Christoph Buchwald & Elke Erb (Hrsg.): Luchterhand Jahrbuch der Lyrik 1986

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Christoph Buchwald & Elke Erb (Hrsg.): Luchterhand Jahrbuch der Lyrik 1986

Buchwald & Erb (Hrsg.)-Luchterhand Jahrbuch der Lyrik 1986

PROTOKOLL

jeder stirbt an sich allein
aaaaaaufopferung ist betrug
lügen sie sich nicht um ihr über-ich
für diesen wisch
aaaaaaaaaadas lohnt sich nicht
ehrlich
aaaaaaaaaaschaun sie mal mich
aaaaafragt auch keiner
aaaaaaaaaaob ich was denk

Udo Wilke

 

 

Jahrbuch-Arbeitsphasen I

Zuerst der Stapel der Kopien: weißer, wohl eine Elle hoher Block. Es beruhigt, wie der Stapel sichtbar bleibt (verglichen mit den Hergängen der Arbeit sonst, wo immer etwas – kaum Erhaschtes! – zu verschwinden droht…).
Lesen (vom ruhenden Stapel herunter). Wie sich unter meinen poetologischen Frusts und den nach mir langenden Klagen und Nöten – auf einmal eine belebende Wärme durchschlägt zu mir. Wie sich mit einem Mal – dank der Klagen und Nöte (Bewältigungsnöte)! – das Gelungene so klar herauszuheben beginnt, daß man meint, man könne es mit Händen greifen. Und während mich das wundert (und ich also nicht recht begreife, wieso es so offensichtlich ist), begreife ich schon gar nicht mehr, wie etwas mißlingen kann. (Der Impuls, den Unterschied zu demonstrieren. Aber wo?) Der den Nöten entkommene Text: eine Chance! Sein Autor – denke ich unwillkürlich, da es mir in die Augen springt – geizt nicht, er gibt: dem Gedicht. Aber der andere: geizt?
Sermon: „Unterscheide ich einmal zwischen dem Wie und dem Was und sage ich so: Wenn ich vielleicht von etwas gern reden höre oder wenn ich begierig wäre, von etwas zu hören beim Auswählen von Texten bin ich verdammt, darüber hinwegzuhören. Nein, nicht nur verdammt, ich bin schon so konstruiert, daß. Ich höre nur das Wie. So ist es. Stimmt das Wie nicht, höre ich überhaupt nichts. Stimmt es, dann freilich geht es mir gut (geht es los). Es stimmt mich froh. Ich bin nicht taub, solange es gut geht, sofort taub, sobald es nicht gut geht.“ Aber – eine Widerrede, in der der taube Kopf an die anderen (und sein Gewissen) denkt: „Das Was, das Wie! Ihr Was ist ja eben ihr Wie! Kein Was?, ein Wie?!“
Die Vorschlags-Liste, die Fragezeichen-Liste. Zweites Lesen, ohne auf die Listen zu sehen. Abwägen des Fraglichen, Bestätigung des Unfraglich-Gewesenen – die Fragezeichen-Mappe. Die Mappe der vorgeschlagenen Texte. Eine andere OffensichtIichkeit möchte begriffen, bezeichnet werden: die Gemeinsamkeit der DDR-Autoren (trotz aller Individualität), der Unterschied ihrer Texte gegenüber denen der anderen (trotz aller Motivgleichheit!). Es wird nach dem Unterschied der Gesellschaftsordnungen zu fragen sein. Behelfs-, Versuchs-Begriffe: sie haben oder schaffen Raum, die anderen: als wären sie Abrechnungen auf einer Fläche. Existenz statt des Haders – oder seiner Bewältigung im Gedicht (?). Aber Jandl, Hein… ? Das Widerspiel setzt sich fort, wo beide Seiten in eine Weite der kulturellen Erfahrung und Möglichkeit blicken lassen. Meine Reue (über Versäumtes) und Ungeduld: Wann arbeiten sie miteinander?
Die nächste Arbeitsphase, als kehre sie dieser vorausgegangenen den Rücken, als wüßten sie nichts voneinander – ein ganz anderes Tun: die Ordnung, Gruppierung der Texte, die Inszenierung ihres Gesprächs. Nach einem schnell gescheiterten Versuch, bequem zu katalogisieren (nach Kategorien wie Liebe, Tod, Natur usw.), begreife ich: Ich habe wortlos einen neuen, übergreifenden (über sie und über mich hinaus!), einen neu erkundenden Text zu schreiben. Ein Gespräch in drei Gruppen. So klar die Typisierung ,in der Sache‘ ist und sich beim Zusammenstellen der Gedichte und der Führung ihrer Dialoglinien bewährt, so unklar bleibt sie bei dem Versuch, sie auf begriffliche Nenner zu bringen. Ersatzbegriffe: 1 – Regel, Regelspiel, Austauschbarkeit und Art der produktiven Chance; Gruppe 2 – die ,zwischenmenschliche‘ (am wenigsten benennbare); Gruppe 3 – Exposition (die Welt als Zustand). und Geschichtsintegral. – Aufregende, ungeteilte Aufmerksamkeit verlangende und keine Unterbrechung duldende Arbeit, bis ,es stimmt‘. So.
Und jetzt kommt Christoph Buchwald mit anderen Vorschlägen, mit Gedichten von Autoren, die im Stapel fehlten (hoffentlich), mit anderen Vorstellungen, anderem Begreifen…
Aber wenigstens kenne ich die Texte jetzt so gut, wie es die Vorarbeit ermöglicht hat. Das Jahrbuch zu lesen – wird noch wieder etwas anderes sein.
„Wem wollen wir das Jahrbuch widmen?“ – Am andern Tag, früh, fällt mir die Antwort ein: Rolf Haufs. Eine so einleuchtende Sache (für mich), daß es sich (für mich) erübrigt, sie zu begründen, und ich Buchwalds Bedenken: „Aber er ist Autor in meinem Verlag; dann wird man wieder sagen, daß…“ abtue: „Das ist eure Sache, geht mich nichts an.“

