1. August

Der schweizerische Nationalfeiertag. Was wird da eigentlich … was soll da gefeiert werden? Dass es die Schweiz noch gibt? Dass es so etwas wie die Schweiz gegeben hat? Heute bildet die Schweiz mit ihrem annähernd sternförmigen Grundriss die zentrale Leerstelle im europäischen Kontext, ein schwarzes Loch, das sich mehr und mehr zusammenzieht und dabei nach allen Richtungen abwehrende Zacken ausfährt. Noch ist die Schweiz, für sich selbst, ein Erfolgsmodell – nicht weil sie in Konkurrenz mit andern Staaten obenaus schwingt, sondern weil sie sich dem internationalen Vergleich … weil sie sich überhaupt der Vergleichbarkeit entzieht. Mediokrität, Biederkeit, Sturheit mögen, von außen betrachtet, obsolete Qualitäten sein, die Selbstgewissheit und Militanz, mit der sie hier praktiziert werden, macht da und dort Eindruck, schafft Abstand, macht das Abseits zur Normalität. In allen Belangen wird Normalität in der Schweiz hochgehalten und … aber eben dies soll nach außen hin die Singularität des Lands beglaubigen. Ein erratisches … ein archaisches Staatswesen und als solches ein hermetisches Phänomen. Nicht durch imperiale oder kolonialistische Übergriffe, sondern aus dem jeweils Zuhandenen, aus der schlichten Gegebenheit hat die Schweiz … haben die Schweizer, bastelnd, ihre Welt hervorgetrieben. – Jetzt auch wachet und schaut in der Tiefe drinnen das Dörflein, schreibt Friedrich Hölderlin ›An die Verwandten‹: Furchtlos, Hohem vertraut, unter den Gipfeln hinauf.
aaaaaWachstum ahnend, denn schon, wie Blize, fallen die alten
aaaaaWasserquellen, der Grund unter den Stürzenden dampft,
aaaaaEcho tönet umher, und die unermessliche Werkstatt
aaaaaReget bei Tag und Nacht, Gaaben versendend, den Arm. – Im ›Aias‹ des Sophokles wird der Name des Titelhelden an der Stelle, da dieser seinen ungeheuerlichen, nicht wieder gut zu machenden Irrtum erkennt, zum Schmerzensschrei und Klagelaut verdichtet: »Ai! Ai!« – Wer hätte gedacht, dass dieser Schrei
aaaaaSich so zu meinem Aiasnamen fügt?
aaaaaZweifach und dreifach bin ich Aias jetzt,
aaaaaDenn solcher Jammer hat sich aufgetan
. – Verglichen damit müsste mein eigener Name, Felix, lauter Jubel sein. Von meinen Eltern war er, zu Kriegszeiten, als Programm gedacht, vielleicht auch als Provokation angesichts millionenfachen Elends – »Glück« nun erst recht! Ich bin diesem Namen nie gerecht geworden. Felix zu sein, war ja auch nicht mein Programm. – Bin heute beim Nomadisieren im Internet per Zufall auf Eugen Herrigel als Nazisympathisant und Ernst Benz als Wehrmachtsprediger und Kulturgüterdieb an der Ostfront gestoßen – ich habe von solchen Verstrickungen bisher nichts gewusst und bin darob einigermaßen erschüttert. Denn Benz wie Herrigel haben mich schon in früher Jugend und noch während des Studiums stark beeindruckt und nachhaltig beeinflusst. Herrigels Schrift zur ›Kunst des Bogenschießens‹ ist für mich prägend geworden und bleibt mir unvergesslich durch die souveräne Verbindung von Wollen und Lassen … von Konzentration und Entspannung im Interesse zwangloser Selbstbeherrschung. Dem Ostkirchenhistoriker Ernst Benz verdanke ich einen Großteil meiner Kenntnisse zur Geschichte und zur Glaubenswelt der Orthodoxie, aber auch allgemein über Russland, dazu produktive Anregungen für meine Auseinandersetzung mit Swedenborg, Mesmer, Lafargue usf. Daran ändert sich nun nachträglich zwar nichts, aber klar ist, dass ich Benz wie Herrigel vermutlich nicht gelesen oder doch ganz anders gelesen hätte, wenn mir ihre Sympathien für den Hitlerfaschismus bekannt gewesen wären. Wo liegt denn nun der Verlust? Vielleicht nur einfach darin, dass ich mir den Menschen … dass ich mir das menschliche Antlitz noch weniger als