10. April

Verlängertes Weekend in Zürich, Wetterwechsel von hochsommerlich zu spätherbstlich; Brunch mit Krys, dann gemeinsam zur Galerie Hufschmid & Staffelbach, wo ich eine zweisprachige Lesung (aus ›De nature‹) und ein Gespräch mit Agnès Wyler absolviere. Aufmerksames, völlig literaturfremdes Publikum, meist Künstler und Kunstinteressierte, die sich meine Gedichte mit sinnlichem Erkenntniswillen anhören, die hören und sehen, während ich lese. Nach Haus zurück mit Krys, die nun unerwartet ihre bevorstehende Scheidung erwähnt und mich zu einem gemeinsamen Spaziergang auf den Zürichberg einlädt. Viel geredet, wenig wahrgenommen; Kurzbesuch auf den Gräbern von Elias Canetti und James Joyce; Tee auf der Hotelterrasse Zürichberg. – Pantheistisches Denken und Empfinden ist heute kein Interesse mehr, Neodarwinismus und Neurobiologie usf. argumentieren stärker, sind leichter nachzuvollziehen, sind plausibler, sind amoralisch, bieten bequemere Antworten. Aber wenn ich täglich hier durch den Wald geh, der fast schon der meine ist, wenn ich die Vögel trainieren höre, den Specht beim Trommeln beobachte, den Schotter unter den Schritten knirschen höre, die riesigen alten Bäume ganz langsam sich wiegen sehe, die Bewegung der Luft, des Winds im Kraut, im Unterholz wahrnehme, das Spiel von Licht und Schatten, das Huschen der Mäuse und Eidechsen, einfache alltägliche Dinge, die so geworden sind über Jahrmillionen, die sich nicht ins Monströse ausgewachsen haben, die vielmehr symphonisch zusammenfinden – dann muss ich sagen, dass mir die Annahme, Gott sei das, was ist, keineswegs abstrus vorkommt.

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