, was ich heute beten soll –
in Bitten fassen, was an Sinn gebricht?
Ich lese, lese mir den Rachen voll.

Unüblich ist es in unserer säkularen Zeit, von Gott zu dichten, vom christlichen Glauben oder gar vom Gebet. Welche Gründe es dafür auch immer geben mag, einer wird sicher die Furcht sein, mögliche Leser, ungläubige Leser auszuschließen, ja abzuschrecken. Christian Lehnert allerdings zeigt in Aufkommender Atem wie schon in Der gefesselte Sänger oder Der Augen Aufgang, das eine solche Furcht ganz unbegründet ist. Denn auf der Suche ist ein jeder, ein jeder Lyrikleser zumindest: Gedichte lesen heißt immer auch, von jener Wirklichkeit erfahren zu wollen, die nicht greifbar, die dank der Sprachkunst einiger weniger aber erahnbar ist, jenem metaphysischen Raum, der sich hinter den Dingen verbirgt.

Du bist mein Schlaf und meine späte Stunde,
du bist die Gier, von der ich nie gesunde,
ich atme dich und atme, wenn du fehlst,
den Brandgeruch, die Leere, wo du schwelst.
Du bist die Glashaut, die gefüllt mit Staub
Von Zeit spricht – feine Blutung, ungenau.
Du bist, was ich vergaß, bist mir verborgen –
nachdem ich nicht mehr bin, der frühe Morgen.

Was fremd ist, was anders ist, weiß Christian Lehnert trickreich zu umkreisen. Aufgebaut ist sein neuer Gedichtband dabei als eine Art poetisches Tagebuch. Von November 2008 bis Dezember 2009 reichen die Aufzeichnungen, jeweils achtzeilige, meist gereimte Gedichte. Menschen tauchen in ihnen kaum auf, auch von Gott direkt ist selten die Rede. Die Gedichte in Aufkommender Atem sprechen vielmehr von sinnlichen Eindrücken, von Landschaften, meist Flusslandschaften, sie evozieren Tiergeräusche, Regentropfen, Nebelschleier. Es sind leise Gedichte, zugleich aber fest in der Form, stets von einer starken rhythmischen Struktur bestimmt. So klein und beiläufig sie auf den ersten Blick wirken, sind sie doch bis ins letzte durchgearbeitet, sind keine Gelegenheitsgedichte oder bloße Impressionen. Sie nehmen die Sprache ernst, wiegen das Gewicht eines jeden Wortes. Nur so, und das zeigen die Verse Lehnerts auf ein Neugeborenes, lässt sich dem mit Worten nahe kommen, was eigentlich unsagbar ist.

Sie schläft, ihr Köpfchen hat noch keine Dauer,
ist weich und offen, zuckt, das Pulsen trägt
nur bis zum Bettrand, Schaum ins Schilf geweht,
vom Osten kommt ein warmer Regenschauer,
läßt Spieglungen im See erzittern. Morgen
Bedeutet nichts, berührt nicht dieses Kind,
denn noch ist selbst sein Atem unbestimmt,
und was es weiß, hat noch kein Wort.

„Wo war der Augenblick Wärme, bevor ich ihn spürte“, fragt Lehnert, „was ist es, das sich in den Zweigen regt, wenn letzte Blätter aus dem Vorjahr fallen“. Der Dichter hält, wenn man so will, Ausschau nach dem Göttlichen. Andere würden es Liebe nennen, oder Poesie. Am Ende kommt es darauf nicht an. Entscheidend ist vielmehr, dass es Lehnert in Aufkommender Atem versteht, sinnliche Beschreibung und intellektuelle Reflexion behutsam miteinander zu verschränken. So kann man mit ihm schauen, mit ihm denken.

Tobias Lehmkuhl, Deutschlandfunk, 4.4.2012

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Christian Lehnert Aufkommender Atem

