Christine Lavant: Der Pfauenschrei

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Christine Lavant: Der Pfauenschrei

Lavant-Der Pfauenschrei

ICH MUSS viel viel langsamer gehen,
sonst kommt mir mein Obdach nicht nach.
Mach dich tiefer und breiter, du Bach,
Stein, falle mir über die Zehen!

Was hilft es, wenn Ruten verwelken?
Die Fluchtängste fleischen sich ein
und das brennende Dachsüchtig-Sein
ist ein Zwang zwischen Nägeln und Nelken.

Doch ich darf und ich will nicht mehr eilen!
O Stoßgebet, wirf mich zurück!
Denn mein Nägelnest muß noch ein Stück
im Nelkenbeet erzgerecht teilen.

 

 

 

Bekannte Namen – neue Töne in Lyrikbändchen

Christine Lavant bringt auch in ihrem dritten Gedichtband die vertrauten Bilder und Allegorien um Natur und Kosmos, Landschaft, Dorf und Haus, um Staude und Getier, Morgenrot und Nacht und darinnen den Mond in immer neuen Formen von Deutung und Bedeutung. Unverkennbar auch ist der „Lavant-Ton“ in den musikalischen Rhythmen und eigenwilligen Wortschöpfungen, den überraschenden Parallelen und verblüffenden Gegenüberstellungen.
Auch hier ist viel Klage, Aufschrei, Beschwörung der Gewalten, die an ihr zerren.
Vielleicht will sie es nicht wahr haben („denn es ist ja meine Nacht und mein grosser Pfauenschrei“), aber es wird dennoch mehr und mehr Gebet in einem grossen, noch kreisenden und noch nicht konsequent ausgerichteten Alleingang zu Gott. Sie fühlt es selbst: „So wilde Freiheit war noch nie in einer finstern Andachtsenge“ – und „wechselt auch mein Taumel – Gehn in einen steilen Kreuzweg um“. Noch ist es Aufschrei. Noch ist sie allein:

In Feuer und Wasser denkt niemand klar –
Vergebt mir, Gottvater, Gottsohn und Gottgeist!
Ihr seid ja dreifaltig, ich bin so allein
und niemand weckt oben mein Schicksal.

Aber schon kündet sich der Aufbruch in Tönen inniger Demut:

Auch die schon tödlich erschöpfte Sonne findet noch immer die richtige Stelle, um übers Gebirge zu kommen.

Im Mittengedächtnis
im Herzbegehr
darf nimmer mich schwächen der Mond,
darf nimmer mich verstiefen die Sonne
und kein Stern mich für immer verwünschen
von der Seite meines Herrn.

Neue Zürcher Nachrichten, 14.12.1962

Weiterer Beitrag zu diesem Buch:

Paola Schulze Belli: Index zu Christine Lavants Dichtungen
Milano (Giuffrè), 1980

 

„Christine Lavant konnte auch richtig gut blödeln“

− Elisabeth Wigotschnig, Witwe des Christine-Lavant-Erben Armin Wigotschnig, über Klagenfurter Jahre der Lyrikerin, ihr Heimweh und Feste. −

Bettina Auer: Der Kulturraum Klagenfurt lädt morgen zu einer „Reise“ auf den Spuren von Christine Lavant durch die Landeshauptstadt. Wie kam es überhaupt zum Umzug der Lyrikerin nach Klagenfurt?

Elisabeth Wigotschnig: Christine Lavant wollte weg von St. Stefan und nach Klagenfurt, weil auch eine ihrer Schwestern, Anni Wigotschnig, der sie sehr verbunden war, hier lebte. Immer wenn sie in Klagenfurt war, hat sie bei Anni übernachtet. Als deren Mann überraschend verstarb, wollten die beiden Schwestern einander nahe sein.

Auer: Doch so schön, wie erhofft, war es für Christine Lavant in Klagenfurt dann nicht.

