10. Oktober

Um sechs Uhr wache ich auf. Gut so. Genug geschlafen. Doch ein großer Traum ist mir abhanden gekommen. Um nochmals daran anzuknüpfen, müsste ich naturgemäß wieder einschlafen. Müde bin ich nicht mehr, bin eigentlich schon hellwach. Dennoch versuche ich es. Drehe mich um, rolle mich ein, grapsche in den verbliebnen Traumfragmenten herum, bekomme plötzlich eine ganz in Schwarz gekleidete unscheinbare Frau mittleren Alters zu fassen. Die kenne ich. Die hatten wir schon. Die gehört dazu. Die Frau sitzt schräg hinter einem hohen Pult mit Doppelstufe, sie hat einen Stoß von Papieren vor sich liegen. Blättert darin, macht Notizen, dazwischen ruft sie irgendwelche Befehle oder Namen oder Zahlen nach oben in die weiträumige Halle. Doch die Halle ist und bleibt leer, weitere Momente oder Personen aus dem unvollständigen Traum kann ich nicht ausfindig machen. In meiner Ratlosigkeit muss ich dann doch noch einmal eingeschlafen sein. Erst um zehn nach sieben erwache ich wieder, stehe auf, mache mich gleich auf den Weg zur Bäckerei. Der Nebel hat über Nacht abgehoben, ist einem robusten Dauerregen gewichen, der nun alle Pfützen mit einem gleichmäßigen Muster von aufplatzenden Tropfen überzieht. Ich bleibe zum Frühstück im Tearoom der Bäckerei, lese ›Le Matin‹, komme ein wenig ins Plaudern mit dem Meister, der seine Hauptschicht hinter sich hat, und unversehens ist eine Stunde … sind anderthalb Stunden vorbei. Auf dem Umweg über den Pré des Cailles geh ich heimwärts, auf einer dicken Schicht von blut- und rostrotem nassem Laub liegen unregelmäßig verteilt feine Zweige, die noch mit grünen Blättchen bestückt sind, auch mehrfingrige hellgelbe Einzelblätter – ein von der Natur (oder vom Zufall) arrangiertes Ornament, perfekt in der Kombination von Farben und Formen. Ich frage mich, wie die Natur (oder der Zufall) es schafft, ohne erkennbaren Nutzen solche Schönheit entstehen zu lassen, diese unaufwendige und unabweisbare Ästhetik zu entwickeln, ohne jemals dem Kitsch zu verfallen. Kitsch ist eine zutiefst menschliche Angelegenheit … ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis, das dem Naturschönen dumm und dreist zuwiderläuft. Warum soll über Geschmack … über »Geschmäcker« nicht gestritten werden? Die Natur führt unentwegt vor, was guter Geschmack ist … was als Geschmack seine Richtigkeit hat, sie versöhnt Veilchenblau mit Tannengrün, Holz mit Stein, Hart mit Weich, Klein mit Groß, Oben mit Unten, und überhaupt ist ihr alles egal. – Habe heute u. d. T. ›Gewerweißt‹ eine große Gedichtfolge fertiggestellt, Paraphrase auf Mallarmés ›Würfelwurf‹ in freien Versen, strophisch strukturiert; bin beim Schreiben und Komponieren auf eine für mich neue Intonation gekommen, die sich wohl nur in weiträumigen Langgedichten einstellen kann; hier rücke ich die Strophe XIII ein: Auch der Würfelwurf hat (zumal für den
aaaaaMoment des Fliegens-Fallens-Torkelns vorm Stillstand)
aaaaamehr Vergangenheit als Zukunft. 
So

aaaaaviele verspielte Möglichkeiten! Und

aaaaaimmer nur ein Wert! Kehrt
aaaaaaber das kantige Gerät mit den abgestumpften
aaaaaEcken zurück in den Becher
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaklimpert gleich
aaaaawieder der Stern und
aaaaagibt der Hoffnung neuen Schimmer.

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaDenn immer
aaaaasind Gestirne rascher abgezählt
aaaaaals ihr Himmel oder ihre Nacht. Klar –
aaaaanoch der heiterste Zweifel
aaaaawendet das Warten zum Wollen. Seltsam doch

aaaaa− so man’s bedenkt −

aaaaadie Habe ist dem Reim zum Trotz das Gegenstück
der »Gabe«.
– Nach hochsommerlich heißem Oktoberbeginn mit Badewetter gibt es neuerdings ein wenig Herbst mit diffusem Regen bei noch immer viel zu hohen Temperaturen – in der Luft verfilzen sich Feuchtigkeit und Wärme, werden zur stickigen Last. Fertig ist jetzt der Aufsatz über Torso und Gesicht (ursprünglich ein Referat für den Workshop im Arc über »Verkörperungen«), in dem ich meine Beobachtungen und Überlegungen zum Bildsehen und zum sehenden Bild zusammenführe mit der These, wonach der Torso (der als Torso intendierte Rumpf, auch Acéphale) strukturell dem Gesicht nachgebildet sei – Kopf und Bauch gleichsam vereint. Allenfalls ließe sich daraus auch ein kleines Buch machen; die Überblendung von Gesicht und Rumpf ist hundertfach zu belegen, an afrikanischen Masken ebenso wie an altgriechischen Torsos oder Bildwerken der europäischen Moderne.

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