Dieser Befund hat Seltenheitswert. Im deutschen Feuilleton wird ein zeitgenössischer Dichter dezidiert als religiöser Dichter beschrieben und das durchaus ganz ohne Häme, vielmehr mit einem Anflug von Staunen, ja Bewunderung, mit einem Impetus „Seht her, es gibt sie doch, es gibt sie wieder – eine religiöse Dichtung!“
„Man darf ihn einen religiösen Dichter nennen“, schreibt Harald Hartung in seiner Besprechung des neuesten Gedichtbandes Aufkommender Atem in der FAZ, und Michael Braun nannte ihn sogar einen „Nachfahren der Mystik“ (in Freitag vom 7.5.1999 und in Basler Zeitung im März 2003).
Die Rede ist von Christian Lehnert, 1969 in Dresden geboren und während der DDR-Zeit mit ihrer atheistischen Doktrin aufgewachsen. Den obligatorischen Wehrdienst hat er verweigert, stattdessen musste er als „Bausoldat“ arbeiten: bei den kasernenartigen Kolossen in Prora auf Rügen, eine Hinterlassenschaft aus einer anderen Diktatur. Diese traumatischen Erfahrungen musste und wollte er aufarbeiten. Die Wahrheit, verbogen und verlogen während einer Diktatur, musste er neu suchen: in der Sprache und im Glauben. Dafür musste viel Gedankenmüll, viel Sprachschutt durchgewühlt werden auf der Suche nach dem Korn Wahrheit. Die Wende muss für ihn Befreiung gewesen sein. Christian Lehnert begann ein Studium der Theologie und der Orientalistik, das ihn zu den heiligen Stätten der Christenheit in Israel und Palästina führte. Seine Suchbewegungen fanden in der Verbindung von Poesie und Theologie sehr bald ein „Klanggewölbe für die Stimmen der poetischen Mystik“. (Lehnert)
Aufkommender Atem ist Lehnerts fünfter Gedichtband. 1997 veröffentlichte der Suhrkamp Verlag seinen ersten Lyrikband Der gefesselte Sänger. Es folgten Der Augen Aufgang (2000), Finisterre (2002) Ich werde sehen, schweigen und hören (2004), Auf Moränen (2008). Die jeweiligen Titel der Gedichtbände sind zugleich Programm, führen hinein in den Kosmos des Dichters. Lehnerts Sprache ist von Anfang an verhalten, die Gedichte streng in ihrer Komposition, oft mit Reimen – hierin dem Kirchenlied ähnlich – einer poetischen Verwandtschaft, die sicher nicht zufällig ist. Zugleich erinnern Lehnerts Verse an die Lyrik eines Rainer Maria Rilke aus seinem „Stundenbuch“, bei dem es sich ebenso wie bei den Gedichtbänden Christian Lehnerts um „geistliche“ Lyrik – wenn auch im weitesten Sinne – handelt.
Trotzdem: dass ein heutiger Dichter sich ungeniert traut, über Gott, die Schöpfung, das Heilige, die Passion, Golgatha, über Beten und Verzeihen oder vom „Spiegel in einem dunklen Wort“ des Apostels Paulus zu sprechen, das verwundert und begeistert und lässt das Diktum Gottfried Benns, „Gott ist ein schlechtes Stilprinzip“ alt aussehen. Denn gerade das Stilprinzip beherrscht Christian Lehnert auf vollkommene Weise. Ihm gelingen Sonette ebenso wie Verse mit freien Rhythmen. In seinem neuen Gedichtband komponiert er größtenteils strenge Achtzeiler mit Kreuzreimen.
„Ich habe ein Geländer, / das ich mir selber halte, es ist fest“ heißen Verse in seinem neuen Gedichtband und geben Auskunft über das, was dem lyrischen Ich im Verlaufe seiner spirituellen Wanderschaft zur Gewissheit geworden ist: die Dauer in der Unstetigkeit, die Geborgenheit im „aufkommenden Atem“ eines Heilsversprechens.

Ich bin geduldig, warte nicht, die Zeit
kann keiner Ankunft als Begründung dienen“

Man fühlt, hier denkt einer weit über sich selbst hinaus. Mit Datum und Ortsangabe versehen kann man den Dichter über ein Jahr begleiten und den „aufkommenden Atem“, der an das Pfingstereignis des Heiligen Geistes denken lässt, von Gedicht zu Gedicht spüren.

Es ist Gottes Tun, das ich nicht fasse
und das mich birgt, das um mein Leben ringt
.

Und immer spürt man als Leser diese Ambivalenz zwischen Unruhe und Gewissheit, zwischen Vergeblichkeit und der Zusage des Heils, der Heilung, zwischen Golgatha und Auferstehung.

Das Schweigen können Einzelne nicht brechen,
Wir sind erwartet. Wie ein leerer Rahmen
beginnt am Hang der Wald, hat keinen Namen:
Daß nichts bestimmt ist, das ist sein Versprechen.