Wigotschnig: Nein. 1963 erlitt Josef Benedikt Habernig, Lavants Ehemann, einen Schlaganfall. Seine Tochter nahm ihn in Klagenfurt auf, um ihn zu pflegen. Christine war dazu gesundheitlich nicht in der Lage. Sie besuchte ihn aber regelmäßig, bis er 1964 verstarb. Anni erkrankte an Krebs. Armin und Christine haben mit ihr die letzte Zeit im Krankenhaus verbracht, bevor sie 1965 verstarb. Als sie 1966 in ihre Wohnung in den Sternhochhäusern zog, hatte sich die Situation also sehr verändert.

Auer: Gab es keine Möglichkeit, den Umzug abzusagen?

Wigotschnig: Nein, es war schon alles organisiert. Ich denke, der Magistrat hat ihr die Wohnung zur Verfügung gestellt. Sie wollte niemanden brüskieren.

Auer: Was waren die Probleme in Klagenfurt?

Wigotschnig: Sie hatte ein Leben lang in einem Dorf gelebt, wo die Leute sie kannten. Sie musste keine Rücksicht nehmen. Es war natürlich ein Problem, dass sie bei Tag die meiste Zeit schlief und in der Nacht dann arbeitete und auch die Wohnung aufräumte. Sie hat sehr schlecht gehört und gesehen, stieß daher gegen die Möbel und war laut.

Auer: Hat es je Beschwerden der Nachbarn deswegen gegeben?

Wigotschnig: Nicht, dass ich wüsste. Es war mehr ihre Sorge. Sie wollte keinen Konflikt, daher waren diese zwei Jahre in Klagenfurt sehr angsterfüllt.

Auer: Doch es gab auch schöne Momente?

Wigotschnig: Sie hatte nichts gegen Klagenfurt an sich. Sie hatte hier Freunde. Als wir in Wien lebten, hat sie uns besucht, zum Beispiel für Lesungen während der Festwochen. Sie lernte damals Prominente wie Lotte Tobisch kennen und war nicht schüchtern im Umgang mit ihnen. Vom Tonhof in Maria Saal kannte sie viele Schriftsteller wie Thomas Bernhard, der später einen Band mit ihren Gedichten herausgegeben hat. Sie war mit dem Ehepaar Lampersberg gut befreundet und konnte bei Festen im Tonhof unglaublich fröhlich sein und vor allem mit Gerhard Lampersberg konnte sie richtig gut blödeln. Sie hatte einfach sehr viele verschiedene Facetten.

Auer: Waren die Klagenfurter Jahre für Lavant prägend?

Wigotschnig: Sie waren nicht so wesentlich. Ihre literarische Zeit war damals praktisch schon vorbei.

Auer: Wie kam es schließlich zur Rückkehr ins Lavanttal?

Wigotschnig: Sie hatte einfach schreckliches Heimweh, vermisste ihre gewohnte Umgebung. Schließlich wurde sie krank und ist in ein Pflegeheim in Wolfsberg gekommen. Sie schrieb meinem Mann, dass sie nicht in die Wohnung zurückkehren kann und er hat dafür gesorgt, dass sie 1968 in das Lintschnig Haus in St. Stefan zurückkehren konnte. In den Sternhochhäusern wäre das Leben sicher komfortabler gewesen. In St. Stefan hatte sie ja nicht einmal ein Bad.

Auer: Ihr Mann Armin war Christine Lavants Neffe und stets ihr Vertrauter. Sie hat ihn zum Nachlassverwalter bestimmt. War es eine schwere Aufgabe?

Wigotschnig: Sie war beim Otto Müller Verlag unter Vertrag und mein Mann hat einfach weitergemacht, Lesungen organisiert und sich um Veröffentlichungen bemüht. Er wollte immer in ihrem Sinne handeln. Als vor einiger Zeit die Briefe von Christine Lavant an Werner Berg zum Verkauf standen, hat sich mein Mann darum gekümmert, dass sie nicht veröffentlicht werden.

Auer: Warum?

Wigotschnig: Das sind intime Briefe zwischen den beiden, die niemand lesen sollte, solange noch Nachkommen von Berg und Lavant leben.

Auer: Sie und Ihr Mann haben auch viele persönliche Gegenstände von Christine Lavant wie etwa ihre Möbel, die im Musil-Museum zu sehen sind, aufbewahrt. Waren sie immer schon für die Öffentlichkeit bestimmt?