Elke Erb

Jahrbuch-Arbeitsphasen II

I.
Bevor ich zu Elke Erb über die Grenze fuhr auf den Prenzlauer Berg, kannte ich nur ihre Gedichte, die Prosa. Aus den Texten las ich einen grundsätzlichen Konsens darüber, daß es „in der Weltzeit der Sprache für Rücksicht zu spät ist“ (Christoph Meckel).
Dieser Konsens hat sich als tragfähiges Fundament für die gemeinsame Arbeit herausgestellt, alles übrige – Sprache, Tradition, Vorlieben – haben wir uns zwischen Elke Erbs ruhenden und fliegenden Manuskript-Stapeln erarbeitet: mit großer Behutsamkeit am Anfang, mit poetologischen Debatten zwischendurch und mit jeweils größerer Strenge den Gedichten aus dem eigenen Land gegenüber am Schluß. Kein Länderwettstreit: Elke Erb, die so vielen Lyrikern ihres Lands mit Kritik und Anregung hilft und geholfen hat, ist bei der Auswahl der Gedichte von Lyrikern aus der DDR unbestechlich („Stimmt das Wie nicht, höre ich überhaupt nichts“), bei Autoren aus den anderen deutschsprachigen Ländern dagegen manchmal verführbar, weil sie Reizworte, Zeitgeist-Moden und Szene-Kontexte nicht mitliest, nicht über die Grenze mitlesen kann. Umgekehrt das Gleiche: für mich in Frage kommende Gedichte aus der DDR hat Elke Erb oft mit deutlichen Worten und guten Argumenten aus dem Manuskript-Stapel genommen, weil sie mit Taschenspielertrick und Augentäuschung auf wohlfeilenden Effekt zielten, der für mich nicht erkennbar war – der Prenzlauer Berg, ein poetologischer Bezirk in einem fernen, fernen Land.

2.
Bei der Gedichtauswahl für sechs Jahrbücher hat sich – mit Harald Hartung, Christoph Meckel, Rolf Haufs, Gregor Laschen, Ursula Krechel, Elke Erb als Mitherausgebern – jeweils wiederholt: bei circa achtzig Prozent der eingesandten Gedichte kamen die Herausgeber eines Bandes zum gleichen Votum.
Daraus abzuleiten wäre: alle Gedichte, für die (unabhängig voneinander, an verschiedenen Orten) votiert wurde, müßten ein „gemeinsames Vielfaches“ haben, eine Qualität, die zu beschreiben sein müßte. Doch alle Versuche, dieses „gemeinsame Vielfache“ in Sätzen zu einer Poetik festzuhalten, sind mit gutem Grund gescheitert: sie enden stets unweigerlich bei einer Auflistung dessen, was nicht geht, was zum Klischee verkommen, platt, unsäglich geworden ist in der Poesie.
Sermon: keine Bekenntnisgedichte bitte und keine Parolen-Gedichte gegen Beton und Waldsterben, wir können als Leser doch nur zustimmend nicken zu solchem Protest; der Autor hat unser Einverständnis schon vorab, das Gedicht kostet ihn nichts und der Allgemeinplatz tut niemandem weh, wird deshalb in den Wochenendbeilagen der Feuilletons, die ihrerseits niemandem weh tun wollen, gerne in schwarzem Rahmen gedruckt. Oh Beulen-Pest der Poesie, oh Hunderttausend-Verse-Mißverständnis, oh Eitelkeitswiese von schreibenden Studienräten in Gesundheitsschuhen!

3.
Auf die Frage nach den Möglichkeiten des Gedichts hat Erich Arendt geantwortet: „Das Gedicht kann das Unsagbare sagbar machen.“ Das heißt: eben nicht das, was schon auf den Begriff gebracht ist, nochmals „poetisch einzukleiden“, nicht noch einmal mit anderen Worten zu sagen, was schon gesagt ist oder sagbar wäre in Prosa, Pamphlet oder Essay.
Viel mehr noch als andere literarische Gattungen kann das Gedicht durch Wortstellung, Vers, Reim und Binnenreim, über Klang, Assoziation, Analogie und Aussparung Dinge zwischen und hinter den Wörtern sagen, die durch die Wörter selbst nicht oder nur teilweise bezeichnet werden. – Eine ganze Geschichte vom Umgang mit der Natur, eine Entgegnung auf Montaignes Essais über den Tod in Rolf Haufs’ „Holunder“-Gedicht, und wie viele hell-dunkle Bilder, wie viele ungekannte Nachtmare, und eine ganze Theorie der Wahrnehmung in den „Zwei Fenstern“ von Jürgen Becker.