Christian Lehnert war Pfarrer in einem kleinen Ort bei Dresden, bevor er seit kurzem zum Studienleiter an die Evangelische Akademie in Wittenberg berufen wurde. Es ist den sorgsamen Gebrauch von Worten gewohnt. Dass er nicht predigerhaft Gewissheiten verkündet, sondern seine eigenen Fragen und auch Zweifel über das Woher und Wohin, das Warum und das Wie hineingießt in seine Poesie, macht sie glaubhaft und lässt auch den Leser, der sich auf die Gedichte einlässt, einen pfingstlichen Atem spüren. Lehnert schafft es, Vertrauen in offenbar nicht Evidentes zu vermitteln in alltäglichen Erfahrungen von Verlust, Verrat, Einsamkeit und Schmerz.

Doch, daß der Augenschein nicht stimmt, daß jeder
zerhackte Stamm, die Finger ohne Kuppen,
die Kinderaugen, die nichts mehr begreifen,
weil den Geschichten nicht zu trauen ist,

weil nichts zurückbleibt in den Sätzen, weder
das Haus, noch Schmerz, das Holz im dunklen Schuppen,

weil niemand weiß, wohin die Laute weisen,
in wessen Sinn, wo du, Vater, bist.
( 8. Juni 2009)

„Religion“, so hat Christian Lehnert in seiner Dankrede zur Verleihung des Lessing- Förderpreises 2003 formuliert, ziele „über die Widersprüche und Zufälligkeiten des Lebens hinaus auf eine fremde Mitte zu, wo jedes Bild, jeder Begriff, jeder Name verstummt“. Wo aber Begriffe versagen, dort kann Poesie beginnen. Und wo Poesie und Religion sich berühren, findet sich Mystik, ein Ineinssein ohne Begründung. Was bei einem Angelus Silesius, dem berühmten Theologen und Dichter aus der Barockzeit, so heißt:

Die Ros ist ohn Warum.
Sie blühet, weil sie blühet.
Sie acht nicht ihrer selbst,
fragt nicht, ob man sie siehet.

Oder:

Halt an, wo läufst du hin, der Himmel ist in dir:
Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.

Oder:

Ich bin so groß als Gott, er ist als ich so klein.
Er kann nicht über mich, ich unter ihm nicht sein.

das liest sich bei einem modernen Nachfahren wie Christian Lehnert so:

Du bist die Aussicht und du bist das Auge,
das über Auenland und Sümpfe streift,
ein Weg, der nicht zu gehen ist: Der Taube
hört nicht den Wind und folgt den Gräsern, greift

in Wurzelbüschel, und er fühlt sich reich.
Du bist der andere und bist derselbe.
Du bist das grüne Blatt und bist das gelbe.
Du bist, der bleibt, und der, der immer weicht.
(2. November 2009)

Es herrscht eine eigentümliche Stille in den Gedichten Christian Lehnerts. Die überträgt sich auf den Leser, so dass er plötzlich wie neu in sich hineinhören kann.

Ilka Scheidgen, Die Tagespost, 25.2.2012

„Nach Osten: Sieh nur, dieses Schauen!“

– Elbe bei Wittenberg. Dübener Heide. Horni Blatná, Erzgebirge. Dresden. Müglitztal, Osterzgebirge. Las Brenas, Lanzarote. Und immer wieder: Wittenberg. Ortsangaben, die Christian Lehnert den Gedichten des Zyklus Aufkommender Atem angefügt hat, der seinem neuen Lyrikband Mitte und Titel gibt. –

Buchstäbliche Fußnoten zum Gedicht, die den Standort des Autors kenntlich machen. Eine nützliche Beigabe. Denn Lehnert bietet, wenn er über Land zieht, keine Postkartenpoesie. Das heißt: Er malt nicht wie ein Naturdichter alter Schule die Mitwelt in Worten ab. Setzt keinen Baum oder Berg noch einmal in Szene, viel mehr achtet er auf die flüchtigen Medien: das Licht, den Wind, den Ton, der eine Landschaft durchzieht. Oder das, was über diese hinwegfliegt: Amsel, Schwan oder Fledermaus. Weniger ein Beschreibungs- als ein Wahrnehmungsdichter ist der protestantische Theologe vom Jahrgang 1969, der seit 2008 als Studienleiter für Theologie und Kultur an der Evangelischen Akademie Wittenberg tätig ist. Ein Dichter, bei dem äußeres an inneres, immer reflektiertes Erleben gebunden ist.
„Du sprichst noch, Wasser, sprichst noch immer weiter“: So hebt das dritte Gedicht des titelgebenden Zyklus an, notiert am 27. Dezember 2008. Das fährt fort:

… und mit dem Strom lauschst du ins Weite, sprichst
mit dem Geräusch, und immer noch verzweigter,
an langen Deichen, die du sickernd brichst

wie Schweigen, Häuserreihen.