Wigotschnig: Mein Mann hatte immer schon die Vorstellung, von einem Raum, in dem die Möbel ausgestellt werden. Deshalb sind wir in Wien und Klagenfurt auch mehrmals damit umgezogen. Sogar ein Küchenkastl aus St. Stefan haben wir heute noch am Dachboden.

Kleine Zeitung, 30.6.2012

 

HEXENREIM
(für Christine Lavant)

Wer steckte dich in diese Haut
aus Narbenleder, nicht genesen,
wie wir auch deine Verse lesen?
Will der Teufel dich zur Braut,
du kärtnerischer Zaubertroll,
blase ihm die Ohren voll
mit profanem Wortgebimmel,
lösch die Hölle, zwing den Himmel
durch das Öhr in jener Nadel,
die verwirrt den Lebensfaden;
pflege deine Muttersprache,
beug im Deutschen jede Faser,
quäle jeden Reim und Laut,
doch sei wachsam wie ein Hase,
denn der Wolf frisst in der Haut. *

* Seit ihrer Kindheit litt Chrisane Lavant an Skrofeln, einer Haut-Tuberkulose, im Volksmund „Wolf“ genannt.

Stefaan van den Bremt

 

ORTSCHAFT
für C. Lavant zum 100. Geburtstag

Ich verlege die Ortschaft nicht mehr
Von links nach rechts Noch und noch
Finden wir uns
In gedengelten Welten des Glaubens
Aber mein Gott
Brät mir keine Sünden über
An allen Früchten vergehe ich mich ungestraft Ein Kerl
Kommt und sagt er sei ein Kerl
Das ist das ganze Geheimnis

Ich habe keinen dienstbaren Atem für irgendwen
Und kein Begehr mich über Gnade zu freuen

Verlegte Ortschaft: mein Kopf darin
Haut die Sense links rechts

Kerstin Hensel

 

CHRISTINE SELZTHAL-BISCHOFSHOFEN

DER SIRIUS schaut wie ein Kind,
ein winzig-weißes Zwergenkind,
vorbei an meinem Totenmohn,
der leis in meinem Garten spinnt.

DerTotenmohn spinnt Totengarn
und wickelts um die Totenuhr.
Im Totenwald der Totenfarn
der wickelts um die Käuzchen nur.

Die Käuzchen, die im Totenlicht
die armen Totenhemdchen nähn,
die schaun dem Mond in sein Gesicht,
weil jetzt noch keine Hähne krähn.

Die Hähne krähn erst in der Früh,
erklärt der Mond den Schülerchen,
und jene, die es nicht verstehn,
die heben ihre Fühlerchen.

Die Windsbraut sagts dem Schleichdichleis,
der lispelt einen schwachen Fluch.
Ich schlage dreimal, Gott zum Preis,
das Kreuz in meinem Narrentuch.

An meinem Narrentuch der Wind
der läßt die Fransen Söhnlein sein.
Der Schleichdich schläfert sie geschwind
mit einem Zipfel Möhnlein ein.

Ich laufe frierend, ohne Schuh,
mit schwarzer Jammerseel nach Haus.
Der Sirius gibt jetzt erst Ruh;
wer kennt sich da so richtig aus?

Andreas Okopenko

 

 

Silke Andrea Schuemmer: „Die Vormundschaft des Todes“

 

 

Zum 100. Geburtstag der Autorin:

Franz Haas: Beten und das Kreuz zertreten
Neue Zürcher Zeitung, 4.7.2015

Carola Leitner: „Das verstümmelte Leben“
orf.at, 4.7.2015

Gisela Trahms: Thomas Bernhard fand sie gescheit und durchtrieben
Die Welt, 4.7.2015

Andreas Kohm: „Aber das Schreiben ist das Einzige, was ich habe“
Badische Zeitung, 3.7.2015

Gabriele Kögl: Christine Lavant: Der Sonnenapfel ist ein Lavanttaler
der Standart, 4.7.2015

Hubert Gaisbauer: Christine Lavant: „Gott, sag das nicht“
Die Furche, 2.7.2015

Arnold Mettnitzer: Zu Christine Lavant
ORF.at

 

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Nachruf auf Christine Lavant: Tat

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