4.
Jedes Gedicht muß sich gefallen lassen, neben dem gelesen zu werden, was in der Poesie erreicht und möglich ist. Wer heute die Kunst der Fuge noch einmal schreiben wollte, er wäre ein Narr – und wär er Bach selber.

5.
Rezensionen mit dem Anspruch, mehr zu versuchen als nur einen Autorenüberblick zum Lyrik-Jahrbuch, sind noch arbeitsaufwendiger und offensichtlich noch schwerer zu schreiben als Kritiken zu Anthologien. Jedenfalls ist das Nichtbeachten des Lyrik-Jahrbuchs seitens der Kritiker notorisch. So notorisch wie die Austauschbarkeit und begriffliche Schwammigkeit der Lyrik-Rezensionen, so notorisch wie die intellektuelle Unschärfe ihrer Argumentation. Das Niveau der Besprechungen so unterschiedlicher Gedichtbände wie Alfred Kolleritschs Augenlust (Salzburg 1986), Michael Krügers Dronte (München 1985), Botho Strauß’ Diese Erinnerung an einen, der nur einen Tag zu Gast war (München 1985) oder Ursula Krechels Vom Feuer lernen (Darmstad/Neuwied 1985) war in seiner oberlehrerhaften Penetranz, seiner Zensorenmentalität („deshalb ist sein Buch gefährlich“) und Kenntnislosigkeit kaum noch zu unterbieten. Wo sind die Kritiker, die es mit Rühmkorf halten: „Da müssen, bitteschön, ein paar neue alte Maßstäbe her!“?

6.
Poetologische Beschreibung eines ,gelungenen Gedichtes‘ (Oskar Pastior):

sukzessiv
backt und braut Jemand
gegen die Leserichtung
mit der gerechnet wird

7.
Anthologischer Ratschlag des Dichters Günter Bruno Fuchs:
Bisher wurden die Gedichte des überaus begabten Igels Mul von allen Redakteuren abgelehnt. Es ist also an der Zeit, ein Forum für Unterholz-Dichtung zu gründen.

8.
Drei Hinweise für den Leser:
Die Zeichnungen auf den Seiten 15, 25, 123 und 125 sind von Ernst Jandl.
Die Vorstellung neuer Autoren auf den Seiten 124 ff. hat Elke Erb auf sich genommen.
Von der Praxis, von der jeweiligen Mitherausgeberin/dem jeweiligen Mitherausgeber keine Gedichte aufzunehmen, sind wir diesmal abgegangen. Ich wünsche mir, daß die abgedruckten Erb-Gedichte dazu führen, daß Leser im einzigen derzeit lieferbaren Erb-Band Trost (Stuttgart 1982) weiterlesen.

Christoph Buchwald

Das dritte Luchterhand Jahrbuch der Lyrik

konsolidiert das „wichtigste deutschsprachige Poesieunternehmen“; die Mitherausgeberin, die Lyrikerin Elke Erb aus Berlin/DDR, sorgt mit ihrem von anderen Traditionen geprägten „anderen Blick“ für die notwendigen Turbulenzen.

„Ich höre nur das Wie. So ist es. Stimmt das Wie nicht, höre ich überhaupt nichts. Stimmt es, dann freilich geht es mir gut (geht es los). Es stimmt mich froh. Ich bin nicht taub, solange es gut geht, sofort taub, sobald es nicht gut geht.“

Der Band enthält

− einen Rückblick auf die Lyrikbände des Vorjahres, aus denen die Herausgeber die ihrer Meinung nach Maßstäbe setzenden Gedichte vorstellen.

− eine Auswahl unveröffentlichter Gedichte, die – gruppiert und in Reihenfolge gebracht – miteinander dialogisieren

− vier Zeichungen von Ernst Jandl

− die „Jahrbuch-Arbeitsphasen“ der Herausgeber mit poetologischen Überlegungen und ungerechten Seitenhieben.

Christoph Buchwald, Luchterhand Literaturverlag, Klappentext, 1986

 

Christoph Buchwald: Selbstgespräch, spät nachts. Über Gedichte, Lyrikjahrbuch, Grappa

Das Jahrbuch der Lyrik im 25. Jahr

Jahrbuch der Lyrik-Register aller Bände, Autoren und Gedichte 1979-2009

Fakten und Vermutungen zum Jahrbuch der Lyrik

 

Fakten und Vermutungen zu Christoph Buchwald
Fakten und Vermutungen zu Elke Erb + KLGIMDb
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shi 詩 yan 言 kou 口

 

Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Die Elkeerb“.

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Elke Erb

 

Elke Erb liest auf dem XVII. International Poetry Festival von Medellín 2007.

 

Elke Erb liest bei OST meets WEST – Festival der freien Künste, 6.11.2009.

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