Zeilen, die in topografischer Hinsicht ortlos sind. Und das, ohne dass diesen Versen etwas von ihrer Eindrücklichkeit verloren geht. Aber der dann doch gelieferte Zusatz „Elbe bei Wittenberg“ zieht einen schlanken Rahmen um das Geschehen. Betont die Zeitgenossenschaft, die der Dichter mit seinen Lesern teilt.
Besser: die Jahreszeitengenossenschaft. Denn Lehnert bietet mit seinem nunmehr fünften Gedichtband einen Gang durch die Zeit: „Jahrein“ heißt die erste Abteilung, „Aufkommender Atem“ die zweite, „Trost (Moments musicaux)“ die dritte. Alles, was hier geschieht, ist unmittelbar lebenswirklich oder mittelbar religiös zu begreifen, so wie bei Lehnerts neuen Gedichten das Weltliche immer – unaufdringlich! – neben dem Geistlichen liegt.„Aufkommender Atem“: Das wäre denn auch so elementar biologisch wie theologisch zu lesen – der Schöpferatem, der belebt und beseelt. Das meint mehr und anderes als nur: aufkommender Wind. Aber man muss es nicht theologisch lesen. Was Lehnert zeigt, sind Zeiten des Erwachens. Was ihn interessiert: Wie kommt ein Ich auf die Welt, wo findet es Halt? In der Herkunft, dem Naturerleben, der Kunst, im – abwesenden – Gott?
„Vorfrühling“ heißt das Auftaktgedicht:

Die Amsel zögert noch in einer Welt,
die innen stumm ist, außen kaum zu fühlen,
im Schnee. Als hätte sie sich vorgestellt,
zum Fliegen sei ein Ton herabzukühlen,
der Wind sei ein bestimmtes Intervall,
so klar wie Eis. Im Schwarm allein, das eine
gefiederte Erwachen…

Und dann eine Zeile wie:

Noch scheint die Sonne aus der Luft gegriffen

Mit meisterhaft wenigen Strichen ist das da: Scheinwärme und Scheinfrühling, der ein Nochwinter ist.

Alles erstaunt an diesen Gedichten: Deren programmatische Kühnheit, deren sprachliche Könnerschaft. Kein Pointen-Effekt, kein Slang. Sprache, um nicht Benanntes zu fassen. „… nach Osten: Sieh nur, dieses Schauen!“ endet ein Gedicht. In der Tat: Wann hat man solche Naturlyrik zuletzt gelesen? Ein wie selten gelungenes Buch.

Christian Eger, Mitteldeutsche Zeitung, 25.10.2011

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Thorsten Schulte: „Das Atmen ist Vertrauen ohne Sicht“
literaturkritik.de, Februar 2012

 

Christian Lehnert sprach am 1.11.2011 in der literaturwerkstatt berlin mit Nico Bleutge über seinen jüngsten Band Aufkommender Atem.

 

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Ins Offene

– Musikalität und Sakralität in den Gedichten Christian Lehnerts. Laudatio zur Verleihung des Hölty-Preises für Lyrik an Christian Lehnert am 12. September 2012 in Hannover.–

Ich will nicht mit dem beginnen, was ich über Christian Lehnert denke, ich will mit dem beginnen, was ich an ihm bewundere. Ich bewundere an ihm, daß seine Dichtung Gesang ist, wehendes Lied, ein Lied der Höhe, der Tiefe, der Weite, ein Lied, das vom Schauvermögen der Sinne, von der Nennkraft der Worte und von der Frageunruhe des Geistes lebt. Hören wir:

Ich hab geschlafen, ich war wach,
ein langes Flügelschlagen.
Man hat gesucht nach mir, ganz schwach
beginnt es blau zu tagen.

Der Tag ist eine hohe Wand.
Ich bin nicht dort, nicht hier.
Mich nahm der Nordwind bei der Hand,
und keiner weiß von mir.