bisher ohne Maske vorstellen kann; oder andersherum – dass ich lernen muss, die Maske jedes Autors, ob Wissenschaftler oder Literat, für dessen eigentliches Antlitz zu nehmen; ihm dieses Antlitz herunterzureißen oder es, wie jetzt bei Herrigel oder Benz, herabfallen zu sehen, könnte dann nichts anderes mehr offenbaren als gähnende Leere. – Unterwegs in der weitläufigen, über fast ein Jahrtausend hallenden Stoa, lesend, nachdenkend über »das Leben« und »den Tod«, dabei die Horrorvorstellung, dass es ein immaterielles Fortleben dessen geben könnte, was Ich ist; dass mein individuelles Selbstbewusstsein rein energetisch irgendwo in der Schwebe bleibt, nur um nie wieder aktualisiert zu werden und für immer (ewig?) von jedem Sinn entbunden zu sein. – Nochmals zweihundert Seiten mit Laurence Sterne, aber es ist nun schon zu viel des Guten; denn als Leser möchte ich nicht immer nur ein Kumpel des Autors sein und mich an dessen Gängelband amüsieren müssen. Ha! oder Ach? Beim ›Tristram‹ ist alles Exkurs zu einer Geschichte, die mir vorenthalten wird, weil sie nicht erzählt werden kann oder weil es die Geschichte … weil es eben diese Geschichte nicht gibt. Soviel ingeniöse Rhetorik für soviel Humbug einzusetzen, wie Shandys Abenteuer ihn über Hunderte von Seiten generieren, muss für Sterne ein tragikomisches … ein geradezu mörderisches Exerzitium gewesen sein. – Wie hat es mich an diesen Ort verschlagen? Verschlagen! Denn mir ist überhaupt nicht klar, wie und warum ich angereist bin … unklar, was ich hier zu suchen habe, in diesem verwahrlosten Haufendorf, in dieser trichterförmigen, nach unten wie nach oben offenen Senke, aus der es beliebig viele Auswege gibt, aber keinerlei Bleibe. Bin hier angekommen, so scheint’s, um von hier loszukommen. Der enge Trichter läuft bergwärts in ein finsteres Panorama aus, von dessen Rand immer wieder scharfkantige Gesteinsbrocken herabstürzen und krachend und splitternd ins Trichterloch kollern. Überflüssigerweise steht in verbleichender Brandschrift auf der Ortstafel statt des Dorfnamens der banale Spruch: Leben ist lebensgefährlich. Die Gasse steigt steil in die Höhe, lockeres Geröll bröckelt mir wie ein steinerner Bergbach entgegen. Sander will … Sander muss das Mädchen, das seine Schülerin ist, unbedingt retten, er bugsiert sie, in eine blitzende Alufolie gewickelt, zum Trichterrand hin, doch immer wieder rutscht sie weg, er lässt sie am Wegrand liegen, die Gaffer kichern. Ich setze meine Zimmersuche fort, geh in Socken über den Friedhof, bin erstaunt, dass die Grabstätten allesamt besetzt sind … dass die Eingesessenen, eng aneinander gedrängt, hier die Nacht verbringen, wundere mich nun aber nicht, dass von der angrenzenden Fassade lautlos ein Balkon ins Massenlager stürzt und eine Runde von Kartenspielern unter sich begräbt. Der Schuldige ist rasch gefunden, meine Schlummermutter hat ihn beim Lockern der Schrauben beobachtet, nun liegt er rücklings zwischen den Bosketten, zwei Helfer halten ihn an Schultern und Armen fest, während der Dorfälteste mit einer Eisenstange auf seinen Schädel einschlägt … so lange zuschlägt, bis sich auf der Stirn eine tiefe Delle bildet und der Mann besinnungslos die Knie zum Kinn hochzieht. Hinter der Fassade gehn die Lichter an, das Friedhofsgelände wird dadurch ein wenig erhellt, und ich kann die Anlage des Labyrinths nun deutlicher erkennen. Ich behalte die Schuhe in der Hand, suche unauffällig nach dem Ausgang und nach einem Weg, der mich ins Freie führt, sei’s nach Osten oder sonst halt nach unten. Hinter mir erstirbt allmählich das Wehgeschrei der Verletzten und Verlorenen. Über dem gezackten Rand des Trichters tagt’s.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.