Daß unter den Händen dieses sächsischen Dichters, eines Mannes, der von Beruf Pfarrer ist, Prediger, einer, der Nietzsche zufolge „Gewissen in seinen Ohren hat“, daß also bei diesem Dichter das Lyrische sich das Musikalische, ja das Liedhafte zurückerobert hat, ist etwas Außerordentliches. Denn das war nicht von Anfang an vorgesehen. Lehnert begann 1997 mit einem Band, der nicht von ungefähr Der gefesselte Sänger hieß. Zwar gab es schon da Verse in strenger, metrischer Form, Terzinen und Sonette, aber das waren Ausnahmen. 2011, beim jüngsten Band, der nicht weniger bezeichnend Aufkommender Atem heißt, hat der Sänger die Fesseln abgelegt. In diesem Buch ist alles zu Gesang, zu Musik geworden. Musik ist ja, laut Schopenhauer, die königlichste der Künste. Wie die Musik zu werden, sei das Ziel jeder Kunst. „Das unaussprechliche Innige aller Musik“, sagt er, „vermöge dessen sie als ein so ganz vertrautes und doch ewig fernes Paradies an uns vorüberzieht, so ganz verständlich und doch so unerklärlich, beruht darauf, daß sie alle Regungen unseres innersten Wesens wiedergibt, aber ganz ohne die Wirklichkeit und fern von ihrer Qual.“
Das alles beginnt schon beim einfachsten Lied. Hören wir das schöne Legato von Christian Lehnerts Jamben:

In mich hinein sieht eine klare Nacht.
Ich bin ihr Wort und fange eben an,
es zu verstehen, und sie wartet, wacht
bei meinem Herzen, daß ich ruhen kann.

Ein Lied ist mehr als Rhythmus und Klang, ein Lied ist Melodie, das Rätselhafteste, was es überhaupt aus Menschenmund gibt. Sie wiegt die Welt und wiegt das Ich in wundersamen Resonanzen. Es kommt aus dem Hören, und es geht über ins Sehen. Es kommt aus dem Sehen und geht über ins Hören. Klangliche Anschaulichkeit, akustisches Leuchten, gebunden in Rhythmus und Reim.
Der Reim hat lange Zeit schlechte Karten gehabt in der modernen Lyrik, aber das ist vorbei. Auch Lehnert gewinnt mehr und mehr Zutrauen zu ihm. Natürlich wurde viel Schindluder damit getrieben. Aber wie bei allen Dingen dieser Welt gilt auch hier: man muß eine Sache von ihrem Besten her auffassen. Karl Kraus, der Zuchtmeister der deutschen Sprache, sagt:

Der Reim ist nur dann einer, wenn der Vers nach ihm verlangt, ihn herbeigerufen hat, so daß er als Echo dieses Rufes tönt. Aber dieses Echo hat es auch in sich, den Ruf hervorzurufen.

Ähnlich liegen die Dinge beim Rhythmus. Literarisches Schreiben ist ein zutiefst rhythmischer Vorgang. Der Schweizer Komparatist Hans-Jost Frey sagt:

Das rhythmische Gesetz des produktiven Schreibens läßt in jedem Augenblick der Textentstehung das Bevorstehende aus dem hervorgehen, was schon dasteht. Rhythmisch schreibt, wer die Sprache nicht nur benützt, sondern sich in ihr bewegt und sich von ihr bewegen läßt, in absichtsloser Voraussicht findend, ohne gesucht zu haben, und heimgesucht werdend, ohne auf das Erfinden zu verzichten.

Damit sind für das Werk Christian Lehnerts wichtige Stichworte gefallen. Von der gebundenen Sprache, den Versen selbst geht ein Verlangen, ein Herbeirufen aus, und durch die Sprache selbst stellt sich ein Finden ein.
Hören wir:

Die Füchse liefen lange in die Stadt,
sie ließen Zähne und sie ließen Haar.
Die kurze Stund, der trockne Schlund ward satt,
wo nichts zu fressen, nur noch Hunger war.

Der Morgen fiel auf Asphalt und auf Glas.
Sie spürten schon die Sonne, sahen Wellen
durch Steine gehen wie durch hohes Gras
und fingen an zu hecheln und zu bellen.

Das sind auf schöne Weise rätselhafte Verse. Die Silben schwingen in Reim und Assonanz, in dunklen und hellen Vokalen. Sie sind wie Rufe, Rufe hin zu anderen Wesen und Rufe hinaus in die Welt. Und die Welt und die anderen Wesen antworten. Gesang ist mehr als nur Selbstexpression des Singenden. Das Melos erzeugt einen Wir-Raum, gleichsam einen Chor, eine Gemeinschaft derer, die in ihn einstimmen und sich von ihm tragen lassen. Gesang ist Hingabe. Sie erlöst vom schmerzhaften Erlebnis der Vereinzelung. Könnte man diese Hingabe genauer fassen, hätte man den Schlüssel zum Verständnis des Dichters.
Wer wie Christian Lehnert die Sprache so musikalisch zu handhaben weiß, wem die melodische Gestalt der Verse für das lyrische Sprechen wichtiger ist als der Begriffsinhalt der Worte, die Logik der Sätze, der ist ein Dichter, von dem man sagen darf, daß er vor allem Stimme ist, gleichsam ein Instrument, das einen Ton von ganz bestimmter Höhe, Stärke, Farbe, Schwingung hat. Lehnerts Vers vibriert im Hohen Ton, in dem, was die Rhetorik das genus grande nennt. Dem Hohen Ton ist es lange Zeit so ergangen wie dem Reim und dem festen Metrum. Man hat ihn gemieden. Aber nun ist er wie aus dem Exil zurückgekehrt. Warum der Hohe Ton, warum das Pathos verbannt war, das Pathos, von dem Hegel sagt, es bilde den eigentlichen Mittelpunkt, die echte Domäne der Kunst, denn es berühre eine Saite, welche in jedes Menschen Brust widerklingt, warum die Dichter eine Weile all das mieden, das zu erzählen wäre eine lange Geschichte, zu lang für hier und heute. Doch einen kurzen Hinweis will ich geben. Pathos ist Glut, Identifikation, Enthusiasmus der Seele. Es beschwört, ruft an und ruft auf. Wie das auf Erhöhung zielende, um seine Macht wissende Wort in sakralen Handlungen. Im Pathos ist der Mensch, ohne es zu ahnen oder zu wollen, ein Fürsprecher Gottes. Enthusiasmus kommt vom griechischen enthousiazein, zu deutsch, von einer Gottheit begeistert sein. Man braucht dies wenige nur auszusprechen, um zu begreifen, daß sich unsere nüchterne, verehrungsunwillige, von Visionen enttäuschte Zeit in nichts so sehr gefällt wie in der Ablehnung dessen, was man die Autorität des Ergreifenden nennen könnte. Denn das ist es, das Pathos, es greift nach uns. Das Gebiet ist übrigens übersät von Mißverständnissen. Pathos wird gleichgesetzt mit Pomp und Schwulst, mit donnernden Botschaften, weihevollen Überhöhungen, unerschütterlicher Wahrheitsgewißheit. Es gibt aber auch leises, verhaltenes Pathos. Es gibt nicht nur Victor Hugo und Walt Whitman, es gibt auch Rilke und Schubert. Und gerade das verhaltene Pathos begegnet uns bei Christian Lehnert. Der polnische Dichter Adam Zagajewski beobachtet in der zeitgenössischen Lyrik ein Mißverhältnis zwischen erhabenem und niederem Stil, zwischen starker Geistigkeit und dem Geschwätz selbstzufriedener Kunsthandwerker. Er hat den Eindruck, daß es eine Art feiges Appeasement gibt, eine Politik der Ausflüchte und Zugeständnisse in bezug auf den literarischen Beruf. Ein Hauptsymptom dieser Schwäche sei der Niedergang des Hohen Stils, das Ausweichen vor dem Tragischen und Metaphysischen und die überwältigende Dominanz des niederen, lauen, ironischen Konversationsstils. Das völlige Ausmerzen des Erhabenen, so Zagajewski, führe zu einer Landschaft, in der vielleicht Schachcomputer, aber keine lebendigen, sterblichen Wesen existieren können. Natürlich müsse das Erhabene von neoklassizistischem Prunk, von Alpenstaffage und jeglicher Theatralik befreit werden. Dann könne es auch in der Moderne das Wahrnehmen des Weltgeheimnisses sein, ein metaphysischer Schauder, eine Erleuchtung, ein Gefühl der Nähe zu etwas nicht in Worte zu Fassendem.
Christian Lehnert ist einer, der von diesem Gefühl der Nähe zu etwas nicht in Worte zu Fassendem beseelt ist. Hier ist der Quell seiner Dichtung. Und das Paradoxe dieser Nähe besteht darin, daß ihr wärmendes Licht sich bei ihm an der Ferne und in der Ferne entzündet. Einer Ferne, in der sich durch das Erleben von Weite Unendlichkeit aufbaut, auch vertikale Unendlichkeit, etwas, das im Alltagsleben unsichtbar und in der Alltagssprache unhörbar ist. Lehnert kennt das Meer, die Berge, die Wüsten, das Unter- und das Überirdische. Das Durchschreiten des Ödlands auf der Halbinsel Sinai, das Pilgern zum Rand der Welt am Cap Finisterre, das nächtliche Wandern durch die Höhlengänge des Schlafs, das Sich-schaukeln-Lassen von den Wirrnissen des Traums, all das ist ein Weg in die Ferne, in die Fremde, in die Weite. Und auch der Hohe Ton ebnet den Weg dorthin.
Lehnerts Gedichte sind eine Art Jakobsleiter, Stufengesang hinauf, Stufengesang hinab, eine traumbewegte, geistbelebte Vertikalität. Sie beginnt bei den Steinen und endet bei Gott. Hören wir:

Als schliefen Steine aus von ihrem Lauschen
nach unten, in das Echo eines Bebens,
es fallen, fallen Reiche all, ein Rauschen
erfüllt den Tunnel, wo die Lichter schweben.

Mein Gott, so fall ich hier in dieses Zittern
der Gleise, und du trägst mich, formst mich fort
von mir und dir, in steter Zugluft wittern
die Tiere Raum, das ungesagte Wort.

Da ist sie wieder, die Hingabe, von der ich sprach. Das Besondere an ihr ist das Oszillieren zwischen Religiösem und Poetischem. Und darin die rätselhafte Stellung des Ichs und der Ich-Stimme. Oft scheint es, als sei dieses Ich nichts anderes als der Akteur einer liturgischen Sprechbewegung. Als verschwinde das Ich gleichsam in der Bewegung der Sprache. Der Vers selbst scheint zu sagen: Langsam spreche ich mich in die Welt hinein, langsam spreche ich mich aus der Welt heraus.
Alles Verweisen auf das Religiöse geschieht lautlos, wie im Verborgenen, in äußerster Diskretion. Das Göttliche hat in den Gedichten Lehnerts nichts Autoritatives. Die Poesie unterwirft sich nicht. Gott ist in ihr ein unbewohnter Name, „ein reines, leeres Feld“, wie es in einer Zeile heißt. Rilke hat einmal, als es um das poetische Sprechen über Gott ging, gesagt:

statt des Besitzes erlernt man den Bezug.

Und dieser Bezug wirkt wie ein Ferment. Er weitet den Raum, und er dehnt die Zeit. Den Raum, der um uns ist, und den, der in uns ist. Die Zeit, die vor uns war, und die, die nach uns kommt.
So verstanden, bewirkt das Religiöse ein Sich-Öffnen für ein über unser Ich hinausweisendes Feld von Bezügen. Darin ist es innig mit dem Poetischen verwandt. Beides verlangt höchste, nach außen und nach innen gerichtete Aufmerksamkeit. Auf das Religiöse muß man warten können, wie man auf das Poetische warten können muß. Sein Auftauchen kann nicht erzwungen werden, es kommt, sagt Peter Handke, aus einem genaueren, inständigeren Hören und Hinhören, aus einem genaueren, erwartungsvollen, geduldigen Schauen und Hinschauen, aus einem Spüren, einem Aufspüren, aus einem Auf-sich-übergehen-Lassen von Dingen und Erscheinungen.
Religiöses Wahrnehmen ist nicht minder fragil als poetisches Wahrnehmen. Religion ist Selbstentflammung des religiösen Geistes, Poesie Selbstentflammung des poetischen Geistes. Die Flamme kann groß, die Flamme kann klein sein. Was aber, wenn sie erlischt? Es gibt hier kein ewiges Feuer.
Deshalb die Liturgie, das liturgische Sprechen. Es fungiert nicht nur als Vollzug der Selbstentflammung, sondern auch als ihr Statthalter. Denn beide, Poesie und Glaube, sind ständig auf der Flucht, entziehen sich stets von neuem. Sie begegnen als Epiphanien. Aber Epiphanien sind selten. Den Alltag des geistigen Lebens regieren Prosa und Profanum. Nur die sinnende, singende Sprache hält Wache am großen Tor. Damit Poesie und Sakrum nicht unbemerkt passieren. Der Dichter steht im Warten und Erwarten. Er betreut die Geduld. Er verrät nicht den Glauben an das Wissen. Denn wir wollen nie vergessen: Schönheit und Güte des Menschen kommen von dem, was er glaubt, was er lebt, nicht von dem, was er weiß.
Was aber glauben wir? Das ist eine der großen Fragen, die das Werk Christian Lehnerts durchziehen. Doch ist es bei ihm weniger eine Frage des Zweifels als eine des Offenhaltens. Offenhalten, damit etwas einströmen kann. An einer Stelle sagt er:

Was ich glaube, ist ganz unverstanden

Hören wir noch einmal seine schönen Jamben:

Du bist die Aussicht und du bist das Auge,
das über Auenland und Sümpfe streift,
ein Weg, der nicht zu gehen ist: Der Taube
hört nicht den Wind und folgt den Gräsern, greift

in Wurzelbüschel, und er fühlt sich reich.
Du bist der andere und bist derselbe.
Du bist das grüne Blatt und bist das gelbe.
Du bist, der bleibt, und der, der immer weicht.

Das ist glaubhafte poetische Gottesansprache, diskret und verhalten. Der Sprechende spricht nicht nur als Suchender, auch als Findender. Das ist mehr als ein Zwiegespräch der Null-Theologie mit dem ewig abwesenden Gott. Aus reiner Negativität keimt keine Poesie. Die Verse suchen Anfängliches, Werdendes, Ungesagtes, den aufscheinenden Ursprung. Und sie finden Anklänge, Resonanzen, Spuren der Wahrnehmung und der Erinnerung.
Lehnerts dichterische Hinwendung zum Ursprünglichen hat einen zeitdiagnostischen Hintergrund. Er teilt George Steiners Auffassung, daß wir in einer Spätzeit leben, daß unsere Epoche nicht nur Defizite an Vergangenheit, sondern erstmals auch ein Defizit an Zukunft hat. Wir sind müde geworden. Es herrscht Erwartungslosigkeit. Steiners Lagebeurteilung gipfelt in dem Satz:

Wir haben keine Anfänge mehr.

Lehnerts Dichtung versucht, dieser Lage zu entkommen. Ursprung ist das Ziel. Ursprung als Offenheit. Die Welt und sich selbst zurück in die Offenheit stellen. An den Rand der Welt, in die Fremde, in die Ferne. Dorthin, wo der Mensch als Welthersteller, als Homo faber, nicht zugegen ist. Wo er aus der Gefangenschaft des Machens heraustritt. Wo die Welt ihre Werkstattgestalt, die Signatur der Arbeit und der Wissenschaft – ediert und sich zurückbiegt in die Schöpfungsfrühe, in den Anfang ihres Werdens, in die Gottesnähe. Und so auch in den Anfang aller Sprache. Sich von den ausgelaugten Worten befreien, von den eingewohnten Vorstellungen, von den petrifizierten Begriffen, von den routinierten Abstraktionen, von den verbrauchten Bildern, von den gealterten Gedanken. Hinaus ins Offene, zurück in die Verjüngung, voraus in die Transzendenz!
Dem Offenen frei begegnen kann nur der, der selber offen ist. Dessen Ich unfest ist, liquide, dezentriert, unsicher, ja, schwankend. Über einen seiner Zyklen hat Christian Lehnert einen Zweizeiler aus Angelus Silesius’ „Cherubinischem Wandersmann“ gesetzt:

Ich weiß nicht, was ich bin; ich bin nicht, was ich weiß;
Ein Ding und nit ein Ding, ein Stüpfchen und ein Kreis.

Dasselbe könnte auch seine Sprache, sein Sprechen von sich sagen. Das ist ja das Phänomenale am poetischen und am religiösen Erleben, daß es uns Momente verschafft, in denen nicht wir sprechen, sondern in denen wir gleichsam von anderen gesprochen werden. Wir verlieren unser Ich, werden ganz und gar durchlässig, werden Medium. Der große russische Theologe Pawel Florenski hat einmal gesagt, die Religion sei die Künstlerin der Errettung. Sie errette uns vor uns selbst. Was aber bedeutet das? Es gibt eine Antwort darauf, sie kommt aus Australien, vom katholischen Dichter Les Murray. Er hat sie in seinem Gedicht „Der Sinn der Existenz“ gegeben:

Alles außer der Sprache
kennt den Sinn der Existenz.
Planeten, Bäume, Flüsse, Zeit
kennen weiter nichts. Sie offenbaren ihn
in jedem Augenblick als das Universum.

Selbst dieser närrische Körper
lebt ihn zum Teil, und hätte
in ihm seine volle Würde,
wäre da nicht die unwissende Freiheit
meines sprechenden Geistes.

The ignorant freedom of my talking mind.
Christian Lehnert ist ein Wahlverwandter dieses Dichters. Auch er könnte sagen: Meine Verse kommen aus der unwissenden Freiheit meines sprechenden Geistes. So ist das mit dem poetischen Gesang, alles ist offen, alles kann geschehen.

Sebastian Kleinschmidt, Sinn und Form, Heft 4, Juli/August 2013

Jessica Brautzsch im Interview mit Christian Lehnert: „Ich sehe ihren Glanz“

 

Fakten und Vermutungen zum Autor
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Richard Pietraß: Dichterleben – Christian Lehnert

 

Dichter im Porträt: Christian Lehnert.

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